Ins Licht gehoben, aus einem warmen Tümpel. Hier und da noch Reste von schrumpfendem Wasser, durch das Lichter spielen. Die Strömung wechselt Farbe und Richtung, während sie von den Knöcheln gleitet. Vor dem Fenster streckt sich das Trockene wie ein Papierknäuel, das man auseinanderzieht, und Sonne springt funkenhaft heraus, wo die sich die Knitterfalten glätten.

Was man von dort aus sehen konnte

Das Harfenstück Beilio r Gwyneth Gwyn — wie hätte mir das als Heranwachsendem im letzten Schuljahr des Gymnasiums gefallen, und wie hätte es in alle die köstlichen Hinweise und Fingerzeige auf die Möglichkeiten meines zukünftigen Lebens gepaßt, in all die Tolkiens und keltischen Geschichten und Geheimnisse, die zu ergründen ich mir damals fest vorgenommen, an deren Ergründung ich geglaubt hatte. Heute höre ich dieses herrliche Stück und denke voller Wehmut, du bist deinen Träumen, den versprochenen Geheimnissen, du bist deinem eigentlichen Leben nicht einen fingerbreit näher gekommen; du hast dich, im Gegenteil, nur immer weiter davon entfernt, je älter du wurdest; du wirst ganz alt werden, ohne wenigstens in die Sehnsucht und die Überzeugung jemals zurückgekehrt zu sein.

Weigerung

Im Roman Die Madonna mit dem Fischleib von Strátis Myrivílis gibt es die Figur eines infolge der Kleinasiatischen Katastrophe vertriebenen Lehrers, Altphilologen und glühenden Patrioten, den es zusammen mit anderen Flüchtlingen auf eine nicht näher genannte Insel in knapper Sichtweite der kleinasiatischen Küste verschlagen hat. Dort beginnt ein staatliches Bauprogramm für dauerhafte Unterkünfte. Der Krieg ist verloren, Kleinasien ist verloren, die Flüchtlinge müssen unterkommen, man akzeptiert, daß sie nicht zurückkehren werden, nie mehr, denn dort, wo sie herkommen, ist nicht mehr Griechenland. Also baut jeder sein Häuschen, die Menschen richten sich ein, lecken ihre Wunden und gewöhnen sich, beginnen zu arbeiten, zu handeln, verlieben und verheiraten sich, kriegen Kinder, bestellen den Garten und sehen die Insel bald als ihre neues Zuhause an. Bis auf einen. Ob er sich denn kein Haus bauen wolle, wird der Lehrer gefragt. Oh, antwortet der, er habe schon eines, Ah? Wo denn, was für ein Haus? Und da streckt der Lehrer die Hand aus nach dem Meer, wo am Horizont der schmale Küstenstreifen Kleinasiens sichtbar ist, und zeigt nach dem Land: Dort, ruft er aus, dort ist mein Haus, dort ist mein Obstgarten, dort ist mein Feigenbaum mit der Bank, dort mein Oleander in seinem Kübel.
Die Weigerung des Lehrers, die neue Situation zu akzeptieren, hat keinerlei Konsequenzen für die Welt, für Griechenland, für die Flüchtlinge, für die Politik. Man könnte sagen, sie ist sinnlos. Aber es ist eine Haltung, und es ist nunmal seine. Er besteht darauf, die Welt falsch finden zu dürfen; er wird das böse Spiel mitspielen müssen, wenn er nicht untergehen will; aber er will es nicht mit guter Miene tun.
Diese Haltung ist die meine. Ich werde niemals eine andere Welt akzeptieren als die, die wir im Januar 2020 verließen. Ich werde keinen Fortschritt akzeptieren, der weniger wäre als eine vollumfängliche Ungeschehenmachung dessen, was dieser Keim bewirkt hat. Ich werde keine Maßnahme oder originelle Erfindung, die jetzt aus dem Geist der Bewältigung heraus gemacht wird, als positive Bilanz würdigen. Ich werde nicht wieder zufrieden sein, ehe die absurde Periode, die wir jetzt erleben, in den Bewußtseinen der Menschen als fahle, ferne, kaum glaubhafte Erinnerung verblaßt sein wird.
Dixi.

(Die Melancholie einer jeden Zäsur. Nie habe ich gelernt, Zäsuren selbst zu setzen, ohne hinterher zu bereuen, daß ich sie gesetzt habe, und mit den Zäsuren, die das Jahr und seine Teile und Feste setzt, kann ich nicht anders als rückwärtsgewandt umgehen: Niemals schaue ich bei einer Zäsur anders als mit Ängstlichkeit nach vorne, und zurück nie anders als mit Traurigkeit.)



Diese Traurigkeit, die ohne Anlaß aus dem Nichts kommt, abends, kurz vorm Schlafengehen, und sich einfach nicht greifen läßt und nicht deuten: Sie ist nicht besonders zudringlich, diese Traurigkeit, aber auf einmal ist der Boden weg. Ich fasse etwas an, ich hebe etwas auf, lege es wieder hin, ich schlage ein Buch auf, starre auf die Buchstaben wie auf ein fernes Segel am Horizont, klappe es wieder zu. Ich zucke mit den Schultern, ich probiere es mit Seufzen. Stirnrunzeln Du wirst doch jetzt nicht weinen wollen! Nein, weinen geht auch nicht.
Es ist das Gefühl, keine Heimat zu haben, keinen Anschluß ans Außen. Alles ist im Innenraum gefangen, zwar gibt es Signale von außen, aber kein Signal von dort hat die Bedeutung eines Kontakts. Es ist ein bißchen wie als Wort in einem Satz zu schweben, den die Welt liest und liest und nicht versteht, obwohl die Bedeutung aller Wörter bekannt ist. Lies mich! Aber die Welt liest mich nicht, sie erfaßt meinen Sinn nicht, sie plappert mich nur nach. Von Sekunde zu Sekunde noch einer wie ich. Und wieder ich, und ich, und ich.

Gesetzt, ich nähme mir vor, sämtliche Bücher, die ich in meinem Leben bis zum heutigen 16. April 2018 gelesen habe, in absteigender Reihenfolge noch einmal zu lesen, von meinen jüngsten Knausgård-Lektüren über Carrère, Stasiuk, Pinker, Ortheil, Fermor, Lindsay, Fontane, Macfarlane der letzten Zeit über Klein, Wallace, Lewitscharoff, Bolaño, Büscher, Hermann, Murakami, Sateli, Karystiani, Terzakis, Ransmayr, Sebald, Byatt und all die anderen der letzten Jahre, durch den Wust schließlich an Fach- und Studienliteratur, ferner Foster, Norfolk, Eco, Hardy, Kundera, Auster, Murdoch meiner Studienjahre und weiter hinunter, über die Mann-Phase bis zu den Science-Fiction-Romanen meiner Jugend (Lem, Strugatzki) und den Abenteuergeschichten (Blyton) der Kindheit – dann würde, wird man wohl annehmen dürfen, meine verbleibende Lebenszeit nicht mehr ausreichen, um es ganz bis zur ABC-Fibel hinunter zu schaffen.

Zwischenjahrszeit

 
Es wintert. Es wintert neue Winter. Es wintert alte Winter neu, uralte. Ich stelle mir vor, wie sie sich entwickeln, Organismen, die aus Zellteilung hervorgehen, die Jahreszeiten, jede eine nicht ganz perfekte Kopie ihrer Elternjahreszeit. Die Zäune streben nach schmutzigen Horizonten, in den knapp bemessenen Fenstern frierender Häuser drängeln sich die Wolken, ferne Spiegel, gefangen wie in einem tiefen Brunnen. Ein Weg ergibt den anderen, jedes Feld führt zu einem anderen Horizont, und all diese Fernen sind nur den Vögeln vertraut, die sich ihrerseits ihnen anvertrauen, ihrem Sog, ihrem Wind. Windstimmen, Wolkenohren, Regenglocken. Ein Bach verfängt sich im Gestrüpp. Ein Apfelbaum schüttelt Meisen aus seiner Krone. Die Fernen fließen ineinander.

Früher hielt die Zeit still in diesen Tagen. Zwischen Feiern und Feiern, schon entlassen aus dem alten Jahr, noch nicht angekommen im neuen, sie stand still und war still dabei, alles war still und sehr groß, größer und ferner als sonst, groß und in der eigenen Tiefe ruhend. Da schaute man zwischen den Baumkronen in den regenschwangeren Himmel und wurde selbst still. Die Weite hielt Glockengeläut in der Faust, zwischen den mächtigen Fingern rieselte Klang heraus, es war, als atmeten die Wurzeln der Pappeln, leise, langsam, nur in diesen Tagen konnte man es hören. Die Menschen waren fortgegangen, man blieb zurück, als Hüter oder als Verbannter, das war nicht genau zu sagen. Von der flachen Hand der Erinnerungen flogen Vögel auf.

Langsam wird es heller, die Luft leichter atembar, die Weite bietet sich gangbarer an, die Schritte stolpern nicht mehr, fühlen festeren Grund. Schon will ich aufatmen, aber noch traue ich mich nicht. „Freundlich sein zu anderen und zu mir selbst“, das schreibe ich mir, keinen Vorsatz, einen Wunsch, ins Tagebuch.

Dies natalis

 
Leuchtend der bleibende Ort, als gäb es hier sonstwas zu feiern.
      Fichten, ein Hochsitz und Farn. Wiedererkennbares Hier.

Hier, sagst du, hier. Und der Ort ist durch Jahre derselbe geblieben.
      Wünschtest, es bliebe das Jahr gleich auch am selbigen Ort.

Wünschtest, der Häher, der jetzt seinen Schrei durch die Wipfel geworfen,
      hätte gerufen wie je, kehrte die Stunde zurück.

Ferner der bleibende Ort, die fliehenden Stunden verloren.
      Wünschtest, der Ort blieb bei dir, Fichten, ein Hochsitz und Farn.

Wünschtest, auch du wärst geblieben, der einst hier als Wandrer gegangen.
      Fichten, ein Hochsitz und Farn. Wiedererkennbares Ich.

Kein Entkommen

Und wieder die Traurigkeit, ich finde sie in der Heimatlosigkeit von Heimen, in der Uferlosigkeit von Ufern, in der Pflichtgemäßheit des Sommergrüns, im feuchten Gewicht der Erde, in der Zutraulichkeit von Hunden, in der Dienstfertigkeit bedruckten Papiers. Ich wache auf mit der Traurigkeit von Fliegen, die über die Fensterscheiben krabbeln, und ich bin traurig, wenn abends eine Motte gegen die Straßenlaterne stäubt. Es ist, als strengte sich die belebte wie die unbelebte Natur zu sehr an. Ich habe Mitleid mit ihr, mit dem Licht vorm Gewitter, dem springenden Springkraut, dem Schlamm unterm Schlamm, den einsamen Spinnen unter der Zimmerdecke. Ich habe Mitleid mit dem Schrank, der so viel Dunkelheit und Staub enthält und immer nur zuhören muß, wenn Leute im Zimmer reden. Die Türen scheinen aufzuatmen, wenn endlich alle gegangen sind. Ich möchte den Dingen zurufen, laßt gut sein. Aber die Dinge machen einfach immer weiter. Sie schuften an ihrer Existenz und erschöpfen sich.

Mitleid mit Menschen, die sich selbst nicht kennen, die stumm leiden wie Tiere, die nicht wissen, warum sie leiden. Mitleid mit der naiven Freude dieses Menschen, ihrem kindlichen Entzücken über eine Kleinigkeit. Es sind die Kleinigkeiten, die so leicht zu zerstören, zu zertrampeln sind, die so leicht vergessen werden, liegenbleiben. Und man täuscht sich so leicht in ihnen. Vor Jahren einmal erlebt, wie eine, die ich gut kannte, ganz närrisch war über ein froschgrünes, pummeliges Telephon, das sie sich gekauft hatte. Ich sah sie strahlen und dachte, es ist doch nur ein Telephon, und dieser Gedanke war wie flüchtiges Pech in der Brust, eine verstörende Traurigkeit, wie wenn ein Kind sich in das häßlichste Stofftier der Sammlung verliebt. Aber vielleicht wäre ich noch trauriger, verliebte es sich in das schönste: Es gibt vor der Traurigkeit kein Entkommen.

Ich muß mir Widerstände suchen, um die Traurigkeit eine Weile in Schach zu halten. Der Aufbruch ist schwer, manchmal glaube ich, er gelingt nur kraft der Routine. Ich gehe laufen, weil man das halt so macht, weil ich das seit Jahrzehnten so mache, weil ich nicht mehr weiß, wie Nichtlaufen geht. Und weil ich vor dem weißen Papier fliehe, natürlich, vor dem Beweis meiner Mittelmäßigkeit. Manchmal wünsche ich mir den Abend herbei, noch bevor ich aufgestanden bin, sehne mich nach diesem wunderbaren Gefühl, morgen sehen wir weiter, morgen wird alles gut. Aber immer ist es schon morgen, und alles ist so wie sonst und nicht gut.

Ich liege in einem fremden Haus, mit dem Kopf auf Höhe des Regens, der auf die Dachpappe rauscht, der Fensterrahmen ist seltsam, als zweifle er über sich selbst, der Mond, wenn er schiene, wäre fremd, der Winkel falsch, wie in einem Fiebertraum, ich höre die, für die ich Mitleid habe, ohne daß sie oder ich wüßten, warum, atmen. Ihre schlafenden, ruhigen Atemzüge, es ist das einzige, was hier nicht fremd ist, es ist mir so vertraut wie die Traurigkeit, es ist selber traurig. Es regnet und regnet, und ich bin so lange schlaflos, bis mich der eigene Herzschlag wundert und endlich auch die eigenen Atemzüge mir fremd werden, wie etwas, das eigentlich ganz anders sein sollte als es ist.

Überstehn ist alles

Ich weiß nicht, was für ein Motiv die anderen haben.
Der große Schwarzhaarige, lang wie ein Präriehengst, was verspricht er sich davon? Die Pummelige mit dem Pagenschnitt und dem anziehenden Lachen, warum tut sie das? Die ältere Frau mit dem langen grauen Haar, was erhofft sie sich? Der Hüne mit dem Eierkopf, wo will der so schnell hin?

Es ist Sonntag morgen, und in der Stadt herrscht Partystimmung. Der Fluß glänzt, die Büsche blühen, der Frühling bricht aus allen Poren. Und an diesem Morgen ist der Frühling recht laut. Die Luft zittert von Trommeln und Bässen. Die Festwiese wimmelt von Menschen, Sportschuhe blitzen, Zelte leuchten, Absperrbänder flimmern.
Es ist Marathontag in der Stadt, und in den nächsten Stunden werden ungefähr tausend Läufer die Distanz von 42,195 km hinter sich bringen. Oder es wenigstens versuchen. Und ich weiß nicht, warum sie das tun.
Ich bin einer von ihnen.

Nanga Parbat
Menschen schnallen sich Bretter unter die Stiefel und gleiten darauf in einem Affenzahn Schneehänge hinunter; Menschen schnallen sich Rollen unter die Stiefel und gleiten damit im Sauseschritt über Asphalt. Oder sie schlagen mit drahtbespannten Holzrahmen Bälle über ein Netz, oder sie jagen auf einem Stück Rasen einem einzigen Ball hinterher. Man sagt, das macht Spaß. Was aber treibt Menschen, 42 km laufend zu überwinden, je nach Form drei, vier, gar fünf Stunden am Stück zu laufen? Weil die 42 km da sind? Befragt man berühmte Selbstquäler, etwa Extrembergsteiger, warum sie tun, was sie tun, bekommt man meist keine bessere als diese an ein Zen-Koan erinnernde Antwort. Aber gut, das sind Extrembergsteiger, das sind erstens Spinner, zweitens sind sie’s aus Profession. Wenn sie die Nanga-Parbat-Nordwand oder eine Staublawine am Dhaulagiri überlebt haben, schreiben sie tolle Bücher und werden reich und berühmt. Aber von den Tausend, die hier an diesem herrlichen Frühlingsmorgen, den man so viel schöner nutzen könnte in Feld oder Flur oder Garten, tun es die allermeisten nicht aus Profession, und so viele Spinner, das glaube ich nicht. Bücher schreiben die sicher auch nicht, wer sollte das alles lesen? Die Dame im roten Trikot in der Startaufstellung neben mir, die sieht aus wie eine Fachverkäuferin für Damenoberbekleidung. Und den etwas korpulenten Herrn neben ihr treffe ich vielleicht morgen schon wieder – an einem Bahnschalter der DB. Es sind wirklich ganz gewöhnliche Menschen, die sich hier zusammengefunden haben und nun, leicht bekleidet und im Schatten etwas fröstelnd, auf den Startschuß warten. Oder es wären ganz normale Menschen, wäre da nicht die allen gemeinsame Verrücktheit, 42 km laufen zu wollen. Heute. Jetzt.
Ich ahne die Gründe, aus denen es die meisten der hier Wartenden tun. Natürlich könnte auch ich es aus denselben Gründen tun. Vielleicht tue ich es sogar aus denselben Gründen.
Aber das ist zu wenig.

Festgeläute
Allmählich wird es eng in der Startaufstellung. Einige dehnen noch ihre Beinmuskulatur, andere hüpfen ein wenig auf der Stelle, manche zucken im Rhythmus der Musik. Die hat in den letzten paar Minuten an Lautstärke zugenommen, die Bässe bilden Schwingungsknoten im Magen. Rhythmus peitscht an, drängt nach vorne, mobilisiert Kräfte. Ich denke daran, wie die Alten ihre Schlachten geschlagen haben. Wie bringt man ansonsten ganz vernünftige, friedliche Männer dazu, mit dem Schwert aufeinander loszugehen? Man treibt sie mit anstachelnden Rhythmen an. Es ist schwer, sich zu entziehen, auch ich bekomme Gänsehaut, Schauer von Erregung laufen durch den gespannten Körper. Man will nur noch los, laufen und laufen und laufen. Sich anpeitschen lassen. Getragen werden von Anfeuerrufen, Getrommel und Gejohle.
Aber wofür? Wofür über den Moment hinaus, da wildfremde Menschen mich bei meinem Namen nennen, „Du schaffst es, Solminore! Weiter so!“, wenn sie mich wie einen Freund oder Verwandten anfeuern? Man könnte es einfach dabei belassen und sagen, ich tue es für eben diese Momente. Momente wie diese: Einmal begannen bei einem Großstadtlauf die Glocken zu läuten. Es war Frühling, die Sonne schien, die Strecke führte über einen breiten, festlichen Platz. Erste Zeichen von Erschöpfung waren schon spürbar geworden, es mag ungefähr auf der Hälfte der Strecke gewesen sein. Und da plötzlich erklang vom Kirchturm Festgeläute, rollten die Glockenschläge in machtvollen Quinten und Quarten über den Platz, und es war, als gälten sie uns, die wir hier so mühsam liefen. Als meinten nicht nur die Glocken uns, mich, sondern als meinten uns auch das Licht, der Himmel, die harten Schatten. Alles ging mich an, ich war die Mitte von allem. Selten bin ich so sehr am richtigen Ort gewesen wie auf den paar hundert Metern über diesen Platz, durch die wie Meereswogen heranbrandenden Glockenklänge. Es war überirdisch. Ich war in einer Menge Menschen, wie in einem Traum mit allen und allem verbunden. Und gleichzeitig war ich völlig allein, so köstlich, so jubelnd alleine wie nie. Alle Eindrücke, die in diesem einsamen Selbst zusammentrafen, die Härte der Straße, der Schweiß, die ziependen Muskeln, die Rufe der Zuschauer, das schwere Rollen der Glocken, waren extrem scharf und klar. Als könnte man in die Mechanismen hinter der Bühne der Zeit blicken. Ich werde das niemals vergessen.

Und dann geht es endlich los. In Blöcken, gestaffelt nach Bestzeiten, damit schnellere Läufer sich nicht erst durch die Menge an Plebejern durchwursteln müssen. Zwei Gruppen starten vor mir, dann sind endlich auch wir dran. Die Startmatte fiept, wir laufen. Wir laufen tatsächlich, und rings um mich tönt das Getrappel von hunderten von Laufschuhen. Es ist wirklich ein grandios schöner Frühlingstag. Der Fluß glitzert, die fernen Hügel sind dunstverschleiert, die Schindeln auf den Kirchtürmen glitzern im Morgenlicht. Träge schiebt sich der Rhein an den Molen vorbei, strebt auf das neue Hochhaus am Südrand der Stadt zu, zwängt sich endlich zwischen die Hügel und verschwindet in einer verschleierten, leuchtenden Krümmung. Meine Stadt ist das, meine selbstgewählte Heimat. Gerührt sehe ich einem der Schiffe nach, die langsam gegen die Strömung stampfen. Indessen werden voraus, bei Kilometer 1 („Noch 41 km!“) die ersten Trommeln durch das Getrappel hörbar.
Trommeln, Trommeln. So kunstvoll, als könnten sie der Zeit selbst einen neuen Takt eingeben. Nach außen verlagerter Herzschlag. Der Sinn des Zeitstrahls selbst. Später, bei Kilometer 26 oder 27, werden mich diese Rhythmen für ein zwei Kilometer zurück in die Mühelosigkeit befördern. Tue ich es hierfür? Für ein paar Sekunden der Ekstase? Ist es das, was leidenschaftliche Tänzer fühlen, wenn sie ihren Körper der Musik überantworten und sich selbst dabei verlieren? Im Moment verliere ich mich nicht, im Moment bin ich noch voller Startadrenalin, habe meinen eigenen Rhythmus noch nicht gefunden. Ich beschließe, Gas zu geben, solange ich eben Gas geben kann, und zu schauen, wie weit mich das trägt.

Nur der Mensch ist stolz
Nirgends sonst wird das Dilemma des Menschen so eklatant deutlich wie am Nützlichen. Über den Ärmelkanal schwimmen, den Everest besteigen, zu Fuß den Antarktischen Kontinent / die Wüste Gobi / Australien durchqueren, mit einer Jolle über den Atlantik fahren. Oder eben: 42 km laufen. Oder, wenn das nicht genug ist, 63. Oder 84. Oder 100. Das Wort „genug“ ist hier wichtig. Wäre irgend etwas je genug, davon bin ich überzeugt, dann wären wir jetzt nicht hier, vor uns drei bis vier Stunden Quälerei. Aber der Mensch ist ein Wachstumswesen, das ist seine hervorstechende Eigenschaft: Daß es ihm eben nicht genug ist, nichts, nie. Nur der Mensch ist stolz. Nur der Mensch hat eine Lebensgeschichte, eine Biographie. Nur der Mensch sammelt Siege und Erfolge. Das ist manchmal sein Fluch. Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles dichtete Rilke, und er meinte es aufs Insgesamt des Lebens bezogen. Das ist natürlich miesepetriger Unsinn. Krankheiten übersteht man, Hungersnöte, mündliche Prüfungen, Zahnbehandlungen. Das Leben überstehen wir sowieso nicht. Wir halten es höchstens eine Weile aus, der eine länger, der andere kürzer. Und bis dahin geht es sehr wohl um den Sieg, oder besser, ums Siegen. Oder wenigstens um den ehrenvollen Versuch. Und ums Spiel, wo der Ernstfall nicht verfügbar ist oder aus dem Leben ausgemerzt wurde, aber die Abstraktion des Spiels, sein Imitationscharakter, sein Als-ob bedeutet eben auch, daß es, vom Ernstfall her kommend, sinnlos erscheinen muß. Was wir hier tun, ist ein Spiel. Es ist die Simulation eines wie auch immer gelagerten Ernstfalles. Der fehlende Ernstfall will aber möglichst lebensecht gespielt werden. Lebensecht ohne Schmerz oder Angst oder beides, das ist nicht zu haben. Aller Sport ist im Grunde Simulation eines Ernstfalls. Seine Probe, könnte man sagen, oder sein Ersatz. Imitat einer echten Jagd, einer Schlacht, eines Kampfes. Ein Bild, in dem wir uns als Helden in Positur werfen können, ohne gleich alles riskieren zu müssen.

Ich finde mein Tempo, 5:05 bis 5:11, ich bemühe mich, nicht langsamer zu werden. Im Training laufe ich nie schneller als 5:30, aber hier ist alles anders, hier gilt’s. Kein schau’n wir mal, sondern jetzt. Die Streckenführung ist allerdings ziemlich dämlich. Offensichtlich wird es immer schwieriger, eine Innenstadt abzusperren, immer mehr Stadtläufe beschränken sich auf einen 21-km-Rundkurs, der zweimal zu absolvieren ist. Nicht allein das, die Strecke führt erst einmal durch eine Vorortsiedlung aus lauter Einfamilienhäusern hinaus, zu einem Wendepunkt und wieder zurück zur Brücke. Interessant wird es erst ab Kilometer 8, dann führt die Strecke bis zum Posthochhaus und ehemaligen Regierungsviertel am Fluß entlang. Und das ist heute, mit der jungen Sonne im Gesicht, besonders schön.

Spaß
Man könnte sich natürlich darauf zurückziehen, daß Laufen Spaß macht, und Spaß keine Begründung braucht. Es geht aber nicht darum, ob das hier Spaß macht. Spaß ist relativ. Nachlassender Schmerz macht Spaß, Schmerzlosigkeit ist eher gleichgültig. Befriedigung von Bedürfnissen macht mehr Spaß, wenn das Bedürfnis durch Entbehrung gesteigert wird. Kontraste machen Spaß. Leistung macht Spaß. Stolz macht Spaß. Erinnerungen machen Spaß. Wenn ich als Kind etwas sehr wollte, zum Beispiel ein ausgefallenes Faschingskostüm, sagte meine Mutter, wenn man dich zwingen würde, etwas so Unbequemes zu tragen, würdest du dich weigern. Das eigene Bett ist wunderbar bequem, trotzdem zieht es manche Menschen von Zeit zu Zeit in ein unbequemes Zelt. Irgendein Gewinn muß in jedem Fall dabei sein, sonst würde man es nicht tun. Alles, was wir freiwillig tun, hat einen Zweck, sonst käme uns unser Tun völlig zufällig vor, es hätte keine Absichten, es geschähe uns nur. Niemand quält sich freiwillig nur um des Quälens Willen. Auch Masochisten nicht. Der Masochist würde sich nicht quälen lassen, wenn er davon außer Schmerz keinen Gewinn hätte. Der Gewinn liegt hinter der Quälerei, die Quälerei ist nur Zweck. Sprechen wir also nicht von Spaß. Oder vielleicht gerade doch?

Optidingsbums
Von Spaß ist ja außerhalb der Werbung eher selten die Rede, von Genuß ganz zu schweigen. Allenthalben wird ja nur noch nach Nützlichkeit gefragt, nach Performance und Effizienz, wird evaluiert und optimiert und jeder Lebensbereich Zwecken untergeordnet, die seltsam außerhalb liegen. Lesen fördert alle möglichen als wünschenswert erachteten Fähigkeiten beim Schulkind, nur ob es Spaß macht oder ob die Lektüre dem Leser bereichernd vorkommt, danach fragt keiner. Ein Musikinstrument zu erlernen ist sinnvoll, nicht, weil Musik eine Bereicherung ist und Freude schenkt, sondern weil Musizieren die Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit sowie die Teamfähigkeit fördert. Aus ähnlichen Gründen, heißt es, sei es wichtig für Kinder, Fußball zu spielen. Es ist naheliegend, auch für das Laufen eine Liste positiver Effekte aufzuzählen, vornehmlich gesundheitlicher Art, und Gesundheit ist bekanntlich das allerallerwichtigste, der Körper immer optimierungsbedürftig, ja eigentlich optimierungspflichtig. Sie glauben doch nicht etwa, daß Ihnen Ihr Körper gehört? Sie haben ihn sich nur von den Versicherungen und ihrem Arbeitgeber geliehen, merken Sie sich das. Also, eine Liste. Von Gelenken, die weniger anfällig für Arthritis werden, über Stoffwechsel und Gewicht, Immunsystem und Blutdruck bis zu den notorisch angeführten Herz- und Gefäßerkrankungen, die es mittels sportlicher Aktivität zu vermeiden gelte. Alles schön und gut, aber wenn die Vermeidung von Herzerkrankungen schon kein Grund ist, das Rauchen bleiben zu lassen. wieso sollte es dann ein Grund sein, mit dem Laufen anzufangen?

Es ist auch klar, daß sich in einer Gesellschaft, die einerseits jede menschliche Betätigung der Nützlichkeitsprüfung unterwirft, wo man selbst im Bett nicht in Ruhe gelassen wird, indem der medizinische Nutzen von Sex oder Masturbation herausgearbeitet werden, andererseits aber die Antwort nach dem letzten Grund all der Nützlichkeit, nämlich so etwas wie einem Sinn, schuldig bleibt, daß sich in einer solchen Gesellschaft gegens Nützliche ein Widerstand regt, der sich in leidenschaftlicher Hingabe an vermeintlich Sinnloses, an Schabernack, an Spiel, an Kunst, an absurdes Theater ausdrücken kann – oder eben in Betätigungen wie Bergsteigen, Marathonlaufen, Bungeespringen auslebt. Karneval ist auch so etwas. Subversives Ausbrechen aus der Nützlichkeit und Zweckgebundenheit. Und ist es ein Zufall, daß die Dada-Bewegung ausgerechnet dann aufkam, als die europäischen Gesellschaften dazu aufbrachen, sich endgültig und allumfassend durchzumilitarisieren und -industrialisieren? Das Sinnlose ist ein wichtiges Gegengewicht zum Totalitären der Nützlichkeit und neigt dazu, sich überall dort Bahn zu brechen, wo das Nützliche sich anschickt, zum Selbstzweck zu werden. Wie heute überall in den westlichen Gesellschaften, wo es sich durchaus als Unterdrückungs- und Gefügigmachungsinstrument eignet.

Aber dafür laufe ich nicht. Nicht aus Protest, nicht um mich der Nützlichkeit zu entziehen. Schon allein deswegen, weil das sinnlose Laufen dann einen politischen Zweck hätte, also wieder nützlich wäre. (Die Frage ist, wozu. Die Frage ist auch, ob es echt Sinnloses überhaupt gibt.) Ich laufe nicht, weil Laufen subversiv wäre, ich laufe aber auch nicht, weil Laufen nützlich wäre. Ich laufe nicht, weil Laufen gut wäre. Ich laufe, weil Laufen weniger schlimmer ist, als es nicht zu tun. Was aber genau vermeide ich, wenn ich laufe? Ich weiß es nicht.

„Ach was, ein Spaziergang“
Vom Ufer weg, am Regierungsviertel mit den Hochhäusern vorbei, weiter auf einer abgeriegelten Ausfallstraße. Guter Belag, schnelle Piste, aber malerisch ist anders: Ein breites Asphaltband liegt zwischen Grünstreifen. Autobahnzubringer queren mit dröhnendem Schattenwurf. Dahinter verwalten Ampelanlagen blinkend die leeren Kreuzungen. Zuschauer sind hier draußen aus naheliegenden Gründen nur spärlich vertreten. Dafür kommen die ersten schon wieder zurück. Noch ein Wendepunkt, aber bis dahin zieht es sich. Der Rhein ist nicht mehr zu sehen, eine Autobahn dröhnt, in den Rabatten lagern träge Frühlingsanbeter. Wie recht sie haben! Kilometer 15. Da fangen die ersten an zu stöhnen, zu spucken und zu schnaufen. Erfahrungsgemäß ziehen sich die Kilometer zwischen km 15 und der Hälfte am meisten, und heute ist keine Ausnahme. Museumsmeile, Bundesstraße 9, in der Tiefe der Straße ist das Schloß und der Startbereich zu sehen. Da noch hin, und dann den ganzen Bogen noch einmal.

Aber so darf man nicht denken. Man muß denken: „Es sind ja nun nur noch gute zwanzig Kilometer, das läufst du doch unter der Woche vorm Frühstück zum Wachwerden. Und eigentlich sind es ja nur noch neunzehn komma. Eigentlich nur noch achtzehn. Das ist ja nur unwesentlich mehr als fünfzehn. Also ein längerer Spaziergang.“ Tatsächlich sind das noch anderthalb Stunden, wenn das Tempo weiter so runtergeht, aber solche Gedanken muß man sich verbieten. Schlechte Gedanken machen langsam, rauben Kraft, ermüden, verstärken den Schmerz, dehnen die Zeit. Für die zweite Hälfte ist meine Strategie: Gedichte rezitieren. Die Kraniche des Ibykos, die ich mal in der Schule auswendig lernen mußte, dreiundzwanzig Strophen zu je acht Versen, ich kann sie noch immer. Fast. Denn plötzlich fällt mir auf, da fehlen vier Verse. Ich sage mir den Rest der Ballade auf, fange noch einmal von vorne an, Zum Kampf der Wagen und Gesänge / der auf Korinthus’ Landesenge … , aber nach des Sängers Schläfe zu umwinden / umstrahlt von seines Ruhmes Glanz fallen mir die ersten vier Paarreimverse der nächsten Strophe nicht mehr ein. Doch über solchen Grübeleien sind zum Glück die nächsten drei Kilometer vorbeigeflogen, ohne daß ich es gemerkt hätte. Also nur noch zwölf Kilometer? Leider nicht, fünfzehn, jetzt erst, die hatte ich mir vorhin ja nur schöngerechnet, als es tatsächlich noch achtzehn waren. Solche leidvollen Erkenntnisse machen den Läufer gleich mal zehn Sekunden pro Kilometer langsamer.

Noch einmal trinken. Ich schnappe mir einen Pappbecher mit Wasser, einen zweiten mit Cola, trinke abwechselnd aus beiden, schütte zuletzt einen Rest Wasser in einen Rest Cola. Runter damit, ich hab Durst. Verdammt, hab ich einen Durst. Gehpause, aber selbst im Gehschritt gelangt ein Viertel der Flüssigkeit nicht in den Mund, sondern auf Säuglingsart großzügig auf den gesamten Oberkörper. Egal. Zuviel Flüssigkeit im Bauch verursacht, vor allem, da gerade kein Blut für Verdauungstätigkeit zur Verfügung steht, Bauchschmerzen und Übelkeit. Mancher Lauf ist nach dreißig Kilometer zu Ende, wenn der Läufer vornübergebeugt am Streckenrand steht und eine Cola-Wasser-Maltodextrin-Mischung in den Straßengraben spuckt.

Immer wieder hört man, die Strecke sei eigentlich zu lang. Dreißig, fünfunddreißig Kilometer sind die natürliche Grenze, so weit kommt ein normalgewichtiger Mensch bei gemäßigtem Tempo mit den körpereigenen Glykogenreserven in Leber und Muskulatur. Glykogen ist ein Speicherstoff für die schnelle Energiebereitstellung in Form von Glucose. Muskelzellen können mit Glucose als Energieträger arbeiten, oder mit Fett. Glucose braucht aber weniger Sauerstoff, die Energiebereitstellung ist schneller. Dafür sind die Reserven begrenzt, und die Energiedichte ist geringer. Fett steht für praktische Belange unbegrenzt zur Verfügung und hat eine enorme Energiedichte. Aber die Bereitstellung ist mühsam und der Sauerstoffbedarf hoch, was sich im Laufe anhaltender Belastung dadurch bemerkbar macht, daß die Leistung rapide abnimmt, wenn der Körper von einer Mischverbrennung aus Glucose und Fett zur reinen Fettverbrennung übergehen muß. Man nennt diesen Punkt im Lauf den „Mann mit dem Hammer“ oder auf Englisch auch „the wall“. Will man dieses Phänomen vermeiden, muß man während des Laufs Kohlenhydrate zu sich nehmen, eine Mischung aus kurz- bis mittellangkettigen Polysachariden, die einerseits den Blutzuckerspiegel nicht allzu stark emporschnellen lassen (was durch den anschließenden rapiden Abfall katastrophal wäre), deren Energie andererseits aber nicht erst am Abend nach dem Lauf zur Verfügung steht. „Nahrung zu sich nehmen“ klingt leichter als es getan ist. Ein Lauf von 42 Kilometern in vier Stunden verbraucht bei einem Körpergewicht von 75 kg etwa 4000 Kalorien. Ein Stück Würfelzucker hat 12. Haben Sie schon mal hundert Gramm reinen Zucker zu sich genommen? Dann hätten Sie ein Zehntel des Bedarfs eines Marathonlaufs gedeckt. Zum Glück ist das Problem dadurch abgemildert, daß bei leichter bis mittelschwerer Belastung die Muskulatur Fett und Zucker in gleichen Teilen verbrennt. Trotzdem ist es unmöglich, mehr als nur einen kleinen Teil der verbrauchten Kohlenhydrate während des Laufs aufzustocken. Denn man setzt sich ja nicht gemütlich hin, um einen Teller Pasta zu verspeisen. Man läuft. Man ißt und läuft dabei. Der Oberkörper wackelt. Der Sauerstoffbedarf ist höher als am Mittagstisch. Man muß Atmen und Schlucken irgendwie koordinieren. Kurz, Essen während des Laufs ist unbequem, anstrengend und nervtötend. Vom Geschmack eines Energiegels zu schweigen. Weshalb ich es normalerweise lasse. Bei meinem Körpergewicht reichen meine Glykogenreserven für die volle Strecke – knapp.

„Und wozu soll das gut sein?“
Indessen fühlt es sich aber nicht danach an. Ich werde langsamer, die Zeit überholt mich. Unter zehn Kilometer noch, normalerweise befällt mich an diesem Punkt ein vorauseilendes Hochgefühl. Heute nicht. Heute muß ich mich von dem Traum verabschieden, unter 3:40 zu bleiben. Ich versuche zu berechnen, wie schnell ich den Rest laufen müßte, um es noch zu schaffen, aber mein Gehirn ist zu umnebelt, ich kann mich auf einfachste Aufgaben nicht mehr konzentrieren. Ich kann nur noch eins: weiterlaufen. Und auch das nicht mehr besonders flink. Ich weiß aber auch so: 3:39:59 ist nicht zu schaffen.

Es fällt schwer, etwas so Zeitraubendes, Anstrengendes, Schmerzhaftes vor anderen zu rechtfertigen, wenn man damit nicht einmal Erfolg hat. Und Erfolg, daß heißt natürlich: Sieg. Am besten, man verdient sein Geld damit, dann braucht man gar nichts weiter zu begründen. Geld ist die Begründung für alles, die beste Erklärung für vieles, und für manches die einzige, die verstanden wird. Außer der Gesundheit natürlich. Ich muß ja laufen, ich lebe davon. Ich muß laufen, der Arzt hat es angeordnet. Ach so, ja dann! Dafür müßte man dann nicht einmal Erfolg haben. Ja, man dürfte sogar jammern und würde noch bemitleidet. Also wieder eine dieser Tätigkeiten, vom Klavierspielen übers Schreiben bis zum Malkurs an der Volkshochschule: Ich tu’s ja nur für mich, einfach so, ohne Anspruch. Ich finde das, ehrlich gesagt, lächerlich. Warum sollte ich etwas ohne Anspruch tun? Warum sollte ich beim Mittelmäßigen stehenbleiben?

Und so blicke ich auf von mir so genannte Spaß- oder Freizeitläufer verächtlich herab. Auf Schönwetterläufer, auf Einfach-nur-so-Sportler. Auf stöckeschwingende Spaziergänger, die eine ganz normale Hunderunde zum Walking veredeln. Bluthochdruck kriege ich auch angesichts von Schönwetterschwimmern, die bei Sonnenschein in eitlem Zeitvertreib vor sich hin dümpelnd das Becken bevölkern, während ich, verdammt, Sport machen will. Freie Bahn gefälligst, für Leute, die es ernst meinen. Und da sind wir schon wieder beim Ernst.
Ich spiele nicht. Nie. Was immer ich anfange, tue ich in vollem Ernst. Das ist, wenn Erfolge ausbleiben, schwierig zu vermitteln. Man gerät in Rechtfertigungszwänge, wenn man der Freundin absagt, weil man lieber laufen will. Oder wenn mehrere Stunden des gemeinsamen Wochenendes mit Laufen belegt sind. Wie vermittelt man den erfolglosen Ernst, mit dem man sich dem Laufen widmet? Wie erklärt man ihn Menschen, für die diese Tätigkeit allenfalls unter der Aussicht echten Erfolges, unter der Aussicht des Sieges also, Sinn hätte?
Genauso ist es mit dem Schreiben. Ich schreibe nicht „nur für mich“ oder „einfach nur so“, das Schreiben ist mir bitterer Ernst, Lebensernst. Auch ohne Erfolg ist es mir ernst. Ich ziehe mich nicht, wie die Volkshochschulbesucher, darauf zurück, gar keinen Erfolg anzustreben, im Gegenteil. Keinen Erfolg haben zu wollen, würde bedeuten, es nicht ernst zu meinen. Von außen betrachtet, aus der Sicht derer, die seit Jahren darauf warten, daß da mal was herauskommt bei meiner Schreiberei, ist dieser Ernst völlig unangebracht, die Mühe verschwendet. Ich verrenne mich. Ich jage einem Phantom hinterher. Es gehört nicht mehr zu den allgemein gebilligten Lebenshaltungen, sich für etwas Unerreichbares aufzureiben. Man sucht sich nicht etwas, womit man Erfolg haben will, sondern das, womit man wahrscheinlich Erfolg haben wird. Ein gelingendes Leben bemißt sich heute nur am meßbaren Erfolg. An Studienabschlüssen, an sogenannten Jobs, an Publikationen. Am Einkommen, natürlich, an der Quadratmeterzahl der Doppelhaushälfte. Ich finde das lächerlich, aber für die meisten dürfte ich der Fuchs sein, dem die Trauben zu sauer sind. Mein Lebenserfolg bemißt sich ausschließlich an dem Ernst, mit dem ich dranbleibe. Am Schreiben, am Laufen. Man darf, nein, man muß fragen, warum gerade diese? Erfolglos könntest du mit so vielem anderen auch sein. Warum spielst du nicht Schach? Oder studierst im hunderddrölfzigsten Semester Mathematik, ohne jede Aussicht, jemals den Abschluß zu schaffen? Du könntest auch ein erfolgloser Eiskunstläufer sein, scheitere doch dort mal, das ist mal was anderes.

Ernst also. Alles mit Ernst. Ernst wird es jetzt auch auf der Piste, und zwar ziemlich. Alles hüftabwärts tut weh und schreit nach Ruhe. Muskeln, die sonst nie bis zur Ermüdung beansprucht werden, zeigen mir ihre Existenz an, und sie tun es wehleidig: Bauch- und Rückenmuskulatur, die zwar nicht selber rennen, aber immerhin knapp vier Stunden Halte- und Koordinierungsarbeit leisten müssen. Einzelheiten vom Wegesrand blitzen im Tunnelblick auf. Jugendliche grillen an der Straßenböschung. Absperrkegel, dahinter der Verkehr. Ein merkwürdiger Bau, über den ich mal mit einer Freundin auf einem Spaziergang gestaunt habe. Das war hier, an dieser Kreuzung, vor zwei Monaten, und in diesem Augenblick scheint es ein anderes Zeitalter zu sein. Ich kann nicht mehr denken, ich schaffe es nicht mehr, mich auf Gedichte zu konzentrieren, ich laufe, als ob ich darüber staunen müßte, daß ich es noch kann. Noch einmal trinken, klapper, klapper, klapper fallen die ausgetrunkenen Plastikbecher über den Asphalt.

Ein Anspruch also. Wem will man damit genügen, daß man sich hier quält? An welcher Meßlatte mißt man hier? Jeder halbwegs gesunde Mensch kann 42 km ohne Zeitvorgabe laufen. Die Kunst besteht darin, es in einer gegebenen Zeit zu schaffen. Nach dieser Meßlatte gehöre ich zum besseren Durchschnitt, mehr nicht. Gute Läufer schaffen die Strecke in drei Stunden, sehr gute auch in weniger, in diesem Bereich geht es in den Profisport, der Weltrekord liegt bei knapp über zwei Stunden. Das schaffen viele Menschen nicht einmal mit dem Fahrrad. Ich mit meinen läppischen 3:42 hingegen habe keinerlei Grund, auf irgendeine besondere Leistung zu pochen. Nur unter meinesgleichen darf ich auf Verständnis hoffen, also in Gesellschaft all der Freizeitläufer, die die Distanz in vier, viereinhalb oder gar in fünf Stunden schaffen, und es trotzdem immer wieder tun. Sie wissen, genau wie ich, daß sie niemals erster sein werden (außer vielleicht dereinst mal beim Rollatorlauf, veranstaltet vom Personal der Villa Regenbogen), und trotzdem tun sie es. Warum?

Grenzen
Es könnte mit der Erfahrung von Grenzen zusammenhängen. Wann erleben wir in der heutigen Zeit je die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit? Elementarer noch als das Messen an der Leistung anderer scheint mir das Ausloten dessen zu sein, was der eigene Körper kann. Es versteht sich, daß diese Lotung mit Schmerz verbunden ist. Grenzen sind Gefahr, ihre Überschreitung hätte Schäden zur Folge. Daher warnt der Organismus rechtzeitig: Durch Schmerz und Erschöpfung legt er uns eine Pause nahe. Das Schwierige ist nun, diese Signale zu ignorieren, weiterzulaufen, obwohl jede Körperzelle danach schreit, endlich stehenzubleiben. Grenzen sind eine Frage des Willens, und, ist der Wille stark genug, eine Frage des Schadens, den man bereit ist, zu riskieren. Wer nie auch nur in die Nähe seiner Grenzen gelangt, könnte man sagen, kennt sich nicht selbst. Ein Gang an die Grenzen ist ein Akt der Selbsterkenntnis und damit auch der Selbstbehauptung, der Selbstvergewisserung, der Selbständigkeit, eine Steigerung des Bewußtseins des eigenen Körpers, und, über dessen Grenzen, der eigenen Kraft, aber auch des eigenen Willens. Wieviel ist mein Wille wert angesichts von Schmerz und Erschöpfung? Die eigenen Grenzen auszuforschen ist eine Erkundung von Räumen, die die meisten Menschen ja nie betreten. Man kann sich natürlich fragen: Warum sollten sie auch?

Vielleicht darum: Zum Erkunden von Grenzen gehört auch der Reiz, sie auszudehnen. Erfolg muß nicht immer heißen, Sieger zu sein. Erfolg kann sein, sich aus einem japsenden Fleischkloß, der nach fünf Kilometern aufgeben muß, innerhalb von zwei Monaten in ein gestähltes Bündel aus Nerven, Knochen, Muskeln zu verwandeln, das nach zwanzig Kilometern immer noch weiterlaufen kann. Manchmal höre ich mir geduldig die Klagen von Leuten an, die sich für unsportlich halten. Wie gern, höre ich dann, würde man auch fit sein! Aber nach zwanzig Minuten Laufen habe man keinen Atem mehr. Zwanzig Minuten! Erstlich gehört schnellere Atmung zum Laufen dazu, ebenso wie das Schwitzen. Man nennt das Sport, und wer nicht gern schwitzt, sollte Angeln gehen oder Schach spielen. Außerdem steigt die Atemfrequenz nicht, wenn die Belastung einförmig bleibt. Es geht ja nicht darum, zwanzig Minuten zu sprinten. Aber davon ganz abgesehen, zweitens: Nach zwanzig Minuten ist man ja überhaupt erst warm. Der eigentliche Lauf beginnt erst nach ungefähr einer halben Stunde. Würden diese Leute einfach weiterlaufen, würden sie merken, wie es immer leichter geht. Aber diesen Punkt erreichen die meisten 20-min-Läufer niemals, weil sie weit vorher aufgeben, bevor es interessant wird, vor allem die, die nur auf ärztliche Verordnung laufen, oder weil Januar ist und die Zeitschriften voller Abnehmtips sind. Oh, keine Frage, man kann prima abnehmen, indem man läuft. Es aber nur aus diesem Grund zu tun, obwohl man ansonsten keine Freude daran hat, na ja, das ist ein bißchen so, wie Sex zu haben, um das Risiko für Herzerkrankungen zu senken, das stelle ich mir auch etwas freudlos vor. Ich selbst gehe ja auch nicht Gewichte stemmen. Oder fahre Rad. Oder mache Yoga. Auch nicht, wenn es mir ein Arzt verordnen würde. Selbst nicht, wenn eine Zeitschrift behauptete, damit könne man Haarausfall heilen. Nicht, weil ich nicht daran glauben würde – sondern weil es mir nicht den geringsten Spaß machen würde. Also doch wieder Spaß? Aber verdammt, macht das hier Spaß? Das kann doch nicht sein!

Quintus Horatius Flaccus
Und dann: Sollte man nicht jederzeit an sich arbeiten? Künstlerisch, moralisch, spirituell, somatisch? Sollten wir uns nicht jederzeit bemühen, bessere, tüchtigere, nützlichere und über die Nützlichkeit und Tüchtigkeit glücklichere Menschen zu werden? Ist Gebrauchtwerden nicht eine Form von Glück und wird der Brauchbare Mensch nicht dringlicher gebraucht als der unbrauchbare? Ist es nicht eine Form von Glück, etwas zu können? Und sei es auch etwas so Sinnloses wie die Marathonstrecke zu laufen! Und ist schließlich dieses Bemühen nicht von dem, was wir allenfalls erreichen können, ganz unabhängig zu bewerten? Auch wenn wir keine Mutter Teresa und kein Albert Schweitzer sind – sollten wir dann nicht trotzdem ständig daran arbeiten, na ja, gute Menschen zu sein? Oder tüchtige Menschen? Sollten wir uns nicht bilden und unseren Verstand schärfen, auch wenn wir nicht darauf hoffen dürfen, ein zweiter Albert Einstein oder Sherlock Holmes zu werden? Sollten wir nicht so stark, so schlau, so gut werden, wie es unsere Anlagen hergeben: das Beste von uns fordern, alles, was wir geben können? Auch wenn wir keine perfekten Pädagogen sind, werden wir unsere Kinder so gut erziehen, wie wir nur können. Soll ich also nicht laufen, so gut ich kann, auch wenn ich nie ein zweiter Haile Gebrselassie werde? Schreiben, so gut ich kann, auch wenn die Leistung eines Mann oder Faulkner nicht in mir ist? „Auch wenn du nie die Sehschärfe eines Lynceus erreichen kannst“, schreibt der römische Dichter Horaz, „so wirst du doch dein Auge salben, wenn du eine Bindehautentzündung hast“. Horaz war einer der ersten Selbstoptimierer, könnte man sagen. Um es mit einem anderen Dichter auszudrücken: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.“

Aber die Forderung, besser zu scheitern, gehört zu einer Geisteshaltung, die zu Recht von dem etwas genervten Spruch: Alles wird besser, nichts wird gut kritisiert wird. Oder auch: Das Bessere ist der Feind des Guten. Wer aber Verbesserung fordert, sollte gleich dazusagen, mit welchem Ziel er das tut, andernfalls man bis zum Sankt Nimmerleynstag verbessern, neudeutsch: optimieren kann und auch muß, eine unendliche Forderung, eine unendliche Anstrengung, quasimoralisch, quasireligiös. Du bist schlecht und sündig, du mußt ständig gegen dich selbst und deine verdorbene Natur kämpfen, unablässig an dir arbeiten, aber glaube ja nicht, daß du es je schaffen wirst! Schaffen, was soll denn das heißen? Daß du ein guter Mensch wirst, endlich? Vergiß es! Schon die Freude über einen winzigen Teilerfolg gegen die Sünde ist bereits eine neue. – Das ist Totalitarismus. Der Erfolg liegt in einer unbestimmten Zukunft. Unsere Ur-Enkel werden den Erfolg der absurden Fünf-Jahres-Pläne ernten. Im Jenseits wirst du die ewige Glückseligkeit erlangen, wenn du nur genug bereust, daß du gegen die Sünde nicht angekommen bist. Denn natürlich hast du dich nicht genug angestrengt, niemals. (Und bis dahin, bis zum transzendenten Erfolg, schufte gefälligst für uns, das System.)
Der Sieg, mein unerreichbarer Sieg gegen tausend weitere Läufer, ist er die Sündenfreiheit, die ich niemals erlangen werde. Ist die Ziellinie eine Art von Absolution?

Zen
Ich stemme keine Gewichte, ich spiele kein Klavier. Ich könnte so vieles, vielleicht, aber ich behalte mir einstweilen vor, zu tun, was mir Spaß macht. Also doch Spaß? Macht das Spaß, gegen die Zeit anlaufen und wissen, man wird verlieren? Oder gibt es doch so etwas wie selbstbelohnendes Tun, auch ohne Spaß? In Axel Brauns Buch Buntschatten und Fledermäuse gibt es eine schöne Episode, wo es um die von außen betrachtet erbärmlichen Fortschritte des (an Autismus erkrankten) Erzählers im Flötenspiel geht. Als endlich auffliegt, daß der Schüler in zwei Jahren Unterricht praktisch nichts gelernt hat, wollen ihn die Eltern aus dem Unterricht nehmen. Für den kleinen Axel eine Katastrophe. Seine Eltern, schreibt er, hätten nicht verstanden, worum es bei dem Flötenunterricht eigentlich gegangen sei. Nämlich um die gleichbleibende Struktur des ganzen Ablaufs, vom Hinweg über die eigentliche Unterrichtsstunde bis zum Abgeholtwerden und zum Rückweg, eine Struktur, die Halt gibt, Periodizität aufweist, vertraut ist; und in der das Kind sich wohlfühlt. Das Zuhausesein in Strukturen, Abläufen, Prozessen. Das Tun als etwas, das sich Minute für Minute selbst belohnt.

Belohnt sich diese Schinderei aus heißem Atem, Schweiß, wundgeriebenen Hautstellen, schmerzenden Muskeln und Gelenken, belohnt sich diese Tortur, die aufrechtzuerhalten man alle Willensstärke braucht, wirklich selbst? Aber wenn es hier nichts zu gewinnen gibt, was bleibt sonst, als die Belohnung im Tun selbst zu suchen? In der Belohnung, es geschafft zu haben? Ich werde langsamer und langsamer. Am Straßenrand Narzissen, ich sehe sie kaum. Zwei Mädchen schlendern vorbei, unbeteiligte Spaziergängerinnen. Die Mädchen sind hübsch, in ihrem Haar fängt sich Sonnenlicht, ich habe keine Kraft, es zu bewundern, obwohl ich die Schönheit registriere. Wie gerne wäre ich jetzt auch unbeteiligt. Würde mich zu den hübschen Mädchen ins Böschungsgras setzen. Wie würden sie mich wohl wahrnehmen, einen wundgelaufenen, naßgeschwitzten Mann, nicht mehr ganz jung und in diesem Moment ganz gewiß nicht wohlriechend. Warum macht der das, was will sich dieser Halbgreis noch beweisen? Ist das einer von diesen Midlife-Crisis-Patienten, die es noch einmal krachen lassen wollen? So sehe ich mich plötzlich mit den fremden, schönen Augen, und komme mir unendlich peinlich vor.

Laß die doch denken, was sie wollen. Ich werde jedenfalls nicht aufgeben, niemals, Midlife hin oder her. So kurz vor dem Ziel, das wäre ja lächerlich. Aufgeben bedeutet: Ich kann nicht mehr. Davon kann keine Rede sein. Ich hätte es jetzt nur gern hinter mir. Zum zweiten Mal taucht in der Tiefe der Adenauerallee das Schloß auf. Museum König. Auswärtiges Amt. Gleich um die Ecke wohnt eine ehemalige Nachhilfeschülerin von mir. Ich forciere das Tempo, und erstaunlich: es geht. Es geht, weil ich die Entfernung unterschätze. Es sind noch zwei Kilometer. Das Ziel ist nicht, wo ich es vermutet habe, sondern eine weitere Runde durch die Innenstadt entfernt. Dichter jetzt die Zuschauer, lauter das Rufen und Klatschen. „Das sieht noch gut aus!“ ruft mir jemand zu, und ich denke, du hast keine Ahnung.

In diesen Momenten, gegen Ende der Strecke, vergleiche ich oft Entfernungen. Bei Kilometer 30 etwa denke ich, noch zwölf Kilometer, Moment, das ist von zu Hause hoch zur ehemaligen Kiesgrube, über die Roisdorfer Hufebahn in den Wald zur breiten Allee, eine Abzweigung weiter und über den Kamelleboom zurück. Ich versetze mich in eine völlig andere Laufsituation und versuche, aus dieser oft geübten Situation Kraft und Zuversicht zu ziehen. Denn allermeistens, wenn ich laufe, geht es nicht um die Marathonstrecke, nicht um den Wettkampf, nicht um Training, nicht um Sport, sondern: ums Laufen.

Etwas ganz anderes, anderswo
Laufen. Um sechs Uhr früh durch den erwachenden Wald. Es wird eben hell, das junge Grün der Bäume quillt aus der Fläche des Dunkels, marmoriert vom Weiß der blühenden Schlehen und Weißdornsträucher. Auf der Schulter balanciert man noch einen Viertelmond, während hinter den Hecken das erste Rebhuhn knarrt. Die Wege sind wie verebbendes Kielwasser sehr langsamer Schiffe, die längst heimgekehrt sind in ihren Tageshafen. Ein Gewebe von Stimmen durchwirkt die Räume des Waldes, Amsel, Singdrossel, Meisen, Rotkehlchen, Grasmücken. Die Luft ist kühl und transparent wie gespannte Haut, in den Pfützen liegen satte Schatten, überall riecht es nach Frieden. Laufen, ohne zu denken, laufen, und dabei intensiv denken, laufen, und dabei nichts, aber gar nichts wollen. Eine halbe Stunde später geht die Sonne auf, ein gestelztes Flimmern zwischen nachdenklichen Stämmen. Mäuse rascheln. Rehe bellen verhalten in der Tiefe des Unterholzes. Ich bin allein, der Morgen gehört sich selbst, so begegnen wir uns, der Tag und ich. Meine Stoppuhr ist mir egal. Die Geschwindigkeit ist mir egal. Die Kilometer sind mir egal, Hauptsache, ich muß noch lange nicht wieder nach Hause. Freude, Freude ist das. Kein Spaß, Freude. Die Freude, in der Welt zu sein und laufen zu können und nichts anderes zu wollen als das, was jetzt ist: Diesen Wald, diesen Weg, diesen Nebelstreif, diesen Tau auf den geschlossenen Köpfen der Buschwindröschen, diese Sonne, diesen Himmel, die wechselnden Geographien der Luft, und dieses Ich, in dem sich das alles trifft.

Jetzt aber hier
Aber weder Spaß noch Freude sind Begriffe, die das hier, am Ende der Zweiundvierzig Kilometer, an ihrem harten, unverhandelbaren, brutalen Ende, erfassen können. Es geht hier nicht mehr um Spaß. Es geht ganz allgemein nicht mehr um so etwas wie gute oder schlechte Empfindungen. Sondern nur noch ums Empfinden. Es geht um Dinge, die weit jenseits von Freude oder Verdruß oder Jubel oder Schmerz liegen. Jammer, Ekstase, Tränen. Himmlisches Entzücken. Das Extreme in der Nähe des Selbst. Durch den Schmerz hindurchgehen, neu geboren werden. Eine Hülle abwerfen, ein abgelebtes, schmutziges, schwaches früheres Ich. Sengende Berührung von Engeln. Reinigung durch Feuer, Flammen, Eisen. Hitze, Fieber, Durst, Glut und Schweiß. Ausbrennen von allem, was unrein ist in dir. Schwitze alles Dunkle aus, allen Dreck, allen Eiter, alle Fäulnis, atme dich von allem leer, was klebrig ist und stinkend, laß allen Kot hinter dir, alle üblen Gedanken, alle Ängste, allen Ärger, alle Mißgunst, jeden Haß, laufe, laufe durch alles, was Böse ist in dir, einfach hindurch, laufe, laufe zum Licht, zur Erlösung, zur Reinheit, zur Liebe, stirb.

Und werde.

Und dann, ich weiß nicht wie, ist es vorbei. Um mich her wogt der Lärm des Sieges. Jeder, heißt es in einer Art Trostpflaster für die Plebejer des Laufens, jeder, der seinen Körper dazu gebracht hat, die Marathonstrecke zu laufen, ist ein Sieger. Und so wimmelt es hier im Zielbereich halt von Siegern, von schwitzenden, humpelnden, das Gesicht verziehenden Siegern. Von athletischen, pummeligen, jugendlichen, greisen, von strahlenden, grinsenden, zähnefletschenden, hohlwangigen Gewinnern, der DB-Schalterbeamte, die Fachverkäuferin für Damenwäsche und der ganze Rest, wir haben es geschafft, und genau so sehen wir aus. Würstchen zischen, Leute plaudern, vom Zielbereich her dringen unverständliche Lautsprecherworte und Musikgestampf herüber. Volksfest. Die Tulpen und Narzissen leuchten. Es riecht nach Grillkohle, nach Schweineschwarte, Bier, Butter und Waffelfett. Ich sitze im für Teilnehmer vorbehaltenen Bezirk auf einer Bordsteinkante und trinke mein alkoholfreies Weizen. Alles an mir schmerzt. In den Zehen pocht es. Es ist zwei Uhr, die Mittagssonne wärmt mir den verschwitzten Leib. Hinter den ergrünenden Kastanien hängt eine feuergesäumte Wolkenwand. Mein Gesicht fühlt sich steif an. Stimmen fliegen hin und her, Gesprächsfetzen: „Bei km 38 hab ich tatsächlich gedacht, ich schaff’s diesmal nicht …“. „Die zweite Runde kam mir härter vor, aber dann …“. „Das Wetter war ja schon fast zu warm, aber …“. So wird überall der Lauf bereits Geschichte, Erzählung, Anekdote, abgehakt, verklärt, verdichtet, verflucht. Wenige Bilder werden bleiben, Bilder, und das, was man sich jetzt hier erzählt, und was, richtig oder falsch, sich zu den jeweiligen persönlichen Legenden über diesen Lauf, als seine unverrückbaren Wahrheiten verfestigen wird. „Hast du solminore gesehen, der ist ja abgegangen wie eine Rakete!“ Ich horche auf, sehe mich um, aber dann hat es wohl doch niemand gesagt. Ich blinzle ins Frühlingslicht.
Es ist vorbei.
Vorbei.

Glücklich
Die Frage bleibt offen: Warum habe ich das gemacht? Warum mache ich das?
Ich erinnere mich an einen Moment, bei Kilometer 27 oder 28, beim Einbiegen zum Flußufer, wo ich dachte: Und wieder. Und wieder und wieder und wieder. Du wirst es wieder schaffen, wieder einmal. Du wirst wieder einmal nicht Sieger gewesen sein, und selbst wenn. Das würde dir auch nicht helfen. Du wirst nicht einmal besonders stolz sein, auf nichts. Du wirst erleichtert sein, daß du es geschafft hast, du wirst erleichtert sein, daß du es noch kannst, daß Krankheit, Alter und Verfall noch keine Macht über dich haben. Noch nicht. Und so wirst du eben weiterlaufen, weiterhumpeln, weiterkriechen. So gut du es eben kannst. So lange es noch geht. Vielleicht wirst du später mal für kurze Zeit bewundert werden, wenn du davon erzählst, vielleicht wird man dich dafür anstaunen, daß du ein paar Jahre lang regelmäßig Marathon gelaufen bist. Aber niemand, der es nicht selbst getan hat, wird wissen, wie es war; oder dich verstehen. Vielleicht wirst du bis dahin noch viele, viele Male über die Ziellinie laufen, durch die Gasse klatschender, pfeifender, jubelnder Menschen, die dir zurufen, daß du noch gut aussiehst, und für einen Moment wirst du dich der Illusion hingeben dürfen, daß ihr Jubel dich meint, dich. Vielleicht wirst du die 3:30 noch schaffen, bevor das Alter, die Kreuzschmerzen, die Arthrose, der geschrottete Meniskus, der Herzklappenfehler dich ein für allemal aus der Bahn kegeln. Und vielleicht wirst du sogar so etwas wie einen kurzen Triumph fühlen, wenn die RFID-Matte mit einem schrillen Pfeifen dein Transpondersignal abliest, deine Zeit abnimmt, und es wieder mal geschafft ist, zweiundvierzig Kilometer hinter dir liegen, einen kurzen Triumph, Sieger gewesen zu sein wenigstens über dich selbst, einen Triumph, den du vor Erschöpfung gar nicht richtig genießt. Vielleicht wirst du einmal mit Wehmut auf diese Zeit blicken, auf diesen Lauf, wo du dir nichts sehnlicher gewünscht hast, als daß es vorbei sein möge. Und dann wirst du genau diese Sehnsucht, diese Erschöpfung, dieses Ich-kann-nicht-mehr vermissen.
Nur eins wirst du niemals sein, weder beim Laufen noch danach.

Glücklich.

Und so sitze ich im Gras zwischen den lustigen Stimmen, bis in die Seele hinein erschöpft, entleert, Sieger über mich selbst, bis zur Niederlage besiegt.

Stillen (1)

Wie ein Gestrüpp fühlt sich an, was sich in all den Jahren, seit mir das Schreiben zur Gewohnheit geworden, an Worten angesammelt hat. Nichts davon verschwindet ja wieder, jedes einzelne Wort, jedes Syntagma, jede Kongruenz, jede flektivische Konstruktion bleibt bewahrt. Und nicht nur bleibt sie bewahrt, bleibt sie als Gedächtnis auf Festplatten, CDs, Flashspeichern oder Servern, auf Briefpapier, in Kladden und unzähligen Notizzetteln: Ich kann den Rechner ausschalten, die Kladden schließen, die Zettel wegsperren, jedes Stück Papier in Schubladen verschwinden lassen: Die Worte bleiben da. Sie bleiben in mir. Schlimmer noch: Sie enthalten immer schon weitere Wörter als projizierte Möglichkeiten, junge Triebe am äußersten Rand des Wurzelfilzes. Warum überhaupt schreiben? Sollte ich nicht lieber etwas anderes tun? Ich habe das Gefühl, zu ersticken an all den Wörtern. Und mit jedem Wort, das ich schreibe, wird alles noch schlimmer. Ich fühle mich überwuchert, umwachsen von Gestrüpp, das mich lähmt, und mit jedem Wort verheddere ich mich noch heilloser. Ich gehe spazieren und formuliere. Ich sitze auf der Kloschüssel und wende Worte. Noch beim Einschlafen kann ich es nicht lassen, gibt es keine Stille, keine Freiheit von Wörtern. Keine Freiheit von Zeichen.
Es wird immer so weitergehen. Noch mehr und noch mehr Wörter. Manchmal verspüre ich den Impuls, das Gestrüpp mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Ich sehne mich nach einem weißen Blatt.
Nach einem weichen, schwarzen Bleistift.
Ich sehne mich danach, Blatt und Bleistift zu betrachten: Wie der Schatten der Maisonne vom Stift schräg einen Schatten aufs Papier zieht; wie das Papier im flachen Licht rauh erscheint, wie mit feinem Salz besprenkelt; wie der Schatten um den Stift herumgleitet, während die geschärfte Graphitspitze aufschimmert, wieder erlischt. Die winzigen Holzsplitter. Der leuchtende Lack. Die scharfen Ränder des Papierbogens.
Im Nacken ein Buchfink, der nicht weiß, was er tut, wenn er singt, so daß ich es hören kann.
Ich sehne mich danach, zu schauen und zu hören und keinerlei Worte zu haben für diesen Augenblick.

Für später, für jetzt, für alle Tage

Quibus enim nihil est in ipsis opis ad bene beateque vivendum, eis omnis aetas gravis est; qui autem omnia bona a se ipsi petunt, eis nihil malum potest videri quod naturae necessitas adferat. Quo in genere est in primis senectus, quam ut adipiscantur omnes optant, eandem accusant adeptam; tanta est stultitiae inconstantia atque perversitas. Obrepere aiunt eam citius, quam putassent. Primum quis coegit eos falsum putare? Qui enim citius adulescentiae senectus quam pueritiae adulescentia obrepit? Deinde qui minus gravis esset eis senectus, si octingentesimum annum agerent quam si octogesimum? Praeterita enim aetas quamvis longa cum effluxisset, nulla consolatio permulcere posset stultam senectutem.

Denn die nichts an Reichtum in sich finden, der ihnen zu einem guten Leben verhelfen würde, denen fällt jedes Lebensalter schwer. Die aber jedes Gut in sich selbst suchen, denen kann nichts als Übel erscheinen, was die Notwendigkeit der Natur mit sich bringt. Unter diesen Dingen ist besonders das Alter zu nennen: Alle wollen es erreichen und verfluchen es doch, wenn sie’s erreicht haben. So groß ist die Inkonsequenz und Verdrehtheit der Dummen. Dann sagt man, das Alter sei schneller herangeschlichen als geglaubt. Darauf ist erstens zu sagen: Wer hat denn diese Leute gezwungen, etwas Falsches zu glauben? Denn wie könnte Wie sollte sich denn das Greisenalter schneller ans Erwachsenenalter anschleichen als das Erwachsenenalter an die Kindheit? Und zweitens: Wie könnte sollte einem nach achthundert Jahren das Greisenalter weniger beschwerlich sein als nach achzig? Denn Ganz gleich wie lang die Lebensspanne auch wäre – einmal verflossen, könnte sie ja dem Dummen im Alter doch zu keinerlei Trost gereichen.

(Cicero, Cato Maior De Senectute, 4)

5.5.13

Mauersegler ritzen ihre Stimmen ins Blaue des Schlafs, wickeln Träume aus Wasserpapier, rufen nach steinigem Licht. Später begibt sich der Buchfink an die Arbeit. Die Stunden tanzen nach seinen Strophen. Der Morgen ist für niemanden prachtvoll außer für sich selbst, ist für niemanden da, enthält sich selbst. Die Straßen: entleert. Die Häuser: in blindem Schlaf. In den Bäumen hocken Geheimnisse der Nacht. Die Welt ist bei sich. Darin erheben die Vögel ihre Stimmen. Sie kennen den Sinn von allem. Aber sie verraten ihn niemandem, singen ihn nur einander zu.

*****

Ich wünsche mir, daß es eine Seele gibt.

*****

Die schlechten Gedanken auslösen mit den guten. Nicht: sie verdrängen. Sondern, was du allzuoft gedacht und durchdrungen hast, bis es dir so weh tat, daß du dir selbst fremd wurdest, eintauschen und einlösen gegen die, in denen du dich wiederfinden und wohnen kannst. Nicht du bist der Gefangene deiner Gedanken; die Gedanken sind deine Gefangenen. Du hast lange genug unter ihnen gelitten; mach die Tür auf, schick sie fort, laß sie frei.

39.4.13

Zeile für Zeile dagegen anschreiben. Gegen die Pflicht, einen Morgen zu haben, gegen die Vögel, gegen die Zahl der Stunden; noch das Licht abzuschaffen suchen mit Rede und Schrift. Worauf treten und stehen, was würde sonst halten, wenn nicht die Worte, über die man geht wie über brüchiges Eis. Überall sind die Haarrisse zu sehen. Der Abgrund schaut durch, die Finsternis. Die Straßen wissen alle viel zu genau, wohin. Sie summen, sie laufen. Laufen. Ich wende mich ab, ins Dunkle der Hinterhöfe dieses Morgens, zu Flaschengeklirr und dem Tasten von Spinnen. Kellerasseln sind meine lustige Gesellschaft, mit ihren Augen voll Vergessen. Zeile um Zeile etwas gegen diesen Morgen setzen, der mir meine Erinnerungen aufzählt. Diese Stunden und Tage. der Versuch scheitert, tagtäglich, ihnen etwas von ihrer Selbstverständlichkeit zu nehmen, dieser Augenblicke, die sich ständig selbst behaupten und in denen ich, ohne daß ich es will, mich festkralle, während das Licht, dieses glatte und schlüpfrige Licht, mich immer wieder abschütteln will.

Zum Abend

Wieder und wieder die Traurigkeit des Abends, wie die Stimmen sich verlieren, die Farben zerbrechen und absterben, wie die Blüten an sich selbst krank werden, die Straßen an die Häuser branden, in Unfrieden auseinandergehen. Da ist wieder der Drang, vor dir selbst wegzulaufen. Ein umgekehrter Horizont, ein nach außen gerichteter Sog, zentripetal aus der Mitte weg. Wohin? Weg. Nichts, was du schauen könntest, könntest du schauen ohne einer zu sein, der schaut. Wer immer das wäre, du würdest ich zu ihm sagen. Du kannst dir nicht entkommen, lauf, wie du willst. Es gibt kein Meer für dich, keine Insel, keinen Strom. Es wird nur immer und immer wieder einen Abend geben, der dich enthält und doch nein zu dir sagt.

Martial, 5,58

Morgen, sagst du, Postumus, immer, werdest du leben:
sage mir, Postumus, wann ist dieses Morgen denn da?
Ach, wie fern ist dies Morgen! Wo ist es? Wo soll man es suchen?
Ob bei den Parthern es sich oder Armeniern versteckt?
Dieses Morgen hat schon das Alter von Priam’ und Nestor.
Sag’ mir, für welchen Betrag steht dieses Morgen zum Kauf?
Morgen erst? Schon ist’s zu spät, mein Postumus, heute zu leben:
Weise, Postumus ist, welcher schon gestern gelebt.

Martial, 5,58

Cras te victurum, cras dicis, Postume, semper:
dic mihi, cras istud, Postume, quando venit?
Quam longe cras istud! ubi est? aut unde petendum?
Numquid apud Parthos Armeniosque latet?
Iam cras istud habet Priami vel Nestoris annos.
Cras istud quanti, dic mihi, possit emi?
Cras vives? Hodie iam vivere, Postume, serum est:
ille sapit quisquis, Postume, vixit heri.