Sich freuen, aufeinander

Sich freuen, wir haben den ganzen Abend für uns.
Den ganzen Abend für uns haben und sich freuen, du mußt nach dem Essen nicht mehr weg.
Zusammen essen und sich freuen, wir können nachher beieinander einschafen.
Beieinander einschlafen und sich freuen, wir können nebeneinander träumen.
Nebeneinander Träumen und sich freuen, du bist noch da.
Wieder einschlafen und sich freuen, die Nacht ist noch lang und der Morgen weit.
Den Wecker hören und sich freuen, wir haben ja noch einen Kaffee miteinander.
Kaffee trinken und sich freuen, wir können gleich noch zusammen duschen.
Zusammen duschen und sich freuen, wir haben noch eine Viertelstunde, bis wir aus dem Haus müssen.
Aus dem Haus gehen und sich freuen, wir haben noch den gemeinsamen Weg zum Bahnhof.
Am Bahnhof ankommen und sich freuen, wir haben noch fünf Minuten für Küsse.
Einander küssen und sich freuen, wir haben noch ein paar Augenblicke zum Winken.
Winken, winken, winken, bis du nicht mehr zu sehen bist.
Winken, und sich freuen, daß wir uns wieder aufeinander freuen können.

Zweigeteilt

Und nun ist dieser Vormittag mit dir völlig unwirklich geworden. Die Zeit hat sich weggedreht. Ein Schleier ist vom Tag gerutscht. Ich habe beinahe Angst, die Bettdecke aufzuschlagen. Ich weiß nicht, was mir unbegreiflicher wäre: Daß unsere Spuren noch da sind oder wenn sie fehlten.
Ein zweigeteilter Tag. Ein zweigeteiltes Ich, dessen Erleben am Morgen ein ganz anderes ist als das Erleben des Nachmittags. Der Tag trug dich her, der Tag nimmt Dich wieder fort. Nun gehen wieder unsere Botschaften hin und her. Eben noch warst du die, die ich küsse. Nun bist Du wieder die, der ich immer schreibe.

L’après-midi d’un fièvre

Und plötzlich ist es viel später:

Du wachst, das Gesicht voller
Wimpern. Da duckt sich das Fenster
unters Gefieder des Tags.

Eine Stunde überholt sich selbst.
Plötzlich hat niemand gerufen,
vor langer Zeit. Das Haus war
leer. Auf der Straße die Kinder, ein
fröhliches Trampeln und Drängeln.

Plötzlich ist alles viel später.

Die Uhren keimen aus. Du bist zwei.
In fuchsroten Wolken fährt
der Nachmittag über den Himmel.

Die meerkühle Stirn schwimmt den
wächsernen Träumen davon. Im Ärmel
ruht ein erkaltender
Elephant, Atemzüge aus
Zucker wehen am Horizont.

An den Fingerspitzen hängt
das Gewicht der
Ferne, ein Kreisel, ein Kinderspiel, wie du
dich zu den Hügeln streckst,
liegen sie schon vor deinem Bett.

Du tauchst den Fuß in Bäche hinter
dem Horizont. In einem Schneckengehäuse ruht
dein müdes Fingergelenk.

Unbemerkt reißt
das Gewebe der Stunden, die,
je mehr sie sich enthüllen,
umso tiefer

verstummen, in einem Wiegenlied,
später, aus einem fremden
Wald.

Dich, nackt, betrachten

Ich hätte innehalten können
Ich hätte auf dem Weg vom Tisch zum Bett stehenbleiben können. Ich hätte stehenbleiben können, das Glas in der Hand, verharren, warten.
Ich hätte, nackt inmitten des Zimmers, mit den Füßen in unserem vermischten Kleiderberg stehend, ein Glas Wasser in der Hand für dich, innehalten können, um dich zu betrachten.
Ich hätte es so machen können, daß kein Tropfen aus dem Glas gesprungen wäre. Ich hätte den Atem anhalten können. Ein Bein halb in der Luft. Auf einer Minute balancierend.
Aber wie leise ich auch gewesen wäre, wie behutsam ich es auch angestellt hätte: Du hättest es ja gemerkt. Du hättest gemerkt, daß auf einmal alles still wird und wie die Stille sich in die Zeit hinein ausrollt. Du hättest gespürt, wie die Stille sich um deine Nacktheit legt, um deinen Atem, um deinen Herzschlag, wie Du selbst in die Stille hineinwächst.
Und da hättest du von dem Buch aufgesehen und mich bemerkt, wie ich, nackt, ein Glas Wasser in der Hand, inmitten des Raumes stehe, um die Knöchel den weichen Berg Kleider geschlungen, dich betrachte und keinen Tropfen verschütte dabei.
Du hättest, nackt wie du warst, im Bett sitzend, zur Seite geneigt und auf den Ellenbogen gestützt, zugedeckt bis zur Hüfte, mich angeschaut und gewußt, daß ich dich anschaue.
Du hättest, nackt bis zur Hüfte, deine Brüste hell und zart wie Nestlingsvögel, dein Bauchnabel ein verspieltes „O“, gesehen, wie ich dich anschaue. Du hättest alles gewußt, und deine Nacktheit, deine süßen Nestlinge, wären nicht mehr dieselben, das „O“ nicht mehr ganz so verspielt gewesen. Denn sie wären von deinem Blick zu mir hin beherrscht worden. Deine Nacktheit hätte mich ihrerseits angeschaut.
Du hättest mich angeschaut, nackt hättest Du mich angeschaut, von einem Fleck Sonne gestreift, der deine Mamillen mit einem Schattenring umgab, und deine Nacktheit wäre nicht mehr bei sich selbst gewesen. Sie wäre eine Nacktheit gewesen, die plötzlich weiß, daß sie nackt ist. Die weiß, daß sie nackt ist und angeschaut wird und zuruckschaut. So eine Nacktheit.
Von einem angeschaut, der selbst nackt ist, und weiß, daß du weißt, daß du nackt bist, in diesem Moment. Mit einem Glas Wasser in der Hand, einen Fuß im Kleiderberg. (Kein Tropfen aus dem Becher sprang.) Ich glitt weiter, aus der Null eines Innehaltens in die Eins der Bewegung, streifte nur deine Nacktheit, nahm von ihr, soviel ich konnte in dem Moment, bevor sie sich selbst bewußt würde, und stellte das Wasserglas auf den Nachttisch. Dann beugte ich mich über dich und küßte dich.
Ich hätte den Uhren in die Zeiger greifen müssen, um nicht in der Zeit innezuhalten, sondern die Zeit selbst, um so diesen Moment in all seiner Dauer und deine selbstvergessene, unbeobachtete Nacktheit zu betrachten, wie sie eingebettet war in Licht und Schatten und das Dahinströmen der Zeit.
So war dieser Augenblick, aus der Null zur Eins, aus der fortlaufenden Bewegung in die weiter fortlaufende Bewegung, eine Folge von Momenten, ununterbrochen, Schwinge an Schwinge der Zeit; so war dieser Augenblick wie eine Buchseite, die der Wind umschlägt, bevor man das letzte, das erstaunlichste Wort lesen kann.

Gehen, gemeinsam

(Oder auch: dein trockenes Husten am Morgen, wie besorgt ich da war. Deine leise Gereiztheit, als uns die Stadt ohne Auto nicht einlassen wollte. Deine intensive Anwesenheit in allem, im Gehen, im Sprechen, in jedem Blick, und wie das vom Bach, von den Felsen, von den Laubschichten zu dir und mir zurückfällt und mir meine eigene Anwesenheit selbst deutlich werden läßt: Als zeigte alles auf mich, auf uns. Überhaupt, all das Deutliche eines solchen Tages mit dir. Oder auch: Vor Schreck, du könntest hinter mir ausgeglitten sein, mich hastig umdrehen und beinahe selbst ausgleiten auf der matschigen Wiese. Oder auch: Wie du später müde warst und dein Gesicht glühte beim Kaffee. Oh, und auch: Gehalten sein in deinem Blick, Stirn an Stirn, gehalten sein, ehe der Zug einfährt, gehalten sein noch im Abschied und darüber hinaus. Und auf der Brücke: Wie der Fluß sich in deinen Augen spiegelt, grün in grün gemischt. (Bei jedem Licht ein bißchen anders: Diesmal war es ein Vorfrühlingsgrün, das dich dem Fluß, dem Wasser, der hellen Luft verband.) Auf der Brücke, gemeinsam, Schulter an Schulter. Die plötzlich aufschießende Furcht, du könntest fallen, der steile Himmel könnte dich vernichten, etwas Schreckliches könnte geschehen. Dann aber liegt deine Hand in der meinen, ruhig, warm, lebendig. Dein Schritt auf dem Waldweg, die Sicherheit und Selbstverständlichkeit deines Daseins in der Welt, die erstaunliche Tatsache, daß der Schlamm an deinem Fuß hängenbleibt, daß ein Brombeerzweig sich verhakt an dir, daß das Laub raschelt unter deinem Tritt und deine Stiefel Abdrücke hinterlassen auf dem Weg. Deine Wirklichkeit, deine Spur: Wie mir das kostbar ist, diese Abdrücke von dir. Daß du eine Spur hast in der Welt, hier, hier bist du gegangen. Und wie mir alle Facetten Deines Selbst willkommen und ganz und gar erstaunlich sind; wie sie mir als stetiger Fluß Deines Daseins zu Sinnen und Freuden kommen; wie nichts an deiner Wirklichkeit auch nur in Gedanken zu viel oder zu wenig sein könnte; daß dein Dasein keine Lücke hat; wie du du bist und ich ich, jedes für sich in den eigenen Schuhen durch den Schlamm stapfend, im eigenen Gleichgewicht, mit den eigenen Sinnen einem großen Vogel im Davonstreben folgend, und dennoch, in allem: als zwei in der Welt, die mehr sind als zwei. Die einander fehlen können; denen nichts fehlt zum Wir.)

Straße, Strömung, Rauschen, Reifen

Dieses Kreuz und Quer von Straßen, als erforsche die Welt da draußen den innersten Traum, als käme der steigende, wachsende, in alle Welt ausknospende Tag dem Schlaf auf die Spur, tastend, auskeimend, während jener sich nach Art von Frühstunden einkapselt, zurückzieht in die zunehmend belasteten Innenräume des eigenen Schweigens, fliehend, blind, ohne dem ameisenhaften Nachdrängen der Stunden, die alles besser wissen oder besser zu wissen behaupten, entkommen zu können, um endlich noch aufgefunden zu werden, in sich selbst nachgezeichnet, ein Traumlauf, abgerollt, daran der Tag sich entlanghangelt und Namen zu sich selbst finden, und damit jeder Stille noch eine Bedeutung zu geben, eine alles durchbrechende Struktur, die der Tag sich selbst einritzt, eine Gravur von Straße, Strömung, Rauschen, Reifen, und mit dieser Eindeutigkeit der Zeichen die multiplen, einander gewährenden Richtungen der Träume negiert, aufhebt, ausrichtet und alle Ziele und Wege zugunsten des einen Vorwärts beseitigt.

Kritzel

Ein Morgen wie ein Buch, in das man nicht hineinfinden will. Schon die ersten Minuten verwirren. Figuren tauchen auf um zwei Augenblicke später wieder verschwunden zu sein. Wenn sie sprechen, tun sie das nicht miteinander. Andere wechseln den Namen. Wieder andere das Gesicht. Die Architektur eines Wohnzimmers erschließt sich nicht, die Landschaft eines Flußtales ergibt keinen Sinn, so vermischt aus Nahem und Fernem sind ihre Merkmale. Ereignisse bewirken ihre eigene Ursache. Stunden werfen mir Namen zu, die sich an keinem Gesicht festmachen. Zurückgebogen in sich selbst, verknäuelt in Schleifen, an den Rändern ins Ungangbare flimmernd, führen die Wege nicht hinaus, nicht hinein, nicht her, nicht hin. Der Blick kann ihnen nicht folgen, fällt aus der Spur, während sie die Dimensionen wechseln.
Mühsam lege ich Wörter aus, klopfe Silben fest, schnüre Sätze zusammen, braue brüchige Stege, die mir diesen fremden Morgen mit Eigenem gangbar machen. Ein Buch, das ich in ein fremdes Buch hineinschreibe. Atemzüge aus Papier. Blicke aus Tinte. Meine Herzschlag: Ein Palimpsest.

Wo die Märchen

Regentropfen durchschlagen den Traum, wo er am blausten ist. Wenn wieder die Lüftung klappert, schweigen die Fagotte im Chor. Ein eingemauerter Wind tobt in den Zimmerwänden. Unterm Verputz spielen die Wimpern Relief. Der Vogel, der durch die Bücher fliegt, schlitzt sich die Kiemen an den Buchstaben. Das Licht aber war so leicht, daß es liegen blieb auf der leeren Hand, wo die Märchen schliefen.

Heimat an Flüssen

Später gab es die Schleuse, gab es die Bahnbrücke, gab es Wege allein. Raben zogen im Wasser über die Spiegelungen der Tiefe. Einen Abend gab es, der am Gitterwerk der Eisenbahnbrücke festwuchs. Züge machten die Ferne hörbar. Irgendwann muß die Ferne zum erstenmal ein Geräusch gemacht und gelockt haben. An einem Abend überm Fluß vielleicht, auf einer Fahrt über die Brücke, im Herbst. Die Räder ratterten und verbanden das Hier mit dem Dort. Das muß die Zeit gewesen sein, da die Welt klein wurde, und indem sie schrumpfte, wurde begreifbar, wie groß sie war. Die Dinge wurden unvollständig und verlangten nach etwas, das sie wieder heil machte, sie wieder einfügte in den Zusammenhang der Welt. Was es war, das ihnen fehlte, das hast du erst Jahre und Jahre später verstanden.
Erwachsensein hieß, alleine zu sein an Flüssen. Erwachsensein war, kommen und wieder gehen, von einer Brücke herab auf den Kanal blicken. Einmal löste sich ein Totenvogel aus dem Nebel in den Uferpappeln, das hast du nie mehr vergessen. Die Schreie der Krähe hallten über dem weißgeseiften Wasser. Darüber wolltest du schreiben, aber es gelang dir nicht. Störrisch und mächtig waren die Dinge, Krähe, Nebel, Pappel, aber einzeln waren sie, und wehrten sich gegen Worte. Geschichten hockten an den Wurzeln der Dinge, aber wenn man ihr erstes Wort sprach, um sie zu erzählen, da verflüchtigten sie sich und wurden unerzählbar, wie die Rabenschreie, die der Nebel wegnahm, wenn er sich auflöste überm glitzernden Strom.

*****

Sommer, der erste Rausch, du hattest eine Flasche Mâcon gekauft, du brietest dir Fleisch und leertest die Flasche allein auf dem Balkon, die Eltern waren in Urlaub, zum ersten Mal warst du nicht mitgefahren. Du warst allein. Erhitzt und begeistert vom Wein, deiner Kühnheit und der Nacht, in der du ganz allein warst, bist du gegen Mitternacht zur Kanalbrücke gegangen, wild verlangend nach Bewegung, Strömung und Bildern. Du fandest einen stillen Strom, die Kette der Laternen ein zittriges Band unter Holunder und Weiden. Ein Fluß im Sommer, zur Nacht, und das Gefühl, am Anfang einer jeglichen Nacht zu stehen. Das Wasser sehr still, nur das Schwanken der Schatten darauf deutete auf sein langsames Strömen; das Dorf wie verlassen; kein Verkehr auf den Straßen, weder nah noch fern. Die Bäume auf dem Schulhof deiner alten Schule vollgesogen mit Laternenlicht.
Die Luft war warm, feucht, voller Gerüche. Du hattest Nacht und Fluß, du hattest Brücke und Lichter, du hattest die Welt und dich selbst für dich allein, und alles in dir drängte danach, Nacht, Fluß, Rausch, ja, dich selbst: zu teilen. Daß da niemand war, der die Welt, der dich mit dir teilen mochte, das machte dir damals Schmerz, einen Schmerz, den die Nacht, die schwimmenden Lichter, die einsame Brücke, den dir diese Stunde nicht erklären konnte, nicht verwandeln, nicht mildern. Statt daß du ruhig werden konntest an einem Augenblick, da Zeit mit Zeiten zu einem ruhenden Spiegel verschmolz, wuchs dir in dieser stillen Stunde nur ein umso größerer Schmerz, eine umso wildere Sehnsucht zu. Die Stunde genügte sich selbst. Sie brauchte dich nicht. Du aber genügtest dir nicht. Oder war es die Stunde mit allem, was sie enthielt, der du nicht genügtest?
Was blieb dir damals, als zu Hause schon halb im betrunkenen Schlaf die Nacht mit dir selbst zu teilen. Jahre später aber ist diese Stunde auf der Kanalbrücke dann noch einmal zu dir zurückgekommen, als du über sie schreiben wolltest. Heil war sie da geworden an der Zeit und am gelebten Leben, heil an der Erzählung, und du begannst zu ahnen, daß dir bei aller Sehnsucht in diesen Jahren das Alleinsein zutiefst gemäß gewesen sein muß, als ordentliche Verfaßtheit deines jungen Lebens.

Meeresstraße

Schon in den frühen Morgenstunden setzt es ein, das Meeresrauschen. Es kratzt an den Rändern des Schlafs, es zieht der Nacht die Decke weg, es ist schneller als die Zeit selbst. Swuschsch, swuschsch, kleine, kurze, harte Wellenschläge voller Ungeduld.
Der Wecker ist auf halb sechs gestellt und hat noch nicht geklingelt. Ich wühle den Kopf ins Kissen, taste nach dem letzten Traumzipfel, swuschsch, swuschsch, kein Traum, kein Meer, es ist das Zischen der Fahrzeuge auf der Köln-Bonner Straße, das in meine eigene Straße hineinschwappt, swusch, swusch. Der Wind hat gedreht und trägt den Lärm herauf, Ostwind, seltene Richtung.
Der Wecker schweigt, das Straßenmeer zischt, die Nacht wehrt sich nicht. Wer sich wehrt, bin ich. Ich wehre mich, bis ich nicht mehr schlafen kann. Endlich auch die Stöckelschuhe der Nachbarin im Treppenhaus, schaffe, schaffe, Häusle baue. Wer bremst, verliert. Die Räder müssen rollen. Wo kämen wir sonst hin?
Ich weiß nicht, wo ich hinkäme. Ich will in den Wald und für eine Stunde keine Autos hören, keine Lichter sehen, keine Absichten bemerken müssen. Ein Wald hat kein Ziel, das gefällt mir. Er wächst, wie er kann, und wenn nicht, dann nicht. Er genügt sich selbst, mit allem, was in ihm lebt. Nichts daran ist zu viel oder zu wenig. Zu viel oder zu wenig für den Wald. Das mag ich.
Ein Forstmensch mag das anders sehen. Aber ich bin nur ein Läufer, ich darf mich interesselos freuen. Selbst meine Freude ist dem Wald egal, und das wiederum freut mich noch mehr. Halb sechs, ich stehe auf. Swuschsch, swuuhuschsch! Was seid ihr bloß alle so fleißig, denke ich. Schon in stockfinsterer Nacht am Morgen rütteln, ob nicht etwa schon ein Geldscheinchen herabfalle. Dabei bin ich ja auch fleißig. Aber davon hat niemand was. Die Ebene liegt im Dampf ihrer eigenen Lichter. Eine gewaltige Esse, in der fleißig die Zukunft geschmiedet wird, mit Motoren und Trompeten. Der Nebel dieses vorzeitig wachen Morgens ist taghell erleuchtet. Ich wende mich ab und in den Kreis meiner Stirnlampe hinein. Ein Falterchen strudelt vorbei. Von der Weide ragt das gewaltige Horn eines Hochlandrinds in den Lichtkegel. Gelassen mahlen die Kiefer.
Selbst im Wald noch das Dröhnen naher und ferner Straßen. Es gibt kein Entkommen. Einmal habe ich sie gesehen, die ganzen Fahrzeuge, an einem Wintermorgen, da bin ich ins Feld abgebogen, weil es im Wald zu dunkel war, und drüben, jenseits der Äcker, schob sich die lange Linie der Lichter, weiß in die eine, rot in die andere Richtung, unzählige, als wollten sie die Straße leermachen und es kämen doch immer noch mehr, für jedes rote Licht, das abfährt, ein weißes, das auffährt, eine Sisyphusarbeit, das Dröhnen ohne Unterlaß, und dabei hatte der Tag doch noch gar nicht begonnen, lag hinter mir der Wald in tiefem Schlaf, gab keinen Laut von sich, als lausche auch er. Dabei waren ihm die Lichter so egal wie der Läufer, der auf den Wegen fluchend in die Pfützen trat.

Post festum

Ein Morgen ohne dich: Still, in sich gekehrt, voller Wege nach innen. Ein Schweigen wie welke Blätter, Worte, die einem Tag vor dem Tag gehören. Zu einem Morgen, bevor es Morgen wird. Zu einem Jahr vor jedem Jahr. Eine Elster schlägt, das Schweigen krümmt sich um ihre Kehle. Autos rollen, wenige, durch einen schlafenden Ort.

Ich habe gut geschlafen, aber nun entläßt mich der Schlaf ins Leere. Geträumt habe ich nichts. Ich bin ganz zu dir hin, aber neben mir ist das Bett leer. Noch eine zweite Tasse steht da, die gefüllten Filter von gestern; aber die Kleider liegen nicht mehr auf dem Stuhl. Die Zahnbürste ist weg, die getragenen Socken, du hast nichts vergessen.

Sammeln, betrachten, ordnen, in Sprache verwandeln, was uns widerfährt und sich uns schenkt. Aufholen und nachtasten. Den Nüssen ihr Geheimnis lassen, Spuren in den Herbst schreiben und warten, daß uns wieder ein Tag findet.

Schuhe binden in O.

Es sind oft diese kleinen Dinge.
Es war in einem Sträßchen in O. Wir hatten uns auf eine Bank gesetzt, und du hast deine Schuhe aufgeschnürt, um sie fester zu binden, die Zunge war verrutscht, ich berührte mit dem Zeigefinger deinen Spann, und du sagtest mir, wie lange du dieses Paar Schuhe schon trägst und wann du sie gekauft habest. Ich zuckte ein bißchen zusammen. Damals, dachte ich, und: So lange. Ich sah dich an, sah auf deine Finger, wie sie mir eine Verstärkung an den Löchern zeigten und dann eine Schleife banden, und der Schuh schloß sich wieder um deinen Fuß. Kleine Dinge.
Ich hätte dir da gerne gesagt, was mir durch den Kopf ging in diesem Augenblick; ich habe mich gefragt, wie es dir damals wohl gehen nochte, als du die Schuhe kauftest, im Jahr nach seinem Tod, was für eine Farbe deine Gedanken hatten, wie du gestimmt warst, als du sie anprobiertest, was dich bewegt und beschäftigt hat, und wie du wohl von jenem Punkt aus in die Zukunft geschaut und in die Vergangenheit zurückgeblickt hast, ob du in diesem Moment froh warst oder traurig, und ob es ein heiterer Tag war oder ein schlimmer. Gab es da überhaupt schon heitere Tage für dich? Mich beschäftigte, daß du die Schuhe so lange schon trägst, dieses Paar roter, bequemer Schuhe, und daß das vielleicht gar nicht stimmt, was ich einen Moment zuvor gedacht hatte: daß nämlich in Wirklichkeit alles gar nicht so lange her ist. Da wurde ich traurig und hätte dir das gerne gesagt und dich gebeten, doch zu erzählen. Und ich hätte dich gerne stumm in den Arm genommen, wie um dich zu schützen vor der Katastrophe, vor jedem Schmerz zu bewahren und noch nachträglich alles und jedes abzuwehren, das dir je wehtun könnte.
Aber ich blieb stumm. Und obwohl alles in mir vor Zärtlichkeit ganz flaumig wurde, blieb ich in dieser Zärtlichkeit wie eingekapselt. Ich konnte nicht zu dir damit, es war alles zu verworren und unklar, die Welt um uns auch zu hell und fröhlich für solcher Art Gedanken, freundlich zwar, aber zu hektisch und zu laut, Menschen, Autos, Stimmen, und dann war der Moment auch schon vorüber, du hattest deine Schuhe fertig geschnürt, uns fröstelte, wir brachen schnell auf und gingen zu unserem grünen Wasser, und zu den Booten und den Libellen.
Kleine Dinge. Und dort schien die Sonne so mild und gut und brach ihr Licht in den Weiden, die Libellen flogen im Tandem, und für diesmal war alles Schlimme wieder lange, lange her.

Irrtümlich


„Ihr“, sagt der Fremde, und „Mann“, „Ihre Frau“ sagt er noch und meint: meine.
    Falsch: meine Frau bist Du nicht; Irrtum, ich bin nicht dein Mann.
Meine; und dein; Mann-und-frau: Kaum daß wir’s im Stillen uns denken.
    Erst wenn ein Fremder sich irrt, wird uns die Wahrheit zuteil.

Traum und Wachen

Traum und Wachen: Beides sind geschlossene Welten. Beide sind vollständig und gelten absolut. Im Traum wie im Wachbewußtsein ist das Erlebte jeweils ohne Nebenerleben oder Alternative. Es ist alles, was es gibt. Man kann die jeweilige Welt nicht anders verlassen als zu jener anderen Vollständigkeit. Traum, Wachen, Traum. Es gibt nicht noch weitere Alternativen. Der Traum läßt sich nicht anders als mit dem Wachen, das Wachen nicht anders als mit dem Traum ersetzen; und für die Dauer der Ersetzung bin ich nur dort, wo ich bin. Alles, was es gibt.
Dennoch besteht eine bedauernswerte Asymmetrie: Im Wachen erinnere ich mich vielleicht an Träume; aber in den Träumen nicht an die Wachwelt. Jedenfalls nicht als eine bloße, der anderen Bilderwelt im Sinne einer wahreren, ursprünglichen, bildgebenden entgegengesetzte Ausgangswelt. Der Traum, könnte man sagen, verschlingt die Wachwelt, ohne daß es jener in ähnlicher Weise gelingen könnte, auch die Traumwelt zu verschlingen und ihre Gegebenheiten in sich einzugliedern.

Nach dem Träumen

Nach dem Träumen bleiben Spuren von Rissen an der Oberfläche sichtbar und zeigen auf ein Außen, auf eine Oberfläche und einen Raum. Sie sind Spur, aber sie lassen keine Schlüsse auf die sie verursachenden Unruheherde der Tiefe zu. Einmal erwacht, ist das Geträumte unzugänglich. Die Träume bleiben ein Traum, und das Wachsein kann sie nur als Träume erinnern, von außen. Während man träumt, ist der Traum kein Traum, selbst dann nicht, wenn man glaubt, daß man träumt.
Was man aus dem Wachsein heraus wahrnimmt, sind nur die Fingerabdrücke an einer Spiegelwand. Luftblasen aus einem Tümpel. Geronnenes, Erstarrtes, weite Schatten von Bäumen über Schluchten. Lichtspiele. Über Träume kann man nur vom Wachsein aus sprechen. Aber von dort sind sie bereits nur Abbild. Wenn der Traum selbst ein Bild ist: Das Abbild eines Bildes.
Wir können nicht gleichzeitig träumen und wach sein. Und wir können nicht als ein anderer träumen. Sondern immer nur als wir selbst, weniger noch: als der oder die gerade träumt. Und deshalb sind wir uns beim Träumen stets selbst verborgen.
Träume scheinen manchmal eine Geschichte zu erzählen; tatsächlich aber sind sie nur Spuren von Geschichten, Abdrücke und Furchen, Beulen und rauhe Stellen, wo sich Erlebtes niedergelassen und eingedrückt hat. Sie sind Nachbilder, Leuchtfeuer. Es sind Wucherungen, die Geschichten ansetzen, wenn sie sich selbst überlassen sind. Ein Hauch, der entsteht, wenn sie mit dem Gesicht zu nah an die Scheibe kommen.

Mole

Das Wasser ist grün und hell. Das Licht hat viele Richtungen und kommt mit matten Farben über den Strom geschwommen. Libellen schwirren über die weißen Steine, erst allein, dann in aneinander verhakten Paaren. Wie heißt das, was die Libellen da tun, wenn sie, verkettet in Paaren, einen Hinterleib des Doppelkörpers ins flache Wasser über den Steinen lecken lassen, als wollten sie hastige Schlucke davon nehmen? Und wie machen die das, mit ihren insgesamt vier Flügeln, Gleichung um Gleichung komplizierter Aerodynamik zu lösen? Wir schauen es uns an und staunen. Das Licht bricht sich auf den Flügeln und auf der Reling der Boote und Schimmert silbern auf Blattunterseiten. Eine Gruppe von Kajakfahrern gleitet langsam den kleinen Hafen hinauf. Ihre Paddelblätter tauchen mit Feiertagsruhe ins Wasser. Wie könnte man auch nicht ruhig sein an diesem Ort, auf dem Wasser, mit den herbstlichen Pappeln und Weiden hoch am Himmel.
Deine Finger kribbeln in meinem Nacken, und ich schließe die Augen. Das Wasser gluckert, Dieseldampf weht herüber, ein Motorboot tuckert. Ich sitze schief an Dich gelehnt auf dem schrägen Stein, eine Hand auf Deinem Knie, mein Bein schläft ein und wird glücklich taub, die Angler lassen die Leinen schwirren, ich weiß nicht, wie das heißt, was die Libellen tun, eine prächtige Yacht gleitet vorüber, eine Geschichte von Geld und Erfolg, ich aber küsse Deine Hand und atme Deinen Duft, ich habe nur eine alte Jacke, aber Du hast mir einen Knopf geschenkt, ich küsse Deinen Mundwinkel, höre Dich seufzen und bin reicher als sie alle, ich bin der reichste Mann der Welt.

Zur Nacht


Est prope Cimmerios longo spelunca recessu,
mons cavus, ignavi domus et penetralia Somni,
quo numquam radiis oriens mediusve cadensve
Phoebus adire potest: nebulae caligine mixtae
exhalantur humo dubiaeque crepuscula lucis.
non vigil ales ibi cristati cantibus oris
evocat Auroram, nec voce silentia rumpunt
sollicitive canes canibusve sagacior anser;
non fera, non pecudes, non moti flamine rami
humanaeve sonum reddunt convicia linguae.
muta quies habitat; saxo tamen exit ab imo
rivus aquae Lethes, per quem cum murmure labens
invitat somnos crepitantibus unda lapillis.
ante fores antri fecunda papavera florent
innumeraeque herbae, quarum de lacte soporem
Nox legit et spargit per opacas umida terras.
ianua, ne verso stridores cardine reddat,
nulla domo tota est, custos in limine nullus;
at medio torus est ebeno sublimis in antro,
plumeus, atricolor, pullo velamine tectus,
quo cubat ipse deus membris languore solutis.
hunc circa passim varias imitantia formas
Somnia vana iacent totidem, quot messis aristas,
silva gerit frondes, eiectas litus harenas.


Nah dem Kimmerischen Lande da teufen geräumige Grotten;
Hohl ist der Berg: darinnen die Heimstatt des unregen Schlafes.
Nie darf dort mit dem Licht – nicht morgens, nicht mittags, nicht abends –
Phoebus zur Tür herein. Vermischt mit Dampfschwaden steigen
Nebel vom Boden auf, und es herrscht ein unklares Zwielicht.
Niemals begrüßt dort mit schmuckem Schnabel den Anbruch des Tages
stimmgewaltig ein Hahn, nicht brechen mit Bellen und Kläffen
reizbare Hunde das Schweigen, noch, schärfer als Hunde, der Ganter.
Wild nicht und Vieh nicht und auch nicht der Wind in den Zweigen der Bäume
gibt einen Laut von sich, und erst recht nicht das Zanken von Menschen.
Lautlose Ruhe herrscht; nur im hintersten Innern des Felsens
quillt mit Gemurmel hervor Vergessen bringendes Wasser,
plätschert die Welle den Schlummer herbei mit dem Rieseln von Kieseln.
Fruchtbar blüht der Mohn vor den Toren der Höhle, und zahllos
wachsen da Arten von Kräutern, aus deren Milchsaft den Schlummer
ausliest die taufeuchte Nacht und ihn streut übers Dunkel der Länder.
Daß nicht die Tür in den drehenden Angeln qietsche beim Öffnen,
fehlt sie gleich ganz dem Haus, auch steht auf der Schwelle kein Wächter.
Doch in der schwarzdunklen Mitte, da streckt sich erhaben ein Lager,
federflaumig und schwarz, bedeckt mit den Daunen von Küken.
Dort ruht der Schlaf in Person, dort reckt er träge die Glieder.
Um ihn liegen verstreut die Bilder eitler Gesichte,
so viele Träume versammelt wie Ähren zur Ernte die Felder
tragen, wie Wälder an Laub, wie der Strand hat an Körnern des Sandes.

Ovid, Met. XI 592–615

L’après-midi d’un fièvre

Die Stimmen sind fern und
die Straßen. Im Fenster der Himmel,
ein Winkel von Wolken
und Dächern.

An der Wand steht still eine Säule
von Licht, verziert mit den Schatten
von Laub.

Fernes Räderrollen;
Vor einer halben Stunde
ist in der Nähe
der Rotschwanz verstummt.

Die Kirchturmuhr vergißt
zu schlagen. Wo der Bleistift lag,
ist das Papier noch ganz weiß.

Leises Schimmern auf Holz.
Die Bilder blicken gen Abend.

Das Licht läßt sich aufsaugen
von der Wand, bis es
erlischt. Lautlos
tanzt ein Stuhlbein.

Noch einmal pfeift der Vogel, du hast

mir geschrieben, jetzt ist
alles fern, die Tage, die

Nächte, das Fieber, selbst diese
kleinen Tränen weint still
ein Fremder.

Aequinoctium


Wo wir einst gingen, weben die Spinnen das Ufer, der Spiegel
    Schenkt uns, verwandelt ins Jahr, freundlich die Tage zurück.
Küsse schmecken die Zeit, unter Blättern schlummern die Tage;
    tief in der Tasche die Nuß träumt vom vergangenen Jahr.
Wo wir einst gingen, bevor wir uns kannten, vor Jahren und Tagen:
    Dort, im ewigen Herbst, wandeln die Flüsse im Schlaf.