Handle stets so, daß die Maxime deines Wollens, etc.

Im thüringischen Sonneberg hatte die Stadtverwaltung die Idee, Impfzögerer mit einer kleinen Verführung zu ködern. Sie verknüpften das Impfangebot mit der Darreichung einer Delikatesse. Wer sich impfen ließ, bekam neben der Spritze eine Bratwurst noch dazu. Voller Erfolg, die Impfquote stieg deutlich. Worauf sich im Internet ein Schwall Häme über die verführten Sonneberger Impffrischlinge ergoß. Im Gegensatz zu dem Zwischenrufautor auf WDR3, der wiederum diesen Spott scharf kritisiert (die Aktion habe Erfolg gehabt; die Spötter hätten keine Ahnung von Psychologie; die inkriminierte Bratwurst sei eine qualitativ hochwertige Spezialität; und wer erlaube sich bitte ein Urteil darüber, mit welchen Drogen sich die Zeitgenossen durch den Tag hülfen?), im Gegensatz zu dieser Milde also teile ich zwar nicht die Häme (jedenfalls nicht öffentlich), wohl aber die Haltung und Denkweise der Spötter. Ihr und mein Anspruch ist nämlich, eine Entscheidung wie die, daß man sich impfen läßt, rational zu treffen und nicht von der Darreichung einer Delikatesse abhängig zu machen. Es geht hier um nichts weniger als den Unterschied zwischen einer utilitaristischen (wichtig ist, was hinten rauskommt) und einer Pflichtethik (wichtig ist, was vorne reinkommt). Ich und die Spötter, wir wünschen uns nicht nur, daß die Menschen das Richtige tun, sondern daß sie es auch aus den richtigen Gründen tun. Nicht weil die Bratwurst winkt, sondern weil Einsicht herrscht. Was sind das für Menschen, die zum Impfen eine Bratwurst brauchen? Will ich mit denen in einem Gemeinwesen auskommen müssen? Wir wollen, daß die Impfzögerer auf unsere, und das heißt, auf die Seite der Vernunft zurückkehren und sich nicht von Leckerlis bestechen lassen. Denn dann lassen sie sich beim nächsten Mal vielleicht zu etwas Unvernünftigem bestechen, wenn nur etwer diesen Versuch zu machen sich herbeifindet: Begründbar ist nur die Vernunft. Überzeugend ist nur der gute Grund. Überzeugend auch dann, wenn einem gerade niemand den Arsch dafür pudert, daß man bitteschön das Richtige tut.

Da sind wir wieder, und der ganze Circus

Daß man es kaum schafft, in einer unbequemen Lage auch die darin begründeten durchaus willkommenen Nebeneffekte zu erkennen und zu würdigen. Gestern abend von dem Veranstaltungsplatz an der Kirche her Festivalgeräusche, jenes verhaßte Dröhnen, Rumpeln, Hallen, Heulen von ins Groteske verstärkter Supermarktmusik, wie es jetzt gut anderthalb Jahre nirgends zu hören gewesen ist. (Solche elektrischen Klangverstärkungen haben immer einen provokativen, hybriden Drang ins Universelle, Allgemeingültige, gräßlich.) Der Impuls in solchen Momenten, derartiges Treiben als eitles, leichtfertiges, geradezu sündiges Tun (Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand) zu verdammen — warum hat es mich in den vergangenen siebzehn Monaten nicht ein einziges Mal mit fröhlichem Ingrimm erfüllt, daß genau diese Verdammung offiziell in Kraft getreten war? Die Pandemie mit ihrem Ernst hätte ich mir doch zuvor geradezu gewünscht in Momenten wie gestern abend. Daß das sündige Treiben ein Ende finde und in einer schicksalhaften, göttlich zu nennenden Intervention des Ernstes in Flamme aufgehe, eines Ernstes, als dessen Vertreter auf Erden ich mich in meinem maßlosen Zorn zu empfinden durchaus geneigt bin.

Verschwendung

Weltweit werden etwa ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen. (Mit sehr unterschiedlichen Verteilung über die Weltregionen, von 6 kg pro Kopf und Jahr im subsaharanischen Afrika bis 115 kg pro Kopf und Jahr in Nordamerika und Ozeanien. Europa liegt bei 95 kg pro Kopf und Jahr) Okay, das ist ein Skandal, ökologisch, ökonomisch und moralisch sowieso. Ein drittel weggeworfene Lebensmittel, das entspricht, anteilig und umgerechnet, 1,4 Milliarden Packungen Spaghetti beim Getreide; 6,3 Milliarden Äpfeln beim Gemüse und 75 Millionen Kühen beim Fleisch. Jetzt stelle man sich aber mal vor, die Verbraucher beschlössen von jetzt auf gleich, nur noch so viel zu kaufen, wie sie auch essen, und die verbraucherseitige Verschwendung ginge auf Null zurück. Unter Vernachlässigung systemischer Verluste seitens der Produzenten, Verarbeiter, Groß- und Einzelhändler bedeutete das unmittelbar für den Nahrungsmittel-Einzelhandel insgesamt ein Drittel weniger Absatz. Was wäre dann? In einem Interview hat der Philosoph Peter Sloterdijk unlängst gesagt, würde sparsame Haushaltung, wie sie bis zum ersten Weltkrieg noch als bürgerliche Tugend galt, heute noch praktiziert, bräche die Wirtschaft sofort zusammen. Ich liebe solche Gedankenspiele. — Zugegebenermaßen werfe ich oft Lebensmittel weg, aus speziellen Gründen. Zum einen lebe ich in zwei Haushalten mit zwei Kühlschränken und zwei Essensplanungen. Da bleiben oft Reste, die ich beim Wechsel vom einen zum andern Haushalt nicht mitnehmen kann, die aber bis zum nächsten Wechsel sich nicht halten werden. Es ist sehr schwierig, für drei Tage Wochenende exakt so einzukaufen, daß ich satt bin und am Montag morgen alles aufgegessen ist. Irgendwas wird zuviel gewesen sein (andernfalls wäre es zu wenig gewesen), ein Kanten Brot, zwei Löffel Joghurt, eine Scheibe Wurst, ein halber Teller Suppe. Was macht man mit einem halben Teller Suppe? Zum anderen habe ich empfindliches Gedärm, und alles, was nicht sozusagen ackerfrisch ist, bekommt mir nicht. Ich habe mal eine halbe Nacht auf der Toilette verbracht, weil ich Muffins mit (gustatorisch wie olfaktorisch völlig unauffälliger) Buttermilch zubereitet habe, die eine Woche überm Datum war. Alle im Haushalt haben davon gegessen, Probleme hatte nur ich. Zum dritten habe ich einen kleinen Magen, in den nicht viel reinpaßt. Tatsächlich paßt so wenig hinein, daß es unmöglich ist, exakt so viel zu kochen, daß ich geleerten Tellers genau so satt bin, daß es sich gut anfühlt. Ich esse sehr ungern einzig zum Zwecke, daß der Teller leergegessen ist, über diesen Punkt hinaus. Denn danach ist mir unwohl. So kommt es eben auch, daß oft ein halber Teller Suppe, siehe oben, übrigbleibt. Natürlich ist es ökologischer und wirtschaftlicher, für eine Großfamilie von zwanzig Personen zu kochen, zumindest dann, wenn alle das gleiche essen und man nicht auf Veganer, Vegetarier, Frutarier, Glutenempfindliche und Erbsproteinallergiker Rücksicht nehmen muß, die alle einen eigenen Teller kriegen. Aber ein Leben in Großfamilien kriegen wir wohl nicht mehr hin, das ist vorbei. In meiner Familie kriegen wir es ja nicht einmal hin, daß alle zur gleichen Zeit essen. Umso wichtiger ist es aber gerade für Singlehaushalte, das Essen sorgfältig zu planen und nach den vorhandenen Möglichkeit abfallfrei zu wirtschaften. Denn Essen wegzuwerfen, bleibt ein Skandal.

Alphitobius diaperinus

In einem alten Kinderbuch (William Judson, In den Wäldern am kalten Fluß) muß ein Geschwisterpaar nach dem Unfalltod des Vaters sich zu Beginn des Herbstes ganz alleine durch die Wildnis zum hunderte Meilen entfernten Heimatort durchschlagen. Ein paar Vorräte können sie mitnehmen, aber das reicht natürlich nicht. Wovon ernährt man sich so, in der Wildnis? Pilze? In einer Szene, die mir besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben ist, klaubt Lizzy, die ältere der beiden, den Ratschlägen des sterbenden Vaters folgend, fette Maden von der Unterseite eines Steins … in einem Eintopf mit einem Rest Bohnen aus den mitgebrachten Vorräten gekocht, geben sie ein nahrhaftes, fett- und eiwißreiches Essen ab…

Nun ja, also. Buffalowürmer sind nicht so sehr verschieden von dem, was man in der Wildnis unter Steinen findet. Zwar haben wir solche Nahrung nicht mehr zum Überleben nötig, aber allenthalben ist ja die Rede davon, daß Insekten für eine wachsende Menschheit — klimagünstig, ressourcenschonend, wassersparsam — die Eiweißquelle der Zukunft darstellen.

In der Annahme und der Hoffnung, das ungewohnte Nahrungsmittel könnte irgendwas mit Fleisch zu tun haben (etwa nach Huhn schmecken oder wenigstens nach Garnele), habe ich also beherzt zugebissen und die Maden geknuspert. Nun. Gewöhnungsbedürftig ist es nicht, im Gegenteil. Es ist sogar ein bißchen zu gewöhnlich. Eine Antiklimax. Die Konsistenz ist knurpsig, vergleichbar mit der von geröstetem Leinsamen, der Geschmack … erinnert an Pilze, Schopftintlinge, begleitet von einer Getreidenote. Immerhin, zwei Eßlöffel der haferkorngroßen Tierchen machen sich, mit Knoblauch in Öl geröstet und in einer Tasse Reis mitgekocht, geschmacklich und konsistenziell als gewisser aromatischer Kauwiderstand schon bemerkbar. Es braucht aber eine Weile, ehe ich darauf komme, woran mich der Geschmack am ehesten erinnert: an Wildreis nämlich. Nicht nur der Geschmack, auch die Knurpsigkeit der Maden ähneln Zizania aquatica am meisten.

Alphitobius diaperinus mit Reis und Brocholi

Und das war’s auch schon. Das Nahrungsmittel der Zukunft? Mag ja sein, aber eine klimagünstige Fleischalternative ist das höchstens in einem industriell verarbeiteten Burger, und dann, na ja, kann man auch gleich chemisch modifiziertes Erbsprotein aus dem Labor zu sich nehmen. So groß ist der Eiweißmangel nun nicht, daß man unbedingt zu diesen Tierchen greifen müßte; und wenn ich Weildreis schmecken will, kann ich auch Wildreis essen. Mal ganz davon abgesehen, daß Wildreis vielleicht für ein zwanzigstel des Betrags zu haben ist, den man für diese invertebrate …. Delikatesse hinblättern muß.

Ins Licht gehoben, aus einem warmen Tümpel. Hier und da noch Reste von schrumpfendem Wasser, durch das Lichter spielen. Die Strömung wechselt Farbe und Richtung, während sie von den Knöcheln gleitet. Vor dem Fenster streckt sich das Trockene wie ein Papierknäuel, das man auseinanderzieht, und Sonne springt funkenhaft heraus, wo die sich die Knitterfalten glätten.

U.F.O.

Ob es UFOs gibt? Sicher. So wie es ungeklärte Verbrechen, verschwundene Flugzeuge, unklare Todesursachen, grundlose Feuersbrünste, mannschaftslos aufgefundene Schiffe, unklassifizierte Naturkatastrophen, unreplizierbare Experimentdaten, singuläre Tiersichtungen, unerklärbare Heilungen unheilbar Kranker, einzelne intelligente Radiosignale aus den Tiefen des Weltraums gibt. Das Akronym UFO steht für unidentified flying object, bezeichnet also etwas, von dem man gerade nicht weiß, was es ist. Zu sagen, wir wissen nicht, was diese Erscheining am Himmel ist, also muß es sich wohl um Außerirdische handeln, ist ebenso idiotisch wie zu behaupten, wir wissen nicht, wer die Isdalen-Frau ermordet hat, also müssen es wohl Außerirdische gewesen sein. Wenn das Pentagon jetzt also die Existenz von UFOs “bestätigt”, so gibt es lediglich zu, daß es “echte” Filmaufnahmen von Himmelserscheinungen besitzt, deren Natur unbekannt ist. Es gibt nicht zu, daß die Erde von Aliens besucht wird.

Jetzt hört man schon davon, daß die ersten das Ende der Pandemie feiern. Feiern? möchte man ausrufen, es gibt nichts zu feiern. Mit Schnelltest und FFP2-Maske ins Freibad? Da waren wir ja letztes Jahr schon weiter. Nein. Erst wenn das letzte Testzentrum abgebaut, das letzte Abstandhalten-Piktogramm entfernt, die letzten Schützen-Sie-sich-und-andere-Durchsage verstummt, die letzten Spuckschutzfolien geschreddert, die letzten Masken von den Gesichtern, Rückspiegeln, Rinnsteinen, Rasenflächen und Mülleimern verschwunden sind, dann, ja, dann könnt ihr feiern. Ihr könnt feiern an dem Tag, da die erste Zeitung erscheint, in der man keine Erwähnung der Pandemie, sei es eine direkte oder eine indirekte, mehr findet. Oder nein, auch dann nicht: Denn das Feiern würde sich ja kraft seines Anlasses mit der Pandemie beschäftigen. (Wie auch dieser Blogeintrag.) Und damit diesen Anlaß zunichte machen: Erst, wenn es keine Handlung mehr gibt, die in den Kontext der Pandemie eingebettet, deren Beschreibung von der Voraussetzung der Pandemie abhängig ist; erst wenn ihr das Ende nicht mehr zu feiern braucht, könnt ihr das Ende feiern. Erst dann ist alles wieder normal, erst dann ist es geschafft.

Trüb im Trüben, ein Grau, das alle Taschen umgestülpt hat, und in keiner findet sich noch ein Heller Farbe. Unermüdlich arbeiten die Vögel am Bau des Frühlings, während der Regen auch noch die Schatten fortspült, die Grenzen und Linien ausbluten läßt, die Schemen von Flügen durchweicht. In bewimperten Teichen zerfließen die Blicke. Noch die eigene Haut gerät ins Fließen, bis das Spiegelbild sinkt und Wasser in wärmeres Wasser greift.

Ansichten (3)

“Alleinerziehende Mütter sind sowieso immer die Gearschten, und jetzt mit dem Impfen kommen wir wie mit allem anderen auch wieder mal als letzte dran. Da sitzen jetzt die Rentner in der Außengastronomie und drehen den jungen Leuten eine lange Nase. Man hat am falschen Ende angefangen. Man hat, mit Verlaub, Halbtote als erste geimpft.” (Kathrin K. 35, Schlosserin, alleinerziehend)

Sesselpupser

Bekanntlich gibt es im Leben eines Menschen kurzfristige Interessen (ins Kino gehen, ein Bier trinken, eine Sitcom gucken) und langfristige Ziele (einen Partner finden, Kinder bekommen, Karriere machen). Und ebenso ist es eine Tatsache des Daseins, daß man, um letztere zu erreichen, manche der ersteren opfern muß. Hörsaal statt Kino, Fitneßstudio statt Fernseher, Überstunden statt Bier. Unstrittig ist im allgemeinen auch, was wofür geopfert werden muß, soll das angestrebte Ziel erreicht werden.

So weiß der übergewichtige, hypertonische Sesselpupser ganz genau, daß es seinen langfristigen Zielen nicht entgegenkommt, wenn er auf dem Sessel sitzenbleibt. Möchte er nicht auch gerne sportlich, gesund und schlank sein und seine Zeit sinnvoll nutzen? Der Sesselpupser nickt. Oh ja, das möchte er. Er weiß, daß dieses Ziel erreichbar ist. Er weiß auch genau, was er tun müßte, und zwar jetzt, um es zu erreichen. Doch dann seufzt er, reißt eine weitere Tüte Chips auf und fingert nach der Fernbedienung.

Mit anderen Worten, kurzfristige Interessen hintanzustellen oder gar zu opfern, ist schwierig. Es besteht ein Konflikt zwischen Bier und Bachelorabschluß, und je nach Menschentypus gibt es verschiedene Strategien, den Konflikt anzugehen.

Auf der einen Seite gibt es die von Natur aus sportlichen, die Marathonläufer und Yogameister, die sich von Magerquark und Kohrabi ernähren und statt fernzusehen lieber meditieren und Platon im Original lesen. Aus deren Sicht ist alles ganz einfach. Sie sehen den Sesselpupser und zucken nur mit den Schultern. Dann lauf halt los, sagen sie, iß Kohlrabi, lies Platon und ändere dein Leben.

Dann gibt es die Trotzigen. Sie stellen den Wert der langfristigen Ziele überhaupt in Frage. Ja, und? sagen sie und zucken ihrerseits mit den Schultern. Geh ich halt zugrunde, mir doch egal. An Chips und Serien zugrunde zu gehen ist allemal besser, als mit Kohlrabi unsterblich zu werden.

Wieder andere stellen es schlauer an damit, den Wert der Ziele anzuzweifeln. Sie zitieren eine Studie, die nachweist, wie gesund Chips gerade in Kombination mit Fernsehen seien. Spurenelemente, natürliche Zutaten, wertvolles pflanzliches Eiweiß undsoweiter, und der Bildungskanal ist doch super. Und behaupten, es gebe gar kein Problem mit einem Leben vor dem Fernseher, die Abwertung eines solchen Daseins sei nichts als Propaganda der Laufschuhindustrie.

Zuletzt gibt es noch Leute, die den Wert des langfristigen Ziels zwar anerkennen, aber der Ansicht sind, um gesund und fit zu werden, genüge es, auf kalorienreduzierte Chips umzusteigen und nur noch Sportsendungen anzusehen.

Man kann sich die Klimakrise auch als Konflikt zwischen unseren kurfristigen Interessen und langfristigen Zielen denken.

Die Logik des Warnens

Die Sache mit dem Verhütungsparadox hat einen Dreh, der nicht genug beachtet wird. Denn in derselben Logik, nach der die Warnung Erfolg hat, wenn das Ereignis, vor dem gewarnt wurde, nicht eintritt, steckt noch ein zweiter Dämon. Wie hießen sie noch alle? H1N1, H5N1, Vogel-, Schweine-, Esels- oder Leguangrippe, Ebola, Marburgvirus, Zikavirus, SARS, MERS, EHEC, MENETEKEL und was der kryptischen Akronyme mehr waren — könnte es sein, daß in der jüngeren Vergangenheit ein paarmal zu oft der Wolf ausgerufen wurde? Es ist eben nicht jede Warnung korrekt und keine Warnung a priori von Panikmache zu unterscheiden. Angesichts dieser langen Reihe von Fehlwarnungen kann es jedenfalls nicht erstaunen, daß CoViD-19 bis in den März 2020 hinein von der breiten Bevölkerung nicht wirklich ernst genommen wurde. Es waren halt wieder mal die, die auch schon die Schweinegrippepandemie heraufziehen sahen, die jetzt wieder hektisch (“Sie. Begreifen. Es. Nicht!”) mit den Armen wedelten — und ausnahmsweise hatten sie halt mal recht. Nur, plausibel war das nicht, und zu begreifen gab es auch nichts, im März 2020 so wenig wie all die Male zuvor. — Das eigentliche Problem liegt aber darin, daß sich die verhinderte Katastrophe im Falle einer Seuche, die nicht ausgebrochen ist, nicht belegen läßt — anders als etwa der Asteroid, den man mittels einer Rakete noch abfängt, bevor er auf die Erde stürzt. “Das Medikament hat rein gar nichts gebracht.” — “Hättest du es nicht genommen, ginge es dir noch schlechter.” Ein Satz, der leider immer wahr ist. Man hört ihn nur nicht gern, besonders dann nicht, wenn das Medikament scheußlich schmeckt.

Leckerli

Jetzt, wo es soweit ist und ich endlich drankomme, reizt mich die Idee, den Impftermin abzusagen. Nicht nur diesen, sondern überhaupt jeden. Ich mußte zu lange warten. Ich habe keine Lust, wie ein Hund dem Leckerli hinterher zu betteln, das ist wider meine Würde. So sehr kann ich etwas gar nicht wollen, daß ich es nicht, läßt man mich allzu lange zappeln, aus Stolz abzulehnen imstande wäre, sobald ich es haben darf. Ich will überhaupt nichts dürfen. Irgendwann ist Schluß. Irgendwann fühlt sich, das Verlangte endlich zu bekommen, nicht mehr gut an. Das ist das eine. Das andere ist, ich fühle mich verarscht. Ihr habt die totale Globalisierung gewollt, ihr seid mit Macheten und Feuer in den Urwald vorgedrungen, ihr habt Fledermäuse auf den Markt gebracht, und als ihr krank wurdet, habt ihr wochenlang so getan, als wär nix; ihr habt den internationalen Flugverkehr für notwendig erachtet, ihr seid um den Globus geflogen, ihr habt die Erde zu einem Dorf gemacht, und nun, da das ganze Dorf die Pest hat — soll ich mich impfen lassen? Jetzt kommt ihr mir mit eurer tollen Lösung für ein Problem, das ich ohne euch gar nicht hätte? Ach, geht mir doch alle weg.

Raubtiere

Heute zu spät eingegriffen, als der Kater ein Rotkehlchen geschnappt hatte. Ich wollte es in den Pfirsichbaum setzen, aber dort neigte es sich kraftlos nach vorne. Ich setzte es auf die Fensterbank, legte eine zerrupfte Rosine vor es hin. Das Tier atmete hektisch, immer wieder schlossen sich die Augen. Ich verließ das Zimmer, wobei ich die Tür katzensicher schloß und ging ins Bad und putzte mir die Zähne. Als ich zurückkam, war der Vogel tot. Er lag auf der Seite, und als ich ihn anstupste, breitete sich unter dem Schnabel eine bräunlichtrübe Pfütze aus. Ich blies es sanft an, alles was sich regte, waren Federn.

Antiklimax

Impftermin bekommen. Ausgerastet, als ich auf der Seite der Kassenärztlichen Vereinigung an einem für Linuxsysteme offenbar nicht ausführbaren Skript steckenblieb. Registrierung (schon im Januar, man war ja optimistisch) kein Problem, Anmeldung, kein Problem, “Ich bin Angehöriger folgender Berufsgruppen …” Check!, weiter zur Terminvergabe, ja, Termin für mich selbst, weiter zum Impfzentrum, bitte wählen Sie ein Wunschdatum aus … Oh gerne, also das früheste, in zwei Wochen. Check! Bitte wählen sie die Uhrzeit aus … Egal, irgendwann. — Bitte wählen Sie die Uhrzeit aus … Ok, aber wo? — Bitte wählen Sie …. Ja, würde ich gerne, du stiernackige Datenverarbeitsanlage, wo bitte? Da ist nur ein graues Kästchen zu sehen, und außerdem stecken Bild- und Textelemente höchst unprofessionell übereinander. Also noch mal von vorn. Bitte wählen Sie ein Wunschdatum aus … bitte wählen Sie eine Uhrzeit aus …. “Offensichtlich haben Sie Schwierigkeiten, einen passenden Termin zu finden. Sollen wir Sie per Mail benachrichtigen, wenn weitere Termine vorliegen? Ja, Nein, Meldung nicht wieder anzeigen”. — Abgemeldet, FF mit abgeschaltetem UBlockOrigin neu gestartet, nix. Wo eine Uhrzeit zum Auswählen sein sollte, ist weiterhin nur das graue Kästchen, nicht klickbar. Vielleicht ein anderer Browser? Mit Konqueror komme ich nicht einmal ins Anmeldeformular. Also einmal mit den Zähnen geknirscht und zum Zwecke Chrome installiert, der kann ja wohl, zumal jungfräulich und unbefleckt von irgendwelchen Blockern, alles. Sollte, muß alles können. Nein? Nein! Das Skripting auf der hochoffiziellen Seite der KVNO kann er nicht. Selten, ganz, ganz selten kann mein FF etwas nicht darstellen. Und ausgerechnet die KVNO hat es geschafft, die Anmeldeseite so zu programmieren, daß Linuxsysteme (ich bat Freunde, die auch Linux benutzen, um Hilfe, die konnten mich mit ihrem System nicht einmal einloggen) an der Auswahl der Uhrzeit scheitern. Überflüssig zu erwähnen, daß die Hotline hoffnungslos überlastet war.

Während ich also fluchte und brüllte und tatenlos zusehen mußte, wie ein Tag nach dem anderen von buchbar zu ausgebucht wechselte, kam das Stiefsöhnchen aus der Schule, nickte nur kurz und zückte sein Händie.

Keine Minute später hatte ich meinen Termin.

***

Es hat etwas Antiklimakisches, wie das Ende dieser Krise sich langsam abzeichnet. Fast ist man enttäuscht, daß es zu Ende geht, als müßte da doch noch was, als hätte man doch noch nicht, als wäre man noch nicht auf seine Kosten gekommen. Sollte das alles gewesen sein? So trivial, so banal, so dämlich? Wo bleibt die Entschädigung? Oder wenigstens der Knalleffekt? Daß jetzt tatsächlich die Möglichkeit besteht, es könnte in wenigen Wochen alles ausgestanden sein, fühlt sich irgendwie schal an, fad, unwürdig, wie eine Geschichte, die einfach ohne echtes Ende aufhört. Ohne wirklich aufzuhören, man wünscht sich, ja, was? Daß die gute Fee auftritt und allem rückblickend einen Sinn verleiht. Oder daß der König, während er das Zeremonienschwert aus der Scheide zieht, einen niederknien heißt, damit man den Ritterschlag empfange. Daß die Außerirdischen kommen und um Verzeihung bitten für das außer Kontrolle geratene Experiment. Daß ein genialer Wissenschaftler im Genom des Virus die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest gefunden hat. Was weiß ich, irgendwas halt. Nur nicht einfach nichts. Nur nicht dieses öde Sichdavonschleichen. Man bleibt ratlos zurück. Was sollte das jetzt bitte? Könnte einem jemand von außerhalb mal gefälligst einen Tip geben? Oder wenn schon kein Sinn dahinter ist, dann wenigstens einen Schuldigen, den man genüßlich zu Tode foltern kann. Strafe als Sinngeber des Unglücks, so vielleicht.

(6.7.2021)

“Fünf Studierende der Universität St. Gallen – Clemens Ernst Brenninkmeyer (NL), Franz Karl Kriegler (AU), Urs Schneider (CH), Wolfgang Schürer (DE) und Terje I. Wölner-Hanssen (NO) – gründeten das International Students’ Committee (ISC), das in jährlich wechselnden Teams das St. Gallen Symposium organisiert.”

So heißt es auf der Wikipedia s.v. “St. Gallen Symposium”. Da es sich um fünf Herren handelt, hätte man doch sicher auch das normale Wort Student nehmen können. Oder müssen Frauen jetzt schon da sichtbar gemacht werden, wo sie gar nicht vorkommen? (Genauso wäre es albern, von den Präsident*innen (PräsidentInnen, Präsident_Innen etc.) der Vereinigten Staaten von Amerika zu sprechen.)

#DasWortStudenterhalten

Startfenster

Mein Wissen über die beiden Eisriesen des Sonnensystems auf den neuesten Stand gebracht. Die NASA begutachtet derzeit mehrere Missionsvorschläge, darunter einen Orbiter mit Atmosphärensonde, und sofort stellt sich bei mir die von Kindertagen vertraute Erregung ein. Ungeduldig und enttäuscht darüber, wie langsam es voranging mit der Erforschung des Weltraums, wäre ich am liebsten sofort mitgeflogen. Hätte es damals schon Hubschrauberflüge auf dem Mars gegeben (es gab zwei Lander, Viking I und II, die ein paar Photos geschossen und ein wenig im Boden gestochert haben, das wars), ich wäre außer mir gewesen vor Entzücken. Was ich aus Büchern erfuhr, war alles bereits lange her, aus Kindersicht zumindest. Als ich anfing, mich für die Raumfahrt zu interessieren, waren die Bilder vom Mars, die verwackelten Schnappschüsse von der Venusoberfläche, ja sogar die phantastischen Bilder, die Voyager 1 erstmals von den Jupitermonden aufgenommen hatte, nichts Neues mehr. Ich war nicht teilnehmend dabeigewesen, als letztere entstanden, vor allem aber waren diese Himmelskörper, als sie erstmalig in solcher Detailfülle untersucht wurden, zuvor noch nicht als Frage in meinem Geist aufgetaucht, hatte ich sie noch nicht als etwas Unbekanntes identifiziert, auf das sich meine Neugier hätte richten können. So konnte ich ihrer Kartographie nicht entgegenfiebern, denn als ich lernte, daß der Jupiter überhaupt Monde hat, waren diese Bilder bereits vorhanden. Ich habe keine Erinnerung an eine Zeit, da man nicht wußte, wie diese Monde aussehen.

Das aufregendste, was ich diesbezüglich in späteren Jahren erlebte, war fraglos die Landung der Sonde Huygens im Rahmen der Cassini-Mission im Jahr 2005 auf dem Saturnmond Titan. Da ich damals zu Hause noch keinen Internetzugang hatte, blieb ich bis nach neun Uhr abends in meinem Büro und verfolgte die Nachrichten auf der NASA-Seite. Dann eine (übereilt hochgeladene, Minuten später wieder gelöschte, andertags in redigierter Form wieder eingestellte) Pressemitteilung. Dann die ersten, rötlichtrüben Bilder, Sand, Kiesel aus Eis, eine Ebene, ein rostbrauner Horizont, die ein für allemal sämtliche künstlerischen Phantasien, mit denen man zuvor versucht hatte, sich die Oberfläche des fernen Himmelskörpers auszumalen, obsolet machten, von einem Moment zum nächsten zu überholten Vorstellungen eines vergangenen Zeitalters werden ließen.

Wie oft ist es einem Menschenleben verstattet, einen Blick auf die Oberfläche eines unerforschten Himmelskörpers zu tun? Als mein Vater geboren wurde, hatte noch niemand eine Mondlandschaft, ja, es hatte noch niemand die Erde als blaue Perle aus einer Umlaufbahn heraus gesehen. Vom Mars zu schweigen. Bilder, die es schlichtweg nicht gab. Wie die Erde vom Mond aus betrachtet aussieht, war ebenso spekulativ wie es die künstlerischen Impressionen der Titanoberfläche vor dem Jahr 2005 waren. Bislang haben Landesonden die Oberflächen von Venus, Mond, Mars, Titan sowie vier Asteroiden und einem Kometen erreicht. Doch während ein geeignetes Zeitfenster für einen Flug zum Mars alle paar Monate offensteht, sieht das für die äußeren Planeten aufgrund der enormen Distanzen ganz anders aus. Um Treibstoff und damit Gewicht zu sparen, sind Missionen ins äußere Sonnensystem auf ein Swing-by-Manöver am Jupiter angewiesen, müssen also dessen jeweilige Position mitberücksichtigen. Das nächste Zeitfenster für einen Flug zum Uranus wäre von 2030 bis 2034, der Flug würde elf Jahre dauern, eine Sonde wird also frühestens 2041 vor Ort sein. Zum Neptun kann man schon etwas eher losfliegen, man braucht dafür aber 15 Jahre Flugzeit. Früheste Ankunftszeit wäre 2044. Das nächste Startfenster geht dann erst wieder 2041 (mit einer Ankunftszeit Mitte der fünziger Jahre des 21. Jahrhunderts) auf.

2041, da werde ich siebzig sein. (Und beim nächsten Venustransit hundersiebenundvierzig.) Und jetzt komme ich endlich zum Punkt. Der wäre: Es ist zutiefst deprimierend zu erleben, wie die Aussichten auf noch Erlebbares zusammenschrumpfen. Natürlich stehen diese Zeitfenster fest, das taten sie bereits bei meiner Geburt, das taten sie bereits, bevor noch irgendein Mensch darüber nachgedacht hat, in den Weltraum zu fliegen. Ich hätte mir schon als Kind von zwölf Jahren ausrechnen können, wie viele solcher Missionszeitfenster in ein Leben von, sagen wir mal achtzig Jahren passen, wenn es mich interessiert hätte. Und genau das ist der springende Punkt: Es interessiert einen nicht, wenn man zwölf ist. Es interessiert einen auch nicht, wenn man zwanzig oder dreißig ist. Man wartet mit zwanzig auch gerne zehn Jahre, ohne sich viel dabei zu denken. Oder man hat soviel Zeit, daß man gar nicht wartet, denn es lohnt sich nicht, es dauert ja viel zu lange. Ich kann mich jedenfalls nicht an den Start der Cassini-Huygens-Mission erinnern, nur an die Bilder von der Titanoberfläche, als das Ding endlich da war. Zwanzig ist ebensosehr Mitte wie dreißig. Auch vierzig ist noch Mitte; siebzig definitiv nicht, siebzig ist der Rand, und Ereignissen entgegenzufiebern, die an diesem Rand passieren werden, ist ja töricht, bedeutet es doch nichts anderes, als es nicht erwarten zu können, den Rand selbst zu erreichen. So bewegt man sich in solchen Erwartungen auf zwei Skalen. Auf der einen, der herunterzuzählenden Zeit bis zum Eintreffen der Sonde, möchte man Gas geben. Auf der anderen, der herunterzuzählenden Zeit bis zum Ende des Lebens, möchte man auf die Bremse drücken. Das ist ein Widerspruch, der im Grunde nur zu ertragen ist, wenn man sein Interesse aufgibt und nicht mehr wartet, auf nichts.

Das Zeitfenster danach, das von 2041, man kann sich ausrechnen, daß man diese Sonden nur noch starten sehen wird.

Der Unterschied? Vor zwanzig Jahren hätte ich diese Erschöpfung nach einem Lauf wie dem neulich (24,5 km) auf schlechte Tagesform oder Trainingsfehler zurückgeführt. Heute sehe ich in jeder Schlappe Zeichen des drohenden Altersabbaus. Die Selbstverständlichkeit ist weg. Wider Willen lerne ich, mich als Ausnahme in meiner Alterskohorte zu begreifen. Ich will das nicht sein, eine Ausnahme. Denn anders als das Zeugnis der Frühreife: schon zu meistern, was andere noch nicht können; hat es einen schalen Beigeschmack, noch zu können, was andere nicht mehr schaffen. Denn das Nichtmehrkönnen wartet für einen selbst ja gleich um die Ecke, für alle.

Artgerecht

Neulich abends sagt K. zu mir, wenn sie mal von der Rente leben müsse, werde sie sich so ein Häuslein nicht mehr leisten können; dann müsse sie in eine kleine Wohnung umziehen, Zweizimmer- oder so. Wir haben daraufhin ein bißchen über Lebensverhälnisse und Wohlstand nachgedacht und über die Grenze zwischen unverzichtbaren Gütern und Luxus. Es ist ja nicht so, daß genug Nahrung, Zugang zu sauberem Wasser, ein Dach überm Kopf und das Angebot medizinischer Versorgung schon Wohlstand wären. Überleben ist nicht dasselben wie leben. Man muß sich also Gedanken darüber machen, worin Wohlstand besteht, und wieviel davon abzugeben ist, abgegeben werden kann, wenn man unverschuldet alt wird oder nicht mehr arbeiten kann: Manche jungen Beitragszahler scheinen ja der Ansicht zu sein, daß Rentner sich ihr Alter freiwillig ausgesucht haben, aber egal. Auch ist in einer Welt dekadentester Überproduktion nicht klar, was gemeint ist, wenn es mal wieder heißt, man (wer immer das ist, oft heißt es auch wir, was die Sache nicht besser macht, denn wer so spricht, delegiert die Verantwortung von sich auf ein diffuses Gesellschaftsganzes, in dem dann vermeintlich alle nix zu beißen haben), man oder wir also könne oder könnten sich dies oder das nicht oder nicht mehr leisten; aber auch egal. Jedenfalls kam mir in dem Gespräch der Gedanke, daß das würdige Menschenleben im Unterschied zum bloßen Am-Leben-Bleiben an einem Bündel von Voraussetzungen hängt, die ich als artgerechte Menschenhaltung bezeichnen möchte. Mancher gibt sich viele Müh mit dem lieben Federvieh, heißt es in einem bekannten Gedicht, und nichts in diesen und den folgenden Versen läßt erkennen, daß Hühnerhaltung zur Zeit seiner Abfassung ein Luxus gewesen sei. Zu einer Arbeiterwohnung gehörte unbedingt auch ein Gärtlein hinter dem Haus. Nun ist heute für die Versorgung mit Eiern, Obst und Gemüse niemand mehr darauf angewiesen, Hühner zu halten oder einen Garten zu bestellen. Die Evolution hat uns aber so geschaffen, daß wir dasjenige wertschätzen, daß uns dasjenige glücklich macht, was notwendig ist. Wir haben eine Vorliebe für Zucker, Protein und Fett, weil genau diese Stoffe in der Natur knapp und fürs Leben unverzichtbar sind, und weil deshalb viele andere Lebewesen darum konkurrieren. Weil wir diese Stoffe brauchen, schmeckt uns Zucker, Fett und Eiweiß. Wir sind Nachkommen von Wesen, denen sie auch schon geschmeckt haben, die deshalb keine Mühe gescheut haben, sie zu bekommen — und sich deshalb bis hinunter zu uns, denen sie diese Vorliebe vererbt haben, erfolgreich fortpflanzen konnten. Wir lieben offene Landschaften und erhöhte Standpunkte, weil uns der Überblick ein Gefühl von Sicherheit vor Freßfeinden vermittelt. Tiere ziehen uns an, wir sind biophile Wesen. Zahlreiche Hundehalter, Kleintier- und Taubenzüchter bestätigen das. Ein Smartphone dagegen, ein Rechner, ein Bügeleisen oder die doppelte Buchführung sind reines Menschenwerk, darauf hat die Natur nie abgezielt, als sie unsere Instinkte und mit den Instinkten unsere Vorlieben formte und uns das suchen ließ, was uns glücklich macht. Was macht uns glücklich? Ein Lagerfeuer, Geschichten. Sich in Gruppen einbringen, die etwa 60 bis 100 Individuen umfassen. Zu Fuß gehen. Musik machen, malen, tanzen. Mit den Händen arbeiten. Früchte sammeln, jagen. Anerkennung in der Gruppe finden. In einem Umfeld leben, das wir unmittelbar kontrollieren können, in dem wir Selbstwirksamkeit erfahren. Übersichtlichkeit der Gegenwart und eine Zukunft, die sich nicht groß von der Vergangenheit unterscheidet. Was heißt hier, sich artgerechte Menschenhaltung nicht mehr leisten können? Die Hühner wieder hergeben, den Garten, das eigene Häuschen aufgeben und sein Leben in Stallhaltung beenden zu müssen, ist Tierquälerei. Menschen brauchen nicht mehr Geld. Sie brauchen ein Leben, das zu ihren Instinkten paßt. Es ist immer so viel von artgerechter Tierhaltung die Rede. Dabei halten wir uns selbst nicht artgerecht. Einem Hamster hängt man wenigstens ein Laufrad in den Käfig. Wir geben uns mit einem Fernseher zufrieden.