Μίκης

In seiner Musik, den Liedern, von seiner eigenen rauchigen und doch notensicheren Stimme vorgetragen, den Oratorien, dem Canto General, war er stets eine freundliche Anwesenheit in meinem Leben. Es ist eines, die Musik eines lebenden Menschen zu hören; zu wissen, der Schöpfer dieser Melodie, er lebt und atmet und denkt und spielt vielleicht in diesem Moment fern von dir Klavier und ersinnt eine Melodie, die du nächstes Jahr zu deiner Freude hören wirst; diese Musik schreibt noch ihre eigene Geschichte fort. Sie ist noch in Bewegung als Ausgangspunkt und Aussicht. Sie ist noch nicht fertig, in keiner ihrer fixierten und zigmal gespielten Noten. Sie weist über sich selbst hinaus, auf Noch-Kommendes. — Etwas anderes, wenn dieser Schöpfer stirbt. Dann wird seine Musik zu etwas Kanonischem, aus dem heraus keine Entwicklung mehr möglich ist. Das Werk, es liegt vor, abgeschlossen; vollendet oder unvollendet wie es ist, so oder so: abgeschlossen. Und dann ist es, als würde auch die eigene Erinnerung, als würden auch die Stunden, deren Gedächtnis mit der Musik dieses Schöpfers verknüpft sind, ihrerseits ins Konservierte und Museale entrückt, fänden, auch sie, ihren Abschluß mit dem Tode dessen, der die verstrichenen Momente begleitet hat und immer weiter begleitete, bis er es nicht mehr konnte. Im Nachhinein sind jetzt diese Momente alle von ihm, dem großen Sänger, verlassen.
(14.10.2021)

Wenn mich das schlechte Gewissen plagt, daß ich schon wieder nichts schreibe, nichts geschrieben habe, die Kiste ausbleibt, der Schirm dunkel, dann muß ich mir den mildernden Umstand selbst einräumen, daß ja alles, was ich tue, letztlich schreiben ist. Auch ein Lauf durch den Wald ist Schreiben, eine Wanderung, es ist falsch, dieses Zeitverbringen gegen das Sitzen vor der Tastatur auszuspielen, als ob jenes gegenüber diesem weniger wert wäre. Denn das meiste, was ich schreibe, ist eben nicht am Schirm erdacht. Am Schirm ist vielleicht formuliert, was indes andernorts, in Situationen, die ich gar nicht als Arbeit im eigentlichen Sinn mir zugute halte, er- und durchdacht, ausgesponnen oder schlichtweg gefunden und aufgesammelt worden ist. Das hat etwas Zufälliges (man könnte auch sagen, Schicksalhaftes), aber ist nicht jede schaffende Tätigkeit vom Zufall bestimmt und gelenkt, vom Zufall nämlich: des Einfalls. Denn selten löst intensives Nachdenken ein Problem. Leider.

Böschung. Hürxberg

Etwas, das mir nicht mehr gehört. Ein Nachholen und Besinnen. Schon bevor es vorbei ist, die Versuche der aneignenden Rekonstruktion. Reflex des Zurückholens. Die Symptome sind die des schon seit der frühen Kindheit vertrauten Abschieds, als ich lernen mußte, daß jede schöne Zeit erst dann als schön greifbar wird, wenn sie vorbei ist, also nur in der Trauer, im Verlust möglich ist; sie sind gewachsen, seitdem, die Abschiede und Erkenntnisse, und nie war ein Abschied größer und jeglicher Aussicht der Rückkehr, Rekonstruktion und Wiederholung barer als der, der bevorsteht, eher früher als später. Für später ist nur noch wenig Zeit. Angesichts dieses drohenden Abschieds erscheint es mir unbegreiflich, wie Menschen Heimat problematisch finden können. Ich weiß, wo ich zu Hause bin, habe es immer gewußt.

Böschung. Hürxberg

“Schön, hier zu sein”, rufe ich aus und breite die Arme aus, um Mutter und Vater zu umarmen. Und später, nach dem Essen, schaue ich gedankenverloren den Leuchter überm Eßtisch an, da zirkuliert schon das Bier angenehm schläfrig durch die warmen Glieder, und denke, vollkommenes Glück. Doch kein solcher Gedanke ist mehr für sich gültig, jeder dieser Momente trägt ein ungutes Wasserzeichen, das Bild seines dämonischen Gegenteils. Der Gedanke Wie lange noch?, er folgt nicht dem Glücksgedenken auf dem Fuß, er ist das Glücksgedenken selbst, seine Rückseite, sein zweites Gesicht am Hinterkopf, das das Glück nie mehr loswird, auch nicht für einen gedankenverlorenen Moment. Beim Zubettgehen sehe ich den Regendunst vom angestrahlten Kirchturm illuminiert, das Zimmer schließt sich um mich wie eine besänftigende Decke und ist in diesem Moment mehr als dieses Zimmer, ist alle Zimmer, in denen ich in der Vergangenheit hier gelegen habe, zusammen, die ganze, lange Reihe von Abenden, da ich hier nach einer anstrengenden Bahnreise zu Bett ging und glücklich war, alle diese Zimmer über- und ineinander, und auch da befällt mich die gleiche Trauer, die Trauer, die in dem Blick zurück liegt auf die Reihe der Abende, ein Standpunkt, der plötzlich ans Ende gerutscht ist und von dort alles im Blick hat, was war und schön war. Ein hoher, kühler Punkt ist das, und es könnte einem schwindelig werden von dieser Warte aus.

Noch einmal Ehe und Verantwortungsgemeinschaft

Bevor man über die Erweiterung der Ehe auf mehr als zwei Personen nachdenkt, könnte man erst mal nach dem Sinn der Einrichtung, wie sie jetzt geregelt ist, fragen. Dazu gibt es zwei Zwecke, einen alten (patriarchalen) und einen modernen, die sich im Institut der Ehe abgelöst haben, ohne daß das die äußere Form der Ehe berührt hätte. Die Ehe ist immer noch das, was sie vor zweihundert Jahren war: ein zivilrechtlich abgesichertes, verbrieftes Bündnis zwischen zwei Menschen, bis vor kurzem einem Mann und einer Frau. Ihr Zweck freilich ist heute ein ganz anderer geworden. Machen wir uns nichts vor: Ursprünglich bestand der darin, Männern Kontrolle über die Nachkommenschaft ihrer Frauen zu verschaffen. Dem Mann umgekehrt sollten gewisse Pflichten auferlegt werden, um die Frau in ihrer verordneten Hilflosigkeit nicht allein zu lassen und vor allem den gemeinsamen Nachwuchs zu schützen. Das hatte mit Freiheit oder Gerechtigkeit nichts zu tun, hat aber über Jahrhunderte funktioniert. (Was passierte, wenn es mal nicht funktionierte oder wenn Frauen sich gegen diese Ordnung auflehnten, davon zeugen, von Anna Karenina über Tess of the d’Urbervilles bis Effi Briest, unzählige Romane.) Von diesem ursprünglichen Zweck ist heute außer dem Schutz der Nachkommenschaft nichts mehr geblieben. Aber auch bei diesem ist ein Wandel hinter der Fassade der äußerlich unangetasteten Einrichtung festzustellen, denn immer mehr verheiratete Paare bleiben kinderlos. Was aber wird geschützt bei einem Paar wohlhabender Doppelverdiener ohne Kinder? Vollends losgelöst von der ursprünglichen Motivation ist die Ehe gleichgeschlechtlicher Menschen. Als schützenswertes Gut bleibt nur noch die Liebesbeziehung der beiden autonomen, aufeinander in keiner Weise angewiesenen Menschen. Warum aber sollte dieses, Entschuldigung, Privatvergnügen schützenswert sein? Erst mit der Schwangerschaft (oder Adoption) wird aus dem Privatvergnügen ein öffentliches Gut, das den Schutz durch Gesetze verlangt. Das wäre die eine Sicht der Dinge. Man kann aber auch umgekehrt fragen: Wenn die Liebesbeziehung zweier Menschen vor dem Gesetz eben doch schützenswert sein sollte — warum dann nicht auch andere Beziehungsformen wie die Freundschaft oder die Wohngemeinschaft? Oder umgekehrt formuliert: Wer prüft denn, ob überhaupt eine Liebesbeziehung vorliegt? Es müssen nur zwei die Ehe wollen; welche Gefühle sie verbinden, interessiert das Standesamt nicht. Unter diesen Voraussetzungen erscheint dann aber die Beschränkung auf zwei Menschen, die ja ihren Ursprung in der unumstößlichen Tatsache hat, daß es zwei Menschen braucht, um ein Kind zu zeugen, willkürlich, ja eigentlich nur noch als Reflex aus der Zeit, als die Ehe ein Schutzraum für Mann und Frau zwecks Zeugung von Nachkommen war. Wenn sie sich aber aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst hat, wäre es endlich an der Zeit, die Ehe völlig neu zu denken.

Gemeinschaft, Verantwortungs~

Gestern (7.2.) im Zwischenruf auf WDR3 Kritik von Peter Meisenberg über das Gesetzesvorhaben der sogenannten Verantwortungsgemeinschaft. Damit ist die Ausweitung der Ehegemeinschaft als Bündnis zweier Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen und auch vor dem Gesetz zusammengehören wollen, auf Gruppen von mehr als zwei Partnern gemeint. Meisenberg spricht in diesem Zusammenhang von der “Verrechtlichung der Freundschaft” (wobei er außer Acht läßt, daß es ja auch im Falle von mehr als zwei Personen Liebe und das Bedürfnis nach Nachkommenschaft sein könnte) und kritisiert, daß damit das bislang freie, ungeregelte, allein auf dem Vertrauen und dem guten Willen der beteiligten Personen basierende Institut der Freundschaft einer Regulierung und einem juristischen Regelwerk unterworfen werde, das die Freunde, die bislang freiwillig füreinander einträten, zur Verantwortung auch zwingen könne. Was werde geschützt, wenn man die Freundschaft unter den Schutz des Gesetzes stelle? Doch nur die Freunde voreinander. Auch verleite ein solches Institut dazu, Zweckgemeinschaften einzugehen und sich seine Freunde nach dem Kriterium finanzieller Absicherung oder sozialen Aufstiegs auszusuchen. So weit Meisenberg. Nur: Gilt das alles nicht auch und noch viel schärfer für die traditionelle Ehe? Meisenberg übersieht, daß die Ehe auch nur eine Verrechtlichung der (geschlechtlichen) Liebe ist.

Temps perdu

Vier Tage Rödeldorf, vier Tage Live-Rollenspiel. Das Stück: der Alltag vor der Pandemie. Daß ich im Büro ganz alleine bin, ist das einzige äußerliche Zeichen, daß dies hier nur Simulation ist. Wie Urlaub fühlt sich an, was einmal Alltag war. Und endlich fehlt einmal Zeit für Melancholie. Die Abfahrtstafeln der Straßenbahn, das Öffnen und Schließen der Jalousie im Büro, das Surren des Druckers, abends der Schlüssel in der Wohnungstür, das setzt Markierungen in die Landschaft eines Tages, macht die Zeit steuerbar. Ablenkung von der Grübelei. Die Stunden stemmen sich nicht gegen das Bewußtsein, sie bieten sich an als kleine Präsente für erfreuliche Gedanken, die sich in der Ruhe das Abends einfinden. Natürlich war der Alltag nie so, war ja nie Unterbrechung. Aber mit seinen Ordnungen, seinen Forderungen und Angeboten, konnte er, der vielgeschmähte Alltag, gerade dadurch, daß er eben All-, der Hintergrund von allem war und gar nicht erst ins Bewußtsein trat, seine positive Wirkung entfalten. Die man gewöhnlich, da für selbstverständlich genommen, nicht genug würdigt.

Delta. Hürxberg

Kaffee in der Morgenstille, mit den erschlafften Dunkelheiten, von oben, im Berg wurzelnd. Die Fenster spüren das Gewicht, die Spiegelungen darin sind müde, zerstreut. Gleich wird der Wald aus den Straßen weichen und seinen Platz oben auf dem Hügelkamm wieder einnehmen. Aus den Brunnen werden die Türme steigen, eine glücksbringende Münze auf der gefaßten Stirn.

Böschung

Ausgeklammerte Wege, aus der Steigung rollen die Pfade zurück, die spielenden Laternen nach Hause geschickt. Der Himmel, eben noch so mühsam herbeikonstruiert, zerfällt in den Pfützen zu Schlamm. Kalte Wangen, tonnenweise Luft für Pferde, am anderen Ende der Weide schlüpft der Farn unterm Zaun durch und verschwindet in der eisigen Dämmerung.

Nachdem ich gewinkt

Nachdem ich gewinkt hatte, bis dein Zug in der Kurve verschwand, und wieder zu meinem Gleis zurückgekehrt war, sah ich die zwei Ansammlungen von frischen Erdkrümeln und Schlammwürsten auf dem Bahnsteig liegen. Es waren zwei Häufchen, eng beisammen, einander überschneidend, und doch jedes für sich, ein eigener Kreis Dreck. Lange schaute ich mir diesen, wer weiß, aus welchen Feldern oder Waldwegen zusammengetragenen, hier von irgendwelchen Schuhen geklopften Lehm an. Zwei Wanderer, dachte ich, das eine Häuflein kleiner als das andere, vielleicht unterschiedlich große Stiefel, verschiedene Schuhnummern, vielleicht ein Erwachsener und ein Kind oder ein Mann und eine Frau. Die waren wohl an diesem Sonntag gemeinsam eine Strecke gewandert, mutmaßte ich, über Wege, die infolge der starken Regenfälle in der letzten Zeit durchweicht und schlammig waren. So nah, wie die beiden Häuflein beieinander lagen, konnte man vermuten, die zwei seien auch nah beieinander gestanden, während sie den Lehm von den Schuhen traten. Vielleicht hatte sich ja eins am andern festgehalten, um sich den Dreck bei angewinkeltem Bein von der Sohle zu kratzen. Oder eins hatte das fürs andere verrichtet. Vertraut müssen die beiden miteinander gewesen sein, wahrscheinlich machten sie das öfter, fühlten sich wohl in der Gesellschaft, die eins dem andern leistete, waren starke Geher, bei jedem Wetter und jeder Wegbeschaffenheit draußen. Jetzt hatten sie sich wohl müde gelaufen, spann ich meine Überlegungen weiter, und waren, nachdem sie noch die bewährten, gut eingelaufenen Stiefel vom Gröbsten gereinigt hatten, nach Hause gefahren. Ob sie wohl in den selben Zug gestiegen und gemeinsam gefahren waren, oder jedes in einen anderen Zug?, fragte ich mich und hob den Kopf nach der fernen Stelle auf dem Schienenstrang, wo der deine Minuten vorher verschwunden war.

Heilige Nacht

Vor dem Gelände, auf dem die Esel gehalten werden, hat eine Familie mit zwei kleinen Kindern eine Kerzenlaterne abgestellt. Der Mann schraubt eine Flasche zu, die Kinder scheinen etwas in den Händen zu halten, ich nehme an, sie füttern die Esel. Aber kein Esel ist zu sehen. Die Futterkrippe ist leer. Die schwarze Bremsenfalle steht da wie eine hohle Ritterrüstung. Eine offene Tasche lehnt neben der Laterne am Maschendrahtzaun, und als ich vorbeigehe, stimmt eins der Kinder ein Liedchen an, Alle Leut, alle Leut, gehen jetzt nach Haus. Alle Leut, alle Leut, immer wieder von vorne. Kurz darauf fängt es an zu regnen.

Solstitium

Weiter immer im Klang, als übten die Bäume das Atmen,
     kämen sich selbst zu Gehör, dämmernd, in Chören ein Chor.

Abend; im Auftrieb des Dunkels schwebend die Pulse der bleichen
     Larven. Im blinden Fleck tauschen die Schatten ihr Tuch.

Schneller und schneller die Zeit, das lippensiegelnde Dunkel.
     Rasch notiert noch der Schnee, was auf den Rand nicht mehr ging.

Drei kleine Geschichtchen vom Impfnachweis

Die erste Geschichte handelt davon, wie ich in einem Sportgeschäft ein paar Laufschuhe kaufen wollte. Die Tür ist verriegelt, drinnen herrscht geschäftiges Treiben. Ich drücke auf die Klingel, und umgehend öffnet ein junger Mann die Tür. Noch bevor er mich auffordert, ihm den Impfnachweis zu zeigen, habe ich in die Hosentasche gegriffen und das Papier, einen Ausdruck des EU-Impfzertifikats, ausgestellt von meiner Hausarztpraxis, komplett mit persönlichen Angaben, Datum der Impfung und QR-Code zum elektronischen Auslesen, herausgefummelt. Dieses Dokument habe ich schon oft in den vergangenen sechs Monaten vorgezeigt, in Cafés, Restaurants, beim Theatereinlaß, im Schwimmbad. Probleme gab es nie. Heute aber ist es nicht gültig.
„Wie bitte?“
„Du mußt zur Apotheke, dir dort mit Personalausweis ein Zertifikat ausstellen lassen, das du dann aufs Händie …“
Ich weise darauf hin, daß dies das Zertifikat sei, daß ich noch nie Probleme gehabt habe, ein Händie besäße ich nicht, und schließlich sei Zertifikat schließlich Zertifikat, egal ob im Händie oder auf Papier.
„Ich mache die Regeln nicht“, ist die Antwort, es werde so viel Schindluder getrieben, und Straße sei auch Straße, aber auf der einen dürfe man 130 fahren, auf der anderen nur 50.
Bevor ich die Schräglage dieses Vergleichs richtig ausgekostet habe, läßt der Verkäufer mich dann doch eintreten.
„Ich sag’s nur, fürs nächste Mal.“
Ich ziehe es vor, zu schweigen, probiere meinen Schuh, zahle und gehe.

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Im zweiten Geschichtchen entdecke ich auf dem Weg vom Sportgeschäft zur Straßenbahnhaltestelle ein paar Meter die Straße hoch ein Apothekenschild. Wenn ich schon mal dabei bin, denke ich mir und steuere die Apotheke an. Als hätten sie mich erwartet, ist am Schalter ein Schild aufgestellt: Lassen Sie sich hier Ihr Impfzertifikat ausstellen. Prima, denke ich, zeige auf das Schild, grinse mit den Augen überm Maskenrand, fummle mein ungültiges EU-Zertifikat aus der Tasche und lege es der Apothekerin vor. Ich will gerade den Ausweis zücken, da bemerke ich den irritierten Blick. Ich frage mich, was jetzt wieder fehlt. Steuernummer? Versichertenkarte? Geburtsurkunde?
Die Apothekerin dreht den Ausdruck ratlos zwischen den Fingern. „Aber was wollen Sie denn jetzt noch?“
„Na, ein gültiges Zertifikat. Im Sportgeschäft hat man mir …“
Die Apothekerin gibt mir das Papier zurück. „Papperlapapp. Das hier ist ein gültiges Zertifikat. Damit sind Sie lebensfähig. Mehr kann ich Ihnen auch nicht geben.“

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Die dritte Geschichte spielt in der Straßenbahn. Wegen meines Ausflugs zur Apotheke ist mir eine Bahn davongefahren, so daß ich zwanzig Minuten warten muß. Auf halber Strecke steigen zwei Männer und eine Frau in Warnwesten ein.
„Schönen guten Tag, Ihren Impfnachweis bitte!“
Okay, denke ich, dann wollen wir doch mal. Es ist das erste Mal, daß ich in eine der Stichprobenkontrollen gerate. Aber mir kann ja nichts passieren, ich habe es ja jetzt quasi amtlich, daß meine Papiere einwandfrei sind. Einer nach dem anderen zücken die Fahrgäste ihr Datengerät. Irgendwas aus Papier hat niemand dabei. Außer mir. Lässig halte ich dem Kontrolleur den Ausdruck hin. Mit der QR-Seite nach oben.
Wenn ich mich insgeheim auf eine weitere Diskussion gefreut haben sollte, werde ich enttäuscht. Ich hätte dem Kontrolleur auch den Impfpaß unseres Hauskaters vorlegen können, es wäre egal gewesen. So schnell, so oberflächlich hat noch nie jemand meinen Impfnachweis durchgewunken.
Als könnte der Kontrolleur freiäugig QR-Codes auslesen.

Delta

Die Nacht wurzelt im Traum wie Stühle in einem leeren Theatersaal. Blitzableiter von Kopf zu den Beinen, strecke ich mich zurück nach dem Anfang des Schlafs. Noch minutenlang kichert das Fenster an seinem neuen Platz, dann bringt es der Regen zum Schweigen, und in diesem Moment erinnert sich das Wasser wieder an mich. Eine Klaviertaste federt zurück und schnappt nach dem Schweigen. Den letzten Traum hat der Wecker noch gekannt.

The winner takes it all

Neulich Niederschmetterndes über die Paretoverteilung des Erfolgs (in der Kunst) gelesen. Das ist wieder so ein Moment, wo einem die ganze Auswegslosigkeit des Strebens schlagartig klar wird. Welche Namen fallen Ihnen als erstes ein, wenn sie drei berühmte Physiker aufzählen sollen? Wenn Nils Bohr oder Werner Heisenberg darunter sind, können die sich glücklich schätzen. Einer wird in jedem Fall darunter sein, Sie wissen schon, genau der. Sehen Sie? Schon beim zweiten muß man überlegen. Oder drei klassische Komponisten. Na? Ich möchte wetten, keine Dreieinigkeit wird ohne Mozart auskommen. Es ist wie mit den größten Städten der Welt, den verlustreichsten Kriegen, dem Zipf’schen Gesetz. Nach einer Handvoll Megastädten kommen ein paar hundert moderate Metropolen, tausende mittlere und kleine Städte, während es Millionen und Abermillionen Dörfer und Weiler von ein paar hundert Einwohnern gibt. Trägt man die Zahl ihrer Einwohner gegen die Anzahl der Städte ab, erhält man eine steil fallende Kurve: das ist die Pareto-Verteilung. Für die Prominenz von Menschen, die Erstaunliches zuwege gebracht haben, gilt dasselbe. Mozart, Bach, Beethoven, Haydn fallen jedem als erstes ein, aber wie ist es mit Telemann, Bruckner oder Weber? Wohl gab es ein Mozartjahr, ein Mercadantejahr (1995 hätte man den zweihundertsten Geburtstag des Komponisten, der mehrere dutzend Opern verfaßte, begehen können) gab es nicht. Sehr wenige an der Spitze vereinen alle Aufmerksamkeit auf sich, die überwiegende Masse muß sich mit den Tischkrümeln zufriedengeben. Die Frage ist interessant — wenn auch müßig — warum das so ist. Mit Qualität hat es nicht unbedingt etwas zu tun. Die Frage, wer der bessere Komponist ist, Beethoven oder Sibelius, ist nicht sinnvoll beantwortbar, auch nicht, ob Elgar bessere oder schlechtere Musik als Mozart geschrieben hat. Vielleicht ist es ein Phänomen der positiven Rückkopplung, und Aufmerksamkeit zieht neue Aufmerksamkeit nach sich, so wie große Städte mehr Menschen anziehen als kleine, wodurch die großen noch größer werden. Ab einem bestimmten Punkt können sie dann nicht mehr eingeholt werden. Einen Gegeneffekt, der bewirken würde, daß Städte ab einer bestimmten Größe wieder schrumpfen, weil es den Menschen dort irgendwann zu voll wird, so daß sie abwandern, scheint es auch nicht zu geben. Eine Kraft des Vergessens, die bewirken würde, daß, wer einmal weltberühmt ist, wieder an Aufmerksamkeit verliert, ist noch viel weniger denkbar. Daraus folgt auch, daß man sich abstrampeln kann, wie man will, man wird kein zweiter Mozart werden, niemand, niemals. Dabei wäre ja, gerade in einer Welt, in der ständig von Filterblasen die Rede ist, auch eine Situation denkbar, in der es keinen großen Künstler mehr gibt, den wirklich alle kennen. Stattdessen zerfiele die gesamte Kunst- und Kulturlandschaft in lauter Provinzen mit ihren jeweiligen lokalen Größen: weltberühmt in Detmold und Umgebung. Aber schon auf Youtube-Kanäle oder einzelne Videos trifft das nicht zu. Auch die Klicks von Youtube-Videos dürften Pareto-verteilt sein.

Und natürlich wäre die Prominenz von Künstlern innerhalb ihrer Provinz ebenso Pareto-verteilt. Es könnte aber partielle Überschneidungen zwischen den Provinzen geben, so daß, wer ein Nobody in der einen wäre, in einer benachbarten Provinz auf Rang eins käme. Im Extremfall stellte jedes Individuum eine solche Provinz dar. Befragte man dann 100 Personen nach den drei Komponisten, die ihnen als erstes einfallen, bekäme man hundert unterschiedliche Antworten. Freilich wäre das dann eine Welt, in der es gar keine Prominenz mehr gäbe; denn was ist Prominenz anderes als, ganz vielen Menschen gleichzeitig bekannt zu sein? Immerhin ließe sich noch etwas dazwischen denken, wo man unter den ersten drei erfragten Komponisten und Physikern nicht immer wieder die gleichen drei oder vier oder fünf als Antwort erhielte sondern drei aus einer Bandbreite von sagen wir hundert. Aus der Sicht des Individuums betrachtet heißt das auch, daß es kaum verbindliche Prominenz zu geben scheint. Das Individuum fände dann die eigene Rangfolge (Mozart, Bach, Beethoven; Einstein, Planck, Heisenberg) in anderen Individuen nicht mehr gespiegelt, es müßte damit rechnen, bei seinen Zeitgenossen (oder bei Menschen vergangener Generationen) auf ganz andere Rangfolgen zu stoßen. In gewisser Weise wäre das verwirrend und anstrengend, in anderer höchst anregend. Vielleicht hätte dann Milos Forman keinen Mozartfilm sondern einen Mercadantefilm gedreht; und statt des Streifens Liebe ist relativ hätte es vielleicht einen Film Liebe ist unscharf gegeben. Statt Fuck you, Goethe hätte es dann Fuck you, Wieland geheißen usw.

Aber so ist die Welt nicht. In unserer Welt herrscht die Paretoverteilung der Prominenz. Warum schreibe ich darüber, warum denke ich darüber nach? Weil es niederschmetternd ist. Die unausweichliche Klarheit der Zahlen: So ist es, so liegen die Dinge, ihr Gerüst, unverstellt vom Zierat irgendwelcher Erzählungen, mit denen wir sie so lange verfremden, bis es uns tröstend paßt. Auch du kannst es schaffen. Es zählen doch die inneren Werte. Patrick Süßkind ist auch lange verkannt worden. Blablabla. Es erinnert mich an die Unumstößlichkeit der Zahlen, die die Naschigkeit von Frauen bei der Partnerwahl belegen. Gottlob ist die Paretoverteilung der sexuellen Attraktivität irrelevant, weil selbst für Männer irgendwann Schluß ist — die Zahl möglicher oder auch nur wünschenswerter Partnerschaften ist selbst für Männer, die beliebig wählen können, sehr viel geringer als die Zahl der bereitwilligen Frauen. Aber Aufmerksamkeit kann man als Künstler nie genug haben. Sagt Ihnen der Name Bernhard Kellermann etwas? Marta Karlweis? Ann-Charlott Settgast? Leonhard Frank? Das sind nur vier von Tausenden von Schriftststellerinnen und Schriftstellern, die zu ihrer Zeit erfolgreich waren. Bis man unvergeßlich weit oben ist, kann man nur allzu leicht wieder vergessen werden.

Aequinoctium

Mittag, ermattetes Feld. gestohlenes Licht von den Höfen.
     Zeichen, in Staub geritzt. Falken, Fermaten des Winds.

Felder, ein Zögern von Vögeln, wie rückwärts gesprochene Wörter.
     Mittags, im fliehenden Schwarm, löschten den Anfang sie aus.

Hufschläge, langsamer jetzt, ganz nahe, hinter der Hecke.
     Zeit, die sich selbst überrascht: Silben, aus Später geschöpft.