2.5.13

Blaue Fernen in der Brust. Der Morgen voll Lerchen und Lärchen. Gefiederte Traurigkeiten, Farben von Lärm. Kein Lager, kein Feuer. Die Wege flattern an Stangen. Tage. Tage, wie eine schwere Last auf der Lunge. Wie soll man so viele Tage atmen? Der Morgen raucht. Stumm, ein Steinbruch von Worten.

Karfreitag 2013

Da wollen wir rauf?

Schiffe kommen von Fern und lassen sich Zeit, binden Anfang und Ende eines langen Nachmittags zusammen. Wo die Höhen sich Schicht um hellere Schicht im Dunst verlieren (noch eine Linie und dahinter noch eine, und die letzte ist vielleicht nur noch Ahnung, Täuschung von Licht und Wasserdampf, ein Bogen Land, den der Blick, müde von Weite, in die Wolken hineinträumt), dort strömen Himmel und Fluß zusammen, dort beginnen die Schiffe zu schweben, während sie den Strom mit sich davonziehen.

Da wollen wir rauf. Schwarze Türme, winzig darin eingelassen Spieglungen eines bleichen, fernen Himmels. Vom Strom aus betrachtet, von der Fähre, vom zugigen Wasser, winden sich die Hügel wie die Wendeltreppen von Riesen empor, um die Kehre der Hügelkronen herum und immer noch weiter, in ein von hier unten nicht einmal anzustaunendes Land. Kalt ist es hier unten, eng stehen die Wände des Tals. Weglos und voller Schatten drängeln die Hänge zum Ufer wie riesige Tiere zur Wasserstelle. Eine Uferpromenade mit gestutzten Linden sieht aus, als habe sie Gänsehaut. Eisig schwimmt die Sonne auf Wolkendunst. Aus der Enge der Schatten führt uns eine Trockensteinmauer hinauf, und das Tal bleibt unter uns zurück. Einmal schauen, zweimal blinzeln, siebenmal Luft schöpfen, dann ist die erste Höhe erklommen. Du lachst, wir lachen, wir tanzen den Talschatten auf der Nase herum. Schwach schlägt eine Kirchturmuhr, die Stundenschläge verlieren sich ungezählt zwischen den Bachtälern. Der Strom wird zum Band, die Hänge zum Kinderspiel. Der Tag ist jung, wir haben Zeit, laß uns gehen.

Und dann ist man selbst auf der Wendeltreppe, sind wir zu zwei Riesen geworden; zu zwei im Raum von Land, Burg, Strom und Hängen winzigen Riesen, deren Schatten, hätte das Licht an diesem Tag nur eine Richtung, hinunter gleiten müßten bis auf die Silberfläche des Flusses. Oben. Hügel lehnen sich gegen den Himmel, die Bögen schaben daran entlang. Zum Strom hinunter legen die Täler sich in struppige Falten. Der Weg legt Stufen aus, das Gehen ist mühelos, die Hände warm, die Blicke voller dunstiger Tiefen. Buchten, Blicke und Fahnen: Wie lang der Tag noch ist, wie fern der Abend. Es ist nicht mehr viel Raum von unseren lachenden Stirnen bis zum Himmelsrand, eine Lerche zirpt von dort herab wie von einer Zimmerdecke.

Alles, was man sonst von unten anstaunt: Da liegt es zu Füßen, da sind die Burgen Riesen, denen man auf den Schädel spuckt, die Türme so nah vor dem Fuß, als ließen sie sich mit einem Schubs in den Rhein befördern. Das Tal rumpelt von Güterzügen. Die Straße mit den emsigen Autos und Wohnmobilen darauf sieht lustig aus und mühelos jede Bewegung, jedes Reisen auf ihr. Kühl wäre es da unten an der Mühle, die den Schatten verwirbelt. Die Häuser sind in Würfeln kunterbunt und architektonisch verwegen zu Tal gerutscht, und jetzt sind es die kleinen dunklen Fenster an der Uferpromenade, die den Kopf in den Nacken legen, um zu den Höhen hinaufzustaunen und zu den zwei Wanderern, die ihnen lachend von hoch oben winken.

Einen Ort gibt es, wo die Felsen niedersteigen, um dem Raunen eines unsichtbaren Bachs zu lauschen. Nur ein Zipfel des großen Stroms ist von hier zu sehen, die Güterzüge sind stumm. Dort läßt sich gut in der Höhe Rast machen. Steine formen sich zum Sitz, der Wind macht höflich Platz und duckt sich wispernd unters Vorjahreslaub der Eichen. Dort schweigt er. Die Beine schlafen ein, man muß die Plätze wechseln. Die Jacken rascheln. Das Licht hält den Atem an. Unterm Finger das Moos, warm wie ein Muskel. Sich rücklings umarmen lassen vom Fels. Herzschläge lang Träume von Sommer und Lilien. Gedanken, die wie Teichrosen schwimmen, leises Gefröstel unter geschlossenen Lidern. Weit unter uns trägt ein Bussard einen wildzarten Schrei über die Höhen davon.

Wie lange ist es her, daß wir aufbrachen? Plötzlich haben die Stunden wieder eine Zahl, mißt sich der Weg nach Meilen und Bahnstationen. Unter den Schwingen der Vögel breitet der Abend sich aus. Im Grund, immer noch tief unten, schwimmen Lichter, der Fluß bedeckt sich mit Hügelschatten, der letzte Güterzug ist schon lange durchs Tal gerumpelt. In den Bäumen schweigen die Vögel, und nach Hause, nach Hause, wo wäre das hin? Ein Stück Brot, einen Apfel, nachdenkliche Schlucke aus der Wasserflasche. Zwei Lerchen nur noch steigen, zitiere ich leise, du lächelst, Tritt her und laß sie schwirren, zitiere ich, bald ist es Schlafenszeit; und dann schweige ich wieder, und wir erheben uns, schultern zum letzten Mal unsere Rucksäcke und machen uns noch einmal auf den Weg, den Lichtern im Tal zu.

Wenige Schritte weiter lösen sich unsere Finger voneinander. Die Schatten von Katzen treten aus dem Weg, Rolläden klappern, es riecht schon nach Rauch. Auf den Schienen zerfließt das gelbe Licht der Bahnhofslampen. Eine Durchsage hallt blechern von Häuserwänden wider. Der Rhein ist wieder auf Augenhöhe. Langsam schlägt eine Turmuhr die Stunden herunter. Droben aber kauern die Schatten der Burgen, mächtig wie eh und je, und die Vorstellung, ein Tritt könne sie in den Rhein befördern, gehört dem Traum eines Kindes an.

Daß wir uns nicht verirren, in so viel Einsamkeit, zitiere ich. Später, im Zug, will ich dir den Rest aufsagen, aber wie ich mich umwende, ist der Platz neben mir leer. Ich habe vergessen, daß du ja längst schon in einem anderen Zug sitzt, fern von hier, auf einem anderen, ebenso plausiblen Nachhauseweg wie der meine.

Mitte März

Gedanken, ins Winterlicht niedergeschlagen, Träume, in die Schneeprismen gehaucht, Vögel aus Rauch, am Feldrain  wachsen Muscheln. Wimpern wie Bäume, Meisen durchzucken die Hände, das Gelebte von Küssen schwemmt an die Glocken, ein blaues Wort fällt in die Weite und ein Name, der von dort wieder zurückströmt in die Tiefe des Morgens, wo er Blick wird und Trost.

Barcarole

Am Morgen deiner Abreise lief Mendelssohns Gondellied im Radio. Lange habe ich da gelauscht. Vornübergesunken und schief, wie ich auf dem Stuhl saß, habe ich über den Trillern und schaukelnden Triolen ins Nichts der Töne gestarrt, die Augen jenseits jeder Plane des Sichtbaren eingewurzelt, während ich dem weichen, klagenden Moll der Harmonien und den im Sog der eigenen Zwangsläufigeit fortschreitenden Akkorden folgte, atemlos, hingegeben, bezaubert, für den Moment alles andere vergessend. Wie lange das Stück dauerte, weiß ich nicht. Schon wollte es verklingen. Noch eine kleine Terz, ein schwebendes, trauriges Fallen zum Grundton, ein Weilchen derjenigen Ewigkeit, aus der alle Melodien geschöpft sind, und in die sie nach dem Verklingen jeder Musik wieder zurückfallen, wie Küsse, nachdem sich die Lippen voneinander gelöst haben. Ich lauschte in dieses Weilchen Ewigkeit hinein, bis es verstummte; und dann, im Auftauchen aus den Nachschwingungen der eben an die Luft abgelebten Klänge, hob ich den in die endliche Welt der Tatsachen wieder zu sich gekommenen Blick und sah nach dem Fenster. Ich wußte es noch nicht, aber in diesem Moment warst du schon abgereist, und mein Lebewohl würde dich nicht mehr erreichen. Ich schaute und atmete, im Ohr noch den letzten Mendelssohntriller, und da fiel wieder der Schnee: dicke Flocken, unzählige, und jede einzigartig, ihre eigene, nie zu wiederholende Geschichte in Kristall.

Plötzlich weinte jemand, und ich begriff, daß ich es selbst war, der weinte, und auch, daß die Musik noch gar nicht verstummt war: Eben verstummte sie. Ein letzter Leitton zur Dominante, ein letztes Seufzen der Tonika, noch eine Triole, ritardando, ehe auch dies, und nun endgültig erstarb, und lange Zeit nur das Fallen des Schnees zu hören war.

Tempus sempervirens

Habe ich von Mut geredet? Meinen muß über Nacht der Schnee begraben haben.

Ich will hinausgehen und aufs Feld hauchen, bis alles Eis weggeschmolzen ist.

Gegen den Sturm brüllen, bis die Hügel ein Einsehen haben und das Licht wegpacken. Die Sehnsucht ersetzt mir den Tag.

Ich hätte gerne einen Garten aus immergrüner Zeit.

Auf L. warten

Stürme im Bauch und Wellen in der Brust. Armeen von Dermatozoen machen sich die Geographie meiner Haut untertan. Schmetterlingsorkane durchpflügen alle Ordnungen meiner Organe aus Quecksilber und Salz. Die Fingergelenke schmerzen, als wohnten Funken darin. Die Schultern schwimmen mit mir auf dem Sturmwind davon. Die Büsche hängen voll bunter Atemzüge. Mühsam tragen sie daran.

Die Fenster schauen mich an mit Blicken voll Wetter. Viele Himmel über dem Haupt, gehalten von Vögeln. Die Angst ist Kristall und hockt in den Zähnen. Die Wege konzentrieren sich auf mich und lassen mich nicht vorbei. Nichts läßt mich, der Tag nicht, und nicht die Nacht. Alles ist Sammlung. Das Licht konzentriert sich auf meine Augen, bis sie fliegen von Bildern. Am Gaumen arbeitet das zirpende Reiben der Zeit. Stunden wissen von Minuten, Sekunden wissen meine Herzschläge auswendig.

Noch der Schlaf kennt mich genau. Leise prüft er mich mit seinen Träumen. Aber ich singe, singe; ins Dunkel singe ich, um die Finsternis daran zu hindern, in sich zusammenzustürzen. Was gäbe das für ein gleißendes Licht. Aber ich weiß einen Namen, wo das nicht geschehen wird. Das Dunkel wird bleiben und groß sein, und der Name darin hausen, und selbst im Schlaf nicht vergessen sein.

L. begegnen (Eine Phantasie)

Wenn wir uns das erste Mal sehen:
Ich werde dir den Park ganz genau beschreiben, und wie du gehen mußt, um mich zu finden. Es ist nicht schwierig, durchs Tor, einmal rechts, zweimal links, oder andersherum. Ein Stückchen geradeaus, an den Schwänen vorbei und dem Reh aus Gips, bis man zu der Wiese kommt. Ich werde dir ganz genau sagen, auf welcher Bank ich dort sitzen werde, eine Bommelmütze auf dem Kopf, mit geschlossenen Augen, einen ganzen Nachmittag lang. Die zweite Bank von der Hängebuche an gezählt wird es sein. Ganz sicher werde ich da sitzen, und allein: Wenn schon jemand da ist, werde ich ihm sagen, daß ich dich erwarte, und ihn höflich bitten, sich woanders hinzusetzen. Das wird jeder sofort verstehen. Und dann werde ich warten, und ich werde die Augen nicht mehr öffnen. In der Nähe spielen Kinder, ferner Straßenlärm dringt heran, ein Rotkehlchen singt. Irgendwo raschelt eine Zeitung. Musik flüstert aus Kopfhörern. Kinderwagen quietschen, Mütter plaudern. Die Luft riecht bunt und nach Herbst. Die Augenblicke füllen sich mit unbekanntem Du. Ich werde warten, einen Nachmittag lang, viele Schritte werden kommen und gehen. Irgendwann werden es deine sein. Ich werde wissen, wann es soweit ist. Alle Geräusche werden zurücktreten, die Gespräche verebben, die Flugzeuge landen, das Rascheln in der Weide wird verstummen. Und die Ferne, aus der du kommst, wird sich Momente vorher mit einem L.-förmigen Schweigen füllen, wie es nur deinen Schritten vorausgehen kann. Und wenn dann deine Schritte sich daraus lösen, wird der Kies sich genau nach dir anhören. Und das Laub vor deinem Fuß wird mir flüsternd deinen Namen verraten. Ich werde die Augen nicht öffnen, wenn deine Schritte sich langsam nähern. Und ich werde die Augen nicht öffnen, wenn ganz nah ein Zweig bricht. Ich kann dich atmen hören und spüre dich warm sein. Deine Kleider rascheln leise. Aber ich will die Augen nicht öffnen, noch nicht. Und auch, wenn schon dein Schatten über mich fällt, werde ich sie fest geschlossen halten. Noch einen Augenblick soll diese Geschichte dauern, noch einen und noch einen, bevor eine neue beginnt. Dann nennst du leise meinen Namen, und ich werde die Stirn dir entgegenheben und die Augen öffnen, dich anschauen und wissen, wer du bist.

Zwischen den Stürmen in den Wald. Auf den Wegen wieder die Mythologien des Laubs, Türme aus Farbe, von den Zehen bis über den Scheitel hinaus, das zwingt den Kopf in den Nacken, den Blick hinauf zu den Massen von Himmel. Die Sonne schreibt dem Tag was auf seine leuchtenden Banner, Hieroglyphen blitzen auf Lehm, in der Ferne schreiten flammende Riesen. Staunen, wie das Licht das alles, die Farbe, den Himmel, die Augen, mit Leichtigkeit trägt und hält. Es ist, als müsse man nie nie nie mehr atmen: es reicht, nur noch so blickauf für immer in die Sonne zu blinzeln. Ein Häher schreit. Eine Hülse platzt. Die Stunden drehen sich im Reigen fort. Ins Laub fließt die Stirn, und zwischen zwei Blicken verschwindet eine verborgene Welt. Als wäre irgend einmal eine Liebe ohne Schmerz möglich gewesen; und vielleicht war sie das im Staunen zwischen zwei Herzschlägen Traurigkeit ja wirklich einmal.

Das eine Wort schreiben, das einzig richtige, nur um es zu sehen, wie es da steht, neben ihrem Namen, nur um es lesen zu dürfen, einmal leise, einmal laut, nur um es endlich einmal geschrieben zu haben. Are you ready to send this message? Auf cancel klicken. Do you want to save the message in the Drafts folder? Wozu? Es ist nur ein Wort, das weiß ich auch morgen noch. Und dann kann ich es ihr nochmal schreiben.

Ströme, Strömung, stromern

Ein Licht, in dem die Uhren langsamer gehen und die Ströme träge im Kreis fließen. Du steigst niemals in denselben Fluß? An einem solchen Tag würdest du immer wieder aufs neue im selben baden. Du würdest dich naß machen mit den wiederholten Spiegelungen von Spiegelungen, und uraltes Licht von den Fingerspitzen wegschleudern. Du würdest waten in Geflüstertem und Anvertrautem, Gestöhntem und Gekichertem, Zettel mit zerlaufener Tinte, wo jemand seine Angst notiert und in den Strom geworfen hat. Irgendwo glauben sie, die Liebe festschließen zu können und dem Wasser den Schlüssel überantworten. Man will hoffen, daß das Wasser im Kreis fließt; wie soll sonst die Liebe immer neu beginnen?

Wie träge Schiffe auf dem Ozean schweben die Züge für Ewigkeiten zwischen den Bahnhöfen; am Ende sind sie alle doch pünktlich. Ins Licht wachsen die Wälder, Augen und Zungen hängen voll Laub. An den Füßen tummeln sich Mäuse; in allen Taschen trägt man süße Schatten mit sich herum. Auf so viele Arten kann etwas trocken sein. Samtig und kratzig und staubig, Alphabete des Knisterns. Fransige Lippen und spröde Wangen und warme Risse an den Händen. Küsse mit süßer Restfeuchte am tiefen Grund. Wie kühl sonnenhelles Haar ist. Wie flüssig dein Schatten über dem Wasser, mit Hut. Reife Früchte, Schoten mit Buchstaben darin, platzende Hülsen und Häutchen um die Seele von Nüssen. Zweifarbige schillernde Tugenden, bitter schmeckt der Herbst, und gut. Ein Sonnenstrahl kommt an den Serifen eines Blattrands zur Ruhe. Buntes stiefelt durchs Laub, das trägt Stock und Hut und ein Liedchen auf den Lippen: Nicht im Lenz, wie die meisten glauben, sondern im Herbst fängt alles an.

Zwischen den Schläfen geht der Himmel auf. An den Wimpern hängen die Hügel fest, Kastanien rollen vor dem Fuß davon, und in den Lüften über allen Stirnen: Ein Flugzeug mit Gebrumm. Um von Horizont zu Horizont zu gelangen, braucht es einen ganzen lang hingesponnenen Nachmittag. Da sind die Züge alle schon eingefahren, haben sich die Wege verirrt und verknäuelt und kennen deinen Namen nicht mehr. Die Nacht ruft sie zurück in die Schatten und sammelt alles Verstreute wieder ein. Aufgerollt und eingeschmiegt die Richtungen, Winkel und Fernen, der Kies, der Sand und Stimmen. Darin findet sich wohl auch dein Name wieder, irgendwo, versteckt, kichernd in einem uralten Holunderstrauch.

Fern von hier, an deinem Haus, war der Strom auch schon derselbe.

Fensterkreuz

Wenn man von den Farben die Farbe wegnimmt, bleibt Grau übrig. Was bleibt, wenn man davon das Grau wegnimmt. Vom Schwarz noch die Schwärze abzieht. Wenn dem Schlaf der Schlaf fehlt. Und das Wachsein sich selbst unerträglich findet. Sekunden, die sich selbst so sehr ähneln, daß es auch immer wieder dieselbe eine Sekunde sein könnte. Derselbe Augenblick voll Schmerz. Mikrokreisel der Zeit, in die man verwickelt ist, in der man mitkreiselt, mitkreiselt, mitkreiselt. In denen man immer wieder an den gleichen Zeitort zurückgeworfen wird. Schon einmal und schon einmal. Die Zukunft verschwindet, an ihre Stelle tritt eine ausdehnungslose Gegenwart. Eine Gegenwart, die weh tut.

Die Welt ist nicht einmal grau. Sie ist ein Imitat von grau. Die Bäume Kulissen. Der Regen kommt aus der Konserve. Die Blumen sind aus Gips. Es ist unerträglich, daß nicht sofort alles zu Staub zerfällt. Darauf warten, daß jetzt jetzt jetzt alles zugrunde gehen und verschwinden muß, von einem Augenblick zum nächsten, warten und warten von Augenblick zu Augenblick, und immer noch ist nichts passiert, und alles bleibt und bleibt und weigert sich zu gehen. Als Übung, als ontologisches Exercitium. Bleibt und hat den längeren Atem. Bleibt und verliert seinen Sinn, wie ein Wort, das man zu lange vor sich hin gesprochen hat. Zu lange die Gipsblumen, zu lange die Apfelschalen, zu lange das Fensterkreuz vor mich hin gesprochen. Fensterkreuzfensterkreuzfensterkreuzfenster. Bleibt, als Hülle, als Kulisse, als Bild für ein Bild. Nur das unermüdliche, einsame Schlagen des eigenen Herzens, das mit jedem Schlag Zeit, immer mehr mehr schmerzende Zeit, vor sich herschiebt, das ist echt.

Ester

Beim Schreiben irgendwann die Erkenntnis, daß man ohnehin nichts nachholen kann. Und dennoch. Vielleicht sind wir jahrelang nur unglücklich aneinander vorbeigeschrammt und der Augenblick, wo wir uns endlich begegnen dürfen, so, wie wir uns das seit langem erträumt haben (uneingestanden, versteht sich), dieser Augenblick reifte also langsam heran und stünde bald bevor?
Ich bin ein Narr. Wenn ich das denke, könnte ich genauso gut zu einem Philtron greifen, bei Vollmond Sprüche leiern, Schwalben schlachten, Stricke von Gehenkten zerfleddern oder meinen (uneingestandenen) Wunsch auf ein Zinnblech kritzeln, womit ich mir den Wunsch wenigstens eingestanden hätte.
Funktionieren würde so etwas in einer Zeit, da nicht mehr von Gefühlen sondern nur noch von Emotionen die Rede ist, ohnehin nicht.

Esther

Das schwerste beim Schreiben: Die Kunst des andeutenden Verschweigens. Wie sag ich es ohne es zu sagen?
Nun seit vier Wochen mit einem Brief beschäftigt, an dem ich genau in dieser Frage scheitere. Ich darf es nicht aussprechen. Aber darüber hinweggehen darf ich, will ich, auch nicht. Man muß die Zeilen so gestalten, daß man zwischen ihnen lesen kann, den Freiraum so gestalten, daß er bedeutungstragend wird, daß an den flimmernden Rändern von Gesagtem und Nichtgesagtem die Absicht aufschimmert, in einer Weise, die der Empfängerin alle Deutungsspielräume beläßt. Nichts ausspricht. Nichts gesteht. Nichts vorschlägt, schon gar nicht. Aber auch nichts ausschließt, und: Dieses Offenlassen geradezu hinausruft … ein zeichenloses Zeichen … der Verfügbarkeit.

der 1. mai

Unsere Füße verwirbeln Sonnenlicht, über uns fällt Blauduft nieder, und unsere Finger zerkrümeln die süßen Stunden dieses ersten Sommertages. Während die die Uhren langsamer gehen, duften Arme, Hände und Wangen. Träge wälzt sich der Fluß. Im hohen Gras schwimmt ein Hund.

Früh aber wird es dunkel und das junge Jahr reckt verschlafen die Glieder. Unterm müden Himmel duftet die Wiese. Fledermäuse weben die Nacht herunter. Die Kaninchen fliehen vor den lauten Leuten; uns aber bemerken sie gar nicht. Stimmen deuten und zeigen, Worte sprechen und verschweigen und lächeln dann still. Unterm Kopf schwelgt die Erde im Tau. Wolken spannen sich durchleuchtet von hier nach dort, zwischen fernem Geäst blitzt noch der gelbe Himmel, dann verkrusten die Farben und gerinnen zu vielfach ineinandergestellten Flächen. Wir schauen und sind müde und froh.

Das Dunkel verflüssigt sich in unseren Kehlen zu Wein.