“Daß aber Männer einem Traum nachhängen und traurig sein dürfen über den Wahnsinn und die Unvollkommenheit der Welt.”
Dieser Satz, herausgeschrieben aus einer Erzählung der Kaschnitz, hing einst an der Pinwand eines Sechzehnjährigen. Heute könnte er immer noch an der Pinwand des nunmehr Fünfzigjährigen hängen.

COP23

Es ist im Grunde ganz einfach:

    – Nicht fliegen
    – Nicht Auto fahren
    – Energie sparen
    – Regionale und saisonale Produkte essen
    – Güterkonsum aufs Nötigste reduzieren

Das ist nicht übermäßig kompliziert und hinlänglich bekannt. Das muß man auch nicht lange #erklimadasmal-en. Und statt sich den Kopf über den klimafreundlichsten Föhn zu zerbrechen, könnte man auch einfach die Haare an der Luft trocknen lassen.

Man könnte noch einen sechsten Punkt anführen:

    – Keine Hoffnung auf politische Lösungen (Stichwort „Klimagipfel“) setzen.

Eine Verminderung des Ausstoßes von Treibhausgasen (geschweige denn eine echte Absenkung des Kohlenstoffdioxidgehalts der Erdatmosphäre) ist innerhalb der herrschenden Wirtschaftsordnung (Wachstum! Wachstum!) und unter Beibehaltung des derzeitigen westlichen Lebensstils (mein Auto, mein Wäschetrockner, meine Ägyptenreise, mein Föhn) nicht zu erreichen. Da können die Damen und Herren Politiker gipfeln, solange sie wollen. Auch die Demonstrationen gegen den Braunkohleabbau sind zwar gut gemeint, hakeln aber an inneren Widersprüchen. Woher soll denn – bei unverändert anwachsender Produktion, anhaltendem Konsum und steigender Mobilität – die Energie bitte kommen? Aus Atomkraftwerken? Man hört die Atomkraftgegner aufjaulen. Aus dem Windpark? Man hört die Landschaftsschützer aufjaulen. Also woraus dann? Aus Maoam?

Wissen Sie, was mich depressiv macht? Da gibt es jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit an der Kasse mancher Supermärkte schulkindgroße Weihnachtsmänner aus transparentem Plastik. In diese Form eingelassen eine wahre Cornucopia aus allerlei pralinoiden Süßigkeiten, jede Sorte in ihrem eigenen Schächtelchen, und jedes einzelne Pralinoid innerhalb der Schächtelchen in Alufolie verpackt. Und von diesen monströsen Dingern steht da ein halbes Dutzend in jedem Supermarkt. Zum Kaufen, versteht sich, nicht zum Anstaunen. Stehen da und gesellen sich zu Tonnen Lamettas, Schokobischöfen, blinkenden Pudelmützen, künstlichen weißen Bärten, in drei Lagen Cellophan gewickelten Freßkörben, Polyethylen-Weihnachtsbäumchen, Leuchtstoffkerzen mit elektronisch generiertem Flackern, Steiff-Rentieren, Pralinenschlitten, Adventskränzen aus Polystyrol und Fertigbau-Adventskalendern in allen Farben, Werbeaufdrucken und Dimensionen, die man sich nur vorstellen kann. Und drei Tage nach Weihnachten landet das alles auf dem Müll. Da stehe ich an der Kasse mit meinem Mehl, Zucker, Butter, Eiern und Korinthen, und muß mir auf die Lippe beißen, um nicht loszuheulen.

Sie müssen nicht die Sache mit der globalen Erwärmung den Klimagipflern überlassen. Sie können selbst tätig werden. Heute schon. Jetzt.

Die Sache ist nämlich wirklich ganz, ganz einfach. Fangen Sie am besten mit dem Föhn an.

Edit: Das hier ist ungefähr auch meine Position.

Noch einmal

Eine Wanderung im Schnee, anstrengendes Stapfen und Ausgleiten, ein trüber Spätwintertag, das Licht wie von Wasserströmen abgeschliffen und mild. Es tropft, es tropft überall, in den Hecken, von den Kiefern, von den Strommasten, auf die Wege und Steige und die zugefrorenen Flüsse, deren Eis sich zu geometrische Spalten und Rissen verbiegt. Wälder, Felder, Heckenläufe. Die Ferne ist klar, transparent, als sei auch vom Horizont, von den vielen gestaffelten Horizonten ein Schleier abgetaut. Ein Sonnenstrahl zersticht schwarzes Regengewölk. Mein Schatten schwebt neben mir, ich sehe mich beschwingt gehen, die Daumen unter die Rucksackschlaufen gesteckt. Ich mag staunen über den, der da geht.
Spuren zerfließen. Alte, zerschmolzene, frische, scharf eingegrabene. Von Hunden, Menschen, Traktoren, Langlaufskiern. Langsam verliert der Schnee sein Gedächtnis. Wie winzige Fäustchen geballt hängen die Haselkätzchen, bereit, aufzugehen. Kleine Fliegen, zarte Gebilde wie Anführungszeichen begegnen einander über der verharschten Schneedecke. Manchmal liegen Birkensamen vom letzten Sommer auf dem Eis, winzige Sternchen, es sieht aus wie Fastnachtsglitter.
Noch eine kleine Rast kurz vor dem Ziel. Ich trinke das letzte Wasser, habe noch einen Apfel. Selig kaue ich die süße Säure, während noch einmal die Sonne hervorkommt und den Schnee um den Rastplatz leuchten läßt. Mir ist warm, Kopf, Hände, Füße glühen. Meisen pfeifen im Gebüsch. Der Apfel kracht im Mund. Die Kiefernwipfel rauschen, wie nur Kiefernwipfel rauschen können, der Apfelrest fliegt ins Gebüsch, ich sehe den Weg sich weiterwinden, an vielen Stellen schon braun, und da ist es plötzlich, als wären die letzten fünf Jahre nicht vergangen, einfach nicht vergangen, und ich bin noch einmal da, wo ich damals irgendwie falsch abgezweigt sein muß, und es ist, als dürfte ich noch einmal von dort aus alles neu beginnen. Das Licht, der Weg, der Schnee und, wo er geschmolzen ist, der warme, von Kiefernnadeln bestreute Grund, dieser unendlich vertraute, liebe, duftende Boden, alles wieder frisch, verjüngt, in Ordnung gebracht, richtig und gut. Gut, gut: Und ich hebe einen kantigen, kupferroten, gemaserten Stein auf, reibe ihn mit Schnee ab, trockne ihn an der Hose und stecke ihn in die Tasche, wo sich sofort meine Hand wie um etwas schließt, das immer am Platz war. Eine Erinnerung an diesen Moment, an ein unfaßbares, flüchtiges Glück, eine Erinnerung für später, wenn es einmal nicht mehr so ist.

Philemon & Baucis (Ovid, Met. VII 707-724)

„Priester zu sein, das ist unser Wunsch, euern Tempel zu hüten;
und, nachdem wir vereint des Lebens Spanne durchmessen,
daß uns vereint auch das Stündlein schlage, und ich nicht der Gattin
Grabmal erblicken muß, noch daß mich begraben muß jene.“
Wirklichkeit folgte dem Wunsch: So hüteten beide den Tempel,
Zeit ihres dauernden Lebens; bis daß sie, gebeugt schon vom Alter,
zufällig einmal standen am Fuße der heiligen Stufen,
eingedenk seiner Geschichte, und Baucis Philemon Blätter
knospen, und Philemon sah, wie Baucis mit Laub sich bedeckte.
Während die Zwillingsgesichter schon schwanden in wachsenden Kronen,
gaben sie Worte einander, solang sie noch konnten, „Ach, Lieber!“
sprachen zugleich sie „Leb wohl!“, und zugleich bedeckt die verhüllten
Lippen der Stamm: Bis heute zeigt dort der Bewohner Bithyniens
jene aus zwiefachem Leib gesproßten benachbarten Bäume.

„esse sacerdotes delubraque vestra tueri
poscimus, et quoniam concordes egimus annos,
auferat hora duos eadem, nec coniugis umquam
busta meae videam, neu sim tumulandus ab illa.“
vota fides sequitur: templi tutela fuere,
donec vita data est; annis aevoque soluti
ante gradus sacros cum starent forte locique
narrarent casus, frondere Philemona Baucis,
Baucida conspexit senior frondere Philemon.
iamque super geminos crescente cacumine vultus
mutua, dum licuit, reddebant dicta „vale“ que
„o coniunx“ dixere simul, simul abdita texit
ora frutex: ostendit adhuc Thyneius illic
incola de gemino vicinos corpore truncos.

Tröstlich

Ein Reh, kaum größer als eine Dogge, das ohne Scheu den Weg quert wie ein Fuchs auf Stelzen.

Der bürstende Knall, mit dem ein Kiefernzapfen an der Bushaltestelle auf dem Asphalt auftrifft.

Überhaupt Kiefern, Zapfen, Kronen, Licht, das auf einem Harztropfen ruht.

Eine verdrehte Hundeleine, in der sich in lauter schmalen Rauten zuckend die Morgensonne fängt.

Das unbedingte Lieben des Hundes, der zu mir strebt.

Das zarte Grübeln der Wolken, wie Haarrisse in altem Porzellan. Darunter, zerknittert im Schlaf, die dunstige Abdachung der Hügel.

Nymans „The heart asks pleasure first“ bei Tagesanbruch, in den letzten Minuten des Nachtkonzerts.

Der Ort, zu dem die Wolken reisen.

Daß es die Spinnen immer wieder schaffen.

Seht ihr den Mond dort stehn? / Er ist nur halb zu sehn / und ist doch rund und schön. / So sind noch manche Sachen, / die wir getrost verlachen, / weil unsre Augen sie nicht sehn.

Eine Amsel vor dem Fenster, die alles schon weiß.

volvitur et volvetur in omne volubilis aevum.

Frühprotokoll

Die Sonne im Fenster. Festverschweißtes Licht, Fingerabdrücke, Brandzeichen. Traumverluste, ungeküßte Frau, die Verheißung von Nähe. Man müßte nur nachgeben, nachgeben, zulassen. Müdigkeit, als wäre die Haut gestern zum Trocknen aufgehängt worden. Steif und fleischlos ermatten die Finger am Wasserkessel.

Ein Auto parkt gegenüber dem offenen Fenster. Der Lärm eine lästige Fußnote, durchbricht den fortlaufenden, den mühsam in Gang gekommenen Text des Morgens. Vogelschall singt zu einem andern, einem weit entfernten Publikum am falschen Ende von Straßen.

Blank und schön der Edelstahl der Spüle. Ich tue alles so, wie es getan werden muß. Nicht mehr, nicht weniger. Der Atem findet sich, die Augen kommen mit ihren Blicken in Takt. Korrekt die Spinnweben. Selbst im Staub ist Sorgfalt. Das Wasser kocht, wie es soll. Im dampfenden Strahl, im Auftreffen auf das Kaffeepulver, im Aufwallen des Schaums, im Duft: zeigt sich plötzlich eine bislang unbekannte Seite der Zuversicht.

Für später, für jetzt, für alle Tage

Quibus enim nihil est in ipsis opis ad bene beateque vivendum, eis omnis aetas gravis est; qui autem omnia bona a se ipsi petunt, eis nihil malum potest videri quod naturae necessitas adferat. Quo in genere est in primis senectus, quam ut adipiscantur omnes optant, eandem accusant adeptam; tanta est stultitiae inconstantia atque perversitas. Obrepere aiunt eam citius, quam putassent. Primum quis coegit eos falsum putare? Qui enim citius adulescentiae senectus quam pueritiae adulescentia obrepit? Deinde qui minus gravis esset eis senectus, si octingentesimum annum agerent quam si octogesimum? Praeterita enim aetas quamvis longa cum effluxisset, nulla consolatio permulcere posset stultam senectutem.

Denn die nichts an Reichtum in sich finden, der ihnen zu einem guten Leben verhelfen würde, denen fällt jedes Lebensalter schwer. Die aber jedes Gut in sich selbst suchen, denen kann nichts als Übel erscheinen, was die Notwendigkeit der Natur mit sich bringt. Unter diesen Dingen ist besonders das Alter zu nennen: Alle wollen es erreichen und verfluchen es doch, wenn sie’s erreicht haben. So groß ist die Inkonsequenz und Verdrehtheit der Dummen. Dann sagt man, das Alter sei schneller herangeschlichen als geglaubt. Darauf ist erstens zu sagen: Wer hat denn diese Leute gezwungen, etwas Falsches zu glauben? Denn wie könnte Wie sollte sich denn das Greisenalter schneller ans Erwachsenenalter anschleichen als das Erwachsenenalter an die Kindheit? Und zweitens: Wie könnte sollte einem nach achthundert Jahren das Greisenalter weniger beschwerlich sein als nach achzig? Denn Ganz gleich wie lang die Lebensspanne auch wäre – einmal verflossen, könnte sie ja dem Dummen im Alter doch zu keinerlei Trost gereichen.

(Cicero, Cato Maior De Senectute, 4)

Schuhe binden in O.

Es sind oft diese kleinen Dinge.
Es war in einem Sträßchen in O. Wir hatten uns auf eine Bank gesetzt, und du hast deine Schuhe aufgeschnürt, um sie fester zu binden, die Zunge war verrutscht, ich berührte mit dem Zeigefinger deinen Spann, und du sagtest mir, wie lange du dieses Paar Schuhe schon trägst und wann du sie gekauft habest. Ich zuckte ein bißchen zusammen. Damals, dachte ich, und: So lange. Ich sah dich an, sah auf deine Finger, wie sie mir eine Verstärkung an den Löchern zeigten und dann eine Schleife banden, und der Schuh schloß sich wieder um deinen Fuß. Kleine Dinge.
Ich hätte dir da gerne gesagt, was mir durch den Kopf ging in diesem Augenblick; ich habe mich gefragt, wie es dir damals wohl gehen nochte, als du die Schuhe kauftest, im Jahr nach seinem Tod, was für eine Farbe deine Gedanken hatten, wie du gestimmt warst, als du sie anprobiertest, was dich bewegt und beschäftigt hat, und wie du wohl von jenem Punkt aus in die Zukunft geschaut und in die Vergangenheit zurückgeblickt hast, ob du in diesem Moment froh warst oder traurig, und ob es ein heiterer Tag war oder ein schlimmer. Gab es da überhaupt schon heitere Tage für dich? Mich beschäftigte, daß du die Schuhe so lange schon trägst, dieses Paar roter, bequemer Schuhe, und daß das vielleicht gar nicht stimmt, was ich einen Moment zuvor gedacht hatte: daß nämlich in Wirklichkeit alles gar nicht so lange her ist. Da wurde ich traurig und hätte dir das gerne gesagt und dich gebeten, doch zu erzählen. Und ich hätte dich gerne stumm in den Arm genommen, wie um dich zu schützen vor der Katastrophe, vor jedem Schmerz zu bewahren und noch nachträglich alles und jedes abzuwehren, das dir je wehtun könnte.
Aber ich blieb stumm. Und obwohl alles in mir vor Zärtlichkeit ganz flaumig wurde, blieb ich in dieser Zärtlichkeit wie eingekapselt. Ich konnte nicht zu dir damit, es war alles zu verworren und unklar, die Welt um uns auch zu hell und fröhlich für solcher Art Gedanken, freundlich zwar, aber zu hektisch und zu laut, Menschen, Autos, Stimmen, und dann war der Moment auch schon vorüber, du hattest deine Schuhe fertig geschnürt, uns fröstelte, wir brachen schnell auf und gingen zu unserem grünen Wasser, und zu den Booten und den Libellen.
Kleine Dinge. Und dort schien die Sonne so mild und gut und brach ihr Licht in den Weiden, die Libellen flogen im Tandem, und für diesmal war alles Schlimme wieder lange, lange her.

Übung gegen das Ärgern

Der Gedanke nämlich, daß alle diese vermeintlich störenden Menschen den Impuls spüren würden, gleich wie vergraben, verkapselt, verschüttet der auch sein mag, dich zu trösten, wenn du jetzt plötzlich vor ihnen in Tränen ausbrächest. Die Hand auf den Arm legen, beschwichtigend knurren, ein Taschentuch reichen — auch wenn die Hemmung bei den allermeisten größer wäre, das Schöne ist, daß alle sofort wüßten, was eigentlich zu tun sei. (Und rührt die Betretenheit in solchen Momenten nicht aus genau diesem inneren Zwiespalt?) Diese Vorstellung soll mein kleiner unzerstörbarer Glaube an die Menschheit werden.

Iura iuventutis

Deine Bemerkung über die Zumutungen des Bürgerlichen hat mir die Augen geöffnet. Ich habe etwas übersehen oder nicht damit gerechnet, als ich diese meine Lebensweise gewählt habe: Daß es ein Alter gibt, wo Extravaganzen, Experimente und Ausscherungen aus der Normalität in den Augen der Gesellschaft ok sind, ja sogar erwartet und manchmal auch bewundert werden; daß damit aber irgendwann Schluß ist. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein sechzigjähriger Aussteiger wird höchstens noch belächelt: Der Unverbesserliche! Meist wird er bedauert: Armer Tropf! Oder verachtet: Gescheiterte Existenz! Dann heißt es womöglich von ihm, er sei halt nicht erwachsen geworden. Habe keine Verantwortung übernehmen wollen. Ein Spinner, ein Träumer, ein Phantast. Und was der Epitheta mehr sind. Den Konformitätsdruck, der solcherart ausgeübt wird, empfinde ich zunehmend selbst, oder besser, er macht mir immer mehr etwas aus, er geht mich immer mehr etwas an, er zielt immer mehr auf mich. Aber von wem geht dieser Druck aus? Wer übt ihn aus? Wer rümpft die Nase über meine Lebensweise? Das schlimme ist: Niemand anderes als ICH SELBST. Denn meine eigene Lebensform, begegnete sie mir in anderen, wäre mir sogleich suspekt. Was ist das für ein komischer Kauz? Ist der vielleicht nicht ganz richtig? Macht der sich nicht selbst was vor? Belügt der sich nicht selbst, um sein Versagen nicht sehen zu müssen? Der komische Kauz mit der Lebenslüge indes, das bin ich selbst. Und manchmal möchte ich mich dafür hassen. Das ist die eine Seite.

Die andere ist: Wenn Lebensalternativen nur der Jugend frommen, wenn jeder Ausbruchsversuch, jedes Inanspruchnehmen der eigenen Freiheit nur an ein ganz bestimmtes Alter gebunden ist, dann führt sich der Begriff der Alternative selbst ad absurdum. Dann ist jeder solche Versuch des Nonkonformismus von Vorneherein schon wieder konform: als Teil des gebilligten Spiels. Dann ist die Alternative immer nur ein Spiel, ein Als-ob, eine Inszenierung. Dann heißt es, einer stößt sich die Hörner ab oder lebt seine Jugend aus. Wie süß! Aber wehe, jemand wagt, ernst zu machen, und das heißt: Die Sache durchzuziehen: Dann spricht man von einem Altkommunisten oder Altachtundsechziger oder einem unverbesserlichen Altöko oder sonst einem nur noch mit der Vorsilbe Alt- beizukommenden Menschentyp, und den findet keiner mehr lustig und schon gar nicht süß. Den findet man nur noch peinlich. Abgesehen von der Frage, wie man es anstellen müßte, auch als 70jähriger Kommunenbewohner noch ernst genommen zu werden in der eigenen Absicht und Lebensplanung, frage ich mich für mich selbst: Was ist los mit mir, daß ich den Abstand dazu nicht schaffe und immer mehr mit mir selbst ins Unreine gerate? Ich habe mich doch gut eingerichtet in meiner Nische, ich könnte zufrieden sein. Warum bin ich es nicht? Warum habe ich einen Blick auf andere, unter dem ich selbst zur fragwürdigen Existenz schrumpfen muß?

Verstockt

Kaum überwunden, mühsam überwunden an einem Wochenende zu zweit, hat mich, kaum bin ich zurück, diese Verlassenheit und mit der Verlassenheit die Verstocktheit wieder im Griff. So eine Verstocktheit, daß nicht darüber zu reden ist. Ich fühle, wie sich mir die Lippen von selbst aufeinanderpressen, wie bei einem störrischen Kind, wenn jemand versucht, in mich zu dringen, was hast du? Du bist so still … Und tatsächlich ist es ein Gefühl, so will es scheinen, das seine Urprägung in der Kindheit hat. Dieser Wunsch, zu fliehen, zurückzuweisen, Grenzen zu setzen; und zugleich das scharfe Verlangen, Gegenstand von Sorge und Aufmerksamkeit zu sein, eine Aufmerksamkeit und Sorge, deren Inswerkgesetztsein wiederum Ablehnung hevorruft, ein begrifflicher Widerspruch eines unwidersprüchlichen Gefühls. Ich kann es nicht sagen. Ich habe dabei die Sehnsucht nach einem Menschen, dessen Züge im Dunkel bleiben. Ich kenne ich ihn nicht, und ich kann mir nicht denken, wer er sein könnte. Jemand müßte da sein und mir sagen, es ist gut, komm, ich erkläre es dir.
Ich erkläre dich dir selbst.

Nach Hause

Das Nachhausekommen gelingt nicht mehr. Du steigst aus dem Zug, gehst die stillen Straßen hinunter, schließt die Tür auf. Zuhause bist du nicht, lange nicht, lange nicht mehr gewesen. Trauer, wieder Trauer. Worüber? Über einen unnennbaren Verlust. Ohne Wortweiser. Die Gedichte rühren zu Tränen, aber du betrachtest sie von einer anderen Welt aus, von deiner Warte des Verlorenseins, und drüben, die Worte, die von je du kennst, sie haben sich aus dem Wirklichen gelöst, in das du auch eingebettet sein durftest, einmal, jetzt aber nicht mehr. Jahre und Jahre und Licht, den Duft der Tannen in der Nase, die Krähen, die Felder, an deren Stoppeln sich das Licht bricht, in die Ferne hinein, die dich immer auch enthielt, ein Stück weit, deine Ferne war, aber erst jetzt, wo du das kennst, bedeutet es etwas. Und auch dieses hast du verloren, wie die Heimat der Gedichte, an irgend einer Wegkreuzung hast du dich aufgemacht, aber wann das war, das bekommst du einfach nicht mehr zusammen, oder wo, fassungslos blätterst du die Tagebücher auf, da steht sie, die Jahreszahl, das Datum, aber wann das war? Nicht einmal deine eigene Schrift ist das doch noch, so krakelig, so steil und stolz, das sollst du geschrieben haben? Woher denn dieser Stolz? Nein. Das ist weg. Weg wie die Pfade, wie die Abenddämmerung, die Heimkehr, ja, die Heimkehr, dieser langsame Schritt in ein warmes Licht von Stube und Sorglosigkeit, Duft und Lernendürfen und Ruhe, dieses Nachhausekommen, das dir, egal, wo du wohnst, gleich wie die Laternen, die Fenster, die Eulen oder die Bahnen der Fledermäuse beschaffen sind, gleichwie, nicht mehr gelingen will, einfach nicht mehr gelingt.

tapp, tapp hinter mir her. jeder schritt, jede wendung, jedes stolpern, tapp, tapp. jedes zögern, jedes weiter, tapp? tapp!, jedes schreiten, jedes schlendern: tapp … tränen stehen wartend hinter wällen aus schalentieren. tapp … musik bricht nachmittageweis aus den gefäßen, ein klingender mehltau, abgeschwitzt aus der trägheit der stundenweiser und in die mittagshitze verzittert, die draußen vor dem fenster hockt und grinst, so geht es nicht weiter.

ich könnte so viele konjunktive. doch geschichten sind schwerer zu erzählen, als einem die bücher weismachen wollen.

ich könnte beobachten, und ich tus auch. ich könnte schreiben und ich tus auch. ich könnte mich untätig ins gras setzen und der sonne beim rollen zusehen. ich tus. beobachtetes beobachten. als könnte jemand seinen eigenen schatten einfangen und unter glas setzen. in meiner kindheit sagte man neber mir. ich horche. die entschlüsse brodeln. ehe sie sich milde in schlaf auflösen, dann ist wieder ruhe und die kurven sind still. so geht es nicht weiter.

jedes glück ein pakt. jedes aufatmen und aufbrechen eine übergangsregelung. jede sonne im gesicht aufschub. hinhalt. noch einmal und noch einmal und noch einmal pause. so oft sich sammeln und haltmachen, daß das sammeln und haltmachen zum lebensinhalt wird. wenn es nicht das eine ist, ist es das andere, manchmal rauschesgrelle am morgen, dann wieder tropft spermatöses erwachen von den wänden. tapp, tapp. folgt es mir, oder folge ich? je schneller ich renne, desto ruhiger wird alles. bleibe ich stehen, bricht der lärm aus gesichtslosen mündern. so geht es nicht weiter. so. nicht.

tapp, tapp, wohin des weges. kein weg mehr führt ins wasser, oder in den rausch blinder helligkeit, die das samenkorn in sich barg. nein, wir sind ja schon weiter, höchstens noch, daß die tage bäume schütteln. kenn ich schon kenn ich schon. von hier aus geht’s nach da und dann nach dort. träume schäumeln unentwegt. da sitzt etwa die alte auf der schwelle unterm feigenbaum, kinder spielen ausgelassen in geweißelten gäßchen, sonnenuntergang verheddert sich in piniennadelgrün, auf dem marmor klirrt eis und anis. wär das was?

tapp, tapp.

oder die uferpromenade, die man mit dem kinderwagen abfährt, während onkeltanten, gattin oder dergleichen am arm hängen, wär das was? sonntagnachmittage mit sahnetorte, die im magen schaukelt, schläfrigem bauchansatz und kindergeplapper und in gedanken weilt man schon beim braten, beim üblen projekt des montags, wär das was?

oder einfach weitermachen? aber das tut man ja sowieso, wenn man gar nichts tut. und das tut man meistens.

oder das haus am meer. da sieht man den eigenen riesen vor seinem schatten am schreibtisch sitzen, bücher neigen sich halbschattig aus dem regal, draußen kocht die see. wär das was. dazu müßte man jeglichen traum von sich getan haben: der da sitzt, ist ein riese ohne traum. oder er ist sein eigener traum, was auf dasselbe hinausläuft.

tapp, tapp, tagaustagein, bahnsteigauf bahnsteigab, von stadt zu stadt von haus zu haus. tapp tapp. wie licht über die stirn geworfen.

am heck stehen und dorthin sehen, wo längst keine küste mehr ist. tapp tapp, ist da wer. der versuch einer rettung scheitert täglich. mit jedem scheitern aber wachsen die heimstätten des riesen, die süßen höhlen, die stille ruh. die traumlose ruh.

(tapp tapp)

kein zuhause haust mehr, und die frage ist, ob es jemals anders war.

so geht es nicht weiter.

weiter geht’s.