Aequinoctium


Wo wir einst gingen, weben die Spinnen das Ufer, der Spiegel
    Schenkt uns, verwandelt ins Jahr, freundlich die Tage zurück.
Küsse schmecken die Zeit, unter Blättern schlummern die Tage;
    tief in der Tasche die Nuß träumt vom vergangenen Jahr.
Wo wir einst gingen, bevor wir uns kannten, vor Jahren und Tagen:
    Dort, im ewigen Herbst, wandeln die Flüsse im Schlaf.

Aequinoctium

Himmel, geklemmt zwischen Wein, über Steine klettern die Burgen.
     Wo deine Braue beginnt, öffnet die Ferne den Tag.
Höher greifen die Türme, entziffern die Gleichung der blauen
     Säume des Morgens, vom Feld holen die Wege den Lenz.
Mühlen gründeln im Tal, im Rucksack meutern die Karten,
     Hügel holen den Fluß zwischen den Büchern hervor.
Nie ist es weit zu den Schiffen, der Abend hält schon die Lampe.
     Wo deine Braue beginnt, schließt sich die Ferne im Kuß.

Aequinoctium

Immer von weit aus verschlossenen Räumen die Glocken des Abends
    tönen von dort, wo je lehnten die Türen am Licht.
Nah ist sonst alles. Die Türme, die Mauern stehn nah und die Straßen,
    nah ist der Baum und das Schild, Wege sind nah und ein Pfad
führt vom nahen ins nächste. Nah ist dein eigener Atem,
    nah, was du ißt und trinkst, nah dir die eigene Hand.
nah sind selbst noch die Boten. Wohin du auch gehst, es ereilt dich,
    daß du dir selbst bist so nah, daß du dir niemals entgehst.
Fern nur, das wären: Geschichten. Begegnen dir selber, das willst du,
    nah sein, dem, der du warst: Fern, wie Erzählung dich hat.
Dort, wo alles dich kennt, wirst du stapfen, wenn hinter den Glocken
    leuchtet, was einst dich enthielt, fern wie von Frauen ein Blick.

Solstitium

Stramm stehn die Uhren. Im Gleichschritt gehn Weiser und Weg. Unter Vollzeug
    segeln die Fahnen vorm Tag über die Stunden hinaus.
Schon stehn die Schalter auf an, sind die Bücher am Ende, entschlossen
    trampeln die Schuhe dahin. Schnell ist der Tag, pfeift die Nacht
jählings um Säulen und Draht, wo kreischend die Straßen ins morgen
    düsen, auf Anfang getrimmt. Alles, was Zahl heißt, rast los.

Haarig (Martial II, 62)

Quod pectus, quod crura tibi, quod bracchia uellis,
     quod cincta est breuibus mentula tonsa pilis,
hoc praestas, Labiene, tuae — quis nescit? — amicae.
     Cui praestas, culum quod, Labiene, pilas?

Daß du die Brust epilierst und zupfst dir die Arme und Beine;
     daß ums rasierte Organ schmiegt sich aus Stoppeln ein Kranz,
wer weiß es nicht?, Labienus, das bist du der Freundin wohl schuldig.
     Wem aber schuldest du’s wohl, daß du den Arsch dir rasierst?

Martial I, 73

Nullus in urbe fuit tota qui tangere uellet
     uxorem gratis, Caeciliane, tuam,
dum licuit: sed nunc positis custodibus ingens
     turba fututorum est: ingeniosus homo es.

Nirgends in Rom, stadtein und stadtaus, gab es einen, der hätte,
     Caecilianus, für lau anfassen wollen dein Weib,
als du’s erlaubtest. Nun zur Bewachten in riesigen Scharen
     strömen die Freier herbei. Das ist ein Mann mit Ideen!

Da dieser Beitrag sehr häufig gelesen wird, hier eine Warnung. Die vorliegende Übersetzung ist sehr frei, noch dazu metrisch, und dann kommen so komische Wörter wie “Freier” und “Weib” vor. Daher ist der Text als Lösung für Schulaufgaben nicht zu gebrauchen.

Diaulus

Chirurgus fuerat, nunc est uispillo Diaulus:
     coepit quo poterat clinicus esse modo.

Ehemals Feldscher, verdingt sich Diaulus fortan als Bestatter.
     Beugt er sich jetzt übers Bett, pflegt er sein wahres Talent.

(Mart. 1,30)

Nuper erat medicus, nunc est uispillo Diaulus:
     quod uispillo facit, fecerat et medicus.

Neulich war er noch Arzt, neuerdings ist Diaulus Bestatter.
     Was als Bestatter gelingt, glückte ihm auch schon als Arzt.

(Mart. 1,47)