Feiertagsnachmittag, Hunde statt Glocken, Sonne und Regen im Wechsel. Meisen stehen wie Schauspieler hinter dem Vorhang und vermasseln einander den Auftritt. Eingeklemmt zwischen Zweigen klappert der Himmel mit den Zähnen. Und die Wasser grinsen, entblößt bis auf die eisigen Ziffern der Kiesel. Wind fegt die Täler aus, wo die Sonne einen Bachlauf trifft, blitzt es so schwarz aus dem Schilf, daß alle Stirnen schmerzen. Überall herrscht Traurigkeit, die Einheit sucht und nur Einzelnes antrifft, das sein eigenes Vorrecht behauptet. Wo nur immer eine Wunde ist, findet sich jederzeit ein Finger, der sie fühlen muß.
Monat: April 2026
Insulationen
Man sieht das Haus erst, wenn man schon fast mit dem Knie an das kauernde Dach stößt. Unvermittelt liegt es vor einem in der ebenen Senke, umstellt von Dünen, selbst kaum auffälliger als ein von Besenheide bewachsener Hügelrücken. Reetgedecktes Dach, die Tragkostruktion mit Tauen befestigte Stämme, aus der Mauer läßt sich ein einzelner Grassoden einfach so herauslösen. Ich hätte gern einen Blick hineingeworfen, aber zum ersten Mal, seit wir hier Urlaub machen, scheint die Tür verriegelt. Jungsteinzeit, auch so ein Wort. Nahebei liegt die Fundstätte zweier Gräber. In einer der unter rohen Steinen angelegten Grabkammern hat man einen trepanierten Schädel gefunden, dessen Besitzer jedoch den Eingriff nicht überlebt hat. Hundert Meter weiter finden aktuell Grabungen statt, man vermutet ein Haus wie das, vor dessen Nachbildung wir gerade stehen. Man versucht sich vorzustellen, was das für ein Leben gewesen sein mag. Die Insel noch keine Insel, sondern Sumpf- und Feuchtgebiet, sicher reich an Vögeln; kein Wald; verschwommene Küsten, weder richtig Land noch richtig Meer. In der Nähe Herdrauch, Tierwärme, Zugluft durch die Ritze, wo ein Grassoden fehlt. Auf der Infotafel Wörter wie „Fischfang“, „Dinge des täglichen Gebrauchs“, aber es bleibt reine Information, ohne Anschauung. Mit welchen Gedanken wurden die Menschen morgens wach? Was war ihr letzter Gedanke beim Schlafengehen? Was taten sie gegen Rückenschmerzen, gegen Langeweile, gegen Überdruß? Was hatten sie für Träume, für Hoffnungen? Was waren ihre Vorstellungen von der Welt und ihrer eigenen Rolle darin? Was hielten sie für den Sinn ihres Daseins? Was war für sie das gute Leben? Hier haben Menschen gelebt, gelitten, sich gefreut und geärgert, geliebt und gestritten, deren untergegangenes Leben (Durchschnittsalter, Fortpflanzungsrate, tägliche Kalorienaufnahme, Körpergröße) heute nur noch aus Zahlen besteht, sich nur noch in archäologischem Fachvokabular (Jungsteinzeit, Steingrab, Wall-Graben-Konstruktion) fassen läßt; voller Leerstellen, die nur die Phantasie zu füllen vermag. Und einen Moment später fragt man sich: was sind denn unsere eigenen Vorstellungen von der Welt und von unserer Rolle darin? Was sind unsere Träume und unsere Hoffnungen? Was ist unser letzter Gedanke vorm Schlafengehen? Und man fragt sich, ob jene Menschen damals nicht sehr viel besser über sich selbst bescheid wußten, als wir über uns.