Hürxberg am Ellerntubel

Ort und Zeit, die einst eine Einheit bildeten, klaffen mir immer weiter auseinander. Wenn ich hier in Hürxberg den Wald aufsuche, finde ich meinen Lieblingswald und einen Ort, an dem mir wohl ist, der mein Lebensgefühl stärkt; was ich aber eben auch zu finden hoffe, ist der Anschluß an frühere Zeiten, in denen ich hier glücklich war, und die deshalb mit diesen Wegen verknüpft sind — das entzieht sich, das ist unerreichbar. Als könnte das Glück noch einmal und immer wieder daraus geschöpft werden, daß ich den Ort als vermeintliche Quelle des damaligen Glücks wieder und wieder aufsuche. Dabei ist es wohl umgekehrt. Ich war aus anderen Gründen glücklich damals, und dieses erhabene Lebensgefühl hat sich auf den Ort übertragen. Dieses übertragene, abgefärbte Glück ist nirgends mehr zu finden, man kann es nur erinnern. Es ist unser Schicksal, daß wir in Zeiten des Glücks nie in unserem Glück sind, nie diejenigen, an die wir uns später als Glückliche erinnern werden. Nie diese Glücklichen, nie an diesem Ort.

Die beiden Passagiere in der RB48 nach W-Oberbarmen, zwei junge, dem ersten Eindruck nach gebildete Frauen von sehr gepflegter Erscheinung sprechen über Schmuck. Über Ohrlöcher und Ringe, über verschiedene Materialien, über Titan, Gold, Silber und ganz kleine Diamanten. Unfreiwillig höre ich, ganz in der Nähe den einzigen bequemen Stehplatz in Anspruch nehmend, dem Gespräch zu. So lange die Fahrt dauert, geht es um nichts anderes. Eine halbe Stunde Ringe, Ringe, Ringe, als wären die beiden bei einem Symposium der Innung rheinischer Juweliere. Ich denke mir unwillkürlich, Männer hätten ganz andere Gespräche. Aber worüber würden zwei junge, gebildete Männer sprechen? Betriebssysteme? Autos? Die geplante Rafting-Tour? Es kommt mir alles wie ein Klischee vor, zumal ich selber weder über Betriebssysteme, noch über Autos oder Rafting-Touren reden würde. Aber manche Klischees sind nicht nur Klischees sondern eben auch die Wirklichkeit. Ist es nicht ein Klischee, daß zwei Frauen über Schmuck palavern? — Erst beim Aussteigen, als ich mich an ihnen vorbeizwänge, um endlich einen Sitzplatz zu ergattern, haben sie das Thema gewechselt, geht es um einen Mann und was für eine Beziehung der mit einer der beiden will oder nicht will, und ich denke, Männer hätten wirklich ganz andere Gespräche, und ich denke auch, aha, Bechdel-Test im letzten Moment doch nicht bestanden.

Handle stets so, daß die Maxime deines Wollens, etc.

Im thüringischen Sonneberg hatte die Stadtverwaltung die Idee, Impfzögerer mit einer kleinen Verführung zu ködern. Sie verknüpften das Impfangebot mit der Darreichung einer Delikatesse. Wer sich impfen ließ, bekam neben der Spritze eine Bratwurst noch dazu. Voller Erfolg, die Impfquote stieg deutlich. Worauf sich im Internet ein Schwall Häme über die verführten Sonneberger Impffrischlinge ergoß. Im Gegensatz zu dem Zwischenrufautor auf WDR3, der wiederum diesen Spott scharf kritisiert (die Aktion habe Erfolg gehabt; die Spötter hätten keine Ahnung von Psychologie; die inkriminierte Bratwurst sei eine qualitativ hochwertige Spezialität; und wer erlaube sich bitte ein Urteil darüber, mit welchen Drogen sich die Zeitgenossen durch den Tag hülfen?), im Gegensatz zu dieser Milde also teile ich zwar nicht die Häme (jedenfalls nicht öffentlich), wohl aber die Haltung und Denkweise der Spötter. Ihr und mein Anspruch ist nämlich, eine Entscheidung wie die, daß man sich impfen läßt, rational zu treffen und nicht von der Darreichung einer Delikatesse abhängig zu machen. Es geht hier um nichts weniger als den Unterschied zwischen einer utilitaristischen (wichtig ist, was hinten rauskommt) und einer Pflichtethik (wichtig ist, was vorne reinkommt). Ich und die Spötter, wir wünschen uns nicht nur, daß die Menschen das Richtige tun, sondern daß sie es auch aus den richtigen Gründen tun. Nicht weil die Bratwurst winkt, sondern weil Einsicht herrscht. Was sind das für Menschen, die zum Impfen eine Bratwurst brauchen? Will ich mit denen in einem Gemeinwesen auskommen müssen? Wir wollen, daß die Impfzögerer auf unsere, und das heißt, auf die Seite der Vernunft zurückkehren und sich nicht von Leckerlis bestechen lassen. Denn dann lassen sie sich beim nächsten Mal vielleicht zu etwas Unvernünftigem bestechen, wenn nur etwer diesen Versuch zu machen sich herbeifindet: Begründbar ist nur die Vernunft. Überzeugend ist nur der gute Grund. Überzeugend auch dann, wenn einem gerade niemand den Arsch dafür pudert, daß man bitteschön das Richtige tut.

Da sind wir wieder, und der ganze Circus

Daß man es kaum schafft, in einer unbequemen Lage auch die darin begründeten durchaus willkommenen Nebeneffekte zu erkennen und zu würdigen. Gestern abend von dem Veranstaltungsplatz an der Kirche her Festivalgeräusche, jenes verhaßte Dröhnen, Rumpeln, Hallen, Heulen von ins Groteske verstärkter Supermarktmusik, wie es jetzt gut anderthalb Jahre nirgends zu hören gewesen ist. (Solche elektrischen Klangverstärkungen haben immer einen provokativen, hybriden Drang ins Universelle, Allgemeingültige, gräßlich.) Der Impuls in solchen Momenten, derartiges Treiben als eitles, leichtfertiges, geradezu sündiges Tun (Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand) zu verdammen — warum hat es mich in den vergangenen siebzehn Monaten nicht ein einziges Mal mit fröhlichem Ingrimm erfüllt, daß genau diese Verdammung offiziell in Kraft getreten war? Die Pandemie mit ihrem Ernst hätte ich mir doch zuvor geradezu gewünscht in Momenten wie gestern abend. Daß das sündige Treiben ein Ende finde und in einer schicksalhaften, göttlich zu nennenden Intervention des Ernstes in Flamme aufgehe, eines Ernstes, als dessen Vertreter auf Erden ich mich in meinem maßlosen Zorn zu empfinden durchaus geneigt bin.

Verschwendung

Weltweit werden etwa ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen. (Mit sehr unterschiedlichen Verteilung über die Weltregionen, von 6 kg pro Kopf und Jahr im subsaharanischen Afrika bis 115 kg pro Kopf und Jahr in Nordamerika und Ozeanien. Europa liegt bei 95 kg pro Kopf und Jahr) Okay, das ist ein Skandal, ökologisch, ökonomisch und moralisch sowieso. Ein drittel weggeworfene Lebensmittel, das entspricht, anteilig und umgerechnet, 1,4 Milliarden Packungen Spaghetti beim Getreide; 6,3 Milliarden Äpfeln beim Gemüse und 75 Millionen Kühen beim Fleisch. Jetzt stelle man sich aber mal vor, die Verbraucher beschlössen von jetzt auf gleich, nur noch so viel zu kaufen, wie sie auch essen, und die verbraucherseitige Verschwendung ginge auf Null zurück. Unter Vernachlässigung systemischer Verluste seitens der Produzenten, Verarbeiter, Groß- und Einzelhändler bedeutete das unmittelbar für den Nahrungsmittel-Einzelhandel insgesamt ein Drittel weniger Absatz. Was wäre dann? In einem Interview hat der Philosoph Peter Sloterdijk unlängst gesagt, würde sparsame Haushaltung, wie sie bis zum ersten Weltkrieg noch als bürgerliche Tugend galt, heute noch praktiziert, bräche die Wirtschaft sofort zusammen. Ich liebe solche Gedankenspiele. — Zugegebenermaßen werfe ich oft Lebensmittel weg, aus speziellen Gründen. Zum einen lebe ich in zwei Haushalten mit zwei Kühlschränken und zwei Essensplanungen. Da bleiben oft Reste, die ich beim Wechsel vom einen zum andern Haushalt nicht mitnehmen kann, die aber bis zum nächsten Wechsel sich nicht halten werden. Es ist sehr schwierig, für drei Tage Wochenende exakt so einzukaufen, daß ich satt bin und am Montag morgen alles aufgegessen ist. Irgendwas wird zuviel gewesen sein (andernfalls wäre es zu wenig gewesen), ein Kanten Brot, zwei Löffel Joghurt, eine Scheibe Wurst, ein halber Teller Suppe. Was macht man mit einem halben Teller Suppe? Zum anderen habe ich empfindliches Gedärm, und alles, was nicht sozusagen ackerfrisch ist, bekommt mir nicht. Ich habe mal eine halbe Nacht auf der Toilette verbracht, weil ich Muffins mit (gustatorisch wie olfaktorisch völlig unauffälliger) Buttermilch zubereitet habe, die eine Woche überm Datum war. Alle im Haushalt haben davon gegessen, Probleme hatte nur ich. Zum dritten habe ich einen kleinen Magen, in den nicht viel reinpaßt. Tatsächlich paßt so wenig hinein, daß es unmöglich ist, exakt so viel zu kochen, daß ich geleerten Tellers genau so satt bin, daß es sich gut anfühlt. Ich esse sehr ungern einzig zum Zwecke, daß der Teller leergegessen ist, über diesen Punkt hinaus. Denn danach ist mir unwohl. So kommt es eben auch, daß oft ein halber Teller Suppe, siehe oben, übrigbleibt. Natürlich ist es ökologischer und wirtschaftlicher, für eine Großfamilie von zwanzig Personen zu kochen, zumindest dann, wenn alle das gleiche essen und man nicht auf Veganer, Vegetarier, Frutarier, Glutenempfindliche und Erbsproteinallergiker Rücksicht nehmen muß, die alle einen eigenen Teller kriegen. Aber ein Leben in Großfamilien kriegen wir wohl nicht mehr hin, das ist vorbei. In meiner Familie kriegen wir es ja nicht einmal hin, daß alle zur gleichen Zeit essen. Umso wichtiger ist es aber gerade für Singlehaushalte, das Essen sorgfältig zu planen und nach den vorhandenen Möglichkeit abfallfrei zu wirtschaften. Denn Essen wegzuwerfen, bleibt ein Skandal.

Alphitobius diaperinus

In einem alten Kinderbuch (William Judson, In den Wäldern am kalten Fluß) muß ein Geschwisterpaar nach dem Unfalltod des Vaters sich zu Beginn des Herbstes ganz alleine durch die Wildnis zum hunderte Meilen entfernten Heimatort durchschlagen. Ein paar Vorräte können sie mitnehmen, aber das reicht natürlich nicht. Wovon ernährt man sich so, in der Wildnis? Pilze? In einer Szene, die mir besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben ist, klaubt Lizzy, die ältere der beiden, den Ratschlägen des sterbenden Vaters folgend, fette Maden von der Unterseite eines Steins … in einem Eintopf mit einem Rest Bohnen aus den mitgebrachten Vorräten gekocht, geben sie ein nahrhaftes, fett- und eiwißreiches Essen ab…

Nun ja, also. Buffalowürmer sind nicht so sehr verschieden von dem, was man in der Wildnis unter Steinen findet. Zwar haben wir solche Nahrung nicht mehr zum Überleben nötig, aber allenthalben ist ja die Rede davon, daß Insekten für eine wachsende Menschheit — klimagünstig, ressourcenschonend, wassersparsam — die Eiweißquelle der Zukunft darstellen.

In der Annahme und der Hoffnung, das ungewohnte Nahrungsmittel könnte irgendwas mit Fleisch zu tun haben (etwa nach Huhn schmecken oder wenigstens nach Garnele), habe ich also beherzt zugebissen und die Maden geknuspert. Nun. Gewöhnungsbedürftig ist es nicht, im Gegenteil. Es ist sogar ein bißchen zu gewöhnlich. Eine Antiklimax. Die Konsistenz ist knurpsig, vergleichbar mit der von geröstetem Leinsamen, der Geschmack … erinnert an Pilze, Schopftintlinge, begleitet von einer Getreidenote. Immerhin, zwei Eßlöffel der haferkorngroßen Tierchen machen sich, mit Knoblauch in Öl geröstet und in einer Tasse Reis mitgekocht, geschmacklich und konsistenziell als gewisser aromatischer Kauwiderstand schon bemerkbar. Es braucht aber eine Weile, ehe ich darauf komme, woran mich der Geschmack am ehesten erinnert: an Wildreis nämlich. Nicht nur der Geschmack, auch die Knurpsigkeit der Maden ähneln Zizania aquatica am meisten.

Alphitobius diaperinus mit Reis und Brocholi

Und das war’s auch schon. Das Nahrungsmittel der Zukunft? Mag ja sein, aber eine klimagünstige Fleischalternative ist das höchstens in einem industriell verarbeiteten Burger, und dann, na ja, kann man auch gleich chemisch modifiziertes Erbsprotein aus dem Labor zu sich nehmen. So groß ist der Eiweißmangel nun nicht, daß man unbedingt zu diesen Tierchen greifen müßte; und wenn ich Weildreis schmecken will, kann ich auch Wildreis essen. Mal ganz davon abgesehen, daß Wildreis vielleicht für ein zwanzigstel des Betrags zu haben ist, den man für diese invertebrate …. Delikatesse hinblättern muß.

Ins Licht gehoben, aus einem warmen Tümpel. Hier und da noch Reste von schrumpfendem Wasser, durch das Lichter spielen. Die Strömung wechselt Farbe und Richtung, während sie von den Knöcheln gleitet. Vor dem Fenster streckt sich das Trockene wie ein Papierknäuel, das man auseinanderzieht, und Sonne springt funkenhaft heraus, wo die sich die Knitterfalten glätten.

U.F.O.

Ob es UFOs gibt? Sicher. So wie es ungeklärte Verbrechen, verschwundene Flugzeuge, unklare Todesursachen, grundlose Feuersbrünste, mannschaftslos aufgefundene Schiffe, unklassifizierte Naturkatastrophen, unreplizierbare Experimentdaten, singuläre Tiersichtungen, unerklärbare Heilungen unheilbar Kranker, einzelne intelligente Radiosignale aus den Tiefen des Weltraums gibt. Das Akronym UFO steht für unidentified flying object, bezeichnet also etwas, von dem man gerade nicht weiß, was es ist. Zu sagen, wir wissen nicht, was diese Erscheining am Himmel ist, also muß es sich wohl um Außerirdische handeln, ist ebenso idiotisch wie zu behaupten, wir wissen nicht, wer die Isdalen-Frau ermordet hat, also müssen es wohl Außerirdische gewesen sein. Wenn das Pentagon jetzt also die Existenz von UFOs “bestätigt”, so gibt es lediglich zu, daß es “echte” Filmaufnahmen von Himmelserscheinungen besitzt, deren Natur unbekannt ist. Es gibt nicht zu, daß die Erde von Aliens besucht wird.

Jetzt hört man schon davon, daß die ersten das Ende der Pandemie feiern. Feiern? möchte man ausrufen, es gibt nichts zu feiern. Mit Schnelltest und FFP2-Maske ins Freibad? Da waren wir ja letztes Jahr schon weiter. Nein. Erst wenn das letzte Testzentrum abgebaut, das letzte Abstandhalten-Piktogramm entfernt, die letzten Schützen-Sie-sich-und-andere-Durchsage verstummt, die letzten Spuckschutzfolien geschreddert, die letzten Masken von den Gesichtern, Rückspiegeln, Rinnsteinen, Rasenflächen und Mülleimern verschwunden sind, dann, ja, dann könnt ihr feiern. Ihr könnt feiern an dem Tag, da die erste Zeitung erscheint, in der man keine Erwähnung der Pandemie, sei es eine direkte oder eine indirekte, mehr findet. Oder nein, auch dann nicht: Denn das Feiern würde sich ja kraft seines Anlasses mit der Pandemie beschäftigen. (Wie auch dieser Blogeintrag.) Und damit diesen Anlaß zunichte machen: Erst, wenn es keine Handlung mehr gibt, die in den Kontext der Pandemie eingebettet, deren Beschreibung von der Voraussetzung der Pandemie abhängig ist; erst wenn ihr das Ende nicht mehr zu feiern braucht, könnt ihr das Ende feiern. Erst dann ist alles wieder normal, erst dann ist es geschafft.

Trüb im Trüben, ein Grau, das alle Taschen umgestülpt hat, und in keiner findet sich noch ein Heller Farbe. Unermüdlich arbeiten die Vögel am Bau des Frühlings, während der Regen auch noch die Schatten fortspült, die Grenzen und Linien ausbluten läßt, die Schemen von Flügen durchweicht. In bewimperten Teichen zerfließen die Blicke. Noch die eigene Haut gerät ins Fließen, bis das Spiegelbild sinkt und Wasser in wärmeres Wasser greift.

Ansichten (3)

“Alleinerziehende Mütter sind sowieso immer die Gearschten, und jetzt mit dem Impfen kommen wir wie mit allem anderen auch wieder mal als letzte dran. Da sitzen jetzt die Rentner in der Außengastronomie und drehen den jungen Leuten eine lange Nase. Man hat am falschen Ende angefangen. Man hat, mit Verlaub, Halbtote als erste geimpft.”

(Kathrin K. 35, Schlosserin, alleinerziehend)

Sesselpupser

Bekanntlich gibt es im Leben eines Menschen kurzfristige Interessen (ins Kino gehen, ein Bier trinken, eine Sitcom gucken) und langfristige Ziele (einen Partner finden, Kinder bekommen, Karriere machen). Und ebenso ist es eine Tatsache des Daseins, daß man, um letztere zu erreichen, manche der ersteren opfern muß. Hörsaal statt Kino, Fitneßstudio statt Fernseher, Überstunden statt Bier. Unstrittig ist im allgemeinen auch, was wofür geopfert werden muß, soll das angestrebte Ziel erreicht werden.

So weiß der übergewichtige, hypertonische Sesselpupser ganz genau, daß es seinen langfristigen Zielen nicht entgegenkommt, wenn er auf dem Sessel sitzenbleibt. Möchte er nicht auch gerne sportlich, gesund und schlank sein und seine Zeit sinnvoll nutzen? Der Sesselpupser nickt. Oh ja, das möchte er. Er weiß, daß dieses Ziel erreichbar ist. Er weiß auch genau, was er tun müßte, und zwar jetzt, um es zu erreichen. Doch dann seufzt er, reißt eine weitere Tüte Chips auf und fingert nach der Fernbedienung.

Mit anderen Worten, kurzfristige Interessen hintanzustellen oder gar zu opfern, ist schwierig. Es besteht ein Konflikt zwischen Bier und Bachelorabschluß, und je nach Menschentypus gibt es verschiedene Strategien, den Konflikt anzugehen.

Auf der einen Seite gibt es die von Natur aus sportlichen, die Marathonläufer und Yogameister, die sich von Magerquark und Kohrabi ernähren und statt fernzusehen lieber meditieren und Platon im Original lesen. Aus deren Sicht ist alles ganz einfach. Sie sehen den Sesselpupser und zucken nur mit den Schultern. Dann lauf halt los, sagen sie, iß Kohlrabi, lies Platon und ändere dein Leben.

Dann gibt es die Trotzigen. Sie stellen den Wert der langfristigen Ziele überhaupt in Frage. Ja, und? sagen sie und zucken ihrerseits mit den Schultern. Geh ich halt zugrunde, mir doch egal. An Chips und Serien zugrunde zu gehen ist allemal besser, als mit Kohlrabi unsterblich zu werden.

Wieder andere stellen es schlauer an damit, den Wert der Ziele anzuzweifeln. Sie zitieren eine Studie, die nachweist, wie gesund Chips gerade in Kombination mit Fernsehen seien. Spurenelemente, natürliche Zutaten, wertvolles pflanzliches Eiweiß undsoweiter, und der Bildungskanal ist doch super. Und behaupten, es gebe gar kein Problem mit einem Leben vor dem Fernseher, die Abwertung eines solchen Daseins sei nichts als Propaganda der Laufschuhindustrie.

Zuletzt gibt es noch Leute, die den Wert des langfristigen Ziels zwar anerkennen, aber der Ansicht sind, um gesund und fit zu werden, genüge es, auf kalorienreduzierte Chips umzusteigen und nur noch Sportsendungen anzusehen.

Man kann sich die Klimakrise auch als Konflikt zwischen unseren kurfristigen Interessen und langfristigen Zielen denken.

Die Logik des Warnens

Die Sache mit dem Verhütungsparadox hat einen Dreh, der nicht genug beachtet wird. Denn in derselben Logik, nach der die Warnung Erfolg hat, wenn das Ereignis, vor dem gewarnt wurde, nicht eintritt, steckt noch ein zweiter Dämon. Wie hießen sie noch alle? H1N1, H5N1, Vogel-, Schweine-, Esels- oder Leguangrippe, Ebola, Marburgvirus, Zikavirus, SARS, MERS, EHEC, MENETEKEL und was der kryptischen Akronyme mehr waren — könnte es sein, daß in der jüngeren Vergangenheit ein paarmal zu oft der Wolf ausgerufen wurde? Es ist eben nicht jede Warnung korrekt und keine Warnung a priori von Panikmache zu unterscheiden. Angesichts dieser langen Reihe von Fehlwarnungen kann es jedenfalls nicht erstaunen, daß CoViD-19 bis in den März 2020 hinein von der breiten Bevölkerung nicht wirklich ernst genommen wurde. Es waren halt wieder mal die, die auch schon die Schweinegrippepandemie heraufziehen sahen, die jetzt wieder hektisch (“Sie. Begreifen. Es. Nicht!”) mit den Armen wedelten — und ausnahmsweise hatten sie halt mal recht. Nur, plausibel war das nicht, und zu begreifen gab es auch nichts, im März 2020 so wenig wie all die Male zuvor. — Das eigentliche Problem liegt aber darin, daß sich die verhinderte Katastrophe im Falle einer Seuche, die nicht ausgebrochen ist, nicht belegen läßt — anders als etwa der Asteroid, den man mittels einer Rakete noch abfängt, bevor er auf die Erde stürzt. “Das Medikament hat rein gar nichts gebracht.” — “Hättest du es nicht genommen, ginge es dir noch schlechter.” Ein Satz, der leider immer wahr ist. Man hört ihn nur nicht gern, besonders dann nicht, wenn das Medikament scheußlich schmeckt.

Leckerli

Jetzt, wo es soweit ist und ich endlich drankomme, reizt mich die Idee, den Impftermin abzusagen. Nicht nur diesen, sondern überhaupt jeden. Ich mußte zu lange warten. Ich habe keine Lust, wie ein Hund dem Leckerli hinterher zu betteln, das ist wider meine Würde. So sehr kann ich etwas gar nicht wollen, daß ich es nicht, läßt man mich allzu lange zappeln, aus Stolz abzulehnen imstande wäre, sobald ich es haben darf. Ich will überhaupt nichts dürfen. Irgendwann ist Schluß. Irgendwann fühlt sich, das Verlangte endlich zu bekommen, nicht mehr gut an. Das ist das eine. Das andere ist, ich fühle mich verarscht. Ihr habt die totale Globalisierung gewollt, ihr seid mit Macheten und Feuer in den Urwald vorgedrungen, ihr habt Fledermäuse auf den Markt gebracht, und als ihr krank wurdet, habt ihr wochenlang so getan, als wär nix; ihr habt den internationalen Flugverkehr für notwendig erachtet, ihr seid um den Globus geflogen, ihr habt die Erde zu einem Dorf gemacht, und nun, da das ganze Dorf die Pest hat — soll ich mich impfen lassen? Jetzt kommt ihr mir mit eurer tollen Lösung für ein Problem, das ich ohne euch gar nicht hätte? Ach, geht mir doch alle weg.

Raubtiere

Heute zu spät eingegriffen, als der Kater ein Rotkehlchen geschnappt hatte. Ich wollte es in den Pfirsichbaum setzen, aber dort neigte es sich kraftlos nach vorne. Ich setzte es auf die Fensterbank, legte eine zerrupfte Rosine vor es hin. Das Tier atmete hektisch, immer wieder schlossen sich die Augen. Ich verließ das Zimmer, wobei ich die Tür katzensicher schloß und ging ins Bad und putzte mir die Zähne. Als ich zurückkam, war der Vogel tot. Er lag auf der Seite, und als ich ihn anstupste, breitete sich unter dem Schnabel eine bräunlichtrübe Pfütze aus. Ich blies es sanft an, alles was sich regte, waren Federn.

Antiklimax

Impftermin bekommen. Ausgerastet, als ich auf der Seite der Kassenärztlichen Vereinigung an einem für Linuxsysteme offenbar nicht ausführbaren Skript steckenblieb. Registrierung (schon im Januar, man war ja optimistisch) kein Problem, Anmeldung, kein Problem, “Ich bin Angehöriger folgender Berufsgruppen …” Check!, weiter zur Terminvergabe, ja, Termin für mich selbst, weiter zum Impfzentrum, bitte wählen Sie ein Wunschdatum aus … Oh gerne, also das früheste, in zwei Wochen. Check! Bitte wählen sie die Uhrzeit aus … Egal, irgendwann. — Bitte wählen Sie die Uhrzeit aus … Ok, aber wo? — Bitte wählen Sie …. Ja, würde ich gerne, du stiernackige Datenverarbeitsanlage, wo bitte? Da ist nur ein graues Kästchen zu sehen, und außerdem stecken Bild- und Textelemente höchst unprofessionell übereinander. Also noch mal von vorn. Bitte wählen Sie ein Wunschdatum aus … bitte wählen Sie eine Uhrzeit aus …. “Offensichtlich haben Sie Schwierigkeiten, einen passenden Termin zu finden. Sollen wir Sie per Mail benachrichtigen, wenn weitere Termine vorliegen? Ja, Nein, Meldung nicht wieder anzeigen”. — Abgemeldet, FF mit abgeschaltetem UBlockOrigin neu gestartet, nix. Wo eine Uhrzeit zum Auswählen sein sollte, ist weiterhin nur das graue Kästchen, nicht klickbar. Vielleicht ein anderer Browser? Mit Konqueror komme ich nicht einmal ins Anmeldeformular. Also einmal mit den Zähnen geknirscht und zum Zwecke Chrome installiert, der kann ja wohl, zumal jungfräulich und unbefleckt von irgendwelchen Blockern, alles. Sollte, muß alles können. Nein? Nein! Das Skripting auf der hochoffiziellen Seite der KVNO kann er nicht. Selten, ganz, ganz selten kann mein FF etwas nicht darstellen. Und ausgerechnet die KVNO hat es geschafft, die Anmeldeseite so zu programmieren, daß Linuxsysteme (ich bat Freunde, die auch Linux benutzen, um Hilfe, die konnten mich mit ihrem System nicht einmal einloggen) an der Auswahl der Uhrzeit scheitern. Überflüssig zu erwähnen, daß die Hotline hoffnungslos überlastet war.

Während ich also fluchte und brüllte und tatenlos zusehen mußte, wie ein Tag nach dem anderen von buchbar zu ausgebucht wechselte, kam das Stiefsöhnchen aus der Schule, nickte nur kurz und zückte sein Händie.

Keine Minute später hatte ich meinen Termin.

***

Es hat etwas Antiklimakisches, wie das Ende dieser Krise sich langsam abzeichnet. Fast ist man enttäuscht, daß es zu Ende geht, als müßte da doch noch was, als hätte man doch noch nicht, als wäre man noch nicht auf seine Kosten gekommen. Sollte das alles gewesen sein? So trivial, so banal, so dämlich? Wo bleibt die Entschädigung? Oder wenigstens der Knalleffekt? Daß jetzt tatsächlich die Möglichkeit besteht, es könnte in wenigen Wochen alles ausgestanden sein, fühlt sich irgendwie schal an, fad, unwürdig, wie eine Geschichte, die einfach ohne echtes Ende aufhört. Ohne wirklich aufzuhören, man wünscht sich, ja, was? Daß die gute Fee auftritt und allem rückblickend einen Sinn verleiht. Oder daß der König, während er das Zeremonienschwert aus der Scheide zieht, einen niederknien heißt, damit man den Ritterschlag empfange. Daß die Außerirdischen kommen und um Verzeihung bitten für das außer Kontrolle geratene Experiment. Daß ein genialer Wissenschaftler im Genom des Virus die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest gefunden hat. Was weiß ich, irgendwas halt. Nur nicht einfach nichts. Nur nicht dieses öde Sichdavonschleichen. Man bleibt ratlos zurück. Was sollte das jetzt bitte? Könnte einem jemand von außerhalb mal gefälligst einen Tip geben? Oder wenn schon kein Sinn dahinter ist, dann wenigstens einen Schuldigen, den man genüßlich zu Tode foltern kann. Strafe als Sinngeber des Unglücks, so vielleicht.

(6.7.2021)

“Fünf Studierende der Universität St. Gallen – Clemens Ernst Brenninkmeyer (NL), Franz Karl Kriegler (AU), Urs Schneider (CH), Wolfgang Schürer (DE) und Terje I. Wölner-Hanssen (NO) – gründeten das International Students’ Committee (ISC), das in jährlich wechselnden Teams das St. Gallen Symposium organisiert.”

So heißt es auf der Wikipedia s.v. “St. Gallen Symposium”. Da es sich um fünf Herren handelt, hätte man doch sicher auch das normale Wort Student nehmen können. Oder müssen Frauen jetzt schon da sichtbar gemacht werden, wo sie gar nicht vorkommen? (Genauso wäre es albern, von den Präsident*innen (PräsidentInnen, Präsident_Innen etc.) der Vereinigten Staaten von Amerika zu sprechen.)

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