Die beiden Passagiere in der RB48 nach W-Oberbarmen, zwei junge, dem ersten Eindruck nach gebildete Frauen von sehr gepflegter Erscheinung sprechen über Schmuck. Über Ohrlöcher und Ringe, über verschiedene Materialien, über Titan, Gold, Silber und ganz kleine Diamanten. Unfreiwillig höre ich, ganz in der Nähe den einzigen bequemen Stehplatz in Anspruch nehmend, dem Gespräch zu. So lange die Fahrt dauert, geht es um nichts anderes. Eine halbe Stunde Ringe, Ringe, Ringe, als wären die beiden bei einem Symposium der Innung rheinischer Juweliere. Ich denke mir unwillkürlich, Männer hätten ganz andere Gespräche. Aber worüber würden zwei junge, gebildete Männer sprechen? Betriebssysteme? Autos? Die geplante Rafting-Tour? Es kommt mir alles wie ein Klischee vor, zumal ich selber weder über Betriebssysteme, noch über Autos oder Rafting-Touren reden würde. Aber manche Klischees sind nicht nur Klischees sondern eben auch die Wirklichkeit. Ist es nicht ein Klischee, daß zwei Frauen über Schmuck palavern? — Erst beim Aussteigen, als ich mich an ihnen vorbeizwänge, um endlich einen Sitzplatz zu ergattern, haben sie das Thema gewechselt, geht es um einen Mann und was für eine Beziehung der mit einer der beiden will oder nicht will, und ich denke, Männer hätten wirklich ganz andere Gespräche, und ich denke auch, aha, Bechdel-Test im letzten Moment doch nicht bestanden.

Da sind wir wieder, und der ganze Circus

Daß man es kaum schafft, in einer unbequemen Lage auch die darin begründeten durchaus willkommenen Nebeneffekte zu erkennen und zu würdigen. Gestern abend von dem Veranstaltungsplatz an der Kirche her Festivalgeräusche, jenes verhaßte Dröhnen, Rumpeln, Hallen, Heulen von ins Groteske verstärkter Supermarktmusik, wie es jetzt gut anderthalb Jahre nirgends zu hören gewesen ist. (Solche elektrischen Klangverstärkungen haben immer einen provokativen, hybriden Drang ins Universelle, Allgemeingültige, gräßlich.) Der Impuls in solchen Momenten, derartiges Treiben als eitles, leichtfertiges, geradezu sündiges Tun (Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand) zu verdammen — warum hat es mich in den vergangenen siebzehn Monaten nicht ein einziges Mal mit fröhlichem Ingrimm erfüllt, daß genau diese Verdammung offiziell in Kraft getreten war? Die Pandemie mit ihrem Ernst hätte ich mir doch zuvor geradezu gewünscht in Momenten wie gestern abend. Daß das sündige Treiben ein Ende finde und in einer schicksalhaften, göttlich zu nennenden Intervention des Ernstes in Flamme aufgehe, eines Ernstes, als dessen Vertreter auf Erden ich mich in meinem maßlosen Zorn zu empfinden durchaus geneigt bin.

Antiklimax

Impftermin bekommen. Ausgerastet, als ich auf der Seite der Kassenärztlichen Vereinigung an einem für Linuxsysteme offenbar nicht ausführbaren Skript steckenblieb. Registrierung (schon im Januar, man war ja optimistisch) kein Problem, Anmeldung, kein Problem, “Ich bin Angehöriger folgender Berufsgruppen …” Check!, weiter zur Terminvergabe, ja, Termin für mich selbst, weiter zum Impfzentrum, bitte wählen Sie ein Wunschdatum aus … Oh gerne, also das früheste, in zwei Wochen. Check! Bitte wählen sie die Uhrzeit aus … Egal, irgendwann. — Bitte wählen Sie die Uhrzeit aus … Ok, aber wo? — Bitte wählen Sie …. Ja, würde ich gerne, du stiernackige Datenverarbeitsanlage, wo bitte? Da ist nur ein graues Kästchen zu sehen, und außerdem stecken Bild- und Textelemente höchst unprofessionell übereinander. Also noch mal von vorn. Bitte wählen Sie ein Wunschdatum aus … bitte wählen Sie eine Uhrzeit aus …. “Offensichtlich haben Sie Schwierigkeiten, einen passenden Termin zu finden. Sollen wir Sie per Mail benachrichtigen, wenn weitere Termine vorliegen? Ja, Nein, Meldung nicht wieder anzeigen”. — Abgemeldet, FF mit abgeschaltetem UBlockOrigin neu gestartet, nix. Wo eine Uhrzeit zum Auswählen sein sollte, ist weiterhin nur das graue Kästchen, nicht klickbar. Vielleicht ein anderer Browser? Mit Konqueror komme ich nicht einmal ins Anmeldeformular. Also einmal mit den Zähnen geknirscht und zum Zwecke Chrome installiert, der kann ja wohl, zumal jungfräulich und unbefleckt von irgendwelchen Blockern, alles. Sollte, muß alles können. Nein? Nein! Das Skripting auf der hochoffiziellen Seite der KVNO kann er nicht. Selten, ganz, ganz selten kann mein FF etwas nicht darstellen. Und ausgerechnet die KVNO hat es geschafft, die Anmeldeseite so zu programmieren, daß Linuxsysteme (ich bat Freunde, die auch Linux benutzen, um Hilfe, die konnten mich mit ihrem System nicht einmal einloggen) an der Auswahl der Uhrzeit scheitern. Überflüssig zu erwähnen, daß die Hotline hoffnungslos überlastet war.

Während ich also fluchte und brüllte und tatenlos zusehen mußte, wie ein Tag nach dem anderen von buchbar zu ausgebucht wechselte, kam das Stiefsöhnchen aus der Schule, nickte nur kurz und zückte sein Händie.

Keine Minute später hatte ich meinen Termin.

***

Es hat etwas Antiklimakisches, wie das Ende dieser Krise sich langsam abzeichnet. Fast ist man enttäuscht, daß es zu Ende geht, als müßte da doch noch was, als hätte man doch noch nicht, als wäre man noch nicht auf seine Kosten gekommen. Sollte das alles gewesen sein? So trivial, so banal, so dämlich? Wo bleibt die Entschädigung? Oder wenigstens der Knalleffekt? Daß jetzt tatsächlich die Möglichkeit besteht, es könnte in wenigen Wochen alles ausgestanden sein, fühlt sich irgendwie schal an, fad, unwürdig, wie eine Geschichte, die einfach ohne echtes Ende aufhört. Ohne wirklich aufzuhören, man wünscht sich, ja, was? Daß die gute Fee auftritt und allem rückblickend einen Sinn verleiht. Oder daß der König, während er das Zeremonienschwert aus der Scheide zieht, einen niederknien heißt, damit man den Ritterschlag empfange. Daß die Außerirdischen kommen und um Verzeihung bitten für das außer Kontrolle geratene Experiment. Daß ein genialer Wissenschaftler im Genom des Virus die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest gefunden hat. Was weiß ich, irgendwas halt. Nur nicht einfach nichts. Nur nicht dieses öde Sichdavonschleichen. Man bleibt ratlos zurück. Was sollte das jetzt bitte? Könnte einem jemand von außerhalb mal gefälligst einen Tip geben? Oder wenn schon kein Sinn dahinter ist, dann wenigstens einen Schuldigen, den man genüßlich zu Tode foltern kann. Strafe als Sinngeber des Unglücks, so vielleicht.

(6.7.2021)

Startfenster

Mein Wissen über die beiden Eisriesen des Sonnensystems auf den neuesten Stand gebracht. Die NASA begutachtet derzeit mehrere Missionsvorschläge, darunter einen Orbiter mit Atmosphärensonde, und sofort stellt sich bei mir die von Kindertagen vertraute Erregung ein. Ungeduldig und enttäuscht darüber, wie langsam es voranging mit der Erforschung des Weltraums, wäre ich am liebsten sofort mitgeflogen. Hätte es damals schon Hubschrauberflüge auf dem Mars gegeben (es gab zwei Lander, Viking I und II, die ein paar Photos geschossen und ein wenig im Boden gestochert haben, das wars), ich wäre außer mir gewesen vor Entzücken. Was ich aus Büchern erfuhr, war alles bereits lange her, aus Kindersicht zumindest. Als ich anfing, mich für die Raumfahrt zu interessieren, waren die Bilder vom Mars, die verwackelten Schnappschüsse von der Venusoberfläche, ja sogar die phantastischen Bilder, die Voyager 1 erstmals von den Jupitermonden aufgenommen hatte, nichts Neues mehr. Ich war nicht teilnehmend dabeigewesen, als letztere entstanden, vor allem aber waren diese Himmelskörper, als sie erstmalig in solcher Detailfülle untersucht wurden, zuvor noch nicht als Frage in meinem Geist aufgetaucht, hatte ich sie noch nicht als etwas Unbekanntes identifiziert, auf das sich meine Neugier hätte richten können. So konnte ich ihrer Kartographie nicht entgegenfiebern, denn als ich lernte, daß der Jupiter überhaupt Monde hat, waren diese Bilder bereits vorhanden. Ich habe keine Erinnerung an eine Zeit, da man nicht wußte, wie diese Monde aussehen.

Das aufregendste, was ich diesbezüglich in späteren Jahren erlebte, war fraglos die Landung der Sonde Huygens im Rahmen der Cassini-Mission im Jahr 2005 auf dem Saturnmond Titan. Da ich damals zu Hause noch keinen Internetzugang hatte, blieb ich bis nach neun Uhr abends in meinem Büro und verfolgte die Nachrichten auf der NASA-Seite. Dann eine (übereilt hochgeladene, Minuten später wieder gelöschte, andertags in redigierter Form wieder eingestellte) Pressemitteilung. Dann die ersten, rötlichtrüben Bilder, Sand, Kiesel aus Eis, eine Ebene, ein rostbrauner Horizont, die ein für allemal sämtliche künstlerischen Phantasien, mit denen man zuvor versucht hatte, sich die Oberfläche des fernen Himmelskörpers auszumalen, obsolet machten, von einem Moment zum nächsten zu überholten Vorstellungen eines vergangenen Zeitalters werden ließen.

Wie oft ist es einem Menschenleben verstattet, einen Blick auf die Oberfläche eines unerforschten Himmelskörpers zu tun? Als mein Vater geboren wurde, hatte noch niemand eine Mondlandschaft, ja, es hatte noch niemand die Erde als blaue Perle aus einer Umlaufbahn heraus gesehen. Vom Mars zu schweigen. Bilder, die es schlichtweg nicht gab. Wie die Erde vom Mond aus betrachtet aussieht, war ebenso spekulativ wie es die künstlerischen Impressionen der Titanoberfläche vor dem Jahr 2005 waren. Bislang haben Landesonden die Oberflächen von Venus, Mond, Mars, Titan sowie vier Asteroiden und einem Kometen erreicht. Doch während ein geeignetes Zeitfenster für einen Flug zum Mars alle paar Monate offensteht, sieht das für die äußeren Planeten aufgrund der enormen Distanzen ganz anders aus. Um Treibstoff und damit Gewicht zu sparen, sind Missionen ins äußere Sonnensystem auf ein Swing-by-Manöver am Jupiter angewiesen, müssen also dessen jeweilige Position mitberücksichtigen. Das nächste Zeitfenster für einen Flug zum Uranus wäre von 2030 bis 2034, der Flug würde elf Jahre dauern, eine Sonde wird also frühestens 2041 vor Ort sein. Zum Neptun kann man schon etwas eher losfliegen, man braucht dafür aber 15 Jahre Flugzeit. Früheste Ankunftszeit wäre 2044. Das nächste Startfenster geht dann erst wieder 2041 (mit einer Ankunftszeit Mitte der fünziger Jahre des 21. Jahrhunderts) auf.

2041, da werde ich siebzig sein. (Und beim nächsten Venustransit hundersiebenundvierzig.) Und jetzt komme ich endlich zum Punkt. Der wäre: Es ist zutiefst deprimierend zu erleben, wie die Aussichten auf noch Erlebbares zusammenschrumpfen. Natürlich stehen diese Zeitfenster fest, das taten sie bereits bei meiner Geburt, das taten sie bereits, bevor noch irgendein Mensch darüber nachgedacht hat, in den Weltraum zu fliegen. Ich hätte mir schon als Kind von zwölf Jahren ausrechnen können, wie viele solcher Missionszeitfenster in ein Leben von, sagen wir mal achtzig Jahren passen, wenn es mich interessiert hätte. Und genau das ist der springende Punkt: Es interessiert einen nicht, wenn man zwölf ist. Es interessiert einen auch nicht, wenn man zwanzig oder dreißig ist. Man wartet mit zwanzig auch gerne zehn Jahre, ohne sich viel dabei zu denken. Oder man hat soviel Zeit, daß man gar nicht wartet, denn es lohnt sich nicht, es dauert ja viel zu lange. Ich kann mich jedenfalls nicht an den Start der Cassini-Huygens-Mission erinnern, nur an die Bilder von der Titanoberfläche, als das Ding endlich da war. Zwanzig ist ebensosehr Mitte wie dreißig. Auch vierzig ist noch Mitte; siebzig definitiv nicht, siebzig ist der Rand, und Ereignissen entgegenzufiebern, die an diesem Rand passieren werden, ist ja töricht, bedeutet es doch nichts anderes, als es nicht erwarten zu können, den Rand selbst zu erreichen. So bewegt man sich in solchen Erwartungen auf zwei Skalen. Auf der einen, der herunterzuzählenden Zeit bis zum Eintreffen der Sonde, möchte man Gas geben. Auf der anderen, der herunterzuzählenden Zeit bis zum Ende des Lebens, möchte man auf die Bremse drücken. Das ist ein Widerspruch, der im Grunde nur zu ertragen ist, wenn man sein Interesse aufgibt und nicht mehr wartet, auf nichts.

Das Zeitfenster danach, das von 2041, man kann sich ausrechnen, daß man diese Sonden nur noch starten sehen wird.

Der Unterschied? Vor zwanzig Jahren hätte ich diese Erschöpfung nach einem Lauf wie dem neulich (24,5 km) auf schlechte Tagesform oder Trainingsfehler zurückgeführt. Heute sehe ich in jeder Schlappe Zeichen des drohenden Altersabbaus. Die Selbstverständlichkeit ist weg. Wider Willen lerne ich, mich als Ausnahme in meiner Alterskohorte zu begreifen. Ich will das nicht sein, eine Ausnahme. Denn anders als das Zeugnis der Frühreife: schon zu meistern, was andere noch nicht können; hat es einen schalen Beigeschmack, noch zu können, was andere nicht mehr schaffen. Denn das Nichtmehrkönnen wartet für einen selbst ja gleich um die Ecke, für alle.

Unangenehm aufgefallen

Ich ging in den Trump Tower, ein neuer Wolkenkratzer an der Fifth Avenue. Allmählich macht sich der Immobilienspekulant Donald Trump in ganz New York breit. Über die ganze Stadt verteilt baut er Wolkenkratzer, die seinen Namen tragen. Ich ging also in den Trump Tower und sah mich um. Eine so geschmacklose Eingangshalle habe ich noch nie gesehen. Alles war aus Messing und Chrom und aus rotweiß geschecktem Marmor, der wie das Zeug aussah, um das man einen großen Bogen macht, wenn man es auf dem Gehsteig liegen sieht. Hier war alles voll davon — der Boden, die Wände, die Decke. Mir war, als befände ich mich im Magen von jemandem, der gerade eine Pizza verspeist hat. “Unglaublich”, staunte ich und ging weiter.

Bill Bryson. Straßen der Erinnerung. Reisen durch das vergessene Amerika München: Ullstein 2000. S. 198f. Aus d. Engl. v. Claudia Holzförster

non gaudio sed vitae

Beantragung eines Lehrerwechsels durch Frau Γι., W.s Mutter. Mögen sie glücklich werden mit einem anderen! Ich glaube es nicht. Abgesehen davon: schade. Ich mochte das Mädel, auch wenn es mit Latein auf dem Kriegsfuß steht und sich bis zuletzt standhaft weigerte, meine Eintrichterungen im Kopf zu behalten oder meine Ratschläge zu beherzigen. Ich werde die Stunden vermissen, und erst recht vermisse ich W. Wie ich sie ja fast alle vermisse, die irgendwann mal mit mir in ein Lateinbuch geschaut haben. Es ist nur natürlich, daß das Vermissen in den seltensten Fällen in beide Richtungen geht; aber so ist des Lehrers Leben nunmal. Dem liegt ja die Jugend stets mehr am Herzen, als der Jugend der Lehrer am Herzen liegt. Wir kümmern uns, wir machen uns Sorgen, wir wünschen den Erfolg der jungen Menschen, wir bangen und fiebern und leiden mit und freuen uns, wenn etwas gelingt. Und dann spazieren diese Menschen am letzten Schultag aus unserem Leben, um ihr eigenes zu beginnen, und wir, wir sind ja schon längst in dem unseren, und es ist eben, wie es ist, so erfolgreich oder erfolglos, wie es halt wurde. Ihre Geschichte beginnt, in der wir eine kurze Gastrolle spielen durften; unsere eigene, es fühlt sich in solchen Abschieden an, als wäre sie schon lange zu Ende.

Eine andere Sache ist der Mißerfolg, natürlich. Und daß ich raushören kann: „Mit dir hat es keinen Spaß gemacht.“ — Da hilft leider auch nicht die Einsicht, daß es darum, um Spaß nämlich, gar nicht geht. Daß Spaß beim Nachhilfeunterricht ein recht steiler Anspruch vom Schüler an den Lehrer ist. Und wenn ich es genau bedenke, so ist die Forderung, das Lernen müsse selbst und allein für sich schon Spaß bereiten, generell ein steiler Anspruch — an Lehrer, an Institutionen, an Methoden, an Lehrmittel. Dabei ist überhaupt nicht einzusehen, warum das Lernen Spaß machen sollte. Der Zweck des Lernens liegt in der Regel außerhalb seiner selbst. Der Zweck des Lernens ist nicht das Lernen selbst, sondern die erworbene Fähigkeit, und was sich mit dieser ins Werk setzen läßt. Ich lerne schreiben, damit ich, was unter günstigen Umständen Spaß macht, Gedanken schriftlich niederlegen kann, nicht weil schon das Kritzeln lauter Reihen mit a und e unterhaltsam wäre. Ich lerne stricken, damit ich einen Pullover herstellen kann, nicht weil die mühsame Aneignung von Maschen und Mustern schon Spaß machte. Wenn es bereits Spaß macht, dann ist das allenfalls eine nette Zugabe. Lernen ist kein Selbstzweck, andernfalls hieße es nicht lernen. Lernen hat immer ein Ziel, sonst ist es keines. Mag sein, dieses Ziel wird besser und schneller erreicht, wenn das Lernen Spaß macht, vielleicht ist aber auch das Gegenteil der Fall. Spaß muß Lernen im Grunde nur dann machen, wenn der Zweck des Lernens nicht einsichtig ist. Mit Spaß locken muß ich nur, wenn das Lernziel selbst nicht lockt. Lerne daraus jeder, dies auf unser Schulsystem anzuwenden und seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Im Bus

Der junge Mann, Schüler noch, sicher unter achtzehn, der seiner gleichaltrigen Freundin im Bus die Schuhe bindet, ihre Beine über seine gelegt, hingebungsvoll, achtsam, sorgfältig, gründlich, mit geübter Hand wie ein Schuhverkäufer, als wäre er genau dafür in die Lehre gegangen. Ein Experte. Wie er die Riemen erst lockert, bis zu den Zehen hinunter, um dann die Schnürung von Grund auf neu zu straffen, hat sein planvolles Vorgehen absolut nichts Anzügliches. Die keusche Zärtlichkeit, die dabei mitschwingt, liegt nicht im Vollzug selbst; sie wird spürbar (ich kann die Augen nicht lassen von den beiden) in der Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn bittet, mit der er sich ans Werk macht. Es ist klar, er tut das öfter, sie haben darin ein Ritual. Ihr die Schuhe zu schnüren, gehört zu seinen Aufgaben, einfach, weil er es am besten kann. (Er hat eine besondere Technik, die Schleife zu knüpfen, indem er nämlich aus jedem Ende ein Auge abgreift und in diese Schlaufen einen Knoten legt. Am Ende ist der auf Slip gelegte Kreuzknoten perfekt, so wie er richtig geht.) Es ist einer der Wege dieses ganz ganz jungen Paares, einander nahe zu sein und zu beschenken: Sie ihn, indem sie ihn um den Dienst bittet; er ihr, indem er ihrer Aufforderung mit souveräner und beiläufiger Professionalität nachkommt, umso liebevoller, je selbstverständlicher.

Unzeit


Das Jahr ist angesprungen, der Motor dröhnt, die Kolben stampfen. Los geht’s, mit Volldampf in die Zukunft, die man lieber erst gar nicht kennenlernen mag. Gestern im Büro den Kalender weggeworfen. Das Blatt zeigte den 12.3.2020, ein Donnerstag. Letzter regulärer Arbeitstag. Damals war die Vokabel in Präsenz noch unbekannt, und daß ich weder am folgenden Montag, noch Dienstag, noch Mittwoch, daß ich die ganze Woche nicht und auch den ganzen Monat nicht mehr ins Büro gehen würde; daß ich erst am Ostersonntag eine kurze Stippvisite machen würde, bei der ich den Kalender (aus Trotz? Aus Sturheit? Jedenfalls aus dem zähneknirschenden Vorsatz heraus, es erst zu tun, wenn ich wieder einen normalen Bürotag hätte, der Frage ausweichend, wen ich denn bitte mit dieser Aktion zu strafen gedächte) auch nicht aufs aktuelle Datum brachte — das war an diesem Donnerstag (jedenfalls für mich Vogel Strauß aus der subterranen Perspektive) nicht abzusehen, nicht einmal denkbar. Daß ich gar nicht mehr dazu kommen würde, weil die Zeit diesen Kalender verschlingen würde, und immer noch nichts ausgestanden wäre, das wäre allenfalls Stoff für Albträume gewesen. Und da sind wir nun. War es eine Vorahnung, die mich bei der Kalenderbestellung für 2021 den kleinen Wandkalender vergessen ließ? Was da jetzt über meinem Schreibtisch hängt, ist eine Jahresübersicht 2021, lauter unangebrochene Tage; aber kein Marker fürs aktuelle Datum, dessen Aktualisierung ich, als wollte ich die losstampfende Zeit auf Pause stellen, noch halsstarrig verweigern könnte.

Vertumnus

 
Pappiges Rascheln, Dukelheit, Regen, rauschende Straßen noch vor dem Wachwerden. Und Blink- und Piepsfahrzeuge sind auch schon unterwegs. Hier ist praktisch täglich irgendeine Abfallspezies zur Abfuhr dran. Es lebe das Wachstum, der Fortschritt und die Mülltrennung.

Kein Sommer

Kaum angekommen im Haus der Eltern, sehe ich überall nur Abschiede. Noch einmal in den Wald und fühlen: bald verstummen wieder die Vögel, und die Hallen weiten sich verlassen und wie ausgefegt. Staubige Wege saugen durstig am Schatten der Buchen. Auf einen Weg getroffen, den ich zuletzt vor vielen Jahren in umgekehrter Richtung hinaufgelaufen bin, dort abbiegen, wo ich oft abgebogen bin, aber in den letzten Jahren nie mehr. Auch hier, in diesem Gastwald, haben sich schon Vergangenheiten angesammelt, so viele, daß es wieder ein Abschied ist, jedes Mal, wenn ich mich hier bewege: Das eigentliche ist bereits vorbei, die Hoch- und Blütezeit, man blickt zurück, und weil es schon so viel gibt, auf das man zurückblicken kann, bewegt man sich nur noch in einem Nachhall der großen Musik, die längst verstummt ist.

Kein Sommer

Es fehlten nur noch Algen auf den Kacheln und Laub auf der fahlen Wasseroberfläche. Heruntergekommen, ein Vorwurf, den man oft hört, wenn mal wieder ein Bad schließen soll, ist noch beschönigend. Dieses Bad am Wermelkirchener Eschbach gelegen, ist ebenso marode wie voller Charme. Der Beckenrand ist noch, wie früher überall üblich, eine Kopflänge über der Wasserfläche, die Kacheln sind heil, aber betagt, die Umkleiden sehen aus, als wären sie noch aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nichts davon spielt eine Rolle, und ich wüßte nicht, daß je von einer Schließung des Bades die Rede gewesen wäre.
Das schlechte Wetter mag seinen Teil dazu beigetragen haben, daß der Ort verlassen und aufgegeben schien. Weit und breit kein Mensch, die Umkleiden abgeschlossen, der Kiosk unbesetzt, die Stühle auf der Terrasse wie in einem Klassenzimmer zur Ferienzeit, im Becken ein liegengelassener Schlauch. Ich suche mir die überdachte Terrasse zum Ablegen der Kleider aus, wo der Rucksack vor dem Regen geschützt ist. Kalt ist es, unter zwanzig Grad, regnerisch, grau. Das Becken liegt unberührt, das Wasser straff, der Boden wölbt sich herauf, der Sprungturm grübelt wie ein Angler. In der Nähe dröhnt die Autobahn.

Kein Frühling

Nach Totholz suchen, das in seltsamen Formen erstarrt ist, wie Wachs, aus großer Höhe in Eiswasser getropft. Ein Wort zu erlauschen suchen, seine toten Zeichen. Unter Laub hockt noch und noch Sonne. Staub ohne Insekten, nur fern, im Talgrund, flattert ein einzelner Zitronenfalter, wie eine verlorene Visitenkarte des Frühlings, eine Einladung zu einem abgesagten Fest. Der Saal war schon geschmückt.

Wie ferne Segler auf einer Meeresbucht schweben Familien über die Wiese. Ich folge ihnen langsam, in den Augen das Flimmern von Scheren, in den Händen ein Bündel bleicher Knochen, wie ein Krieger Speere hält. Man kennt nicht meine Müdigkeit, mit der ich die Schritte nach Meilen zähle.

Wolken, die den Regen für sich behalten wie ein großes Geheimnis.

Sehnsucht, wie das Meer, überdrüssig seiner Küstenlosigkeit, sich nach Inseln sehnt, die es unterbrechen.
(12.4.2020)

Frühling

Zum Gießen in den Garten, anwesend sein in einer Natur, die nur sich selbst gehört und von unserem Sterben nicht berührt wird. Nicht einmal anwesend sein: nur vorkommen, als weniger denn ein Stein, kaum mehr denn ein Schatten, ein Klang, der sich bricht und verhallt und keine Spuren hinterläßt.

Rhythmisches Vogelschnarren im Tiefenprofil von Kirchenglocken. Aprikosenblüten spiegeln sich im geöffneten Fenster. Dann Meisenpfiffe. Dann öffnet das Tal sein Maul voller Schweigen.

Verlassene Räume, die wir gerade noch bewohnen, einen Fuß bereits im benachbarten Nirgends. Bald gehören sie sich nur noch selbst. Schon holen die spiegelnden Scheiben den von Vögeln bewohnten Himmel ins Haus, sieht sich der Wind um im zu mietenden Objekt.
(9.4.2020)

Frühling

Ablaufende Flut, auftauchende Bäume, die Wipfel tasten nach Luft und Himmel. Man setzt sich das Gesicht, das einem der Sturm gestern vom Kopf geweht hat, wieder auf, rückt die kalten Wangen zurecht, schaut aus den tränenden Augen in die Sonne. Überall wird am Licht gearbeitet, die Bäche tragen die geschürfte Sonne zu Tal, in den Pfützen setzt sich das flüchtige Mineral ab, die Sträucher filtern und sieben und klären die Luft. Die Gärten stecken ihre Reviere ab. Flüchtige Stimmen kehren behutsam zurück und suchen sich bescheidene Anstellungen. Für einen Moment kommt Verdrängtes zum Vorschein, Autoreifen wie Beinprothesen, mit Kellerlicht gefüllte Eimer, zwei Zaunpfähle wie abgemagerte Gefangene, Entkommene, mit Draht noch aneinander gefesselt. Wolken malen den Umriß von Kontinenten an den Himmel, bevor die Länder einen Namen bekommen, hat sie der Wind davongetragen. Zeit des Wartens und der Tapferkeit vor der Liebe. Aus der Zukunft strömen die Vogelschwärme in die Gegenwart zurück, Bäume wenden sich ab, ziehen sich zurück in den Wald, und die Knospen sind die Antwort auf eine Frage, die man nicht kennt, aber kennen sollte.
(14. März 2020)