Was den Wegen gelingt: sich selbst zu begegnen, wieder und wieder, Anfang und Ende zusammenzuknüpfen, Ankunft und Aufbruch gleichzeitig zu sein, bleibt unmöglich.

Also noch einmal in die Wanderstiefel, noch einmal die Haustür hinter sich ins Schloß fallen hören. Nicht auf den Regen achten, sich den Wald überstreifen wie einen Mantel. Bis ganz hinauf, wo die Böschungen müde am Weg stehen und sich mit den Erdschichten verzählen. Hinter den Hügeln arbeitet sich wie je die Ebene mit ihren Straßen an der Ferne ab. Keine Zeit für Glocken, unter den Steinen knackt schon die Dunkelheit mit den Gliedern. Der Wind bringt keine Geschichten; für die unseren ist er taub.

Von irgendeinem Weg weiter oben klingt Kinderlachen auf, gleich wieder verstummt, zu seiner eigenen Zeit etwas Spätes und Letztes, das es eilig hat, ohne es zu wissen, wie Blätterfall. Auf dem Schotter die Mumie einer vor Monaten vergessenen Socke. Unten im Tal ein geschlossenes Freibad, im gefüllten Becken schaukelt der Himmel mit Gewölk.

Es wäre Zeit, aber wofür? Vor der Hütte warten die Wege, abmarschbereit. Namen im Holz, Jahreszahlen, in der Dämmerung kaum noch lesbar, auch diese mußten weiter zu ihrer Zeit.

Gaza, 24.12.2023

“Steht in der Zeitung, sie haben jetzt Sprengstoffgürtel — für Kinder, in Gaza”, sagt mein Vater am Abendbrottisch, er sagt, “Wer plant so etwas?”, und er sagt, “Was sind das für Menschen, die sich so etwas ausdenken?”, und seine Stimme, als er das sagt, beinahe mitfühlend mit denen, die sich so etwas ausdenken, ist ganz klein.

Und auch

(Und auch dich kennt dieser Raum durch mich, kennt uns, und von Anfang an, kennt die Knospen und Wurzeln, die ersten sprossenden Silben des Gesprächs, das uns seither bis ins Körperliche hinein verbindet. Als ich schlaflos lag und die auf mich Ruhlosen herabblickenden Bücher bat, ihre Spiegelungen auch in der Scheibe, mir von dir zu erzählen. Hier war es. Und doch war es nicht hier. Es war nirgends. Es war in der Vergangenheit eines Ortes, der seine eigene Zukunft hatte, damals, wie wir die unsere, unbekannte.)

Aequinoctium

Letztes Ruder, wir leeren das Blau aus den Wimpern und Schöpfen.
     Was uns der Kranichzug ließ, schreibt uns den Tag auf die Haut.

Alle Wege führen zum selben geschlossenen Zauntor.
     Sterne wieviel er auch zählt, gibt sie der See nicht mehr her.

Winde bewohnen das Ufer. Im Bootshaus bechern die Wellen.
     Wärme, den klammen Puls, wandelt der Knöchel in Sand.

Solstitium

Juni, reiß mir die Hüllen vom Leib. Für Hände, die wohl tun,
     selbst unterm untersten Hemd, bin ich nicht nackig genug.

Nackt und nackter als nackt noch, je mehr deine Küsse mich suchen,
     bis ich so durch mich hindurch käm bei mir selber heraus.

Heilige Nacht

Vor dem Gelände, auf dem die Esel gehalten werden, hat eine Familie mit zwei kleinen Kindern eine Kerzenlaterne abgestellt. Der Mann schraubt eine Flasche zu, die Kinder scheinen etwas in den Händen zu halten, ich nehme an, sie füttern die Esel. Aber kein Esel ist zu sehen. Die Futterkrippe ist leer. Die schwarze Bremsenfalle steht da wie eine hohle Ritterrüstung. Eine offene Tasche lehnt neben der Laterne am Maschendrahtzaun, und als ich vorbeigehe, stimmt eins der Kinder ein Liedchen an, Alle Leut, alle Leut, gehen jetzt nach Haus. Alle Leut, alle Leut, immer wieder von vorne. Kurz darauf fängt es an zu regnen.

Solstitium

Weiter immer im Klang, als übten die Bäume das Atmen,
     kämen sich selbst zu Gehör, dämmernd, in Chören ein Chor.

Abend; im Auftrieb des Dunkels schwebend die Pulse der bleichen
     Larven. Im blinden Fleck tauschen die Schatten ihr Tuch.

Schneller und schneller die Zeit, das lippensiegelnde Dunkel.
     Rasch notiert noch der Schnee, was auf den Rand nicht mehr ging.

Aequinoctium

Mittag, ermattetes Feld. gestohlenes Licht von den Höfen.
     Zeichen, in Staub geritzt. Falken, Fermaten des Winds.

Felder, ein Zögern von Vögeln, wie rückwärts gesprochene Wörter.
     Mittags, im fliehenden Schwarm, löschten den Anfang sie aus.

Hufschläge, langsamer jetzt, ganz nahe, hinter der Hecke.
     Zeit, die sich selbst überrascht: Silben, aus Später geschöpft.

Solstitium



Steine schluckten den Wind. Zum Grund zieht der Bachlauf die Wolken.
    Nacht strömt ein, im Gezweig retten sich Vögel an Land.

Letzte Schritte im Laub. Das Lauschen der Spinnen im Holzstoß.
    Aufgehängte Luft, Pein, die ein Glockenschlag löst.

Schwingen, beherztere Namen der Stille, sie ließen die Stunde
    wie sie am Boden vergeht, Lidschlag um Lidschlag zurück.

Hl. Katharina

“Sankt Kathrein stellt den Tanz ein”. Auf dem Gartenkalender (eine Fundgrube für hergebrachtes Kalender-, Bauern- und Jahreszeitenwissen) lese ich, daß traditionell am 25. November die Vorweihnachtszeit begann. Vorweihnachtszeit war Buß- und Fastenzeit, gesellige Veranstaltungen hatten ab dem 25. November aufzuhören. Legt die aktuelle Weltlage nicht nahe, statt in Glühwein, Geklingel, Lebkuchen, Lichterketten zu schwelgen, solches Brauchtum wieder aufleben zu lassen und die Vorweihnachtszeit ihrer ursprünglichen Funktion der Erwartung, Reinigung und stillen Einkehr zuzuführen?