Der Sommer war sehr groß

Nur noch leere Hallräume sind die Wälder jetzt. Nicht einmal Zaunkönige lassen sich noch hören, nicht einmal Rotkehlchen. Und kaum ist die letzte Stimme verstummt, ziehen sie wieder ein, fallen sie wieder her über den Wald wie Heuschrecken über eine Pflanzung: die Motorsägenmänner. Und übergroße Hornissen umschwirren in der Tiefe der Wege ein Opfer. Die Luft wird sauer unter dem zornigen Geheul. Was kann dieser Morgen dafür, daß Bäume starben? Krank ist nicht der Wald, krank ist die Stille, der an allen Gliedern Beulen und Geschwüre wachsen. Die Wege streben alle zum Ort des Geschehens, sensationslüstern schlängeln sie sich, drängeln sie um bessere Sicht, wollen die ersten sein, und ich werde von ihnen fortgezogen, wo ich überhaupt nicht hin will. Ein Lieferwagen mit einer Aufschrift, die lustig sein soll, steht auf dem Waldweg an einer Lichtung. Ahrweiler Kennzeichen, ich bin versucht, mir die Nummer zu merken, doch was bringt’s? Alles, was hier passiert in diesem, nein, nicht Wald, in diesem Forst (wem das hier Wald genug ist, der hält IKEA für ein Möbelhaus), ist sicher durch irgendeine paragraphene Rechtmäßigkeit gedeckt. Ich passiere das Fahrzeug, kein Mensch weit und breit, nur das anhaltende Heulen der einander ins Wort fallenden Hornissen, zu dem alle Wege hinfließen. Und dann gibt es aber doch einen Pfad, der sich schämt, mich am Kragen zupft, mich wegbringt von da. Schon fast zu Hause erschrecke ich über den Schrei eines Spechts, der warnt, aber wen, mich vor den Hornissensägemännern oder seine Artgenossen vor harmlosem mir? Nicht einmal den August konnten sie abwarten, die Idioten.

Vom Wetter

Seit Tagen ist schon von ihr die Rede. Kommt sie? Kommt sie nicht? Wann kommt sie? Kommt sie später? Wie schlimm wird es, wenn sie kommt? Wie lange wird sie bleiben, wie viele Tote hinterlassen?

Jetzt ist sie da.

Die Hitzewelle nämlich.

Über das Wetter spricht der Mensch vermutlich, seit er sich auf die Hinterbeine gestellt hat und den Kopf in den Nacken legen kann, um den Himmel, und alles, was sich dort abspielt, zu betrachten. Und nicht nur spricht er darüber, er denkt auch darüber nach, verflucht das herrschende, hofft auf besseres, hält Regentänze ab und versucht sich in allerlei Vorhersagen und Regeln (Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, etc.).

Doch während das Nachdenken übers Wetter eher den Meteorologen und Landwirten eignete, beschränkte sich der Umgang der meisten anderen Leute darauf, eine Regenjacke mitzunehmen, Salz zu streuen oder Sonnencreme einzupacken und ansonsten das, was der Himmel bescherte, zu nehmen wie es halt kam.

Damit ist es seit ein paar Jahren vorbei.

Denn das Wetter ist nicht mehr einfach nur das Wetter. Das Wetter ist ein Zeichen. Es steht immer auch für für etwas anderes. Es ist ein Symptom. Und wir, mit Argusaugen, orakeln an Himmel, Wolken und Wind als dem Symptomträger herum. Ist er das? Ist er das schon? Ist das dieser Dings, von dem jetzt alle reden, dieser Klimawandel?

Dabei ist dann selbst normales Wetter nicht normal. Normales Wetter, das gibt es nicht mehr. Nach welchem Maßstab normal? Es gibt auch kein normales Symptom. Ein Zeichen ist ein Zeichen, es bedeutet etwas. Und so bedeutet jetzt selbst ein erwartbar naßgrauer Novembertag etwas oder ein heißer Augustabend mit der Neigung zu Gewitter. (Welches auf jeden Fall zu stark, zu schwach, zu spät, zu grollend, zu naß oder zu wenig naß sein wird.) Wir legen den Kopf in den Nacken und runzeln die Stirn. Was mag dieser naßkalte Novembertag oder die Augusthitze bedeuten? Sicher nichts Gutes. Wir zittern vor dem Wetter, wie man vor einem Orakelspruch zittert.

So ist das Wetter nichts mehr, das wie der Große Wagen oder der Andromedanebel unabhängig von uns existiert, nichts Gegebenes mehr, das auch ohne uns da wäre und zu dem wir uns einfach nur verhalten müßten. Das Wetter ist, ob wir wollen oder nicht, in eine spannungsvolle Beziehung zu uns eingetreten. Es fordert Rechenschaft von uns. Es war nicht vor uns da. Es erinnert uns mit jedem Regen, mit jedem Hagelschauer und jeder Hitzewelle an etwas, das wir lieber ausblenden würden.

Es ist unser Werk. Die Geister, die wir riefen.

Delta. Hürxberg

Die Vögel nehmen keinen Abschied. Sie verschwinden einfach. Eine Stimme nach der anderen verstummt. Als legten die Musiker in einem Orchester einer nach dem anderen ihr Instrument nieder und verließen die Bühne. Bis nur noch eine Handvoll Instrumentalisten ihren Part spielen, noch drei oder vier, eine Geige, zwei Violoncelli, eine Oboe, dann nur noch die einsame Oboe, dann niemand mehr. Wie abgestorbene Bäume stehen die Notenständer herum.

Und im Schweigen rollt unser Morgen heran. Er ist der erste einer unabsehbar langen Reihe. Es wird Tag werden auf Erden und Nacht und wieder Tag. Um die Steine kreisen die Schatten, die Flüsse entleeren sich ins Meer, der Horizont schluckt Wolken. In der allumfassenden Stille harrt die Partitur aus unter dem blinden Himmel.

Arithmetik

Alles, was man im Leben je tut, Großes wie Kleines, Bedeutsames wie Banales, läßt sich beziffern, hat am Ende eine genaue Zahl: die Zahl der Wohnungen, in denen ich gewohnt, die Zahl der Bücher, die ich gelesen sowie der, die ich geschrieben, die Zahl der Sprachen, die ich gelernt, die Zahl der Frauen, mit denen ich geschlafen haben werde, die Zahl meiner Orgasmen und die Zahl meiner Stuhlgänge, die Zahl der Kilometer, die ich mit eigenen Beinen zurückgelegt, die Zahl der Filme, die ich gesehen haben werde, die Zahl der Übernachtungen im Wald, die Zahl der Male, da ich im Meer schwimmen war, die Zahl der Flaschen Weins, die ich getrunken und die der Blogposts, die ich veröffentlicht haben werde. Auch wenn man nicht mitgezählt hat, wird es doch eine genaue ganze, eine endliche, eine gerade oder ungerade Zahl sein. Jorge Luis Borges hat einmal einen Gottesbeweis darauf aufgebaut, auf Zahlen, die niemand kennt, die aber endlich sein müssen, die der Vögel in einem Schwarm etwa. Jemand, so die Überlegung, muß sie gezählt haben, und dieser Jemand ist Gott. Und wenn alles, was man je tut, eine Zahl an Malen trägt, dann folgt unmittelbar daraus, daß es bei allem ein letztes Mal gibt. Nicht unbedingt ein erstes Mal, denn viele Dinge (etwa einen Fallschirmsprung, eine Mondlandung oder eine Weltumsegelung) tun die meisten von uns niemals, aber bei allem, das man mal angefangen hat, zwingend ein letztes. Das erste Mal kennt man notwendigerweise, aber das letzte Mal womöglich nicht, es sei denn, man entscheidet sich bewußt zum Aufhören. — Jugend ist, solange einen dieser Gedanke nicht einmal streift. Wenn man nicht bei allem, was man neu anfängt, denkt, daß man damit ja auch irgendwann wieder wird aufhören müssen.

Solstitium

Juni, reiß mir die Hüllen vom Leib. Für Hände, die wohl tun,
     selbst unterm untersten Hemd, bin ich nicht nackig genug.

Nackt und nackter als nackt noch, je mehr deine Küsse mich suchen,
     bis ich so durch mich hindurch käm bei mir selber heraus.

Erwachsen

Die Veranstaltungen finden immer woanders statt. Im Gespräch mit R., der umgesattelt hat und von seiner angestrebten neuen Tätigkeit erzählt, streift mich das Gefühl eigener totaler Überforderung. Arbeitswelt, die Welt der Fertigkeiten, Kenntnisse, Zeugnisse, Zertifikate, ich habe keine Ahnung, was dort vor sich geht. Ich passe da in ganz fundamentaler Weise nicht hinein. Das ist nicht einmal bequem dahergesagt, es ist keine Entschuldigung, es ist ein Leidensgrund damit konstatiert. Was ich kann, ist schwierig; aber es ist zu nichts zu gebrauchen. Und dorthin, wo es allenfalls zu gebrauchen wäre, hab ich es nicht geschafft. Also müßte ich eigentlich was anderes machen. Nur: etwas anderes interessiert mich nicht. Mich interessiert, was ich leider nicht kann. Das bedeutet auch: Bis an den Rand gedrängt des Erträglichen oder Noch-Lebbaren beharre ich darauf, auch ohne das Gegengewicht eines Talents, das als Legitimation dienen könnte, ein Leben in Schönheit und Radikalität zu leben, in beständiger Flucht nach vorne. Noch ein Weilchen und noch ein Weilchen, den Notwendigkeiten abgetrotzt, immer weiter hinaus, wo das Eis dünn wird und das Wasser tief.

Μίκης

In seiner Musik, den Liedern, von seiner eigenen rauchigen und doch notensicheren Stimme vorgetragen, den Oratorien, dem Canto General, war er stets eine freundliche Anwesenheit in meinem Leben. Es ist eines, die Musik eines lebenden Menschen zu hören; zu wissen, der Schöpfer dieser Melodie, er lebt und atmet und denkt und spielt vielleicht in diesem Moment fern von dir Klavier und ersinnt eine Melodie, die du nächstes Jahr zu deiner Freude hören wirst; diese Musik schreibt noch ihre eigene Geschichte fort. Sie ist noch in Bewegung als Ausgangspunkt und Aussicht. Sie ist noch nicht fertig, in keiner ihrer fixierten und zigmal gespielten Noten. Sie weist über sich selbst hinaus, auf Noch-Kommendes. — Etwas anderes, wenn dieser Schöpfer stirbt. Dann wird seine Musik zu etwas Kanonischem, aus dem heraus keine Entwicklung mehr möglich ist. Das Werk, es liegt vor, abgeschlossen; vollendet oder unvollendet wie es ist, so oder so: abgeschlossen. Und dann ist es, als würde auch die eigene Erinnerung, als würden auch die Stunden, deren Gedächtnis mit der Musik dieses Schöpfers verknüpft sind, ihrerseits ins Konservierte und Museale entrückt, fänden, auch sie, ihren Abschluß mit dem Tode dessen, der die verstrichenen Momente begleitet hat und immer weiter begleitete, bis er es nicht mehr konnte. Im Nachhinein sind jetzt diese Momente alle von ihm, dem großen Sänger, verlassen.
(14.10.2021)

Wenn mich das schlechte Gewissen plagt, daß ich schon wieder nichts schreibe, nichts geschrieben habe, die Kiste ausbleibt, der Schirm dunkel, dann muß ich mir den mildernden Umstand selbst einräumen, daß ja alles, was ich tue, letztlich schreiben ist. Auch ein Lauf durch den Wald ist Schreiben, eine Wanderung, es ist falsch, dieses Zeitverbringen gegen das Sitzen vor der Tastatur auszuspielen, als ob jenes gegenüber diesem weniger wert wäre. Denn das meiste, was ich schreibe, ist eben nicht am Schirm erdacht. Am Schirm ist vielleicht formuliert, was indes andernorts, in Situationen, die ich gar nicht als Arbeit im eigentlichen Sinn mir zugute halte, er- und durchdacht, ausgesponnen oder schlichtweg gefunden und aufgesammelt worden ist. Das hat etwas Zufälliges (man könnte auch sagen, Schicksalhaftes), aber ist nicht jede schaffende Tätigkeit vom Zufall bestimmt und gelenkt, vom Zufall nämlich: des Einfalls. Denn selten löst intensives Nachdenken ein Problem. Leider.

Böschung. Hürxberg

Etwas, das mir nicht mehr gehört. Ein Nachholen und Besinnen. Schon bevor es vorbei ist, die Versuche der aneignenden Rekonstruktion. Reflex des Zurückholens. Die Symptome sind die des schon seit der frühen Kindheit vertrauten Abschieds, als ich lernen mußte, daß jede schöne Zeit erst dann als schön greifbar wird, wenn sie vorbei ist, also nur in der Trauer, im Verlust möglich ist; sie sind gewachsen, seitdem, die Abschiede und Erkenntnisse, und nie war ein Abschied größer und jeglicher Aussicht der Rückkehr, Rekonstruktion und Wiederholung barer als der, der bevorsteht, eher früher als später. Für später ist nur noch wenig Zeit. Angesichts dieses drohenden Abschieds erscheint es mir unbegreiflich, wie Menschen Heimat problematisch finden können. Ich weiß, wo ich zu Hause bin, habe es immer gewußt.

Böschung. Hürxberg

“Schön, hier zu sein”, rufe ich aus und breite die Arme aus, um Mutter und Vater zu umarmen. Und später, nach dem Essen, schaue ich gedankenverloren den Leuchter überm Eßtisch an, da zirkuliert schon das Bier angenehm schläfrig durch die warmen Glieder, und denke, vollkommenes Glück. Doch kein solcher Gedanke ist mehr für sich gültig, jeder dieser Momente trägt ein ungutes Wasserzeichen, das Bild seines dämonischen Gegenteils. Der Gedanke Wie lange noch?, er folgt nicht dem Glücksgedenken auf dem Fuß, er ist das Glücksgedenken selbst, seine Rückseite, sein zweites Gesicht am Hinterkopf, das das Glück nie mehr loswird, auch nicht für einen gedankenverlorenen Moment. Beim Zubettgehen sehe ich den Regendunst vom angestrahlten Kirchturm illuminiert, das Zimmer schließt sich um mich wie eine besänftigende Decke und ist in diesem Moment mehr als dieses Zimmer, ist alle Zimmer, in denen ich in der Vergangenheit hier gelegen habe, zusammen, die ganze, lange Reihe von Abenden, da ich hier nach einer anstrengenden Bahnreise zu Bett ging und glücklich war, alle diese Zimmer über- und ineinander, und auch da befällt mich die gleiche Trauer, die Trauer, die in dem Blick zurück liegt auf die Reihe der Abende, ein Standpunkt, der plötzlich ans Ende gerutscht ist und von dort alles im Blick hat, was war und schön war. Ein hoher, kühler Punkt ist das, und es könnte einem schwindelig werden von dieser Warte aus.

Noch einmal Ehe und Verantwortungsgemeinschaft

Bevor man über die Erweiterung der Ehe auf mehr als zwei Personen nachdenkt, könnte man erst mal nach dem Sinn der Einrichtung, wie sie jetzt geregelt ist, fragen. Dazu gibt es zwei Zwecke, einen alten (patriarchalen) und einen modernen, die sich im Institut der Ehe abgelöst haben, ohne daß das die äußere Form der Ehe berührt hätte. Die Ehe ist immer noch das, was sie vor zweihundert Jahren war: ein zivilrechtlich abgesichertes, verbrieftes Bündnis zwischen zwei Menschen, bis vor kurzem einem Mann und einer Frau. Ihr Zweck freilich ist heute ein ganz anderer geworden. Machen wir uns nichts vor: Ursprünglich bestand der darin, Männern Kontrolle über die Nachkommenschaft ihrer Frauen zu verschaffen. Dem Mann umgekehrt sollten gewisse Pflichten auferlegt werden, um die Frau in ihrer verordneten Hilflosigkeit nicht allein zu lassen und vor allem den gemeinsamen Nachwuchs zu schützen. Das hatte mit Freiheit oder Gerechtigkeit nichts zu tun, hat aber über Jahrhunderte funktioniert. (Was passierte, wenn es mal nicht funktionierte oder wenn Frauen sich gegen diese Ordnung auflehnten, davon zeugen, von Anna Karenina über Tess of the d’Urbervilles bis Effi Briest, unzählige Romane.) Von diesem ursprünglichen Zweck ist heute außer dem Schutz der Nachkommenschaft nichts mehr geblieben. Aber auch bei diesem ist ein Wandel hinter der Fassade der äußerlich unangetasteten Einrichtung festzustellen, denn immer mehr verheiratete Paare bleiben kinderlos. Was aber wird geschützt bei einem Paar wohlhabender Doppelverdiener ohne Kinder? Vollends losgelöst von der ursprünglichen Motivation ist die Ehe gleichgeschlechtlicher Menschen. Als schützenswertes Gut bleibt nur noch die Liebesbeziehung der beiden autonomen, aufeinander in keiner Weise angewiesenen Menschen. Warum aber sollte dieses, Entschuldigung, Privatvergnügen schützenswert sein? Erst mit der Schwangerschaft (oder Adoption) wird aus dem Privatvergnügen ein öffentliches Gut, das den Schutz durch Gesetze verlangt. Das wäre die eine Sicht der Dinge. Man kann aber auch umgekehrt fragen: Wenn die Liebesbeziehung zweier Menschen vor dem Gesetz eben doch schützenswert sein sollte — warum dann nicht auch andere Beziehungsformen wie die Freundschaft oder die Wohngemeinschaft? Oder umgekehrt formuliert: Wer prüft denn, ob überhaupt eine Liebesbeziehung vorliegt? Es müssen nur zwei die Ehe wollen; welche Gefühle sie verbinden, interessiert das Standesamt nicht. Unter diesen Voraussetzungen erscheint dann aber die Beschränkung auf zwei Menschen, die ja ihren Ursprung in der unumstößlichen Tatsache hat, daß es zwei Menschen braucht, um ein Kind zu zeugen, willkürlich, ja eigentlich nur noch als Reflex aus der Zeit, als die Ehe ein Schutzraum für Mann und Frau zwecks Zeugung von Nachkommen war. Wenn sie sich aber aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst hat, wäre es endlich an der Zeit, die Ehe völlig neu zu denken.

Gemeinschaft, Verantwortungs~

Gestern (7.2.) im Zwischenruf auf WDR3 Kritik von Peter Meisenberg über das Gesetzesvorhaben der sogenannten Verantwortungsgemeinschaft. Damit ist die Ausweitung der Ehegemeinschaft als Bündnis zweier Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen und auch vor dem Gesetz zusammengehören wollen, auf Gruppen von mehr als zwei Partnern gemeint. Meisenberg spricht in diesem Zusammenhang von der “Verrechtlichung der Freundschaft” (wobei er außer Acht läßt, daß es ja auch im Falle von mehr als zwei Personen Liebe und das Bedürfnis nach Nachkommenschaft sein könnte) und kritisiert, daß damit das bislang freie, ungeregelte, allein auf dem Vertrauen und dem guten Willen der beteiligten Personen basierende Institut der Freundschaft einer Regulierung und einem juristischen Regelwerk unterworfen werde, das die Freunde, die bislang freiwillig füreinander einträten, zur Verantwortung auch zwingen könne. Was werde geschützt, wenn man die Freundschaft unter den Schutz des Gesetzes stelle? Doch nur die Freunde voreinander. Auch verleite ein solches Institut dazu, Zweckgemeinschaften einzugehen und sich seine Freunde nach dem Kriterium finanzieller Absicherung oder sozialen Aufstiegs auszusuchen. So weit Meisenberg. Nur: Gilt das alles nicht auch und noch viel schärfer für die traditionelle Ehe? Meisenberg übersieht, daß die Ehe auch nur eine Verrechtlichung der (geschlechtlichen) Liebe ist.

Temps perdu

Vier Tage Rödeldorf, vier Tage Live-Rollenspiel. Das Stück: der Alltag vor der Pandemie. Daß ich im Büro ganz alleine bin, ist das einzige äußerliche Zeichen, daß dies hier nur Simulation ist. Wie Urlaub fühlt sich an, was einmal Alltag war. Und endlich fehlt einmal Zeit für Melancholie. Die Abfahrtstafeln der Straßenbahn, das Öffnen und Schließen der Jalousie im Büro, das Surren des Druckers, abends der Schlüssel in der Wohnungstür, das setzt Markierungen in die Landschaft eines Tages, macht die Zeit steuerbar. Ablenkung von der Grübelei. Die Stunden stemmen sich nicht gegen das Bewußtsein, sie bieten sich an als kleine Präsente für erfreuliche Gedanken, die sich in der Ruhe das Abends einfinden. Natürlich war der Alltag nie so, war ja nie Unterbrechung. Aber mit seinen Ordnungen, seinen Forderungen und Angeboten, konnte er, der vielgeschmähte Alltag, gerade dadurch, daß er eben All-, der Hintergrund von allem war und gar nicht erst ins Bewußtsein trat, seine positive Wirkung entfalten. Die man gewöhnlich, da für selbstverständlich genommen, nicht genug würdigt.

Delta. Hürxberg

Kaffee in der Morgenstille, mit den erschlafften Dunkelheiten, von oben, im Berg wurzelnd. Die Fenster spüren das Gewicht, die Spiegelungen darin sind müde, zerstreut. Gleich wird der Wald aus den Straßen weichen und seinen Platz oben auf dem Hügelkamm wieder einnehmen. Aus den Brunnen werden die Türme steigen, eine glücksbringende Münze auf der gefaßten Stirn.

Böschung

Ausgeklammerte Wege, aus der Steigung rollen die Pfade zurück, die spielenden Laternen nach Hause geschickt. Der Himmel, eben noch so mühsam herbeikonstruiert, zerfällt in den Pfützen zu Schlamm. Kalte Wangen, tonnenweise Luft für Pferde, am anderen Ende der Weide schlüpft der Farn unterm Zaun durch und verschwindet in der eisigen Dämmerung.

Nachdem ich gewinkt

Nachdem ich gewinkt hatte, bis dein Zug in der Kurve verschwand, und wieder zu meinem Gleis zurückgekehrt war, sah ich die zwei Ansammlungen von frischen Erdkrümeln und Schlammwürsten auf dem Bahnsteig liegen. Es waren zwei Häufchen, eng beisammen, einander überschneidend, und doch jedes für sich, ein eigener Kreis Dreck. Lange schaute ich mir diesen, wer weiß, aus welchen Feldern oder Waldwegen zusammengetragenen, hier von irgendwelchen Schuhen geklopften Lehm an. Zwei Wanderer, dachte ich, das eine Häuflein kleiner als das andere, vielleicht unterschiedlich große Stiefel, verschiedene Schuhnummern, vielleicht ein Erwachsener und ein Kind oder ein Mann und eine Frau. Die waren wohl an diesem Sonntag gemeinsam eine Strecke gewandert, mutmaßte ich, über Wege, die infolge der starken Regenfälle in der letzten Zeit durchweicht und schlammig waren. So nah, wie die beiden Häuflein beieinander lagen, konnte man vermuten, die zwei seien auch nah beieinander gestanden, während sie den Lehm von den Schuhen traten. Vielleicht hatte sich ja eins am andern festgehalten, um sich den Dreck bei angewinkeltem Bein von der Sohle zu kratzen. Oder eins hatte das fürs andere verrichtet. Vertraut müssen die beiden miteinander gewesen sein, wahrscheinlich machten sie das öfter, fühlten sich wohl in der Gesellschaft, die eins dem andern leistete, waren starke Geher, bei jedem Wetter und jeder Wegbeschaffenheit draußen. Jetzt hatten sie sich wohl müde gelaufen, spann ich meine Überlegungen weiter, und waren, nachdem sie noch die bewährten, gut eingelaufenen Stiefel vom Gröbsten gereinigt hatten, nach Hause gefahren. Ob sie wohl in den selben Zug gestiegen und gemeinsam gefahren waren, oder jedes in einen anderen Zug?, fragte ich mich und hob den Kopf nach der fernen Stelle auf dem Schienenstrang, wo der deine Minuten vorher verschwunden war.

Heilige Nacht

Vor dem Gelände, auf dem die Esel gehalten werden, hat eine Familie mit zwei kleinen Kindern eine Kerzenlaterne abgestellt. Der Mann schraubt eine Flasche zu, die Kinder scheinen etwas in den Händen zu halten, ich nehme an, sie füttern die Esel. Aber kein Esel ist zu sehen. Die Futterkrippe ist leer. Die schwarze Bremsenfalle steht da wie eine hohle Ritterrüstung. Eine offene Tasche lehnt neben der Laterne am Maschendrahtzaun, und als ich vorbeigehe, stimmt eins der Kinder ein Liedchen an, Alle Leut, alle Leut, gehen jetzt nach Haus. Alle Leut, alle Leut, immer wieder von vorne. Kurz darauf fängt es an zu regnen.