Emma


Emma ließ das Buch sinken, blinzelte und rieb sich die Augen. Nicht schon wieder, dachte sie. Sie lauschte einen Moment, dann beugte sie sich wieder über ihr Buch. Vielleicht ließe er sie ja noch den Satz zu Ende lesen. Weiterlesen …

Maja

„Morgen nachmittag bist du bei Maja“, sagte meine Mutter beim Abendbrot, und ich erschrak so heftig, daß ich mich an einem Pfefferkorn verschluckte. Bei Maja?
„Weil ich doch zum Arzt muß morgen. Und Papa kann sich nicht freinehmen.“
Zu Maja mit den roten Haaren und den grünen Augen? Zu der verrückten Freundin meiner Mutter? Die mit ihrer Katze sprach? Zu der Maja, die angeblich Menschen in Kröten verwandeln konnte?

Ich war Maja bislang nur wenige Male begegnet. Mama war zwar oft zu Besuch bei Maja, aber sie hatte mich nur ein einziges Mal zu ihrer Freundin mitgenommen. Und einmal war Maja bei uns zu Besuch gewesen. Das früheste Ereignis, das mir in bezug auf Maja in den Sinn kam, war die Begegnung im Schuhgeschäft gewesen. Wir hatten gerade Sandalen für mich ausgesucht, als Maja hereinkam. Meine Mutter und Maja unterhielten sich mehrere Stunden über Erwachsenendinge, und mir wurde langweilig. Da hörte ich plötzlich ein Wort, das mich aufhorchen ließ.
„Ich zaudere noch“, sagte Maja nämlich und strich sich über den Oberschenkeln den Rock glatt.
Ich mußte mich verhört haben. Bestimmt hatte sie gesagt, daß sie noch ein wenig zaubere.
„Du kannst zaubern?“ platzte ich heraus und unterbrach meine Mutter, die gerade zum Sprechen angesetzt hatte.
Maja richtete ihren Blick auf mich, sah mich einen Moment nachdenklich an und sagte dann: „Selbstverständlich kann ich zaubern. Paß auf.“
Ich paßte auf. Wie ein Luchs paßte ich auf. Aber da mochte ich aufpassen, wie ich wollte und konnte, Majas Ring, der plötzlich aus dem Nichts zwischen ihren Fingern erschienen war, entwandt sich dem Zugriff meiner Aufmerksamkeit und tauchte wieder in sie hinein; war fort und dann wieder da. Und verschwand aufs neue. Maja zeigte mir ihre leeren Handflächen, drehte die Hände um, schüttelte die Ärmel aus, stülpte jeden Winkel des Raums ins Licht. Da war kein Ring, da war nie ein Ring gewesen. Und doch hatte ich ihn gesehen, den Ring, den Ring, den ich jetzt nicht mehr sah. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Das gab es doch gar nicht!
Da setzte Maja ein nachdenkliches Gesicht auf. Sie runzelte die Stirn, als sei ihr eben etwas eingefallen, zuckte zusammen, sah plötzlich an sich hinunter, zog sich den Schuh, den sie zuletzt anprobiert hatte, vom Fuß, schüttelte den Schuh und heraus flog mit einem Rappeln wie ein Würfel aus dem Becher: der Ring.
„Die nehm ich“, sagte Maja, zwinkerte mir zu und ließ sich den Schuh einpacken.

„Wer war das?“ flüsterte ich hinterher Mama ins Ohr.
„Das hast du doch gesehen“, sagte meine Mutter, „eine Zauberin.“
„Ich meine, wie heißt sie?“
„Das war Maja“, sagte meine Mutter.

Später wünschte ich mir zum Schlafengehen eine Gutenachtgeschichte mit Maja.
„Mit Maja?“ fragte meine Mutter erstaunt.
„Eine Zaubergeschichte“, präzisierte ich.
„Na gut“, sagte meine Mutter und legte los.
„Du, Mama?“ sagte ich, nachdem meine Mutter schon das Licht ausgemacht hatte.
„Was denn, Toni?“
„Das kann Maja aber nicht wirklich, oder? Das mit den Fröschen?“
Da legte meine Mutter nur verschwörerisch den Finger auf die Lippen. „Sag es niemandem weiter“, flüsterte sie, zwinkerte mir zu und schloß die Tür.

Maja hatte rotes Haar wie sich das gehörte, große grüne Augen, klar, aber eine vollkommen gerade Nase mit anmutigen Flügeln, weder groß noch schief noch rot, und eine Warze war auch nicht darauf. Es war eine bezaubernde Nase, aber zu einer Zauberin paßte sie nicht.
Aber was wußte ich schon von Zauberinnen?
„Kann Maja“, japste ich, während ich im Wohnzimmer auf einem Bein hüpfte, „auch Kaninchen aus einem Hut zaubern?“ Das hatte ich mal im Fernsehen gesehen.
Meine Mutter saß, die Beine von sich gestreckt, auf dem Sofa, hatte die Augen geschlossen, den Kopf auf die Lehne gebettet und einen kalten Lappen auf der Stirn. Sie hatte Kopfschmerzen, wegen des Schwesterchens, dessen wachsende Masse den Bauch meiner Mutter schwellen ließ.
„Mmmh“, macht meine Mutter.
„Weißt du was?“ sagte ich, „ich glaube, Maja kann überhaupt nicht zaubern.“
„Dann kann sie es eben nicht“, seufzte meine Mutter.
„Kann sie wohl!“
„Ja, mein Schatz.“
Ich hopste eine Weile.
„Kann Maja auch auf einem Besen reiten?“ fragte ich endlich außer Atem.
„Sicher“, murmelte meine Mutter.
„Kann sie gar nicht“, behauptete ich.
„Na gut“, sagte meine Mutter, „kann sie nicht.“
„Kann sie wohl“, sagte ich und machte einen extragroßen Hopser.
„Ja, mein Schatz, klar kann sie das.“
„Dann kann sie mich demnächst vielleicht Huckepack nehmen, und wir machen einen Ausflug.“
Meine Mutter richtete sich auf und nahm den Lappen von der Stirn. „Ja, das hast du dir so gedacht, Toni. Nein, das wird nicht gehen.“
Hatte ich es mir doch gedacht. Alles, was Spaß machte, ging aus irgendwelchen merkwürdigen Gründen nicht. Ich war enttäuscht. „Aber warum denn nicht? Kann sie es doch nicht?“
„Weil“, sagte meine Mutter und zog die Brauen zusammen, „weil Maja nur einen Kleinbesen hat. Da ist nur Platz für eine Person drauf. Und Huckepacknehmen, das erlaubt die Flugbehörde nicht.“
Ungläubig besah ich mir meine Mutter. Was redete die da von Flugbehörden? Als ob Hexen sich nach Behörden richten würden! Aber ich konnte in Mamas Gesicht kein Zeichen von Flunkerei feststellen. Sie nickte so ernst, wie wenn sie mir zum x-ten Mal erklärte, warum man im Auto einen Gurt tragen mußte.
„Außerdem hat der Besen nur einen einzigen Sicherheitsgurt“, sagte meine Mutter.

Es war ein bißchen wie mit der Popoklatschmaschine.
Das war, als ich eine Woche zu Tante Annie und Onkel Heinz kam, weil Mama und Papa verreisen wollten. Sie schärften mir ein, keine Dummheiten zu machen, andernfalls würde Onkel Heinz die Popoklatschmaschine aus dem Keller holen und in Gang setzen.
„Die was?“
„Die Popoklatschmaschine“, sagten meine Eltern und machten sehr ernste Gesichter, „die ist unglaublich praktisch, wenn man ungezogenen Kindern den Hintern versohlen muß. Was glaubst du, wie anstrengend das ist! Die Maschine nimmt einem die Arbeit ab, und man hat hinterher auch nicht so heiße Handflächen.“
Ich erschrak nicht schlecht. Bislang hatte ich zwar nie Schläge auf den Hintern bekommen, aber wer wußte denn schon, ob Tante Annie und Onkel Heinz auch so zimperlich wären wie Mama oder Papa? Und bedeutete nicht die Tatsache, daß sie so eine Maschine besaßen, daß sie es eben nicht waren? Meine arme Cousine Regina! Aber warum hatte Regina noch nie von diesem Schrecken erzählt?
„Ihr nehmt mich doch nur wieder auf den Arm!“ protestierte ich kleinlaut vom Rücksitz aus.
„Man kann Schlagrhythmus, Anzahl und Härte der Schläge vollautomatisch einstellen.“
Mama und Papa blieben völlig ernst, und je mehr Einwände und Zweifel ich äußerte, desto trotziger beharrten sie auf ihrer Popoklatschmaschine, bis ich es aufgab und verärgert und ein wenig verängstigt schwieg.
Wenn es diese Maschine denn gab, dann hatte ich damals jedenfalls keinen Anlaß zu ihrer Anwendung gegeben. Doch jedesmal, wenn Onkel Heinz in den Keller ging, um Kartoffeln zu holen, wurde mir mulmig zumute, und ich atmete erst auf, wenn er mit nichts weiter als einem Eimer Kartoffeln wieder heraufkam.

Mehrmals hatte ich mir fest vorgenommen, wach zu bleiben, bis Maja, wenn sie zu Besuch angekündigt war, einträfe. Ich lag mit weit geöffneten Augen im Bett und lauschte, ob nicht etwa der Fall von Schritten draußen zu hören sei, ob nicht ein Auto sich nähere und in unsere Straße abbiege, oder ob Maja vielleicht mit dem Besen angeflogen käme. Vielleicht konnte sie sich ja auch einfach so an einen anderen Ort versetzen. Eine Hexe auf einem Fahrrad war jedenfalls merkwürdig, aber immer noch besser vorstellbar als eine Hexe im Auto. Ein Auto, das war ja wohl so unhexisch wie nur irgendwas. Wir hatten einen uralten Besen im Keller, den keiner mehr benutzte, so ein Ding aus Stroh, das ganz zerzaust und fransig war und Halme verlor, wenn man es schüttelte. So einen Besen stellte ich mir vor, und darauf ritt Maja, einen Kometenschweif abgebröselter Strohhalme hinter sich herziehend. Es brauste, wenn sie sich unserem Haus näherte und sie bremsen mußte, und im nächsten Moment klapperte der Zeitungsjunge mit dem Briefkasten, ich wachte auf, es war Tag, und eine Amsel sang vor dem Fenster. Wieder war ich eingeschlafen, ehe ich Maja auf ihrem Besen hatte abpassen können.

Einmal, es muß einige Zeit nach der ersten Begegnung im Schuhgeschäft gewesen sein, und Maja war noch eine unvertraute Erscheinung, sah ich sie ganz überraschend, weil ich nämlich nachts wach wurde und zur Toilette gehen mußte. Ich öffnete die Kinderzimmertür, schloß geblendet die Augen, denn der Flur war fürchterlich hell, und als ich die Augen nach einer Weile wieder öffnete, stand ich Maja gegenüber. Es dauerte einen Moment, bis ich in meiner Verblüffung und Schlaftrunkenheit die Frau vor mir einsortiert und mit der Freundin meiner Mutter aus dem Schuhgeschäft gleichgesetzt hatte.
Es gibt also auch schöne Hexen, hatte ich damals im Schuhgeschäft festgestellt, denn Maja war schön. Anders kann man es nicht sagen. Wunderschön war Maja.
Und dieser wunderschönen Maja stand ich jetzt im Flur gegenüber. Maja streckte die Hand aus und sagte: „Guten Abend, Antonia.“
Beklommen nahm ich ihre Hand. Niemand nannte mich Antonia. Sogar die Lehrer in der Schule sagten immer nur Toni zu mir. Majas Hand fühlte sich warm an und trocken und war sehr weich. Jetzt habe ich eine Hexe angefaßt, dachte ich, unsicher, ob das gut oder schlecht sei.
„Gute Nacht“, sagte Maja, winkte mir noch einmal zu und verschwand im Wohnzimmer. In der Toilette bemerkte ich den feinen Duft eines sehr herben Parfums. Die Klobrille war warm und es kribbelte an den Beinen, als ich mich darauf niederließ. Hexen müssen also auch Pippi machen, stellte ich fest und wußte nicht, ob ich das enttäuschend oder ermutigend finden sollte.
Zurück im Bett hatte ich an meiner rechten Hand geschnuppert und mich gefreut, daß Majas Duft daran hängengeblieben war.

„Hat Maja denn auch eine Katze?“
Eine Zauberin ohne Katze war schwer vorstellbar. Hätte sie keine, würde das meinen Verdacht, daß es mit der Hexerei nicht so weit her war, bestärken. Aber meine Mutter hatte diesbezüglich bestätigende Nachrichten.
„Sicher hat Maja eine Katze“, sagte meine Mutter, „Das ist eine ganz besondere Katze. Sie versteht alles, was Maja ihr sagt. Und Maja verrät ihr alle ihre Geheimnisse. Sie hat ein ganz wuscheliges Fell.“
„Maja hat ein Fell?“ staunte ich. Ich fragte mich, wo sie das hatte. Gesicht und Hände waren jedenfalls glatt gewesen.
„Du Dummerchen, die Katze. Einen ganz feinen, orangeroten Pelz, der sich gut streicheln läßt.“

Und dann war es soweit, wir standen vor Majas Haustür, Mama klingelte, Maja öffnete und begrüßte uns. Sie trug Jeans, Hemd und eine Schürze, die mit Abbildungen von Gartenkräutern bedruckt war. Keine Hexensymbole, Zaubersprüche, Bannzeichen oder was da alles geben mochte. Du bist mir ja eine schöne Hexe, dachte ich. An den Füßen trug Maja Holzbotten. Ich versuchte mir vorzustellen, was für eine Fußbekleidung für eine Hexe angemessener gewesen wäre, aber mir fiel nichts ein. Obwohl es ein schöner, warmer Sonnentag war, hatte Maja sich einen dicken Schal um den Hals geschlungen. An dem zupfte sie, während sie uns hereinbat, herum, als fröre sie. Aber vielleicht war sie auch nur erkältet. Eine Hexe mit Erkältung, aha. Ich beobachtete sie scharf: Nichts von dem, was ich sah, deutete auf irgendeine besondere Hexennatur Majas hin.
„Kommt rein“, sagte sie und trat einen Schritt zurück. Wir betraten einen hellen Flur, in dem es interessant roch. Nach Holz, ein bißchen nach Rauch und ein bißchen nach Gewürzen. Hexenkräuter, schoß es mir durch den Kopf.
„Ich koche gerade Brennesseljauche“, sagte Maja, während sie die Tür zuschob, sich mit dem Hintern daran lehnte und sie ins Schloß drückte. „Seit der Sache mit dem Einbrecher schließt sie nicht mehr richtig“, erklärte sie.
„Achso, ja“, nickte meine Mutter.
Maja seufzte. „So ist das nun“, sagte sie, „ich werde den Schlosser kommen lassen müssen. Egal, kommt rein. Antonia kann mir gleich im Garten helfen. Hast du Lust, Antonia?“
Ich nickte. Ich wunderte mich, daß Maja, wenn sie doch zaubern konnte, ein Schloß brauchte, um Einbrecher abzuhalten. Bei Gelegenheit, nahm ich vor, würde ich Maja danach fragen.
„Ich muß sofort los“, sagte Mama mit einem Blick auf ihre Uhr. „Also dann bis um sechs, ja? Und benimm dich, hörst du?“
Ich fragte mich, ob Maja auch eine Popoklatschmaschine habe.

Maja führte mich in eine lichtdurchflutete, geräumige Küche, deren Wände hexengerecht mit Kräuterbüscheln behängt waren. In der Mitte stand ein großer Tisch aus grobem Holz, darauf eine leuchtend blaue Schale, und in der Schale ein halbes Dutzend Früchte, wie ich noch nie welche gesehen hatte. Sie waren etwas apfelgroß und ganz rund, und jede hatte eine andere Farbe. Rückwärtig gab es eine Tür, hinter der sich ein von Hecken eingefaßtes Wiegengrundstück erstreckte. Auf dem Herd stand ein riesiger Topf, in dem es leise blubberte. Das sah schon fast nach Zauberei aus. Und stiegen da nicht grünliche Dämpfe auf? Vielleicht stimmte es ja doch! Ich beschloss aber, skeptisch zu bleiben.
Maja ließ mich an dem Holztisch Platz nehmen und bot mir Kekse und kalten Kakao an. Kurz fragte ich mich, ob es ratsam sei, Kekse aus der Hand einer Hexe zu essen. Dann aber dachte ich, daß, selbst wenn es stimmte und Maja zaubern konnte, sie ja doch die Freundin meiner Mutter war, und ich also Vertrauen zu ihr haben könne. Ich biß in den Keks, und er war mit Leichtigkeit der beste Keks, den ich je gegessen hatte. Knusprig, krümelig, süß und mit feuchten Schokoladenstückchen drin. Ich nahm ohne zu fragen noch einen.
Maja hatte sich mit einer Tasse Kaffee zu mir gesetzt. Eine kaffeetrinkende Hexe, soso. Ich nahm einen dritten Keks. Maja sah mir über den Tassenrand hinweg zu. Ihre Augen waren groß und grün und rollten, aber ich konnte nicht sehen, ob sie lächelten. Ich wollte Maja etwas fragen, wußte aber nicht, wie. Also trank ich noch einen Schluck Kakao. Wenn die Kekse schon großartig gewesen waren, dann wußte ich nicht, was ich zu diesem herrlichen Getränk sagen sollte. Kühl, süß, würzig, so schokoladensatt, daß es am Gaumen brannte, und nach dem Schlucken schickte es einen Vanillehauch durch die Nase hinterher.
„Schmeckt’s?“ fragte Maja und nickte mir zu.
Ich nickte.
„Hast du auch eine Katze?“ Das war nicht die Frage, die ich auf dem Herzen hatte, aber mehr traute ich mich nicht.
Maja nickte und stellte ihre Kaffeetasse ab. „Habe ich“, sagte sie.
„Und wo ist sie?“
„Beim Schachspielen.“
Beim … aha. Ich ließ die Beine baumeln. War das das Stichwort? Ich nahm meinen Mut zusammen. „Stimmt es, daß du einmal jemanden in eine Kröte verwandelt hast?“ kam der Satz wie hervorgezaubert aus meinem Mund.
Maja zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Wie kommst du denn auf so einen Unsinn! Kröte, brrrr!“ entgegnete sie und schüttelte entrüstet den Kopf. „Das würde ich nicht einmal tun, wenn ich es könnte.“
„Aber Mama hat mir erzählt, du hast einmal jemanden verwandelt, in einen Frosch!“ beharrte ich enttäuscht.
„Das stimmt auch.“
„Also doch!“ rief ich triumphierend. „Aber warum sagst du erst nein und dann ja?“
Maja hob den Zeigefinger und blickte streng drein. „Das habe ich keineswegs gesagt, meine liebe Antonia“, stellte sie mit Nachdruck klar. „Du hast mich zuerst gefragt, ob ich einen Menschen in eine Kröte verwandelt hätte. Habe ich nicht. Das ist nämlich ganz und gar unmöglich. Dann hast du mich gefragt, ob ich jemanden in einen Frosch verwandelt hätte. Und das habe ich wirklich.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ist ein Kinderspiel“, fügte sie noch hinzu.
Vollends verwirrt rief ich aus: „Aber das ist doch dasselbe!“
„Irrtum.“ entgegnete Maja schlicht, wobei sie sich ein Stück Haut vom Daumennagel biß. „Ift ef eben nift.“
Ich zappelte mit den Beinen, trank den Kakao aus und schielte nach einem weiteren Keks. Dabei fiel mein Blick wieder auf die Obstschale. Die Sonne hatte das Fensterkreuz passiert und ließ einen Strahl genau auf die seltsamen Früchte fallen, so daß sie in allen Regenbogenfarben leuchteten. Obwohl jede eine andere Farbe hatte, ließ sich an der glatten Schale, der gemeinssamen runden Form, der Größe, der Weise, wie am einen Ende die Kelchblätter sich kräuselten, unschwer erkennen, daß sie alle Sorten von derselben Art waren, wie grüne und rote Äpfel Sorten von derselben Art sind.

Maja war meinem Blick gefolgt. „Die sehen fein aus, was?“ sagte sie und lehnte sich über den Tisch. Ein Hauch des mir schon von der nächtlichen Begegnung vertrauten Parfums stahl sich in meine Nase. Maja angelte sich eine gelbe Frucht, die, während sie sie versonnen in den Fingern drehte und von allen Seiten betrachtete, der Sonnenschein mit einem warmem Glanz umspannte,. „Riechen auch wunderbar …“, murmelte sie und drückte leicht auf das elastische Fruchtfleisch. Dann hob sie die Frucht an die Nase, schloß die Augen und sog tief den Duft ein. Ihr Brustkorb hob sich. Die Nasenflügel bebten. Eine Strähne ihres Haars glitt ihr über die Stirn. Ich sah, wie auf ihrer Wange die Wimpern zarte Schatten warfen. Plötzlich mußte ich unbedingt diese Frucht probieren. Ich schluckte. Irgendwo im Haus tickte schläfrig eine Uhr. In der Schüssel leuchteten die Schalen der übrigen Früchte.
„Wie heißen die?“ wollte ich wissen. Meine Stimme klang nach Zwerg, winzig. Maja schwieg und hielt ihre Augen geschlossen. Die Nasenflügel bebten immer noch. Hatte sie meine kleine Stimme überhaupt gehört? Ich öffnete den Mund, um die Frage zu wiederholen, da öffnete Maja die Augen und sah mich, die Frucht immer noch an die Nase gepreßt, an. Sie sagte etwas, das wie Schuschwilabsi klang. „Aber sie schmecken etwas merkwürdig“, sagte sie dann brüsk und legte die Frucht mit einer schnellen Bewegung zu den übrigen zurück, als wäre sie empört darüber, daß dieses Obst einen Geschmack versprach, den es gar nicht besaß. Wieder zupfte sie sich am Schal herum. „Und man bekommt so einen ekelhaft pelzigen Hals davon. Ich kann dir nicht raten, davon zu essen.“
Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Was guckst du denn so?“ Ich grinste verlegen und sagte nichts.
„Komm, wir gehen in den Garten.“ Maja strich sich die Haarsträhne hinter das Ohr, zwinkerte mir zu, nahm eine schwere Gartenschere und verließ die Küche durch die Hintertür. „Kommst du?“ rief sie mir nach.

Während Maja die Hecke schnitt und ich die abgeschnittenen Zweige zusammenharkte, erzählte sie mir sie Sache mit dem Einbrecher.
„Der war noch gar nicht richtig drin“, sagte Maja, „da war ich schon zur Stelle und habe ihn außer Gefecht gesetzt.“
Der Ausdruck gefiel mir. Außer Gefecht, das hatte etwas Entschiedenes, Sauberes, Endgültiges, außer Gefecht setzen, das taten Leute, die etwas vom Handwerk verstehen. Ich nickte und sammelte Zweige vom Boden auf, legte sie auf den dafür von Maja bezeichneten Haufen und kehrte zurück zur Hecke.
„Und was macht man“, sprach Maja weiter, „mit einem außer Gefecht gesetzten Einbrecher? – Mann nimmt ihn gefangen und sperrt ihn ein. Und genau das habe ich getan.“
Etwas beklommen sah ich nach dem Haus hinüber. „Und wo“, fragte ich, „ist der Einbrecher jetzt?“ Ich verkniff mir die Frage, ob er auch wirklich sicher eingesperrt und immer noch außer Gefecht sei. Ich wollte Maja gegenüber nicht wie ein Angsthase aussehen.
„Oh, da drüben!“ sagte Maja und wies mit dem Kinn in einen Winkel des Gartens, wo ein Holunderbusch sich über einen Tümpel neigte.
„Was?“ rief ich aus und machte einen Satz zurück. Plötzlich war es mir egal, ob Maja mich für einen Feigling hielt.
„Keine Sorge, der ist immer noch außer Gefecht. Komm, ich zeig ihn dir.“
Was Maja mir dann zeigte, nachdem wir uns am Tümpel ins Gras gekniet hatten, war zuerst schwer zu erkennen.
„Du mußt ganz stillhalten, dann kommt er heraus“, flüsterte Maja neben mir.
Wir hielten ganz still, und tatsächlich: Etwas plätscherte, eine Bewegung von irgendwo nach woanders zuckte im Schilf, und endlich sprang es grün und glatt und muskulös aus den Halmen und ließ sich nieder auf einem flachen Stein, wo es ein lautes Quaken hören ließ.

Danach mußte ich zur Toilette, um den ganzen Kakao loszuwerden. „Von der Küche aus links den Gang runter, dann rechte Seite.“
Ich saß auf der Brille, die diesmal nicht vorgewärmt war, sondern sich nach der Hitze draußen angenehm kühl unter meinen Oberschenkeln anfühlte, im dämmrigen Licht, wie es nur Sommernachmittage in abgeschiedenen oder halbverdunkelten Zimmern hervorbringen, und das Klappern von Majas Heckenschere drang von Ferne an mein Ohr. Ich war ein wenig schläfrig und hatte keine rechte Lust, gleich wieder zu den abgeschnittenen Zweigen und der Harke zurückzukehren. Die Harke war eine Erwachsenenharke und riesengroß und unhandlich, es war eine richtige Plackerei für mich.
„Man wächst mit seinen Aufgaben“, hatte Maja gesagt. Was aber einzig wuchs, das waren die Blasen an meinen Händen.
Also blieb ich noch eine Weile sitzen, obwohl ich eigentlich schon fertig war. Neben der Kloschüssel stand ein Schubladenschränkchen aus gebeiztem Holz. Geistesverloren öffnete ich die mittlere Schublade und sah hinein. Tigelchen und Töpfchen aus braunem Glas standen da aufgereiht. In einem Schächtelchen lagen lauter einzeln verpackte fingerdicke Stiftchen aus einem weißen, weichen Material, wie Gewehrpatronen. Ich streckte die Hand aus und fand am Boden der Schublade ein Tablettenbriefchen mit einzeln durchnumerierten Tabletten. Praktisch, dachte ich, so weiß man immer, wie viele noch da sind, ohne zählen zu müssen. Ich öffnete eines der Fläschchen. Darin lagen lauter farbig glänzende Kugeln, etwa murmelgroß.
Waren das nun Hexendinge? Ich war mir unschlüssig. Die Kügelchen rochen nach Duschgel.
Ich zog die Spülung und kehrte in die Küche zurück.
Und da lagen die Früchte. Das Sonnenlicht war über sie hinweggeglitten, halbverborgen lagen sie im Schatten, und ein wohliges Schimmern ruhte auf den Schalen. Ich warf einen halben Blick zur Gartentür, woher Majas leises Summen drang, und streckte die Hand aus. Oder doch nicht? Vielleicht würde Maja das Fehlen einer einzelnen Frucht ja bemerken? Aber wenn sie wirklich nicht schmeckten? Lohnte es sich, dafür Schelte zu bekommen, oder, was wußte ich schon, sich die schmerzhaften Folgen eines Zauberspruchs zuzuziehen? Und obendrein noch einen kratzigen Hals? Andererseits hatte mir Maja ja gar nicht untersagt, davon zu essen. Und wie konnte etwas mit so einem verführerischen, bunten, leuchtenden Duft schlecht schmecken? Meine Hand berührte die zuoberst liegende, schwarzgrüne Frucht. Die Haut fühlte sich weder warm noch kalt an und war sehr glatt und trocken. Ich nahm die Frucht und wog sie in der Hand, sie fühlte sich schwer an, wie etwas Dichtes, etwas Vollgestopftes, voller Zucker und Saft. Ich schnupperte vorsichtig, und mir wurde es grell hinter den Augen von dem Duft. Was war das nur? Es duftete wie die Farbe der Schale, dunkelstgrün, fast schwarz, schwerfruchtig, nach Brombeere und Lakritze. Es war nicht zu glauben. Bestimmt schmeckten die gut, waren vielleicht einfach nur nicht Majas Geschmack. Ich durfte bestimmt davon essen. Andererseits: Maja wäre vielleicht böse, wenn sie den Raub bemerkte; vielleicht waren das ja seltene, schwer zu beschaffene, kostbare Früchte. Vielleicht waren sie für einen genauen Zweck bestimmt, und würden Maja nachher fehlen? Ich wußte ja nicht, wie mit Maja zu spaßen sei, schließlich kannte ich sie noch nicht so gut. Und gleich beim ersten Besuch Obst klauen? Ich legte die Frucht wieder zurück.
Ich schielte durch die Gartentür. Majas gebückte Schultern mit den darüber gebreiteten Schalzipfeln flimmerten hinten, im rückwärtigen Teil des Gartens, unterm Schatten von Büschen. Es sah so aus, als zupfe Maja Unkraut. Ein Schäufelchen stak neben ihr im Boden.
Das nächste war, daß ich Antonia zusah, wie sie die Hand ausstreckte, nach einer Frucht griff, nicht nach der grünschwarzen, die zuoberst lag, nach einer am Rand, von hellvioletter Farbe, die, nachdem ich sie an die Nase gehalten hatte, einen Geruch nach Veilchen und Flieder, nein, nicht verströmte, sondern wie ein mit Absichten begabtes Wesen in meine Nase, meinen Rachen, meine Stirn schlüpfen ließ. Wenn Vogelstimmen einen Duft besäßen, dachte ich, dann wäre es dieser.
Und das nächste war, daß ich eine Antonia, die nicht anders konnte, dabei beobachtete, wie sie in die Frucht biß, fühlte, was sie fühlte, als sie ihre Zähne in den Duft grub, die Lippen auf die platzende Fruchthaut preßte, den Saft einsog, über die Zunge zwitschern und die Kehle hinabrinnen ließ und schmeckte, was nur zu schmecken war, nämlich:
Nichts.
Es war nicht zu glauben.
Und Antonia stopfte rasch den faden Rest nach, schluckte, ohne zu kauen und kaute, ohne zu schmecken, wusch sich dann die Hände und den Mund an der Spüle, und als ich wieder in den Garten trat und Maja mich fragend ansah, wo ich denn so lange geblieben sei, sagte ich wahrheitsgemäß, ich hätte einen Schluck Wasser getrunken.
Maja nickte mir, und ich war mir sicher, sie hatte nichts bemerkt.

Ich erwachte aus seltsam eingefärbten Träumen, und als ich morgens schwitzend erwacht war und in die Küche taumelte, und meine Mutter bei meinem Anblick die Hand vor den Mund schlug und die Augen in ihrem halbierten Gesicht aufriß, als sollten sie die verdeckte untere Hälfte wettmachen, da glaubte ich, immer noch zu träumen.

Eine Stunde später standen wir wieder vor Majas Haustür.
Maja öffnete uns im Nachthemd, über das sie eine knielange Jacke geworfen hatte. Wäre unser Anliegen nicht so ernst gewesen, hätte ich sicher einen Blick für die seltsamen Zeichen und Symbole gehabt, die auf die Jacke aufgestickt waren. Obwohl schon neun Uhr durch war, blinzelte uns Maja verschlafen entgegen. Den dicken Schal von gestern hatte sie durch ein dünneres Halstuch ersetzt. Sie schien nicht sonderlich erstaunt, uns zu sehen.
„Dann laß Maja mal sehen“, sagte meine Mutter streng. Und bevor ich es selbst tun konnte, hatte sie mit spitzen Fingern nach meinem Schal gegriffen und den Stoff einen Fingerbreit heruntergezogen. Ein Augenblick genügte, rasch entwandt ich mich und zog den Schal wieder hoch.
Maja nickte anerkennend. „Prachtvoll“, sagte sie, „man könnte fast neidisch werden.“
Ich war den Tränen nahe. „Das hättest du …“, begann ich, aber meine Stimme war so winzig, daß sie sich ganz leicht von Maja unterbrechen ließ.
„Und die Farbe, hach! Meiner dagegen“, sagte sie und zupfte etwas von ihrem Halstuch herunter, „ist grellorange.“ Und zu meiner Mutter gewendet: „Kannst du dir das vorstellen, bei meiner Haarfarbe? Aber zum Glück“, wendete sie sich wieder mir zu und legte mir tröstend die Hände auf die Schultern, „zum Glück steht dir veilchenviolett richtig gut. Eine Farbe wie Vogelgezwitscher. Damit kannst du dich ruhig sehen lassen.“
„Kann man denn da gar nichts tun?“ fragte meine Mutter besorgt.
Maja zuckte die Achseln. „Wenn man das rasiert, wird es nur schlimmer.“
„Das hättest du mir sagen müssen, Maja!“ schluchzte ich.
„Aber das habe ich!“
„Hast du nicht!“
„Hab ich wohl. Ich habe dich gewarnt, von dem Obst zu probieren, und wie ich sehe“, und hier senkte Maja den Blick so neugierig auf meinen Hals, daß ich den Schal enger zog, „hast du meine Warnung in den Wind geschlagen.“
„Du hast mir nicht gesagt, daß man davon so ein Ding an den Hals kriegt.“
Da hob Maja den Zeigefinger und blickte streng drein. „Hab ich wohl, liebe Antonia. Ich habe dir gesagt, daß man davon einen pelzigen Hals bekommt. Und den hast du jetzt. Eigentlich schade“, fügte sie hinzu, „daß der nach ein paar Tagen wieder ausfällt, denn violett, wirklich, steht dir ganz ausgezeichnet.“

Zwischenbericht

Morgen ist der 10. August 2018. Morgen vor einem Jahr, stelle ich mit einem Blick in die Dateieigenschaften fest, habe ich die gegenwärtige Arbeitsdatei erstellt. Die gegenwärtige Arbeitsdatei enthält aktuell 152 Arbeitsseiten, die den fünften von insgesamt sieben geplanten Teilen darstellen. Man verliert, wenn man so lange an einem Text arbeitet, irgendwann aus den Augen, wann man damit anfing, wann das war, als man den ersten Satz ins leere Dokument schrieb, die Datei speicherte und sie auf den Namen taufte, unter dem man sie seither fast täglich geöffnet hat. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dieser Tag dürfte höchstens ein halbes Jahr zurückliegen. Nun ist es tatsächlich ein ganzes.

Ab- und Umwege, Wiederaufnahmen, Striche und Wiederverwertungen, Entkernungen, Fortspinnungen, Metamorphosen und Metempsychosen von Szenen und Bildern, und endlich schalenartige Erweiterungen einer einzigen Idee, eines Kerns, wie lange sitze ich jetzt schon an diesem monströsen Ding, dessen fünften Teil ich dieser Tage nach einem Jahr Arbeit fertigstelle? Seit der STADT AM ENDE DES JAHRTAUSENDS, eigentlich, auch wenn, was inzwischen daraus gewachsen ist, ich sollte besser gewuchert schreiben, nichts mehr mit der Form zu tun hat, die ich damals dieser Geschichte, 1998 war das, geben wollte, eine kurze Erzählung sollte es werden, eine Novelle, und mir als Fingerübung für ernstere Projekte dienen. Daß ich nicht lache. Was für ernstere Projekte? Wie ernst kann man werden?

Sehr ernst, scheint es. So ernst, daß man zwanzig Jahre lang einen Gedanken, diesen einen Gedanken, dieses Bild, diese traumartige Sequenz und die darin schwebende, unter jedem probeweise hingeschriebenen Wort zu nichts zerfallende Stimmung, in einer Erzählung einerseits zu evozieren, dann, nein, nicht verarbeiten, eher unterzubringen sich abmüht. Immer wieder scheiternd, neu beginnend, unter wechselnden Konzepten und Handlungsläufen, in denen die notwendigen Hauptelemente in immer anderen Kombinationen verknüpft sind. Verzweifelnd, neue Hoffnung schöpfend, Monate pausierend, grübelnd, zähneknirschend, starrköpfig, immer wieder anderen Projekten zugewandt, aus denen gleichwohl nichts wird.

Jetzt ist dieses Ding auf fünf Teile angewachsen und sieben müssen es werden. Ein Jahr habe ich für den fünften Teil gebraucht, länger noch, weil ich ein weiteres dreiviertel Jahr mit der Suche nach einem gangbaren Konzept verbraucht habe. Das ist niederschmetternd. Ende 2020 also, wenn alles gut geht und in dem Tempo weiterläuft wie bisher, dann könnte, vielleicht, womöglich, dann ist zu hoffen, daß dieses Ding fertig ist. Daß ich mit Teil sechs und sieben wesentlich schneller vorankomme als mit Teil fünf, ist nicht zu erwarten, eher, daß es erheblich schwieriger wird als gedacht, beim Schreiben wird es immer schwieriger als gedacht.

Morgen ist der 10. August 2018. Noch ein Jahr und noch ein Jahr und noch eines an diesem Monstrum. So wird diese Geschichte, zwanzig Jahre jetzt, zu etwas ganz anderem, wird selbst zu einer Figur: zu einem Protagonisten eines ganz anderen Romans, meines Lebens nämlich, und fast ist es so, daß diese Geschichte mich schreibt, statt ich sie.

Sinn und Verwirrung (2)

Beim Lesen von Unterleuten über Komplexität nachgedacht, über die Komplexität der Nichtlinearität. Es ist ähnlich wie bei City on Fire, das ich mit einem ähnlichen Unbehagen las. Das Staunen des Heimwerkers vor dem millimetergenauen Paßwerk eines Profis. Die winkelgetreue Abschrägung eines Pfostens, der später zu einem schrägen Dach passen muß. Es ist wie bei einem in sich verschlungenen Ornament, bei dem man genau dort, wo viel später einmal ein Strang den andern überlappen soll, beim Zeichnen eine Lücke eingeplant werden muß. Und nicht nur das: Wo sich die Stränge auch noch verknoten, verzwirnen, zugleich vor- und hintereinander verlaufen, ein Gewebe bilden, geplant, doch so, daß sich der geplante Eindruck von planlosem Durcheinander einstellt, einem Durcheinander, das am Ende in Ordnung zurückgeführt wird. Ich rätsele darüber, wie sich Linearität durchbrechen läßt. Ich finde keine Lösung. Henne und Ei: Man kann nirgendwo anfangen, ohne daß alles schon da ist.

Sinn und Verwirrung (1)

Als könnte man sich entäußern, wenn man schreibt. Oder malt. Oder Musik komponiert. Als würde man ein Stück von sich selbst erschaffen. In einem Vorgang der Selbstvergewisserung, in einem Vorgang des Überlebens, wie Atemholen. Nicht schaffen zu können ist das Zerfallen des Selbst, seine Ab-Schaffung, seine Auflösung in die Banalität der kontingenten Fakten. Schreiben ist ein Ankämpfen gegen das Selbstverständliche und Zufällige. Schreiben ist das Gegenteil von Achselzucken, es bedeutet, alles ernst zu nehmen, was ist und darüber hinaus noch mehr das, was nicht ist. Es bedeutet, eine Absicht in die Welt zu setzen. Kunst ist eben darum nicht kontingent, weil sie dem Faktum, dem, was sowieso schon ist, etwas entgegenzusetzen hat, das ihr selbst, aber nicht dem Faktum innewohnt, etwas, das nicht sowieso schon da ist: Sinn.

Stillen (1)

Wie ein Gestrüpp fühlt sich an, was sich in all den Jahren, seit mir das Schreiben zur Gewohnheit geworden, an Worten angesammelt hat. Nichts davon verschwindet ja wieder, jedes einzelne Wort, jedes Syntagma, jede Kongruenz, jede flektivische Konstruktion bleibt bewahrt. Und nicht nur bleibt sie bewahrt, bleibt sie als Gedächtnis auf Festplatten, CDs, Flashspeichern oder Servern, auf Briefpapier, in Kladden und unzähligen Notizzetteln: Ich kann den Rechner ausschalten, die Kladden schließen, die Zettel wegsperren, jedes Stück Papier in Schubladen verschwinden lassen: Die Worte bleiben da. Sie bleiben in mir. Schlimmer noch: Sie enthalten immer schon weitere Wörter als projizierte Möglichkeiten, junge Triebe am äußersten Rand des Wurzelfilzes. Warum überhaupt schreiben? Sollte ich nicht lieber etwas anderes tun? Ich habe das Gefühl, zu ersticken an all den Wörtern. Und mit jedem Wort, das ich schreibe, wird alles noch schlimmer. Ich fühle mich überwuchert, umwachsen von Gestrüpp, das mich lähmt, und mit jedem Wort verheddere ich mich noch heilloser. Ich gehe spazieren und formuliere. Ich sitze auf der Kloschüssel und wende Worte. Noch beim Einschlafen kann ich es nicht lassen, gibt es keine Stille, keine Freiheit von Wörtern. Keine Freiheit von Zeichen.
Es wird immer so weitergehen. Noch mehr und noch mehr Wörter. Manchmal verspüre ich den Impuls, das Gestrüpp mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Ich sehne mich nach einem weißen Blatt.
Nach einem weichen, schwarzen Bleistift.
Ich sehne mich danach, Blatt und Bleistift zu betrachten: Wie der Schatten der Maisonne vom Stift schräg einen Schatten aufs Papier zieht; wie das Papier im flachen Licht rauh erscheint, wie mit feinem Salz besprenkelt; wie der Schatten um den Stift herumgleitet, während die geschärfte Graphitspitze aufschimmert, wieder erlischt. Die winzigen Holzsplitter. Der leuchtende Lack. Die scharfen Ränder des Papierbogens.
Im Nacken ein Buchfink, der nicht weiß, was er tut, wenn er singt, so daß ich es hören kann.
Ich sehne mich danach, zu schauen und zu hören und keinerlei Worte zu haben für diesen Augenblick.

Kritzel

Ein Morgen wie ein Buch, in das man nicht hineinfinden will. Schon die ersten Minuten verwirren. Figuren tauchen auf um zwei Augenblicke später wieder verschwunden zu sein. Wenn sie sprechen, tun sie das nicht miteinander. Andere wechseln den Namen. Wieder andere das Gesicht. Die Architektur eines Wohnzimmers erschließt sich nicht, die Landschaft eines Flußtales ergibt keinen Sinn, so vermischt aus Nahem und Fernem sind ihre Merkmale. Ereignisse bewirken ihre eigene Ursache. Stunden werfen mir Namen zu, die sich an keinem Gesicht festmachen. Zurückgebogen in sich selbst, verknäuelt in Schleifen, an den Rändern ins Ungangbare flimmernd, führen die Wege nicht hinaus, nicht hinein, nicht her, nicht hin. Der Blick kann ihnen nicht folgen, fällt aus der Spur, während sie die Dimensionen wechseln.
Mühsam lege ich Wörter aus, klopfe Silben fest, schnüre Sätze zusammen, braue brüchige Stege, die mir diesen fremden Morgen mit Eigenem gangbar machen. Ein Buch, das ich in ein fremdes Buch hineinschreibe. Atemzüge aus Papier. Blicke aus Tinte. Meine Herzschlag: Ein Palimpsest.

Rabenkrähe

Die Härte des Sonnenscheins schlug mich aus dem Schlaf. Die Fenster sirrten vor Helligkeit. Ich hatte von wildem Krächzen geträumt, schwarzen Schreien, die über einen Felsen herabgekollert waren und als plumpe Körper teils auf einem Fels zerschellten, teils sich taumelnd wieder in die Luft zu erheben versuchten und dabei Raum und Blick mit ihrem zausen Gefieder erfüllten. Und als ich jetzt, benommen von den Hieben der Sonne, den Kopf vom Kissen hob, klangen die Schreie immer noch nach. Ich schüttelte den Kopf, hielt mir die Ohren zu; bis ich begriff, daß ich nicht mehr träumte, vielmehr das Krächzen draußen wirklich war; es klang, als reibe sich die Sonne an den beschlagenen Scheiben. Auf dem Nachttisch lag das Buch, das ich am Vortag aus dem Antiquariat mitgenommen hatte.  Die verkratzten, mit Gold ehemals schimmernd ausgelegten Lettern des Titels schlugen die greisen Augen zu mir auf. Und als ich mich aus dem Bett erhoben hatte, so schnell, daß mich ein Schwindel erfaßte, hörte ich, während  ein buntes Geriesel mir den Blick durchschneite und ich mich am Bettpfosten festhalten mußte, um nicht umzukippen, plötzlich die Schreie nicht mehr aus dem hinter Schleiern verborgenen Räumen jenseits des Fensters, nicht mehr vom Feld, aus der frostigen-grellen Luft, aus dem wuchtigen Himmel, nicht mehr von Türmen oder Zinnen (oder Felsabstürzen) herunter- und heranschrillen, sondern als mühsame Stimmen aus dem Buch, aus dem Dunkel der nach unten aufgeschlagenen Seiten des Buchs, seinen seltsamen Geschichten, sich herausquälen.

Silben

So ein Name, drei Silben, nicht lang, nicht kurz, lang genug, weit genug, daß eine ganze Kindheit darin zu Wort und Klang kommen konnte, Mi und Le und Na, solche Silben, lächelnde, ernste, stirnrunzelnde, plappernde Mädchenseelensilben. Mi und Jan, Jan und Le, Na und Jan, mit Mi in einem Schneehaus gesessen, mit Le ein Eis geteilt, und Na hat Vanillestriemen auf ihrer Zunge gehabt, und Mi will mit ihm Küssen üben hinter einer Scheune, und Le hockt mit ihm kichernd unter einem Tisch, an dem ringsum viele Gäste sitzen, mit Na gemeinsam krank gewesen, mit Mi die Windpocken gehabt, Le auf die Toilette begleitet und dort erstaunliches gesehen, und Na, die letzte Silbe, das Ausschwingen und ins Verstummen Laufende ihres Namens, Na, hat ihn nicht ins Auto steigen lassen wollen, in den Wagen, der ihn forttragen würde von ihr, von allen ihren runden, rollenden, Lippen und Zunge zu schöner Bewegung zwingenden Silben, einem Namen, einer Kindheit: Mi, Le, Na, Milena.

Die Schneehäuser sind abgeschmolzen, die Windpocken überstanden. Aber damals ist er ins Auto gestiegen, und später, am Abend, in der Wohnung in der Stadt, da hat er geweint und es nicht fassen können, daß er am Morgen, in einer anderen Welt, ins Auto gestiegen ist. Daß nun Milenas Hier zu seinem Dort und ihr Dort zu seinem Hier geworden ist, und wie das aueinanderfällt, und daß die Zeit vergeht und man nicht zurückkann in ihr, und man darin Dinge tut und getan hat, die man später nicht getan haben will. Das ängstigt ihn und peinigt ihn, und die Mutter kann ihn nicht trösten: Die Mutter, die er wegen Milenas ausgebreiteter Arme gefragt hat, und die es ihm erklärte, Sie wollte nicht, daß du fährst. Sie wollte nicht, und dann ist er aber gefahren. Und er wollte doch auch nicht. Oder wollte er? Und jetzt lag er im Bett, untröstlich, und weinte, daß er hier und nicht Dort war, in Milenas unerreichbarem Hier.

verworren

Ich glaube, für eine wirklich schön verworrene Geschichte ist mein Geist einfach nicht verworren genug. Und verworren sollen sie sein, die Geschichten, heißt es nicht Seemansgarn spinnen? Und verheddern sich die Nornen nicht in ihrem eigenen Faden? Überhaupt, der Faden. Text bedeutet auch nichts andres als “Gewebe”. Dieses mag seine Ordnung haben, in der umfassenden Draufsicht. Aus Sicht eines einzelnen Fadens aber und seiner Umgebung herrscht ein schönes Durcheinander, in dem dennoch alles einander zusammenhält.

Das Unübersichtliche als Aufgabe. Die Kunst, sich selbst zu überraschen. Die Ordnung so gestalten, daß sie unordentlich aussieht. Dafür braucht es nicht einen verworrenen Geist, sondern mindestens zwei.

Der Schriftsteller Thódoros Kallifatídis in der Zeitschrift Avgí

… μπορεί όντως να μη βρίσκει κανείς το λόγο σήμερα να διαβάσει την “Απολογία του Σωκράτη” αλλά όταν φτάσουμε στο σημείο αυτό, ήδη έχουμε χάσει τη μάχη. Τελικά η κουλτούρα, η παιδεία είναι η υπέρβαση του αναγκαίου, χωρίς αυτή την υπέρβαση δεν νοείται πολιτισμός.

Kann tatsächlich sein, daß niemand heutzutage noch einen Grund sieht, die „Apologie des Sokrates“ zu lesen, aber wenn wir  einmal soweit sind, haben wie die Schlacht bereits verloren. Schließlich sind Kultur und Erziehung die Transzendenz des Notwendigen. Ohne diese Transzendenz läßt sich Kultur nicht denken.

Πότε ένας συγγραφέας φτάνει στο σημείο να πει “τώρα πέτυχα τον στόχο μου”;

Αυτή είναι η πιο συνηθισμένη φράση των συγγραφέων. Τη λένε σε κάθε φράση που γράφουνε, αυτό είναι το αίσθημά τους, έτσι προχωρούν. Γι’ αυτό όμως ο συγγραφέας χρειάζεται και την κριτική, γιατί δεν είναι αυταπόδεικτο ότι πετυχαίνει πάντα τον σκοπό του. Ας το συγκρίνουμε με μια άλλη κατάσταση, εκεί που κάθεσαι ακούς ένα τραγούδι και ξαφνικά σηκώνεσαι και χορεύεις, χορεύεις καλά ή κακά, δεν είναι το ζητούμενο αυτή τη στιγμή, το ζητούμενο είναι ότι κάνεις αυτό που αισθάνεσαι. Αυτό αυτόματα δε σημαίνει ότι είσαι και Μπαρίσνικοφ. Έτσι γράφεις. Αλλά δεν μπορείς να γράψεις χωρίς αυτή τη βεβαιότητα, δεν γίνεται και γι’ αυτό ίσως πολλοί συγγραφείς να μη γράφουν. Οι περισσότεροι άνθρωποι άλλωστε που δε δημιουργούν δεν είναι γιατί δεν έχουν ταλέντο, αλλά από φόβο.
Wann erreicht der Schriftsteller den Punkt, an dem er sagt: „Ich habe mein Ziel erreicht“?

Das zu sagen, ist für Schriftsteller ganz normal. Das sagen sie bei jeder Formulierung, die sie hinschreiben, so empfinden sie, auf diese Weise kommen sie voran. Deshalb aber braucht der Schriftsteller die Kritik, denn es ist ja gar nicht ausgemacht, daß er immer sein Ziel erreicht. Nehmen wir eine andere Situation zum Vergleich, da sitzt einer und hört Musik und plötzlich springt er auf und beginnt zu tanzen, er tanzt gut oder schlecht, darum geht es in dem Moment nicht, worum es geht, ist, daß er tut, was er fühlt. Das bedeutet natürlich nicht, daß man dadurch automatisch zu einem Baryshnikov wird. Und so ist es auch mit dem Schreiben. Man kann ohne diese Gewißheit nicht schreiben, es geht nicht, und viele Schriftsteller tun es deshalb vielleicht auch nicht. Übrigens sind die wenigsten Menschen unkreativ, weil sie kein Talent haben, sondern weil sie sich nicht trauen.

Ohren auf! Und wieder auf die Wörter hören. Nicht der Sprache mißtrauen, sondern noch einmal sich auf sie zu verlassen wagen.
Das Wort lachen hat ein Gesicht, dem der Mund aufsteht. Das Wort Zorn hat zusammengekniffene Brauen. Das Wort verzweifelt ringt die Hände in Auswegslosigkeit. Das Wort fröhlich lacht leise. Wörter haben Gesichter, haben Augen, schauen den Leser an. Wörter sind Angeln und Treppen. Sie sind vertraut, man kann ihnen vertrauen. Gekleidet in die Farben ihrer Lettern tragen sie von Kindesbeinen an zuverlässig ihre Theatermasken über die Bühne der Geschichten.

Noch einmal Nacht. Abgerungen den Glocken des Schlafs. Träume von Hunden und elegischen Distichen fallen dem Wachbewußtsein später wieder ein, da ist die Nacht ohne Halt von den Scheiben gerutscht. Vögel halten sich versteckt, die Kamine haben die Fäuste in den Taschen vergraben. Ein seltener Gott heißt Vergnügen. Die Sprache baumelt von einem buntbemalten Apfelbaum.
Zeit, Feuer zu machen und einen Topf mit Kieseln zum kochen aufzusetzen.

VIA NOVAESIANA 13.9.2011

Schreiben in den Spinnfäden des frühen Morgens. Schreiben gegen diese Spinnfäden. Schreiben und warten. Warten und denken. Das Haus ist still wie ein Tier. Wie nur schlafende Löwen still sein können, alle Kraft und Gefahr in die Träume aufgespult. Die Nacht hockt vor dem Fenster, ihre Klauen am Glas. Und die Worte wagen sich heraus wie schüchterne Mäuse. Wenn man nicht aufpaßt, sind sie gleich wieder futsch. Verhuscht in den Spalten der Müdigkeit.

Arbeitsprotokoll

6:00 Nachrichten und Kaffee laufen. Während ich Wasser nachgieße (die Nachrichten laufen von alleine), fällt mir ein, daß ich mich gestern nach dem Umweg durchs Gebüsch nicht nach Zecken abgesucht habe. Ich hole das nach. Griechenland droht der Staatsbankrott. Interessant, wo man überall Bettfusseln findet.

6:05 Daniel Finkernagel begrüßt die Zuhörerschaft zur Sendung Mosaik. Finkernagel ist einer meiner Lieblingsmoderatoren. Keine Zecke. Kaffee fertig. Tag fängt gut an.

6:07 Erstmal E-Mails checken und Internet-Nachrichten.

6:10 Habe den Eindruck, daß die Mosaik-Sendung über die Jahre immer unruhiger geworden ist. Melancholische Gefühle streifen mich. Ich vermisse Landwirtschaft heute („die Sendung über Lebensmittel für morgen“). Man könnte eine Anfrage an Radio Eriwan machen. Natürlich wäre die Antwort klar: Im Prinzip ja. Aber sowas geht heute nicht mehr. Mir fällt auf, daß es von recht vielen Dingen heißt, sie gingen heute nicht mehr. Wahlweise heißt es auch, sowas könne man heute nicht mehr machen. In der Grundschule die Termini Substantiv, Adjektiv, Verb einführen. Kann man heute nicht mehr machen. Werbung für Zigaretten und Alkohol im Fernsehen zeigen. Kann man nicht mehr machen. Die Kinder unbeaufsichtigt auf die Straße lassen. In der vierten Klasse eine ungekürzte Ganzschrift lesen. Einfache Chemikalien wie Natronlauge oder Salzsäure in der Drogerie verkaufen. Atomkraftwerke bauen. Geht alles nicht mehr. Frische Sprossen im Salat: Kann man heute nicht mehr machen.
Die Menschen werden immer einfältiger, hat man den Eindruck. In ein paar Jahren, male ich mir aus, sagt man im Germanistikseminar immer noch „Tunwort“.

6:20 Zwei Absätze geschrieben. Gewagte Sprache, aber wer wagt, der gewinnt. Kaffee fast leer. Träume von einer zweiten Tasse.

6:30 Kulturnachrichten. Ich habe den Eindruck, daß überall nur gequasselt wird. Das Mosaik setzt sich aus immer kleineren Steinchen zusammen. Ständig wird irgendwo unterbrochen, Design im Dasein, Unfug mit Fugen, Migranten des Wortschatzes, das Radio ist zu einer Kultur der Unterbrechungen und Häppchen geworden, so eine Art akustisches Fingerfood.

6:35 Habe die zwei Absätze wieder gelöscht. Sowas kann man heute nicht mehr machen.

6:39 Jemand sagt, Regisseur A oder B habe einen Film realisiert. Ich bin beeindruckt. Realisiert hat er den Film. Nicht einfach gedreht, was hemdsärmelig, oder gar nur gemacht, was ja schon schludrig wäre, nein realisiert. Das klingt doch gleich ganz anders. Nach Idee, nach Einfall, nach Genie.

6:40 Bin in der Frage, was man heute machen kann, ratlos und realisiere einen Zweitkaffee.

6:50 Was ich schon immer geahnt habe, heute wird es offenbar: Händels Violinsonaten sind belanglos.

6:55 Ich frage mich, was die Macher von Mosaik bewogen hat, als letzte Musik vor dem Journal ein Vokalstück zu spielen. Was soll das sein, eine Erziehungsmaßnahme?

7:09 Noch unverständlicher ist mir, warum seit ein paar Tagen im Journal vor dem Wetter ein Fußballreporter in einer der frühen Stunde absolut unangemessen extatischen Tonfall Spielergebnisse des Vortages zusammenfaßt. Absurd scheinen mir in diesem Zusammenhang vor allem die Stadion-Hintergrundgeräusche. Es wird sich um sieben Uhr in der Früh wohl kaum um eine Live-Einblendung handeln. Nervensäge.

7:10 Kaffeeflash. Habe einen Absatz geschrieben, der mich nicht weiterbringt, und der das Problem, alles Vorformulierte im Plot unterzubringen, nur verschiebt. Ferner die Frage, wo die Erzählerlüge von dem, was in Echt passiert ist, abzweigt. Schwierig, Was ist überhaupt in Echt? Auch darum, fällt mir ein, wird es gehen in dem Roman.
Ein Musikstück wird angekündigt, Finkernagel gönnt sich wieder mal ein improvisiertes Rätsel. Der Komponist wird charakterisiert als ein sehr religiöser Mensch, der eins seiner Werke gar „dem lieben Gott“ gewidmet habe. Einfach! Das ist derselbe, der gegen Ende seines Lebens Buch über die täglich verrichteten Gebete geführt hat.

7:17 Nehme mir vor, über meine Kaffees Buch zu führen. Bruckners Streichquintett ist wie seine Symphonien, nur leiser.

7:30 Auch die Sätze haben ähnliche Spieldauer.

7:35 Kersten Knipp ticht uns frich die Kultur-Presse-Schau auf. Habe noch einen Absatz geschrieben, von dem ich weiß, daß ich ihn wieder löschen werde. Die Gedanken schweifen ab. Ich kann mich nicht konzentrieren. Entweder es fehlt an Koffein, oder ich habe zuviel davon im Kreislauf. Verdammte Sucht.
Gut wäre für die Lügenversion des Erzählers eine ménage à trois, oder die Ankündigung einer solchen. Ein Ereignis, das sich später, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, als heimlicher Wunschtraum erweist.

7:43 Dreißig Seiten an der ménage-à-trois-Szee geschrieben. Kurzes Writer’s High. Muß aufpassen, daß die Phantasie nicht mit mir durchgeht.

7:44 Kirche in WDR 3. Zur Einstimmung singt der Troisdorfer Kinderchor den Choral zu vier Stimmen, „Herr Jesus will mich decken“ von Johann Gottlieb Sauertopf. Dieses Salbadern um kurz vor acht könnten sie mal wirklich abschaffen. Und dafür wieder Landwirtschaft heute senden.

7:54 Der Radiowecker schaltet sich zum Glück aus, bevor zum ersten Mal das Wort Gott fällt. Überlege mir, wie es wäre, einen Worterkenner zu haben, der automatisch die Lautstärke dimmt, sobald das Wort Kirche oder Jesus oder Kürzlich erzählte mir ein Freund fällt. So eine Art Kirchenscanner. Das wär mal was.

7:15 Die Phantasie ist mit mir durchgegangen. Habe die 30 Seiten ménage-à-trois-Szene wieder gelöscht.

7:20 Könnte die ménage-à-trois-Szene ja auf dem Blog posten. Haha.

7:25 Kaffee ist aus. Radio ist stumm.

7:30 Cursor blinkt erwartungsvoll.

7:31 Cursor blinkt erwartungsvoll.

7:32 Cursor blinkt erwartungsvoll.

Werkstatt

Noch ein Versuch, abermaliges Umdeuten. Nicht die Erkenntnis über das Wesen der Frau, sondern das abermalige und letzte Scheitern an dieser Erkenntnis bringt die Geschichte zum Abschluß. Auch bei diesem neuerlichen Weiterdenken war alles schon da, Schlußbild, Handlung, Entwicklung, nur, daß es jetzt eine andere Deutung bekommt. Die Frage ist, wieviel Überraschung verträgt so ein Text? Dabei ist es nicht so wichtig, daß der Leser am Ende nicht mehr weiß, was er eigentlich glauben soll. Die Hauptperson weiß es ja auch nicht. Herrgott, ich weiß es nicht! Vielleicht hätte er (und ich) es wissen können, aber das ist ein konjunktivisches Vielleicht. Und deutet eben wieder auf das große Versäumnis: Die augen nicht aufgehabt zu haben in dem Moment, wo das Sehen notgetan hätte.

Unendliche Geschichte

Je länger ich mich mit dieser Geschichte beschäftige (man darf sagen: sehr lange), desto mehr wächst sie, wobei sie wahllos neue Gedanken und Möglichkeiten zu ihrer Verzwirbelung an sich saugt und zu verwerten trachtet. Jede neue Krise ihrer Bewältigung war von der Schwierigkeit ausgelöst worden, einen frischen Gedanken, eine bestimmte als magisch angesehene Atmosphäre, eine neue verrückte Konstruktion, eine weitere aberwitzige Verspinnung dem bestehenden Gerüst aufzupflanzen und im bereits ausgesponnenen Textkörper unterzubringen, bis das so aufgeblähte und überkonstruierte Geflecht unter der eigenen Spannung zusammenbrach und ich wieder ganz von vorne beginnen mußte. Tabula rasa, und dann ging alles wieder von vorne los. Ich konnte und kann mich nicht entscheiden. Jeder neue Gedanke ist so bestechend, daß er unter allen Umständen verwertet werden muß. Auch nur einen dieser Gedanken fallenzulassen hieße, in der Geologie der narrativen Räume eine wichtige Bedeutungsschicht auszuklammern, und damit, so scheint es, die Geschichte zu einem bloßen Ausschnitt eines viel größeren, eigentlich zu erzählenden Ganzen zu reduzieren, das dann immer noch zu erzählen bliebe. Wollte man dem erfolgreich vorgreifen, so erwüchse ein Erzählen von wahrhaft kosmischen Dimensionen daraus: Um zu gelingen, müßte es schlechthin alles enthalten, was je über das Scheitern der Liebe zu sagen war.