Drei kleine Geschichtchen vom Impfnachweis

Die erste Geschichte handelt davon, wie ich in einem Sportgeschäft ein paar Laufschuhe kaufen wollte. Die Tür ist verriegelt, drinnen herrscht geschäftiges Treiben. Ich drücke auf die Klingel, und umgehend öffnet ein junger Mann die Tür. Noch bevor er mich auffordert, ihm den Impfnachweis zu zeigen, habe ich in die Hosentasche gegriffen und das Papier, einen Ausdruck des EU-Impfzertifikats, ausgestellt von meiner Hausarztpraxis, komplett mit persönlichen Angaben, Datum der Impfung und QR-Code zum elektronischen Auslesen, herausgefummelt. Dieses Dokument habe ich schon oft in den vergangenen sechs Monaten vorgezeigt, in Cafés, Restaurants, beim Theatereinlaß, im Schwimmbad. Probleme gab es nie. Heute aber ist es nicht gültig.
„Wie bitte?“
„Du mußt zur Apotheke, dir dort mit Personalausweis ein Zertifikat ausstellen lassen, das du dann aufs Händie …“
Ich weise darauf hin, daß dies das Zertifikat sei, daß ich noch nie Probleme gehabt habe, ein Händie besäße ich nicht, und schließlich sei Zertifikat schließlich Zertifikat, egal ob im Händie oder auf Papier.
„Ich mache die Regeln nicht“, ist die Antwort, es werde so viel Schindluder getrieben, und Straße sei auch Straße, aber auf der einen dürfe man 130 fahren, auf der anderen nur 50.
Bevor ich die Schräglage dieses Vergleichs richtig ausgekostet habe, läßt der Verkäufer mich dann doch eintreten.
„Ich sag’s nur, fürs nächste Mal.“
Ich ziehe es vor, zu schweigen, probiere meinen Schuh, zahle und gehe.

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Im zweiten Geschichtchen entdecke ich auf dem Weg vom Sportgeschäft zur Straßenbahnhaltestelle ein paar Meter die Straße hoch ein Apothekenschild. Wenn ich schon mal dabei bin, denke ich mir und steuere die Apotheke an. Als hätten sie mich erwartet, ist am Schalter ein Schild aufgestellt: Lassen Sie sich hier Ihr Impfzertifikat ausstellen. Prima, denke ich, zeige auf das Schild, grinse mit den Augen überm Maskenrand, fummle mein ungültiges EU-Zertifikat aus der Tasche und lege es der Apothekerin vor. Ich will gerade den Ausweis zücken, da bemerke ich den irritierten Blick. Ich frage mich, was jetzt wieder fehlt. Steuernummer? Versichertenkarte? Geburtsurkunde?
Die Apothekerin dreht den Ausdruck ratlos zwischen den Fingern. „Aber was wollen Sie denn jetzt noch?“
„Na, ein gültiges Zertifikat. Im Sportgeschäft hat man mir …“
Die Apothekerin gibt mir das Papier zurück. „Papperlapapp. Das hier ist ein gültiges Zertifikat. Damit sind Sie lebensfähig. Mehr kann ich Ihnen auch nicht geben.“

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Die dritte Geschichte spielt in der Straßenbahn. Wegen meines Ausflugs zur Apotheke ist mir eine Bahn davongefahren, so daß ich zwanzig Minuten warten muß. Auf halber Strecke steigen zwei Männer und eine Frau in Warnwesten ein.
„Schönen guten Tag, Ihren Impfnachweis bitte!“
Okay, denke ich, dann wollen wir doch mal. Es ist das erste Mal, daß ich in eine der Stichprobenkontrollen gerate. Aber mir kann ja nichts passieren, ich habe es ja jetzt quasi amtlich, daß meine Papiere einwandfrei sind. Einer nach dem anderen zücken die Fahrgäste ihr Datengerät. Irgendwas aus Papier hat niemand dabei. Außer mir. Lässig halte ich dem Kontrolleur den Ausdruck hin. Mit der QR-Seite nach oben.
Wenn ich mich insgeheim auf eine weitere Diskussion gefreut haben sollte, werde ich enttäuscht. Ich hätte dem Kontrolleur auch den Impfpaß unseres Hauskaters vorlegen können, es wäre egal gewesen. So schnell, so oberflächlich hat noch nie jemand meinen Impfnachweis durchgewunken.
Als könnte der Kontrolleur freiäugig QR-Codes auslesen.

Delta

Die Nacht wurzelt im Traum wie Stühle in einem leeren Theatersaal. Blitzableiter von Kopf zu den Beinen, strecke ich mich zurück nach dem Anfang des Schlafs. Noch minutenlang kichert das Fenster an seinem neuen Platz, dann bringt es der Regen zum Schweigen, und in diesem Moment erinnert sich das Wasser wieder an mich. Eine Klaviertaste federt zurück und schnappt nach dem Schweigen. Den letzten Traum hat der Wecker noch gekannt.

The winner takes it all

Neulich Niederschmetterndes über die Paretoverteilung des Erfolgs (in der Kunst) gelesen. Das ist wieder so ein Moment, wo einem die ganze Auswegslosigkeit des Strebens schlagartig klar wird. Welche Namen fallen Ihnen als erstes ein, wenn sie drei berühmte Physiker aufzählen sollen? Wenn Nils Bohr oder Werner Heisenberg darunter sind, können die sich glücklich schätzen. Einer wird in jedem Fall darunter sein, Sie wissen schon, genau der. Sehen Sie? Schon beim zweiten muß man überlegen. Oder drei klassische Komponisten. Na? Ich möchte wetten, keine Dreieinigkeit wird ohne Mozart auskommen. Es ist wie mit den größten Städten der Welt, den verlustreichsten Kriegen, dem Zipf’schen Gesetz. Nach einer Handvoll Megastädten kommen ein paar hundert moderate Metropolen, tausende mittlere und kleine Städte, während es Millionen und Abermillionen Dörfer und Weiler von ein paar hundert Einwohnern gibt. Trägt man die Zahl ihrer Einwohner gegen die Anzahl der Städte ab, erhält man eine steil fallende Kurve: das ist die Pareto-Verteilung. Für die Prominenz von Menschen, die Erstaunliches zuwege gebracht haben, gilt dasselbe. Mozart, Bach, Beethoven, Haydn fallen jedem als erstes ein, aber wie ist es mit Telemann, Bruckner oder Weber? Wohl gab es ein Mozartjahr, ein Mercadantejahr (1995 hätte man den zweihundertsten Geburtstag des Komponisten, der mehrere dutzend Opern verfaßte, begehen können) gab es nicht. Sehr wenige an der Spitze vereinen alle Aufmerksamkeit auf sich, die überwiegende Masse muß sich mit den Tischkrümeln zufriedengeben. Die Frage ist interessant — wenn auch müßig — warum das so ist. Mit Qualität hat es nicht unbedingt etwas zu tun. Die Frage, wer der bessere Komponist ist, Beethoven oder Sibelius, ist nicht sinnvoll beantwortbar, auch nicht, ob Elgar bessere oder schlechtere Musik als Mozart geschrieben hat. Vielleicht ist es ein Phänomen der positiven Rückkopplung, und Aufmerksamkeit zieht neue Aufmerksamkeit nach sich, so wie große Städte mehr Menschen anziehen als kleine, wodurch die großen noch größer werden. Ab einem bestimmten Punkt können sie dann nicht mehr eingeholt werden. Einen Gegeneffekt, der bewirken würde, daß Städte ab einer bestimmten Größe wieder schrumpfen, weil es den Menschen dort irgendwann zu voll wird, so daß sie abwandern, scheint es auch nicht zu geben. Eine Kraft des Vergessens, die bewirken würde, daß, wer einmal weltberühmt ist, wieder an Aufmerksamkeit verliert, ist noch viel weniger denkbar. Daraus folgt auch, daß man sich abstrampeln kann, wie man will, man wird kein zweiter Mozart werden, niemand, niemals. Dabei wäre ja, gerade in einer Welt, in der ständig von Filterblasen die Rede ist, auch eine Situation denkbar, in der es keinen großen Künstler mehr gibt, den wirklich alle kennen. Stattdessen zerfiele die gesamte Kunst- und Kulturlandschaft in lauter Provinzen mit ihren jeweiligen lokalen Größen: weltberühmt in Detmold und Umgebung. Aber schon auf Youtube-Kanäle oder einzelne Videos trifft das nicht zu. Auch die Klicks von Youtube-Videos dürften Pareto-verteilt sein.

Und natürlich wäre die Prominenz von Künstlern innerhalb ihrer Provinz ebenso Pareto-verteilt. Es könnte aber partielle Überschneidungen zwischen den Provinzen geben, so daß, wer ein Nobody in der einen wäre, in einer benachbarten Provinz auf Rang eins käme. Im Extremfall stellte jedes Individuum eine solche Provinz dar. Befragte man dann 100 Personen nach den drei Komponisten, die ihnen als erstes einfallen, bekäme man hundert unterschiedliche Antworten. Freilich wäre das dann eine Welt, in der es gar keine Prominenz mehr gäbe; denn was ist Prominenz anderes als, ganz vielen Menschen gleichzeitig bekannt zu sein? Immerhin ließe sich noch etwas dazwischen denken, wo man unter den ersten drei erfragten Komponisten und Physikern nicht immer wieder die gleichen drei oder vier oder fünf als Antwort erhielte sondern drei aus einer Bandbreite von sagen wir hundert. Aus der Sicht des Individuums betrachtet heißt das auch, daß es kaum verbindliche Prominenz zu geben scheint. Das Individuum fände dann die eigene Rangfolge (Mozart, Bach, Beethoven; Einstein, Planck, Heisenberg) in anderen Individuen nicht mehr gespiegelt, es müßte damit rechnen, bei seinen Zeitgenossen (oder bei Menschen vergangener Generationen) auf ganz andere Rangfolgen zu stoßen. In gewisser Weise wäre das verwirrend und anstrengend, in anderer höchst anregend. Vielleicht hätte dann Milos Forman keinen Mozartfilm sondern einen Mercadantefilm gedreht; und statt des Streifens Liebe ist relativ hätte es vielleicht einen Film Liebe ist unscharf gegeben. Statt Fuck you, Goethe hätte es dann Fuck you, Wieland geheißen usw.

Aber so ist die Welt nicht. In unserer Welt herrscht die Paretoverteilung der Prominenz. Warum schreibe ich darüber, warum denke ich darüber nach? Weil es niederschmetternd ist. Die unausweichliche Klarheit der Zahlen: So ist es, so liegen die Dinge, ihr Gerüst, unverstellt vom Zierat irgendwelcher Erzählungen, mit denen wir sie so lange verfremden, bis es uns tröstend paßt. Auch du kannst es schaffen. Es zählen doch die inneren Werte. Patrick Süßkind ist auch lange verkannt worden. Blablabla. Es erinnert mich an die Unumstößlichkeit der Zahlen, die die Naschigkeit von Frauen bei der Partnerwahl belegen. Gottlob ist die Paretoverteilung der sexuellen Attraktivität irrelevant, weil selbst für Männer irgendwann Schluß ist — die Zahl möglicher oder auch nur wünschenswerter Partnerschaften ist selbst für Männer, die beliebig wählen können, sehr viel geringer als die Zahl der bereitwilligen Frauen. Aber Aufmerksamkeit kann man als Künstler nie genug haben. Sagt Ihnen der Name Bernhard Kellermann etwas? Marta Karlweis? Ann-Charlott Settgast? Leonhard Frank? Das sind nur vier von Tausenden von Schriftststellerinnen und Schriftstellern, die zu ihrer Zeit erfolgreich waren. Bis man unvergeßlich weit oben ist, kann man nur allzu leicht wieder vergessen werden.

Die beiden Passagiere in der RB48 nach W-Oberbarmen, zwei junge, dem ersten Eindruck nach gebildete Frauen von sehr gepflegter Erscheinung sprechen über Schmuck. Über Ohrlöcher und Ringe, über verschiedene Materialien, über Titan, Gold, Silber und ganz kleine Diamanten. Unfreiwillig höre ich, ganz in der Nähe den einzigen bequemen Stehplatz in Anspruch nehmend, dem Gespräch zu. So lange die Fahrt dauert, geht es um nichts anderes. Eine halbe Stunde Ringe, Ringe, Ringe, als wären die beiden bei einem Symposium der Innung rheinischer Juweliere. Ich denke mir unwillkürlich, Männer hätten ganz andere Gespräche. Aber worüber würden zwei junge, gebildete Männer sprechen? Betriebssysteme? Autos? Die geplante Rafting-Tour? Es kommt mir alles wie ein Klischee vor, zumal ich selber weder über Betriebssysteme, noch über Autos oder Rafting-Touren reden würde. Aber manche Klischees sind nicht nur Klischees sondern eben auch die Wirklichkeit. Ist es nicht ein Klischee, daß zwei Frauen über Schmuck palavern? — Erst beim Aussteigen, als ich mich an ihnen vorbeizwänge, um endlich einen Sitzplatz zu ergattern, haben sie das Thema gewechselt, geht es um einen Mann und was für eine Beziehung der mit einer der beiden will oder nicht will, und ich denke, Männer hätten wirklich ganz andere Gespräche, und ich denke auch, aha, Bechdel-Test im letzten Moment doch nicht bestanden.

Da sind wir wieder, und der ganze Circus

Daß man es kaum schafft, in einer unbequemen Lage auch die darin begründeten durchaus willkommenen Nebeneffekte zu erkennen und zu würdigen. Gestern abend von dem Veranstaltungsplatz an der Kirche her Festivalgeräusche, jenes verhaßte Dröhnen, Rumpeln, Hallen, Heulen von ins Groteske verstärkter Supermarktmusik, wie es jetzt gut anderthalb Jahre nirgends zu hören gewesen ist. (Solche elektrischen Klangverstärkungen haben immer einen provokativen, hybriden Drang ins Universelle, Allgemeingültige, gräßlich.) Der Impuls in solchen Momenten, derartiges Treiben als eitles, leichtfertiges, geradezu sündiges Tun (Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand) zu verdammen — warum hat es mich in den vergangenen siebzehn Monaten nicht ein einziges Mal mit fröhlichem Ingrimm erfüllt, daß genau diese Verdammung offiziell in Kraft getreten war? Die Pandemie mit ihrem Ernst hätte ich mir doch zuvor geradezu gewünscht in Momenten wie gestern abend. Daß das sündige Treiben ein Ende finde und in einer schicksalhaften, göttlich zu nennenden Intervention des Ernstes in Flamme aufgehe, eines Ernstes, als dessen Vertreter auf Erden ich mich in meinem maßlosen Zorn zu empfinden durchaus geneigt bin.

Antiklimax

Impftermin bekommen. Ausgerastet, als ich auf der Seite der Kassenärztlichen Vereinigung an einem für Linuxsysteme offenbar nicht ausführbaren Skript steckenblieb. Registrierung (schon im Januar, man war ja optimistisch) kein Problem, Anmeldung, kein Problem, “Ich bin Angehöriger folgender Berufsgruppen …” Check!, weiter zur Terminvergabe, ja, Termin für mich selbst, weiter zum Impfzentrum, bitte wählen Sie ein Wunschdatum aus … Oh gerne, also das früheste, in zwei Wochen. Check! Bitte wählen sie die Uhrzeit aus … Egal, irgendwann. — Bitte wählen Sie die Uhrzeit aus … Ok, aber wo? — Bitte wählen Sie …. Ja, würde ich gerne, du stiernackige Datenverarbeitsanlage, wo bitte? Da ist nur ein graues Kästchen zu sehen, und außerdem stecken Bild- und Textelemente höchst unprofessionell übereinander. Also noch mal von vorn. Bitte wählen Sie ein Wunschdatum aus … bitte wählen Sie eine Uhrzeit aus …. “Offensichtlich haben Sie Schwierigkeiten, einen passenden Termin zu finden. Sollen wir Sie per Mail benachrichtigen, wenn weitere Termine vorliegen? Ja, Nein, Meldung nicht wieder anzeigen”. — Abgemeldet, FF mit abgeschaltetem UBlockOrigin neu gestartet, nix. Wo eine Uhrzeit zum Auswählen sein sollte, ist weiterhin nur das graue Kästchen, nicht klickbar. Vielleicht ein anderer Browser? Mit Konqueror komme ich nicht einmal ins Anmeldeformular. Also einmal mit den Zähnen geknirscht und zum Zwecke Chrome installiert, der kann ja wohl, zumal jungfräulich und unbefleckt von irgendwelchen Blockern, alles. Sollte, muß alles können. Nein? Nein! Das Skripting auf der hochoffiziellen Seite der KVNO kann er nicht. Selten, ganz, ganz selten kann mein FF etwas nicht darstellen. Und ausgerechnet die KVNO hat es geschafft, die Anmeldeseite so zu programmieren, daß Linuxsysteme (ich bat Freunde, die auch Linux benutzen, um Hilfe, die konnten mich mit ihrem System nicht einmal einloggen) an der Auswahl der Uhrzeit scheitern. Überflüssig zu erwähnen, daß die Hotline hoffnungslos überlastet war.

Während ich also fluchte und brüllte und tatenlos zusehen mußte, wie ein Tag nach dem anderen von buchbar zu ausgebucht wechselte, kam das Stiefsöhnchen aus der Schule, nickte nur kurz und zückte sein Händie.

Keine Minute später hatte ich meinen Termin.

***

Es hat etwas Antiklimakisches, wie das Ende dieser Krise sich langsam abzeichnet. Fast ist man enttäuscht, daß es zu Ende geht, als müßte da doch noch was, als hätte man doch noch nicht, als wäre man noch nicht auf seine Kosten gekommen. Sollte das alles gewesen sein? So trivial, so banal, so dämlich? Wo bleibt die Entschädigung? Oder wenigstens der Knalleffekt? Daß jetzt tatsächlich die Möglichkeit besteht, es könnte in wenigen Wochen alles ausgestanden sein, fühlt sich irgendwie schal an, fad, unwürdig, wie eine Geschichte, die einfach ohne echtes Ende aufhört. Ohne wirklich aufzuhören, man wünscht sich, ja, was? Daß die gute Fee auftritt und allem rückblickend einen Sinn verleiht. Oder daß der König, während er das Zeremonienschwert aus der Scheide zieht, einen niederknien heißt, damit man den Ritterschlag empfange. Daß die Außerirdischen kommen und um Verzeihung bitten für das außer Kontrolle geratene Experiment. Daß ein genialer Wissenschaftler im Genom des Virus die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest gefunden hat. Was weiß ich, irgendwas halt. Nur nicht einfach nichts. Nur nicht dieses öde Sichdavonschleichen. Man bleibt ratlos zurück. Was sollte das jetzt bitte? Könnte einem jemand von außerhalb mal gefälligst einen Tip geben? Oder wenn schon kein Sinn dahinter ist, dann wenigstens einen Schuldigen, den man genüßlich zu Tode foltern kann. Strafe als Sinngeber des Unglücks, so vielleicht.

(6.7.2021)

Startfenster

Mein Wissen über die beiden Eisriesen des Sonnensystems auf den neuesten Stand gebracht. Die NASA begutachtet derzeit mehrere Missionsvorschläge, darunter einen Orbiter mit Atmosphärensonde, und sofort stellt sich bei mir die von Kindertagen vertraute Erregung ein. Ungeduldig und enttäuscht darüber, wie langsam es voranging mit der Erforschung des Weltraums, wäre ich am liebsten sofort mitgeflogen. Hätte es damals schon Hubschrauberflüge auf dem Mars gegeben (es gab zwei Lander, Viking I und II, die ein paar Photos geschossen und ein wenig im Boden gestochert haben, das wars), ich wäre außer mir gewesen vor Entzücken. Was ich aus Büchern erfuhr, war alles bereits lange her, aus Kindersicht zumindest. Als ich anfing, mich für die Raumfahrt zu interessieren, waren die Bilder vom Mars, die verwackelten Schnappschüsse von der Venusoberfläche, ja sogar die phantastischen Bilder, die Voyager 1 erstmals von den Jupitermonden aufgenommen hatte, nichts Neues mehr. Ich war nicht teilnehmend dabeigewesen, als letztere entstanden, vor allem aber waren diese Himmelskörper, als sie erstmalig in solcher Detailfülle untersucht wurden, zuvor noch nicht als Frage in meinem Geist aufgetaucht, hatte ich sie noch nicht als etwas Unbekanntes identifiziert, auf das sich meine Neugier hätte richten können. So konnte ich ihrer Kartographie nicht entgegenfiebern, denn als ich lernte, daß der Jupiter überhaupt Monde hat, waren diese Bilder bereits vorhanden. Ich habe keine Erinnerung an eine Zeit, da man nicht wußte, wie diese Monde aussehen.

Das aufregendste, was ich diesbezüglich in späteren Jahren erlebte, war fraglos die Landung der Sonde Huygens im Rahmen der Cassini-Mission im Jahr 2005 auf dem Saturnmond Titan. Da ich damals zu Hause noch keinen Internetzugang hatte, blieb ich bis nach neun Uhr abends in meinem Büro und verfolgte die Nachrichten auf der NASA-Seite. Dann eine (übereilt hochgeladene, Minuten später wieder gelöschte, andertags in redigierter Form wieder eingestellte) Pressemitteilung. Dann die ersten, rötlichtrüben Bilder, Sand, Kiesel aus Eis, eine Ebene, ein rostbrauner Horizont, die ein für allemal sämtliche künstlerischen Phantasien, mit denen man zuvor versucht hatte, sich die Oberfläche des fernen Himmelskörpers auszumalen, obsolet machten, von einem Moment zum nächsten zu überholten Vorstellungen eines vergangenen Zeitalters werden ließen.

Wie oft ist es einem Menschenleben verstattet, einen Blick auf die Oberfläche eines unerforschten Himmelskörpers zu tun? Als mein Vater geboren wurde, hatte noch niemand eine Mondlandschaft, ja, es hatte noch niemand die Erde als blaue Perle aus einer Umlaufbahn heraus gesehen. Vom Mars zu schweigen. Bilder, die es schlichtweg nicht gab. Wie die Erde vom Mond aus betrachtet aussieht, war ebenso spekulativ wie es die künstlerischen Impressionen der Titanoberfläche vor dem Jahr 2005 waren. Bislang haben Landesonden die Oberflächen von Venus, Mond, Mars, Titan sowie vier Asteroiden und einem Kometen erreicht. Doch während ein geeignetes Zeitfenster für einen Flug zum Mars alle paar Monate offensteht, sieht das für die äußeren Planeten aufgrund der enormen Distanzen ganz anders aus. Um Treibstoff und damit Gewicht zu sparen, sind Missionen ins äußere Sonnensystem auf ein Swing-by-Manöver am Jupiter angewiesen, müssen also dessen jeweilige Position mitberücksichtigen. Das nächste Zeitfenster für einen Flug zum Uranus wäre von 2030 bis 2034, der Flug würde elf Jahre dauern, eine Sonde wird also frühestens 2041 vor Ort sein. Zum Neptun kann man schon etwas eher losfliegen, man braucht dafür aber 15 Jahre Flugzeit. Früheste Ankunftszeit wäre 2044. Das nächste Startfenster geht dann erst wieder 2041 (mit einer Ankunftszeit Mitte der fünziger Jahre des 21. Jahrhunderts) auf.

2041, da werde ich siebzig sein. (Und beim nächsten Venustransit hundersiebenundvierzig.) Und jetzt komme ich endlich zum Punkt. Der wäre: Es ist zutiefst deprimierend zu erleben, wie die Aussichten auf noch Erlebbares zusammenschrumpfen. Natürlich stehen diese Zeitfenster fest, das taten sie bereits bei meiner Geburt, das taten sie bereits, bevor noch irgendein Mensch darüber nachgedacht hat, in den Weltraum zu fliegen. Ich hätte mir schon als Kind von zwölf Jahren ausrechnen können, wie viele solcher Missionszeitfenster in ein Leben von, sagen wir mal achtzig Jahren passen, wenn es mich interessiert hätte. Und genau das ist der springende Punkt: Es interessiert einen nicht, wenn man zwölf ist. Es interessiert einen auch nicht, wenn man zwanzig oder dreißig ist. Man wartet mit zwanzig auch gerne zehn Jahre, ohne sich viel dabei zu denken. Oder man hat soviel Zeit, daß man gar nicht wartet, denn es lohnt sich nicht, es dauert ja viel zu lange. Ich kann mich jedenfalls nicht an den Start der Cassini-Huygens-Mission erinnern, nur an die Bilder von der Titanoberfläche, als das Ding endlich da war. Zwanzig ist ebensosehr Mitte wie dreißig. Auch vierzig ist noch Mitte; siebzig definitiv nicht, siebzig ist der Rand, und Ereignissen entgegenzufiebern, die an diesem Rand passieren werden, ist ja töricht, bedeutet es doch nichts anderes, als es nicht erwarten zu können, den Rand selbst zu erreichen. So bewegt man sich in solchen Erwartungen auf zwei Skalen. Auf der einen, der herunterzuzählenden Zeit bis zum Eintreffen der Sonde, möchte man Gas geben. Auf der anderen, der herunterzuzählenden Zeit bis zum Ende des Lebens, möchte man auf die Bremse drücken. Das ist ein Widerspruch, der im Grunde nur zu ertragen ist, wenn man sein Interesse aufgibt und nicht mehr wartet, auf nichts.

Das Zeitfenster danach, das von 2041, man kann sich ausrechnen, daß man diese Sonden nur noch starten sehen wird.

Der Unterschied? Vor zwanzig Jahren hätte ich diese Erschöpfung nach einem Lauf wie dem neulich (24,5 km) auf schlechte Tagesform oder Trainingsfehler zurückgeführt. Heute sehe ich in jeder Schlappe Zeichen des drohenden Altersabbaus. Die Selbstverständlichkeit ist weg. Wider Willen lerne ich, mich als Ausnahme in meiner Alterskohorte zu begreifen. Ich will das nicht sein, eine Ausnahme. Denn anders als das Zeugnis der Frühreife: schon zu meistern, was andere noch nicht können; hat es einen schalen Beigeschmack, noch zu können, was andere nicht mehr schaffen. Denn das Nichtmehrkönnen wartet für einen selbst ja gleich um die Ecke, für alle.

Unangenehm aufgefallen

Ich ging in den Trump Tower, ein neuer Wolkenkratzer an der Fifth Avenue. Allmählich macht sich der Immobilienspekulant Donald Trump in ganz New York breit. Über die ganze Stadt verteilt baut er Wolkenkratzer, die seinen Namen tragen. Ich ging also in den Trump Tower und sah mich um. Eine so geschmacklose Eingangshalle habe ich noch nie gesehen. Alles war aus Messing und Chrom und aus rotweiß geschecktem Marmor, der wie das Zeug aussah, um das man einen großen Bogen macht, wenn man es auf dem Gehsteig liegen sieht. Hier war alles voll davon — der Boden, die Wände, die Decke. Mir war, als befände ich mich im Magen von jemandem, der gerade eine Pizza verspeist hat. “Unglaublich”, staunte ich und ging weiter.

Bill Bryson. Straßen der Erinnerung. Reisen durch das vergessene Amerika München: Ullstein 2000. S. 198f. Aus d. Engl. v. Claudia Holzförster

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Beantragung eines Lehrerwechsels durch Frau Γι., W.s Mutter. Mögen sie glücklich werden mit einem anderen! Ich glaube es nicht. Abgesehen davon: schade. Ich mochte das Mädel, auch wenn es mit Latein auf dem Kriegsfuß steht und sich bis zuletzt standhaft weigerte, meine Eintrichterungen im Kopf zu behalten oder meine Ratschläge zu beherzigen. Ich werde die Stunden vermissen, und erst recht vermisse ich W. Wie ich sie ja fast alle vermisse, die irgendwann mal mit mir in ein Lateinbuch geschaut haben. Es ist nur natürlich, daß das Vermissen in den seltensten Fällen in beide Richtungen geht; aber so ist des Lehrers Leben nunmal. Dem liegt ja die Jugend stets mehr am Herzen, als der Jugend der Lehrer am Herzen liegt. Wir kümmern uns, wir machen uns Sorgen, wir wünschen den Erfolg der jungen Menschen, wir bangen und fiebern und leiden mit und freuen uns, wenn etwas gelingt. Und dann spazieren diese Menschen am letzten Schultag aus unserem Leben, um ihr eigenes zu beginnen, und wir, wir sind ja schon längst in dem unseren, und es ist eben, wie es ist, so erfolgreich oder erfolglos, wie es halt wurde. Ihre Geschichte beginnt, in der wir eine kurze Gastrolle spielen durften; unsere eigene, es fühlt sich in solchen Abschieden an, als wäre sie schon lange zu Ende.

Eine andere Sache ist der Mißerfolg, natürlich. Und daß ich raushören kann: „Mit dir hat es keinen Spaß gemacht.“ — Da hilft leider auch nicht die Einsicht, daß es darum, um Spaß nämlich, gar nicht geht. Daß Spaß beim Nachhilfeunterricht ein recht steiler Anspruch vom Schüler an den Lehrer ist. Und wenn ich es genau bedenke, so ist die Forderung, das Lernen müsse selbst und allein für sich schon Spaß bereiten, generell ein steiler Anspruch — an Lehrer, an Institutionen, an Methoden, an Lehrmittel. Dabei ist überhaupt nicht einzusehen, warum das Lernen Spaß machen sollte. Der Zweck des Lernens liegt in der Regel außerhalb seiner selbst. Der Zweck des Lernens ist nicht das Lernen selbst, sondern die erworbene Fähigkeit, und was sich mit dieser ins Werk setzen läßt. Ich lerne schreiben, damit ich, was unter günstigen Umständen Spaß macht, Gedanken schriftlich niederlegen kann, nicht weil schon das Kritzeln lauter Reihen mit a und e unterhaltsam wäre. Ich lerne stricken, damit ich einen Pullover herstellen kann, nicht weil die mühsame Aneignung von Maschen und Mustern schon Spaß machte. Wenn es bereits Spaß macht, dann ist das allenfalls eine nette Zugabe. Lernen ist kein Selbstzweck, andernfalls hieße es nicht lernen. Lernen hat immer ein Ziel, sonst ist es keines. Mag sein, dieses Ziel wird besser und schneller erreicht, wenn das Lernen Spaß macht, vielleicht ist aber auch das Gegenteil der Fall. Spaß muß Lernen im Grunde nur dann machen, wenn der Zweck des Lernens nicht einsichtig ist. Mit Spaß locken muß ich nur, wenn das Lernziel selbst nicht lockt. Lerne daraus jeder, dies auf unser Schulsystem anzuwenden und seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Im Bus

Der junge Mann, Schüler noch, sicher unter achtzehn, der seiner gleichaltrigen Freundin im Bus die Schuhe bindet, ihre Beine über seine gelegt, hingebungsvoll, achtsam, sorgfältig, gründlich, mit geübter Hand wie ein Schuhverkäufer, als wäre er genau dafür in die Lehre gegangen. Ein Experte. Wie er die Riemen erst lockert, bis zu den Zehen hinunter, um dann die Schnürung von Grund auf neu zu straffen, hat sein planvolles Vorgehen absolut nichts Anzügliches. Die keusche Zärtlichkeit, die dabei mitschwingt, liegt nicht im Vollzug selbst; sie wird spürbar (ich kann die Augen nicht lassen von den beiden) in der Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn bittet, mit der er sich ans Werk macht. Es ist klar, er tut das öfter, sie haben darin ein Ritual. Ihr die Schuhe zu schnüren, gehört zu seinen Aufgaben, einfach, weil er es am besten kann. (Er hat eine besondere Technik, die Schleife zu knüpfen, indem er nämlich aus jedem Ende ein Auge abgreift und in diese Schlaufen einen Knoten legt. Am Ende ist der auf Slip gelegte Kreuzknoten perfekt, so wie er richtig geht.) Es ist einer der Wege dieses ganz ganz jungen Paares, einander nahe zu sein und zu beschenken: Sie ihn, indem sie ihn um den Dienst bittet; er ihr, indem er ihrer Aufforderung mit souveräner und beiläufiger Professionalität nachkommt, umso liebevoller, je selbstverständlicher.

Unzeit


Das Jahr ist angesprungen, der Motor dröhnt, die Kolben stampfen. Los geht’s, mit Volldampf in die Zukunft, die man lieber erst gar nicht kennenlernen mag. Gestern im Büro den Kalender weggeworfen. Das Blatt zeigte den 12.3.2020, ein Donnerstag. Letzter regulärer Arbeitstag. Damals war die Vokabel in Präsenz noch unbekannt, und daß ich weder am folgenden Montag, noch Dienstag, noch Mittwoch, daß ich die ganze Woche nicht und auch den ganzen Monat nicht mehr ins Büro gehen würde; daß ich erst am Ostersonntag eine kurze Stippvisite machen würde, bei der ich den Kalender (aus Trotz? Aus Sturheit? Jedenfalls aus dem zähneknirschenden Vorsatz heraus, es erst zu tun, wenn ich wieder einen normalen Bürotag hätte, der Frage ausweichend, wen ich denn bitte mit dieser Aktion zu strafen gedächte) auch nicht aufs aktuelle Datum brachte — das war an diesem Donnerstag (jedenfalls für mich Vogel Strauß aus der subterranen Perspektive) nicht abzusehen, nicht einmal denkbar. Daß ich gar nicht mehr dazu kommen würde, weil die Zeit diesen Kalender verschlingen würde, und immer noch nichts ausgestanden wäre, das wäre allenfalls Stoff für Albträume gewesen. Und da sind wir nun. War es eine Vorahnung, die mich bei der Kalenderbestellung für 2021 den kleinen Wandkalender vergessen ließ? Was da jetzt über meinem Schreibtisch hängt, ist eine Jahresübersicht 2021, lauter unangebrochene Tage; aber kein Marker fürs aktuelle Datum, dessen Aktualisierung ich, als wollte ich die losstampfende Zeit auf Pause stellen, noch halsstarrig verweigern könnte.

Vertumnus

 
Pappiges Rascheln, Dukelheit, Regen, rauschende Straßen noch vor dem Wachwerden. Und Blink- und Piepsfahrzeuge sind auch schon unterwegs. Hier ist praktisch täglich irgendeine Abfallspezies zur Abfuhr dran. Es lebe das Wachstum, der Fortschritt und die Mülltrennung.

Kein Sommer

Kaum angekommen im Haus der Eltern, sehe ich überall nur Abschiede. Noch einmal in den Wald und fühlen: bald verstummen wieder die Vögel, und die Hallen weiten sich verlassen und wie ausgefegt. Staubige Wege saugen durstig am Schatten der Buchen. Auf einen Weg getroffen, den ich zuletzt vor vielen Jahren in umgekehrter Richtung hinaufgelaufen bin, dort abbiegen, wo ich oft abgebogen bin, aber in den letzten Jahren nie mehr. Auch hier, in diesem Gastwald, haben sich schon Vergangenheiten angesammelt, so viele, daß es wieder ein Abschied ist, jedes Mal, wenn ich mich hier bewege: Das eigentliche ist bereits vorbei, die Hoch- und Blütezeit, man blickt zurück, und weil es schon so viel gibt, auf das man zurückblicken kann, bewegt man sich nur noch in einem Nachhall der großen Musik, die längst verstummt ist.