Stillen (2)

Einmal habe ich eine vollkommene Stille gehört.
Nicht die beängstigende, hohle Stille in einer nächtlichen Straße, nicht das klaustrophobische Gefühl im Innern eines Tonstudios, auch nicht das von ständigem leisen Summen, Wispern, Brummen und Rauschen fernumrandete Schweigen einer Großstadt um drei Uhr morgens. Sondern eine Stille, die alle Geräusche ein für allemal gelassen aufgegeben hatte. Ich war aufgwacht, auf Toilette gegangen, und bevor ich mich wieder hinlegte, gab ich einem Sog nach, der mich ans Fenster führte, wo ich fröstelnd blieb, voller Entzücken lauschend. Noch nie hatte ich so etwas vernommen. So wenig, so intensiv: nichts. Das Schweigen nahm jedes Lauschen entgegen, und anstatt es wieder zum Lauschenden zurückzustoßen und jene wattierte Beklemmung des Abgeschottetseins auszulösen, die von schalldichten Räumen, aber auch von Ohrenstöpseln hervorgerufen wird, führte jenes nächtliche, in einem Eifeldorf am Waldrand eingezogene und nun, man kann es nicht anders sagen, waltende Schweigen die Wahrnehmung hinaus und spazieren, indem es den Raum und seine Weite über den Hügeln hörbar machte, ließ dem Ohr Raum und Freiheit und schenkte das müdgewordene Hören in Myriaden Verästelungen sich selbst und ihm die Freiheit zurück.
Steinerberg 11 001
So wie es war, schien dieses Schweigen unverletzlich, jedes etwaige Geräusch der Nacht – eine raschelnde Maus, ein fallendes Blatt, ein knackender Zweig – hätte es nur in seiner Vollkommenheit, in seiner Tiefe gestärkt, indem es darin aufgegangen und verschwunden wäre wie ein Tropfen in einem See. Aber es gab kein Geräusch. Es gab nur das Schweigen, dicht und elastisch wie Wassertiefe.
Nur im Nahen und Allernächsten nisteten winzige Geräusche. Ein Lufthauch zog den Gardinensaum übers Fensterbrett. Ein Strömchen verwirbelte am gekippten Fenster. Meine bloßen Füße rieben über die Teppichfasern. Und die Laken raschelten, als ich fröstelnd und beglückt wieder in Bett schlüpfte. Über diesem kleinen Kreis freundlicher Geräusche, die ich selbst hervorbrachte, über diesem behaglichen Innenraum, wachte draußen die große Stille, indem sie den Körper, meine Atemzüge, die flüsternden Gedanken und endlich den Schlaf umschloß wie ein mir eben zuteil gewordener Segen.

Rodestraße

Der Tag ist schon da, ehe die Augen richtig wach sind. Die Luft ist ein heißes Tuch, brennend liegt sie auf Stirn und Schultern. Hammerschläge zerbrechen in der Tiefe des Tals, die Glockenklänge lösen sich in Wölkchen auf. Wie ein Panzer schließt sich das Licht um die Stämme. In den Ladenritzen ficht die Sonne mit sich selbst. Abends hingestellt, ist das Wasser dicklich eingedampft. Ein Glühen liegt um den Saum des Glases. Eine Tasche, ein Paar Schuhe auf dem lodernden Parkett, der Schlüssel brennt sich in die Handfläche ein. Wie eine schwarze Zunge liegt die Brotrinde gekrümmt auf dem Tellerchen. Im Mus kleben tote Wespen. Die Gedanken gerinnen, die Stunden sind sauer geworden. Die Bilder wenden sich ab von der Wand, alle Wörter sind zurück in die Bücher geflohen. Bis in die Träume hinein schnarrt der Grünfink, wie ein aufgezogenes Spielzeug. Wo soll man bleiben, wohin soll man gehen. Wie ein zweifelnder Münchhausen ziehe ich mich am rechten Ohr aus dem Sumpf der Matratze.

Zeppelinstraße

Es ist Sonntag, es ist Trödel, und es ist zu heiß. Der Stadtpark riecht nach Hundekot, die Zeppelinstraße nach Würstchen und gebrannten Mandeln. In der drückenden Hitze flaniert alles schweigend und in äußerster Konzentration an den Ständen hinauf und hinunter, nur keine Bewegung zuviel. Während in den Seitenstraßen Sonntag herrscht und die Sonne schweigende Schatten wirft, schiebt man sich diesseits der Woche im Gedränge vorwärts. Neben tatsächlichen Flohmarktgütern, alten Kinderbüchern, ausrangierten Schuhen, mehr oder weniger gepflegt, Spielzeug, Porzellan, Plunder aller Art, gibt es auch professionelle Anbieter, die billige und billigste Mode, hundert Arten Batterien, Wecker, Wischblätter feilhalten. In einem Karton stapeln sich Videokassetten, in einem anderen Was-ist-Was-Bände mit Titeln in drolligen Typen. Abenteuerbücher vergessener Autoren, verblassende Umschlagbilder, ein Kaleidoskop des Vergessenen und Vergeblichen, das Stand um Stand die ausrangierten Telephone, Flachbildschirme und Laptops fortsetzen, zu alt um noch einen Zweck zu haben, zu jung, zu häßlich, zu lieblos gefertigt, um das Kostbare des Vergangenen zu besitzen, man möchte es so schnell wie möglich vergessen wie eigene Jugendsünden. Zeitlos, weil ausgereift seit Jahrzehnten: Wasserhähne, Schraubgewinde, Werkzeuge. Eine alte Waage mit Gewichten, alt genug, um schön zu sein; beliebige Vasen, Tassen, Modellbauteile, die vielleicht noch einen Sammler interessieren, und kurz bevor ich sie erblicke, die ich dann doch nicht kaufe, eine alte Olympia-Reiseschreibmaschine, wahrscheinlich das einzige Stück, das den Besuch gelohnt hätte, spüre ich etwas Feuchtkühles an der Hand. Ich drehe mich um und sehe geradewegs in das Flehende eines hechelnden Hundegesichts, kurz bevor die Leine das Tier wegreißt.

Rauchschwaden vom türkischen Grill, Lammfleisch und Knoblauch, auf der anderen Seite selbstgebackener Kuchen. Die Gerüche lassen sich ertragen, es könnte schlimmer sein. Schlimm ist nicht, wie es riecht, schlimm ist, wie es klingt: Links ein echter Indianer mit falschem Federschmuck, aus einer Lautsprecherbox quillt süßlicher Panflötendunst; rings um eine Art von Bühne eine Art von Galerie mit so etwas wie Bildern, Paradiesvögel, Heilige, Gebirgslandschaften in Bonbonfarben, ein Condor, natürlich, selbst dem Indianer ist es unter dem Federschmuck zu heiß in der Zeppelinstraße, er setzt sich, Erschöpfung in den Zügen, später wird er wahrscheinlich singen müssen oder wenigstens Panflöten pfeifen.

Zuerst singt aber jemand anders. Eine Bühne, Lifemusik, die Sängerin hat den Kniff mit dem knarrenden Stimmeinsatz schon ganz gut raus, ein Liebeslied, das vom Glück irgendwo, irgendwie, irgendwann handelt, tröstlich in der Unbestimmtheit, mach dir nichts draus, kommt alles noch, auch du, auch wir werden es schaffen. Dreiklänge rauf und runter, ein trauriges Dur, klebrig, gelb, süß, ekelhaft. Ich wehre mich gegen dieses Gefühl in Flaschen, gegen den rauhen Stimmeinsatz, gegen das Akkordgewaber, gegen die Herzenszumutung. Ich verziehe das Gesicht gegen diesen aspartamsauren, geschmacksverstärkten Seim, gehe schneller und wische mir den Schauer von den Armen. Ich will das nicht, dieses Gefühlsimitat, es ist aufdringlich und anbiedernd, irgendwo, irgendwann, irgendwie falsch, nein, nicht falsch, nicht einmal das.

Später der Marktplatz. Rathaus links, Einkaufszentrum rechts, die meterhohe Löwenstatue auf ihrem rechteckigen Sockel, ein gigantischer Petzispender mittig auf dem Platz, ringsum ziemlich viel Raum für sengende Sonne auf Pflastersteinen, menschenleer, alle Schaufenster dunkel, nicht einmal Tauben trauen sich, die Schaufensterpuppen starren hinter Sonnenbrillen über die blankgewischte Fläche, einzig echt ist das Gold auf der Rathauskuppel; es sieht aus, als sei es bei der letzten Plünderung übersehen worden.
Der süße Seim, das billige Gefühl, man entkommt ihm nicht. Hier ist es eine Saxophonmelodie, die aus der einzigen geöffneten Kneipe über den Platz schallt. Zwei Tische im Schatten der Arkade, halbvolle Weizenbiergläser und davor, halb in der Sonne, halb unter einer Markise, ein Paar, das sich umschlungen hält und tanzt, nach Art älterer Menschen, die das Tanzen seit vielen Jahren verlernt haben, ein Sich-Wiegen und Schunkeln, unbeholfen, Hüfte an Hüfte, je ein rechter und linker Arm mehr in der Absicht als in der Verwirklichung eines Tanzes verschränkt und ausgestreckt, sie schwanken, als hielten sie sich gegenseitig fest und hinderten so einander am Umfallen. Das Saxophon hallt von den erhitzten Fassaden wieder, die Schlagermelodie wabert in mehrfachen Schichten über den Platz und dringt bis in die Gänge des verödeten Einkaufszentrums vor, runtergelassene Läden, erloschene Beleuchtung, man glaubt, das Schlüsselklappern eines Wachmanns zu hören, die Tür vielleicht nur aus Versehen nicht abgeschlossen. Aus Versehen, wie das alles hier nur ein Versehen ist, das Saxophon, das tanzende Paar, die Tränen, halt mich fest, wer, du, ich bin auch nur hier, weil es kein anderswo gibt. Kein irgendwann, irgendwie, irgendwo.

Laß uns gehen. Bitte. Wohin? Irgendwohin. Die Cafés haben geschlossen, kein Eis, keine Erfrischung, kein Platz zum Sitzen. Wir gehen und schauen, aber zu sehen gibt es nichts. Doch noch zurück und die Schreibmaschine kaufen? Es kommt mir sinnlos vor, ein elendes Aufbegehren gegen die Zeit, morgen wird alles anders. Größer, schöner, jedenfalls besser. Die Fußgängerzone von Sonne und Sonntag verwüstet, an einer Leuchtreklame fehlt ein Buchstabe, Alles für einen Euro, das läßt sich nur noch mit Geschäftsaufgabe unterbieten, und daran, an mit Pappkarton zugeklebten Fassaden, an ausgebleichten Zu-Vermieten-Schildern, herrscht kein Mangel. Drüben, in weiter Ferne über der Stadt, schwebt unerreichbar ein Waldsaum, es wäre schön, wenn die Wolken darüber ein Gewitter bedeuteten. Wir gehen, das Pflaster brennt, die Füße schmerzen. Der Brunnen plätschert im Todeskampf.

Ein älterer Mann mit grauem Schnauzer und schlohweißem Haar, am Stock, sehr gepflegt angezogen, Lederschuhe, dunkle Hose, hellblaues Hemd, kommt uns die Fußgängerzone herauf entgegen, schwankend, aber so gut zu Fuß wie alte Männer manchmal gut zu Fuß sind, beharrlich, ausdauernd, nicht aus der Ruhe und dem Tritt zu bringen. Auf unserer Höhe zwinkert er, bleibt stehen, stützt sich auf seinen Stock, wendet sich halb nach uns um. Er öffnet den Mund, vielleicht nur, um Atem zu schöpfen, ich weiß nicht, ob er uns ansprechen wollte, ob wir zu unaufmerksam waren oder zu hastig für seine Ruhe. Vielleicht hat er uns nach dem Weg fragen wollen und es sich im letzten Moment noch anders überlegt, als er unsere Gesichter sah. Vielleicht haben wir ihn erschreckt, womöglich sehen wir bereits genauso hoffnungslos aus wie die ganze Stadt um uns herum, nicht irgendwann, sondern jetzt.

Morgen mit Vogelmangel

Die Vögel schwinden. Wo
ihre Laute ausbleiben, kartieren
Libellen das Schweigen.
In den riesigen Hallen des Morgens
verlieren die Stunden den Halt
untereinander. Zwischen zwei
Seiten im Buch findet sich
ein Hahnenfuß des vorletzten
Jahres. Jahrhunderte dauerte
ein Fraktur-A. Im blauen Dunkel der
Kommode zappelt ein Junikäfer
den trockenen Leib auf die Krone
eingewanderter Tage gespießt.
Zwischen Umblättern und
Umblättern zerfallen die
letzten Klänge auf der Strecke
eines schartigen Alphabets.

Solstitium (21.6.2014)

Mußt du nicht gehen? Noch einmal bietest du dar mir die Lippen.
    Kommst oder gehst du? Ineins fallen die Zeiten im Kuß.
Nicht kann die Schildkröte je der schnelle Achilles erreichen,
    Ewig müht sich der Pfeil ab an der Länge des Wegs.
Eh er die Hälfte erreicht, muß die Hälfte er davon erst schaffen,
    Undsoweiter: Er steht, ewig gehalten im Jetzt.
Wolltest du daher den Zug noch erreichen, so hättest du müssen
    Schon vor unendlicher Zeit lösen dich aus unsrem Kuß.
So viel Zeit war nie: Laß Hälften von Hälften nur fahren,
    Unmöglich ist’s wie du siehst. Küß mich noch einmal. Und bleib.

Nach der kurzen Nacht

Wenn du nach unseren kurzen Nächten morgens von mir gehst, gehst du zweimal. Zweimal kehre ich in ein verwandeltes Zimmer zurück. Zweimal ein Loslassen in Wehmut, der Raum entläßt dich einmal, und einmal die Erinnerung des Raums, zweimal der Schmerz dieses Entsagens, zweimal die Bewegung, ehe sich alles, der erste wie der zweite Augenblick, ins Unwandelbare der Zeit hinein ablegt.
Dieser allererste Moment, wenn du aus dem Blickfeld der Glastür verschwunden bist (der letzte Anblick von dir: dein Blick schon ins Voraus gerichtet, deinem Tag, deinen Wegen zugewandt), und ich aus der Schwebe des ansatzweisen Nacheilens zurückfalle, den Blick meinerseits abziehe und in mein eigenes Hier zurückwende, dieser Moment, da ich die Tür zuziehe und ins Schloß drücke, was immer etwas Endgültiges hat, als schlösse ich nun meinerseits dich aus aus dem Rest des Tages; dieser Augenblick, da ich wieder, wie auf der anderen, der verwüsteten Seite eines Spiegels, einer Symmetrie angekommen bin, die in allem, wirklich allem der nunmehr verwunschenen Welt gleicht, in der wir hier uns noch geküßt und abergeküßt haben und nicht voneinander lassen mochten, und nur darin sich unterscheidet, daß ich hier im Flur alleine bin; dieser Augenblick des Betretens jener anderen Seite hat immer etwas zutiefst Erschütterndes und Erschreckendes, als sei die Wirklichkeit, die ganz banale Wirklichkeit, ganz und gar nicht begreifbar, und es ist jedesmal der gleiche Schmerz, zu fühlen, wie das Jetzt hinter dem Spiegel und das Jetzt vor dem Spiegel sich unaufhaltsam von dieser Grenze, die dein Weggang ist, in entgegengesetzte Richtung auseinanderstreben. Wie von der Türschwelle, aus der Du, von der ich, in entgegengesetzte Richtungen fortstrebten; an der unsere Zweisamkeit in je eine Einsamkeit zerfallen ist und immer wieder neu zerfällt.
Komme ich später am Tag wieder zurück vom langen oder kürzeren Tagesgeschäft, langen oder kürzeren Wegen, fällst du dem Raum noch einmal ein, und noch einmal muß er dich lassen. Es ist die Erinnerung an die Erinnerung an unseren Morgen: Kam mir das Zimmer leer vor, als du gerade gegangen warst, so ist es nun noch einmal entleert: Der Tag ist vorangeschritten, die Winkel des Lichts sind verschoben, die Geräusche von draußen erinnern an den Gleichstrom der Zeit, und zu diesem Ebenmaß hat sich nun alles, was für kurze Zeit in Aufruhr war, wieder gefügt. Fremd ist mir mein Zimmer, wenn du gehst; als Fremder betrete ich diese ihrerseits entfremdete Fremde ein paar Stunden später noch einmal. Da ist alles schon museal geworden. Die Luft kann deinen Atem nicht bewahren. Der Morgen läßt deine Erinnerung los. Während wir vergaßen, daß einmal Morgen werden würde, vergißt uns nun der Tag.

Solstitium

Erstens gehst du am Morgen, und mit dir geht unsre Nacht auch.
     Komm ich dann abends nach Haus, bist du zum zweiten Mal fort.
Nächtens sprachen wir beide den Laken von unseren Körpern;
     tags, da wir wieder getrennt, sprechen die Laken von uns.

Im Traum geimpft

Geträumt, ich würde (stellvertretend für eine ganze Gruppe) auf einem Lager von Feinden überwältigt. Ich war unvorsichtig oder habe etwas riskiert, jedenfalls habe ich mich aus Sicht derer, die mich daraufhin ans Bett fesseln, eines Vergehens schuldig gemacht. Ich bekomme danach, wenn nicht als Strafe, so doch als Konsequenz meiner Verfehlung oder meines Entdecktwerdens, zwei schmerzhafte Injektionen.
Erstaunlich dabei das schlechte Gewissen des Ertappten, das Gefühl der Schuld, selbst noch demjenigen gegenüber, dessen Zwang und Vorhaben man aus guten Gründen ablehnen darf; gefehlt zu haben, und sei es, dem Gegner gegenüber. Ich empfinde dabei kein Aufbegehren, bin kooperativ, empfinde die Maßnahme als gerechtfertigt. Es ist ein Gefühl, das ich aus dem Wachsein durchaus kenne, selbst noch im rechtschaffendsten Widerstand habe ich oft das Gefühl, Unrecht zu tun, verspüre den Impuls, mich zu ducken; das Bewußtsein, fehlzugehen ist dabei allemal deutlicher, konkreter und mächtiger als das im Abstrakten wurzelnde Gefühl, im rein Argumentativen recht zu haben, was vielleicht auf der komplexen, evolutionär weit älteren Beziehung zwischen Mächtigem und Unterlegenem in einer hierarchischen sozialen Ordnung beruht.

Privatsphäre (Sen. Ep. III, 25)

„Handle stets so, sagt [Epikur], als ob Epikur dir dabei zusähe.“ Ohne Zweifel ist es nützlich, sich selbst einen Aufpasser zur Seite zu stellen und jemandem zu haben, mit dem man rechnen muß, den man sich als Mitberater bei den eigenen Entschlüssen vorstellen kann. Am besten wäre es freilich, so zu leben wie unter den wachsamen Augen eines stets anwesenden vortrefflichen Menschen; doch bin ich schon damit zufrieden, wenn du in allem so handelst, als sähe jemand Beliebiges zu. Alles Schlechte empfiehlt uns das Alleinsein. Wenn du schon so große Fortschritte gemacht hast, daß du dir eine gewisse Ehrerbietung zollen magst, kannst du den Lehrmeister wegschicken: Bis es so weit ist, begib dich in die Obhut von Leuten, deren Vortrefflichkeit unbestritten ist – Catos oder Scipios oder Laelius’ oder irgendeines anderen, durch dessen Einschreiten selbst verwahrloste Menschen ihre Fehler unterdrücken würden. Das tu, bis du selbst einer geworden bist, in dessen Gegenwart du keinen Fehler zu machen wagst. Wenn du das geschafft hast und bei dir eine ehrfurchtsvolle Haltung dir selbst gegenüber eingetreten ist, will ich dir zugestehen, was auch Epikur nahelegt: „Besonders dann ziehe dich in dich selbst zurück, wenn du gezwungen bist, dich in einer Menge aufzuhalten.“ Du mußt dich von den Vielen unterscheiden, solange es noch nicht gut für dich ist, dich zu dir selbst zurückzuziehen. Schau dir die Leute an: Es gibt keinen, für den es nicht vorteilhafter wäre, bei irgendeinem beliebigen anderen zu sein, als bei sich selbst. „Besonders dann ziehe dich in dich selbst zurück, wenn du gezwungen bist, dich in einer Menge aufzuhalten.“ – ja, wenn du ein guter Mensch bist, wenn du ruhig bist und besonnen! Andernfalls solltest du dich vor dir selbst in die Menge zurückziehen: Denn bei dir selbst bist du dann einem schlechten Menschen allzu nahe. Lebe wohl.

„Sic fac“ inquit „omnia tamquam spectet Epicurus.“ Prodest sine dubio custodem sibi imposuisse et habere quem respicias, quem interesse cogitationibus tuis iudices. Hoc quidem longe magnificentius est, sic vivere tamquam sub alicuius boni viri ac semper praesentis oculis, sed ego etiam hoc contentus sum, ut sic facias quaecumque facies tamquam spectet aliquis: omnia nobis mala solitudo persuadet. [6] Cum iam profeceris tantum ut sit tibi etiam tui reverentia, licebit dimittas paedagogum: interim aliquorum te auctoritate custodi – aut Cato ille sit aut Scipio aut Laelius aut alius cuius interventu perditi quoque homines vitia supprimerent, dum te efficis eum cum quo peccare non audeas. Cum hoc effeceris et aliqua coeperit apud te tui esse dignatio, incipiam tibi permittere quod idem suadet Epicurus: „tunc praecipue in te ipse secede cum esse cogeris in turba“. [7] Dissimilem te fieri multis oportet, dum tibi tutum [non] sit ad te recedere. Circumspice singulos: nemo est cui non satius sit cum quolibet esse quam secum. „Tunc praecipue in te ipse secede cum esse cogeris in turba“ – si bonus vir , si quietus, si temperans. Alioquin in turbam tibi a te recedendum est: istic malo viro propius es. Vale.

„Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, daß es irgend jemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun.“ (Eric Emerson Schmidt, Vorsitzender von Google Inc.)

Rodestraße (Noch ein Morgen)

Am Tisch, des Morgens. Die Schattenspiele betrachten. Den Rücken zum Licht und zur Frühe. Mit halbem Ohr auf die Vögel achten. Der blankgewischte Tisch. Die erloschene Kerze vom Abend. Die verblühte Akelei. Die Schlafende im Nebenzimmer. Ein Wind weht durch die Schatten, kräuselt den Schimmer auf der Tapete. Die Küche schrumpft zu einem Ensemble stumpfer Flächen. Die Uhr nimmt ihr Ticken wieder auf, die Zeit schreitet fort und von etwas weg, das du wieder nicht erfaßt hast. Die Flächen stellen sich dicht an dicht. Die Reflexe auf den Gläsern sind starr, die Blütenblätter liegen in derselben Ordnung um die Vase, nur im Schließen des Augenblicks, in seinem Vorbeisein, merkst du es und hast es schon wieder verloren. Wie dieser Schimmer vielleicht in den Strom der Zeit hineinfiel, ein Wehen vorbeistrich, ein Wort beinahe hörbar wurde. Die Fläche des Glases, die mehr trennt als Drinnen und Draußen. Das Licht schwindet, kommt wieder, erlischt endgültig, die Vögel verstummen einer nach dem anderen, als gäben sie ihn schon auf, diesen Morgen, diesen kaum begonnenen Tag.
Sich zusammenreißen, noch einen Absatz schreiben; Kaffee machen, ins Nebenzimmer und wecken gehen und los, und weitermachen, als wäre das schon alles, als wäre wieder nichts geschehen.

Stillen (1)

Wie ein Gestrüpp fühlt sich an, was sich in all den Jahren, seit mir das Schreiben zur Gewohnheit geworden, an Worten angesammelt hat. Nichts davon verschwindet ja wieder, jedes einzelne Wort, jedes Syntagma, jede Kongruenz, jede flektivische Konstruktion bleibt bewahrt. Und nicht nur bleibt sie bewahrt, bleibt sie als Gedächtnis auf Festplatten, CDs, Flashspeichern oder Servern, auf Briefpapier, in Kladden und unzähligen Notizzetteln: Ich kann den Rechner ausschalten, die Kladden schließen, die Zettel wegsperren, jedes Stück Papier in Schubladen verschwinden lassen: Die Worte bleiben da. Sie bleiben in mir. Schlimmer noch: Sie enthalten immer schon weitere Wörter als projizierte Möglichkeiten, junge Triebe am äußersten Rand des Wurzelfilzes. Warum überhaupt schreiben? Sollte ich nicht lieber etwas anderes tun? Ich habe das Gefühl, zu ersticken an all den Wörtern. Und mit jedem Wort, das ich schreibe, wird alles noch schlimmer. Ich fühle mich überwuchert, umwachsen von Gestrüpp, das mich lähmt, und mit jedem Wort verheddere ich mich noch heilloser. Ich gehe spazieren und formuliere. Ich sitze auf der Kloschüssel und wende Worte. Noch beim Einschlafen kann ich es nicht lassen, gibt es keine Stille, keine Freiheit von Wörtern. Keine Freiheit von Zeichen.
Es wird immer so weitergehen. Noch mehr und noch mehr Wörter. Manchmal verspüre ich den Impuls, das Gestrüpp mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Ich sehne mich nach einem weißen Blatt.
Nach einem weichen, schwarzen Bleistift.
Ich sehne mich danach, Blatt und Bleistift zu betrachten: Wie der Schatten der Maisonne vom Stift schräg einen Schatten aufs Papier zieht; wie das Papier im flachen Licht rauh erscheint, wie mit feinem Salz besprenkelt; wie der Schatten um den Stift herumgleitet, während die geschärfte Graphitspitze aufschimmert, wieder erlischt. Die winzigen Holzsplitter. Der leuchtende Lack. Die scharfen Ränder des Papierbogens.
Im Nacken ein Buchfink, der nicht weiß, was er tut, wenn er singt, so daß ich es hören kann.
Ich sehne mich danach, zu schauen und zu hören und keinerlei Worte zu haben für diesen Augenblick.

Nie wach genug

Und ich habe ihn schon gefürchtet, diesen Moment, als wir vorgestern noch am Planen und am Freuen waren. Den Moment, da alles wieder vorbei und Erzählung sein würde. Die mühsamen Stunden danach. Ganz gleich, wie sehr ich mich konzentriere („jetzt bist du da, jetzt und jetzt und jetzt; du hältst meine Hand, deine Stirn leuchtet, ich küsse deine Stirn, du lächelst, ich sage etwas, du küßt mich“), ganz gleich, wie sehr ich mich vollzusaugen bemühe mit deiner Gegenwart, der Tatsache, daß du da bist, ich dich sehe, rieche, küsse, auf die Spur zu kommen mich anstrenge; ganz gleich, wie genau ich versuche, mir alles ganz, ganz genau einzuprägen („schau dir die Fingerkuppen an, diese Brauen, merk dir, wie sich das anfühlt, wenn unsere Hände sich verschränken, präg dir ein wie es ist, wenn ich diese Hände an meiner Brust halte, wie feingliedrig sie sind, wie kühl, wie fühlend, wie sehr ihre Finger. Sei wach!“), ganz gleich, wieviel ich von dir mitzunehmen mich anstrenge, mit Augen, Nase, Geist, mit allem, was Wachheit ist – wenn unsere Hände sich endgültig voneinander gelöst haben; wenn du einsteigst; wenn du nur noch ein Schemen hinter Glas bist, schon einen ganz anderen Raum bewohnst als ich: Dann bricht ein Sinn nach dem anderen von dir weg und verwandelt sich im selben Augenblick in Erinnerung; der Druck deiner Hand ist schon Erinnerung, wenn du dich in die Schlange stellst; dein Duft ist schon Erinnerung, während du einsteigst, deine Stimme, dein Lachen ist schon Erinnerung, während ich beobachte, wo du dich hinsetzt; dann ist nur noch dein Lächeln mit meiner eigenen Spiegelung darüber bei mir, und wie du die Hand an die Scheibe legst; wie du lächelst, während der Zug sich und dich darin in Bewegung setzt; weniger und weniger von dir, und zuletzt nur noch deine winkende Hand, und da weiß ich schon nicht mehr, siehst du mich noch, kannst du mich noch erkennen, meine winkende, erhobene, verzweifelte Hand. Ich winke und winke, ich winke, vielleicht siehst du mich noch; ich bin bereits alleine, ich winke immer noch, bis der Zug aus dem Bahnhof geglitten ist, aber schon Momente zuvor, als ich noch deine Hand verschwinden sah hinter der Spiegelung des Himmels im Glas, in die hinein sich dein Winken auflöste, um schließlich als letztes Erinnerung zu werden, wußte ich schon, daß ich wieder einmal nicht wach genug war für dich.

Meßdorf

Es war Nacht geworden, und das Meßdorfer Feld glitzerte unter einem Saum ferner Lichter. Ich ging und erreichte die Straße, Verkehr lief kreuz und quer, und die Fensterbilder beim Gemeindezentrum lachten in die Dunkelheit hinaus.

Wie sich da etwas verschob, auseinandergeriet, abermals zur Deckung kam: Als wäre plötzlich ganz leicht zu erreichen, was „jetzt“ heißt. ein für allemal. Wasser gluckerte, ein Vogel schlug klatschend die Schwingen. Stille strömte zurück. Ging dort nicht jemand? Unter den Pappeln, am Bach?

Von der Durchgangsstraße dröhnte der Feierabendverkehr, aber es war, als habe sich plötzlich ein Raum geöffnet, den das Brausen der Fahrzeuge nicht mehr erreichte. Fast drang das Licht aus den Fenstern des Gemeindezentrums bis hierher. Eine Kreuzung verschlammter Feldwege, Krümel von Abend, lotrechter Rauch. Überm Meßdorfer Feld hing ein Film transparenten Leuchtens, dessen Hall bis zu den Pappeln, dem Wegekreuz und dem Brückchen reichte und reihum auf Metall und Stein, auf Pfützen und Grasbüscheln liegenblieb. In der sinkenden Nacht geriet Nahes und Fernes in Verwirrung. Ein silbriger Steg in der Ferne des Dorfrands entpuppte sich als Wasserstreif vor den eigenen Füßen. Eine Fahrradlampe schwebte lange Minuten in nächster Nähe, ehe der Raum es sich plötzlich anderst überlegte und das Licht in einer angestauten Ferne verschwinden ließ.

Und dann, als alles still geworden und die Wege in Verwirrung gerieten, ging jemand dort unter den Pappeln. Ein Schleier hob sich, zwischen Büschen schimmerte ein Pfad, ein Schritt fiel, ein Kiesel sprang weg. Aus der Dämmerung glitt das schimmernde Geländer einer Brücke.

Plötzlich konzentriert sich der Abend auf diese Bewegung an seinem Rand, an seinen Augenwinkeln; wird sich des Haarschopfs bewußt, achtet auf die Rundung der Schultern, blickt auf die Silhouette, die da unter dem Firnis der aufziehenden Nacht erschienen ist, um sogleich wieder in den Wirrnissen der Uferböschung, zwischen den Pappeln, den Sträuchern, der Faltung des Wegs, zu verschwinden.

Aber noch nicht, nicht sofort: Noch könnte sie stehenbleiben, sich nach einem Hund umdrehen, im Erstarren der Bewegung mit den Spiegelungen des Bachs verschmelzen, mit dem Rest vom Restlicht, das auf den Pappelblättern liegt. Noch könnte sie diesem Abend einen geheimnisvollen Sinn verleihen.

Ich war schon vorüber, als mir das wieder einfiel. Der Abend war kalt bis in die Fingerspitzen. Die Kreuzung der Wege, die Säulen der Pappeln, die Brücke, das alles lag in einem ruhenden Zentrum von Bewegung, die nur knapp außerhalb der transparenten Begrenzungen dieses Raums stattfand. Lichter flackerten. Motoren brummten und verklangen. Reifenrauschen flutete an und ab. Hörbare Dinge; und doch reichte nichts davon in den Raum jenes Augenblicks, in dem ich einen Schritt machte oder viele, in der die Amsel zeterte (deren andere Lebendigkeit mit dem Leben auf der Kreuzung nicht in Berührung kam, niemals in Berührung würde kommen können), jenes Augenblicks, da drüben jemand ging und den Weg zum Bach einschlug; sich anschickte (während von der Kreuzung vor dem Gemeindehaus ein Wagen am Zebrastreifen bremste; vier Mobiltelephone ihre Nachricht versandten; eine Kirchturmglocke einmal schlug; eine Straßenbahn bremste), im dunklen Kanal zwischen Sträuchern und Pappeln zu verschwinden; nicht anhielt, nicht langsamer wurde, sondern selbstvergessen und ruhig, seiner selbst gewiß wie eine Figur, die seit Jahrhunderten sich auf einem Ölgemälde am rechten Platz weiß, die Schritte bachaufwärts lenkte, einmal hinter den Sträuchern flackerte, verschwand, wie sie es seit Jahrunderten zu tun pflegt.

Und plötzlich wimmelte es in diesem Abend von anderen Dingen. In den Pfützen war eben der Kirchturm zitternd zur Ruhe gekommen. Die Kiesel zogen eine Richtung aus dem Weg. Lichter waren, fern, punktförmig, als seien sie sich eben selbst wieder eingefallen. Kaum zu hören, hinter Schleiern und Schleiern aus Frost: der Bach. Der Bach und ein Schritt. Eine zeternde Amsel, die Stille, der Bach. Und dann dieser eine, leichte, fallende Schritt, dieser Irrtum von Schritt, eine Schuhspitze, die einen Kiesel wegstößt, eine Handvoll Erde, die nachgibt, ein Blatt. Die Erinnerung an ein Geräusch. Sonst nichts.

Es war Nacht geworden, und das Meßdorfer Feld glitzerte unter einem Saum ferner Lichter. Ich ging und erreichte die Straße, Verkehr lief kreuz und quer, und die Fensterbilder beim Gemeindezentrum lachten in die Dunkelheit hinaus. Aber gerade hatte hinter mir eine Amsel gezetert; eine Glocke geschlagen; hatten sich zwei oder drei Zeiten gekreuzt und waren wieder auseinandergegangen, lautlos. Und einer dieser Stränge strahlte aus und wurde Zeit und Vergangenheit, und floß als Geschichte zurück in jenen Moment, da die Amsel gezetert hatte und dort am Bach jemand gegangen und als weicher Schatten unter den Pappeln verschwunden war.

Aequinoctium

Heiter der Tag und die Sonne so warm und das Licht in den Weiden
    fiel über Wasser und Kies auf deinen fröhlichen Weg.
Münder entdeckten Paare, der Himmel erfand sich ein Wölkchen,
    Eis war zum ersten Mal süß. Alles, was Zeit hieß, fing an.
Kinder, die Hände voll Brot, die grinsenden Mäuler der Ziegen,
    sahst du und lachtest. Der Tod hätte doch heute wohl frei.
Dann fuhrst du heim, beschwingt. Und im Hausflur liegt schon der Umschlag.
    Abends hältst du den Tag achtsam, wie springendes Glas.

Und hier die Antwort

Sehr geehrter Herr Solminore,
das von Ihnen bezeichnete Waldgebiet befindet sich weitestgehend im Eigentum privater Waldeigentümer; einige kleinere Areale sind Kommunalwald. Die Waldeigentümer sind berechtigt, ihren Wald zu bewirtschaften und dementsprechend Holz zu ernten. Dies ist in der Tat mit Belästigungen für den Waldbesucher verbunden, die leider nicht zu vermeiden sind. Das Regionalforstamt hat nur zum kleinere Teil Einfluss auf die Holzernte selbst. Diese liegt in der Organisation der privaten Waldeigentümer und der Forstbetriebsgemeinschaften.
Wir achten darauf, dass die forstgesetzlichen Vorschriften eingehalten werden. Rodungen, d. h. Umwandlungen von Wald in andere Nutzungsarten werden nicht durchgeführt. Die flächig genutzten Waldstücke müssen innerhalb von zwei Jahren wieder aufgeforstet werden.
Weiterhin wirken wir durch unsere beratenden Förster darauf hin, Kahlschläge zu vermeiden und die Holzernte möglichst schonend durchzuführen. Leider sind einige Fichtenwälder bereits durch Trockenheit, Sturm und Borkenkäfer soweit geschädigt, das sie in den nächsten Jahren immer weiter verschwinden werden.
Die Durchforstungen sind ansonsten günstig für die Stabilität, Mischung und Wertentwicklung der Wälder.

Der nachwachsende Rohstoff Holz wird von uns allen in Form von Papier, Möbeln, Hausdächern etc. benötigt. Jeder Bundesbürger verbraucht ca. 1,5 m³/Jahr. Wenn dieser benötigte Rohstoff Holz nicht nachhaltig in den heimischen Wäldern produziert wird, dann wird er auf den Weltmärkten eingekauft und zum Teil aus Ländern importiert, in denen eine nachhaltige Waldnutzung nicht garantiert werden kann.

Die Bewirtschaftung des Waldes ist auch hinsichtlich des Klimawandels von Bedeutung. Die Bäume entnehmen bei ihrem Wachstum der Umgebungsluft CO2 und wandeln dieses klimaschädliche Gas im Zuge der Photosynthese in Holz um. Jährlich wachsen in unseren Wäldern Millionen von Festmetern Holz zu (ein Kubikmeter Holz speichert ca. eine Tonne CO2). Ein positiver Effekt lässt sich über eine Kaskadennutzung erzielen. Vom Rohprodukt Holz über eine Verarbeitung zu Bauholz, einem Recycling dieses Bauholzes zu Spanplatten bis hin zu einer energetischen Nutzung können mehrere Jahrzehnte vergehen. Je langlebiger Produkte aus Holz oder Zellstoff sind (z.B. Bauholz, Möbeln oder Papier), desto länger wird der Kohlenstoff der Atmosphäre entzogen. Hinzu kommen Substitutionseffekte, da alternativ zu Beton, Stahl oder fossiler Energieträger der nachwachsende Rohstoff Holz verwendet wird. Das von den Bäumen aufgenommene und im Holz gespeicherte CO2 wird der Atmosphäre und damit dem Kohlenstoffkreislauf über einen längeren Zeitraum entzogen und im Nutzholz fixiert.

Die Waldbewirtschaftung in Deutschland folgt dem Modell der multifunktionalen Waldwirtschaft, d. h. die drei Hauptfunktionen Erholung, Naturschutz und Rohstoffproduktion erfolgen auf der gleichen Fläche. Dies erfordert Kompromisse, die sich in ihrem Fall durch eine zeitlich befristete Belästigung der Waldbesucher auswirken.
Ich bitte um Verständnis für die Maßnahmen. Spätestens mit Laubausbruch werden die Hiebsmaßnahmen in den Laubwäldern für diese Saison beendet sein.

mit freundlichen Grüßen
FD Hugo Schelmenhorst

Anfrage ans Forstamt

Sehr geehrte Damen und Herren,

in diesem Frühjahr beobachte ich mit Besorgnis, daß in deutlich höherem Maß als sonst im nördlichen Vimbelwald zwischen Quellstetten, Lafter und Hemmelshain Holz eingeschlagen wird. Da dies mit beträchtlicher Verschlammung der Wege einhergeht, der Freizeitwert des Waldes auch in anderer Hinsicht durch Lärm, Gestank, hohes Aufkommen von Fahrzeugen, schließlich durch häßliche Rodungen erheblich gemindert wird, möchte ich mich an Sie wenden mit der Frage, wie lange das noch so weitergeht, und in welchem Ausmaß noch mehr Holzarbeiten zu erwarten sind. Betrachten Sie bitte diese Nachricht auch als freundliche Aufforderung, den Einschlag auf ein Mindestmaß zu reduzieren, bzw. günstigenfalls ganz einzustellen. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,

Solminore

Arboricidium

Der Waldsaum jenseits der Pferdeweiden ist noch eine schmale Linie, da ist es schon hörbar, dringt das Jaulen und Heulen daraus hervor wie Warnrufe kampfbereiter Tiere. Eine ganze Herde davon scheint in diesem Waldstück zu kauern.
Das Geflimmer von Warnwesten zwischen den Baumstämmen ist mittlerweile ein ebenso verhaßter Anblick geworden wie die am Waldweg aufgereihten geländegängigen Fahrzeuge mit Anhänger. Überall sieht man sie jetzt, die orange- und gelbbejackten Männer mit den Visieren und den Motorsägen, wie archaische Krieger auf Beutezug stapfen sie durch Untergehölz, die Waffe im Anschlag. Die Verheerungen, die sie anrichten, sind überall sichtbar. Kronenskelette, Stammrümpfe, Aststücke, Kleinholz liegen herum, wo noch ein paar Wochen zuvor lichte Hallen von Buchen standen, von denen im Sommer angenehmer Schatten auf den Weg fiel; der führt jetzt durch eine Wüste; der Grund zwischen den herumliegenden, auf ihre weitere Zergliederung wartenden Baumteilen ist zertreten von den Stiefeln der Sägekrieger; das Unterholz, die Krautschicht sind beseitigt und niedergetrampelt; Striemen von Raupenfahrzeugen haben sich in den Grund zwischen den noch stehenden Stämmen gewälzt, und auch die Wege sind beschädigt von Raupenketten, zermalmt, zerschlammt, unbrauchbar. Zwischen Radfurchen sammelt sich öliges Wasser. Aus den Schlammassen ragen noch grüne, abgerissene Pflanzenteile. Es ist eine Schneise der Verheerung, in der eine lange Reihe von Fahrzeugen, Anhängern, Schleppmaschinen sich aufreiht wie Fliegen über einer schwärenden Wunde. Schleifspuren. Sägemehl. Überall liegt das Rostrot von abgeschürftem Bast und abgeplatzter Borke herum.
Der bittere Geruch von frischem Holz mischt sich mit dem öligen Dunst aus Zweitaktermotoren, Das Geheul der Maschinen pflanzt sich fort in verebbende Räume des Waldes, aus denen immer neues Gekreisch wieder anschwellend zurückflutet. Die Krieger müssen einander zubrüllen, sonst verstehen sie ihr eigenes Wort nicht. Die Sägen hinterlassen klaffende Lichtungen, in die der Blick hineinstürzt wie in eine Grube. Darüber zuckt der Himmel zusammen, als schäme er sich seiner Nacktheit. Die Bäume am Rand der neuen Lichtungen scheinen frierend auf einem Bein zu balancieren, seit Jahren im Bestand stehend, fehlt ihnen das niedere Laub, das den Waldsaum natürlicherweise nach außen abschließt. Alle halbe Stunde prasselt ein Baum nieder. Was stehenbleibt am Rand des Schlachtfelds erledigt der nächste Frühjahrssturm, schon liegen die ersten Fichten quer überm Weg. Wir gut, nehmen wir die auch noch mit. Es hat etwas von Raserei.
Und es beschränkt sich nicht auf den Wald. Am Bahnhof unweit meines Zuhauses hat bis vor kurzem eine Pappel gestanden, dreißig, vierzig Meter Baum, eine Pyramidenpappel, im Sommer ein rauschendes, rieselndes, flimmerndes Fest, im Winter ein faszinierendes, fraktales Gebilde aus scheinbar wirren, eine höhere Ordnung bildenden Ästen. Alles ringsum lag unter ihrem Schatten und im Bannkreis ihres Rauschens wie unter einem gütigen Zelt. Nach jedem Sturm war der Bahnsteig von kleinen Zweigen übersät; im Frühsommer unter dem Schnee der fluffigen Samen. Im Herbst leuchtete das heruntergewehte Laub. Im Sommer fiel das dunkelgrüne Rauschen in der Säule der schlanken Krone herab und stieg als silbrige Walze wieder daran empor, ein Träumen von Klang, ein Flimmern von Licht. Wer je an einem heißen Sommertag Erholung und Schatten unter einer Pappel gesucht und gefunden hat; wer je an einem winterlichen Fluß unter den filigranen Skeletten entlaubter Pappeln spazierengegangen ist, in deren Geäst der finstere Himmel festhing; wer je an einem Badesee schläfrig ins Laub der Pappeln am Ufer geblickt hat, verzaubert vom nimmergleichen Spiel des Flimmerns (wie Sonnenglitzern auf einem Fluß) – der weiß, wovon ich rede.
Wo diese Pappel letzte Woche noch stand, ist jetzt nur noch kahler Himmel. Wie zum Ersatz erhebt sich an der Stelle ein Händie-Sendemast. Der ist früher, von der Pappel buchstäblich in den Schatten gestellt, gar nicht aufgefallen. Häuserreihen, freiliegende Vorgärten. Es wimmelt plötzlich von allen möglichen Horizontalen. Am Himmel eine klaffende Leere, Gewölk, fliehende Vögel. Der Sendemast ragt hämisch in die Lücke hinein.
Ich weiß nicht, was es damit auf sich hat. Auf meinem Weg zur Straßenbahnhaltestelle haben sie eine Hecke herausgerissen. Stumpf und Stiel, die Erde eine einzige Schürfung. An meiner Laufstrecke liegt plötzlich ein gestern noch gebüschbestandener Wall kahl da. Überall Erde, Stümpfe, Wunden. Ich verstehe es nicht.
Und dann dieser verbissene Kahlschlag im Wald. Wald? Ein Sägewerk ist das. Ich kann mich nicht erinnern, daß das früher auch schon so praktiziert wurde. Nicht so. Nicht in dieser methodischen, generalstabsmäßigen Weise. Damit es eine handvoll Menschen ein paar Wochen im Jahr gemütlich warm haben, ist für hunderte von Wanderern, Läufern, Spaziergängern, Dendrophilen, Pilzsuchern der Wald auf Jahrzehnte verschandelt.
Gibt’s dafür eine Prämie? Wird demnächst der Vogelschutz verschärft, so daß vorher noch mal ordentlich gefällt werden muß? Ist 2014 das Jahr der Motorsäge? Ich verstehe es nicht.
Mag sein, daß die Pappel alt war und wegmußte. Pappeln leben nicht lange, ihr Holz ist nicht stabil, man möchte nicht eine plötzlich umgefallene Pappel von den Schienen räumen. Das verstehe ich. Aber alt oder nicht, wenn so ein Baum wegkommt, möchte ich weinen.
Pappeln mögen schnellwüchsig sein. Trotzdem: In meiner Lebenszeit wird dort kein solcher Baum mehr zu so einer Pracht heranwachsen wie diese schöne Pappel einer gewesen ist.

Für später, für jetzt, für alle Tage

Quibus enim nihil est in ipsis opis ad bene beateque vivendum, eis omnis aetas gravis est; qui autem omnia bona a se ipsi petunt, eis nihil malum potest videri quod naturae necessitas adferat. Quo in genere est in primis senectus, quam ut adipiscantur omnes optant, eandem accusant adeptam; tanta est stultitiae inconstantia atque perversitas. Obrepere aiunt eam citius, quam putassent. Primum quis coegit eos falsum putare? Qui enim citius adulescentiae senectus quam pueritiae adulescentia obrepit? Deinde qui minus gravis esset eis senectus, si octingentesimum annum agerent quam si octogesimum? Praeterita enim aetas quamvis longa cum effluxisset, nulla consolatio permulcere posset stultam senectutem.

Denn die nichts an Reichtum in sich finden, der ihnen zu einem guten Leben verhelfen würde, denen fällt jedes Lebensalter schwer. Die aber jedes Gut in sich selbst suchen, denen kann nichts als Übel erscheinen, was die Notwendigkeit der Natur mit sich bringt. Unter diesen Dingen ist besonders das Alter zu nennen: Alle wollen es erreichen und verfluchen es doch, wenn sie’s erreicht haben. So groß ist die Inkonsequenz und Verdrehtheit der Dummen. Dann sagt man, das Alter sei schneller herangeschlichen als geglaubt. Darauf ist erstens zu sagen: Wer hat denn diese Leute gezwungen, etwas Falsches zu glauben? Denn wie könnte Wie sollte sich denn das Greisenalter schneller ans Erwachsenenalter anschleichen als das Erwachsenenalter an die Kindheit? Und zweitens: Wie könnte sollte einem nach achthundert Jahren das Greisenalter weniger beschwerlich sein als nach achzig? Denn Ganz gleich wie lang die Lebensspanne auch wäre – einmal verflossen, könnte sie ja dem Dummen im Alter doch zu keinerlei Trost gereichen.

(Cicero, Cato Maior De Senectute, 4)

Am Fenster

Es wimmelt von kleinen Toden im Garten.
Schillern von Insektenflügeln. Blindheit von Kröten. Spalten im Kalk, darin Schicht um Jahresschicht von Schatten. Auf dem Mäuerchen über den geöffneten Klingen einer Gartenschere ein gelbes Blatt. Kirsche oder Pflaume. Seine Adern in der Sonne leuchtend. Drüben die Terrasse, ein Menschenalter entfernt. Eine Jugend wurde woanders zu Stein. Wolken betrachten sich in den Fensterscheiben. Das Tal fällt vom Garten hinab zu den Straßen, den Kreuzungen, den flackernden Ampeln.
Auf der Fensterbank reifen Bläschen im Brunnenwasser. Das nach unten aufgeschlagene Buch nickt, als sei es seiner eigenen Geschichte müde.
Im Fenster ein Baum, die kahlen Äste hinausgestreckt in eine stets anwachsende Helligkeit, deren Diesseits, fühlt man, plötzlich nichts als papierener Schatten ist. Der Baum weiß, wie hell der Raum ist, in dem seine Zweige verschwinden, hinter der Mauer. Hinter dem Rahmen, der Uhr, dem allerneuesten, allerbuntesten Kalender.
Als wäre die Zeit genau das. Je neuer, desto bunter.
Jenseits der kleinen Tode, im Garten, auf der Mauer, erhebt sich auf leisen Sohlen das Licht. Eine kaum merkliche Regung und Richtung. Im Gras ein Paar Handschuhe mit Halmen zwischen den Fingern, eine weggeworfene Harke, ein Gummistiefel, aufrecht, im Schritt verlorengegangen. Zeichen eines lang verschwundenen Nachmittags, als hier jemand ging und den Stiefel stehenließ. Die Sonne wendet sich ab, zittrig, von blassen Vögeln durcheilt. Ein Strauch hält eine Jacke in den Wind.
Im Garten bleiben die Rosen zurück, der Stein, eine Sichel, die Schere, der Maulwurfshügel. In den Regentonnen hat sich vor Jahren einmal ein Herbst gespiegelt. Nun sind sie stumpf. Dunkelheit steigt daraus empor. Ein Falter findet den Tod in einer Pfütze voller Wolken. Plötzlich kann man das Raspeln hören, mit dem die Ränderchen des Kirschblatts ins Licht sägen. Die Farben schlagen die Augen auf. Am Fenster der Blick, lichtauf, zur Mauer, woher alles strömt, lichtauf, und noch, und noch. Was wäre das für ein Blick, der dieser Richtung folgen könnte, hinauf und weiter bis zum Ende des Leuchtens.
Einen Ast noch hoch, gerichtetes Strahlen, und weiter, und heller. Die Mauer zerfällt, durch die Jacke bläst der Wind, der Gummistiefel füllt sich mit Wasser. Das Licht aber steigt darüber hinweg, schwebt, stößt sich ab von der leeren, leichten, federnden Krone des Ahorns. Wo das, was sich im Tag versammelt, zum Greifen fern ist. Hinter der Wand, jenseits des Kalenders. Die Tapete stürzt ins Dunkel, während draußen der Hasel leuchtet. Ein Wasserhahn tropft. Eine Diele knarrt. Der Raum pflanzt sich fort und zeigt auf sein eigenes Jetzt. Irgendwo zwischen Wand und Baum und Ast, losgelöst von Schere, Kirschblatt, Harke. Losgelöst von Stein, Mauer, Schatten, aufwärts. Weiter. Ein unerreichbar nahes Anderssein im Licht. Die Wolken sind schon immer von hier. Und der Wind. Dahinter aber schweigt alles. Vögel kommen nicht von dort. Keine Stimmen. Kein Ton.