Keine Dohlen

Aber erst als du weg warst, fing ich an zu frieren. Und dann wurde es auch noch dunkel. Die Uhr vom Kirchturm schlug halb. Es war zwischen irgendwelchen zwei Stunden, und der Zug sollte gleich kommen. Die Uhr schlug, du warst schon weg, und ich dachte daran, wie du einmal, vor einer Ewigkeit, hier in St. Gereonshausen noch nicht da warst, und wie da Turmdohlen um die Kirche flogen und sich auf den schweren Zeigern der Uhr niederließen, als wollten sie die Zeit vorantreiben. Oder vielleicht wollten sie die Zeit auch aufhalten. Gestern gab es keine Dohlen. Es gab nur Zeit, die wieder zwischen uns angewachsen war. Und es gab die gemeinsame, eben vergangene Zeit, die nun wieder reichen mußte, auf Vorrat, wie der schwere Atemzug eines Wals. Keine Dohlen. Nur einen Jugendlichen im Kapuzenpulli, der auf seinem Smartphone rumfingerte. Geisterhaftes Leuchten im fremden Gesicht. Keine zwei Häuserecken entfernt räumte wohl gerade eine Bedienung unser Kuchengedeck ab. Unsere Krümel auf der Tischdecke. Zwei Gabeln mit Schokoladenresten. Die Fähre tuckerte ohne uns über den Rhein. Am Turm waren die Zeiger im Dunkel versunken. Einen Moment und Wachtraum lang war alles möglich, hatten die Dohlen heimlich die Zeit wiedergebracht, war wieder Morgen und alles am Anfang. Gleich würden wir losgehen. Gleich würden wir wieder aufgeregt wie Kinder an der Reling der Fähre stehen. Gleich läge der Weg wieder vor uns. Das Wasser aus der Feldflasche schmeckte schwarz. Im Bahnwärterhaus waren alle Fenster dunkel. „Da wohnt ja jemand“, hattest du am Morgen gesagt, oder war ich das.

Sauerteig anno ’93

Wie sich die Zeiten ändern. Dreihundert Bäckereien schließen jedes Jahr in Deutschland. An ihrer Statt sprießen Selbstbedienungs-Aufbackstuben wie Pilze aus dem Boden. Die Jungen wollen den Laden der Eltern nicht übernehmen; und eine Bäckerei, eine echte Bäckerei, neu zu eröffnen, dazu sind heute sechsstellige Investionssummen vonnöten, ein Risiko, das keine Bank eingeht. In der Zeitschrift Chrismon rechnet ein Bäcker vor, um die Rendite von 1978 zu erzielen, müsse ein handwerklich erzeugtes Brötchen heute etwa einen Euro kosten. Es ist klar, daß unter diesen Umständen echte Bäckereien auf Dauer ganz verschwinden werden.

Wie sich die Zeiten ändern. Noch 1993, als man Backshop unbedarft mit „Hinterladen“ übersetzt hätte und die Kette Ditsch die Bahnhofshallen der Republik noch nicht mit dem Pesthauch sauren Kunstkäses schwängern durfte, habe ich in einer Bäckerei frischen Sauerteig bekommen. Ja, Sie lesen richtig. Echten, rohen Teig. Abgefüllt in ein Gefäß, das ich selbst mitgebracht hatte. Das haben sie – halten Sie sich fest – mit in die Backstube genommen und mir, mit einer klebrigen Masse vollgestopft, zurückgebracht, die später im Rucksack den Deckel vom Gefäß hob und höchst vital über sämtliche Ufer gor. Zu der Teigspende, die, glaube ich, nicht einmal etwas kostete, gab’s die Mahnung: „Aber nicht daß Sie jetzt jede Woche hier ankommen, ne?“ Ja, so was ging damals noch. Es gab lange Gesichter und hochgezogene Augenbrauen, aber es ging. Versuchen Sie das heute mal („Sauerwas? Teig? Wir sind ne Bäckerei, junger Mann!“). Barbarische Zeiten waren das. Am Ende war meine Küche über und über mit dem Zeug verklebt, und so viele Brote, wie der Teig hätte liefern können, schaffte ich gar nicht aufzuessen. Es war das erste und letzte Mal, daß ich mit Sauerteig experimentiert habe. Den Bäcker gibt’s übrigens auch nicht mehr. Kein Wunder. Den hat wahrscheinlich das Gesundheitsamt schließen lassen.

Hippies im alten Rom (Sen. ep. I, 5, 1-6)

Daß du dich hartnäckig bemühst und unter Auslassung aller anderen Dinge dieses eine Ziel verfolgst, ein besserer Mensch zu werden – das lobe ich und freue mich darüber, und ich ermuntere dich nicht nur, damit weiterzumachen, ich bitte dich sogar darum. Allerdings möchte ich dich ermahnen, daß du nichts unternimmst, um in deinem Aussehen oder deiner Lebensführung aufzufallen, wie es diejenigen tun, die nicht Fortschritte machen, sondern gesehen werden wollen; ein ungepflegter Körper, unfrisiertes Haupt, vernachlässigter Bart, demonstrativer Haß auf Geld, eine Bettstatt auf dem harten Boden und was für ehrgeizige Ziele eines verkehrten Lebens mehr sind – das alles vermeide! Das Wort Philosophie ist schon alleine verhaßt genug. Was, wenn wir jetzt noch damit begönnen, uns aus den menschlichen Gewohnheiten herauszuhalten? Im Innern mag alles verschieden sein, unser Äußeres aber soll dem Volk gemäß sein. Die Toga braucht nicht zu strahlen, aber sie soll auch nicht schmutzig sein. Wir brauchen kein Silbergeld mit Prägung aus reinem Gold, aber wir wollen es auch nicht für ein Zeichen der Einfachheit halten, jedes Anzeichen von Geldbesitz zu entbehren. Wir wollen danach streben, ein besseres Leben zu leben als die Menge, kein entgegengesetztes: Andernfalls vertreiben wir diejenigen, die wir heilen wollen und entfremden uns ihnen; und wir bewirken damit auch, daß sie am Ende gar nichts an uns nachahmen wollen, aus lauter Angst, sie müßten am Ende noch alles nachahmen. Vor allem andern verspricht die Philosophie Geschmack, Kultur und Gemeinschaft. Von diesem Versprechen wird uns aber unsere Andersartigkeit abtrennen. Laß uns zusehen, daß das, womit wir Bewunderung hervorrufen wollen, nicht lächerlich wird und auf Ablehnung stößt. Es ist doch unser Vorsatz, der Natur gemäß zu leben: Gegen die Natur ist’s jedoch, den eigenen Körper zu quälen, einfache Freuden zu meiden, nach Dreck zu streben und nicht allein einfache, sondern ekelhafte und widerwärtige Speisen zu sich zu nehmen. Ebenso wie es ein Zeichen von Ausschweifung ist, nach Leckereien zu verlangen, ist es ein Zeichen von Schwachsinn, einen Bogen um gewöhnliche und preiswerte Speisen zu machen. Die Philosophie verlangt Bescheidenheit, nicht Bestrafung. Bescheidenheit muß aber nicht ungepflegt sein. Eine solche Lebensweise gefällt mir: Wo das Leben gemischt ist aus sittlich Gutem und ganz normalen Gepflogenheiten. Alle Menschen sollen unsere Lebensweise erahnen, aber wissen sollen sie nichts darüber. „Wie? Sollen wir’s etwa genauso halten wie die anderen? Soll uns denn gar nichts von ihnen unterscheiden?“ Doch! Das meiste: Die Menge soll ruhig unser Leben kennenlernen, wenn sie es näher betrachtet; wer unser Haus betritt, soll eher uns anstaunen als die Ausstattung unseres Haushalts. Groß ist, wer Steinzeug so benutzt wie Silber; und nicht geringer ist, wer Silber so benutzt wie Steinzeug. Nur ein schwacher Geist kann Reichtum nicht ertragen.

[1] Quod pertinaciter studes et omnibus omissis hoc unum agis, ut te meliorem cotidie facias, et probo et gaudeo, nec tantum hortor ut perseveres sed etiam rogo. Illud autem te admoneo, ne eorum more qui non proficere sed conspici cupiunt facias aliqua quae in habitu tuo aut genere vitae notabilia sint; [2] asperum cultum et intonsum caput et neglegentiorem barbam et indictum argento odium et cubile humi positum et quidquid aliud ambitionem perversa via sequitur evita. Satis ipsum nomen philosophiae, etiam si modeste tractetur, invidiosum est: quid si nos hominum consuetudini coeperimus excerpere? Intus omnia dissimilia sint, frons populo nostra conveniat. [3] Non splendeat toga, ne sordeat quidem; non habeamus argentum in quod solidi auri caelatura descenderit, sed non putemus frugalitatis indicium auro argentoque caruisse. Id agamus ut meliorem vitam sequamur quam vulgus, non ut contrariam: alioquin quos emendari volumus fugamus a nobis et avertimus; illud quoque efficimus, ut nihil imitari velint nostri, dum timent ne imitanda sint omnia. [4] Hoc primum philosophia promittit, sensum communem, humanitatem et congregationem; a qua professione dissimilitudo nos separabit. Videamus ne ista per quae admirationem parare volumus ridicula et odiosa sint. Nempe propositum nostrum est secundum naturam vivere: hoc contra naturam est, torquere corpus suum et faciles odisse munditias et squalorem appetere et cibis non tantum vilibus uti sed taetris et horridis. [5] Quemadmodum desiderare delicatas res luxuriae est, ita usitatas et non magno parabiles fugere dementiae. Frugalitatem exigit philosophia, non poenam; potest autem esse non incompta frugalitas. Hic mihi modus placet: temperetur vita inter bonos mores et publicos; suspiciant omnes vitam nostram sed agnoscant. [6] ‚Quid ergo? eadem faciemus quae ceteri? nihil inter nos et illos intererit?‘ Plurimum: dissimiles esse nos vulgo sciat qui inspexerit propius; qui domum intraverit nos potius miretur quam supellectilem nostram. Magnus ille est qui fictilibus sic utitur quemadmodum argento, nec ille minor est qui sic argento utitur quemadmodum fictilibus; infirmi animi est pati non posse divitias.

Nah und fern

Liebe, ich fühle dich bei mir;
und ich entbehre dich zugleich.

Du bist da und nicht da. Und
so ist es meistens.

Wenn du ganz da bist, ist der
Moment unvorstellbar, da du
wieder fern sein wirst.

Und wenn du fern bist, ist der
Moment unvorstellbar, in dem
der Moment, da du wieder
fern sein würdest, unvorstellbar war.

6:39

Das erste, was ich beim Wachwerden denke: Ich habe keine Lust. Nach einer kalten Nacht verspricht der Tag sonnig und warm zu werden. Man könnte wandern, ja, müßte man es nicht geradezu? Spazierengehen, wenigstens, auf einer Bank in der Sonne sitzen, zum Fluß gehen, ein Eis essen, den Fuß auf Kastanien setzen. Ins Gebirge fahren. Lange wegbleiben. Draußen schlafen.

Halb sieben, und dieser ganze riesige Tag ist jetzt schon eine einzige Überforderung an Möglichkeiten. Ich habe keine Lust. Ich habe keine Lust, aufzustehen. Ich habe auch keine Lust, liegenzubleiben. Das einzige, wozu ich Lust habe, ist, alles, worauf ich je Lust gehabt habe, bereits geschafft zu haben. Dann müßte ich ich es nicht mehr tun, weder jetzt noch später.

Bei jedem Gespräch übers Für und Wider des mobilen Telephonierens bekommt man die gleichen Entgegnungen. Man mag es nicht mehr hören! Es geht nicht darum, ob das Mobiltelephon praktisch ist. Es steht ja außer Frage, daß es das ist. Wer die Nützlichkeit des sogenannten Händies als Argument ins Feld führt, preist das Essen als Mittel gegen den Hunger. Eine Kritik indes, die das Gegenteil behauptet, scheitert an den Tatsachen. Nein, es geht darum, wie man eine Haltung begründen kann, die das Mobiltelephon ablehnt, obwohl es praktisch ist. Also um Gründe, die für den Ablehnenden mehr Gewicht haben als alle Nützlichkeit. Das können nur moralische oder ästhetische sein.

Einem Fünfzehnjährigen auf Betreiben der Mutter aus Anlaß seines ersten Empfangs von Damenbesuch mit ein paar freundschaftlich-mahnenden Worten ein Päckchen Condome zugesteckt. Auch eine Erfahrung. Ich bin nicht sicher, wer von uns beiden in größerer Verlegenheit war. Schon lange denke ich ja, daß das mit dem Erwachsensein eine Illusion ist. Locker sind immer nur die anderen.

„Zwei Umarmungen am Tag senken den Blutdruck.“, mit diesem Zitat wird in der Literaturbeilage der ZEIT vom Oktober 2014 ein medizinischer Ratgeber beworben.

Nun könnte man sich fragen: Was passiert bei nur einer Umarmung am Tag? Bleibt der Blutdruck gleich? Und steigt er, wenn ein Tag, was ja schon vorgekommen sein soll, ohne Umarmung vergeht? Und kann man’s auch übertreiben? Ab wieviel Umarmungen täglich sollte man vorsorglich kreislaufstabilisierende Tropfen zu sich nehmen? Und: Hat eine längere Umarmung vielleicht denselben Effekt wie zwei kurze? Wie lang müssen die Umarmungen überhaupt sein, um einen Effekt hervorzurufen? Wie sieht überhaupt eine korrekt ausgeführte Umarmung aus? Wir hätten dazu gerne ein Videotutorial! Und schließlich: Wirkt das vielleicht auch homöopathisch? Es wäre doch praktischer, man bräuchte sich die Umarmung nur vorzustellen. Und was ist mit Küssen? Senkt das vielleicht Blutfettwerte und Körpergewicht?

Antworten darauf gibt bestimmt das Buch. Vielleicht liegt sogar eine CD mit Übungen bei. Ich weiß es nicht, ich will es gar nicht wissen. Kann man sich nicht einfach so umarmen? Dafür gibt es doch bestimmt bessere Gründe als den Blutdruck, oder? Und wer auf Umarmungen verzichten muß, obwohl er ab und an ganz gut welche gebrauchen könnte, der hat nun wirklich ein dringlicheres Problem als den Blutdruck. Oder anders herum: Wer jemanden nur deswegen umarmt, weil das den Blutdruck senkt, hat nicht nur ein medizinisches Problem. Und wer es um der Umarmung willen tut, der braucht das Buch nicht zu lesen.

Ich frage mich, was einer Gesellschaft zugestoßen sein muß, daß sie aus allem, was wir tun oder lassen, noch irgendeine wissenschaftlich erwiesene Nützlichkeit herauspressen muß.

Übrigens senkt Küssen wirklich das Körpergewicht. Wenn man es anstelle der Nahrungsaufnahme praktiziert.

Sirene

Jedes Jahr einmal, immer an einem Mittwoch vormittag, kamen die Bomber.
Sie kreisten über den Dächern der Kleinstadt, drehten wieder ab, kehrten ein paarmal zurück, ohne die tödliche Fracht loszuwerden, bis sie endlich am Horizont verschwanden, und eine letzte Entwarnung verkündete, daß man wieder einmal für ein Jahr davongekommen war.
Falls in der Zwischenzeit nicht der Ernstfall einträte.
Man nannte das „Probealarm“, und es war einer der größeren Schrecken meiner Kinderzeit.
Auf einem der Gebäude meiner Schule, auf der anderen Seite des Hofs, genau gegenüber von meinem Klassenzimmer, erhob sich, groß, gräßlich, weithin sichtbar, eine Sirene. Dieses Ding auf dem Dach schien mir in seiner Eigenschaft, einen fürchterlichen Lärm zu produzieren, an sich schon gefährlich Bereits dieser Lärm war die Gefahr, war Schmerz, Krampf und heillose Konfusion. Schon ihre unheilvolle Silhouette, die an genau jenen anderen Pilz zu erinnern schien, vor dem jede Warnung ja doch vergeben gewesen wäre, verbreitete in meinen Augen Angst und Schrecken, weniger vor der oder als Sinnbild für die erwartete Katastrophe als vor der Angst selbst – der Angst vor der Angst.
Vor dem Erschrecken.
Schon als Säugling war ich, so versichern es die Eltern, geräuschempfindlich bis zur Nahrungsverweigerung. Wenn irgendwo was knisterte, zischte, prasselte, stellte ich das Trinken ein, und war ich auch noch so hungrig. Alle Arten von plötzlich einsetzendem Tuten, Schlagen, Heulen waren (und sind mir bis auf den heutigen Tag) ein Greuel. „Wird es laut?“ war meine erste Frage, wenn meine Eltern mich auf irgendeine Unternehmung mitnehmen wollten. Auf ein Ausflugsschiff übern Vierwaldstättersee rannte ich mit den Händen auf den Ohren über die Gangway, panisch, das Schiffshorn könne lostuten, bevor ich das gedämpfte Innere erreicht hätte. Ich wußte, daß ich mich lächerlich machte, aber die Furcht vor dem Krach war ärger als die Scham. Die Schilderung eines Schulkameraden, der schon einmal eine Flugreise gemacht hatte, so ein Jet sei lauter als die Sirene (dabei zeigte er auf die dräuende Silhouette überm Schulhaus), flößte mir Mitleid mit dem armen Jungen ein. Eine Hafenrundfahrt wurde zum Martyrium, weil ich jederzeit erwartete, die Erfahrung vom Vierwaldstättersee könne sich wiederholen. Und auf dem Sportfest lief ich eine schrecklich schlechte Zeit über die hundert Meter, weil ich vom zuerst erwarteten, dann tatsächlich empfundenen Schrecken des Startschusses (aus einer echten Pistole) weiche Knie hatte. Und in der Eisenbahn hatte ich beim Übergang von einem Waggon in den nächsten nicht etwa Angst, die Verbindung könne mir unter den Füßen wegbrechen; nur der entsetzliche, ungedämpfte Krach von Gleis, Wind, Fahrwerk schreckte mich. Tröten, Knallen, Tuten, Jaulen. Überall lauerte er, der Krach. Im Zirkus, auf dem Feuerwehrfest, bei der Flugschau, beim Karnevalszug.
Und in der Schule. Wo auf dem Nachbardach die Sirene hockte, schlimmer als jede imaginierte oder wirkliche, leicht zu verdrängende Bombengefahr. Eine stets latente Angst war, wir könnten vielleicht umziehen, und in einem Haus mit Sirene auf dem Dach mit dem allezeit drohenden Schrecken überm eigenen Kopf leben müssen. Kaum besser war die Vorstellung, ich könnte vielleicht eines Probealarmmittwochs ausgerechnet in jenem Gebäude Unterricht haben, das die Sirene trug. Und als ich später umgeschult wurde, spähte ich überall umher, ob auf dem Dach der neuen Schule nicht etwa eine Sirene installiert sei. Zu meiner übergroßen Erleichterung waren alle Dächer des Komplexes sirenenfrei.
Noch heute ist mir dieses Grauen, dieser durchaus panische Schrecken gegenwärtig, rieselt es mir eiskalt durch die Glieder, wenn ich irgendwo eine Feuerwehrsirene höre. Egal, wie weit weg ich bin, egal, wie niedrig der Schallpegel tatsächlich ist, die Art des Geräuschs, dieses unerbittliche Warnen, dieses Geheul, das geradewegs aus der Hölle selbst emporzufahren scheint, seelenlos, kalt, mörderisch, flößt mir immer noch Angst ein. Und genau das soll es ja auch.
Meine Eltern versprachen mir, sie würden mir beim nächsten Probealarm, dessen Datum in der Zeitung angekündigt werde, bescheid sagen, dann wüßte ich, was mich erwarte. Die Folge war, daß ich einen halben Vormittag im Angstschweiß badete, während ringsum die Mitschüler sich ihres Lebens freuten. Natürlich erschraken sie dann genau wie ich, wer würde nicht erschrecken, wenn keine fünfzig Meter entfernt eine Sirene losgeht? Aber im Unterschied zu mir machte es ihnen eben nichts aus.
(Eins der Dinge, die ich an Musik schätze, ist, vermute ich, daß sie den Lärm bändigt, indem sie ihn in eine Form zwingt, verwandelt und nutzbar macht. Natürlich ist Musik mehr als nur domestizierter Lärm, aber sie ist es auch, ein bißchen. Vielleicht deswegen mag ich es auch nicht leiden, wenn undomestiziertes Geräusch durch die Hintertür wieder hereingelassen werden. Schlagwerk mag ich, wenn überhaupt, nur in feinster Dosierung, und niemals nur darum, wie etwa in der populären Musik allegegenwärtig exemplifiziert, weil man es halt so macht. Beethovens Gewitter in der sechsten Symphonie mochte ich immer schon, an die entsprechende Klangmalerei bei Strauss, der eine Windmaschine benötigt, mußte ich mich erst, sie lange rigoros ablehnend, gewöhnen.
Ein bißchen klingt sie nämlich wie eine Sirene.)

Noch einmal Rehe

Ein „Rudel“ Rehe heißt Sprung und besteht im Winter aus bis zu zwanzig Tieren. Charakterisiert wird der Sprung, ein eher loser Verband nicht zwangsläufig miteinander verwandter Tiere, durch die gemeinsame Fluchtrichtung und den räumlichen Abstand der Einzeltiere zueinander, der fünfzig Meter selten überschreitet. Geführt wird ein Sprung von einer Ricke.
     Einem solchen Sprung bin ich heute morgen beim Laufen in der Dunkelheit begegnet. Aufmerksam wurde ich durch ein seltsames Geräusch, das ich noch nie gehört hatte, das aber sofort als Tierlaut erkennbar war. Kein Ast würde so im Wind knarren, keine Eichel beim Herunterfallen so rasseln, es klang wie Knörk, knörk.
     Rehe knörken aber nicht. Was Rehe machen, heißt bellen, und sie tun es, um dem Freßfeind klarzumachen, daß man ihn entdeckt habe, eine weitere Fortsetzung der Jagd mithin sinnlos sei.
     Bellende Rehe also, vor Schreck oder Empörung, daß ich trotz der Warnung weiter heranpirschte, wieder verstummt, mindestens ein Dutzend, kleine und größere, deren Augen, als ich die Stirnlampe ins Gebüsch richtete, auf unterschiedlicher Höhe zu mir hersahen, eine ganze Galerie Augenpaare, blink, blink, wie in einem Zeichentrickfilm. Die Körper wurden erst sichtbar, als ich die Leistung der Stirnlampe hochsetzte: fahle, graue Körper, die eigentlich gar keine Körper waren, eher Geister, schattenhaft, Gewölk von Leibern, deren Umrisse miteinander verschmolzen. So wie neulich schon blieben sie stehen, starr, gebannt, während in ihren Köpfen Unbegreifliches ablief, oder vielleicht auch gar nichts, weil sie vermittels des Lichts in einen Zustand völliger Leere eingetreten waren. Ich besah mir das eine Weile, dann machte ich die Lampe aus.
     Wie eine Glocke stürzte die Dunkelheit über mir zusammen. Kaum war der Himmel vom Blattwerk der Kronen zu unterscheiden. Ich stand ganz still und lauschte. Nichts war zu hören außer dem Rascheln meiner Windjacke und meinem eigenen Atmen. Irgendwo da drüben standen die Rehe in der undurchdringlichen Finsternis und regten sich ihrerseits nicht. Wie ich so atmete und raschelte, kam ich mir sehr laut vor. Andererseits trugen die Rehe ja auch keine Windjacke. Außerdem hatten sie ja zuerst gebellt. Ich ging ein paar Schritte, dann, als immer noch keine Fluchtgeräusche zu hören waren, schaltete ich die Lampe wieder ein. Blink, blink, blink, gingen drüben die Lichter an, als hätten die Tiere nur darauf gewartet. Dann aber schien ihnen etwas anderes in den Sinn gekommen zu sein, vielleicht hatten sie’s satt, vielleicht nervte ich sie mit dem Licht. Wer kann es wissen? Vielleicht gefiel ihnen meine Windjacke nicht. Jedenfalls setzten sie sich langsam, durchaus nicht in Flucht, eher gleichgültig in Bewegung, wandten sich, eins nach dem andern, von mir ab, wie Blätter, die der Wind umdreht. Die Körper schoben sich vor die Augen, die Leuchtpünktchen erloschen. Die Vorstellung war beendet, und ich schob mich und die seltsame Glocke aus Tag um mich her weiter durch den stillen Wald.

Keiner da

Liebe, ich habe dich zur Bahn gebracht. Jetzt bin ich zurück in meinem, unserem, wieder meinem Zimmer. Eben habe ich einen Augenblick gezögert, den Schlüssel ins Schloß zu stecken; ich wollte nicht, daß die Tür aufginge; ich wollte nicht zurück in das Zimmer, das mir doch nur dein Fehlen zur Schau stellen würde, alle Arten davon: Wie du nicht am Tisch sitzt; wie du nicht mitten im Raum stehst und mir zulächelst; wie du nicht im Bett liegst; wie du auch nicht im Bad wärst, wenn ich die Tür dorthin öffnen würde. Alle möglichen Arten deines Fehlens, eine einfallsreicher als die andere: lächelnde, ernste, verträumte, nachdenkliche, lachende Weisen zu fehlen. Noch viel mehr Möglichkeiten für dich, nicht da zu sein, als es Möglichkeiten gäbe, da zu sein, weil du ja nur einmal da sein kannst, aber viele, viele Male gleichzeitig fehlen. Auf dem Stuhl. Im Bett. Unter der Dusche. Am Herd. Mit Buch, ohne Buch. Wach oder schlafend. Du schaffst es sogar, gleichzeitig angezogen und nackt nicht hier zu sein, und auch auf alle erfindungsreichen Arten zwischen dem einen und dem andern zu fehlen. Lauter Beispiele für wie du nicht da bist. Lauter Beispiele, für wie sich kein Kuß von dir anfühlt. Sehr anschaulich, wie du mich nicht umarmst. Ich wollte sie gar nicht sehen und noch weniger fühlen, diese gleichzeitigen, übereinander gelagerten Abwesenheiten von dir, eine trauriger als die andere.
Am liebsten wäre ich gleich wieder fortgegangen, um erst mit dir in vierzehn Tagen wieder hierher zurückzukommen.
Zurückkommen, mit dir. Wie das klingt. Wie fremd und schön. Nach Hause, mit dir, zu uns. Zu uns.
Einen Moment schoß mir das so durch den Kopf, und ich fühlte den Impuls, einfach wieder wegzugehen von der Tür, hinter der du nicht warst. Dann aber habe ich den Schlüssel ins Schloß gesteckt und geöffnet und bin hineingegangen, nicht zu uns, sondern wieder nur zu mir.

Eine Begegnung

Die grünen Punkte schwebten einen Moment in nicht bestimmbarer Größe, Höhe und Entfernung links von mir in der Dunkelheit des Waldsaums. Zweimal zwei horizontal angeordnete, schimmernde Pünktchen, deren Farbe zwischen gelb und grün irisierte, Glühwürmchen nicht unähnlich, nur um vieles heller. Dem ersten Anschein nach bewegten sie sich; dann aber sah ich, daß sie stillstanden und warteten, während ich mich ihnen näherte. Als ich auf ihrer Höhe des Wegs angekommen war, richtete ich den Strahl der Lampe geradewegs auf die Erscheinung. Und blieb verblüfft stehen.
Längst erschrecke ich nicht mehr, wenn mir in frühmorgendlicher Dunkelheit jene scharfen Paare von Glühpünktchen ins Streulicht der Stirnlampe geraten, die, ohne daß der Körper selbst sichtbar würde, die Anwesenheit eines Tiers verraten. Als aber an jenem Morgen diese beiden Körper sich im Lampenstrahl hinter niedrigem Buschwerk aus der Dunkelheit schälten, zuckte ich doch zusammen. Zwar kannte ich schon, was sich da darbot, aber aus so großer Nähe hatte ich noch nie welche gesehen, schon gar nicht im Dunkeln. Ich staunte nicht schlecht. Katzen bin ich schon oft beim Laufen in der Dunkelheit begegnet, Pferde, Rinder sieht man oft, wenn man an Weiden vorbeiläuft, manchmal sind um diese Zeit sogar schon Hundehalter mit ihren Tieren unterwegs. Das hier aber, das war neu.
Da schau her, oder, na, wen haben wir denn da, oder sieh mal einer an, muß ich gemurmelt haben, teils um meinen eigenen Schreck zu besänftigen, teils aber auch, weil ich das Gefühl hatte, wie ein Entdecker eines fremden Erdteils, der unverhofft auf Eingeborene stößt, irgend etwas sagen, eine Geste machen zu sollen der Gutwilligkeit, Harmlosigkeit, des Respekts. Oder einfach: um sich zu erkennen zu geben: Schaut her, ich bin auch da. Es verblüfft mich, wie sehr wir Menschen Sprachwesen sind. Kaum sind wir nicht mehr allein, plappern wir los, und seien es auch nur zwei Rehe, die unversehens den gleichen Raum mit uns teilen.
Erstaunlich kleine Körper, kniehoch und schmal, sehr schmal, wie hungrige Kinder standen sie regungslos vor mir, keine drei Meter entfernt, und in den fast flachen, von einer schimmernden Linie eingefaßten Köpfen leuchteten die grünen Augen, die ich als erstes gesehen hatte, schwebten weiterhin im Raum, als glühe durch sie dieselbe Energie, von der auch das Fell wie von elektrischer Entladung schimmerte. Stocksteif standen sie da, die Lauscher auf mich gerichtet. Bäume traten dahinter in den Lichtkreis und bildeten mit ihren silberhellen Stämme eine Grenze, eine Bühne, dahinter der weite Raum des Waldes in vollkommene Schwärze zurückfiel.
Trotz ihrer folienhaften Transparenz, trotz dem Geisterhaften der Erscheinung waren die Tiere von einer geradezu erschreckenden Körperhaftigkeit. Vielleicht, weil sie so überraschend klein waren, weil ihr Körperbau Anmut und zugleich grazile Zerbrechlichkeit ausdrückte, aber auch, weil ich sie noch nie aus so großer, wenn auch durch die Dunkelheit deutlich von mir abgeschirmter Nähe betrachtet habe, erschienen sie mir umso stärker lebendig, begegneten sie mir als etwas mir zwar Fremdes aber im Fremdsein doch auch Gleichartiges, jedenfalls als etwas, das sich von dem pflanzlichen und mineralischen Reich ringsum ebenso scharf unterschied wie ich selbst; und darin, in dieser Form wacher und blutwarmer Lebendigkeit, waren wir Bewohner desselben Bezirks. Nicht mehr allein.
Klein waren sie, aber sie hätten auch riesig sein können, der Eindruck wäre derselbe gewesen: ein Eindruck vollkommener Realität, ein plötzliches In-die-Welt treten, das jede Vorstellung, die ich mir von ihnen jemals gemacht hatte oder hätte nur machen können, nach allen Richtungen überstieg; eine Wirklichkeit, die sich selbst verstärkte, indem sie überhaupt eine schätzbare Größe zeigte; indem sie stillhielt und sich betrachten ließ, länger als nur einen Augenblick; indem sie stillhielt, sich anschauen ließ, und – zurückschaute, mich als etwas Gleichartig-Verschiedenes ins Auge faßte über den Abgrund aus Andersartigkeit hinweg. Geworfen in denselben Wald, ich als Besucher, sie in ihrem Zuhause, starrten wir uns an und versuchten, einander zu verstehen, einen Sinn in dieser Begegnung zu finden; und in der völligen Andersartigkeit des Gleichen etwas auszumachen, das zur Entspannung führen, die Situation auflösen und uns einander zu erkennen geben könnte, sei es als Freund, dem man sich nähern, sei es als Feind, vor dem man fliehen müsse.
Was empfanden sie wohl in diesem Moment? Furcht? Aber hätten sie dann nicht die Flucht ergreifen müssen, was ihnen jeder andere Schrecken zweifellos empfohlen hätte? Neugier? Oder war das, was sie fühlten, eine Empfindung querab von Neugier und Angst – eine Art Bann, ein Faszinosum, eine exstatische Erfahrung, weder gut noch schlecht, nur … anders? War es möglich, daß diese zwei Tiere, die zu jeder anderen Tageszeit sofort Deckung gesucht hätten, ja, es zu einer so nahen Begegnung gar nicht hätten kommen lassen, jetzt mit Hilfe des Lichts irgendeinen inneren Mechanismus überwunden und Zugang zu einem Gefühls- und Erlebensraum jenseits des Schreckens und der Angst gefunden hatten? Daß sie eine Art von mystischem Entzücken empfanden?
Ich weiß nicht, was passiert wäre oder wie lange wir in diesem gegenseitigen Anstarren wohl noch verblieben wären, wenn ich nicht den Lampenstrahl wieder auf den Weg gerichtet hätte. Mich fröstelte, ich wollte weiter. Kaum war die Dunkelheit über die Stelle gefallen, da hörte ich es auch schon rascheln und knacken. Der Bann, oder was immer es war, das uns einen Moment verbunden hatte, war gebrochen, wir hatten uns aus der Begegnung gelöst, ohne daß wir einander Freund oder Feind geworden wären. Als ich die Lampe nach ein paar Schritten noch einmal dorthin richtete, hatten sich alle Augen wieder abgewandt. Ich sah nichts als ein leuchtendes Gewirr fahler Blätter vor der Schwärze des Waldes. Kurze Zeit später drehte der Wind, und es fing an zu regnen.

Sonntagsausflug

Farben, Licht, das bunte Durcheinander, alles scheint plötzlich wie schlecht abgemalt. Der Hafen, die Mole, der Wein am andern Ufer, die Gesichter, der Sonntagsstaat der Flaneure, die billigen Regenjacken vom Discounter, der Eiswagen, die Infotafeln, alles nur eine Kulisse, hinter der nicht einmal ein Grauen lauert, nur eine schreckliche, unauflösbare, allherrschende Ödnis. Keine Schönheit gibt es, die hier irgendeine Form von Echtheit noch bewirken könnte, bevor es für immer für alles zu spät ist, zu spät auch für eine Flucht. Wohin denn entkommen? Und da ist das alles schon alles, das bunte Treiben, der Wind, die Tauben, die sich vor sich selbst ekeln, ist dies das Echte und Eigentliche des ganzen Lebens, diese entsetzliche, trostlose Traurigkeit dieser billigen, nicht einmal häßlichen Melodien, die sich ins Herz schleichen wie süß schmeckendes Gift. Ich wehre mich, balle die Hände zur Faust. Aber eine Unkraft befällt mich, die Schritte werden müde, das Pflaster ist plötzlich so hart, Llorando se fue, und der Weg so weit, wäre es nicht besser, sich hier auf die Bank zu setzen und der Greis zu werden, der man bereits ist seit der Geburt? Ich sehe die Kinder eine Münze gegen ein Eis tauschen, Faria, faria ho! Wie gespannt sie sind. Wie fraglos überzeugt von allem. Ich bin allein, ich bin ganz und gar allein, faria ho! Niemand deutet mir das, die Blicke sind leer, das Lachen wie aus dem Schlund von Automaten. Ich sitze auf der Bank, das Wasser kräuselt sich schwarz unter den Füßen, nicht einmal der Strom ist noch echt, ich gehe in einer kolorierten Kitschpostkarte herum, und es gibt nichts Schönes mehr auf der Welt, die Welt geht im Kreis wie die Melodie, wie der Arm des Leierkastenmannes, ach, du lieber Augustin, alles ist hin.
Wer erklärt mir diese Traurigkeit? Eine wimmernde Folge nicht einmal trauriger Akkorde, und da ist plötzlich diese Vergeblichkeit in allem und allem. Die Farben erbleichen, die Schatten sperren das Maul auf, die Fahnen drohen, es ist, als fröstele es die Zeit selbst unter einer kalten Brise. Wind treibt die Klänge eines Akkordeons oder Leierkastens über den Platz heran. Dazu wandeln fröhliche Menschen allenthalben, Reiterstandbilder starren vor Stolz, Kinder scharen sich um einen Eiswagen, die eifrige Münze in der warmen Hand. Niemand bemerkt es. Alle sind hohl. Puppen. Marionetten an unsichtbaren Fäden. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß niemand das Schreckliche dieser Weisen bemerkt? , Quetschkommode, Leierkasten, Schifferklavier: Wäre die Melodie, die diesem Kasten entströmt, häßlich, verstimmt, falsch, ich würde lachen. Aber die Melodien sind nicht häßlich, das Schlimme ist, sie sind nicht einmal das. Ohne selbst traurig sein zu wollen, verströmen sie unter der Absicht einer billigen guten Laune eine Traurigkeit, für die es keinen Trost gibt. Selbst nicht schön, negieren sie auch alles Schöne, negieren sie alles, was Musik sein kann, daß selbst die Erinnerung an alles, was nur je schön und echt und wahr gewesen ist, im Herzen getötet wird.
Eine Münze klimpert, der Leierkastenmann macht eine Verbeugung, mechanisch auch sie, mechanisch wie der zur Maschine gewordene Kurbelarm, der Münzwerfer bleibt einen Moment stehen, in künstlerischem Entzücken, aus schierer Langeweile, aus Mitleid oder weil er ja schließlich bezahlt hat, er bleibt stehen, hält den Kopf ein wenig schief, nicht den Leierkasten schaut er an, sondern auf das Kind, den kleinen Jungen an seiner Seite. Der steht halb abgewandt, in einer Haltung starrer Abwehr, die Ärmchen erhoben, die Hände so kräftig, so entschieden auf die Ohren gepreßt, daß man die Knöchel weiß hervorschimmern sieht. Eine steile Falte der Mißbilligung und Ungeduld steht ihm auf der Stirne. Der Vater zeigt auf den Leierkasten, spricht, deutet, hält dem Kind eine Münze hin, wirbt und schmeichelt, zeigt wieder auf den Leierkastenmann, schnippst dem Jungen noch den Takt vor. Der aber preßt die Hände noch stärker auf die Ohren und schüttelt energisch den Kopf, ignoriert die Münze, will weg, hat genug, leidet mit jeder Faser seines Körpers.
Hör doch mal hin, ruft da der Vater aus. Mit einer herrischen Geste reißt er dem Jungen beide Hände vom Kopf; und für einen Moment, in dem der ganze Platz zusammenzuzucken scheint, in dem der Kaiser sich mit einem Ruck auf dem Gaul aufrecht setzt, die Tauben aufflattern und die Silberköpfe der Seniorengruppe sich umwenden nach so viel echtem Geräusch; für diesen Moment übertönt der Klagelaut des Knaben selbst noch die Diskantpfeifen des Leierkastens, zerschlägt sein Gebrüll all die Trostlosigkeit entzwei. Erschrocken läßt der Vater das Kind los, wirft schnell noch die Münze in den Hut, bevor er dem Sohn nachläuft und beide im Menschengewimmel verschwinden. Das Wasser gurgelt, die Tauben lassen sich auf dem Haupt des Kaisers nieder, der Arm des Leierkastenmannes kurbelt, hollahi, hollaho, die Melodie ist nicht aus dem Takt.

Aequinox (21.9.2014)

Eifersucht habe ich nicht, ja, gegönnt sei dir jedes Vergnügen.
    Doch eine andere Not hält mich und läßt mich nicht los:
Denn, ob du schläfst oder wachst, oder denkst oder liest oder wanderst –
    wo du auch gehst und stehst, immer ist bei dir dein Leib.
Ob nun verschwitzt oder frisch, verdreckt oder rein nach dem Bade:
    Stets ist, wonach mich verlangt, anfaßbar nah deiner Hand.
Pflegen läßt er sich gern und macht dir beim Pflegen noch Freude –
    selbst auf dem stillen Ort hast du den Körper bei dir.
Was du auch tust oder läßt, du tust es mit deinem Körper,
    überall dient er dir, überall macht er dir Spaß.
Seist du im Walde allein oder gingst übers wimmelnde Forum,
    immer trägst du bei dir, was mich so herrlich entzückt;
noch unters engste Gewühle trägst du die heimliche Blöße,
    denn unter Schlüpfer und Hemd bist du doch alleweil nackt.
Nackt bist du auch unterm Linnen, des abends, wenn müd du im Bett liegst.
    Wunderbar ruht dann dein Leib, selig im eigenen Duft.
Wenn, wie es manchmal geschieht, du dann selbst mit dir selber zu Spiel kommst,
    streichelst du dich und bist gleich selbst die Gestreichelte auch.
Streicheln mag ich dich auch, nicht weniger, streicheln mich lassen,
    doch, wie das Leben so geht, sind wir nicht selten getrennt.
Während ich fern von dir bin, darfst du dir jedoch immer nah sein.
    Drum, weil du hast, was mir fehlt: muß ich dich neiden dir selbst.

Fern

Später wirst du mir diese Geschichte erzählen, und die Tage werden sich zu erkennen geben als das, was sie waren, während ich sie versäumte. Das Versäumte wird sich zu erkennen geben als Tag, der durch dich aufging und verging. Zeit, die zu sich selbst zurückläuft, um noch einmal Du zu werden und sich in dir um Stunde und Tag, um Tag und Woche zu erneuern, und was jetzt unvorstellbar ist, dieses ferne Du, das den Lauf ferner Tage hervorbrachte, wird gewußt sein; und was gewußt sein wird, jenes nahe Du, das die Stunde des Erzählens hervorbringt, wird unvorstellbar geworden sein als jenes erste ferne, das du jetzt und jetzt und jetzt bist.

Apollinarishütte

Die Hütte liegt etwas abseits vom Weg, auf einer dem Tal zugeneigten, von Ahorn und Mirabelle gesäumten, nach Süden offenen Lichtung. Dem Wanderer, der oben am Weg zufällig herunterschaut, zeigt sie die kalte Schulter; auf drei Seiten geschlossen, blickt ihre offene Seite vom Premium-Wanderweg fort ins Tal hinunter. Wenn man dort sitzt, kann man sich völlig abgeschieden glauben, und was oben am Weg, was auf der Landstraße sich nähert, vor sich geht, sich wieder entfernt, geht uns nichts an. Wir sitzen umschlossen von Holz und vor uns hängt Wildwuchs vorm Tal.
Wir sind an dem Ort, der uns schon von zwei früheren Malen kennt. Keine Umschweife, kein Essen und Trinken, nicht einmal der Form halber, unser Hunger, er ist ein ganz anderer, unser Durst ein lange, allzu lange nicht gestillter. Die Rucksäcke legen wir ab, wenden uns einander zu. Wir fassen uns bei den Händen, wir küssen uns und nehmen den Faden, der uns den ganzen Weg hierher zitternd verbunden hat, wieder auf wie ein unterbrochenes Gespräch – aus Küssen. Wozu die Lippen und die Zungen nicht alles gut sind, wir entdecken es wieder und wieder neu. In diesem Moment gibt es nichts zu sagen, was mit Sprache besser oder schöner oder poetischer zu sagen wäre, als mit der stummen Phonetik des Speichels.
Ab und zu lassen wir ab voneinander, schauen uns in die Augen, Stirn an Stirn. Schon haben wir die Brillen abgelegt, ist der Umkreis in wolkige Unschärfe gesunken. Ein Knacken, ein Rascheln: Wir lauschen. Waren da nicht Stimmen? Nein. Wir sind allein, allein in einem Kreis Unschärfe, der uns schützt wie eine Zeltplan. Wir wenden uns einander wieder zu.
Es gibt ein Wort von dir, das mich immer in verlegenes Entzücken versetzt. Du schöner Mensch, sagst du dann, und weil ich weiß, du meinst es so, macht es mich noch mehr verlegen. Jetzt zupfst du mir das Hemd aus der Hose, schiebst es mir hoch bis über die Brust und murmelst etwas davon, was du die ganze Zeit schon gewollt habest. Deine Finger sind warm vom Gehen. Im hölzernen, trockenen Schatten der Hütte leuchtet weiß mein Bauch hervor, rund und weich wie der Bauch eines ruhenden Kindes. Die ganze Zeit klingen Hammerschläge aus dem Tal herauf; Hunde bellen, als hätten sie uns gewittert; im Gebüsch zetern Vögel. Wir halten inne, lauschen. Einmal sind wir zwar nicht erwischt, aber heikel überrascht worden. Auch dieses Mal werden wir so eben noch Glück haben.
„Du schöner Mensch!“ sagst du und beugst dein Gesicht über meinen weißen, weichen Kinderbauch. Dein Mund ist noch wärmer als deine Finger.
Und während wir die Zeit vergessen, vergißt uns die Zeit nicht. Sie drängelt nicht, sie bummelt, wartet, läßt die Momente genau ineinanderfallen. Höflich und diskret teilt sie aus von sich, so daß uns genug von ihr bleibt, um aufzuknöpfen, was aufzuknöpfen, um abzustreifen, niederzureißen, was abzustreifen und niederzureißen ist, und während oben gerade der Wagen in den Parkplatz abbiegt, haben wir genug Zeit, um zueinander zu finden, und während oben der Wagen mit knirschenden Kieseln zum Stehen kommt, haben wir uns aneinandergedrängelt, an die Wand der Hütte gelehnt mit Faust und heiserem Atem, und die Zeit schaut genau hin, daß sich nichts überschneide und peinlich überlappe, die Zeit ist schamhaft und meint es gut mit uns, sie ist unsere Verbündete, unsere Komplizin, die wohlmeinende Amme an der Tür, ich habe dich umfaßt und drücke dir Küsse in den Nacken, während oben eine Wagentür zuschlägt, ein Jubellaut sammelt sich in deiner Kehle, während Schritte über den Waldweg herbeikommen, und bis wir zusammenzucken und die Beine unter uns nachgeben, sind sie schon auf den Pfad zur Hütte eingebogen; aber nichts stört uns auf, die Zeit verlangsamt dort den Gang, beschleunigt ihn hier, läßt unserer Lust die Dauer, hemmt drüben die Schritte, die sich erst nähern, dämpft die Stimmen, die erst dann aufklingen dürfen, wenn wir ermattet auf die Bank zurückgesunken und zu Atem gekommen sein werden; erst wenn wir die Augen zueinander aufgeschlagen, erst wenn wir uns geräuspert, Haar und Hemd in Ordnung gebracht haben; erst, wenn wir uns träge, der Wonne nachschmeckend, geküßt haben, erst, wenn niemand uns mehr etwas ansehen würde (es sei denn, er schaute sehr, sehr genau hin): Erst dann hören wir beide die Stimmen, deutlich jetzt und unbezweifelbar, und wie sich die Familie, zwei Erwachsene, ein Kind, vom Wege her im Rücken der Hütte, wie sie sich unserem Versteck nähern und endlich ins Blickfeld stürzen.
Später, da sitzen wir an der Bank im Freien, wird uns das alles wie ein Traum vorkommen. Die Straße ist still. Die Besucher haben sich umgesehen und sind wieder verschwunden. Niemand kommt mehr vorbei, so lange wir noch hier verweilen. Ein Traum. War da überhaupt jemand? Wir blinzeln einander zu, erwachend. Wir küssen uns beklommen, fast scheu. Nachdenklich kosten wir von den Mirabellen.
Die Hütte liegt etwas abseits vom Weg, auf einer dem Tal zugeneigten, von Ahorn und Mirabelle gesäumten, nach Süden offenen Lichtung. Dem Wanderer, der oben am Weg zufällig herunterschaut, zeigt sie die kalte Schulter; auf drei Seiten geschlossen, blickt ihre offene Seite vom Weg fort ins Tal hinunter. Wenn man dort sitzt, kann man sich völlig abgeschieden glauben. Wir küssen uns. Ein Vogel zetert. Im Tal bellen wieder die Hunde.

Knifflig

Man saß also bei Tische im fremden Haus, fremd unter Fremden, der Fremdeste von allen, und rings ging das Gespräch. Halb hörte der Gast mit, wie der Vater der älteren, sechsjährigen Tochter von dem schon vor deren Geburt gestorbenen Hund erzählte, und daß man den am Ende seines Lebens habe einschläfern lassen müssen, so alt und krank sei der gewesen, man habe ihn nicht leiden lassen können.
Rechts und links die lebhaften Stimmen, ein freundliches Gewirr, beschäftigt mit sich selbst, und so ist der Gast, nirgends verwickelt, mit seinen Ohren schweifend und mal hier mal dort ein halbes Gespräch auffangend, vielleicht der einzige gewesen, der die Frage der Sechsjährigen an ihren Vater mitgehört hat.
„Würdest du mich einschläfern lassen, wenn ich ganz krank wäre und leiden müßte?“
Kinder scheinen manchmal ein ausgeprägtes Gespür dafür zu haben, welche Fragen den Erwachsenen Bauchgrimmen bereiten und legen mit wundervoller Unbekümmertheit ihren Finger darauf. Tatsächlich aber sind für Kinder alle Fragen gleich knifflig. Für das Kind ist vielleicht die eine wie die andere Antwort eine richtige, eine gute, eine, mit der es einverstanden ist; in einem bestimmten Alter fragen Kinder ja, nur um überhaupt eine Antwort zu bekommen: Warum ist das Meer blau? Unten am Meeresgrund sitzt ein Trupp Kopffüßler, die malen es von unten blau an. Aha. Und warum gibt es Wolken?
Der Erwachsene aber muß antworten und sich entscheiden, er kennt nur eine richtige Antwort und sehr viele falsche, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß er später den Eindruck haben wird, nicht die richtige Antwort gewußt zu haben, dem Kind nicht gerecht geworden zu sein, versagt zu haben.
Und wenn Erwachsene selbst fragen, wie oft tun sie es dann mit einer Erwartung oder einer bestimmten Absicht, voller List, voller Angst, voller Mißtrauen, voller Hoffen; wie oft stellen Erwachsene einander mit einer kniffligen Frage auf die Probe. Wie oft erwarten sie eine bestimmte Antwort, um im Falle ihres Ausbleibens beleidigt oder bestürzt zu sein. Wie oft stellt man eine Frage, nur um sich beruhigen und beschwichtigen zu lassen. Die Kleine aber, so fühlte es der Gast, war gerade nicht beunruhigt. In ihrer Frage lag weder Sorge noch Angst, nicht die geringste, weder, ihr Vater könnte im Ernstfall tun, wonach sie gefragt hatte, noch, er könnte es unterlassen. Sie hatte keine Erwartungen an ihn, noch weniger wollte sie ihn, seine Liebe zu ihr vielleicht, testen. Sie wollte es schlicht wissen und war offen für jede mögliche Antwort, ohne Bangheit und ohne Hoffen nach der einen oder der anderen Seite. Sie tat ihre Frage in vollstem, in unerschütterlichem Vertrauen darauf, daß, wie auch immer sie ausfallen würde, die Antwort des Vaters wahr, was immer der Vater in einem solchen Fall unternähme, dann das richtige und beste für sie selbst wäre.
Es war ein Vertrauen, das in seiner letzten Konsequenz, die Entscheidung über das eigene Leben und Sterben einem anderen zu überlassen, auf den unfreiwillig lauschenden Gast geradezu schockierend wirkte. Und ihm wurde plötzlich ganz klar, welche ungeheure Last Kinder ihren Eltern aufbürden, ganz einfach dadurch, daß sie vertrauen. Indem sie fest überzeugt sind, wir wüßten eine Antwort auf alles, wo wir doch selbst ratlos sind, ziehen sie uns in aller Unschuld den Boden unter den Füßen weg.
Am Tisch wogten weiter die Stimmen, während der Gast über den dunklen Hof und die Stiege zum angewiesenen Nachtlager hinaufging. Die Frage des Kindes ließ ihm keine Ruhe, und er dachte, daß niemand einem die Antwort abnehmen könne. Durchs Dachfenster sah man die Sterne blinzeln. Auf der Landstraße heulten die Schwerlaster. Auch die Kleine würde die Frage vielleicht irgendeinmal selbst einem Kind beantworten müssen. Ob sie sich dann an diesen lang vergangenen Abend erinnern würde, da sie ihren Vater dasselbe gefragt hatte? An wen sich wenden, dachte der Gast. Wir sind mit unseren eigenen Fragen ganz allein.