Die unerträgliche Leichtigkeit des Schauens

Einmal stand ich in der Eifel auf dem Sattel eines Bergsporns und sah nach Westen zu in ein weites, flaches Tal hinunter. Von Osten, aus einem Engpaß kommend, teilt sich die Straße in einen nach Westen fortführenden und einen nach Norden auf einen Paß steigenden Schenkel, und in der Öffnung der beiden auseinanderstrebenden Zweige gibt es einen kleinen Parkplatz. Es ist nicht klar, zu welchem Zweck man an dieser Abzweigung parken sollte, aber es ist mehr als nur eine Haltebucht, das blaue Zeichen war an diesem Morgen, gleichwohl bei diesigem Wetter und schwachem Licht, von meinem Standplatz auf dem Bergsattel gut zu erkennen. Ich war stehengeblieben, um von dem steilen Aufstieg kurz Atem zu schöpfen und die Aussicht zu genießen. In südöstlicher Richtung hing der Steinerberg in Wolken, die Aussicht auf die Ortschaft Lind im Süden verbarg noch der Talhang, überm Ahrtal schien die Wolkendecke dünn genug zu werden, daß die Sonne vielleicht hervorkommen könnte. Der Herbstmorgen war kühl und, wenn es trocken bliebe, zum Wandern wie geschaffen.
Ich stand also und atmete und schaute, und währenddessen erschien von Kreuzberg kommend ein Auto, rollte auf die Abzweigung zu und bog auf den Parkplatz ein. Aha, dachte ich, nun will ich doch mal sehen, was Leute so treiben, die da anhalten. Zwei stiegen aus, ich sah, wie die Fahrertür zugeschlagen wurde, und eine Sekunde später hallte der Knall durchs Tal. Und dann verging Zeit, und die Zeit füllten die beiden – nicht erkennbar auf die Entfernung, ob Mann oder Frau oder Paar, allenfalls, daß es sich um weder besonders junge noch besonders alte Menschen handelte, war den Bewegungen abzulesen – indem sie Undeutbares verrichteten: Ums Auto herumgehen, Türen öffnen und wieder zuwerfen, den Kofferraum öffnen, etwas herausholen, wieder schließen, abermals eine Tür öffnen, sich ins Fahrzeug setzen, wieder aussteigen, etwas aufs Dach legen und mehr solcherart. Es ist verblüffend, wie wenig man von Menschen versteht, wenn man sie nicht sprechen hört.

Nach einer Weile war klar, daß nun keine in einen Müllsack eingeschlagene Leiche auftauchen würde; auch sah es nicht nach einem widerrechtlichen Abladen von Müll oder Bauschutt aus. Einen Moment überlegte ich, was ich tun könnte, wenn ich von da oben Zeuge eines Verbrechens würde, und kam zum Schluß: nichts. Luftlinie keine vierhundert Meter trennten mich von dem eingebildeten Geschehen, aber zu Fuß dort hinunter und hinaus ins Tal wären es bestimmt zwanzig Minuten. Nicht einmal bei der Aufklärung behilflich sein könnte ich, denn das Nummernschild war auf die Entfernung nicht zu erkennen, die Automarke auch nicht, ob der Lack nun eher nachtblau oder dämmerungsschwarz war, entzog sich aufgrund der diesigen Luft einer genauen Bestimmung.
Plötzlich kam mir zu Bewußtsein, daß aufgrund meiner exponierten Lage nicht nur ich die beiden, sondern die beiden auch mich da oben auf dem Kamm müßten gut erkennen können, wenn sie nur den Blick dort hinauf höben. Ob man es auch würde erkennen können, wenn ich die Hand hob, winkte? Wer sieht, kann auch gesehen werden, prinzipiell jedenfalls. Sehen können ohne gesehen zu werden ist nicht einfach, verleiht dem Schauenden aber eine stille Macht übers Geschaute. Die beiden da unten wußten weder, daß sie beobachtet wurden, noch wäre es ihnen in den Sinn gekommen, sich diese Frage auch nur zu stellen. Ich selbst stellte sie mir ja nicht, auf meiner Anhöhe, die ich mir nur einsam dachte, oder die ich noch weniger als unbelebt mir dachte, nämlich gar nicht dachte, und als Hintergrund meiner Wahrnehmungen erst dann zur Kenntnis nehmen würde, wenn sie eine Erwartung durchbräche – eine Erwartung, die mir noch dazu völlig unbewußt geblieben wäre, bis zu dem Moment, da eine Ent-täuschung auf sie verweisen würde. Mit einem Freund saß ich einmal in einer stockfinsteren Dezembernacht weitab von jeder Siedlung an einer Schutzhütte im Wald der Pfälzer Berge. Wir steckten schon in den Schlafsäcken und tranken noch einen Glühwein, als auf dem Waldweg plötzlich ein Licht aufflammte. Ein Auto näherte sich, der Scheinwerfer streifte Böschungen, Stämme, riß erstorbene Farnbüschel aus der Dunkelheit und stopfte sie wieder zurück, ließ Kiesbrocken aufblitzen, tastete nach dem Vorplatz der Hütte, streifte fast unsere Füße – und fand uns nicht. Das Licht schwenkte ab, wir blieben für den Fahrer unsichtbar. Wir aber hatten ihn gesehen, wie er in seiner Kabine saß, ein Schemen am Steuer, konzentriert auf den schmalen Weg achtend. Und mich gruselte es bei der Vorstellung, daß dieser Mensch keine Ahnung davon hatte, daß in dem Dunkel jenseits der Scheinwerfer seines Wagens, in der undurchdringlichen Schwärze oberhalb der Wegböschung zwei junge Männer gehockt und ihn beobachtet hatten. Es war ein Vorsprung, den wir vor dem auch nur möglichen Erkenntnishorizont dieses Waldarbeiters, Jägers oder Försters hatten, ein Vorsprung wahrscheinlich sogar vor den diesen Augenblick betreffenden Imaginationen dieses Mannes, der ebenso wenig wie die beiden Wanderer in Kreuzberg auch nur ahnte, daß er beobachtet wurde. Dieser Vorsprung fühlte sich an, als stünde ich am Rand einer Klippe, eine Art von Schwindel, nicht von Gefahr, nicht einmal von Macht, eher ein dem Mitleid verwandtes Gefühl. Das Gefühl eines Schadens, der bereits angerichtet war. Es war mir unangenehm, diesen Vorsprung zu besitzen. Ich hätte gerne, wenigstens nachträglich, diesen Menschen über die Situation, in der er sich befunden hatte, aufgeklärt.
Gleichzeitig war ich froh darüber, daß er uns nicht bemerkt hatte.

Sehen, ohne selbst gesehen zu werden, mehr vom Beobachteten wissen, als der Beobachtete glaubt, preisgegeben zu haben, sensible Daten, ein heimliches Tun, ein schambehaftetes Tun, die eigene Nacktheit. Die Urgeschichte des Spannens (und des Auffliegens) ist vielleicht die Geschichte, die Herodot vom Lyderkönig Kandaules und seinem Jugendfreund Gyges erzählt. Der Lyderkönig, wahrscheinlich kein Mann großen Selbstbewußtseins, ist so stolz auf die Schönheit seiner Frau Nyssia, daß er ihren nackten Körper Gyges zeigen will, damit der Kandaules glaube und auch wirklich begreife, wie schön Nyssia sei. Natürlich muß das heimlich geschehen, und natürlich – sonst gäbe es nichts zu erzählen – geht die Sache schief. Nyssia entdeckt den Gyges in einer Nische, als sie sich an dem für die Schau verabredeten Abend vor ihrem Gemahl entkleidet. Kandaules gegenüber ihre Entdeckung verheimlichend, stellt sie anderntags Gyges zur Rede und vor die Wahl, entweder selbst zu sterben oder Kandaules umzubringen und sich an dessen Stelle zu setzen. „Und Gyges“, bemerkt Herodot trocken, „zog es vor, zu überleben.“ Was die Geschichte auch zeigt (neben einer Erklärung für den Dynastiewechsel unter den Lydischen Königen), ist, daß es recht gefährlich sein kann, mehr zu sehen, als erlaubt ist. Was machen eigentlich unsere Wanderer?

Inzwischen hatten die beiden den Wagen zum letzten Mal abgeschlossen und waren aufgebrochen. Da jetzt klar war, daß es sich tatsächlich um Ausflügler oder Wanderer handelte, galt meine Neugier dem Wohin. Von der Parknische gingen keine Wanderwege aus, und auch sonst war an den Hängen des Tals weder, was einem Weg glich, noch ein Wegzeichen zu sehen.

Nur unscharf war er zu sehen, der Körper, die Schultern, der Busen. An den Rändern in Milchglasschlieren zerfließend, diskontinuierlich auseinandertreibend, sich entzückend wieder zusammenfügend zu anmutigen Massen und Linien, war er in seiner Tiefe eigentlich nicht wirklich zu erkennen. Dafür bot das Sichtbare, der Schemen, reichlich Stoff zum Ahnen. Das war mir, der ich im dunklen Zimmer am Fenster stand und auf das erleuchtete Badezimmerfenster gegenüber schaute, genug, und natürlich war es das nicht, sonst hätte ich mich ja wieder abwenden können: Denn erotisch aufgeladene Nacktheit (eine Ladung, die sie nur für den Betrachter zu haben braucht) ist fast immer reizvoller, wenn sie nicht genug zu sehen bietet, nicht alles enthüllt, sondern Spielräume für die Vorstellungskraft läßt und im Verbergen und halb Zeigen, im anhaltenden Versprechen und anhaltenden Entzug seiner Erfüllung das Interesse wachhält. Nichts ist langweiliger als die interretale optische Verfügungsgewalt über Millionen von Brüsten oder Schößen. Aber eine Brust, die die Vorstellungskraft erst aus verschwommenen rosigen Flecken hinter Milchglas rekonstruieren muß, das hat etwas, das zieht an, das bannt und hält den Betrachter in seiner Vorstellungs- und Rekonstruktionswelt gefangen und an seinem heimlichen Standpunkt am Fenster fest. Freilich wäre gar kein Reiz dabei gewesen, wenn nicht wenigstens die groben Umrisse eines Körpers sich abgezeichnet und dieser Körper sich ohne jeden Zweifel als der einer Frau zu erkennen gegeben hätte. Rekonstruierbar aber nicht wirklich sichtbar waren auch die Verrichtungen dieser Frau, eine zweite, weiche Kontur konnte nur ein Handtuch sein, hier mußte sich ein Ellenbogen heben, jetzt sank der Schemen sich beugend zusammen, jetzt hob sich ein Arm gerade in die Höhe, während das Handtuch wie die Blattrosette unter einer erhobenen Staude auseinanderfiel. Ich brauchte die Achsel nicht zu sehen, um mir ihre frischgewaschene Badetuchfeuchtigkeit vorstellen zu können, und diese Vorstellung war eben umso deutlicher und lebendiger, als ich sie mir vorstellen mußte, ich sah sie ja nicht, vom Fühlen zu schweigen. Ich sah nur etwas drumherum, das auf die Achsel verwies, auf sie zeigte und damit nach meiner Phantasie pfiff, um sie dann von der Leine zu lassen. Zu dem Reiz trug auch bei, daß alles an diesem Anblick unverfügbar war, die Zeit, die diese Frau für ihre Morgentoilette gewählt hatte, die Jahreszeit, die dafür sorgte, daß es um diese Zeit noch dunkel für das Schattentheater wäre, mein eigener Tagesrhythmus, der mich schon auf- aber noch nicht außer Hauses sein ließ; ferner, daß sie sich beim Abtrocknen dicht genug ans Fenster stellte, damit Einzelheiten ihres Körpers erahnbar wurden: Zwei Schritte tiefer im Raum, und ich hätte nur mehr wogende Helligkeitsunterschiede ohne Umriß und Form ausmachen können. Zuletzt aber besonders die Entscheidung dieser Frau, an einem bestimmten Morgen, der auch mich am Fenster gegenüber anträfe, überhaupt zu duschen anstatt sich nur die Zähne zu putzen und die Haare hochzustecken, wie sie es vielleicht an einem anderen Morgen getan hätte.
Noch unverfügbarer, noch flüchtiger und unwiederholbarer war ein ganz ähnlicher Blick, auch hier in der dunklen Frühe, auch hier durch eine erleuchtete Milchglasscheibe, auch hier auf den Schemen einer Badenden. Und daß der Pendlerzug gerade in dem Moment keine Einfahrt in den Kölner Hauptbahnhof hatte und an einer Stelle zum Halten gekommen war, welche die Verbindungslinie zwischen meinem Sitz- oder Standplatz und einem der bis ganz ans Gleis gebauten Hinterhöfe mit meiner Blickachse zusammenfallen ließ: und mir für kurze Zeit einen in diesem Moment so unwahrscheinlichen Anblick gewährte wie etwa ein mit bunten Fischen gefülltes Aquarium in der Wüste, oder ein Sonnenschirm auf einem Gletscher in Grönland. Eingerahmt von dumpfem Ziegelstein, welken Graffiti, kariösem Kellergrund und schimmeliger Winterdunkelheit wuchs da eine Palme, schwoll die Knospe einer Amaryllis, leuchteten die Kronblätter eines ausgestorben geglaubten Gewächses, an dem Ort, wo man es am wenigsten vermutet hätte, inmitten von Mief und schlechter Laune, von Alltagstrott und düsteren Aussichten verlachte da ein schöner Leib alles, was diesen Morgen bis in die Gerüche und Geräusche hinein unsäglich widerwärtig machte; und begleitet vom Kreischen der über Weichen rollenden Züge, von blechernen Ansagen, die vom Bahnsteig herüberhallten, vom Dröhnen eines Flugzeugs, das sich anschickte, in Köln zu landen, stellte ich mir vor, daß diese Frau in ihrem Badezimmer leise sang oder summte, während sie sich ihren frischgeduschten Leib frottierte und sich aufs Frühstück freute. In meiner Erinnerung ist das sogar mehrmals passiert, aber mein Gedächtnis täuscht mich hier sicherlich. Solche Dinge passieren einem nur ein einziges Mal, ein kleines, atemberaubend heiles Stück Keramik auf einer Schrotthalde voller Alltag, und in allen anderen Fällen, wo man sich zu erinnern glaubt, hat man nur eine Ziegelsteinmauer gesehen und ein Fenster, so dunkel und opak wie eine Schieferplatte. Ein schlechtes Gewissen oder dieses aus der Überlegenheit springende Mitleidsgefühl, das ich gegenüber der Ahnungslosigkeit des Försters empfunden hatte, fühlte ich diesen Frauen gegenüber niemals, denn hier fühlte ich mich in meinem Beobachten keineswegs überlegen, und anders als gegen jenen war ich diesen ja wohlwollend gesinnt – ein Wohlwollen, das, hätten sie es nur in all seiner Tiefe und Aufrichtigkeit gekannt, diese weniger Beobachteten als Angestaunten, so empfand ich es, unmöglich hätten zurückweisen oder mit Entrüstung beantworten können.

Woran man nicht alles denkt, wenn man aus der Höhe zwei Wanderern mit den Blicken folgt. Was machen die gerade? Sie überqueren die Straße, hüpfen eine Böschung hinab, und dann, he! Wo wollt ihr denn hin? sind sie verschwunden, ein blauer Rucksack leuchtet noch kurz auf, dann verdeckt Vegetation die beiden meinen Blicken, ebenso wie den Weg, den sie genommen haben, und der von meinem Aussichtspunkt aus nicht zu erkennen ist.

Und während ich meinem eigenen Weg weiter folgte, beschloß ich dreierlei: Erstens, ich würde ein andermal diesen Weg unten im Tal auskundschaften; zweitens, ich würde bei diesem Ausflug sehr genau nach dem Höhenkamm mich umsehen, ob dort jemand mich beobachtete; und drittens dachte ich, wäre es keine schlechte Idee, mir ein Fernglas anzuschaffen.

Fensterkreuz

Vor dem Wecker wach. Der klingelte in dem Moment, wo ich dachte, es ist so still draußen, es muß noch mitten in der Nacht sein.

Geträumt von einem Abschied, der seltsam unzeremoniell ausfiel, obgleich es einer auf lange Zeit war. Mit einem Freund durch ein von zahlreichen Wanderern belebtes Gebirge gegangen. Nicht nur sieht man Farbe im Traum, es ist auch möglich, im Traum kurzsichtig zu sein und beispielsweise die Fichten auf einem entfernten Berghang nur verschwommen zu sehen.

Ein über lange Minuten sich entfernendes Flugzeug, wie ein Echo jener Gebirgslandschaft im Traum. Kaum realer: die Radiostimmen. Was auch damit zusammenhängt, daß der Inhalt der Nachrichten immer absurder wird.

Und ich Teil dieser absurdern Welt. Da hat selbst das Kaffeekochen etwas Traumverlorenes an sich. Eine Unsicherheit, ein Zögern, als sei das alles, die Flugzeuge, die ersten Schritte vorm Fenster, das Schimpfen von Amseln, ein Bus in der Seitenstraße, das Klirren von Porzellan in der Küche, nur halb zu glauben.

Frühschwimmen

Kurz nach sechs, das leere Becken ist wie mit grauer Wandfarbe gefüllt, Wolkenfarbe, Nebelfarbe, blutleerer Himmel, das Wasser glatt und scheinbar flach, aufgewölbt, darunter liegen die Markierungen wie bei einer Landebahn, nach oben strebend, als wollte sie heraus aus dem Becken. Über allem der leckgeschlagene Vollmond. Es ist weder Nacht noch Tag, weder Morgen noch Abend, es ist eine Zeit außerhalb der Zeit, in der die fünfzehn Schwimmer sich hier versammelt haben. Über dem Einlaßhäuschen brennt ein Scheinwerfer, auf dem Gelände ist es duster wie in einem Park im Herbst, wenn zum ersten Mal die Laternen wieder angehen.
Harte Kühle der Steinplatten, unter den Duschen fehlt der Wasserkorridor, die Bänke sind taunaß. Wolkenlos, es soll ein warmer Tag werden, aber jetzt, fröstelnd am Beckenrand stehend, scheint es unmöglich, daß aus dieser Traumwurzel je etwas anderes sprießen könnte als wieder und wieder derselbe Traum, in dem ich, Gott weiß, wieso, nachts mit fünfzehn anderen Schwimmern im Freibad bin und als letzter am Beckenrand stehe, während alle anderen sich schon ins Wasser gelassen haben und hartnäckig, verbissen fast, ihre Bahnen drehen. Läge der Spiegel still, wie er es eben noch tat, sähe man den Mond darin stehen. Jetzt ist die Oberfläche gekräuselt, aber obwohl soviel Betrieb herrscht, ist es still, fast vollkommen still, so still, daß man hinter den geschlossenen Pommesbuden und den Kabinen und den Weißbuchenhecken am Zaun gedämpft den Berufsverkehr auf der Trierer Straße hören kann, das einzige, was normal scheint an diesem Morgen, was aber gleichsam entrückt ist, einer anderen Welt angehören muß, die die Welt der Schwimmer in ihrem dämmrigen Becken nicht zu berühren scheint.
Brille ab, Schwimmbrille auf, und im nächsten Moment schon auf der Kante sitzen, Beine im Wasser, und obwohl nichts wirklicher ist als die Kälte, die im nächsten Augenblick über die Schultern stürzt, bleibt alles wie ein sonderbarer Traum, weniger unter der Wasseroberfläche als über ihr, und fast scheint es, als sei es unter Wasser ein wenig heller, als käme der Morgen langsam aus dem Becken gestiegen und müßte sich an Land erst einmal orientieren. In diesen Morgen ragen die schwingenden und zappelnden Beine der noch über Wasser in Träumen befindlichen Schwimmer herein, wie unter der Decke die Glieder eines Kindes, das sich freigestrampelt hat.
Grund gleitet vorbei, gut sichtbar, Staub eines langen, hellen Sommers liegt in den Fugen, von den Markierungen hat sich an einem Ende eine Ecke gelöst. Beim Atemholen abwechselnd der graue Himmel und die Bäume der Liegewiese, auf der Rückbahn umgekehrt. Ich habe die Bahn ganz am Rand belegt, so kann ich mit gutem Grund nicht ausweichen. Das ist mir lieber so, auch wenn es bedeutet, daß ich mich bei jeder Hinbahn zwischen Treppe und Beckenrand quetschen muß. Zehnmal Treppe, zwanzigmal die gelöste Ecke, zehnmal von jeder Seite, dann bin ich fertig, ich stemme mich aus dem Becken, taumele zur Bank, dann zähneklappernd nach Handtuch und Brille gefummelt, und am Beckenrand entlang zu den Duschen gestakt, am ganzen Körper unkontrollierbar zitternd, schwankend, wie eine Fliege am Saum eines wackelnden Glases entlang. Der Mond ist noch nicht unter- die Sonne hinter den Ahornbäumen noch immer nicht aufgegangen. Man zieht sich schweigend um, die Kabinen benutzt niemand, wir sind ja unter uns. Das Drehkreuz steht offen. Das Wasser aus den Ohren geschüttelt und heimwärts in den Tag, wo hinter versperrten Ladentüren eben die Lichter angehen.

Eine Stunde gewonnen, wieder in die Dunkelheit des Jahresanfangs zurückgelangt, mit Käuzchenrufen und den Schatten von Rehen, die ihre Augen übers Feld tragen wie Schulkinder die Katzenaugen am Schulranzen. Wieder scheint mir am Übungsgelände der Polizei ein Scheinwerfer entgegen, wieder brauche ich eine Schrecksekunde um zu begreifen, daß es meine Lampe ist, die sich in einer Glasfront spiegelt. Die Nacht verzweigt sich, Gänge gehen ab ins Unterholz, wo mich das Dunkel so früh noch nicht erwartet hat, immerhin eine ganze Stunde früher als im März.

Aber man gewöhnt sich. Schon nach ein paar Tagen ist fünf Uhr wieder fünf Uhr, auch wenn es eigentlich vier Uhr ist. Wie seltsam muß das den Tieren vorkommen, wenn der ganze Werktagszirkus plötzlich eine Stunde früher losgeht.

Zirkus: Kaum sind die Feiertage vorbei, setzte umgehend eine Geschäftigkeit ein, in der Geste des Nach- und Aufholens, als hätte man irgendwas versäumt, während nicht gearbeitet wurde, tausend Laptops, Kameras, Smartphones, Sommerschuhe, Handtaschen, Autos zu wenig ausgeliefert. Das muß umgehend aufgeholt werden, vorwärtsch Marsch! – Das höre ich dann morgens um kurz nach fünf oder vier, wenn die Reifen über die benachbarte Ortsdurchfahrt brausen.

Noch hat mich das alles nicht am Wickel, aber wer weiß, wie lange das noch geht? Am Feldrand stehen und den Rehen nachsehen, bis sich ihre Schatten in Schatten aufgelöst haben und nur noch die Vorstellung ihres wachsamen Blicks mich trifft. Zeit haben, den Tag zu empfangen wie ein persönliches Geschenk, und ist das nicht so, ist nicht jeder Tag mein eigener Tag, gehört er nicht mir und niemandem sonst? Wäre es nicht so, würde jemand anders ihn leben. Aber ich lebe ihn, also ist es meiner. Wie gut es die Rehe haben, daß ihnen das niemand streitig macht. Sie gehören niemandem. Selbst wenn man sie schießt und ißt, gehören sie niemandem. Sie sind so frei wie es Menschen nie sein werden, und je mehr Zirkus sie um ihre Freiheit machen, desto weniger sind sie’s.

Lampe aus, der Weg ist wach. Aus dem Wald schlüpfen und sich an der Grabenbruchkante entlanghangeln. Unten die Ebene, in der noch die Lichter brennen, funkelnd und wachsam, als gälte es, auch noch den Schlaf zu durchleuchten. Die einzige Freiheit des Menschen ist der Schlaf. Aber auch dem rückt man von allen Seiten zu Leibe. Eine aufrührerische Frechheit ist es zumal, daß man sollte träumen können, was immer man wollte.

Und ein Schleifen dröhnt heraus, ein Schleifen und Schleifen, als wäre eine gewaltige Maschine angesprungen, um das Rad der Zukunft immer weiter zu beschleunigen.

Mitnotiert: Warten auf Vögel

Beim Blick zum Fenster, Frühe ohne Zeit, Die Stunde mit Tüchern verhängt, in den Ladenritzen Bullaugen, Dunkel, vom Dunkel gehoben wie Urzeitschiefer in der Hand des Paläontologen. Hieroglyphen des nach außen gewendeten Schlafs, dessen Inneres ich gerade erst gewesen bin. Nachbild eines Traums.

Die Küche ein Ausguck aus Licht. Unter der Spüle schlafen die Kartoffeln in einem Eimer, hängen Erdträumen nach. Die Anrichte, halbgefüllte Töpfe, benutzte Tassen, die im Schlaf erstarrten Fette; Löffel und Messer, verkrustete Spiegelungen, entweihte Utensilien eines vergessenen Tempeldienstes.

Nur die Uhr ist schon wach, weckt schlaflos die Sekunden auf. Ein angeschnittener Kuchen hat sich abgewendet, versteckt seine triefende Blöße. Ein paar Handschuhe hängen am Haken wie auf einem fremden Wappen.

Die Kerzen zu müde für Flammen. Im Fenster breitet sich hinter den Spiegelungen die Nacht aus. Die Spielräume zwischen den Sekunden werden kleiner und kleiner. Bald paßt keine Geschichte mehr hinein.

Man wird sich wieder sortieren, erinnern, am Riemen reißen müssen. Die Straßen spinnen Meilenfäden auf der Suche nach Tag. Mit Flossen an den Handgelenken versucht man, alte Briefe noch einmal neu zu schreiben, wartet, wie das Haus sich aus dem Keller heraufzieht wie Münchhausen am Haarzopf. In den Gründen, denkt man, dämmert es zuerst, von den Wurzeln der Bäume, der Türme.

Ich warte auf Vögel, auf Schnee.

 
Das Geräusch, mit dem ein Reh sich ankündigt, ist ein kurzes, scharfes Rascheln. Ich wende den Kopf. Die Stirnlampe schlägt den Funken des Augenpaars aus der Finsternis überm aschfahlen Laub. Merkwürdig klein, verharrt es geduckt am Boden, dann aber hochschnellend, setzt es in Bögen davon. Wie lange mag es im Dunkeln verharrt und das herannahende Licht mit wachsender Furcht beäugt haben? Eine Spielfigur in der großen Aufstellung des Waldes, die ich ihm durcheinandergebracht habe.

Der Forst, wo ich laufe, ist kein Wald, sondern eine Fabrik, wo Bäume hergestellt werden, tagsüber; nachts werden sie dann in großen Mengen geklaut. Immer wieder sind die Wege aufgefurcht von Raupenfahrzeugen, fällt der Lichtkegel plötzlich ins Leere einer Rodung, findet meterweit keinen Halt, wo tags zuvor noch in dichter Reihe die Stämme standen. Plötzlich gedämpfte Spiegelungen, Reflexe auf Lack und Glas und blinden Scheinwerferschalen. Ein Harvester, selbst fast so hoch aufragend wie die kümmerlichen Buchenstämmchen ringsum, massiv, träge vor lauter Überlegenheit, gefährlich wie ein schlafender Drache. Geruch nach Schlamm, Dieselöl, Gefahr.

Manche Amseln fliegen nicht auf, wenn ich an ihnen dicht vorbeilaufe, sie flattern nur so ein bißchen mit den Flügeln, als wäre es der Mühe nicht wert; oder als seien sie zu schwer, zu schwarz zum Fliegen, in der Dunkelheit, die sie nicht trägt.

Vielleicht ist die Nacht voller fluglahmer Vögel, festgeheftet am Leim der Dunkelheit.

In völliger Finsternis den Akku der Stirnlampe wechseln. Nach ein paar Sekunden ist es, als hebe sich der Himmel von der schwarzen Erde ab, während die kahlen Baumkronen niederzuschweben scheinen, Aufwärts- und Abwärtsbewegung im Nachlicht auf der Netzhaut. In nicht allzu großer Ferne dröhnt der frühmorgendliche Verkehr; hinter dieser Lärmkulisse, scheint es, hält der Wald den Atem an. Ab und zu entfährt den Räumen ein Tropfen oder ein Rascheln. Sortieren von Spielfiguren.

Am nächsten Morgen im Postfach ein Katalog. „Der Motorsäger. Komfortabel, sicher & günstig durch die Motorsäger-Saison.“

Frühprotokoll: Regen

Schon eine halbe Stunde vor Weckerklingeln höre ich den Regen fallen. Kein Rauschen, nur vereinzelte Tropfen auf Mauerkronen, Autos, Regenrinnen. Dazwischen das laute, satte Klatschen, wenn ein Tropfen aufs Fensterbrett fällt. In einer Stunde werde ich laufen. Ich hasse dieses Wetter. Ich hasse überhaupt Wetter, wenn ich mit mir zum Laufen verabredet bin, jedes Wetter, das geringfügig von 15 °, Windstille, trocken abweicht. Ich hasse es so sehr, daß ich völlig verkrampft daliege und, statt wieder einzuschlafen, den Tropfen lausche, schwitzend vor Zorn. Ich weiß, das ist lächerlich. Und von dieser Einsicht werde noch wütender. Es regnet, denke ich, verdammt, es regnet schon wieder, es regn– Ich schlafe ein.

Wird man gelassener, wenn man viel draußen ist? Abgehärteter, gleichgültiger gegen die Unbilden der Witterung? Macht es einem irgendwann nichts mehr aus, durch den Regen zu laufen? Gelingt es irgendwann, das Wetter wahrzunehmen wie es ist, ganz ohne Bewertung? Mitnichten! Wer viel draußen ist, wer viel im Regen läuft, wandert oder arbeitet, explodiert schon bei zwei Tröpfchen. Man sensibilisiert sich. Es baut sich mit den Jahren ein Haß auf, keine Gleichgültigkeit. Man wird nicht immun, man bekommt eine allergische Reaktion.

Ich wache auf, Weckergesumm, irgendeine zu dieser Zeit unsäglich dynamische Sinfonie auf BR Classic (sic!). Nun, alles besser als das außerirdische Synthesizer-Gewabere, das sie neulich hatten (Sleep von Max Richter; mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, daß Max Richter die Filmmusik zu Waltz with Bashir geschrieben hat. Und da dachte ich, die sei von Chopin gewesen!)

Ich habe Glück, der Regen läßt auf den ersten drei Kilometern nach. Der Himmel bleibt aber bedeckt und erinnert an verschimmelten Grießbrei, ohne Brille betrachtet, die Luft ist dick und dämmrig und feucht. Blinde Pfützen, triefende Brombeerhecken, das Longhorn-Rind ist umgezogen, die Antennen seiner Hörner haben mich schon aus zweihundert Metern Entfernung registriert. Es liegt zusammen mit fünf normalgehörnten Tieren auf der nassen Wiese, still wie atmende Sofas.

Seit Tagen keine Vögel mehr. Der Wald ist stumm, die Vorhänge heruntergelassen, die Darbietung beendet, die Putzkräfte noch nicht dagewesen, die Kulissen stehen noch. Die Korridore sind blind, das Grün hängt herab wie Schmutzwäsche aus einem Wagen. Keine Sonne. Nur überlaufende Pferdetränken, die Tiere dazu weit weg, schwankend und zart am dünnen Ende von Pfaden, wie die Fähnchen von Unterhändlern.

Frühprotokoll: alter Planet

Morgens jetzt schon nicht mehr ganz hell. Ich mache mir den Kaffee im Halbdunkeln, nackt bei geöffnetem Fenster, egal, fünf Uhr morgens ist die Straße sogar hier menschenleer. Die Luft riecht nach Nässe und Müdigkeit. Zwei Amseln singen gegeneinander an, während die Tasse sich füllt. Ein halbes Ohr für die Vögel, mit dem anderen halben nach den Nachrichten gelauscht.

Man merkt der Sonne die Anstrengung an. Sie hat sich beeilt, und es doch nur gerade über den Horizont geschafft. Wie ein müdes Augenlid hängen die Hügel des Siegerlandes über der Bucht. Fernsicht, ohne den Halt von Vögeln.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden. Heute früh ist es weich, geschmeidig, leicht gerötet vom Sonnenaufgang, härtet sich in der nächsten halben Stunde, hängt an Baumstämmen wie vorwitzige Tiere, die dem Schwarm vorausgelaufen sind. Früher habe ich auf diese Dinge nicht geachtet. Der Jahreslauf, das war das Wetter, nichts weiter. Seit ein paar Jahren verfolge ich die astronomischen Eckdaten, Tagundnachtgleiche, Sonnenwenden, prüfe im Kalender die Sonnenauf- und -untergänge. Es ist wie eine Unruhe, daß mir auch ja nichts entgeht, daß das Jahr, und mit dem Jahr die Zeit, nicht auch noch diesen Vertrag auflöst. Auch empfinde ich jetzt immer eine gewisse Trauer, wenn der längste Tag überschritten ist: Oh weh, so spät schon wieder.

Traurig auch der Gedanke, daß dieses Gestirn, auf dem wir leben, schon ein alter Planet ist. Es mag für menschliche Maßstäbe egal sein, ob die Zukunft des Lebens nun eine Million Jahre, hundert Millionen Jahre oder gar noch eine Milliarde Jahre zählt – dennoch macht mich die Tatsache, daß es eben nicht mehr um Milliarden geht, sondern nur noch um etwa hundert Millionen Jahre, traurig. Dem Menschen sind Zahlen egal, Geschichten nicht. Der Mensch kann sich unter hundert Millionen Jahren nichts vorstellen; aber ob eine Geschichte erst anfängt oder ihrem Ende entgegengeht, das versteht er sehr gut – da spielt es keine Rolle, nach welchen Maßstäben die Teile der Geschichte dauern. Es ist egal, wie schnell es zu Ende geht, es ist egal, daß wir das nicht mehr erleben. Ich sehe die Bäume ihre Früchte zur Reife bringen, die üppigen Brombeeren, die signalroten Vogelbeeren, die Äcker mit ihren gelben Ähren, einen Bussard, der sich träge von einem Pfahl abstößt. Ich denke daran, daß selbst dies alles nicht bleiben wird, und werde sehr traurig. Was ist schon der eigene Tod? Aber daß es keine Schnecken, keine Fliegen, keine Blauwale mehr geben wird, und nicht, weil wir sie ausgerottet hätten, sondern weil ihre Zeit auf diesem Gestirn vorbei sein wird – das ist wirklich schlimm.

Das Rind mit den Riesenhörnern wieder, womöglich sind sie noch ein Stück gewachsen, es sieht aus, als könnte das Tier den Kopf nicht wenden, ohne an irgendeinen Baum oder Zaunpfosten zu stoßen.

Und ich dacht’ schon, da läuft einer! Der Unmut, der mich angesichts dieses Irrtums anfällt, zeigt mir, wie sehr ich diese Gegend, zumindest zu dieser Stunde, als mein ureigenstes Revier betrachte. Aber dann blinkt in der Nähe eine Zentralverriegelung, und der Mann, den ich für einen Läufer hielt, setzt sich ans Steuer. Später begegne ich einem Walker. Es ist ein Mann irgendwo zwischen sechzig und siebzig, ich habe ihn schon oft gesehen. Fünf Kilometer und eine Runde weiter begegne ich ihm abermals. Und dann noch einmal. Merkwürdig. Würde er Laufen, wäre es ein Rivale, der in meinen Augen hier nichts zu suchen hat. Da er nur geht, ist er mir gleichgültig. Ich könnte jetzt ein bißchen über Konkurrenz und Wettbewerb nachdenken, lasse es aber. Der Morgen ist zu still für so laute Gedanken.

Still, und in sich gekehrt und alt, uralt, unermeßlich alt. Die vier milliardste Wiederholung des immer gleichen Vorgangs. Dieselbe Sonne, die schon über Palmfarnwäldern aufging, deren Überreste sie jetzt, wenige Kilometer von hier, aus der Erde kratzen. Dasselbe Licht, das sich in der Retina eines Velociraptors brach oder in den Facetten eines riesigen Eurypteriden regenbogenartig schimmerte. Und doch war es nie der gleiche Morgen, nie genau dasselbe Licht, nie exakt so, wie es jetzt den Staub in der Ebene in Schwingung versetzt, ins Rheintal einfällt, einen Schieferhauch übers Siebengebirge legt, sich wie kondensierender Dampf auf den Kiefernadeln absetzt, diese uralte, immer junge und doch sterbliche Sonne.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden.

Frühprotokoll unter Wolken

Über die Pferdeweiden. Wie man sich langsam eine Gegend aneignet, erst die großen, dann die kleineren Wege. Nach und nach die Ausblicke, groß wie Glaserfenster, in denen sich Wetter spiegelt. Zugleich das Gesicht bestimmter Streckenabschnitte, die stramme Haltung eines Baums, Licht, das von Pfütze zu Pfütze vorausläuft, das Grinsen einer Kurve, und wie die Ferne die Utensilien der Landschaft präsentiert. Anfang und Ende, Vorder- und Rückseite von Richtungen, ihre Farben, ihre Tiefen. Wege verändern ihren Charakter in Abhängigkeit dessen, was ihnen voranging. Wege färben Wege färben Wege, und alle zusammen, die Strecke mit ihren Bildern, tünchen die Tür, wenn man den Schlüssel wieder ins Schloß steckt.

Heute ein tänzelndes Pferd, das erst vor mir erschrickt, sich dann beruhigt und ostentativ schnaubend zum Grasen zurückkehrt, als wolle es mir sagen: Glaub ja nicht, daß ich vor einem wie dir Angst habe.

Heimat als etwas, das sich erst aus der Fremde zu erkennen gibt.

Beim Heimkommen, am Villehang, der Kirchturm mit der Uhr auf Augenhöhe. Die Wolken tief und feucht, aber regnen will es immer noch nicht. Die Wiesen braungebrannt wie im August.

Weitsicht wie vor einer herannahenden Katastrophe, diese Streifen in den Sonnenstrahlen, das unschuldige Glitzern eines fernen Stroms, eine Stadt, die sich sicher wähnt. „Ein Schulterzucken“, sage ich, Camille Paglia zitierend, zu L., als wir auf den Schandfleck in der Landschaft blicken, „der Natur, und alles liegt in Trümmern“. Was wäre, haben wir uns mal vorgestellt, wenn der Laacher Vulkan noch einmal ausbricht? Damals wurden in einer plinianischen Eruption große Mengen vulkanischer Asche und Bimsstein ausgeschleudert, deren Masse das Rheintal bei Andernach abriegelten, der entstandene See reichte bis zum Oberrheingraben hinauf. Was wäre wohl heute in unserem Ameisenhaufen los, wenn so etwas wieder passierte? Wir leben auf dünnem Eis.

Kalt duschen, dann den Vögeln zuhören, die in der Garageneinfahrt auf eine Katze hassen. Währenddessen Tee kochen und warten, daß du endlich anrufst.

Frühprotokoll ohne Wildschwein

Lauf in der Morgenkühle, gegen sechs an den Pferdeweiden, da ist die Sonne schon aufgegangen, fliegt steil hinauf, getützt auf einen Ahornbaum wie ein Springer auf seinen Stab. Turbulente Welt, strudelndes Licht, überall Plätze zum Schlafen und Aufbrechen.

Dort, wo immer die Wildschweine warten, stakst heute morgen nur ein einzelnes Reh über den Weg. Verträumt, wie in steifbeiniger Ekstase, schnuppernd, witternd, an einem Halm knabbernd. Erst sieht es mich nicht, dann sieht es mich. Dann kann es nicht abschätzen, was ich bin, dann flieht es, aus seinen Rehträumen verjagt. Ich wüßte gern, wie sich das warme Fell anfühlt. Die zitternde Flanke. Wie es riecht: nach Reh wahrscheinlich. Aber wie riecht ein Reh? Einmal habe ich aus nächster Nähe ein totes Reh gesehen. Es war erstaunlich klein. Ich habe es nicht angefaßt. Der Tod war eben erst dagewesen, er hatte die Augen glänzend und dunkel zurückgelassen, wie sie in den Himmel starrten, ein letztes Bild, in dem Tod noch nicht vorkam. Auch dies ein früher Morgen.

Klimmzüge am Fitneßpfad. Warum mache ich das? Ich werde sowieso eines Tages mit Mühe kaum über die Bettkante kommen. Und dann auch bald das nicht mehr. Soll ich mich nicht lieber jetzt schon daran gewöhnen?

Bei weiblichen Läufern zu früher Stunde füchte ich immer, daß sie sich vor mir fürchten. Rape culture. So weit geht die Indoktrinierung. Ich bemühe mich bereits, kleine Kinder nicht allzu genau anzuschauen, nicht daß jemand was denkt. Dabei ist an mir nichts, was zum fürchten wäre. Vielleicht fürchte ich es auch gar nicht, sondern mir gefällt die Vorstellung, daß sich jemand vor mir fürchtet. Die menschliche Seele ist eine Mördergrube.

Die Frau, die erst die lange Hundeleine einholen muß, bevor ich vorbei kann, ruft mir entschuldigend hinterher, Tut mir leid, kein Rückspiegel! Ich lache ihr zu und denke, wär ja noch schöner, wenn wir jetzt auf einem Fußweg auch schon Rückspiegel brauchten.

Die Sonne über der Ebene, abgestoßen vom Baum, vom Hügel, von allen Horizonten, freier Fall, lichtwärts.

Zu Hause ziehe ich erst die Spinnweben aus, dann die Kleider. Das Zimmer ist wärmer als die Luft in der Straße. Ich stünde gern nackt am Fenster, unsichtbar für alle, frei, frei im Licht und der Kühle, allein.

Frühprotokoll mit Streichern

Im Radio einer meiner Lieblingsmoderatoren. Daniel Finkernagel erklärt, warum er neulich im Konzert fast gebuht habe. Es sei ein gemischter Abend gewesen, ein bißchen Komik, ein bißchen klassische Musik, ein bißchen Varieté, und das ganze zusammengehalten von einem Conférencier, der natürlich, das gehört sich ja so, die Mitglieder des auftretenden Streichquartetts folgendermaßen vorgestellt habe: „Erste Geige: … Zweite Geige: … Dritte Geige: … Cello: …

Gebuht hätte ich wohl auch nicht, aber gekichert hätte ich sicher. Weniger entrüstet als zufrieden darüber, daß es genügend Analphabeten auf der Welt gibt, von denen man sich großherzoglich unterscheiden kann.

Ich habe auch nie verstanden, warum man bitte Jugendliche oder bildungsferne Schichten oder sonstwen für klassische Musik erwärmen sollte. Gute Musik ist überall wohlfeil zu haben, es gibt keine anderen Hindernisse als den eigenen Anspruch an Kunst. Der Weg zu Streichquartett und Sinfonie ist frei, wer das nicht will, bitte schön. Die Konzertsäle und Opernhäuser sind auch ohne Krethi und Plethi voll. Allen Bemühungen aber, neue Hörerkreise für klassische Musik zu erschließen, haftet in meinen Augen etwas zutiefst Anbiederndes inne. Klassische Musik wurde an Fürstenhöfen ersonnen. Es ist Musik für Fürstenohren. Also bitte!

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Seltsam, wie man eine starke Abneigung oder Zuneigung gegen bestimmte Radiostimmen entwickeln kann. Es gibt einen Moderator meiner Lieblingssendung, den ich absolut nicht ausstehen kann, ich kriege Pickel im Ohr, wenn ich den höre. Es ist nicht einmal, weil er den Namen Poulenc wie Poulonc ausspricht, aber das macht es natürlich nicht besser.

Was mir ebenfalls Ohrenschmerzen bereitet, ist eine bestimmte Tonlage und Intonation, die vom WDR in letzter Zeit gern für Ankündigungen benutzt wird. Konzerte in NRW – die große Sommerreihe! Oder: WDR-Konzerte live erleben! Oder einfach nur: WDR3-Aktuell! (WDR-Sprech für “Nachrichten”). Es klingt immer so, als wolle die Sprecherin gleich noch ein jetzt nur einen Euro neunundneunzig! folgen lassen. (Falls hier jemand mitliest vom WDR: Ich bitte Sie inständig, ändern Sie das. Kultur ist kein Kräuterquark! Und verzichten Sie in der Kulturwerbung bitte auf die Vokabeln erleben, genießen und Event. Danke!)

Demselben so oft geschmähten Kultursender verdanke ich indes eine Empfehlung, die ich an Sie weitergeben möchte. Dorothee Mields und die Lautten Compagney spielen Liebeslieder von Henry Purcell. Unbedingt anhören!

Frühprotokolle. Muskelkater

 
Der Morgen aufgestuhlt, ausgefegt, hallend von einem einsam tropfenden Wasserhahn. Aufgewacht mit einem fremden Socken am Fuß.

Vogelnamen aufzählen. Zungen archivieren. Wälder imaginieren, Hügel ins Flimmern bringen hinter den Wimpern des Forstes.

Wie ein müder Athlet streckt der Stiefel die Schnürsenkel von sich. Im Baum zählen die Raben ihr Beutegeld.

Das Wetter ein verrückter Einfall von gestern, der am Morgen absurd erscheint. Jetzt hängen wieder die Wolken über den leeren Bahnsteigen. Abgeknickte Schirme stecken den Kopf in Abfallbehälter. Die Forsythie hat einen schmutzigen Schuh aufgespießt.

Wie geht es weiter? Der Himmel riecht nach Flugzeugen. Die Braunelle zwitschert eine Endlosschleife aus Pausen.

Frühprotokoll. Sommerzeit

 
Mit den Vögeln wach werden. Hausrotschwanz, Singdrossel, Amsel. Im Traum fliegen den Dingen wieder die Namen zu, Wolke, Weißdorn, Rauch, Kiesel, Weide, Gras. Der Tag ist wie ein kühler Ärmel, in den man fröstelnd schlüpft.

Hellere Wege. Was auch immer unter dem Winterlaub lauerte, ist jetzt fort. Die Sonne dreht eine Rose ins Schloß. Die Räume häuten sich und kehren die Fleischseite nach außen.

Als schwebten Fledermäuse langsam zu Boden, so kehren nach der nächtlichen Jagd die Bücherstapel zurück zum Tag. Der Fenstergriff, eine schwirrende Libelle, schwebt über den Schatten des Glases. Unter den Wolken indes breitet bequemer das Land sich aus.

Blinzeln des Rolladens. Die Kirschzweige im Fenster sind wie ein gekritzelter Gruß, den man am Frühstückstisch findet, wenn man zu spät erwacht.

Eine Bahn später

Als zöge die Sonne das Gebirge aus der Schlucht herauf. Ein Vorgang voll großartigen Lärms, doch in der weiten Entfernung lautlos. Gräben füllen sich mit Licht, Eis kracht unter dem Druck des Himmels, über der Ebene steht der Rauch still, als trüge er all das Blau auf seinen abgeflachten Spitzen.

Die Rückseite vom Dunst sind Waldränder. Wie wenn man einer Photographie die Folie abzieht, die Farben frisch und noch nicht ausgehärtet, das Feuchte von Kiefern und Moos.

Fahrende Lieblingsorte. Besondere Plätze in der Straßenbahn oder im Bus, meist irgendwo am Rand, ganz hinten im Bus, vorne (gegen Fahrtrichtung), hinten (in Fahrtrichtung) in der Straßenbahn. Plätze, von denen sich alles im Blick halten läßt, selbst wenn man übers Buch gebeugt ist, wie ich meistens. Der leise Unwille, wenn so ein Platz schon besetzt ist; als hätte einem einer was weggenommen, das einem eigentlich selbst zugestanden hätte.

Der besondere Ort des Waldrands. Überblick auch hier. Anschnitt des Lichts, Schichtung der Luft, eine Art höhere Ordnung, ins Sichtbare gerückt. Einer meiner Lieblingsorte: ein Waldrand mit Kiefern, der Grund zwischen den Stümpfen vor langer Zeit gefällter, wie in silbrigen Fels verwandelter Bäume nadelbedeckt, trocken wie Bürsten, eine Lichtung zum Schauen, ein umgehauener Stamm zum Sitzen. Diesen Ort gibt es nicht mehr, der Wald hat ihn sich einverleibt, das Licht durch eine Ordnung von Schatten ersetzt. Farn wächst hüfthoch, wo ich einmal einen Nachmittag verträumt habe. Das ist so lange her, daß ich gar nicht mehr weiß, wann das war. Was einmal jener Ort war, Farne jetzt, merkwürdige Bodenschwellen wie Gräber, mannshohe Doldenblütler, frisch aufgeschossene art- und gattungslose Bäume, liefert keinen Anhaltspunkt. Selten habe ich mich so sehr von der Zeit im Stich gelassen gefühlt wie an dem Tag, als ich nach langem Suchen begriff, daß ich die Stelle längst wiedergefunden hatte. Ich hatte sie nicht erkannt. Die Wege hatten mich immer daran vorbeibugsiert, geh weiter, gibt hier nichts zu sehen, das ist nicht mehr deine Zeit, das ist nicht mehr dein Leben.

Ganz woanders, aus dem Fenster der Bahn zu betrachten, liegen jetzt die Waldränder oben an einem Hügelscheitel in der Sonne wie Gesichter, die sich der Wärme zuwenden. Die Schatten gehen nach hinten raus. Alle Wege sind kurz da hinauf, leicht zu beschreiten, mit Baumreihen als Stütze für den Blick, Alleen, entlang von steifgefrorenen Zehen.

Und natürlich Straßen. Ich wohne in einem Nest von Straßen, die mich eigentlich nur widerwillig dulden, was habe ich schon mit ihnen zu schaffen? Straßen, Kreuzungen, Verkehrsschilder, Warnhinweise. Werbetafeln, die ich als Fußgänger nur von der Rückseite sehen muß. Die Straßen und ich: Ich werde es sein, der als erster nachgibt, davongeht oder verschwindet, eines Tages nicht mehr da sein wird, die Straßen, sie werden mich überleben. Aber die Waldränder werden die Straßen überleben, denke ich, und schaue da hinauf, Wiese, Ackerrand, Weg, dann die roten, säulenartigen Stangen der Kiefern, wie der Tempel eines urwüchsigen, längst verschwundenen Volks, man könnte dort schön wandern und wäre vor allem Unheil sicher, in der Hand vergessener Götter, die aber ein besseres Gedächtnis haben als die Menschen. Man wäre ein winziges Körnchen, geborgen in Schichten und Schichten aus Zeit.

Mir schräg gegenüber sitzt eine elegant gekleidete Frau. Hohe, braune Schaftstiefel, Strumpfhose, Rock. Sie liest in einem E-Book-Reader. Sie lächelt still vor sich hin. Vielleicht sitzt sie auf ihrem Lieblingsplatz. Das Lächeln ist glücklich, amüsiert, gelassen. Unerreichbar für jede Beobachtung. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, die schwebende Stiefelspitze wippt rhythmisch. Ein beringter Finger tippt auf den Schirm, blättert vor und zurück, das Lächeln verändert sich nicht, bleibt heiter und gelöst, wie von einer etruskischen Statue, die, ganz im Irdischen verwurzelt, dennoch von nichts Irdischem mehr überrascht werden kann.

Die Orte von der Rückseite erreichen, vom Bühnen- und Lieferanteneingang, wo die Beleuchtung schlecht ist und die Rohre verlaufen. Durch einen niedrigen Gang gehen, eine Tür aufstoßen, sagen, ich bin da.

Die Ebene löst sich vom Rauch.

Drüben sinken die Berge zurück in den Mittag.

Kaffee

Der erste Kaffee am Morgen, seit Jahren geliebtes Ritual. Der geschützte Raum am Saum zwischen Tag und Nacht, wo beides noch gleich möglich ist, Dunkelheit und Licht, alle Wege offen, Schlaf oder Wachsein, Traum oder Wirklichkeit ununterscheidbar. Das Schweigen von der Straße her. Die leisen Stimmen aus dem Radio. Das in sanftes Lampenlicht getauchte Zimmer, tröstlich in seiner Vertrautheit, als habe es mit seinen Möbeln und Büchern und Zetteln und Krims und Krams auf mein Wachwerden gewartet. Und der bittere, je nach Lage der Dinge verheißungsvolle oder beruhigende oder lockende oder anfeuernde Duft aus der Tasse, der schwarze Geschmack mit dem irden-warmen Abgang, bald: dieses innere Leuchten, das nur eine gute Dosis Methyltheobromins hervorrufen kann, die gute Laune, Göttergedanken: Was wäre ich ohne Kaffee? Ein Normalsterblicher, der morgens aufstehen muß.

Die erste Tasse Kaffee, die beste des Tages. So heiß, so dampfend, so schwarz gelingt keine zu einer anderen Tageszeit, ausgenommen höchstens spät nachts. Aber wer, der seines Verstandes mächtig, würde nachts Kaffee trinken? Die Nacht ist zum Schlafen da, der Morgen, na ja, zum Kaffee. Der Kaffee ist ja überhaupt der Grund für den Morgen. Irgendwo habe ich gelesen, dem Trinker schmeckt das letzte Bier der Nacht am besten. Das stimmt doch nicht! Es ist das erste Bier, das am besten schmeckt, und es ist der erste Kaffee des Tages, der unvergleichlich besser ist als jeder andere.

Das Klemmlämpchen am Bett taucht das Zimmer in mildes Licht. Ich stelle die dampfende Tasse (gestrichener Löffel Zucker, keine Milch) auf den Nachttisch, schlüpfe zurück in die noch warmen Decken, lege mir den Rechner auf die Knie. Es ist fünf oder sechs, ich bin als erster wach, ich bin allein in meiner Kapsel, die beiden Straßen, vorne und hinten ums Eck, schlafen noch. Stille ist manchmal nur zu erreichen, indem ich wach bin, wenn es kein andrer ist. Nur von fern, überbracht von freundlichen Stimmen, dringt die Welt durchs Nadelöhr des Radios an mein Ohr, jederzeit auf Abstand zu halten, filterbar, ausblendbar, beherrschbar. Ich nehme den ersten, brühheißen Schluck und beginne zu arbeiten.

Nicht beherrschbar: die Zeit. Aber in dieser Hülle aus Licht, in dieser Kapsel aus Schweigen, in der man wie unter einer tiefen See am Meeresgrund ruht, in dieser vom Kaffee, vom Ritual herausgehobenen Stunde, in der solche Gedanken möglich sind, die mir zu keiner andern Stunde einfielen: läßt sich die Zeit umgehen, indem man ihr durch die Wiederholung ein Schnippchen schlägt und diese Stunde oder zwei herauslöst aus dem verbundenen Strom, so daß sie jeden Morgen als die gleiche Abmessung, die gleiche Aussparung von Ewigkeit wiederkehrt. Wiederkehrt, sich, erneuert und erfrischt, wiederschenkt, dieselbe, die nicht vergeht. Ich fange das Gestern, das Vorgestern an genau demselben Punkt heute wieder an, knüpfe wieder an den Faden an, kehre heim auf eine Insel, in der, so lange ich will, immer dieselbe Stunde bleibt, fünf oder sechs, am Saum zwischen Tag und Nacht.

Frühprotokoll: Träume

Die Zeit der dunklen Läufe ist wieder angebrochen.
In Dunkelheit aufbrechen, in Dunkelheit zurückkommen. Bei der Nacht zu Gast sein und ihr eine Stunde klauen. Die Stirnlampe leuchtet von außen in meine schwarze Wohnung.

Ein Stadtbus. Die Packer im DHL-Lager. Ein Schwerlaster, der in den Hof des Getränkehandels rollt. Ein Mofafahrer, der mich überholt. Eine Straßenbahn. Der Ökoladen am Waldrand. Ein Postwurfsendungsverteiler. Dazwischen nasser Asphalt, leere Briefkästen, ausgedünnte obere Zeilen von Fahrplänen unter Quecksilberdampflampen. Der Glanz von Straßenlaternen auf der Straße. Das Rumpeln ferner Güterzüge. Ein Duft von Gemüsesuppe: im Altenheim wird bereits fürs Mittagessen gekocht.

Der Postwurfsendungsmann kommt mit dem Auto: Alle paar Meter hält er an, kuppelt und steigt aus, springt zum nächsten Briefkasten, steigt wieder ein, kuppelt, fährt mit geöffneter Fahrertür drei Meter, steigt wieder aus. Arme Socke, denke ich, von dem, was du für die Arbeit kriegst, kannst du dir im Leben das Auto nicht leisten, das du für ebendieselbe Arbeit einsetzt.

Der Mond fast noch voll. Zerteilt die Wolken in schmale Streifen. Büsche werfen blaue Schatten: Mond und Stirnlampe ringen eine Weile, dann ist die Stirnlampe stärker, und der Schatten kehrt sich nach der anderen Seite des Gehölzes.

Wie Heilige, die man unterm Firnis kaum erkennt, der Umriß von Pferden.

Im Wald wird es noch dunkler als dunkel. Stadtmenschen können sich das nicht vorstellen. Die nennen einen Himmel schwarz, der in Wirklichkeit immer noch hell ist. Unter den Bäumen aber gibt es nicht einmal hellen Himmel, nur Schichten und Schichten von Schwärze, deren Tiefe und Verästelung nicht sicht- aber hörbar ist, anhand von Tropfen, näherem oder fernerem Rascheln, anhand des stärkern oder schwächern Widerhalls meiner Schritte. Die Stirnlampe wirft eine Kugel um mich; mache ich sie aus, bin ich vollkommen blind. Jenseits des Kegels beginnt der Wald, weit, offen, bereit, wie luzides Träumen, das jederzeit in ein Alpträumen umschlagen kann. Es ist einer seltsamen Gnade zu verdanken, wenn es mich wieder und wieder verschont, oder einer Art Gleichgültigkeit.

Von ferne Glockenklang aus dem Dorf. Dort ist es jetzt halb sieben. Hier, im Wald, ruft ein Käuzchen, ist es irgendwann, nachts.

Frühprotokoll (Rauch)

Am besten geht es in der Frühe, fünf Uhr, Dunkelheit, so müde, daß man die Zeit nicht merkt, weil man schneller scheint als der Augenblick.

Rauchgeruch über den Pferdekoppeln, es riecht vertraut nach Mittelmeer, nach Müllverbrennung, ein Hahn kräht, irgendwo muß das Meer sein, ganz nahe, jenseits der dunklen Pinien. Die Ahnung des Wasserkörpers ist fast schöner als das Wasser selbst.

Aber woher kommt dieser Rauch? Würde es im Wald brennen, müßte da nicht ein flackernder Widerschein weithin zu sehen sein? Zu dunkel, um Wolken zu sehen. Keine Fahrzeuge, keine Sirenen, es ist so still, als wäre ich der letzte, der hier noch herumirrt, ahnungslos, noch unberührt von der Katastrophe.

Ein Rebhuhn schreit. Rostige Uhrfeder im Weißdorn. Versenkung in einen Ameisenhügel. Präzision des Chaos. Eine flache Welt.

Hinter drei Baumreihen ruht schweres Gerät. Eine Baggerschaufel liegt eingeknickt in einem Tümpel, wie ein abgebrauchtes Sexualorgan. In den Scheiben des Fahrzeugs setzt sich die Baumreihe als Widerschein ins Unendliche fort. Maschinenschlaf, zeitfrei. Dieser Bagger stand vielleicht letztes Jahr schon hier, oder vor zehn Jahren, man könnte meinen: Auch der Mückenschwarm über dem Tümpel ist ganz genau derselbe wie damals.

Irgendwo ein Trampeln von Schwarzwild. Dann Stille, in der die Sonne den Weg findet und ihn sanft, wie zum Lüften, anhebt. Wieder eine Runde. Kein Schlaf im Schlaf.

Das schreckliche Wort Echtzeit.

Bald werde ich aufwachen, und dann geht alles von vorne los.

Ahornschößling

Vor ein paar Jahren ist mir bei einem Festplattenschaden ein umfangreiches Bilderalbum abhanden gekommen. An manche dieser Bilder erinnere ich mich – oder glaube es zumindest. Denn das menschliche Gedächtnis funktioniert bekanntlich anders als das Festplattengedächtnis. Ein Computer kann sich nur richtig erinnern oder gar nicht. Menschen können sich ungefähr erinnern; Menschen haben Geschichten zu Bildern; Menschen können ausschmücken, Lücken rekonstruieren, Fehlendes mit Erfundenem überdrücken – und manchmal ist die Erinnerung am Ende viel schöner als das, woran man doch nur glaubt, sich zu erinnern. Oder wenn nicht schöner, dann phantasievoller.

Das Blatt eines Bergahornschößlings. Es ist früher Morgen, Hochsommer, die Sonne fällt flach durchs Blätterdach eines lichten Bergwalds. Nahaufnahme, der Bildausschnitt ist so gewählt, daß man nicht erkennen kann, woher das Licht kommt. Wie aus eigener Kraft leuchtend, scheint dieses eine Blatt, dessen Lappen gleich einer Hand, die sich wärmen will, ausgestreckt sind, vor dem in verschwommener Dunkelheit liegenden Waldboden zu schweben.
Der dunkle Hintergrund, die unscharfen, tiefen Schatten am Grund eines von Licht durchströmten Raums, vermitteln eine Ahnung von Feuchtigkeit, aber falls in der Nacht Tau gefallen ist, hat ihn die Morgensonne schon von den Blättern des Ahornschößlings weggebrannt.
Es ist ein Morgen der Erneuerung. Der Wald atmet auf, öffnet Augen und Ohren. Sonntagslicht, frühe Stille. Der Lärm des vorangegangen Abends, der Jubel, das Feiern, sie sind lange verstummt, die Feiernden liegen alle noch im Bett, in stickiger Luft hinter geschlossenen Rolläden.
Tags zuvor hatten mich stampfende Discorhythmen aus dem Tal den halben Weg hier herauf begleitet. Deutschland hatte gewonnen, Deutschland war der perfekte Gastgeber, Deutschland durfte für einen Moment stolz auf sich sein. Jetzt feierte es, dieses Deutschland, und noch ein wenig früher, im Zug, da hatte ein junger Fahrgast bei Bekanntwerden des Spielergebnisses seinen Jubel laut herausgebrüllt, wohl in Erwartung, die andern Passagieren würden einstimmen in seine Freude, und als das ausblieb, als alle weiterhin stumpf vor sich hinstierten, denn sie hatten kein Interesse an Fußball, da rief er verächtlich aus, das sei ein Scheißland, niemand freue sich, alle so bräsig und steif, typisch deutsch, und da war sie wieder, die alte Verachtung, der alte Selbsthaß, der vertraute Wunsch, bloß zu einer anderen Nation zu gehören. Wie um die Passivität wieder gutzumachen, stampften eine Stunde später dann die Bässe wie die gewaltige Maschine eines Ozeandampfers aus dem Bauch des Tales herauf, während die Abendfarben, rot und gold und lange, durchsichtige Schatten, mit allen Vögeln den Atem anhielten.
Und jetzt, als ich mich bücke, um den Schößling aufzunehmen, ist endlich alles, alles still, Fingerhut säumt die Wege, und die frisch aufgespannten Blätter sehen aus wie eine schon im Morgengrauen gehißte Fahne vor Beginn der Prozession, wartend, schon voller Farbe, schon feierlich in der noch leeren, friedevollen Straße.

Frühprotokolle: Wolkentürme

In der Weite der Börde sichtbar: Wolkentürme, wie der Rauch nicht allzu ferner Schlachten. Der Wind weht von dort, Unwetter in den klammen Taschen. Die Föhrenstämme, rot und schmal vor dem Schatten des Forstes, Fliehende, die aus der Dunkelheit auf die Lichtung taumeln, vom plötzlichen Licht erstarrt. Jetzt haben sie im Rücken, was auch immer sich dort nähert, noch ohne Lärm.

An einer grasigen Fläche am Wegesrand liegt ein Auspufftopf. Lange liegt er da noch nicht, aber schon beginnt die Auflösung des Anorganischen ins Organische, des Künstlichen ins Natürliche: Schon ist die Oberfläche stumpf, schon ahnt man den Anhauch von Rost, schon zwängt sich das Gras unter dem Metall hervor. Das Metall, im Feuer einem in sich ruhenden Mineral abgezwungen, wird wieder zum Mineral, ehe es Halm wird, Wurzel, Borke. Kommentarlos zurückgenommen von den lebenden Dingen in den Kreislauf lebender Dinge.

Wald, und Stille. Morgens ist es wieder dämmrig, selbst bei klarem Himmel. Der Vogelchor der letzten Wochen ist in einzelne Stimmen zerfallen, das Gewebe ist brüchig, zerrissen wie ein Tuch, durch das die Sonne scheint, hier noch ein Buchfink, in der Nähe ein Zilpzalp, wie ein Versehen, natürlich die Singdrossel, die das Zwielicht liebt beim Singen. Das Grün hat die größte Sättigung erreicht, die größte Dichte, fast schwarz an den Rändern. Der Wald ist eine Höhle. Von hier unten scheint der Himmel hell und freundlich blau, die Wolkentürme, sie sind unsichtbar. Hier drinnen sind sie weit fort, sind sie jenseits von Grenzen. Drüben. Vielleicht sogar nur geträumt.

Kopf in den Sand: Das Unheil naht. Der Wind saugt den Himmel von den Feldern. Auch die Drossel ist stumm. Blätter tragen eine Botschaft von Saum zu Saum. Über die Wiesen flieht ein erschrecktes Pferd, ich weiß nicht, vor mir oder wovor.

Frühprotokoll: Satie

Bei Eric Satie muß ich an ein Kölner Zimmer denken, in dem ich, täglicher, nächtlicher Gast, für eine Weile fast zu Hause war, und nie ganz. Die Unordnung in dem asymmetrisch, unneunziggradwinklig geschnittenen, hellen Raum spiegelte mit ihrer Farbigkeit aus Büchern, Heften, Ordnern und bunt bekritzelten Zetteln, Papierstapeln, Kopien und Hand-outs, benutzten Kaffeetassen, Löffeln und Schüsseln meine eigene Unordnung wieder, die ich überall verbreite, wo ich mich länger als eine Nacht niederlasse. Es gab ein altes, gemütliches Klavier aus dunklem, spiegelnden Holz, und zwischen Klavier und der nächsten Wand einen Futon für zwei Schläfer, an dessen Fußende ein Bücherregal, so daß man zwischen Klavier und Büchern ruhte. An der dem Bett zugewandten Seite des Klaviers hingen Familienphotos ohne Rahmen, die sich im Sommer, wenn die Luft feucht war, aufwärts bogen und im Winter wieder glätteten. Gegenüber eine Fensterfront, draußen ein Fußbreit Balkon. Links davon ein gläserner Schreibtisch, von Papieren und Büchern bis auf den Raum, den die Tastatur des Rechners einnahm, bedeckt. Abends schräg einfallende Sonne. Zwei Stockwerke tiefer ein weiter, verkehrsfreier, mit rotem Backstein gepflasterter Platz, den Verwaltungs- und Gerichtsgebäude aus triefendem Beton und schwarzem Glas umstellten; in der Mitte ein winziges Ahornbäumchen, ein Laubengang mit Blauregen. Der Himmel hatte es schwer über den Dächern der Hochhäuser, auf denen sich abends Tauben niederließen. Nachts wehte das Qietschen und Rumpeln von Zügen vom nahen Rangierbahnhof durch die Dunkelheit heran.
In diesem Zimmer spielte E., die das Quietschen gemütlich fand, Satie. Ich lag auf dem Bett und lauschte dem melancholisch-meditativen, bald verträumten, bald kindlich-ernsten Voranschreiten der simplen Akkorde, schaute an die Decke oder studierte die Buchtitel im Regal und war zufrieden, in diesem Zimmer zu Gast zu sein. E. hatte eine Art, mitten im Spiel abzubrechen, sich mit Schwung auf dem Hocker nach mir umzudrehen, die Lippen zu schürzen und mir eine Frage zu stellen. Manchmal lachte sie beim Spiel leise oder sang mit. Sie war vernarrt in die Gymnopédies, und wenn sie nicht gerade Satie spielte, summte sie die einfachen Motive vor sich hin oder sang sie auf einen Text aus Phantasiesilben, es klang wie schmöö-dem-schmöö. Unvermittelt konnte sie in einer Gesprächspause den Mund öffnen, die Lippen vorstülpen und eine kurze Melodie aufsingen, als wollte sie ihren Gesprächspartner an etwas erinnern, das immer auch noch berücksichtigt werden müsse. Oder an etwas, das schon jetzt, während es geschah, lange her war: Weißt du noch? Einmal saßen wir nachts von Freunden heimkehrend im Zug, wir hatten geschwiegen, waren müde, es war der heißeste Sommer aller Zeiten, da läßt E. den Kopf auf dem Sitzpolster zu mir herfallen, als wolle sie mich küssen, öffnet den Mund, wölbt die Lippen: schmöö-dem-schmööö. So ist das nämlich. Denk dran!
Satie klingt seither immer so, als wolle er mir immer wieder etwas ins Gedächtnis holen, das ich sonst wohl schon lange vergessen hätte.