non gaudio sed vitae

Beantragung eines Lehrerwechsels durch Frau Γι., W.s Mutter. Mögen sie glücklich werden mit einem anderen! Ich glaube es nicht. Abgesehen davon: schade. Ich mochte das Mädel, auch wenn es mit Latein auf dem Kriegsfuß steht und sich bis zuletzt standhaft weigerte, meine Eintrichterungen im Kopf zu behalten oder meine Ratschläge zu beherzigen. Ich werde die Stunden vermissen, und erst recht vermisse ich W. Wie ich sie ja fast alle vermisse, die irgendwann mal mit mir in ein Lateinbuch geschaut haben. Es ist nur natürlich, daß das Vermissen in den seltensten Fällen in beide Richtungen geht; aber so ist des Lehrers Leben nunmal. Dem liegt ja die Jugend stets mehr am Herzen, als der Jugend der Lehrer am Herzen liegt. Wir kümmern uns, wir machen uns Sorgen, wir wünschen den Erfolg der jungen Menschen, wir bangen und fiebern und leiden mit und freuen uns, wenn etwas gelingt. Und dann spazieren diese Menschen am letzten Schultag aus unserem Leben, um ihr eigenes zu beginnen, und wir, wir sind ja schon längst in dem unseren, und es ist eben, wie es ist, so erfolgreich oder erfolglos, wie es halt wurde. Ihre Geschichte beginnt, in der wir eine kurze Gastrolle spielen durften; unsere eigene, es fühlt sich in solchen Abschieden an, als wäre sie schon lange zu Ende.

Eine andere Sache ist der Mißerfolg, natürlich. Und daß ich raushören kann: „Mit dir hat es keinen Spaß gemacht.“ — Da hilft leider auch nicht die Einsicht, daß es darum, um Spaß nämlich, gar nicht geht. Daß Spaß beim Nachhilfeunterricht ein recht steiler Anspruch vom Schüler an den Lehrer ist. Und wenn ich es genau bedenke, so ist die Forderung, das Lernen müsse selbst und allein für sich schon Spaß bereiten, generell ein steiler Anspruch — an Lehrer, an Institutionen, an Methoden, an Lehrmittel. Dabei ist überhaupt nicht einzusehen, warum das Lernen Spaß machen sollte. Der Zweck des Lernens liegt in der Regel außerhalb seiner selbst. Der Zweck des Lernens ist nicht das Lernen selbst, sondern die erworbene Fähigkeit, und was sich mit dieser ins Werk setzen läßt. Ich lerne schreiben, damit ich, was unter günstigen Umständen Spaß macht, Gedanken schriftlich niederlegen kann, nicht weil schon das Kritzeln lauter Reihen mit a und e unterhaltsam wäre. Ich lerne stricken, damit ich einen Pullover herstellen kann, nicht weil die mühsame Aneignung von Maschen und Mustern schon Spaß machte. Wenn es bereits Spaß macht, dann ist das allenfalls eine nette Zugabe. Lernen ist kein Selbstzweck, andernfalls hieße es nicht lernen. Lernen hat immer ein Ziel, sonst ist es keines. Mag sein, dieses Ziel wird besser und schneller erreicht, wenn das Lernen Spaß macht, vielleicht ist aber auch das Gegenteil der Fall. Spaß muß Lernen im Grunde nur dann machen, wenn der Zweck des Lernens nicht einsichtig ist. Mit Spaß locken muß ich nur, wenn das Lernziel selbst nicht lockt. Lerne daraus jeder, dies auf unser Schulsystem anzuwenden und seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Die Pest auf Ägina (6)

Zurück in der grotesken Welt, zu Szenen, die an einen Monty-Python-Streifen erinnern. An den Toren staut sich der Verkehr, so zahlreich sind die Leichenzüge (Tote mußten bei den Römern außerhalb der Stadt beerdigt werden). Die Toten bleiben unbestattet auf der Erde liegen (eine schlimme Sache, weil die Seelen der Verstorbenen nicht in die Unterwelt einziehen können und keine Ruhe finden) oder werden ohne Zeremoniell auf den Scheiterhaufen geworfen. Vollends übersteigert ist die Vorstellung, daß um die knappen Plätze auf dem Feuer Kämpfe ausbrechen und man seine Verstorbenen auf anderer Leute Scheiterhaufen mitverbrennt (so wie es Leute gibt, die im Waschsalon ihre eigenen Klamotten in fremden Maschinen mitwaschen). Schwer fällt es da, noch ernst zu bleiben. Hier ist Ovid wieder ganz bei sich, solche ins Paradoxe getriebenen Bilder sind bis hinauf in die Exildichtung typisch für den Dichter.)
Leben und Sterben haben seine Ordnung; hier aber ist diese Ordnung auf den Kopf gestellt. Der Weg aus dem Leben, so sieht es aus, ist gestört, man bleibt im Wartezimmer der Unterwelt hocken, im Zwischenreich schweift man ruhelos dahin. Wenn das Leben nicht irgendwo weitergeht, wenn keine Jüngeren nachkommen, die die Älteren bestatten, wenn alle Mittel zu einer ordentlichen Bestattung fehlen, ist selbst das Sterben dem Chaos unterworfen.
***

Welche gestorben, die Körper, sie werden nicht mehr nach dem rechten
Brauch bestattet (von Leichenzügen verstopft sind die Tore):
Entweder bleiben sie einfach liegen, oder man wirft sie
ohne Ritus aufs Feuer; schon spart man sich jegliche Ehrfurcht,
kämpft um die Haufen, schiebt eigene Tote aufs Feuer von andern.
Keiner, sie zu beklagen, ist übrig, es irren die Seelen
unbeweint umher von Kind, Eltern, Jungen und Alten.
Voll sind die Gräber, es reicht nicht das Holz für so viele Feuer.

corpora missa neci nullis de more feruntur
funeribus (neque enim capiebant funera portae):
aut inhumata premunt terras aut dantur in altos
indotata rogos; et iam reverentia nulla est,
deque rogis pugnant alienisque ignibus ardent.
qui lacriment, desunt, indefletaeque vagantur
natorumque patrumque animae iuvenumque senumque,
nec locus in tumulos, nec sufficit arbor in ignes.

Die Pest auf Ägina (5)

In der Binnenerzählung wechselt hier nach dem einleitenden Wortwechsel mit seinem Gast Cephalus der Herr über Ägina, Aeacus, in die persönliche Perspektive. Handelte der vorige Abschnitt von der Unwirksamkeit jeglicher Heil- oder Linderungsmittel, kommt der vorliegende auf die vergeblichen Versuche zu sprechen, Hilfe wenn nicht von der Arztkunst so doch von höheren Mächten zu erlangen. Doch weit entfernt, mit Gebeten, Gelübden und Opfern etwas auszurichten, sterben die Hilfesuchenden vielmehr schneller, als sie beten, geloben oder opfern können: Die Gottheit, scheint es, hört gar nicht bis zum Ende zu, läßt die Betenden nicht ausreden. Es hat etwas von Genervtsein und Ungeduld. Schon wieder eine Bitte, ich hör mir das nicht mehr an. Oder von totaler Abwesenheit. Die Gottheit ist im Nebenzimmer beschäftigt, während vor der Tür die Menschen in Scharen sterben. Es entsteht ein Eindruck gößter Verlassenheit und Verzweiflung. Daß die Götter sich abgewandt haben, wird bei der Eingeweideschau noch deutlicher: die Eingeweide sind selbst von der Krankheit befallen, sie sind unleserlich, es ist ihnen nichts zu entnehmen, anders gewendet: die Zukunft ist krank, die Zeit und ihre Funktionen selbst ist krank, es gibt keine Wahrheit mehr, die Götter schweigen; man würde alle erdenklichen Opfer bringen, wenn die Götter nur einen Wunsch erkennen ließen, aber die Götter schweigen; man erklärt seine Opfer- und Sühnebereitschaft, aber die Götter schweigen; man sucht in der Eingeweideschau um Rat, aber die Götter schweigen auch hier; wenn aber die Götter als letzte Ratgeber verstummt sind, dann versagt jede menschliche und natürliche Ordnung, dann bleiben nur Chaos und Tod. Kein Wunder, daß manch einer letzteres wählt.

***

Frage nicht, wie es mir ging, was anderes sollte ich wünschen,
als, voller Haß auf das Leben, den Meinen zum Tode zu folgen?
Wo auch man wendete hin die Schärfe der Augen, es lagen
hingestreckt die Leute, so wie wenn die faulenden Äpfel
fallen beim Rütteln vom Zweig und beim Schütteln von Eichen die Eicheln.
Tempel sieht man daneben, von Treppenfluchten erhaben:
Jupiter sind sie geweiht. Wer hat nicht an diesen Altären
Weihrauch verbrannt umsonst? Wie oft hat, wenn Gattin für Gatten,
Vater und Mutter fürs Kind mit flehenden Worten gebetet,
unerhörten Flehens der Tod das Gebet unterbrochen,
fand sich noch, unverbrannt, in den Händen Stücke des Weihrauchs!
Und wie oft sind, zum Tempel geführt, wenn der Priester die Weihen
sprach und zwischen die Hörner den unerbittlichen Wein goß,
unerwartet, von keiner Wunde gefallen die Stiere!
Auch, als ich selbst dem Gott für mein Land und für die drei Kinder
opfern wollte, da ließen auf einmal die Stiere ein böses
Muhen ertönen, brachen zusammen, noch eh sie ein Hieb traf,
netzten mit spärlichem Blut das darunter gehaltene Messer.
Krank sogar ist die Leber, verloren die Zeichen der Wahrheit,
wie auch die Mahnung der Götter, das Eingeweide befallen.
Vor den geweihten Pfosten sah die Kadaver ich liegen,
vor den Altären selbst, daß umso gemeiner der Tod sei.
Manche, indem sie ihr Leben am Strick beenden, begegnen
Todesfurcht mit dem Tod und kommen zuvor ihrem Schicksal.

Quid mihi tunc animi fuit? an, quod debuit esse,
ut vitam odissem et cuperem pars esse meorum?
quo se cumque acies oculorum flexerat, illic
vulgus erat stratum, veluti cum putria motis
poma cadunt ramis agitataque ilice glandes.
templa vides contra gradibus sublimia longis:
Iuppiter illa tenet. quis non altaribus illis
inrita tura dedit? quotiens pro coniuge coniunx,
pro gnato genitor dum verba precantia dicit,
non exoratis animam finivit in aris,
inque manu turis pars inconsumpta reperta est!
admoti quotiens templis, dum vota sacerdos
concipit et fundit durum inter cornua vinum,
haud exspectato ceciderunt vulnere tauri!
ipse ego sacra Iovi pro me patriaque tribusque
cum facerem natis, mugitus victima diros
edidit et subito conlapsa sine ictibus ullis
exiguo tinxit subiectos sanguine cultros.
exta quoque aegra notas veri monitusque deorum
perdiderant: tristes penetrant ad viscera morbi.
ante sacros vidi proiecta cadavera postes,
ante ipsas, quo mors foret invidiosior, aras.
pars animam laqueo claudunt mortisque timorem
morte fugant ultroque vocant venientia fata..

Die Pest auf Ägina (4)

Die Lage spitzt sich zu im vorliegenden Abschnitt. Daß die Kunstfertigkeit dem, der sie anwendet, Schaden zufügt, ist ein häufiger Topos bei Ovid; als er am siebten Buch der Metamorphosen arbeitete, konnte er nicht ahnen, daß er den Gedanken in den Werken der Verbannung wieder und wieder auf sich selbst und seine unglückliche Lage literarisch anwenden würde: Sein dichterisches Talent, daß ihn die Kühnheit der Liebeskunst konziperen und ausführen ließ, hatte ihm die Verbannung eingetragen, die Kunst dem Künstler geschadet.
Typisch für Ovid sind die ans Groteske reichenden Übertreibungen: Das Fieber ist so hoch, daß die kalte Erde, auf die sich die Kranken zwecks Kühlung legen, sich erhitzt (fervet, das heißt, wird nicht nur warm, sondern „kocht“ oder „siedet“); die Kranken trinken vor Durst ganze Flüsse leer, und daß Schafe die Wolle verlieren, ist auch ziemlich unwahrscheinlich. Andere Beschreibungen dagegen scheinen nur zu plausibel, als daß es einem nicht kalt den Rücken runterläuft: Kranke trinken von kontaminiertem Wasser, weil der Durst sie so sehr quält; die Verwzeiflung läßt die Kranken das Haus verlassen und umherscheifen, in der Hoffnung, daß alles gut wird, wenn man nur den Ort meidet, an dem das Übel zuschlug. Daß die Bettdecke unerträglich wird, kommt auch in anderen Pestbeschreibungen vor, mir ist nicht bekannt, ob das ein beobachtetes Symptom oder nur ein literarischer Topos ist, da müßte man mal nachforschen. Von der grotesken Übertreibung gelangt Ovid unter Rücknahme der Mittel zu Schilderungen von eindringlichem Ernst. Im letzten Bild der Passage kehrt der Text wieder zu den meteorologischen Zeichen des Anfangs zurück: Die Sterbenden strecken die Hände flehend aus zu demselben Himmel, der schon zu Beginn „schwer auf die Erde“ gedrückt hat, und suchen in letzter Verzweiflung Hilfe von dort, woher das Übel seinen Anfang nahm. Unterstrichen wird der Ernst vom Versmaß, dem bei Ovid äußerst seltenen versus spondiacus..

Niemand, der Abhilfe wüßte, ja grade unter den Ärzten
um sich greift rasendes Sterben, und schadet den Heilern die Heilkunst:
ja, je näher der Arzt dem Kranken, je treuer die Pflege,
umso schneller kommt selbst er ans Sterben, und wenn erst auf Heilung
hin ist die Hoffnung und klar wird, daß endet die Krankheit im Tode,
geben sie auf und suchen nicht mehr, was helfen noch könnte:
Helfen nämlich kann nichts. Allenthalben verliert man die Hemmung,
legt sich in Quellen und Flüsse, bleibt liegen in breiten Zisternen,
aber das Naß, als den Durst zu löschen, ist schneller getrunken.
Schwer nach dem Trunk schaffen viele es nicht, sich noch zu erheben,
sterben vor Ort im Wasser, das dann wieder andere schöpfen;
Derart verhaßt ist das widrige Bett den Erkrankten, daß auf sie
springen, oder, wenn ihnen die Schwäche das Stehen vereitelt,
wälzen sie ihren Leib übern Grund. So fliehen das Haus sie,
jeglicher seines, und jedem ein Totenhaus scheint sein Zuhause,
denn, weil die Ursache unklar, so hat im Verdacht man die Orte;
teilweise konnte Halbtote man sehen – solang sie noch aufrecht –
wie auf den Straßen sie wankten, teils andre schon weinend am Boden,
wie sie die müden Augen in letzter Regung verdrehten;
und sie recken die Hand nach den Sternen des hangenden Himmels,
grad wo der Tod sie ereilt, so hauchen sie aus ihr Leben.

nec moderator adest, inque ipsos saeva medentes
erumpit clades, obsuntque auctoribus artes;
quo propior quisque est servitque fidelius aegro,
in partem leti citius venit, utque salutis
spes abiit finemque vident in funere morbi,
indulgent animis et nulla, quid utile, cura est:
utile enim nihil est. passim positoque pudore
fontibus et fluviis puteisque capacibus haerent,
nec sitis est exstincta prius quam vita bibendo.
inde graves multi nequeunt consurgere et ipsis
inmoriuntur aquis, aliquis tamen haurit et illas;
tantaque sunt miseris invisi taedia lecti,
prosiliunt aut, si prohibent consistere vires,
corpora devolvunt in humum fugiuntque penates
quisque suos, sua cuique domus funesta videtur,
et quia causa latet, locus est in crimine; partim
semianimes errare viis, dum stare valebant,
adspiceres, flentes alios terraque iacentes
lassaque versantes supremo lumina motu;
membraque pendentis tendunt ad sidera caeli,
hic illic, ubi mors deprenderat, exhalantes.

Die Pest auf Ägina (3)

Bald auch mäht die Pest die hilflosen Landmänner nieder,
und in den Mauern der großen Stadt errichtet sie Herrschaft.
Erst beginnt das Gedärm zu brennen, dann schleichendes Fieber
Rötung zeigt an und schmerzhaft keuchendes Atmen, von Feuer
anschwillt die rauhe Zunge, vertrocknet von hitzigem Atem
starren die Münder und schnappen nach Luft in mühsamen Zügen.
Bett und Lager sind unerträglich und jegliches Laken,
nackt auf die Erde legt man sich bäuchlings, doch wird nicht der Körper
abgekühlt von dem Grund, sondern heiß wird der Grund von den Körpern.

Pervenit ad miseros damno graviore colonos
pestis et in magnae dominatur moenibus urbis.
viscera torrentur primo, flammaeque latentis
indicium rubor est et ductus anhelitus; igni
aspera lingua tumet, tepidisque arentia ventis
ora patent, auraeque graves captantur hiatu.
non stratum, non ulla pati velamina possunt,
nuda sed in terra ponunt praecordia, nec fit
corpus humo gelidum, sed humus de corpore fervet.

Die Pest auf Ägina (2) (536–551)

Sterben von Hunden zuerst und von Vögeln und Schafen und Rindern,
Sterben von Wild auch anzeigt die plötzliche Wirkung der Seuche.
Fassungslos sieht die starken Stiere kippen der Landmann,
und wie plötzlich beim Werk sie sich krümmen inmitten der Furche.
Jämmerlich blöken die wolletragenden Herden der Schafe,
ganz ohne Schur, von allein fällt die Wolle, die Körper verfaulen;
Einstmals so flink, das Pferd, das prächtige Glanzstück der Bahn, geht
langsam zugrunde; des Preises und früherer Ehren vergessend
stöhnt es am Gatter, dem Tode geweiht durch wehrlose Schwäche.
Nicht denkt an Zorn noch der Eber, der Hirsch nicht, aufs Laufen zu setzen,
noch darauf sinnen, den wehrhaften Pflugstier zu reißen, die Bären.
Alles fällt in Erstarrung: in Wäldern, auf Feldern und Wegen
liegen die schwärenden Körper, Gestank verpestet die Lüfte.
Seltsam, daß Hunde das Aas nicht und auch nicht gefräßige Geier
noch die grauen Wölfe anrühren; so fault und zerfällt, was
tötet mit seinem Hauch und die Ansteckung weit übers Land trägt.

strage canum primo volucrumque oviumque boumque
inque feris subiti deprensa potentia morbi.
concidere infelix validos miratur arator
inter opus tauros medioque recumbere sulco;
lanigeris gregibus balatus dantibus aegros
sponte sua lanaeque cadunt et corpora tabent;
acer equus quondam magnaeque in pulvere famae
degenerat palmas veterumque oblitus honorum
ad praesepe gemit leto moriturus inerti.
non aper irasci meminit, non fidere cursu
cerva nec armentis incurrere fortibus ursi.
omnia languor habet: silvisque agrisque viisque
corpora foeda iacent, vitiantur odoribus aurae.
mira loquar: non illa canes avidaeque volucres,
non cani tetigere lupi; dilapsa liquescunt
adflatuque nocent et agunt contagia late.

#FlorentinischerLandsitz

Die Pest auf Ägina (Ovid, Metamorphosen VII, 523ff)

Schlimm war die Pest, die der Zorn der maßlosen Iuno den Völkern
sandte, aus Haß auf das Land, weil es trägt den Namen der Kebse*.
Da man das Übel für irdisch noch hielt und den boshaften Grund nicht
kannte für solches Verderben, wehrte man sich mit der Heilkunst:
Aber das Sterben hielt an, weder Pille noch Trank zeigte Wirkung.
Anfangs drückte der Himmel mit undurchdringlicher Schwärze
schwer auf das Land und hielt fest eine träge Hitze mit Wolken;
während viermal die Hörner verband und den Kreis wieder füllte
Luna, und, viermal geschwunden, zur vollen Scheibe heranwuchs,
wehte ein warmer Süd, der Hitze brachte und Pesthauch.
Fest steht, daß auch in die Brunnen und Tümpel gelangte das Übel,
und auch, daß Schlangen zu tausenden durch die verwilderten Felder
streiften, wobei sie mit bösem Geifer die Flüsse verseuchten.

dira lues ira populis Iunonis iniquae
incidit exosae dictas a paelice terras.
dum visum mortale malum tantaeque latebat
causa nocens cladis, pugnatum est arte medendi:
exitium superabat opem, quae victa iacebat.
principio caelum spissa caligine terras
pressit et ignavos inclusit nubibus aestus;
dumque quater iunctis explevit cornibus orbem
Luna, quater plenum tenuata retexuit orbem,
letiferis calidi spirarunt aestibus austri.
constat et in fontis vitium venisse lacusque,
miliaque incultos serpentum multa per agros
errasse atque suis fluvios temerasse venenis.

*Kebse: Die Najade Aigina war Zeus’ Geliebte. Der Sproß dieser Verbindung, Aiakos, wurde auf der gleichnamigen Insel geboren.

#FlorentinischerLandsitz

Livius, II,3

Obwohl es nun niemand bezweifelte, daß Krieg von den Tarquiniern drohe, geschah dies freilich später als von allen erwartet; im übrigen passierte etwas, womit keiner gerechnet hatte: List und Verrat machten die Freiheit ums Haar wieder zunichte. Es gab unter der Jugend Roms einige junge Männer von nicht eben geringer Abkunft, deren Lust und Laune unter der Königsherrschaft recht ungezügelt gewesen waren; den Tarquiniern Ebenbürtige und Gefährten, die es gewohnt waren, ihr Leben nach Königsart zu gestalten. Bestrebt, die alten Privilegien wiederzuerlangen, nachdem alle Bürger vor dem Gesetz gleich geworden waren, klagten sie untereinander, die Freiheit der anderen sei zu ihrer eigenen Knechtschaft ausgeschlagen: Der König sei ein Mensch, an den man sich mit der Frage nach Recht und Unrecht wenden müsse; er sei der Ort für Gnade, für Gunst; er könne in Zorn geraten und verzeihen; kenne den Unterschied zwischen Freund und Feind; Gesetze seien etwas Taubes, Unerbittliches, nützlicher und förderlicher für den Hilflosen als für den, der Gewalt besitze; sie kennten weder Großzügigkeit noch Nachsehen, wenn man mal über die Stränge schlage; angesichts so vieler menschlicher Schwächen sei es gefährlich, wenn einen allein die Unschuld am Leben ließe.

Cum haud cuiquam in dubio esset bellum ab Tarquiniis imminere, id quidem spe omnium serius fuit; ceterum, id quod non timebant, per dolum ac proditionem prope libertas amissa est. Erant in Romana iuventute adulescentes aliquot, nec ii tenui loco orti, quorum in regno libido solutior fuerat, aequales sodalesque adulescentium Tarquiniorum, adsueti more regio vivere. Eam tum, aequato iure omnium, licentiam quaerentes, libertatem aliorum in suam vertisse servitutem inter se conquerebantur: regem hominem esse, a quo impetres, ubi ius, ubi iniuria opus sit; esse gratiae locum, esse beneficio; et irasci et ignoscere posse; inter amicum atque inimicum discrimen nosse; leges rem surdam, inexorabilem esse, salubriorem melioremque inopi quam potenti; nihil laxamenti nec veniae habere, si modum excesseris; periculosum esse in tot humanis erroribus sola innocentia vivere.

Tüchtig (Ovid Ars II, 703-710)



Conscius, ecce, duos accepit lectus amantes:
     Ad thalami clausas, Musa, resiste fores.
Sponte sua sine te celeberrima verba loquentur,
     Nec manus in lecto laeva iacebit iners.
Invenient digiti, quod agant in partibus illis,
     In quibus occulte spicula tingit Amor.
Fecit in Andromache prius hoc fortissimus Hector,
     Nec solum bellis utilis ille fuit.

Siehe, in Mitwisserschaft beherbergt das Bett unser Pärchen:
     Muse, schließe die Tür, laß nun die beiden allein!
Ohne dich, ganz von selbst lassen Schmeichelreden sich hören,
     wird nicht die linke Hand untätig ruhen im Bett.
Merken werden die Finger, was alles man tun kann an jenen
     Stellen, wo insgeheim Amor die Pfeile benetzt.
So mit Andromache tat’s schon früher der tapfere Hektor,
     tüchtiger Recke im Krieg, tüchtig im Kriege nicht nur.

(Mit Ovid habe ich mich schon mehrfach beschäftigt, zuletzt hier und hier im Zusammenhang mit gewissen Skandälchen.)

un admirador

Wagen kann ich es nicht, zu leugnen die lockeren Sitten,
     oder für meinen Fehl heuchelnde Waffen zu ziehn.
Also gestehe ich frei, wenn Geständnisse irgendwie nützen;
     töricht der ganzen Schuld trete die Beichte ich an.
Hassen muß ich und will vergeblich nicht sein, was ich hasse:
     Ach, wie schwer ist die Last, die man zu lassen sich müht!
Denn es fehlen mir Kraft und Gesetze, mich selbst zu beherrschen:
     Wogen reißen mich hin, gleich dem gebeutelten Schiff.
Nicht ist’s nur eine Gestalt, die mich einlädt, mich zu verlieben:
     Tausendundeinen Grund gibt es, der Liebe mir weckt.
Sei es, daß eine so züchtig den Blick hält zu Boden geheftet,
     gleich muß ich brennen für sie, weil so viel Zucht mich bezirzt.
Ist eine wiederum frech, so verlieb ich mich, weil sie nicht blöd ist,
     und weil die Hoffnung besteht, daß sie auch frech ist im Bett.
Ist eine spröde und tut wie ein strenges Weib der Sabiner,
     glaube ich gleich, daß sie will, trägt nur die Nase recht hoch.
Bist du gebildet, entzückt deine Gabe erlesener Künste;
     bist du es nicht, mich entzückt einfach dein schlichtes Gemüt.
Nennt eine doch das Werk Kallimachs verglichen mit meinem
     bäurisch: Hach! Mir gefällt, der ich gefalle, sofort.
Will eine mich als Dichter zusamt meiner Dichtung bekritteln:
     wünscht’ ich, die Kritikerin setzte sich mir auf den Schoß.
Schreitet sie weich: die Bewegung entzückt. Eine andere mag hart sein:
     Weicher wird sie wohl sein, liegt sie erst neben dem Mann.
Dafür, daß eine süß singt und kunstvoll die Stimme läßt klingen,
     will ich der Sängerin Kuß rauben und schenken zurück.
Eine läßt laufen die Finger so artig auf klagenden Saiten –
     oh, welch kundige Hand! Lieben, wer könnte sie nicht?
Eine gefällt mir beim Tanz, wie sie windet die zahlreichen Arme,
     kreiseln in lieblicher Kunst läßt sie den biegsamen Leib –
Abgesehen von mir, der vom kleinsten Liebreiz gerührt wird:
     Hippolyt an meiner Statt würde hier gleich zum Priap!
Du, so groß wie du bist, du gleichst Heroïden, den alten.
     Füllen wirst du wohl ganz, lang wie du bist, mir das Bett.
Kurz ist die andre und darum recht handlich – ich schwärme für beide;
     denn meinen Wünschen entspricht Lang oder Kurz, ganz egal.
Putzt sie sich nicht, überleg ich, wie schön erst geputzt eine wäre.
     Putzt eine sich, ihren Reiz weiß sie zu stellen zur Schau.
Auf die Blondine flieg ich, ich fliege auch auf die Brünette,
     auch unter schwarzem Haar geizt nicht Frau Wollust mit Reiz.
Sei es, daß dunkles Gelöck über schneeweißen Nacken herabfällt,
     war doch auch Leda schön grade mit pechschwarzem Haar;
sei’s, es ist braun – auch Aurora war hübsch durch Locken wie Safran.
     Mythen jeglicher Art fügt meine Liebe sich ein.
Jugend reizt mich sowohl wie mich anzieht das reifere Alter;
     letzters ist besser im Bett, jenes ist besser fürs Aug.
Deshalb, was immer für Mädchen man stadtweit nur liebenswert fände,
     ernstlich in jede davon ist meine Liebe verliebt.

Non ego mendosos ausim defendere mores
     falsaque pro vitiis arma movere meis.
confiteor—siquid prodest delicta fateri;
     in mea nunc demens crimina fassus eo.
odi, nec possum, cupiens, non esse quod odi;
     heu, quam quae studeas ponere ferre grave est!
Nam desunt vires ad me mihi iusque regendum;
     auferor ut rapida concita puppis aqua.
non est certa meos quae forma invitet amores—
     centum sunt causae, cur ego semper amem.
sive aliqua est oculos in humum deiecta modestos,
     uror, et insidiae sunt pudor ille meae;
sive procax aliqua est, capior, quia rustica non est,
     spemque dat in molli mobilis esse toro.
aspera si visa est rigidasque imitata Sabinas,
     velle, sed ex alto dissimulare puto.
sive es docta, places raras dotata per artes;
     sive rudis, placita es simplicitate tua.
est, quae Callimachi prae nostris rustica dicat
     carmina—cui placeo, protinus ipsa placet.
est etiam, quae me vatem et mea carmina culpet—
     culpantis cupiam sustinuisse femur.
molliter incedit—motu capit; altera dura est—
     at poterit tacto mollior esse viro.
haec quia dulce canit flectitque facillima vocem,
     oscula cantanti rapta dedisse velim;
haec querulas habili percurrit pollice chordas—
     tam doctas quis non possit amare manus?
illa placet gestu numerosaque bracchia ducit
     et tenerum molli torquet ab arte latus—
ut taceam de me, qui causa tangor ab omni,
     illic Hippolytum pone, Priapus erit!
tu, quia tam longa es, veteres heroidas aequas
     et potes in toto multa iacere toro.
haec habilis brevitate sua est. corrumpor utraque;
     conveniunt voto longa brevisque meo.
non est culta—subit, quid cultae accedere possit;
     ornata est—dotes exhibet ipsa suas.
candida me capiet, capiet me flava puella,
     est etiam in fusco grata colore Venus.
seu pendent nivea pulli cervice capilli,
     Leda fuit nigra conspicienda coma;
seu flavent, placuit croceis Aurora capillis.
     omnibus historiis se meus aptat amor.
me nova sollicitat, me tangit serior aetas;
     haec melior, specie corporis illa placet.
Denique quas tota quisquam probet urbe puellas,
     noster in has omnis ambitiosus amor.

Ovid, Amores II,4

un admirador

Aestus erat, mediamque dies exegerat horam;
     adposui medio membra levanda toro.
pars adaperta fuit, pars altera clausa fenestrae;
     quale fere silvae lumen habere solent,
qualia sublucent fugiente crepuscula Phoebo,
     aut ubi nox abiit, nec tamen orta dies:
illa verecundis lux est praebenda puellis,
     qua timidus latebras speret habere pudor.
ecce, Corinna venit, tunica velata recincta,
     candida dividua colla tegente coma—
qualiter in thalamos famosa Semiramis isse
     dicitur, et multis Lais amata viris.
Deripui tunicam—nec multum rara nocebat;
     pugnabat tunica sed tamen illa tegi.
quae cum ita pugnaret, tamquam quae vincere nollet,
     victa est non aegre proditione sua.
ut stetit ante oculos posito velamine nostros,
     in toto nusquam corpore menda fuit.
quos umeros, quales vidi tetigique lacertos!
     forma papillarum quam fuit apta premi!
quam castigato planus sub pectore venter!
     quantum et quale latus! quam iuvenale femur!
Singula quid referam? nil non laudabile vidi
     et nudam pressi corpus ad usque meum.
Cetera quis nescit? lassi requievimus ambo.
     proveniant medii sic mihi saepe dies!

          (Ovid, Amores 1,5)

Heiß war’s, es hatte der Tag schon die Mittagsstunde durchlaufen;
     matt übers ganze Bett hatt’ ich die Glieder gestreckt.
Halb war das Fenster geöffnet, die Läden halb nur geschlossen;
     Dämmrung ähnlich dem Licht, wie es in Wäldern oft herrscht,
Zwielicht wie solches im Morgengrauen, wenn Phoebus davoneilt,
     wenn nicht ganz fort ist die Nacht, noch auch der Tag schon ganz da:
grad so ein dämmriges Licht muß schüchternen Mädchen man bieten,
     drinnen die ängstliche Scham hoffen kann auf ein Versteck.
Schau, Corinna ist da, ins Unterkleid lose gehüllt nur,
     während zwei Ströme des Haars bergen den schneeigen Hals —
So hat in ihr Gemach Semiramis, heißt’s, die berühmte,
     und, vieler Männer Schwarm, Einzug gehalten Lais.
Fort mit dem Rock — das Stöffchen verdarb mir ja eh kaum den Anblick;
     trotzdem kämpfte sie noch, sich zu bedecken damit.
Aber da sie so kämpfte, als wär ihr am Sieg nichts gelegen,
     ward sie nicht ungern besiegt durch ihren eignen Verrat.
Wie sie nun stand vor dem Aug mir, nachdem der Schleier gefallen,
     war an dem ganzen Leib nirgends ein Makel zu sehn.
Oh, was sah ich für Schultern, was sah, was berührte ich Arme!
     Oh wie des Busens Form war fürs Massieren gemacht!
Oh wie der Bauch so straff war unter den schüchternen Brüsten!
     Was für und Taille wieviel! Schenkel so jung und in Form!
Was soll ich Einzelnes durchgehn? Ich sah nichts nicht Lobenswertes,
     drückte die Nackte gleich fest an den eigenen Leib.
Wer kennt nicht den Rest? Ermattet ruhten wir beide.
     Ach, es möchten mir oft blühn solche Mittage noch!

Vom richtigen Strafmaß (Sallust, Catilina 51, 1-8)

Allen Menschen, ihr Herren Senatoren, die über verworrene Dinge beratschlagen, ziemt es, frei von Haß, Liebe, Zorn und Mitleid zu sein. Nicht leicht sieht der Geist die Wahrheit, wenn solche Gefühle ihn behindern, und es hat noch keiner gleichzeitig seinen Leidenschaften und dem gemeinsamen Anliegen gedient. Sobald man den Geist anspannt, ist er stark; wenn ihn die Leidenschaft besitzt, vermag er nichts. Ich könnte jetzt eine Menge Fälle erwähnen, ihr Herren Senatoren, wo Könige und Völker sich von Zorn oder Mitleid haben schlecht beraten lassen. Aber ich will lieber davon sprechen, wie unsere Vorfahren gegen ihre Herzensgefühle richtig und in der Ordnung gehandelt haben. Im Makedonischen Krieg, den wir mit dem König Perses geführt haben, war das große und prächtige Rhodos, eine Stadt, die durch die Unterstützung des Römischen Volkes aufgeblüht war, uns gegenüber treulos und feindlich gesinnt. Als aber nach Beendigung des Krieges über die Rhodier beratschlagt wurde, entließen unsere Vorfahren sie unbestraft, damit man hinterher nicht würde sagen können, der Krieg sei mehr wegen Reichtümern als wegen Rechtsverletzungen angefangen worden. Genauso war es in allen Punischen Kriegen: Während die Karthager im Frieden und zu Zeiten von Waffenruhe viele Greueltaten verübt hatten, taten die Römer selbst niemals etwas ähnliches: Sie fragten mehr nach dem, was ihrer würdig sei, als danach, was den Karthagern von Rechts wegen hätte widerfahren dürfen. So müßt auch ihr Sorge dafür tragen, ihr Herren Senatoren, daß die Verbrechen des Publius Lentulus und der anderen bei euch nicht mehr Gewicht haben als eure Würde, und daß ihr nicht euern Zorn mehr pflegt als euern Ruf. Wenn sich nämlich eine angemessene Strafe für die Verbrechen dieser Leute finden läßt, dann befürworte ich einen neuen Beschluß; wenn aber die Schwere des Verbrechens den Einfallsreichtum aller übersteigt, muß man meiner Ansicht nach gebrauchen, was die Gesetze hergeben.

(Die Caesarrede aus Sallusts Catilina wird gern in der Schule gelesen, daher hier eine Warnung an Schüler: Die vorliegende Übersetzung ist sehr frei und als Lösung für Hausaufgaben nicht geeignet!)

Omnis homines, patres conscripti, qui de rebus dubiis consultant, ab odio, amicitia, ira atque misericordia vacuos esse decet. 2 Haud facile animus verum providet, ubi illa officiunt, neque quisquam omnium lubidini simul et usui paruit. 3 Ubi intenderis ingenium, valet; si lubido possidet, ea dominatur, animus nihil valet. 4 Magna mihi copia est memorandi, patres conscripti, quae reges atque populi ira aut misericordia inpulsi male consuluerint. Sed ea malo dicere, quae maiores nostri contra lubidinem animi sui recte atque ordine fecere. 5 Bello Macedonico, quod cum rege Perse gessimus, Rhodiorum civitas magna atque magnifica, quae populi Romani opibus creverat, infida et advorsa nobis fuit. Sed postquam bello confecto de Rhodiis consultum est, maiores nostri, ne quis divitiarum magis quam iniuriae causa bellum inceptum diceret, inpunitos eos dimisere. 6 Item bellis Punicis omnibus, cum saepe Carthaginienses et in pace et per indutias multa nefaria facinora fecissent, numquam ipsi per occasionem talia fecere: magis, quid se dignum foret, quam quid in illos iure fieri posset, quaerebant. 7 Hoc item vobis providendum est, patres conscripti, ne plus apud vos valeat P. Lentuli et ceterorum scelus quam vostra dignitas neu magis irae vostrae quam famae consulatis. 8 Nam si digna poena pro factis eorum reperitur, novum consilium adprobo; sin magnitudo sceleris omnium ingenia exsuperat, his utendum censeo, quae legibus conparata sunt.

Muß lernen weh tun ….

Am schönsten ist der Nachhilfeunterricht, wenn Schüler anfangen zu verhandeln. Doch, das haben wir aber so gelernt!
Mag ja sein, es ist trotzdem falsch. Neulich wollte mir einer weismachen, studere heiße „studieren“. Der betreffende Satz war: Quintus Curius et M. Porcius Laeca Ciceronem necare student., „Quintus Curius und Marcus Porcius Laeca versuchen, Cicero zu töten.“ Zugegeben, studere ist im Deutschen manchmal kaum wiederzugeben. „Sich bemühen“, „nach etwas trachten“, „auf etwas sinnen“, „versuchen“, „sich anstrengen“ sind mögliche Übersetzungen. Nur eins heißt es so gut wie nie, nämlich „studieren“. „Das steht aber so im Buch!“
Und zum Beweis wird gleich das Vokabelverzeichnis aufgeschlagen, als glaube der Schüler im Ernst, ich würde mich irren.
Ich gestehe, daß solches Verhalten meine Geduld überstrapaziert. Ich verstehe ja, daß Lernen anstrengend ist; ich verstehe auch, daß Fehlerkorrekturen ebenso anstrengend und noch dazu frustrierend sind, weil etwas, das man bereits gelernt zu haben glaubte, noch einmal von vorne gelernt werden muß. Aber ist Lernen nicht genau der Punkt? Ich habe manchmal den Eindruck, hier wird gefeilscht um jedes Faktum, um jede Vokabel, um jeden Zusammenhang, um jede Formel. Um jedes Datenbit, das zusätzlich noch zu memorieren ist, als müsse der Schüler es mit blanker Münze bezahlen. Wenn ich etwas erkläre, merke ich genau, wie das, das ich erkläre, einfach nur abgenickt wird. Verstehen kostet zuviel Mühe, und warum sollte ich mir die machen, wenn ich auch so davonkomme? Bedeutet für mich als Lehrer: Ich muß jeden Scheiß mit Übungen abfragen. Das aber macht mir Mühe und dem Schüler auch keinen Spaß.
Was ich aber noch weniger begreifen kann, das ist die Sturheit mancher Schüler, die, statt eine Korrektur wenn auch zähneknirschend, so doch akzeptierend zur Kenntnis zu nehmen, darauf beharren, recht zu haben, als gälte es sonstwas. Was glauben die eigentlich, welchen Hanswurst sie vor sich haben? Der zweite Schüler an diesem Tag schlägt mir jetzt zum dritten Mal currere als Wort für „eilen“ vor, im Kontext, Die Königssöhne eilten nach Delphi, um das Orakel zu befragen. Nein, lieber D., die Königssöhne laufen nicht per pedes, sie lassen sich tragen und nehmen das Schiff, und wenn du noch so viele Vokabellisten findest, wo currere mit „laufen, eilen“ wiedergegeben ist.
Ich meine, was erwarten die? Daß sie triumphierend recht behalten werden? Oder ist das nur ein Trick, wertvolle Unterrichtszeit zu schinden?

Philemon & Baucis (Ovid, Met. VII 707-724)

„Priester zu sein, das ist unser Wunsch, euern Tempel zu hüten;
und, nachdem wir vereint des Lebens Spanne durchmessen,
daß uns vereint auch das Stündlein schlage, und ich nicht der Gattin
Grabmal erblicken muß, noch daß mich begraben muß jene.“
Wirklichkeit folgte dem Wunsch: So hüteten beide den Tempel,
Zeit ihres dauernden Lebens; bis daß sie, gebeugt schon vom Alter,
zufällig einmal standen am Fuße der heiligen Stufen,
eingedenk seiner Geschichte, und Baucis Philemon Blätter
knospen, und Philemon sah, wie Baucis mit Laub sich bedeckte.
Während die Zwillingsgesichter schon schwanden in wachsenden Kronen,
gaben sie Worte einander, solang sie noch konnten, „Ach, Lieber!“
sprachen zugleich sie „Leb wohl!“, und zugleich bedeckt die verhüllten
Lippen der Stamm: Bis heute zeigt dort der Bewohner Bithyniens
jene aus zwiefachem Leib gesproßten benachbarten Bäume.

„esse sacerdotes delubraque vestra tueri
poscimus, et quoniam concordes egimus annos,
auferat hora duos eadem, nec coniugis umquam
busta meae videam, neu sim tumulandus ab illa.“
vota fides sequitur: templi tutela fuere,
donec vita data est; annis aevoque soluti
ante gradus sacros cum starent forte locique
narrarent casus, frondere Philemona Baucis,
Baucida conspexit senior frondere Philemon.
iamque super geminos crescente cacumine vultus
mutua, dum licuit, reddebant dicta „vale“ que
„o coniunx“ dixere simul, simul abdita texit
ora frutex: ostendit adhuc Thyneius illic
incola de gemino vicinos corpore truncos.

Verschwörungstheorie (Livius, Ab Urbe Condita III, 10)

Im Jahr darauf setzte die Gesetzesvorlage des Terentilius, vom Collegium insgesamt eingebracht, die neuen Consuln unter Druck; Consuln waren Publius Volumnius und Servius Sulpicius. In diesem Jahr sah man den Himmel brennen, und die Erde wurde von einem gewaltigen Stoß erschüttert. Daß ein Rind gesprochen habe, noch im Jahr davor angezweifelt, hielt man jetzt für wahr. Neben anderen Vorzeichen regnete es Fleisch; es wurde berichtet, eine ungeheure Zahl von Vögeln habe im Flug danach geschnappt; was zu Boden gefallen sei, das habe mehrere Tage verstreut umhergelegen, ohne seinen Geruch zu verändern. Man ließ die Bücher durch die Zweimänner befragen; die Versammlung sagte eine Gefahr durch Fremde voraus und gab den Rat, sich eines Anschlags auf die höchstgelegenen Orte der Stadt sowie Blutvergießens von dort her zu versehen; unter anderem rief man dazu auf, Aufstände zu verhindern, was von den Tribunen gleich als Maßnahme zur Verhinderung des geplanten Gesetzes angeprangert wurde. Es gab eine ungeheuren Streiterei. Und siehe da, gleichsam damit in jedem einzelnen Jahr wieder die Runde daran käme, melden die Hernicier, daß die Volscer und Aequier, obgleich ihre Mittel beschnitten waren, ihre Heere aufstockten; zu Antium liege die höchste Kampfstärke; zu Ecetra würden die Kolonisten aus Antium offen Pläne schmieden; der und der sei der Heerführer, so und so sei die Schlagkraft. Sobald dies im Senat verkündet worden war, wird eine Aushebung angeordnet; den Consuln wird befohlen, die Leitung des Krieges unter sich aufzuteilen, so daß der eine sich um die Volscer, der andere um die Aequier kümmere. Die Tribunen ließen übers Forum erschallen, der Krieg der Volscer sei eine Mär, die Hernicier hätten ihre Rolle zu spielen sich bereit gefunden. Nun gerate die Freiheit des Römischen Volkes nicht einmal mehr durch Tüchtigkeit der Gegner in Bedrängnis, sondern werde durch einen Trick ausgespielt. Da es nicht mehr glaubhaft sei, daß die Volscer und Aequier, nahezu ganz vernichtet, aus eigener Kraft noch zum Krieg rüsten könnten, suche man sich eben neue Feinde; eine benachbarte treue Kolonie werde so durch den Dreck gezogen. Man erkläre zwar den harmlosen Antiaten den Krieg, geführt werde er aber in Wahrheit gegen die Römische Plebs, welche die Consuln mit Waffen zu beladen und in einem überhasteten Kriegszug aus der Stadt zu führen beabsichtigten, um auf diese Weise mittels Verbannung und Vertreibung der Bürger an den Tribunen Rache zu nehmen. Die Leute sollten also bloß von nichts anderem überzeugt sein, als daß das geplante Gesetz zunichte sei, falls sie nicht, solange die Sache noch heil, solange sie sich noch zu Hause aufhielten und Zivil trügen, dafür sorgten, daß sie nicht aus dem Besitz der Stadt verstoßen würden. Wenn der Sinn nur aufrecht sei, würde es nicht an Hilfe fehlen; die Tribunen hielten zusammen. Es gebe überhaupt keinen äußeren Schrecken, keine Gefahr; die Götter hätten im Jahr zuvor, als man in Sicherheit gewesen sei, Sorge dafür getragen, daß die Freiheit verteidigt werden könne. So sprachen die Tribunen.

Anno deinde insequenti lex Terentilia ab toto relata collegio novos adgressa consules est; erant consules P. Volumnius Ser. Sulpicius. Eo anno caelum ardere visum, terra ingenti concussa motu est. Bovem locutam, cui rei priore anno fides non fuerat, creditum. Inter alia prodigia et carne pluit, quem imbrem ingens numerus avium intervolitando rapuisse fertur; quod intercidit, sparsum ita iacuisse per aliquot dies ut nihil odor mutaret. Libri per duumviros sacrorum aditi; pericula a conventu alienigenarum praedicta, ne qui in loca summa urbis impetus caedesque inde fierent; inter cetera monitum ut seditionibus abstineretur. Id factum ad impediendam legem tribuni criminabantur, ingensque aderat certamen. Ecce, ut idem in singulos annos orbis volveretur, Hernici nuntiant Volscos et Aequos, etsi abscisae res sint, reficere exercitus; Antii summam rei positam; Ecetrae Antiates colonos palam concilia facere; id caput, eas vires belli esse. Ut haec dicta in senatu sunt, dilectus edicitur; consules belli administrationem inter se dispertiri iussi, alteri ut Volsci, alteri ut Aequi provincia esset. Tribuni coram in foro personare, fabulam compositam Volsci belli, Hernicos ad partes paratos. Iam ne virtute quidem premi libertatem populi Romani sed arte eludi. Quia occidione prope occisos Volscos et Aequos movere sua sponte arma posse iam fides abierit, novos hostes quaeri; coloniam fidam propinquam infamem fieri. Bellum innoxiis Antiatibus indici, geri cum plebe Romana, quam oneratam armis ex urbe praecipiti agmine acturi essent, exsilio et relegatione civium ulciscentes tribunos. Sic, ne quid aliud actum putent, victam legem esse, nisi dum in integro res sit, dum domi, dum togati sint, caveant ne possessione urbis pellantur, ne iugum accipiant. Si animus sit, non defore auxilium; consentire omnes tribunos. Nullum terrorem externum, nullum periculum esse; cavisse deos priore anno ut tuto libertas defendi posset. Haec tribuni.

Parsen Sie bitte diesen Satz

Ego enim adsentior eorum quae posuisti alterum alteri consequens esse, ut, quem ad modum, si, quod honestum sit, id solum sit bonum, sequatur vitam beatam virtute confici, sic, si vita beata in virtute sit, nihil esse nisi virtutem bonum.

Knifflig, was? Dies ist einer von diesen Sätzen aus der Feder des Meisters Cicero, bei dem man bei der Lektüre der Periode das dumme Gefühl hat, nach Ab- und Auftauchen aus der Verschachtelung nicht wieder in den Hauptsatz aufgestiegen zu sein, sich mithin irgendwo auf halbem Wege verheddert zu haben. Vielleicht hilft da eine Klammerung (zur besseren Übersicht sind die Klammern numeriert):

Ego enim adsentior eorum quae posuisti alterum alteri consequens esse, [1ut, [2quem ad modum, [3si, [4quod honestum sit4], id solum sit bonum3], sequatur2] [3vitam beatam virtute confici3], sic (sequatur)1], [3si vita beata in virtute sit3], [2nihil esse nisi virtutem bonum.2]

Im sogenannten Einrückverfahren:

ut
    quemadmodum
         si
             quod honestum sit
         id solum sit bonum
    sequatur
         vitam beatam virtute confici
sic (sequatur)
         si vita beata in virtute sit
    nihil esse nisi virtutem bonum

Eine besondere Schwierigkeit, die Kenner allerdings für eine besondere Raffinesse und stilistische Geschmeidigkeit des berühmten Redners zu halten geneigt sind, besteht darin, daß im letzten si-Satz die Reihenfolge der Einbettung umgekehrt wird, so daß, ehe der sic (sequatur)-Satz zu Ende geführt, ein weiterer Nebensatz eingeschoben wird. (Sie sehen, man fängt unwillkürlich an, diesen Stil zu kopieren.) Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Auslassung ausgerechnet des Verbs im obersten Gliedsatz, also im ut-Satz, das aus dem Vergleichssatz (quemadmodum … ) in der Parallele ergänzt werden muß.

Versuchen wir eine erste – zwar extrem wörtliche – Übersetzung, die aber die Verschachtelung eins zu eins nachzeichnet:

Ich stimme nämlich dem zu, was du behauptet hast, daß nämlich das eine aus dem anderen folge, so daß so, wie, wenn, was anständig sei, allein gut sei, folge, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, so auch, wenn das glückliche Leben in der Tugend liege, daß nichts gut sei außer der Tugend.

Mh. so daß so, wie, wenn, was – das ist noch kein Deutsch. Die etwas schwerfällige (tut mir leid, Cicero) id … quod-Konstruktion kann man auf Deutsch prima durch eine Nominalisierung ersetzen (das, was anständig ist = das Anständige. Durch Ergänzung des zu Ergänzenden, sowie ein paar Verdeutlichungen der Vergleichskonstruktion wird es noch durchsichtiger:

[…] so daß in der gleichen Weise, wie daraus, daß das Anständige allein gut sei, folgt, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, daraus auch folgt, daß, wenn das glückliche Leben in der Tugend liegt, nichts gut ist außer der Tugend.

Man ist im Deutschen außerdem gewohnt, die so … wie-Konstruktion umgekehrt aufzuziehen als es im Lateinischen üblich ist. Also:

[…] so daß daraus, daß das Anständige allein gut ist, ebenso folgt, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, wie auch, daß, wenn das glückliche Leben in der Tugend liegt, nichts gut ist außer der Tugend.

Nominalisierungen haben den Vorteil, daß sie ganze Nebensatzkonzepte in einem einzigen Wort bündeln, sich besser in einem komplexen Gedanken unterbringen lassen und also beim Lesen auch leichter interpretiert werden können. Das Verfahren hat aber seine Grenzen:

[…] so daß aus dem Alleinanspruch des Anständigen auf das Gute ebenso folgt, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, wie auch, daß die Tugendbasiertheit des glücklichen Lebens den Alleinanspruch der Tugend auf das Gute begründet.

(Die Stelle ist in Tusc. 5.21 zu finden. Es geht um die Frage, ob die Tugend allein zum glücklichen Leben ausreicht.)

Foedus antiquum (Livius, Ab Urbe Condita I, 24)

Zufällig gab es in den zwei Heeren Drillingsbrüder, im gleichen Alter und ungefähr gleich an Kraft. Daß es Horatier und Curatier waren, steht fest, und es gibt wohl keine Geschichte aus alter Zeit, die berühmter wäre. Dennoch bleibt selbst bei dieser so bekannten Überlieferung unsicher, zu welchem Volk die Horatier, zu welchem die Curatier gehörten. Die Autoren schwanken zwischen beiden; die die Horatier für römisch halten, sind aber zahlreicher, und ich bin geneigt, ihnen darin zu folgen. Die Könige verhandeln mit den Drillingen, daß sie jeweils um ihr Vaterland mit dem Schwert kämpfen; welcher Seite der Sieg zufalle, dort solle die Herrschaft liegen. Man hat keine Einwände; Zeit und Ort werden vereinbart. Vor dem Kampfe wird ein Vertrag zwischen Römern und Albanern geschlossen, daß der, dessen Bürger in dem Kampf siegreich seien, über das andere Volk ungehindert herrschen solle. Es wurden noch verschiedene andere Verträge geschlossen, aber alle auf die gleiche Weise. Folgender Vorgang ist uns überliefert, und es ist dies das früheste Zeugnis für die Schließung eines völkerrechtlichen Vertrags, das wir haben. Der Fetialis fragte Tullus mit diesen Worten: Heißest du mich, König, mit dem Pater Patratus des albanischen Volks einen Vertrag zu schließen? Und als der König es befahl: Ich fordere Gras von dir, König! Der König erwiderte: Hole reines Gras. Der Fetialis brachte frisches Gras von der Burg. Dann fragte er den König mit folgenden Worten: Mein König, machst du mich zum königlichen Boten des römischen Volks der Quiriten, zusammen mit meinen Werkzeugen und meinen Gehilfen? Der König antwortete: Wenn es ohne Schaden für mich und das römische Volk der Quiriten ist, tue ich es. Der Fetialis war M. Valerius; dieser ernannte Sp. Fusius zum Pater Patratus, indem er dessen Kopf und Haupthaar mit einem Olivenzweig berührte. Der Pater Patratus hat die Aufgabe, einen Eid zu leisten (patrare), das heißt, einen Vertrag zu weihen; dies vollbrachte er mit vielen Worten, deren langer, umständlicher Wortlaut die Mühe der Wiedergabe nicht lohnt. Nachdem die Vertragsbedingungen verlesen worden waren, sagte er: Höre, Iuppiter, höre, Pater Patratus des Volks der Albaner, höre, albanisches Volk! Von den Bedingungen dieses Vertrags, wie sie öffentlich zuerst und zuletzt von Holz oder Wachs abgelesen ohne Arglist, und wie sie hier und heute richtig verstanden worden, will das römische Volk nicht abweichen. Wenn das römische Volk zuerst nach öffentlichem Beschluß mit Arglist abweichen sollte, dann soll Jupiter das römische Volk so treffen, wie ich hier und heute dieses Schwein treffen werde; und dein Schlag soll umso schrecklicher sein, wie du schrecklicher schlagen kannst und mächtiger bist. Sowie er das gesagt hatte, schlug er ein Schwein mit einem Kieselstein nieder. Die Albaner schworen ihrerseits mit ihren eigenen Formeln, durch ihren eigenen Herrscher und ihre Priester den Eid.

Forte in duobus tum exercitibus erant trigemini fratres, nec aetate nec viribus dispares. Horatios Curiatiosque fuisse satis constat, nec ferme res antiqua alia est nobilior; tamen in re tam clara nominum error manet, utrius populi Horatii, utrius Curiatii fuerint. Auctores utroque trahunt; plures tamen invenio qui Romanos Horatios vocent; hos ut sequar inclinat animus. Cum trigeminis agunt reges ut pro sua quisque patria dimicent ferro; ibi imperium fore unde victoria fuerit. Nihil recusatur; tempus et locus convenit. Priusquam dimicarent foedus ictum inter Romanos et Albanos est his legibus ut cuiusque populi cives eo certamine vicissent, is alteri populo cum bona pace imperitaret. Foedera alia aliis legibus, ceterum eodem modo omnia fiunt. Tum ita factum accepimus, nec ullius vetustior foederis memoria est. Fetialis regem Tullum ita rogavit: „Iubesne me, rex, cum patre patrato populi Albani foedus ferire?“ Iubente rege, „Sagmina“ inquit „te, rex, posco.“ Rex ait: „Pura tollito.“ Fetialis ex arce graminis herbam puram attulit. Postea regem ita rogavit: „Rex, facisne me tu regium nuntium populi Romani Quiritium, vasa comitesque meos?“ Rex respondit: „Quod sine fraude mea populique Romani Quiritium fiat, facio.“ Fetialis erat M. Valerius; is patrem patratum Sp. Fusium fecit, verbena caput capillosque tangens. Pater patratus ad ius iurandum patrandum, id est, sanciendum fit foedus; multisque id verbis, quae longo effata carmine non operae est referre, peragit. Legibus deinde, recitatis, „Audi“ inquit, „Iuppiter; audi, pater patrate populi Albani; audi tu, populus Albanus. Ut illa palam prima postrema ex illis tabulis cerave recitata sunt sine dolo malo, utique ea hic hodie rectissime intellecta sunt, illis legibus populus Romanus prior non deficiet. Si prior defexit publico consilio dolo malo, tum ille Diespiter populum Romanum sic ferito ut ego hunc porcum hic hodie feriam; tantoque magis ferito quanto magis potes pollesque.“ Id ubi dixit porcum saxo silice percussit. Sua item carmina Albani suumque ius iurandum per suum dictatorem suosque sacerdotes peregerunt.

Hildegard von Bingen, Liber Scivias, Visio Prima

Vidi quasi montem magnum ferreum colorem habentem, et super ipsum quendam tantae claritatis sedentem, ut claritas ipsius visum meum reverberaret, de quo ab utraque parte sui lenis umbra velut ala mirae latitudinis et longitudinis extendebatur. Et ante ipsum ad radicem eiusdem montis quaedam imago undique plena oculis stabat, cuius nullam humanam formam prae ipsis oculis discernere valebam, et ante istam imago alia puerilis aetatis, pallida tunica sed albis calceamentis induta, super cuius caput tanta claritas de eodem super montem ipsum sedente descendit ut faciem eius intueri non possem. Sed ab eodem qui super montem illum sedebat multae viventes scintillae exierunt, quae easdem imagines magna suavitate circumvolabant. In ipso autem monte quasi plurimae fenestellae videbantur, in quibus velut capita hominum quaedam pallida et quaedam alba apparuerunt.

Ich sah gleichsam einen großen Berg in der Farbe von Eisen, und darüber schwebend, so hell, daß ihr Licht meine Augen blendete, eine Erscheinung, zu deren Seiten sich ein leichter Schatten wie Flügel von wundersamer Länge und Breite erstreckte. Und davor, am Fuß des Berges, stand eine Gestalt, die über und über von soviel Augen bedeckt war, daß ich keine menschliche Form darin ausmachen konnte; und vor dieser Gestalt eine weitere, knabenhaften Alters, angetan mit einem bleichen Mantel, doch hellweißen Schuhen, über deren Kopf eine solche Helligkeit von jener anderen Erscheinung über dem Berg herabfiel, daß ich ihr Gesicht nicht anschauen konnte. Aber von der Erscheinung über dem Berg gingen viele lebhafte Funken aus, die aufs angenehmste um diese Gestalten herumflogen. Im Berg selbst aber waren zahlreiche Öffnungen wie Fensterchen sichtbar, in denen, die einen bleich, die anderen weiß, gleichsam die Häupter von Menschen auftauchten.