Auf die Einsamkeit des Ortes ist Verlaß. Niemand zeigt sich an diesem Feiertagmorgen auf dem Gipfel des Eichelberges (irgendwas über 500m, ein Turm aus Granit, Bänke und Tische) in den zwanzig Minuten, die ich dort frierend auf einem Wurstzipfel herumkaue, während die Sonne Mond übt, der Mond sich nicht blicken läßt, der Wind Reisekoffer über den Gipfel schleift und die Eichen mit den Zähnen klappern. Keine Stimmen, keine Hunde, kein noch so fernes Autogeräusch. Es knistert frierend und friert knisternd in den Baumkronen. Aber unbelebt ist der Ort nicht: erst dreht er die Wegezeichen um, dann, als ich umgekehrt bin und endlich auf dem richtigen Weg, stößt er mich mit einem trickreichen Rempeln ins Laub.
Diese seltsame Sucht des Menschen, überall Türme aufstellen zu müssen. Der auf dem Eichelberg taugt für nichts, nicht für Aussicht, denn die Eichen ringsum sind höher; nicht zum Zeichen (Drohgebärde, Orientierungspunkt) für andere, aus demselben Grund; die Zeiten, sich zwecks Schutzes vor Feinden in einer Burg zusammenzuscharen, sind auch vorbei, und was sollte man mitten im Wald verteidigen? Und doch, ein Turm muß es sein, und sei es auch nur, um darin Erbsensuppe mit Bockwurst anbieten zu können. Eine lässige Prahlerei: wir haben einen Turm! Mit Erbsensuppe! Man baut in die Höhe, wo das Gelände schon einen höchsten Punkt bildet, und setzt noch eins oben drauf. Niemand käme auf den Gedanken, in einem Talgrund einen Turm zu errichten. Man hat nach dem Aufstieg noch etwas, das einem selbst gehört, etwas Menschengemachtes, ein paar Stufen, als würde man nur so ein ganzer Mensch, wenn ganz oben das eigene Werk ist, wenn man auf steinernen Stelzen steht. Babels Fundament war mit Sicherheit ein Berg.
An diesem Winter- und Feiertag gibt es keine Suppe. Im obersten Stockwerk, wo man die Suppenküche vermuten darf, sind die Rolläden heruntergelassen, im unbeheizten Raum hinter den Granitmauern dürfte es ungefähr so gemütlich sein wie in einem Mausoleum. Immerhin, der Wind hätte es schwer, ins Gemäuer zu dringen, die Mauersteine liegen fugenlos aufeinander, die Tür paßt in ihren Rahmen wie ins Gehäuse eines Tresors, die Treppe zum Eingang liegt bescheiden wie ein Bettelpilger vor der Schwelle.
Früher habe ich in dieser Landschaft immer nur gesehen, was sie nicht war; in meinen Augen sah sie so aus, als sehnte sie sich danach, eine andere zu werden — und ich, gerade aus den Alpen heimgekehrt, die nun wieder für 11 Monate unerreichbar sein würden, teilte ihre Sehnsucht: nach etwas Wilderem, Größerem, Gefährlicherem. Nach einer Umgebung, in der ich selbst auch wilder, größer und gefährlicher sein würde. Alles schien mir damals besser als dieser Altersruhesitz für greise Götter, diese Handkäs-mit-Äppelwoi-Gegend mit ihren sanften rollatorgerechten Hügeln, ihrem behäbigen Klima, ihren schattenlos-breiten Tälern und den weichen Kuppen, für die das Wort Gipfel eine Anmaßung wäre. Diesen feuchten Wiesen und matschigen Anstiegen, die immer nur ein Anfang von etwas waren, das nie über dieses Anfängerstadium hinaus gelangte. Alles unter 3000m, so dachte ich damals, verlohnt nicht, daß man die Bergschuhe dafür schnüre.
Zurück aus den Alpen, mit stumpfgebrannten Adrenalinrezeptoren, das Auge voller Vertikalen, die Lunge geweitet von Höhenluft, und dann das hier: alles weit unterhalb der Baumgrenze, eis- und schneefrei, von Gletschern zu schweigen, und die einzigen Felsen lagen als Schottersteinchen zermahlen auf den Waldwirtschaftswegen. Die endeten dort, wo im Hochgebirge nicht einmal der Einstieg erreicht war, bevor das Bergsteigen richtig beginnen konnte, war es schon vorbei. Man fühlte sich wie in einem Käfig der Horizontalen gefangen. Dieses Land taugte einfach für gar nichts. Nicht einmal Höhlen gab es, in die man sich hätte abseilen können. Der Klettergarten im Steinbruch war genau das: ein Garten. Warum war ich nicht in einer Berghütte oder wenigstens in Martigny oder Chamonix aufgewachsen, wo ich mich schon hätte anstrengen müssen, um kein Bergsteiger zu werden. Warum war ich nicht auf einem Segelschiff, warum nicht wenigstens an der See geboren? Warum war mir das Segeln, warum war mir nicht irgendein Abenteuer in die Wiege gelegt? Niemals würde ich Mittelgebirgsbleichgesicht den Vorsprung einholen können, den die Kinder Chamonix‘ oder Zermatts natürlicherweise besaßen. Das einzige, was ich in die Wiege gelegt bekommen hatte, war eine Toleranz gegenüber Handkäs mit Musik.
Inzwischen muß ich nicht mehr in die Berge, und das Höher habe ich gegen das Weiter eingetauscht. Diese Landschaft zwischen Main und Neckar eignet sich hervorragend für 50-km-Märsche, wenn man es darauf anlegt. Anders als im Hochgebirge, wo man vom Tal zur Hütte in sechs, sieben Stunden kaum 5 km Luftlinie zurücklegt, kann man hier über die Hügel förmlich fliegen und dabei ordentlich Strecke machen. Ich sehe es meinem jüngeren Selbst nach, daß es diese Landschaft nicht zu schätzen wußte.
Diese Landschaft: Wenn es stimmt, was die Geologen sagen, und dies einmal einmal ein Hochgebirge war, dann erinnern sich diese Hügel nicht mehr an ihre wilde und schroffe Vergangenheit, eine Vergangenheit, so weit entfernt, daß sie mit modernen Zeitbegriffen nicht zu fassen ist. Was wir unter Vergangenheit verstehen, ist ein Teelöffel aus dem Ozean der Zeit. Und was hier noch steht, ist ein Rest, ein Sockel, ein von Wind und Regen heruntergekauter Zahnstumpf. Ich. Bin. Hier., murmele ich vor mich hin, als könnte ich damit einen Anker setzen: das war Jetzt. Und dieses Jetzt irgendwie auszeichnen gegen die unzählbaren Momente, die alle schon auf diese Berge geblickt haben und vergangen sind.
Nach Hause, dorthin, als wo ich nirgends bejahender zu Hause bin. Die Felder liegen schwarz und brach, die Schollen glänzen blankgeschliffen. Die Wege sind menschenleer, Baumwurzeln bohren sich durch zum Licht, der Wind hat die Pässe wieder für sich allein.