Stock & Hut

Zeilenumbruch des Jahres: Einmal Atemholen, noch einmal der glühenden Felder, der Lerchen gedenken, des heißen Staubs, der knisternden Ähren; ein Blick zurück, einer vorwärts, gelb und blau: Schon ist es Herbst.

Man friert zur Nacht, das Käuzchen ruft, früh tragen die Tomatenstauden ein Tropfenkleid. Nebel saugt die Hügelflügel ins Nichts, stößt fallend einen Baum ins Greifbare, hält die Vogelrufe in der Schwebe gefangen. Minutenlanges Schweigen von allem. Im Kaffee schmeckt man den Winter.

Hol das Wams aus dem Schrank, schüttel den Staub aus den Wollsachen; back ein Brot, nimm einen Klumpen Butter, ein Beutelchen Salz; Papier und Bleistift für die Geschichten; Stock und Hut für den frohen Mut. Laß uns die Schuhe schnüren, ein leichtes Bündel packen. Was brauchen wir mehr als ein Stück Straße und die Ferne, die immer weitergeht? Komm: Nie rufen die Wege so dringlich wie jetzt.

Windspiel

Morgenlicht senkt sich auf den Stamm der Birken. Überm Fensterrahmen des Balkons zerfließt goldenes Frühlicht. Lange Schatten umkreisen den kleinen trockenen Brunnen, feierlich wie uralte Pilger.
Nachts hat plötzlich das sonst stumme Windspiel aufgeklungen, eine sanfte Quarte, aufsteigend, absteigend, ein leises Signal. Dabei ging gar kein Wind, kein Lüftchen regte sich, stumm waltete die Nacht ihrer Reiche. Da plötzlich dieser Ton, Kling, Kling, als habe das Windspiel beschlossen, von selber zu tönen. Tiefste, verstörende Dunkelheit, ortlos, noch Stunden bis zum Weckerklingeln.
Das Riesenbett rings um den Jungen, ein Meer aus weißer Leichtigkeit, die sein eigenes leichtes Gewicht zum Schweben bringt. Kaum, daß er einsinkt in die Matratze. Sein Haar ist verworren, steht ihm vom Kopf ab, kräftig wie Flammen. Wie schmal seine sonnengebräunten Ärmchen sind. Grellweiß die Gaze rings um den Venenzugang. Wie leuchtend seine Augen, wenn er sie öffnet und uns ansieht, stumm.

Das bohrende Schweigen der Vögel

Der Tag hangelt sich von Uhrtick zu Uhrtack fort. Müde Farben sind sein Geschenk. Am Tisch eine Kaffeetasse, ein Löffel. Die harten, verläßlichen Dinge. Im Glas fängt sich ein Spiegelbild. Lichtverspieltheit. Harter Stahl in der Handfläche. Verkehrsgeheul erkundet die Fernen. Heute lasse ich die schlafen, die gestern mich nicht schlafen ließ. Das bohrende Schweigen der Vögel.

Gamescom

Spät fällt der Groschen. Erst nachdem ich vom Bahnhof wieder nach Hause gelaufen war, weil der Pendlerzug nur ein Bauteil hatte statt wie sonst zwei, so daß ich und einige weitere Fahrgäste nicht mehr hineinpaßten; erst, nachdem ich noch einen Kaffee getrunken, eine Schublade aufgeräumt, die Haustür zum zweiten Mal an diesem Morgen abgeschlossen und zum Bahnhof gelaufen war, wo sich inzwischen abermals eine auffallend große Menge von Jungmannen (Mädchen waren eher nicht dabei) eingefunden hatte – erst da verstand endlich auch ich, was diese Horden Vierzehn-, Fünfzehnjährigen auf dem Bahnhof in R***dorf zu bedeuten hatten.
Nun könnte mir eine Messe, die sich mit meiner Ansicht nach komplett überflüssigen Dingen beschäftigt, so egal sein wie viele andere komplett überflüssige Dinge auch.
Ich werde aber bereits ungehalten, wenn man mich zwingt, Dinge wahrzunehmen, die in meinem eigenen Universum keinen Platz haben. Wenn aber diese komplett überflüssigen Dinge auch nur zehn Minuten meines Alltags verhageln, dann werde ich richtig richtig sauer. Ist ja nicht so, als ob die tägliche Fahrerei im ÖPNV unter normalen Umständen ein Vergnügen wäre. Und im Unterschied zu denen, die mir hier den Morgen vermiesen, bin ich nicht zum Vergnügen hier.
Nee, is klar. Und das Datum der Messe dürfte auch kaum Zufall sein. Noch eine Woche Schulferien in NRW. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.
Und warum die Bahn an ausgerechnet diesem Tag nur einen Halbzug einsetzt, das wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben.

Gruß

Haec tibi cum subeant, absim licet, omnibus annis
     ante tuos oculos, ut modo uisus, ero.
Ipse quidem certe cum sim sub cardine mundi
     qui semper liquidis altior extat aquis,
te tamen intueor, quo solo pectore possum,
     et tecum gelido saepe sub axe loquor.
Hic es et ignoras et ades celeberrimus absens
     inque Getas media iussus ab Vrbe uenis.
Redde uicem et, quoniam regio felicior ista est,
     istic me memori pectore semper habe.

Mag ich auch Jahr um Jahr fehlen – indem dir das alles zu Sinn kommt,
     werd ich vor deinem Blick stehn wie noch eben geschaut.
Sicher werd ich auch selbst, von unter der Angel des Globus,
     die übers klare Meer höher stets aufragt empor,
immer dich so anschaun wie ich’s kann: mit dem Herzen; und mit dir
     redend verbunden sein, unter der Achse, im Eis.
Ahnungslos bist du hier, bist abwesend häufiger Gast mir,
     eilst auf meinen Ruf gleich zu den Geten aus Rom.
Tu mir ein Gleiches, du, und da du im froheren Land bist,
     halte mich dort immer fest in deiner liebenden Brust.

(Ex Ponto II,10,43-52

Sommersemester 1992

Es war Sommer, und das Semester, mein erstes, neigte sich seinem Ende. Prüfungen hatten wir keine, noch keine ernsteren jedenfalls, und der Stundenplan wies viele weiße Blöcke auf. Die Sonne schien, der Hofgarten lockte, die Welt war wiesentauglich, wir hatten Zeit und eine Thermoskanne Kaffee, den ich von zu Hause mitgebracht hatte. Was uns fehlte, waren Tassen. Also sind wir in ein billiges Kaufhaus in der Innenstatdt gegangen (damals könnte man noch preiswert in der Innenstadt einkaufen), und haben je eine schlichte, Tasse für zwei Mark gekauft, eine solche Tasse, die der Engländer Mug nennt, wofür es auf Deutsch kein eigenes Wort gibt. Zylindrisch, mit Henkel, dickwandig, etwa einen Viertelliter fassend, aus weinrot glasierter Keramik. Wir hatten ein äußerst schmales Budget damals und ich schätze, es wird die billigste Tasse gewesen sein, die es in diesem billigen Kaufhaus gab. Ich habe sie sehr oft gebraucht, und vom vielen Einschenken heißer Flüssigkeit hat die Farbe der Glasur auf der Innenseite ein Netzmuster feiner dunkler Risse bekommen. Sie wuchs mir ans Herz, diese Tasse, dieser Mug. In der WG bewahrte ich sie in meinem Zimmer auf, ich mochte es nicht, wenn jemand anderes daraus trank, oder, schlimmer, wenn sie für Tage (oder Wochen) in einem andern Zimmer verschwand. Jahrelang habe ich aus keiner anderen Tasse getrunken.
Mit den frischgekauften Tassen bewaffnet sind R. und ich dann in den Hofgarten gezogen, haben uns mitten auf die fröhliche Wiese gesetzt, recht allein an einem Werktag vormittag, und Kaffee getrunken. Ich war verliebt, die Wiese lag leuchtend wie eine geöffnete Schale in der Morgensonne, der Himmel streckte sich behaglich, in den Platanen schnurrte wie geölt das Licht. Alles Hasten war fern von uns. Nicht nur das Studium, mein Leben hatte begonnen. Ich war berauscht von Licht und Kaffee und Zukunft. In den Tassen schwankte die Sonne auf der schwarzen Haut des Kaffees. Nebenan spielte ein Paar Frisbee. Die Sonne wurde warm, wir wurden träge. Ich küßte R. in die feuchten Armbeugen, und sie murmelte, wie schön das sei. Eine Ameise krabbelte ihr über die Schulter, sie ließ sie krabbeln. Sie sagte, sie möge das Gefühl, wenn etwas Kleines auf ihr herumkrabbele. Über den Vormittag füllte sich die Wiese. Schulkinder spielten Fußball. Studenten ließen sich mit Skripten vor der Nase auf den Bänken nieder. Die Schatten wurden kürzer, glitten von uns weg, bis wir in der Sonne saßen. Am Hauptgebäude der Universität schlug ein Glöckchen.
Plötzlich wurde ich traurig. Ich küßte R. noch einmal, und dann noch einmal. Das Semester neigte sich seinem Ende, der Sommer knisterte schon trocken, im Rhein stockte dick von Hitze das Wasser. Noch eine Woche Uni, dann vorlesungsfreie Zeit. R.-freie Zeit. Und obwohl ich anderes hoffte, ahnte ich bereits, daß unsere Geschichte diesen Sommer nicht überdauern, daß sie in diesen Tagen enden würde. Mitten in der Zukunft hatte die Vergangenheit begonnen. Ich weiß nicht mehr, was ich R. in diesem Moment gefragt habe, nur, daß ihre Antwort nicht das war, was ich hören wollte. Irgendwann war die Thermoskanne leer, und die Zwillingstassen lagen wie ermattet nach ihrem ersten Gebrauch neben uns im Gras. Es war Zeit, aufzubrechen. Wir küßten uns ein letztes Mal, schüttelten die Tropfen aus den Tassen und packten sie in unsere Rucksäcke. Dann gingen wir in unseren Sommer hinaus.
Diese Tasse steht immer noch auf meinem Regal. Ganz hinten, hinter allen anderen Tassen steht sie verborgen an der Wand. Der Henkel ist schon vor Jahren abgebrochen, ich habe ihn in die Tasse hineingelegt, um ihn nicht zu verlieren. Beide Tassen, meine und ihr Gegenstück bei R., veränderten über die Semester und später über die Jahre ihre Farbe, bekamen jeweils ihre Risse und Netzmuster. R.s Tasse dunkelte nach, meine wurde heller, bis sie fast rosa geworden ist.
Wenn ich heute manchmal bei R. zum Kaffeetrinken bin, kann es passieren, daß sie mir ihren Tassenzwilling hinstellt.
Und, was machen die Kinder? frage ich sie und lächle ihr über den weinroten Rand hinweg zu.

In nemore

Unter Flaggen schlafen, ruhen im Wind über Berg und Tal und Burg, in luftiger Höhe, und beim Erwachen liegt der Tag immer noch ruhig in unserer Hand. Küsse, Küsse voll Wind und Sonne. Deine Finger liegen auf meiner Brust, erst auf dem Hemd, dann unter dem Hemd, und ich sage dir, daß ich dich will, abermals will ich dich, will dich mein Leib, ich küsse dich und sage es dir, und du: „Laß uns noch einmal ein Plätzchen finden, ja?“

Ein Plätzchen: flimmernde Sonne in der grünen Tiefe, ein helles Polster abseits des Weges. Stapfen durchs Unterholz, über Wiesen aus Springkraut, ausgerechnet, sich umdrehen, und dann ist der Weg, kein Weg mehr zu sehen, und der Wald hat uns aufgenommen in seine eigene Zeit. Eine Decke im Vorjahreslaub; nesteln am Schuhwerk, und wie du dann deine Unterhemden abgestreift hast, deine Brüste, wie sie in diesem weichen Baumlicht aufleuchteten, hellweiß abgesetzt deine Glieder, eine Corona leuchtender Häute in all dem dampfenden Grünbraun ringsum; die Luft, die mir von Kopf bis Fuß um den Körper streicht, diese ans Erschrecken grenzenden Verblüffung, daß wir uns tatsächlich nackig gemacht hatten, mitten in der großen, freien Welt, der kleine Schreck dabei, und das Entzücken, der Jubel und das hellwache Bewußtsein dieser Nacktheit: Wie mir meine eigene Blöße an deinem weißen Körper aufging: Und mit Herzklopfen vor Begehren habe ich mich neben dich gelegt, deinen andersnackten Leib in meine Arme genommen. Nie, noch nie, sind wir hinter Türen so nackt gewesen wie da in den weiten Hallen der Buchen, unter Rotkehlchen, Zaunkönig und Amsel, und brauchten uns nicht zu schämen.

Zwischen unseren Zehen krümeln Vorjahrsblätter. Trockenes mündet in Feuchtes. Haarfäden glänzen. Rings leuchtet und wedelt der Farn. Wir strecken uns aus, zwei Bündel zarter Glieder. Wie schön du bist. Dein Leib ein Loblied der Sonne. Deine Blicke sind voller Sterne. In der Farbe deines Schoßes findet sich die Farbe des Lebermooses wieder. Deine Haut riecht nach Heu und Thymian. Warm bist du und brennend, als ich zu dir komme. Unsere Blicke stürzen ineinander. Plötzlich haben wir es eilig, der Buchfink schmettert, Laub rutscht unter uns, der Wald nimmt uns auf wie eine offene Hand; ich flüstere deinen Namen, und das letzte, was ich sehe, ehe ich die Augen schließe und verschwinde, in einer Falte zwischen Himmel und Erde, zwischen Sphagnum und Aquilegia verschwinde, das letzte, was ich sehe, ist der überblaue Himmel, der sich in deinen weit aufgerissenen Augen spiegelt.

„Wenn die Menschen ihren Schatten verlieren, wird das Leben unmenschlich. Nicht um ein Diplom zu machen, lesen wir Ovid und die anderen, sondern um unseren Schatten kennenzulernen. Kunst, große Kunst, bietet keine allgemeinen Lösungen für perönliche Probleme, sondern persönliche Lösungen für allgemeine Probleme. (Thódoris Kalliphatídis „Freunde und Liebhaber“)“

αν οι άνθρωποι ξεχάσουν τη σκιά τους, η ζωή γίνεται απάνθρωπη. Διαβάζουμε τον Οβίδιο και τους άλλους όχι για να πάρουμε ένα πτυχίο αλλά για να γνωρίσουμε τη σκίά μας. Η Τέχνη, η μεγάλη Τέχνη, δεν προσφέρει γενικές λύσεις σε προσωπικά προβλήματα, αλλά πρωσοπικές λύσεις σε γενικά προβλήματα. (Θοδωρής Καλλιφατίδης, Φίλοι και Εραστές)

Frettchen

An diesem Morgen läuteten die Glocken Sturm. Sturm war in der Welt, Feuer, Mord, Brand, Tod und Verderben. Blut, Blut, Blut, schrien die Glocken, Mord schrieben die Felder ins Licht, Tod bezeugte der Weg, Blut, jammerte der Wind, der das Fell aufzittern ließ, als sei das Leben darunter noch warm und sträube, wehre, plustere sich noch trotzig gegen die Kälte. Denn es hatte aufgehört zu regnen, und anstelle des milden, nassen Wetters war trockener Frost übers Land gefallen, der die Pfützen zu nadelscharfen Mustern zusammenzog, hellen Staub über die Bäume hängte und die Sonne auf den entsetzten Schollen festfrieren ließ.

Das Fell sah ich zuerst, Flausch und Bausch eines in der Brise sanft wedelnden graubraunen Pelzes; dann eine Kralle, die aus dem Bausch herausragte und zu einem Vorderlauf gehörte; und dann, noch bevor sich in einem nächsten, schon panischen Blick der Fellhügel aus weiteren drei Läufen und einem ängtslich schmalen, viel zu mageren Rumpf zu einem ausgestreckten Tierkörper vervollständigte, sah ich das Blut, und die spitze Schnauze mit den scharfen Zähnchen im halboffenen Maul, wo das Blut ausgetreten war und das Fell zu dunklen Strähnen verklumpt hatte. Maul, Zahn und Blut: Als habe das Tier kräftig zugebissen und sich mit dem Blut der gerrissenen Beute besudelt. Doch war es kein Beutetier, sondern der eigene Tod gewesen, dem das Wiesel auf dem Feldweg begegnet war, und das Blut, das ihm noch frisch und von leuchtendem Rot die Schnauze verschmierte, war sein eigenes, aus seinem Inneren hervorgeqollen, aus einer Verletzung, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. So lag es, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Rücken, steif und kalt unter dem flatternden Pelz, der nicht mehr wärmte, die Augen abgewandt, zur Erde, den Blick festgefroren im Asphalt der Straße.

Die Glocken verstummten, ein Echo der letzten Schläge verschwebte überm Feld. Ich löste den Blick von dem Kadaver. Ein gelber Müllwagen kroch in einer Falte des Geländes unter mir herauf. Ich beachtete ihn nicht, ging weiter, eine Pfütze knirschte, ich taumelte ein wenig, ging, reckte mich und ging, und drehte mich auch nicht um, als das Fahrzeug hinter mir herannahte und in einiger Entfernung zum Halten kam, und auch, als ich erst die Tür aufgehen hörte, dann den Sprung aus der Kabine, Klappern von Metall, ging ich stracks weiter, während es hinter mir ratschte von Schaufel und Eimer, und ein dumpfes Plumpsen zu hören war. Erst auf dem Hügelkamm schaute ich zurück, da grinste die Kurve, als wäre nichts geschehen. Die Felder bleckten Eis. Die Glocken schwiegen.

In prato

Die Blicke sind da. Überall sind sie, sie stehen auf Stielen am Ende von Schritten, hocken in den Hecken, stecken verborgen hinter der brillenlosen Brandung des Waldsaums. Wo der letzte Fußfall endet und die Stimmen verstummen, da sammelt das Dunkel im Holunder sie, dort blinzeln sie hinter Gras. Manchmal raschelt es. Ein Kiesel springt. Jemand lacht. Dann ist es wieder minutenlang still, bis aufs Summen von Insekten und das Zwitschern der Vögel. Blicke. Blicke auf uns. Blicke zucken, Blicke wispern, Blicke drehen sich im letzten Moment aus dem Augenwinkel weg. Kommt jemand?
Niemand. Wir sind allein mit uns und den Blicken ringsum. Und dann fällt das Hemd, gleitet die Hose ins Gras, ein umgedrehter Hut nimmt die Brillen auf, wir sind nackt und kurzsichtig, und plötzlich ist es gleich, ob jemand kommt.
Wir ducken uns unter allem weg, was Blick heißt. Wir ziehen die Wiese um uns wie ein Tuch und machen uns klein darin, schrumpfen allen Augen davon, werden winzig hinter Mauern aus Gras, hinter Zäunen aus Sonne, und fallen, wir küssen uns, wir trauen uns.
Und dann gibt es nur noch zwei Augenpaare in der Welt, zwei Blicke, die ineinander stürzen. Wir atmen, wir fliegen, wir umhüllen uns miteinander und verkriechen uns ineinander, und die Lust trägt uns an einen anderen Ort, einen unerreichbaren Ort inmitten der erreichbaren Wiese, darin sind wir allein, allein zu zweit, zu zweit unsichtbar und und unsichtbar geborgen inmitten des riesigen Sommers der Welt.

Oscula silvatica sp.

Unter Flaggen schlafen, ruhen im Wind über Berg und Tal und Burg, in luftiger Höhe, und beim Erwachen liegt der Tag ruhig in unserer Hand. Küsse, Küsse voll Wind und Sonne. Deine Finger liegen auf meiner Brust, erst auf dem Hemd, dann unter dem Hemd, und ich sage dir, daß ich dich will, abermals will ich dich, will dich mein Leib, ich küsse dich und sage es dir, und du: „Laß uns noch einmal ein Plätzchen finden.“

Ein Plätzchen: ein Fleckchen wedelnder Sonne, ein grünes Polster, abseits des Weges. Stapfen durchs Unterholz, über Wiesen aus Springkraut, ausgerechnet, und dann war der Weg, kein Weg mehr zu sehen, und der Wald nahm uns auf in seine eigene Zeit. Eine Decke im Vorjahreslaub; nesteln am Schuhwerk, und wie du dann deine Unterhemden abgestreift hast, deine Brüste, wie sie in diesem weichen Baumlicht aufleuchteten, hellweiß abgesetzt deine Glieder in all dem Grünbraun ringsum; diese ans Erschrecken grenzenden Verblüffung, daß wir uns nackich gemacht hatten, mitten in der großen, freien Welt, der kleine Schreck dabei, und das Entzücken, der Jubel und das brennendscharfe Bewußtsein dieser Nacktheit: Wie mir meine eigene Blöße an deinem weißen Körper aufging: Herzklopfend vor Begehren habe ich mich neben dich gelegt, deinen andersnackten Leib in meine Arme genommen. Nie, noch nie, sind wir hinter Türen so nackt gewesen wie da in den weiten Hallen der Buchen, unter Rotkehlchen, Zaunkönig und Amsel, und brauchten uns nicht zu schämen.

Heimat an Flüssen

Komm, wir gehen an den Fluß.
An der Hand von Vater und Mutter den Riesenschiffen zusehen, wie sie den Strom hinabgleiten oder hinaufstampfen. Schau nur, sie haben Wäsche aufgehängt. Eine Radarantenne dreht sich darüber. Dreht sich und dreht sich, und dann ist das Schiff vorbei. Auf der Brücke, hinter den winzigen Scheiben, ist kein Mensch zu sehen. Ratlos bückst du dich nach Kieseln, geh nicht so nah ans Wasser. So viel Verlorenheit in der Kinderbrust. Auf den Kieseln hockt der Tod. Du wischst dir die Hände an der Hose ab. Es riecht, es riecht nach Fremde. Die Häuser, sind zu groß, lassen sich nicht fassen, die Fabrikfassaden, an denen der Blick sich abarbeitet, abgleitet, abstürzt. Buntes, abgeschliffenes Glas liegt zwischen den Wurzeln der Weiden. Die Möwen hängen mit traurigen Schwingen in der Luft; sie gleichen den seltsamen Vögeln, die in deiner eigenen Brust ihre verlorenen Bahnen ziehen. Warum sind diese Vögel schrecklich? Und wie wird man den Strom wieder los, dessen Ufer bis ins Kinderzimmer reichen, dessen Wintermorgen bis in die Nacht dauert, bis in den Traum. Bis zu den Vögeln in der Brust, mit ihren traurigen, verlorenen Schreien, als schrien sie noch den Möwen nach, den schwebenden Tieren mit ihren grausamen Augen.
Klein ist der eigene Schatten geworden, die eigene Dunkelheit auf den Kieseln rund um das Bunte der Gummistiefel, kleiner und kleiner, bis er in den Mittag voller harter Klänge entkommt.
Das Wasser spiegelt nichts; braun ist es und noch weniger als braun. Träge fließt es dahin, löst alle Farben in sich auf und vernichtet sie, so daß alle Ufer, das jenseitige wie das hiesige, kiesige, stromauf, stromab, tot und verdorrt scheinen.
Stampfen und Stampfen. Der Hafen drüben ein Kreischen von Rost. Endlos der Strand. Eine Brücke aus Seilen häkelt stumm an Entfernungen und Richtungen. Und doch kommt nichts vom Fleck. Alles steht. Der Nachmittag steht, die Möwen, das Wasser. Dorthin kann man nicht gehen, aber die Entfernung ist brüchig, sie hält nicht. Angst kommt in dir hoch. Am Horizont hängt Rauch und Dampf an dünnen Fabrikschornsteinen über einer Ferne, in der alles fremd ist, und die dich in ihre Fremdheit hineinzieht, bis du dir selbst fremd geworden bist, ein Fremdkörper unter fremden Dingen, der schlaffe Ball, die zerkratzte Colaflasche, die Verpackung eines Keksriegels, von deren Farben nur grün und blau geblieben sind. Fremde und verfremdete Farben. Vielleicht wußten die Möwen davon, kannten sich aus mit ihrem Fremdsein, fraßen die Fremdheit der Dinge in sich hinein. Brotrinden, Steine und Staub. Nester aus Heimatlosigkeit. Zerbrochene Muschelschalen. Sperrweite Schnäbel, abgehärtet von Schreien. Unbeirrt lag alles entfernt und zugleich so nah, daß es dich erschreckte, waren die Strecken überspannbar zu dir, bis alles in weiter Ferne bedrohlich geworden war und ins Nahe reichte, wie ein Feuer, eine ferne Flamme, schon der Anblick eine Gefahr, ein Fraß an der Seele. Fremd waren zuletzt noch deine Träume, dein Schlaf, wenn die Autobahn jenseits der Häuser gleich Flammengebraus durch die Nacht hallte, und da war es, als habe jene Hängebrücke über den Fluß alle Fernen zusammengespannt, daß kein Geheimnis mehr blieb in der Welt und die Zukunft schon angebrochen war.

5.6.2013

Heute morgen beim Laufen habe ich einen furchtbar häßlichen Gedanken gehabt, so häßlich, daß ich nicht weiterkonnte. Unter einem Baum blieb ich stehen, preßte die Hand gegen die Augen und weinte und weinte. Plötzlich war ich so allein wie noch niemals im Leben. Es gab nichts mehr, keinen Baum, kein Feld, keine Vögel, es gab nur noch mich selbst, gefangen in mir, zusammen mit meinen kleinen, häßlichen Gedanken eingesperrt, gefangen im lichtlosen Raum hinter meinen Lidern.

Dann hörte ich die Nachtigall. Das Trillern und Schnalzen kam aus einer der Sträucher nahebei, und die Welt nahm wieder Gestalt um mich her an. Ein Spaziergänger mit Hund kam des Wegs. Im Morgenlicht winkte die Straße mit ihren Bäumen. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und lauschte. Ich war wieder in der Welt, aber ein anderer. In diesem Moment verstummte die Nachtigall, oder sie hatte sich in einen anderen Vogel verwandelt. Ich griff in die Brennesseln am Wegrand, um eine andere Art von Schmerz zu spüren, oder mich zu vergewissern, daß ich lebendig sei, und dachte, daß ich gerne mein Gesicht ins Fell jenes Hundes vergraben hätte, der jetzt hinter mir um die Wegbiegung verschwunden war.

Ein Traum

Liebe, in der ersten unserer drei hellen Nächte habe ich von dir geträumt.
Du hattest empfangen von mir. Und nun ging es um die Entscheidung, solltest Du diese Schwangerschaft abbrechen oder nicht; und so fragtest du mich, ob ich dieses Kind, unser Kind, annehmen und mit Dir haben wolle. Von meiner Antwort würde alles weitere abhängen.
Und da wußte ich: jetzt. Jetzt werde ich den Kopf heben und dir lange in die Augen sehen und dir dann ruhig und bestimmt ja sagen; und noch bevor ich es aussprechen konnte, ganz in der Erwartung dessen, was ich dir gleich sagen würde, in der Erwartung dieses Ja zu unserem Kind durchströmte mich ein überwältigendes Glücksgefühl.
Dann bin ich aufgewacht. Zu deinen ruhigen Atemzügen neben mir bin ich aufgewacht und zu einem Dunkel, das sanft war und gut, und aller Geschöpfe Träume schützend in sich barg.

30.5.2013

Ein plötzliches Aufschießen von Meisenstimmen verklingt ebenso schnell wieder, wie es aus dem Schweigen hervorgeplatzt ist, als wäre die Stille dieses Feiertagmorgens zu viel, zu mächtig, böte in der Dichtigkeit ihres Gewebes zu großen Widerstand, um sie länger als ein paar Takte Gezwitscher aufzuhalten. Die Stimmen erlahmen, die Geräusche verzagen. Selbst die Kirchenglocken probieren nur ein paar schwache Schläge, schweigen gleich wieder. Kein Fahrzeug, keine Motoren, keine Türen; jedes leise Geräusch klingt eingeschüchtert, hört sich selbst zu, findet sich zu laut, verstummt. Selbst der Wind geht auf Zehenspitzen. Versuche eines Morgens, wach zu werden. Selbst die Farben liegen verschämt umher, als hätten sie’s allzu bunt getrieben in der Nacht, als sie doch alle grau waren. Vielleicht haben sie zu vorwitzig geträumt. Zu guter letzt faßt sich der Buchfink ein Vogelherz und singt dem Morgen Mut zu.

18.5.13

An den Rändern des Morgens blüht Lärm auf. Unerreichbar für die Schärfen des Außen, singt die Stille im Innern. Es ist ein Schweigen, das in sich selbst eingesunken ist. Dann: Einen Morgen lang schlugen die Glocken. Ich aber wünschte mir Laternen, die Dunkelheit verbreiten. Alle Wege führen zurück zum Ich. Daß ich ich bin und nicht du, das scheint mir die Quelle allen Schmerzes. Ich will mein Ich wegschreiben, bis es mir nicht mehr im Weg ist, bis es mich nicht mehr hindert zum Du. Die Ströme tragen Silber und Laub. Kein Weg führt je ganz zu dir. Wir gehen im Wir niemals auf.