7.5.13

Zuviel draußen umhergetollt, Zug bekommen, zulange aufgewesen, jetzt zu früh raus: Heute ist das Licht erkältet. Müde blinzelt es übern Hang, mit verquollenen Augen, fröstelt und trägt einen Schal. Leise hüstelt es in den Bäuschen des Löwenzahns. In Fieberschauern krümmt sich die Wiese.
Der Himmel hat sich zusammengezogen, darin zappeln die Vögel, wild wie Fische im Netz. Die Mauersegler schrammen über Innenräume aus Luft. Im Morgengrauen zertritt der Rotschwanz einen Berg Töpferscherben.

6.5.13

Alles, was spät war gestern, hat sich in Frühe verwandelt. Alles, was alt war und müde, ist jetzt jung und wach. Das Licht zieht sich selbst am Schopf aus dem Wald. Am Grund der Straßen klebt noch ein Film Dunkelheit, eingetrocknet wie Spuren von Wein im nächtlichen Glas. Träume wackeln auf den Grasspitzen. Der Morgen blinzelt, die Birken recken die Glieder. Liebe, alles spricht von deinem Schlaf.

5.5.13

Mauersegler ritzen ihre Stimmen ins Blaue des Schlafs, wickeln Träume aus Wasserpapier, rufen nach steinigem Licht. Später begibt sich der Buchfink an die Arbeit. Die Stunden tanzen nach seinen Strophen. Der Morgen ist für niemanden prachtvoll außer für sich selbst, ist für niemanden da, enthält sich selbst. Die Straßen: entleert. Die Häuser: in blindem Schlaf. In den Bäumen hocken Geheimnisse der Nacht. Die Welt ist bei sich. Darin erheben die Vögel ihre Stimmen. Sie kennen den Sinn von allem. Aber sie verraten ihn niemandem, singen ihn nur einander zu.

*****

Ich wünsche mir, daß es eine Seele gibt.

*****

Die schlechten Gedanken auslösen mit den guten. Nicht: sie verdrängen. Sondern, was du allzuoft gedacht und durchdrungen hast, bis es dir so weh tat, daß du dir selbst fremd wurdest, eintauschen und einlösen gegen die, in denen du dich wiederfinden und wohnen kannst. Nicht du bist der Gefangene deiner Gedanken; die Gedanken sind deine Gefangenen. Du hast lange genug unter ihnen gelitten; mach die Tür auf, schick sie fort, laß sie frei.

4.5.13

Der Morgen rumpelt. An Ketten schleppt sich die Zeit dahin. Die Straßen haben den Husten. Spaten um Spaten stopfen Männer Licht in Gruben. Rohrstümpfen lassen Münzränder klimpern. Kabelenden kitzeln die feuchte Erde. Aus geborstenem Stein springen die geschliffenen Flächen von Krach. In Speichen und Naben schlägt die Sonne ein Rad.

3.5.13

Das Gewebe des Morgens, zusammengehalten von den Stimmen der Vögel. Fransen aus Licht. Brüchige Stellen. Die Hügel, baumauf, strauchab geflickt und in Lumpen. Ein lachender Bettler, so läßt der Berg sich von den Straßen aufhelfen, auf dem Kopf eine wackelnde Krone aus Brombeer und Schlehenweiß.

2.5.13

Blaue Fernen in der Brust. Der Morgen voll Lerchen und Lärchen. Gefiederte Traurigkeiten, Farben von Lärm. Kein Lager, kein Feuer. Die Wege flattern an Stangen. Tage. Tage, wie eine schwere Last auf der Lunge. Wie soll man so viele Tage atmen? Der Morgen raucht. Stumm, ein Steinbruch von Worten.

39.4.13

Zeile für Zeile dagegen anschreiben. Gegen die Pflicht, einen Morgen zu haben, gegen die Vögel, gegen die Zahl der Stunden; noch das Licht abzuschaffen suchen mit Rede und Schrift. Worauf treten und stehen, was würde sonst halten, wenn nicht die Worte, über die man geht wie über brüchiges Eis. Überall sind die Haarrisse zu sehen. Der Abgrund schaut durch, die Finsternis. Die Straßen wissen alle viel zu genau, wohin. Sie summen, sie laufen. Laufen. Ich wende mich ab, ins Dunkle der Hinterhöfe dieses Morgens, zu Flaschengeklirr und dem Tasten von Spinnen. Kellerasseln sind meine lustige Gesellschaft, mit ihren Augen voll Vergessen. Zeile um Zeile etwas gegen diesen Morgen setzen, der mir meine Erinnerungen aufzählt. Diese Stunden und Tage. der Versuch scheitert, tagtäglich, ihnen etwas von ihrer Selbstverständlichkeit zu nehmen, dieser Augenblicke, die sich ständig selbst behaupten und in denen ich, ohne daß ich es will, mich festkralle, während das Licht, dieses glatte und schlüpfrige Licht, mich immer wieder abschütteln will.

Zum Abend

Wieder und wieder die Traurigkeit des Abends, wie die Stimmen sich verlieren, die Farben zerbrechen und absterben, wie die Blüten an sich selbst krank werden, die Straßen an die Häuser branden, in Unfrieden auseinandergehen. Da ist wieder der Drang, vor dir selbst wegzulaufen. Ein umgekehrter Horizont, ein nach außen gerichteter Sog, zentripetal aus der Mitte weg. Wohin? Weg. Nichts, was du schauen könntest, könntest du schauen ohne einer zu sein, der schaut. Wer immer das wäre, du würdest ich zu ihm sagen. Du kannst dir nicht entkommen, lauf, wie du willst. Es gibt kein Meer für dich, keine Insel, keinen Strom. Es wird nur immer und immer wieder einen Abend geben, der dich enthält und doch nein zu dir sagt.

29.4.13

An diesem ersten Morgen ist der Himmel wie ein aufgeschlagenes Buch. Zum Reinschreiben blank. Wartend auf Zeichen. Von Vögeln verlassen. Die Horizonte sind der Nacht verrutscht, nun bringt sie das Licht wieder in Ordnung. Und um die Reihen der Hügel aufgespannt diese unberührte, blankgewischte Schale. Ein abnehmender Mond treibt haltlos darin. Leer, frei, zu groß: Als traute sich niemand als erster auf die Tanzfläche.

Heimat unter Strom

Wenn ich an meine Heimat denke, fallen mir als erstes die Stromleitungen ein. Es ist ein Land der Strommasten und Oberleitungen gewesen. Zahlreicher als Bäume, spannten sie sich durch alle Blicke, summte in ihnen der Wind, hing der Horizont an ihnen fest wie an einer Drachenschnur. Riesen aus Stahl hielten ihre Arme den Staren hin und knisterten bei Nebel überm Feld. Nach Westen verglühten abends die Schnüre und brannten sich in Netzhaut und Schlaf. Der Himmel hing voll schwingenden Drahts. Gegliedert in Rauten und Bahnen,ließ er sich halten von zirpendem Stahl. Morgens zogen Drähte die blaue Welle der Berge aus dem Rand der Ebene hinauf, ordneten Kabelläufe die Grenzen und Furchen der Äcker und richteten die Straßen und Feldwege nach ihnen aus, hielten die Güterzüge auf der Spur, striegelten und zwangen selbst noch die Schwärme der Krähen zur Formation. Von einem Ende der Felder zum anderen warfen sie Anker, hielten die Äcker zusammen, glätteten und hinderten die Ebenen am Auseinanderbrechen. Wasser störte sie nicht, gelassen widerstanden sie dem Strom von Kanälen und Bächen. Selbst in den Pfützen ließen sie Bruchstücke ihrer Ordnungen sehen. Im Sommer brannten ihre Schatten Striemen auf den Weg. Im Herbst kämmten sie Regen aus den Wolken. Dem Auge buchstabierten sie die Räume vor und die Weiten.

Karfreitag 2013

Da wollen wir rauf?

Schiffe kommen von Fern und lassen sich Zeit, binden Anfang und Ende eines langen Nachmittags zusammen. Wo die Höhen sich Schicht um hellere Schicht im Dunst verlieren (noch eine Linie und dahinter noch eine, und die letzte ist vielleicht nur noch Ahnung, Täuschung von Licht und Wasserdampf, ein Bogen Land, den der Blick, müde von Weite, in die Wolken hineinträumt), dort strömen Himmel und Fluß zusammen, dort beginnen die Schiffe zu schweben, während sie den Strom mit sich davonziehen.

Da wollen wir rauf. Schwarze Türme, winzig darin eingelassen Spieglungen eines bleichen, fernen Himmels. Vom Strom aus betrachtet, von der Fähre, vom zugigen Wasser, winden sich die Hügel wie die Wendeltreppen von Riesen empor, um die Kehre der Hügelkronen herum und immer noch weiter, in ein von hier unten nicht einmal anzustaunendes Land. Kalt ist es hier unten, eng stehen die Wände des Tals. Weglos und voller Schatten drängeln die Hänge zum Ufer wie riesige Tiere zur Wasserstelle. Eine Uferpromenade mit gestutzten Linden sieht aus, als habe sie Gänsehaut. Eisig schwimmt die Sonne auf Wolkendunst. Aus der Enge der Schatten führt uns eine Trockensteinmauer hinauf, und das Tal bleibt unter uns zurück. Einmal schauen, zweimal blinzeln, siebenmal Luft schöpfen, dann ist die erste Höhe erklommen. Du lachst, wir lachen, wir tanzen den Talschatten auf der Nase herum. Schwach schlägt eine Kirchturmuhr, die Stundenschläge verlieren sich ungezählt zwischen den Bachtälern. Der Strom wird zum Band, die Hänge zum Kinderspiel. Der Tag ist jung, wir haben Zeit, laß uns gehen.

Und dann ist man selbst auf der Wendeltreppe, sind wir zu zwei Riesen geworden; zu zwei im Raum von Land, Burg, Strom und Hängen winzigen Riesen, deren Schatten, hätte das Licht an diesem Tag nur eine Richtung, hinunter gleiten müßten bis auf die Silberfläche des Flusses. Oben. Hügel lehnen sich gegen den Himmel, die Bögen schaben daran entlang. Zum Strom hinunter legen die Täler sich in struppige Falten. Der Weg legt Stufen aus, das Gehen ist mühelos, die Hände warm, die Blicke voller dunstiger Tiefen. Buchten, Blicke und Fahnen: Wie lang der Tag noch ist, wie fern der Abend. Es ist nicht mehr viel Raum von unseren lachenden Stirnen bis zum Himmelsrand, eine Lerche zirpt von dort herab wie von einer Zimmerdecke.

Alles, was man sonst von unten anstaunt: Da liegt es zu Füßen, da sind die Burgen Riesen, denen man auf den Schädel spuckt, die Türme so nah vor dem Fuß, als ließen sie sich mit einem Schubs in den Rhein befördern. Das Tal rumpelt von Güterzügen. Die Straße mit den emsigen Autos und Wohnmobilen darauf sieht lustig aus und mühelos jede Bewegung, jedes Reisen auf ihr. Kühl wäre es da unten an der Mühle, die den Schatten verwirbelt. Die Häuser sind in Würfeln kunterbunt und architektonisch verwegen zu Tal gerutscht, und jetzt sind es die kleinen dunklen Fenster an der Uferpromenade, die den Kopf in den Nacken legen, um zu den Höhen hinaufzustaunen und zu den zwei Wanderern, die ihnen lachend von hoch oben winken.

Einen Ort gibt es, wo die Felsen niedersteigen, um dem Raunen eines unsichtbaren Bachs zu lauschen. Nur ein Zipfel des großen Stroms ist von hier zu sehen, die Güterzüge sind stumm. Dort läßt sich gut in der Höhe Rast machen. Steine formen sich zum Sitz, der Wind macht höflich Platz und duckt sich wispernd unters Vorjahreslaub der Eichen. Dort schweigt er. Die Beine schlafen ein, man muß die Plätze wechseln. Die Jacken rascheln. Das Licht hält den Atem an. Unterm Finger das Moos, warm wie ein Muskel. Sich rücklings umarmen lassen vom Fels. Herzschläge lang Träume von Sommer und Lilien. Gedanken, die wie Teichrosen schwimmen, leises Gefröstel unter geschlossenen Lidern. Weit unter uns trägt ein Bussard einen wildzarten Schrei über die Höhen davon.

Wie lange ist es her, daß wir aufbrachen? Plötzlich haben die Stunden wieder eine Zahl, mißt sich der Weg nach Meilen und Bahnstationen. Unter den Schwingen der Vögel breitet der Abend sich aus. Im Grund, immer noch tief unten, schwimmen Lichter, der Fluß bedeckt sich mit Hügelschatten, der letzte Güterzug ist schon lange durchs Tal gerumpelt. In den Bäumen schweigen die Vögel, und nach Hause, nach Hause, wo wäre das hin? Ein Stück Brot, einen Apfel, nachdenkliche Schlucke aus der Wasserflasche. Zwei Lerchen nur noch steigen, zitiere ich leise, du lächelst, Tritt her und laß sie schwirren, zitiere ich, bald ist es Schlafenszeit; und dann schweige ich wieder, und wir erheben uns, schultern zum letzten Mal unsere Rucksäcke und machen uns noch einmal auf den Weg, den Lichtern im Tal zu.

Wenige Schritte weiter lösen sich unsere Finger voneinander. Die Schatten von Katzen treten aus dem Weg, Rolläden klappern, es riecht schon nach Rauch. Auf den Schienen zerfließt das gelbe Licht der Bahnhofslampen. Eine Durchsage hallt blechern von Häuserwänden wider. Der Rhein ist wieder auf Augenhöhe. Langsam schlägt eine Turmuhr die Stunden herunter. Droben aber kauern die Schatten der Burgen, mächtig wie eh und je, und die Vorstellung, ein Tritt könne sie in den Rhein befördern, gehört dem Traum eines Kindes an.

Daß wir uns nicht verirren, in so viel Einsamkeit, zitiere ich. Später, im Zug, will ich dir den Rest aufsagen, aber wie ich mich umwende, ist der Platz neben mir leer. Ich habe vergessen, daß du ja längst schon in einem anderen Zug sitzt, fern von hier, auf einem anderen, ebenso plausiblen Nachhauseweg wie der meine.

Aequinoctium

Himmel, geklemmt zwischen Wein, über Steine klettern die Burgen.
     Wo deine Braue beginnt, öffnet die Ferne den Tag.
Höher greifen die Türme, entziffern die Gleichung der blauen
     Säume des Morgens, vom Feld holen die Wege den Lenz.
Mühlen gründeln im Tal, im Rucksack meutern die Karten,
     Hügel holen den Fluß zwischen den Büchern hervor.
Nie ist es weit zu den Schiffen, der Abend hält schon die Lampe.
     Wo deine Braue beginnt, schließt sich die Ferne im Kuß.

Mitte März

Gedanken, ins Winterlicht niedergeschlagen, Träume, in die Schneeprismen gehaucht, Vögel aus Rauch, am Feldrain  wachsen Muscheln. Wimpern wie Bäume, Meisen durchzucken die Hände, das Gelebte von Küssen schwemmt an die Glocken, ein blaues Wort fällt in die Weite und ein Name, der von dort wieder zurückströmt in die Tiefe des Morgens, wo er Blick wird und Trost.