Insulationen

Man sieht das Haus erst, wenn man schon fast mit dem Knie an das kauernde Dach stößt. Unvermittelt liegt es vor einem in der ebenen Senke, umstellt von Dünen, selbst kaum auffälliger als ein von Besenheide bewachsener Hügelrücken. Reetgedecktes Dach, die Tragkostruktion mit Tauen befestigte Stämme, aus der Mauer läßt sich ein einzelner Grassoden einfach so herauslösen. Ich hätte gern einen Blick hineingeworfen, aber zum ersten Mal, seit wir hier Urlaub machen, scheint die Tür verriegelt. Jungsteinzeit, auch so ein Wort. Nahebei liegt die Fundstätte zweier Gräber. In einer der unter rohen Steinen angelegten Grabkammern hat man einen trepanierten Schädel gefunden, dessen Besitzer jedoch den Eingriff nicht überlebt hat. Hundert Meter weiter finden aktuell Grabungen statt, man vermutet ein Haus wie das, vor dessen Nachbildung wir gerade stehen. Man versucht sich vorzustellen, was das für ein Leben gewesen sein mag. Die Insel noch keine Insel, sondern Sumpf- und Feuchtgebiet, sicher reich an Vögeln; kein Wald; verschwommene Küsten, weder richtig Land noch richtig Meer. In der Nähe Herdrauch, Tierwärme, Zugluft durch die Ritze, wo ein Grassoden fehlt. Auf der Infotafel Wörter wie „Fischfang“, „Dinge des täglichen Gebrauchs“, aber es bleibt reine Information, ohne Anschauung. Mit welchen Gedanken wurden die Menschen morgens wach? Was war ihr letzter Gedanke beim Schlafengehen? Was taten sie gegen Rückenschmerzen, gegen Langeweile, gegen Überdruß? Was hatten sie für Träume, für Hoffnungen? Was waren ihre Vorstellungen von der Welt und ihrer eigenen Rolle darin? Was hielten sie für den Sinn ihres Daseins? Was war für sie das gute Leben? Hier haben Menschen gelebt, gelitten, sich gefreut und geärgert, geliebt und gestritten, deren untergegangenes Leben (Durchschnittsalter, Fortpflanzungsrate, tägliche Kalorienaufnahme, Körpergröße) heute nur noch aus Zahlen besteht, sich nur noch in archäologischem Fachvokabular (Jungsteinzeit, Steingrab, Wall-Graben-Konstruktion) fassen läßt; voller Leerstellen, die nur die Phantasie zu füllen vermag. Und einen Moment später fragt man sich: was sind denn unsere eigenen Vorstellungen von der Welt und von unserer Rolle darin? Was sind unsere Träume und unsere Hoffnungen? Was ist unser letzter Gedanke vorm Schlafengehen? Und man fragt sich, ob jene Menschen damals nicht sehr viel besser über sich selbst bescheid wußten, als wir über uns.

Insulationen

Die Felder zwischen dem Wald auf der Inselmitte und dem Wattenmeer sind morgens hell, alles auf dieselbe Art nah, der Raum gleichmäßig und schattenlos ausgeleuchtet vom Schnee. Am Horizont ein Traktor, daneben ein Pferd, Scherenschnitte vor dem Himmelsschirm. Alles bewegt sich so langsam wie Minutenzeiger, und doch passiert ständig etwas. Gänse warnen einander auf einer Weide, Raben haben Ziele unter den Wolken, Wind sucht Löcher im Land, irgendwo muß das ganze Gestrüpp für das Biikefeuer liegen. Aber die Pfade enden ereignislos und stumpf vor Viehzäunen, Straßen kehren um und gehen die Strecke noch einmal, die Äcker stoßen erfroren ans Watt.

Insulationen

Gegen 15:00 noch einmal zum Dünenrand. Dort entlang zwischen den beiden Wegen. Einen Moment stehengeblieben: Eine Kiefer wackelt mit den Zweigen, ein vergilbter Grashalm zuckt, die Bürstchen der Besenheide strecken sich wie zahnärztliche Instrumente aus dem sterilen Schneeweiß. Man schaut wie auf ein Diorama in eine andere Welt. Im Rücken lärmt eine Motorsäge, rauscht eine Straße von Verkehrslärm; aber hinter der Absperrung dehnt sich Stille aus, die zu sandigen, schneeigen, wolkig sich aufhügelnden Dünen erstarrt ist. Aus den feierlichen Bezirken der Luft streicht unsicherer Vogelflug in die schnellere Zeit am Grund hinein.

Aequinoctium

Fernes Erinnern, verschachtelt in Schlaf, bald steigend ins Wachsein:
     Linie, aus Wirrnis getaucht, klammert an Farbe sich fest.
Farbe, als werfe der Monat Rettungsringe ins Zwielicht.
     Rings ums geöffnete Lid treiben die Schatten an Land.
Später ins Klare geprägt, wie Scherenschnitte aus Schnecken,
     weiß verblutend am Saum öffnen die Kelche das Maul.

Insulationen: Anläßlich des Verschwindens eines bekannten Videobloggers

Man muß ja nicht, wenn man sich schon nicht mit aller Macht gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik stemmt, diesem auch noch Vorschub leisten, indem man Verfall, Verlust und Vergessen befördert. Das Gute ist stets knapp — und geht von alleine flöten. Es gilt immer und überall, das Seltene, Flüchtige, Gute, Reiche und Schöne zu bewahren. Nur wir Menschen haben Archive und Museen und führen Tagebuch. Ich hätte gerne einen Film meines eigenen Lebens, in dem jeder einzelne Augenblick festgehalten ist — ja, auch die unangenehmen und peinlichen. Für niemand anderen als für mich. Ich stelle mir vor, daß, wenn mein Bewußtsein erlischt, dieser Film bleibt; daß, wenn kein neues Erleben mehr stattfindet, dieses Leben, dieser Film in alle Ewigkeit (aber was für eine Bedeutung hätte Ewigkeit in dieser Begrenzung?) bleibt, dieses Leben wieder und wieder erlebbar oder wenigstens nachvollziehbar bleibt für das Bewußtsein, das es einst eingesammelt hat. Das Böse, der Tod, das Ende, der Zerfall, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik ist unerbittlich — wo aber ist das unerbittlich Gute?

Odins Altersruhesitz

Auf die Einsamkeit des Ortes ist Verlaß. Niemand zeigt sich an diesem Feiertagmorgen auf dem Gipfel des Eichelberges (irgendwas über 500m, ein Turm aus Granit, Bänke und Tische) in den zwanzig Minuten, die ich dort frierend auf einem Wurstzipfel herumkaue, während die Sonne Mond übt, der Mond sich nicht blicken läßt, der Wind Reisekoffer über den Gipfel schleift und die Eichen mit den Zähnen klappern. Keine Stimmen, keine Hunde, kein noch so fernes Autogeräusch. Es knistert frierend und friert knisternd in den Baumkronen. Aber unbelebt ist der Ort nicht: erst dreht er die Wegezeichen um, dann, als ich umgekehrt bin und endlich auf dem richtigen Weg, stößt er mich mit einem trickreichen Rempeln ins Laub.

Diese seltsame Sucht des Menschen, überall Türme aufstellen zu müssen. Der auf dem Eichelberg taugt für nichts, nicht für Aussicht, denn die Eichen ringsum sind höher; nicht zum Zeichen (Drohgebärde, Orientierungspunkt) für andere, aus demselben Grund; die Zeiten, sich zwecks Schutzes vor Feinden in einer Burg zusammenzuscharen, sind auch vorbei, und was sollte man mitten im Wald verteidigen? Und doch, ein Turm muß es sein, und sei es auch nur, um darin Erbsensuppe mit Bockwurst anbieten zu können. Eine lässige Prahlerei: wir haben einen Turm! Mit Erbsensuppe! Man baut in die Höhe, wo das Gelände schon einen höchsten Punkt bildet, und setzt noch eins oben drauf. Niemand käme auf den Gedanken, in einem Talgrund einen Turm zu errichten. Man hat nach dem Aufstieg noch etwas, das einem selbst gehört, etwas Menschengemachtes, ein paar Stufen, als würde man nur so ein ganzer Mensch, wenn ganz oben das eigene Werk ist, wenn man auf steinernen Stelzen steht. Babels Fundament war mit Sicherheit ein Berg.

An diesem Winter- und Feiertag gibt es keine Suppe. Im obersten Stockwerk, wo man die Suppenküche vermuten darf, sind die Rolläden heruntergelassen, im unbeheizten Raum hinter den Granitmauern dürfte es ungefähr so gemütlich sein wie in einem Mausoleum. Immerhin, der Wind hätte es schwer, ins Gemäuer zu dringen, die Mauersteine liegen fugenlos aufeinander, die Tür paßt in ihren Rahmen wie ins Gehäuse eines Tresors, die Treppe zum Eingang liegt bescheiden wie ein Bettelpilger vor der Schwelle.

Früher habe ich in dieser Landschaft immer nur gesehen, was sie nicht war; in meinen Augen sah sie so aus, als sehnte sie sich danach, eine andere zu werden — und ich, gerade aus den Alpen heimgekehrt, die nun wieder für 11 Monate unerreichbar sein würden, teilte ihre Sehnsucht: nach etwas Wilderem, Größerem, Gefährlicherem. Nach einer Umgebung, in der ich selbst auch wilder, größer und gefährlicher sein würde. Alles schien mir damals besser als dieser Altersruhesitz für greise Götter, diese Handkäs-mit-Äppelwoi-Gegend mit ihren sanften rollatorgerechten Hügeln, ihrem behäbigen Klima, ihren schattenlos-breiten Tälern und den weichen Kuppen, für die das Wort Gipfel eine Anmaßung wäre. Diesen feuchten Wiesen und matschigen Anstiegen, die immer nur ein Anfang von etwas waren, das nie über dieses Anfängerstadium hinaus gelangte. Alles unter 3000m, so dachte ich damals, verlohnt nicht, daß man die Bergschuhe dafür schnüre.

Zurück aus den Alpen, mit stumpfgebrannten Adrenalinrezeptoren, das Auge voller Vertikalen, die Lunge geweitet von Höhenluft, und dann das hier: alles weit unterhalb der Baumgrenze, eis- und schneefrei, von Gletschern zu schweigen, und die einzigen Felsen lagen als Schottersteinchen zermahlen auf den Waldwirtschaftswegen. Die endeten dort, wo im Hochgebirge nicht einmal der Einstieg erreicht war, bevor das Bergsteigen richtig beginnen konnte, war es schon vorbei. Man fühlte sich wie in einem Käfig der Horizontalen gefangen. Dieses Land taugte einfach für gar nichts. Nicht einmal Höhlen gab es, in die man sich hätte abseilen können. Der Klettergarten im Steinbruch war genau das: ein Garten. Warum war ich nicht in einer Berghütte oder wenigstens in Martigny oder Chamonix aufgewachsen, wo ich mich schon hätte anstrengen müssen, um kein Bergsteiger zu werden. Warum war ich nicht auf einem Segelschiff, warum nicht wenigstens an der See geboren? Warum war mir das Segeln, warum war mir nicht irgendein Abenteuer in die Wiege gelegt? Niemals würde ich Mittelgebirgsbleichgesicht den Vorsprung einholen können, den die Kinder Chamonix‘ oder Zermatts natürlicherweise besaßen. Das einzige, was ich in die Wiege gelegt bekommen hatte, war eine Toleranz gegenüber Handkäs mit Musik.

Inzwischen muß ich nicht mehr in die Berge, und das Höher habe ich gegen das Weiter eingetauscht. Diese Landschaft zwischen Main und Neckar eignet sich hervorragend für 50-km-Märsche, wenn man es darauf anlegt. Anders als im Hochgebirge, wo man vom Tal zur Hütte in sechs, sieben Stunden kaum 5 km Luftlinie zurücklegt, kann man hier über die Hügel förmlich fliegen und dabei ordentlich Strecke machen. Ich sehe es meinem jüngeren Selbst nach, daß es diese Landschaft nicht zu schätzen wußte.

Diese Landschaft: Wenn es stimmt, was die Geologen sagen, und dies einmal einmal ein Hochgebirge war, dann erinnern sich diese Hügel nicht mehr an ihre wilde und schroffe Vergangenheit, eine Vergangenheit, so weit entfernt, daß sie mit modernen Zeitbegriffen nicht zu fassen ist. Was wir unter Vergangenheit verstehen, ist ein Teelöffel aus dem Ozean der Zeit. Und was hier noch steht, ist ein Rest, ein Sockel, ein von Wind und Regen heruntergekauter Zahnstumpf. Ich. Bin. Hier., murmele ich vor mich hin, als könnte ich damit einen Anker setzen: das war Jetzt. Und dieses Jetzt irgendwie auszeichnen gegen die unzählbaren Momente, die alle schon auf diese Berge geblickt haben und vergangen sind.

Nach Hause, dorthin, als wo ich nirgends bejahender zu Hause bin. Die Felder liegen schwarz und brach, die Schollen glänzen blankgeschliffen. Die Wege sind menschenleer, Baumwurzeln bohren sich durch zum Licht, der Wind hat die Pässe wieder für sich allein.

Insulationen

Man kann die See vom Weg aus nicht sehen, aber hinter den Dünen hängt ein grauer Film am westlichen Horizont, dort wirft das Wasser seinen Schatten an den Himmel. In einer Umkehrung der optischen Verhältnisse leuchtet die Landmasse Föhrs im Osten den Himmel über der Insel mit einer hellweißen Haube aus; wo das Land endet, senkt sich ein Schatten herab und löst sich in der Farbe des Meeres, daß es scheint, als schwebte die Insel gleich einem Augenschlitz in einem Element, das weder dem Wasser noch der Luft verwandt ist, aber von beidem sich die Licht- und Äthersubstanzen leiht.

Und dann, nach einem Tag, über dem der Himmel wie ein bleierner Sargdeckel lag, doch noch Sonne. Ein Vexierspiel aus verschiedenen Wolkentiefen, die alle aufeinander verweisen und der Helligkeit ausweichen; bis endlich ein Schleier so dünn wird, daß die Gleichung aufgeht und die Sonne auf einem Wolkenband nach Westen rollt. Bleich, eine papierene Krone, die Krümmung der halben Scheibe läßt auf etwas Größeres schließen, als das Gestirn, als was sich da mondähnlich über den Dunstwirbeln erhält. Schon halb fünf und noch so viel Weg bis zum Horizont. Als hätte der Winter den Mut verloren.

Mut zur Farbe: ein letztes Rotkehlchen am Futterhaus trotzt mit stolzer Brust dem Grau des Abends.

Die Leinen spannen sich von Dämmerung zu Dämmerung, halten mit Mühe die Dünen zusammen in ihrem windgefegten Gehege. Darin laufen die Hänge wie Tiere hin und her. Kiefern spähen über den Zaun, die Spione der Besenheide sind schon auf die andere Seite gelangt. Der Abend kommt früh, die Leinen gehen in der Dämmerung verloren. Eine Fußspur bleibt in den Schnee geprägt, wenn alles schon wieder zu Hause ist, in einer der schnuckeligen Häuschen im Kiefernwald, deren Lichter man durch die Zweige flackern sieht, davor das unschuldige Auto mit dem fernen Kennzeichen, das die Gäste hierher gefahren hat. Zu Hause ist hier niemand. Man tritt auf eine Straße, aus der Dunkelheit herangekrochen kommt, und über einem schreit eine Krähe. Plötzlich klingen nahebei Kinderstimmen auf, lachen, johlen, entfernen sich, zeigen sich nicht, bleiben Stimme, verstummen pfeifend und dünn in der sandigen Tiefe des Pfades. Jetzt heißt es, Fersengeld geben, bevor es dunkel wird. Doch jeden Schritt so vorsichtig setzen, als lauerten Scharen von Baumstümpfen vor den Zehen.

Insulationen

Auf dem gefrorenen Bohlenweg knackt es, wenn der schmale Eisfilm zwischen den schwingenden Brettern unter den Schritten bricht. Es hört sich an, als käme der Weg auf einem Holzbein hinterdrein gehinkt. Ich weiß, daß hinter mir niemand ist, ich habe mich schon dreimal umgedreht, aber, knack, knack, ich drehe mich auch noch ein viertes Mal um, felsenfest überzeugt, daß mir diesmal wirklich jemand auf den Fersen ist.

Wie aus einer nebligen Milch ragen die abgeblühten Fruchtstände der Calluna. Gerötete Schwielen, Frostbeulen, das Kameraobjektiv, eine schwarze, glänzende Sonne, bringt die erhoffte Wärme nicht.

Die Dämmerung bleibt lebendig. Der Schnee springt den Vögeln nach, ohne sie je zu fangen.

Das Ticken der Stricknadeln kann die Dämmerung nicht einholen. Schon hängt der Rettungsring mit dem recherchierbaren Schiffsnamen und Heimathafen (Erena Majuro) im Dunkel der frühen Nacht an seinem Gartenzaun, dient Landrattengeistern zur Rettung. Unterm Schnee Träume von Seeleuten, dick wie Teer sintert der Tee in der Kanne, die Nacht schwimmt allen Inseln voraus.

Bald übernehmen die Spiegelungen das Draußen.

Selten drängt sich der Grund unter den Füßen auf. Wörter wie Geestkern bleiben abstrakt. Felsen schafft es kaum an die Oberfläche, der Granit erstickt im Sand, was die See nicht beansprucht, fristet unter Dünen und Kiefern eine Art windgeschenktes Dasein.

Insulationen

(Vortag, Festland) Wind ohne Wellen, Wasser ohne Haltung. Aquarellierter Himmel, darunter liegen die Fernen dunstig und eng beisammen. Was man gerade noch sieht, ist schon unzugängliches Sagenland: tropische Wälder auf Inseln, Türme von Schlössern, Leiber wandernder Tiere am Horizont. Der Wind hält sich mit dem Wasser nicht auf, er kommt direkt vom Horizont herangeflogen.

Wir sitzen in den Spiegelungen der Fenster beim Frühstück, es ist sieben Uhr, noch Nacht in diesen Breiten, die Lichter des Fähranlegers schweben in der Dunkelheit, mal weiter, mal näher, je nachdem man die Höhe überm unsichtbaren Wasser schätzt. Wir sehen die 7:15-Fähre, die Brücke dunkel, hinter den Panoramafenstern des Zwischendecks glimmt eine schwache Beleuchtung. Die Tage sind kürzer als im Süden, wo wir herkommen, und wo um diese Zeit schon der Morgen graut. Erst Ende März werden alle gleichauf sein, bevor der Norden überholt.

Eine kaum merkliche Verschiebung der Fensterreihe des Zwischendecks verrät, daß die Fähre ablegt, dann erscheint ein bislang verdecktes Positionslicht, dann ein weiteres. Der Körper wendet sich, die Masse löst sich von der Verankerung und nimmt, nunmehr voll sichtbar mit allen Positionslichtern, Kurs auf jene schmale Lichterkette, fern wie eine Milchstraße, die das nächste Eiland bezeichnet. Dazwischen, irgendwo weit draußen, blinkt eine Fahrrinnenboje grün — später, bei Tageslicht, wird man sehen, daß sie kaum hundert Meter vom Ufer entfernt in der Hafeneinfahrt installiert ist. Im Scheinwerferlicht sieht man das Wasser am Bug wie ein Knäuel Mäuse aufschäumen und ins Schwarze der Nacht zurückwallen. Bis die Fähre um die Landzunge der Insel herum verschwunden ist, hat auch der Tag dort das ferne Ufer erreicht.

Zur Schlachtbank

Oh ja! Einmal im Jahr dürft ihr böllern und einmal im Jahr an Karneval die Sau rauslassen, und ihr rollt vor Entzücken eure rosige Zunge im Maul wie die Wilden, als man ihnen Glasperlen gegen Gold anbot. Unbezahlbare Mieten, Hungerlöhne, Lebensmittelpreise zum Niederknien — egal! Aber wehe, es erfrecht sich einer, euch das Böllern und das Karnevalssaufen zu nehmen — dann begehrt ihr auf, die Fäuste voll Explosivstoffe, im Gesicht eine Clownsnase, und nennt es wütend eure Freiheit — statt endlich von eurer wahren Freiheit Gebrauch zu machen. Ihr habt keine Ziele, keine Träume und eure Phantasie reicht nicht weiter als euer nächster Video-Werbeclip. Geht mir weg, ihr braven, harmlosen Schafe. Mit euch habe ich nichts zu schaffen.

Heiliger Abend

Noch eine kleine Runde, und dann ist es geschafft. Wind staucht die Wege, die Hügel rücken zusammen, Krähen fallen dem Gewölk in den Schoß. Die Menschen eilen nach Hause, als schlüpften in ihren Manteltaschen Küken. Zwei Esel auf der Weide grasen in Ruhe, sie haben schon alles gesehen. In der hereinbrechenden Dämmerung wandern die Glocken wie Bettler von Turm zu Turm.

Noch einmal in O.

Lange habe ich dieses Glücksgefühl nicht mehr gehabt. Ich fuhr mit dem Zug nach Alsheim, saß alleine am Fenster, den Blick hinaus gerichtet, ziellos, wie wenn man das Auge Gassi führt. Hinter den Scheiben kein Wetter, weder richtig Wolken, noch Sonne, keine Schatten, die Strecken flachgestrichen, die Tiefen nur Erzählung, Gemälde, und darin alles an seinem Platz, das Bekannte wie das Unbekannte, ich kann nicht sagen, daß ich diese Böschung, diese Brücke, diese Stück Zaun oder Hecke mit den verwelkten Brombeerranken wirklich kenne, auch nicht die Pferde auf der Weide, den Kirchturm, den Waldrand, die Fahnenstange überm Schrebergarten, die Weinreben; aber es sind Typen, die mir vertraut sind, Variationen über ein Thema, das ich in- und auswendig kenne, so sehr, daß ich weniger Betrachter als Teil des Betrachteten bin, weder der, der über diese Umgebungen nachdenkt, noch der Gedanke selbst. Ein Stück Weg schob sich aus einem Acker ins Blickfeld, Telegraphenmasten holten die Ferne ein, und plötzlich war ich genau so sehr am Platz wie alles andere auch unbestreitbar am Platz war, als hätte etwas eingerastet. Es war wie eine immense Erleichterung, als höbe sich eine Last von den Schultern, als löste sich eine Sorge auf, von der ich bis zu diesem Moment gar nicht wußte, daß sie mich bedrückt hatte. Es hatte etwas damit zu tun, daß ich mich zu Hause fühlte, angekommen, mit einer freudigen Überraschung, die darin lag, zu bemerken, daß ein lange Vermißtes die ganze Zeit zu Händen, in der Nähe und greifbar gewesen sei und nun nie mehr fehlen würde.

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Nach ein paar Kilometern von Alsheim nach Norden haben wir dann an einem Wingertsturm halt gemacht, jetzt sitzen wir Brote kauend im Durchzug und sind in Minuten durchgefroren. Ein schwarzer Fleck am Boden verrät, daß jemand versucht hat, in dem Raum ein Feuer zu machen. Augenscheinlich war ein Kunststoff mit in den Flammen, denn der Beton ist verkrustet von einer harten, aus dem Flüssigen wiedererstarrten Masse. Ich schüttele den Kopf und schimpfe laut und heftig, da sei wieder jemand zu dumm gewesen, einen Eimer Wasser umzukippen. Ich bin überhaupt, stelle ich mehrmals fest auf dieser Wanderung, sehr laut „Aber das ist nicht gerecht!“). Ich registriere es und kann es nicht abstellen, als müßte etwas Aufgestautes, Hintangehaltenes immer wieder nach draußen. Ich bin grundgereizt, vielleicht geht es wie mir vielen, aber warum ändert sich dann nie etwas? Will ich diesen zornigen Ausbruch, dieses Geschimpf wirklich in Erinnerung behalten für später, wenn ich an unser klammes Frühstück zurückdenken werde?

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Es ist ein Tag mit einem Licht wie aus niederländischer Malerei geborgt, nicht ganz echt, als könnte jederzeit sich ein Riß in der milchig grundierten Leinwand zeigen. Was man sieht, ist, so deutlich es sich in der Ferne auch zeigt, nie ganz wirklich, es ist wie ein Name, ein Zeichen für die Sache selbst. In diesem hellen Dunst glaubt man den Einzelheiten ihre Existenz nicht, glaubt nicht, daß man sieht, was man sieht, als müßte es einem jemand erst erklären. Immerhin, der Odenwald, das muß der Odenwald sein. Aber schon die Fabrik mit dem Schlot, an dem fortwährend die gleiche Abgasfahne klebt, schwebt mal wie auf hoher See, wenn der Gebirgsrand sich hinter Schleiern zurückzieht, läßt sich dann wieder im Raum verorten, mit anderen Strecken und Winkeln in Beziehung setzen, wenn die Hügel als Grundierung wieder sichtbar werden. Die Ortschaften und Straßen sind mehrfach deutbar, als Nähe oder als Ferne, und mehrfach versuchen wir, den Rhein zu identifizieren, lassen uns mehrfach von flachen Gebäuden und Agrarfolien narren. — Die Ebene scheint abgerutscht von den Hängen, über die wir spazieren, die Straßen lärmen darin herum, ab und zu zeigt sich in der Ferne das Ziel, die Zeichnung eines Kirchturms am Hang.

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Das Sehen an diesem Tag ist wie Segeln, man braucht dichtgeholte Schote, sonst landet man sonstwo. Das Weite der Ebene mit ihren Strecken und Panoramen entfaltet sich ins Innere des Betrachters hinein, und indem es das Bewußtsein mit etwas füllt, das leichter ist als Luft, läßt es die Schritte fliegen.

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Wir kennen uns seit Jahren, und seit ebenso langer Zeit gehen wir wandern. Wir kennen uns gut genug, um einander diese Sehnsucht nicht mehr mitteilen zu müssen, wir wissen beide, was das andere denkt: einmal mit einer großen Kelle aus der Zeit schöpfen! Nicht lange planen, einfach hinauslaufen in diese weiche, gemalte Landschaft, ihr auf den Pelz rücken, an der Leinwand kratzen, bis sie ihr Geheimnis preisgibt; diese flusige, aufgeweichte Ebene überqueren und in den Bergen auf der anderen Seite verschwinden, in den Schluchten, Spalten und Falten, wo uns keiner kennt und wir sein dürfen wer wir sind.

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Aber dazu wird es nicht kommen. Selbst um einen Ausflug wie diesen müssen wir ringen. Schon zeigt sich die Kirche zum Greifen nahe, eben noch schien sie viele märchenhafte Meilen entfernt. Ruinenfenster rahmen die Ferne, halten unseren Weg an der Leine, halten ihn für Augenblicke fest, ehe wir uns abwenden; wir umrunden den Kirchenbau, tun einen Blick hinein und schließen unsere Wanderung im Ort bei Kaffee und Kuchen ab. Ringen um Zeit, ringen um gemeinsame Fluchten, abgetrotzt den prosaischen Verhältnissen. Und schon sind wir am Ziel, die Meilen haben uns betrogen, die Zeit sowieso. Wie immer denke ich, ich bin nicht wach genug gewesen.

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Auf der Rückfahrt sah ich noch einmal das grüne Dach des Wingertsturms in den Höhen, und es erschien mir absolut unglaubhaft, daß wir vor einigen Stunden dort gesessen haben sollten. Dieser Ort war in diesem Moment leer; er existierte vermutlich, aber niemand betrachtete ihn. Er war wieder so leer, wie er es war, bevor wir dort frühstückten. Es gab keine Beweise für unser Dasein, und wenn es sie gegeben hätte, wären sie nutzlos gewesen. Ein Schwarm Vögel stob vom Acker auf, das Gras leuchtete plötzlich, die flatternden Leiber funkelten in einem Sonnenstrahl. Fort war der Dunst: Das Licht meißelte Wege und Pappelreihen konturscharf aus der Tiefe der Ebenen. Oben trug der Turm seine leere Kammer zum Horizont, ehe er aus dem Zugfenster verschwand, und da war es wieder, als hätte es uns nie gegeben.

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Einen Tag später der dämmrige, nebelige, sanft verregnete Wald mit seinen steilen, tropfenden Wegen, dem vergeßlichen Laub, den schrottreifen Farnrotoren, den sabbernden Rinnsalen; das Regengetröpfel lief als Gerücht überall herum, irgendwo verbargen sich Rehe; Steine glänzten fett, wie Wahrheiten, die sich als schmucke Lügen tarnen; der winzige beobachtbare Ausschnitt der Welt war auf geheimnisvolle Weise vollständig und zugleich offen, grenzenlos, und ich dachte, daß es keinen schöneren Ort gebe auf der Erde.

Hürxberg

Man muß in allem viel wacher werden. Mit dem Ohr ganz nah ans Räderwerk der Zeit gehen, bis man die Mechanik hören kann. Die Fragen fragen lassen, bis sie von selbst verstummen. Vorsatz: Die Tagträume wieder ernst nehmen. Überhaupt mehr träumen. Wacher träumen.

Musterung

Der berüchtigte Griff in den Schritt bei der Musterung („Husten Sie mal!“) ist neben der subtilen Demütigung eine symbolische Aneignung, rituelle Besitzergreifung. Die Geste besagt, Schau her, wir, der Staat, dürfen dir ungestraft an die Eier fassen, und du kannst gar nichts dagegen tun; auf unseren Wink mußt du die Hose herunterlassen, vor uns bist du nackt bis in die intimsten Stellen; unserem prüfenden Griff entgeht nichts: Du gehörst uns ganz. So ist der Griff nach den Testikeln, vollkommen überflüssig zur Feststellung der Wehrtauglichkeit, als ein Vor-Griff zu verstehen, auf die echte, die totale Verfügung, wenn im Ernstfall derselbe Staat den jungen Mann kraft dieser Verfügungsgewalt schwerer Verwundung, Verkrüppelung oder dem Tod preisgibt, sobald es seinen, des Staates, Zwecken dienlich ist.

Hürxberg

In Minuten wandelt sich der Himmel überm Hügelkamm. Erst zarte Wolkenschlieren wie Fehler in einem Bergkristall; dann ein boshaftes Leuchten unter dem aufgeworfenen, vernarbten Lid quellender Wolken; dann verödete Ebenen, wie der Spiegel von Schlachtschauplätzen. Den Pinselbaum habe ich gestern beim Wandern aus den verschiedensten Perspektiven zu erkennen geglaubt. Jetzt scheint er für die Gültigkeit dieser Blickwinkel zu nah. Noch später aufgeklart, die Meßfühler kleiner schmaler Wolken greifen den Sonnenschein ab und ziehen schnell weiter. Frühlingshaftes Licht kurz darauf, fleckiges Gewölk malt Idyllen an den blaßblauen Himmel. Bald darauf, beim nächsten Blick empor, ist das Gewölk wie mit Brausepulver aufgequollen. — Unterdessen am Grund das Irrlichtern von Farbe an den letzten Stockrosen. Man hält für fremden Lack, was sich noch an die verhärteten Stämmchen klammert. Die Krone des Nußbaum voll zergrübelten, schütter zweifelnden Laubs. Das Grün plötzlich nach Moll wechselnd. Wo wir noch einen satten Dur-Akkord im Ohr zu haben glaubten. — Und endlich stoppt das Drama oben, die Sphären kommen zur Ruhe, und der Himmel bedeckt sich mit einem blinden, hellen Schirm.

Aequinoctium

Ufer raffen die Säume, sie streben hinauf zu den Bäumen.
     War es wie ehmals im Traum, daß sie der Spiegel erschreckt,

war es ein Falter, ein Schnabel, der Fuß eines schnelleren Mondes.
     Oben wispert, was floh, opfert die Steine dem See.

Leise schaffen am Fels die teuer verdungenen Wellen.
     trennen den Spiegel auf, lösen die Masse vom Bild.

Vögel wohnen noch fort im großen Gedächtnis der Stille.
     Halten das Schweigen noch wach, wie es sich selber belauscht.

Alles hat sich geborgt ein Gehäuse des größeren Raumes.
     Dunkel wie er ihn fand, legt sich der Wind auf den Stein.

Schachtel um Schachtel enthüllt die Nacht ihre samtenen Kleider.
     Drüben, vom Schilfrand gebannt, wohnt noch der gestrige Tag.

Mond im August

Und plötzlich der Mond im Fenster, als wäre der Trabant von langer Reise heimgekehrt. Als ahnte er auch, wir haben ihn nicht vermißt bis zu diesem Moment, da wir wach wurden, wer weiß von welchem Geräusch, und uns wunderten über den fremden Schimmer, der als Gast im Fenster hing; und doch als Heimkehrer hier zuhause war; wie jemand, der Hof und Tore, Dächer und Geländer, Winkel und Einlässe in Augenschein nimmt und prüft, ob nach der langen Abwesenheit noch alles am Platz ist. Da vermißten wir ihn nachträglich und erkannten, wie sehr wir uns gesehnt hatten nach wir-wußten-nicht-was, dabei war es immer dieses Licht gewesen, das uns gefehlt hatte. Wo war er gewesen, der Vermißte? Mit Wolken gerungen, gegen die Erdschwere gelaufen, in den eigenen Meeren erdunkelt? Hatte er die Seiten getauscht und uns zwei Monate lang seine schwarze, sternenbesäte Rückseite zugewandt? War er ins Schleudern geraten und mußte hinter allen Kimmen untergehen, um schlimmeres zu verhindern? Nun war er wieder da und forderte nichts. Seine Meere lagen ruhig und windstill überm Äther und klammerten sich fest an seine ausgependelte Masse. Seine dunkle Seite war wieder voller Sterne und auf der Rückseite verborgen, und sein Licht fand alles unverändert hienieden, nur daß vielleicht ein Seufzen ging, durchs Feld, durch Ähren, durch die Eichen, die nicht ahnten, daß sie sich in dieser Nacht an ein altes, fast vergessenes Gedicht erinnerten.

Wuppertalsperre

Wie das Wasser jede noch so geringe Beunruhigung zur Angst verstärkt: Der Gedanke, es könnte ja gewittern, ließ mich neulich sofort zum Rucksack zurückschwimmen; dabei war gar kein Gewitter vorhergesagt; und auch nicht das geringste Anzeichen einer solchen Wetterentwicklung (regnerisch, ja, aber nicht wüst und wild) erkennbar — es reicht, den Gedanken zuzulassen, und schon verwandelt sich die zwar nicht freundliche, aber insgesamt öde-harmlose Szenerie in die Kulisse eines tödlichen Dramas. Und ist es nicht immer so mit der Angst? Man darf sie nicht zulassen, andernfalls gewinnt sie Macht über einen.

Am nächsten Tag dann fast ganz gekniffen und umgekehrt, noch bevor auch nur die Zehen naß wurden, so unfreundlich, so abweisend, so diffus-bedrohlich war die Landschaft, dieses Jahr verbreitet sie aufgrund des geringen Wasserstandes und den kahlen, von den unterschiedlichen Wasserpegeln der letzten Jahrzehnte bebänderten Uferstreifen den Charme eines Industriekanals. Es ist eine Landschaft, in der man jederzeit auf an rostigen Zäunen hangende totenkopfverzierte Warntafeln zu stoßen glaubt. Dazu regnerisch, windig, die Luft schon so fröstelig, daß jeder Gedanke ans Schwimmen Gänsehaut bekommt. Also rein, trotz allem. Es ist kalt, aber ich habe jeden Vergleich verloren, die Temperatur ist dieses Jahr zu launisch, es waren schon 24°, jetzt sind es höchstens noch 21°, doch diese Schätzung hat nichts mehr, woran sie sich orientieren kann. Immerhin einen guten Kilometer geschwommen, eingestiegen auf der Höchstener Seite, weil am gewohnten Ort die Ufer infolge des gesunkenen Wasserstands so steil sind, daß man klettern muß, diagonal rüber, dann am Lenneper Ufer bis fast gegenüber der Spitze, Querung und zurück. Sicher Einbildung: das knarrende Geräusch, das ich auf einmal unter Wasser gehört haben will; als drehte jemand am verschleierten Seegrund Radbolzen fest. Ein interessanter Gedanke an Land, läßt mir die Idee im Wasser und knapp bei Atem das schon ziemlich kühle Blut in den Adern stocken. Sehr entmutigend auch der plötzlich einsetzende Regenschauer, denn ich bin mit dem Fahrrad da, ohne Schirm, und wenn es jetzt anfängt zu schütten, brauche ich mich an Land gar nicht erst abzutrocknen. Aber der Regen hört gleich wieder auf. Ich kämpfe mich mit abwechselnd Brust und Kraul vorwärts. Am Ende noch auf den letzten hundert Metern in einen ganz neuen Rhythmus gefunden und mich mit Atmen nach nur einer Seite (mehr rechts als links) ganz behaglich gefühlt. Aber die Kälte setzt zu. Sie ist es, die die Strecke limitiert, nicht die körperliche Ausdauer. Meine gewohnten drei Beckenkilometer scheinen in dieser klammen Brühe undenkbar. Lange Zeit sehe ich nur einen weißlichen Fleck voraus. Dann, nach ein paar kräftigen Zügen Kraul liegt plötzlich der Rucksack keine zehn Meter vor mir, und es ist geschafft. Der weißliche Fleck ist ein ominöser Schaumschwamm am flachen Ufer, als hätte jemand Geschirrspülmittel ins Wasser gekippt. Mit einer Art trotzigen Hochgefühls steige ich aus dem Wasser. Ich schaffe es gerade, mich abzutrocknen, bevor es zu schütten anfängt.

Sommer, ein Aufholen des Jahrs. Langsames Strömen, in Beharrlichkeit, unmerkliches Schreiten. Die Fernen schießen Garben von Wärme ab, auf den Feldern liegen die Heuballen wie betrunkene Tagelöhner herum, im mürben Laub am Waldgrund platzen Hitzebomben. Luft scheuert an Luft wie die Haut zwischen Zehen. Hart straffen sich die Muskelstränge der Buchen, mit geschwollenen Wurzeln graben sie nach Wasser. Oben kreischen die Schnecken auf den Wegen, während sich die Schatten ins tiefere Gehölz zurückziehen. Verborgen ruht irgendwo ein Lichtfleck auf einem Polster erschlaffter Dunkelheit.