weg

Das Bedürfnis, einfach abzuhauen. Tür ins Schloß fallen lassen, den Schlüssel in den Briefkasten werfen, auf der Straße kleiner werden und verschwinden. Einfach nicht mehr wiederkommen. (Sollen sich die Dinge bitteschön von alleine regeln. Meistens tun sie das ja sowieso. Aber für diesen zumeist langwierigen und schmerzlichen Prozeß brauchen sie doch eigentlich nicht mich als Zeugen, im Gegenteil, die Dinge regeln sich am besten von alleine, wenn eine Weile niemand hinschaut.) Ich sehe mir dabei zu, wie ich um die Häuserecke biege und fort bin, fort für lange. Vielleicht für immer. Wahrscheinlich für immer. Einmal hätte ich es fast gemacht, in einer Stadt am Beginn des Jahrtausends, in der ich es nicht mehr aushielt. Ich hatte sozusagen die Tasche schon gepackt, mich nach einem Ticket erkundigt, halb entschlossen, abzureisen, während die, deretwegen ich mich dort aufhielt, auf der Arbeit wäre. Und dann habe ich es doch wieder ausgehalten. Die Stadt, die Wohnung, die Frau, mit der ich lebte, mein Leben. Es wäre ein leichtes gewesen, einfach in den Bus zu steigen und weg zu sein. Ich war jung genug, frei genug, mutig genug. Warum habe ich es nicht getan? Vielleicht, weil meine Motive zu klar gewesen wären, zu durchsichtig, sie hätte mich verstanden und durchschaut, das wollte ich noch weniger, als in der Stadt bleiben. Vor kurzem las ich ein Buch, Weit über das Land von Peter Stamm; darin geht es genau darum, ums Verschwinden. Jemand spaziert einfach aus der geordneten Welt heraus, dem geordneten Leben, das er sich geschaffen, vielleicht aber auch nur geschehen gelassen hat. Ein Mann und eine Frau, ein Paar, wohlhabende Eltern zweier kleiner Kinder, sitzen, von einer Urlaubsreise heimgekehrt, an einem späten Sommerabend zusammen im Garten und trinken Wein. Es ist ein Abend wie viele andere, nichts ist passiert, es hat keinen Streit gegeben, keine Mißstimmung, der Urlaub ist schön gewesen, sie haben es gut, nichts bereitet auf das vor, was gleich passiert. Während die Frau kurz nach den Kindern schaut, stellt der Mann das Weinglas ab, steht auf und verläßt den Garten; er geht los, über den Gartenweg, zur Straße und weg, um nicht mehr wiederzukommen. Nichts davon ist geplant; wir lernen seine Motive nicht kennen; er kehrt erst Jahrzehnte später zurück, aber ob das überhaupt eine Heimkehr ist, bleibt offen. — Nachdem ich es gelesen hatte, war ich sehr melancholisch, und ich weiß nicht, was mir größere Traurigkeit machte: nicht selbst auch schon verschwunden zu sein; oder die Aussicht, es vielleicht eines Tages wirklich zu tun. Nur, und das ist eine weitere enttäuschende Erkenntnis über mich selbst: Menschen, die zu so einem Schritt ins Freie imstande sind, schwafeln nicht oder schreiben Blogeinträge übers Verschwinden — sie haben es schon getan und sind längst weg.

Laudator temporis acti

Wenn man sich nach einer bestimmten Zeit im eigenen Leben zurücksehnt, was ersehnt man dann eigentlich? Doch wohl nicht, diese Zeit, exakt wie sie war, noch einmal zu erleben. Worauf richtet sich dann die Nostalgie? Könnte es sein, ausgehend von der ersehnten Zeit, mehr davon zu haben? Daß sie dauere? Oder daß man mehr alternative Zukünfte in ihr, aus ihr heraus, in ihrem Geiste erleben dürfe?

Auch die Erinnerungen, die Wärme, die mir von bestimmten vergangenen Zeiten (in denen ich glücklich war, ohne es zu wissen, was ich erst heute weiß) entgegenwallt, das Glücksgefühl, gepaart mit Melancholie, vollzieht sich im Jetzt. Es ist das Glücksgefühl jetzt, der Erinnerung an ein Damals, das von mir vermutlich als ähnlich gemischt und ambivalent empfunden worden ist, solange es ein Jetzt war. Hebe ich dann nicht jetzt erst den Schatz, den ich damals, ohne zu wissen, daß es ein Schatz war, zusammenraffte? Fühle ich jetzt das Glück, das ich damals nicht empfand? Wie einen gelagerten, gereiften Wein? Und doch ist es das ja nicht. Ich bin nicht glücklich, wenn ich mich an dieses unerkannte Glück des Ehemals erinnere. Ich sehne mich nach etwas, das ich nicht verloren haben kann, weil ich es nie besaß.

(Im Ohr: Mozart, Quintett für Klavier und Bläser)

Zu Hause

Nirgends zu Hause: Wie wäre ein Zuhause auch zu schaffen? Jetzt noch? Und war ich nicht einst zu Hause? In der geistigen Sphäre, die ich mit allen meinen Freunden, einer ganzen Institution, mit einer weltumspannenden Gemeinde teilte? Indes, es ist ein Zuhause im Tätigsein, im Lernen, im Verstehenwollen gewesen, und es kann nicht anders als ein solches, im gemeinsamen Vollzug geschehendes Zuhause sein, einer religiösen Gemeinschaft nicht unähnlich. Und gerade fällt mir ein, wie mal jemand mich tadelte genau mit diesem Wort, die Linguistik sei meine Religion, vielleicht hatte sie ja recht. Nur, warum wäre das tadelnswert gewesen, außer, daß die Beschwerdeführerin sich halt als außenstehend ansah und eifersüchtig war, wie Frauen es oft auf eine Leidenschaft ihrer Partner sind, weil diese Leidenschaft mit ihnen selbst nichts zu tun zu hat. Und so war es eben, nein, nicht meine Leidenschaft, auch nicht meine Religion, sondern mein Zuhause. Meine Lebensessenz. Mein Netz an Bezügen, an Werten, an Unhinterfragbarem, Geteiltem, Selbstverständlichem, das mich jahrelang trug und hielt, in den Menschen, mit denen ich es teilen konnte; in den Ideen; im Geist. Ich wußte nicht, was werden sollte; aber ich wußte etwas viel Wichtigeres; ich wußte, wo ich war.

 
Der Himmel, wie er zwischen den ausgedünnten Wolken hervorschimmert, so blaß, als müßte er sich, nach Tagen des Im-Flachen-Dümpelns, erst seiner alten Tiefe entsinnen.

Die Wege und Flußadern und Meeresküsten in den Atlanten des Laubs. Noch einmal Muskelspiel der Farben, schon ausgezählt.

Ich habe jemanden enttäuscht. Das bedeutet immer auch: mich selbst. Ich weiß es noch nicht, während ich durch den Herbst laufe wie durch ein nicht ganz artgerechtes Vivarium, noch glaube ich mich meiner Unabhängigkeit wirklich zu freuen, aber der Abend wird in Tränen enden.

Nichts kommt näher, nichts entfernt sich. Um von einem Ende des Felds zum andern zu gelangen, verbrauchen Spaziergänger das Licht eines ganzen Nachmittags. Die Gesicher bleiben helle Flecke, die Scholle keucht dunkel, das Rascheln von Schritten trägt Meilen. Irgendwo hinter den Wipfeln haben Krähen zu tun. Kinderwagen zählen, und Hunde.

Die Wolken sind gespannte Schleudern. Die Ladung ist Wind.

Sommersemester 1992

Es war Sommer, und das Semester, mein erstes, neigte sich seinem Ende. Prüfungen hatten wir keine, noch keine ernsteren jedenfalls, und der Stundenplan wies viele weiße Blöcke auf. Die Sonne schien, der Hofgarten lockte, die Welt war wiesentauglich, wir hatten Zeit und eine Thermoskanne Kaffee, den ich von zu Hause mitgebracht hatte. Was uns fehlte, waren Tassen. Also sind wir in ein billiges Kaufhaus in der Innenstatdt gegangen (damals könnte man noch preiswert in der Innenstadt einkaufen), und haben je eine schlichte, Tasse für zwei Mark gekauft, eine solche Tasse, die der Engländer Mug nennt, wofür es auf Deutsch kein eigenes Wort gibt. Zylindrisch, mit Henkel, dickwandig, etwa einen Viertelliter fassend, aus weinrot glasierter Keramik. Wir hatten ein äußerst schmales Budget damals und ich schätze, es wird die billigste Tasse gewesen sein, die es in diesem billigen Kaufhaus gab. Ich habe sie sehr oft gebraucht, und vom vielen Einschenken heißer Flüssigkeit hat die Farbe der Glasur auf der Innenseite ein Netzmuster feiner dunkler Risse bekommen. Sie wuchs mir ans Herz, diese Tasse, dieser Mug. In der WG bewahrte ich sie in meinem Zimmer auf, ich mochte es nicht, wenn jemand anderes daraus trank, oder, schlimmer, wenn sie für Tage (oder Wochen) in einem andern Zimmer verschwand. Jahrelang habe ich aus keiner anderen Tasse getrunken.
Mit den frischgekauften Tassen bewaffnet sind R. und ich dann in den Hofgarten gezogen, haben uns mitten auf die fröhliche Wiese gesetzt, recht allein an einem Werktag vormittag, und Kaffee getrunken. Ich war verliebt, die Wiese lag leuchtend wie eine geöffnete Schale in der Morgensonne, der Himmel streckte sich behaglich, in den Platanen schnurrte wie geölt das Licht. Alles Hasten war fern von uns. Nicht nur das Studium, mein Leben hatte begonnen. Ich war berauscht von Licht und Kaffee und Zukunft. In den Tassen schwankte die Sonne auf der schwarzen Haut des Kaffees. Nebenan spielte ein Paar Frisbee. Die Sonne wurde warm, wir wurden träge. Ich küßte R. in die feuchten Armbeugen, und sie murmelte, wie schön das sei. Eine Ameise krabbelte ihr über die Schulter, sie ließ sie krabbeln. Sie sagte, sie möge das Gefühl, wenn etwas Kleines auf ihr herumkrabbele. Über den Vormittag füllte sich die Wiese. Schulkinder spielten Fußball. Studenten ließen sich mit Skripten vor der Nase auf den Bänken nieder. Die Schatten wurden kürzer, glitten von uns weg, bis wir in der Sonne saßen. Am Hauptgebäude der Universität schlug ein Glöckchen.
Plötzlich wurde ich traurig. Ich küßte R. noch einmal, und dann noch einmal. Das Semester neigte sich seinem Ende, der Sommer knisterte schon trocken, im Rhein stockte dick von Hitze das Wasser. Noch eine Woche Uni, dann vorlesungsfreie Zeit. R.-freie Zeit. Und obwohl ich anderes hoffte, ahnte ich bereits, daß unsere Geschichte diesen Sommer nicht überdauern, daß sie in diesen Tagen enden würde. Mitten in der Zukunft hatte die Vergangenheit begonnen. Ich weiß nicht mehr, was ich R. in diesem Moment gefragt habe, nur, daß ihre Antwort nicht das war, was ich hören wollte. Irgendwann war die Thermoskanne leer, und die Zwillingstassen lagen wie ermattet nach ihrem ersten Gebrauch neben uns im Gras. Es war Zeit, aufzubrechen. Wir küßten uns ein letztes Mal, schüttelten die Tropfen aus den Tassen und packten sie in unsere Rucksäcke. Dann gingen wir in unseren Sommer hinaus.
Diese Tasse steht immer noch auf meinem Regal. Ganz hinten, hinter allen anderen Tassen steht sie verborgen an der Wand. Der Henkel ist schon vor Jahren abgebrochen, ich habe ihn in die Tasse hineingelegt, um ihn nicht zu verlieren. Beide Tassen, meine und ihr Gegenstück bei R., veränderten über die Semester und später über die Jahre ihre Farbe, bekamen jeweils ihre Risse und Netzmuster. R.s Tasse dunkelte nach, meine wurde heller, bis sie fast rosa geworden ist.
Wenn ich heute manchmal bei R. zum Kaffeetrinken bin, kann es passieren, daß sie mir ihren Tassenzwilling hinstellt.
Und, was machen die Kinder? frage ich sie und lächle ihr über den weinroten Rand hinweg zu.

Im Dunkeln sitzen und Schubert hören und weinen, weinen, weinen, und nicht mehr ein wissen noch aus vor Sehnsucht. Und vor lauter Worten das richtige nicht. Würgen an den Worten. Zuletzt wirr ins Dunkel geflüstert, was ich laut nicht sagen darf, nicht einmal stammeln.

Eine lang vermißte Verzweiflung willkommen heißen und sich am Schmerz lebendig scheuern.

5:05

Die Seiten des Schlafs noch einmal aufblättern, während die Radiouhr jeden Schluck tränensanfter Schwärze vorzählt. Ein süßer Bissen aus der Zeit, das schmeckt wie fremdes Erwachen. Wann bist du zu mir gekommen und warst wie ein Strömen an meinen Gliedern allen? Der Flieder denkt sich eine ganz neue Art aus, Nacht zu sein und Mund. Nie mehr die Rosen am nahen Turm. In den Mittag gehängt werden die Glocken schwingen mit allen Namen von gestern. Ein Atem schöpft aus sich selbst. Die Decken wissen: In den Träumen warst du der allerfernste Morgen.

Paul-Schallück-Straße

Es gibt nämlich keine Paul-Schallück-Straße mehr. Klar, der Stadtplan. Der kann viel erzählen. Stadtpläne wissen aber nichts von den Orten, die sie abbilden. Stadtpläne sind blind. Du betrachtest sie, folgst vielleicht mit dem Finger (das hat etwas Hingebungsvolles, das gefällt mir, ja, aber), mit dem Finger folgst du vielleicht dem Geschlängel eines Weges, wobei du dir vornimmst, den gehe ich demnächst, bald oder nächstes Jahr, oder wenn wieder Herbst ist, so wie früher, denkst du, und dabei stellst du dir Landschaften vor, die du aus den ins Abstrakte projizierten Angaben der Karte wieder in die Wirklichkeit zurückformst; aber so ein Herbst kommt ja doch nicht, auch kein ähnlicher, und auch der Weg, den du meinst, den die Karte aber nur abbildet, ist verschwunden; oder du pochst auf eine Stelle, eine Kreuzung vielleicht oder einen Abzweig, den du mal verpaßt hast, oder etwas, das ganz unscheinbar ist, und das dir nur dadurch wichtig wird, daß da mal jemand stand und lächelte, an einer öden Häuserecke, oder dir entgegenkam, auf dich gewartet hatte, oder einfach nur in deinen Gedanken war und dort mit dir und hineingespiegelt in die Wirrnis eines Unortes, auf den du jetzt, mühelos wiedergefunden, deinen Finger legst: Wie auf etwas, das sich orten und festhalten ließe. Als wäre dieser Ort nicht vielmehr in dir selbst als auf irgendeiner Karte zu finden. Du trägst ihn mit dir herum. Die Karte weiß nichts, sagt Paul-Schallück-Straße, sagt Hier, aber sie hat keine Ahnung.
Wer Paul Schallück war, das haben wir auch nie herausgefunden, nicht einmal versucht haben wir’s, jetzt ist es egal, denn die nach ihm benannte Straße, auch so ein Ort, gibt es ja nicht mehr, Stadtplan hin oder her, leg nur deinen Finger drauf, hier das Justizgebäude, dort der Supermarkt, dort die Eisenbahnlinie (das Quietschen nachts, wenn die Güterwagen herumgeschoben wurden, wir mochten das beide, diese nahe Ferne, die Stimmen hin und her, Geräusche wie Reise und Unterwegssein, wir lauschten dem, brauchten nichts zu reden, schmiegten uns aneinander, draußen rumpelte es manchmal, dann herrschte die Stille der weiten Welt, Bahnhöfe, Häfen, die Laternen des Aufbruchs, der immer gemeinsamer Aufbruch war, sein sollte, gewesen wäre), leg nur den Finger drauf, versuchs nur, es ist dort nichts, nur der Name ist geblieben, von Bahnhöfen und Häfen und Schalterhallen, das bedruckte Papier. Wir waren kaum je gemeinsam unterwegs. Hättest du ihn schon gefunden, nur weil da der Name steht? Später bist du noch oft dort entlanggegangen, hattest dummerweise was vergessen, mußtest in den Supermarkt, hieltest den Kopf gesenkt, um ihr nicht zu begegnen, fragtest dich jedesmal, ist sie zuhause, in unserem ehemaligen Heim, da drüben, das Fenster fast sichtbar durchs Ahornlaub, steht sie jetzt hinter diesen Spiegelungen, die ein Stück Himmel mit Wolken darin, mit Wind darin, heruntersaugen, unsichtbar ihr dunkles Haar, spielt sie Klavier, die Töne beinahe bis hierher hörbar, wäre der Wind nicht, die Schritte der Leute nicht; oder tritt sie am Ende noch gerade jetzt heraus, um dir zu begegnen und wieder nichts zu sagen zu haben, nur ohne Quietschen diesmal, ohne Schmiegen. Einmal hin, wieder zurück, diesmal ihre vermeintlichen Blicke, ihr Zögern und Ausweichen im Rücken. Ging sie vielleicht einmal hinter dir, langsam, damit eure Wege sich nicht kreuzen müßten, du sie nicht bemerken würdest, wenn du dich umdrehtest?
Und wußtest nicht, sooft du dort vorbeigingst, daß es diesen Ort ja schon längst nicht mehr gab. Glaubtest sie dort oben, dabei war sie schon längst ausgezogen. Fürchtetest und ersehntest ganz umsonst ihre Begegnung.
Du drehtest dich nicht um, nie. Sie auch nicht, das war nicht ihre Art. Auch Abschiede nicht, waren nicht ihre Art. Ebensowenig wie ein großes Wort, ein Wort, das den Mut hätte, Großes zu sagen, nein. Wegdrehen, weggehen. Jetzt ist dieser Ort verschwunden, der Ort, der uns noch kannte, und wer Paul Schallück war, ist abermals unbedeutend, hier ist nichts nach ihm benannt, wie schnell Karten veralten können, nicht? Da zeigt das Blatt noch diesen Straßennamen, dabei … Da gibt es doch nichts. Man kommt dort nirgendwo aus, man verläuft sich, macht noch ein paar Schritte, hat einen Gedanken, verheddert sich, hascht nach einer Erinnerung, die dir plötzlich, aber sie ist schon weg, und im nächsten Augenblick bist du im Kreis gelaufen und wieder dort, wo du seit einiger Zeit schon dich aufhältst. Zuhause bist du nicht, hier nicht und dort nicht, und die Paul-Schallück-Straße gibt es nicht mehr. Am Ende, beim letzten Blick aus dem Fenster dieses Ortes, den es nicht mehr gibt, waren die Blätter des Bäumchens auch gelb. Vielleicht hast du noch das Laub dieses Ahornbäumchens wehen sehen, auf einem deiner vielen Gänge in dieses Abseits jedes möglichen Raums, hinter der Häuserecke hervor, Blätter, die aus einer imaginären Richtung herausfallen, in den irrealen Vektor des Lichts geraten, wo sie aufblitzen, Blätter, deren Wirbel vom Schatten verschluckt werden, über den Boden rascheln, still sind. Immer mehr Blätter, die vor deinen Füßen liegenbleiben.
Dieser Ort ist mehr als er selbst, und darum so unzugänglich, daß es ihn nicht gibt, unaufholbar. Gleich einer Karte zeigt er Namen und Bilder, eine Täuschung, steht er an der Kreuzung potentieller Vielfacher von ihm selbst. Unsortierbar und unzerlegbar die Folien, die über ihm und über einander liegen, aus deren höherdimensionaler Interferenz etwas entsteht und immer weiter wirkt, das für immer einen Raum im Außerhalb von allem einnimmt. Indem er über sich selbst hinausweist, bleibt der Ort unerschöpflich. Eine Ahnung zieht dich immer wieder hier hin, als könntest du dich in diese Dimensionen auffächern und darin herumgehen, aber selbst wenn … Was würdest du sehen, was doch immer nur im Sehen verhaftet bliebe?
Heute warst du wieder im Park mit den Photonegativen. Wie dunkel ihre Stirn leuchtete. Wie hell die Augen, als könnten sie, solche Augen, als einzige sehen, den Ort, wie und wo er wirklich ist oder war oder sein wird.

Ein Brief (Esther)

Einen Brief bekommen, der ein winziges Stück meiner Vergangenheit mit einm Schlage umdeutet: Die Zeit strömt zurück und gibt mir ein anderes Ich zurück, schenkt mir ein Selbst, dessen sie mich gleich wieder beraubt, und ich stehe voll Staunen vor dieser anderen Welt, diesem anderen Leben, das es so nicht gegeben hat, aber, wie ich jetzt weiß, hätte geben können. Mein anderes Selbst. Ich in Hannover oder so, oder nicht? Es ist im Grunde unbedeutend, denn kann man etwas betrauern oder als verloren empfinden, was nie war? Aufgewühlt lasse ich die Zeilen sinken, will den Brief verstecken, siebenmal zusammenfalten, ins Postfach zurücklegen, warten, daß er verschwindet, ihn ungeschehen machen, aber stattdessen lese ich es noch einmal und noch einmal, „Aber das hab ich dir nie verraten …“ während zugleich mein Herz in hilfloser Freude schlägt. Freude über eine Möglichkeit, nachgeholtes Entzücken und zugleich: Tiefe Trauer. Wir zu Jungen manchmal für das Alte / Und zu alt für das, was niemals war.
Ich erinnere mich, wie wir einmal einen Abend lang schweigend, einander betrachtend, lächelnd auf dem Sofa saßen, der eine hier, die andere dort, Eck zu Eck, und das ist jetzt alles in ein ganz anderes Licht getaucht. Was wäre gewesen, wenn ich geredet hätte? Oder schweigende Zeichen gegeben? „Aber das hab ich dir nie verraten …“ Ich fange von vorne an. Wie wir auf dem Ponton auf dem Rhein saßen, du still, ich und R. im Gespräch. Daß ich so wenig davon im Kopf behalten habe, das läßt mich verzweifeln. Wie blicktest du, wie war das Wasser, hattest du die Arme ums Knie? Schimmerte dein Haar unter den Laternen? Klar schimmerte es. Aber ich sehe nichts mehr, ich denk’s mir nur. Deutlicher: Auf dem Fahrradweg am Kanal, der Radfahrer von hinten, wie du mich, den Blick voll Achtsamkeit auf die Gefahr gerichtet, am Ärmel aus der Bahn zogst, kaum ein Ruck, so sanft. Die kahlen Bäume festgesteckt im Licht. Frühling. Wenn ich dir etwas erzählt habe, das du schon aus meinen Briefen wußtest, wie du sagtest: „Ich weiß“, dein Lachen dabei. Unser Lachen, wenn uns wieder dieser Fehler passiert war. Das alles muß ich jetzt neu lesen, meine Erinnerungen, die spärlichen, ungenauen, umschichten und prüfen und wenden und abtasten, wieder und wieder. In den Tag hinein, der voll ist von gräßlicher Tatsache, es ist nicht gewesen. Tatsache. Eines der vielen Versäumnisse, gehen und schaffen und denken und dabei nichts merken. Das Licht, die Schatten, die Sommerregen, alles voller gnadenlosem Heute, voller Versäumnis. Da hilft es nichts, sich zu sagen, besser so. Wäre ja doch nicht. Hättest nicht. Könnten nicht. Durfte nicht. Wir-haben-doch-die-Freundschaft. Unversehrt, heil geblieben – nein, hilft alles nichts.
Ich übertreibe, natürlich steigere ich mich hinein (und auch dieser Gedanke ist hilflos). Du hast nicht geschrieben, was ich fortspinne. Aber was du schreibst, es wäre der Anfang gewesen, hätte dieser Anfang sein können. Und wenn ich nun meinen Impulsen einfach nachgegeben hätte und mutig gewesen wäre? War doch sonst immer so mutig. Warum da nicht? Ich weiß es, weiß es nicht, weiß es doch, aber es kommt mir unverständlich vor, jetzt. Kann man etwas beweinen, das es nie gegeben hat, etwas, von dessen nichtexistenter Existenz man nichts wußte, bis jetzt? Man kann nicht. Man muß.

Auf dem Kalender, du warst

Auf dem Kalender du warst
voller Farben man mußte umzukringeln
gehabt haben, anzuworten sich und einander
der Abend brach sich an den Gladiolen, einst war
jetzt auf dem Kalender.
Du verschwandest als
die Straßenbahn noch zum alten Bahnhof fuhr,
man das Brötchen nach Pfennigen maß.
Vorwärts, rückwärts die Zahl ergab
Sinne zuviel. Woran es fehlte, war Sinnloses,
so ein Gekritzel mit Stiften, Zehen
oder Fühlern, waren Buchstaben auf Stein wie
von der Wimper gemalt, waren
Spuren, in Borke gebrannt, Fleckzeichen aus
Spucke so leicht nachzulesen wenn
man den Blick der Libelle einnahm,
eh es die Sonne wegbrannte. Und Singen im Dunkeln.
Wann sie die Straßenbahn umgeleitet, die neuen
Münzen geprägt, die Fabrik abgerissen, den
Pflaumenbaum gefällt haben, der Kalender weiß es nicht mehr.
Was aber plötzlich fehlte:
Schnecken über Warzen laufenlassen,
Weidenflöten schnitzen, Limoblubbern.
Sandgeriesel, Förmchenformen. Strand der aufbricht, wo
du den Bauch vorwölbst, so was, ein Erdbeben, riefst du,
und deine Zehen kamen herausgewackelt
und hast später dann gesungen im Dunkel, Fuß an Fuß
Krümeliges zwischen zwanzig Zehen, und die Haut
satt vom Himmel, den hatte sie ausgetrunken,
der Abend brach sich in deinem Nabel
und da hat das Dunkel gesungen
mit deinen Lippen, gezwitschert vielleicht
war’s auch die Amsel, hielt mich
der ferne Mond mit deinen erkühlten Händen
und was die Tausendfüßler mir mit deinen Fingern,
kein Kringel sagt’s dem Kalender, kein Käferblick hebt sowas auf.

Aachener Weiher

Einmal standen sie am Aachener Weiher. Weiden ließen dort vom Ufer aus die Schleppen ihrer Zweige ins Wasser schleifen. Ihre Bögen formten ein Dach, eine Höhle, über derenen fahlgrüne Wände milde Spiegelungen vom Wasser aufsteigend die silbrigen Blattunterseiten entlangglitten. Es hatte aufgehört zu regnen, doch der Himmel war trüb geblieben, und keine Sonne stieg aus dem stumpfen Wasser. Sie standen gestützt aufs Geländer und sahen den Enten zu, die zu ihren Füßen unterhalb des Brückengeländers kreisten. Das Schweigen zwischen ihnen begann sich zu einem Baum auszuwachsen, als heftiges Flügelschlagen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Draußen auf dem Wasser, inmitten davonstrebender Wellenringe, tat ein Erpel etwas sehr Merkwürdiges: Er war halb auf eine der Enten hinaufgerutscht und -gesprungen und -geflattert und versuchte nun, mit dem Schnabel ihren Kopf unterzutauchen, hack hack hack, was ihm auch mehrfach gelang. Gewalttätig und häßlich war das. Vorher hatten die zwei Vögel noch ein lustiges Spiel miteinander gespielt und mehrmals rechts, links, rechts mit Hals und Schnabel seitlich aneinander vorbeigepickt.
Neben ihm aber stand die Frau, die er begehrte, unbeweglich wie das Schweigen, das ein Baum war, und bot seiner Verlegenheit keinerlei Halt.
„He“, rief er endlich verzweifelt dem Erpel zu, nachdem der Kopf der Ente schon gänzlich unter Wasser geraten war, „he, du sollst sie doch nicht ersäufen …“
Worauf die Frau, die er begehrte, sich ungerührt zu ihm umdrehte und mit halblauter Stimme sagte:
„Was soll er sie dann?“

C.

nach den stürmen der letzten wochen endlich wieder so ein licht, das einen an den haaren packt, einem das kreuz geradestreckt und den kopf in den nacken zieht. der himmel ist so groß wie er sonst war und bietet wieder platz für vögel, baumkronen und weidende schwäne.
in einen tropfen gekrümmt findet sich alles, bis in die allerersten tage hinab. vielleicht wären wir glücklich gewesen in jenem raum, auf den alles deutet, ohne ihn benennen zu können. eine farbe gaukelt es vor, rindenstücke, mulch, warmgeäderter granit. man dreht sich um, aber es waren nur die eigenen schritte. vielleicht hätte wir gemeinsam erste um erste stunden aus der zeit gehoben, zahlreich und mächtig genug, uns mit geschichten zu nähren und in die zukunft zu tragen; hätten uns angesehen, und erstaunt übereinander gelacht und weiter fleißig neue zukünfte füreinander erfunden. oder auch nicht: mag sein, wir hätten aus der ersten stunde solange gezehrt, bis alle unsere zeit zerschlissen, dünn und endlich so durchsichtig geworden wäre, daß wir uns selbst nicht mehr darunter erkannt hätten. vielleicht wäre alles nur noch ein nachhall gewesen und unser auseinandergehen die einzige form, das schöne zu bewahren für immer. ich weiß es nicht. niemand weiß es.
der tropfen schmilzt in der morgensonne. der himmel packt mich am kragen. über den gräserdunst schweben die pferde. alles ist nachhall.
den kopf aus dem himmelsschauer nehmen, mit dem daumen die kastanien in der pfütze umrühren, eine unreife nuß zerdrücken. blinzeln, und wieder über die unerbittlichkeit der zukunft staunen.

0:33

Ich bin wohl einer von denen, die selbst einer verlorenen Sache immer noch die Treue halten, und sei es auch aus reiner Halsstarrigkeit, sogar dann, wenn ich selbst es war, der das zu Fall gebracht hat, dem ich jetzt, halsstarrig und überflüssigerweise, die Treue halte. Wen kümmert’s und was hoffen wir davon zu haben, jetzt oder dereinst? Liegt es in unserer Natur? Können wir nicht anders? Erst zerschlagen wir alles, dann bauen wir einen Tempel den Scherben, der Asche, den Briefen, die wir selber geschrieben haben, und die wir jetzt lesen, wieder und wieder, solange, bis das Papier so dünn geworden ist, daß die Buchstaben spinnwebfein in der Luft hängen und zu wackeln beginnen, wenn man keine ruhige Hand hat.

Solstitium, eine Elegie

Tauben sahen mich an am Morgen, als alles zu
früh war.

Wo ich gewesen sei? Müde
hob ich die Hand.

Licht schoß von unten herauf. Die Menschen,
als hätten sie ihren

Koffer verloren im Zug, nichts
war begreiflich, die Bahn

kam nirgends an, die Tauben flogen davon, und
das Türschild

schwieg. Und als letzter Verlust
stimmten die Wörter genau.

Du hieß „du“ und „ich“ war ich, genau
wie wir hießen.

Wort für Wort ein Verlust.
„Nie“ hieß „vorbei“ und war „je“.

Einmal betratst du ein Zimmer, hattest von je
eins besessen,

Zimmer und Sternstaub und
Nacht. Ich aber löste mich auf,

hatte mich schon verloren, in Städten,
in zuvielen Leben

zuvieler Zeit, die je zuviele
Läufe begann

nie zu erreichender Marken. Du erst, als längst
schon kein Ort war,

hobst noch im Fallen es auf,
schenktest den Leib mir zurück.

Eines strahlendsten Morgens verließ dich
das Sternenstaubzimmer,

sparte der Raum dich aus,
wo ich zu früh mich erhob.

Nun, wo warst du? fragten die Tauben, zertraten
die Spuren,

zogen zu zweit durch die
Luft, ließen gesegnet mich hier.

Rheinbrücke

Und ich will aber, daß du auf mich aufpaßt, trotzdem, hat sie einmal geschrieben.
Die Möwen auf dem Geländer der Rheinbrücke sind alle in der gleichen Richtung gesessen, die Schnabelblicke wie die Zuschauer in einem Theater auf den vorbeifließenden Verkehr gerichtet, in einer langen Reihe, dichtandicht, die Schnäbel zur Straße, weg vom Wasser. Es war Winter, als sie so dasaßen, in einer Reihe. Flügel an Flügel. Manchmal bauschte sich Gefieder, wenn eine Bö hineingriff, ansonsten saßen sie alle still da, einvernehmlich nebeneinander und ganz still. Amüsiert die der Stau, habe ich mich gefragt, die Verkeilung von Bus, Straßenbahn und PKW, das fröstelnde Flitzen der Radfahrer?
Das müßte ich ihr schreiben, habe ich gedacht, das müßte ich E. erzählen, das würde ihr gefallen. Wie sie da sitzen, aufgereiht auf dem Geländer, alle die Schnäbel in eine Richtung, du hättest gelacht, nicht?
Ich krallte die Hände in die Lehne des Sitzes, gab das Fokussieren auf, und während ich in die Glitzersterne überm Wasser flog, habe ich gedacht, wie traurig Flüsse sich anfühlen können.

Puzzle

Manchmal ermüdete ihn das Puzzle. Er starrte auf die Teile in seiner Hand, wütend. Plötzlich stimmte nichts mehr zusammen, die eben noch gefügt geglaubte, mühsam rekonstruierte Landschaft zerbrach wieder, das Meer bekam Risse, der Himmel zerflog, er konnte von vorne beginnen; dann verlor er die Geduld, die Knie begannen vom langen Hocken zu schmerzen, das Handtuch auf den Schultern war warmgeworden. Er warf die Teile, die er wie im Krampf zuletzt in den Fäusten gehalten hatte, fort, verzog das Gesicht und rieb sich die Augen, bis er Sterne sah. Dann erhob er sich, schwankte ins Bad, tränkte das Tuch mit frischem Wasser und wischte sich damit den fettigen Schweiß von Gesicht und Brust. Solcherart erfrischt und leicht fröstelnd holte er den Karton, den einzigen, der nicht verstaubt war, vom Schrank, und legte sich, das Handtuch auf der Brust, ins Bett, wo er mit klopfendem Herzen den Deckel hob und mit spitzen Fingern in die Schichten aus Photographien hineinzupfte.
Nur von E. hatte er keine Photographie. Vielleicht war sie ihm heilig gewesen, unantastbar für den Finger des Blitzlichtes.

Normale Verhältnisse

heute im zug nach Köln der gedanke: es geht ja gar nicht, hat alles keinen zweck, laß es, du erreichst nichts, und selbst wenn–
ich kann kein normales verhältnis haben, um nicht schon von freundschaft und den damit zusammenhängenden leeren und schmerzenden phrasen zu reden, wie sollte denn ein normales verhältnis aussehen, verfädelt in die melancholie wie ich bin. wie sollte – weiß sie das? ist sie klüger als ich, mir darin voraus, tut sie das einzig richtige? hab ich es einfach noch nicht begriffen, daß ihr schweigen ein weises schweigen ist? das einzig richtige, denke ich und dann: wie sollte denn so etwas wie glück mit ihr aussehen, jetzt oder irgendwann, was, außer dem aufrollen der vergangenheit, haben wir denn noch? können wir noch einmal gemeinsam bärenbude hören und gemeinsam pizza backen, so daß es nicht eine wiederholung, nicht ein handelndes erinnern wäre?
wir können den faden nicht wiederaufnehmen wie man ein spielzeug wiederaufnimmt, ohne daß es eine art von nachahmung wäre und ich verloren im gestern, mit bewegungen, die verzweifelt so tun als ob.