Nah und fern

Liebe, ich fühle dich bei mir;
und ich entbehre dich zugleich.

Du bist da und nicht da. Und
so ist es meistens.

Wenn du ganz da bist, ist der
Moment unvorstellbar, da du
wieder fern sein wirst.

Und wenn du fern bist, ist der
Moment unvorstellbar, in dem
der Moment, da du wieder
fern sein würdest, unvorstellbar war.

Keiner da

Liebe, ich habe dich zur Bahn gebracht. Jetzt bin ich zurück in meinem, unserem, wieder meinem Zimmer. Eben habe ich einen Augenblick gezögert, den Schlüssel ins Schloß zu stecken; ich wollte nicht, daß die Tür aufginge; ich wollte nicht zurück in das Zimmer, das mir doch nur dein Fehlen zur Schau stellen würde, alle Arten davon: Wie du nicht am Tisch sitzt; wie du nicht mitten im Raum stehst und mir zulächelst; wie du nicht im Bett liegst; wie du auch nicht im Bad wärst, wenn ich die Tür dorthin öffnen würde. Alle möglichen Arten deines Fehlens, eine einfallsreicher als die andere: lächelnde, ernste, verträumte, nachdenkliche, lachende Weisen zu fehlen. Noch viel mehr Möglichkeiten für dich, nicht da zu sein, als es Möglichkeiten gäbe, da zu sein, weil du ja nur einmal da sein kannst, aber viele, viele Male gleichzeitig fehlen. Auf dem Stuhl. Im Bett. Unter der Dusche. Am Herd. Mit Buch, ohne Buch. Wach oder schlafend. Du schaffst es sogar, gleichzeitig angezogen und nackt nicht hier zu sein, und auch auf alle erfindungsreichen Arten zwischen dem einen und dem andern zu fehlen. Lauter Beispiele für wie du nicht da bist. Lauter Beispiele, für wie sich kein Kuß von dir anfühlt. Sehr anschaulich, wie du mich nicht umarmst. Ich wollte sie gar nicht sehen und noch weniger fühlen, diese gleichzeitigen, übereinander gelagerten Abwesenheiten von dir, eine trauriger als die andere.
Am liebsten wäre ich gleich wieder fortgegangen, um erst mit dir in vierzehn Tagen wieder hierher zurückzukommen.
Zurückkommen, mit dir. Wie das klingt. Wie fremd und schön. Nach Hause, mit dir, zu uns. Zu uns.
Einen Moment schoß mir das so durch den Kopf, und ich fühlte den Impuls, einfach wieder wegzugehen von der Tür, hinter der du nicht warst. Dann aber habe ich den Schlüssel ins Schloß gesteckt und geöffnet und bin hineingegangen, nicht zu uns, sondern wieder nur zu mir.

Fern

Später wirst du mir diese Geschichte erzählen, und die Tage werden sich zu erkennen geben als das, was sie waren, während ich sie versäumte. Das Versäumte wird sich zu erkennen geben als Tag, der durch dich aufging und verging. Zeit, die zu sich selbst zurückläuft, um noch einmal Du zu werden und sich in dir um Stunde und Tag, um Tag und Woche zu erneuern, und was jetzt unvorstellbar ist, dieses ferne Du, das den Lauf ferner Tage hervorbrachte, wird gewußt sein; und was gewußt sein wird, jenes nahe Du, das die Stunde des Erzählens hervorbringt, wird unvorstellbar geworden sein als jenes erste ferne, das du jetzt und jetzt und jetzt bist.

Solstitium (21.6.2014)

Mußt du nicht gehen? Noch einmal bietest du dar mir die Lippen.
    Kommst oder gehst du? Ineins fallen die Zeiten im Kuß.
Nicht kann die Schildkröte je der schnelle Achilles erreichen,
    Ewig müht sich der Pfeil ab an der Länge des Wegs.
Eh er die Hälfte erreicht, muß die Hälfte er davon erst schaffen,
    Undsoweiter: Er steht, ewig gehalten im Jetzt.
Wolltest du daher den Zug noch erreichen, so hättest du müssen
    Schon vor unendlicher Zeit lösen dich aus unsrem Kuß.
So viel Zeit war nie: Laß Hälften von Hälften nur fahren,
    Unmöglich ist’s wie du siehst. Küß mich noch einmal. Und bleib.

Nach der kurzen Nacht

Wenn du nach unseren kurzen Nächten morgens von mir gehst, gehst du zweimal. Zweimal kehre ich in ein verwandeltes Zimmer zurück. Zweimal ein Loslassen in Wehmut, der Raum entläßt dich einmal, und einmal die Erinnerung des Raums, zweimal der Schmerz dieses Entsagens, zweimal die Bewegung, ehe sich alles, der erste wie der zweite Augenblick, ins Unwandelbare der Zeit hinein ablegt.
Dieser allererste Moment, wenn du aus dem Blickfeld der Glastür verschwunden bist (der letzte Anblick von dir: dein Blick schon ins Voraus gerichtet, deinem Tag, deinen Wegen zugewandt), und ich aus der Schwebe des ansatzweisen Nacheilens zurückfalle, den Blick meinerseits abziehe und in mein eigenes Hier zurückwende, dieser Moment, da ich die Tür zuziehe und ins Schloß drücke, was immer etwas Endgültiges hat, als schlösse ich nun meinerseits dich aus aus dem Rest des Tages; dieser Augenblick, da ich wieder, wie auf der anderen, der verwüsteten Seite eines Spiegels, einer Symmetrie angekommen bin, die in allem, wirklich allem der nunmehr verwunschenen Welt gleicht, in der wir hier uns noch geküßt und abergeküßt haben und nicht voneinander lassen mochten, und nur darin sich unterscheidet, daß ich hier im Flur alleine bin; dieser Augenblick des Betretens jener anderen Seite hat immer etwas zutiefst Erschütterndes und Erschreckendes, als sei die Wirklichkeit, die ganz banale Wirklichkeit, ganz und gar nicht begreifbar, und es ist jedesmal der gleiche Schmerz, zu fühlen, wie das Jetzt hinter dem Spiegel und das Jetzt vor dem Spiegel sich unaufhaltsam von dieser Grenze, die dein Weggang ist, in entgegengesetzte Richtung auseinanderstreben. Wie von der Türschwelle, aus der Du, von der ich, in entgegengesetzte Richtungen fortstrebten; an der unsere Zweisamkeit in je eine Einsamkeit zerfallen ist und immer wieder neu zerfällt.
Komme ich später am Tag wieder zurück vom langen oder kürzeren Tagesgeschäft, langen oder kürzeren Wegen, fällst du dem Raum noch einmal ein, und noch einmal muß er dich lassen. Es ist die Erinnerung an die Erinnerung an unseren Morgen: Kam mir das Zimmer leer vor, als du gerade gegangen warst, so ist es nun noch einmal entleert: Der Tag ist vorangeschritten, die Winkel des Lichts sind verschoben, die Geräusche von draußen erinnern an den Gleichstrom der Zeit, und zu diesem Ebenmaß hat sich nun alles, was für kurze Zeit in Aufruhr war, wieder gefügt. Fremd ist mir mein Zimmer, wenn du gehst; als Fremder betrete ich diese ihrerseits entfremdete Fremde ein paar Stunden später noch einmal. Da ist alles schon museal geworden. Die Luft kann deinen Atem nicht bewahren. Der Morgen läßt deine Erinnerung los. Während wir vergaßen, daß einmal Morgen werden würde, vergißt uns nun der Tag.

Nie wach genug

Und ich habe ihn schon gefürchtet, diesen Moment, als wir vorgestern noch am Planen und am Freuen waren. Den Moment, da alles wieder vorbei und Erzählung sein würde. Die mühsamen Stunden danach. Ganz gleich, wie sehr ich mich konzentriere („jetzt bist du da, jetzt und jetzt und jetzt; du hältst meine Hand, deine Stirn leuchtet, ich küsse deine Stirn, du lächelst, ich sage etwas, du küßt mich“), ganz gleich, wie sehr ich mich vollzusaugen bemühe mit deiner Gegenwart, der Tatsache, daß du da bist, ich dich sehe, rieche, küsse, auf die Spur zu kommen mich anstrenge; ganz gleich, wie genau ich versuche, mir alles ganz, ganz genau einzuprägen („schau dir die Fingerkuppen an, diese Brauen, merk dir, wie sich das anfühlt, wenn unsere Hände sich verschränken, präg dir ein wie es ist, wenn ich diese Hände an meiner Brust halte, wie feingliedrig sie sind, wie kühl, wie fühlend, wie sehr ihre Finger. Sei wach!“), ganz gleich, wieviel ich von dir mitzunehmen mich anstrenge, mit Augen, Nase, Geist, mit allem, was Wachheit ist – wenn unsere Hände sich endgültig voneinander gelöst haben; wenn du einsteigst; wenn du nur noch ein Schemen hinter Glas bist, schon einen ganz anderen Raum bewohnst als ich: Dann bricht ein Sinn nach dem anderen von dir weg und verwandelt sich im selben Augenblick in Erinnerung; der Druck deiner Hand ist schon Erinnerung, wenn du dich in die Schlange stellst; dein Duft ist schon Erinnerung, während du einsteigst, deine Stimme, dein Lachen ist schon Erinnerung, während ich beobachte, wo du dich hinsetzt; dann ist nur noch dein Lächeln mit meiner eigenen Spiegelung darüber bei mir, und wie du die Hand an die Scheibe legst; wie du lächelst, während der Zug sich und dich darin in Bewegung setzt; weniger und weniger von dir, und zuletzt nur noch deine winkende Hand, und da weiß ich schon nicht mehr, siehst du mich noch, kannst du mich noch erkennen, meine winkende, erhobene, verzweifelte Hand. Ich winke und winke, ich winke, vielleicht siehst du mich noch; ich bin bereits alleine, ich winke immer noch, bis der Zug aus dem Bahnhof geglitten ist, aber schon Momente zuvor, als ich noch deine Hand verschwinden sah hinter der Spiegelung des Himmels im Glas, in die hinein sich dein Winken auflöste, um schließlich als letztes Erinnerung zu werden, wußte ich schon, daß ich wieder einmal nicht wach genug war für dich.

Sich freuen, aufeinander

Sich freuen, wir haben den ganzen Abend für uns.
Den ganzen Abend für uns haben und sich freuen, du mußt nach dem Essen nicht mehr weg.
Zusammen essen und sich freuen, wir können nachher beieinander einschafen.
Beieinander einschlafen und sich freuen, wir können nebeneinander träumen.
Nebeneinander Träumen und sich freuen, du bist noch da.
Wieder einschlafen und sich freuen, die Nacht ist noch lang und der Morgen weit.
Den Wecker hören und sich freuen, wir haben ja noch einen Kaffee miteinander.
Kaffee trinken und sich freuen, wir können gleich noch zusammen duschen.
Zusammen duschen und sich freuen, wir haben noch eine Viertelstunde, bis wir aus dem Haus müssen.
Aus dem Haus gehen und sich freuen, wir haben noch den gemeinsamen Weg zum Bahnhof.
Am Bahnhof ankommen und sich freuen, wir haben noch fünf Minuten für Küsse.
Einander küssen und sich freuen, wir haben noch ein paar Augenblicke zum Winken.
Winken, winken, winken, bis du nicht mehr zu sehen bist.
Winken, und sich freuen, daß wir uns wieder aufeinander freuen können.

Zweigeteilt

Und nun ist dieser Vormittag mit dir völlig unwirklich geworden. Die Zeit hat sich weggedreht. Ein Schleier ist vom Tag gerutscht. Ich habe beinahe Angst, die Bettdecke aufzuschlagen. Ich weiß nicht, was mir unbegreiflicher wäre: Daß unsere Spuren noch da sind oder wenn sie fehlten.
Ein zweigeteilter Tag. Ein zweigeteiltes Ich, dessen Erleben am Morgen ein ganz anderes ist als das Erleben des Nachmittags. Der Tag trug dich her, der Tag nimmt Dich wieder fort. Nun gehen wieder unsere Botschaften hin und her. Eben noch warst du die, die ich küsse. Nun bist Du wieder die, der ich immer schreibe.

Dich, nackt, betrachten

Ich hätte innehalten können
Ich hätte auf dem Weg vom Tisch zum Bett stehenbleiben können. Ich hätte stehenbleiben können, das Glas in der Hand, verharren, warten.
Ich hätte, nackt inmitten des Zimmers, mit den Füßen in unserem vermischten Kleiderberg stehend, ein Glas Wasser in der Hand für dich, innehalten können, um dich zu betrachten.
Ich hätte es so machen können, daß kein Tropfen aus dem Glas gesprungen wäre. Ich hätte den Atem anhalten können. Ein Bein halb in der Luft. Auf einer Minute balancierend.
Aber wie leise ich auch gewesen wäre, wie behutsam ich es auch angestellt hätte: Du hättest es ja gemerkt. Du hättest gemerkt, daß auf einmal alles still wird und wie die Stille sich in die Zeit hinein ausrollt. Du hättest gespürt, wie die Stille sich um deine Nacktheit legt, um deinen Atem, um deinen Herzschlag, wie Du selbst in die Stille hineinwächst.
Und da hättest du von dem Buch aufgesehen und mich bemerkt, wie ich, nackt, ein Glas Wasser in der Hand, inmitten des Raumes stehe, um die Knöchel den weichen Berg Kleider geschlungen, dich betrachte und keinen Tropfen verschütte dabei.
Du hättest, nackt wie du warst, im Bett sitzend, zur Seite geneigt und auf den Ellenbogen gestützt, zugedeckt bis zur Hüfte, mich angeschaut und gewußt, daß ich dich anschaue.
Du hättest, nackt bis zur Hüfte, deine Brüste hell und zart wie Nestlingsvögel, dein Bauchnabel ein verspieltes „O“, gesehen, wie ich dich anschaue. Du hättest alles gewußt, und deine Nacktheit, deine süßen Nestlinge, wären nicht mehr dieselben, das „O“ nicht mehr ganz so verspielt gewesen. Denn sie wären von deinem Blick zu mir hin beherrscht worden. Deine Nacktheit hätte mich ihrerseits angeschaut.
Du hättest mich angeschaut, nackt hättest Du mich angeschaut, von einem Fleck Sonne gestreift, der deine Mamillen mit einem Schattenring umgab, und deine Nacktheit wäre nicht mehr bei sich selbst gewesen. Sie wäre eine Nacktheit gewesen, die plötzlich weiß, daß sie nackt ist. Die weiß, daß sie nackt ist und angeschaut wird und zuruckschaut. So eine Nacktheit.
Von einem angeschaut, der selbst nackt ist, und weiß, daß du weißt, daß du nackt bist, in diesem Moment. Mit einem Glas Wasser in der Hand, einen Fuß im Kleiderberg. (Kein Tropfen aus dem Becher sprang.) Ich glitt weiter, aus der Null eines Innehaltens in die Eins der Bewegung, streifte nur deine Nacktheit, nahm von ihr, soviel ich konnte in dem Moment, bevor sie sich selbst bewußt würde, und stellte das Wasserglas auf den Nachttisch. Dann beugte ich mich über dich und küßte dich.
Ich hätte den Uhren in die Zeiger greifen müssen, um nicht in der Zeit innezuhalten, sondern die Zeit selbst, um so diesen Moment in all seiner Dauer und deine selbstvergessene, unbeobachtete Nacktheit zu betrachten, wie sie eingebettet war in Licht und Schatten und das Dahinströmen der Zeit.
So war dieser Augenblick, aus der Null zur Eins, aus der fortlaufenden Bewegung in die weiter fortlaufende Bewegung, eine Folge von Momenten, ununterbrochen, Schwinge an Schwinge der Zeit; so war dieser Augenblick wie eine Buchseite, die der Wind umschlägt, bevor man das letzte, das erstaunlichste Wort lesen kann.

Gehen, gemeinsam

(Oder auch: dein trockenes Husten am Morgen, wie besorgt ich da war. Deine leise Gereiztheit, als uns die Stadt ohne Auto nicht einlassen wollte. Deine intensive Anwesenheit in allem, im Gehen, im Sprechen, in jedem Blick, und wie das vom Bach, von den Felsen, von den Laubschichten zu dir und mir zurückfällt und mir meine eigene Anwesenheit selbst deutlich werden läßt: Als zeigte alles auf mich, auf uns. Überhaupt, all das Deutliche eines solchen Tages mit dir. Oder auch: Vor Schreck, du könntest hinter mir ausgeglitten sein, mich hastig umdrehen und beinahe selbst ausgleiten auf der matschigen Wiese. Oder auch: Wie du später müde warst und dein Gesicht glühte beim Kaffee. Oh, und auch: Gehalten sein in deinem Blick, Stirn an Stirn, gehalten sein, ehe der Zug einfährt, gehalten sein noch im Abschied und darüber hinaus. Und auf der Brücke: Wie der Fluß sich in deinen Augen spiegelt, grün in grün gemischt. (Bei jedem Licht ein bißchen anders: Diesmal war es ein Vorfrühlingsgrün, das dich dem Fluß, dem Wasser, der hellen Luft verband.) Auf der Brücke, gemeinsam, Schulter an Schulter. Die plötzlich aufschießende Furcht, du könntest fallen, der steile Himmel könnte dich vernichten, etwas Schreckliches könnte geschehen. Dann aber liegt deine Hand in der meinen, ruhig, warm, lebendig. Dein Schritt auf dem Waldweg, die Sicherheit und Selbstverständlichkeit deines Daseins in der Welt, die erstaunliche Tatsache, daß der Schlamm an deinem Fuß hängenbleibt, daß ein Brombeerzweig sich verhakt an dir, daß das Laub raschelt unter deinem Tritt und deine Stiefel Abdrücke hinterlassen auf dem Weg. Deine Wirklichkeit, deine Spur: Wie mir das kostbar ist, diese Abdrücke von dir. Daß du eine Spur hast in der Welt, hier, hier bist du gegangen. Und wie mir alle Facetten Deines Selbst willkommen und ganz und gar erstaunlich sind; wie sie mir als stetiger Fluß Deines Daseins zu Sinnen und Freuden kommen; wie nichts an deiner Wirklichkeit auch nur in Gedanken zu viel oder zu wenig sein könnte; daß dein Dasein keine Lücke hat; wie du du bist und ich ich, jedes für sich in den eigenen Schuhen durch den Schlamm stapfend, im eigenen Gleichgewicht, mit den eigenen Sinnen einem großen Vogel im Davonstreben folgend, und dennoch, in allem: als zwei in der Welt, die mehr sind als zwei. Die einander fehlen können; denen nichts fehlt zum Wir.)

Post festum

Ein Morgen ohne dich: Still, in sich gekehrt, voller Wege nach innen. Ein Schweigen wie welke Blätter, Worte, die einem Tag vor dem Tag gehören. Zu einem Morgen, bevor es Morgen wird. Zu einem Jahr vor jedem Jahr. Eine Elster schlägt, das Schweigen krümmt sich um ihre Kehle. Autos rollen, wenige, durch einen schlafenden Ort.

Ich habe gut geschlafen, aber nun entläßt mich der Schlaf ins Leere. Geträumt habe ich nichts. Ich bin ganz zu dir hin, aber neben mir ist das Bett leer. Noch eine zweite Tasse steht da, die gefüllten Filter von gestern; aber die Kleider liegen nicht mehr auf dem Stuhl. Die Zahnbürste ist weg, die getragenen Socken, du hast nichts vergessen.

Sammeln, betrachten, ordnen, in Sprache verwandeln, was uns widerfährt und sich uns schenkt. Aufholen und nachtasten. Den Nüssen ihr Geheimnis lassen, Spuren in den Herbst schreiben und warten, daß uns wieder ein Tag findet.

Irrtümlich


„Ihr“, sagt der Fremde, und „Mann“, „Ihre Frau“ sagt er noch und meint: meine.
    Falsch: meine Frau bist Du nicht; Irrtum, ich bin nicht dein Mann.
Meine; und dein; Mann-und-frau: Kaum daß wir’s im Stillen uns denken.
    Erst wenn ein Fremder sich irrt, wird uns die Wahrheit zuteil.

Mole

Das Wasser ist grün und hell. Das Licht hat viele Richtungen und kommt mit matten Farben über den Strom geschwommen. Libellen schwirren über die weißen Steine, erst allein, dann in aneinander verhakten Paaren. Wie heißt das, was die Libellen da tun, wenn sie, verkettet in Paaren, einen Hinterleib des Doppelkörpers ins flache Wasser über den Steinen lecken lassen, als wollten sie hastige Schlucke davon nehmen? Und wie machen die das, mit ihren insgesamt vier Flügeln, Gleichung um Gleichung komplizierter Aerodynamik zu lösen? Wir schauen es uns an und staunen. Das Licht bricht sich auf den Flügeln und auf der Reling der Boote und Schimmert silbern auf Blattunterseiten. Eine Gruppe von Kajakfahrern gleitet langsam den kleinen Hafen hinauf. Ihre Paddelblätter tauchen mit Feiertagsruhe ins Wasser. Wie könnte man auch nicht ruhig sein an diesem Ort, auf dem Wasser, mit den herbstlichen Pappeln und Weiden hoch am Himmel.
Deine Finger kribbeln in meinem Nacken, und ich schließe die Augen. Das Wasser gluckert, Dieseldampf weht herüber, ein Motorboot tuckert. Ich sitze schief an Dich gelehnt auf dem schrägen Stein, eine Hand auf Deinem Knie, mein Bein schläft ein und wird glücklich taub, die Angler lassen die Leinen schwirren, ich weiß nicht, wie das heißt, was die Libellen tun, eine prächtige Yacht gleitet vorüber, eine Geschichte von Geld und Erfolg, ich aber küsse Deine Hand und atme Deinen Duft, ich habe nur eine alte Jacke, aber Du hast mir einen Knopf geschenkt, ich küsse Deinen Mundwinkel, höre Dich seufzen und bin reicher als sie alle, ich bin der reichste Mann der Welt.

Aequinoctium


Wo wir einst gingen, weben die Spinnen das Ufer, der Spiegel
    Schenkt uns, verwandelt ins Jahr, freundlich die Tage zurück.
Küsse schmecken die Zeit, unter Blättern schlummern die Tage;
    tief in der Tasche die Nuß träumt vom vergangenen Jahr.
Wo wir einst gingen, bevor wir uns kannten, vor Jahren und Tagen:
    Dort, im ewigen Herbst, wandeln die Flüsse im Schlaf.

Gruß

Haec tibi cum subeant, absim licet, omnibus annis
     ante tuos oculos, ut modo uisus, ero.
Ipse quidem certe cum sim sub cardine mundi
     qui semper liquidis altior extat aquis,
te tamen intueor, quo solo pectore possum,
     et tecum gelido saepe sub axe loquor.
Hic es et ignoras et ades celeberrimus absens
     inque Getas media iussus ab Vrbe uenis.
Redde uicem et, quoniam regio felicior ista est,
     istic me memori pectore semper habe.

Mag ich auch Jahr um Jahr fehlen – indem dir das alles zu Sinn kommt,
     werd ich vor deinem Blick stehn wie noch eben geschaut.
Sicher werd ich auch selbst, von unter der Angel des Globus,
     die übers klare Meer höher stets aufragt empor,
immer dich so anschaun wie ich’s kann: mit dem Herzen; und mit dir
     redend verbunden sein, unter der Achse, im Eis.
Ahnungslos bist du hier, bist abwesend häufiger Gast mir,
     eilst auf meinen Ruf gleich zu den Geten aus Rom.
Tu mir ein Gleiches, du, und da du im froheren Land bist,
     halte mich dort immer fest in deiner liebenden Brust.

(Ex Ponto II,10,43-52

18.5.13

An den Rändern des Morgens blüht Lärm auf. Unerreichbar für die Schärfen des Außen, singt die Stille im Innern. Es ist ein Schweigen, das in sich selbst eingesunken ist. Dann: Einen Morgen lang schlugen die Glocken. Ich aber wünschte mir Laternen, die Dunkelheit verbreiten. Alle Wege führen zurück zum Ich. Daß ich ich bin und nicht du, das scheint mir die Quelle allen Schmerzes. Ich will mein Ich wegschreiben, bis es mir nicht mehr im Weg ist, bis es mich nicht mehr hindert zum Du. Die Ströme tragen Silber und Laub. Kein Weg führt je ganz zu dir. Wir gehen im Wir niemals auf.

6.5.13

Alles, was spät war gestern, hat sich in Frühe verwandelt. Alles, was alt war und müde, ist jetzt jung und wach. Das Licht zieht sich selbst am Schopf aus dem Wald. Am Grund der Straßen klebt noch ein Film Dunkelheit, eingetrocknet wie Spuren von Wein im nächtlichen Glas. Träume wackeln auf den Grasspitzen. Der Morgen blinzelt, die Birken recken die Glieder. Liebe, alles spricht von deinem Schlaf.