L’après-midi d’un fièvre

Und plötzlich ist es viel später:

Du wachst, das Gesicht voller
Wimpern. Da duckt sich das Fenster
unters Gefieder des Tags.

Eine Stunde überholt sich selbst.
Plötzlich hat niemand gerufen,
vor langer Zeit. Das Haus war
leer. Auf der Straße die Kinder, ein
fröhliches Trampeln und Drängeln.

Plötzlich ist alles viel später.

Die Uhren keimen aus. Du bist zwei.
In fuchsroten Wolken fährt
der Nachmittag über den Himmel.

Die meerkühle Stirn schwimmt den
wächsernen Träumen davon. Im Ärmel
ruht ein erkaltender
Elephant, Atemzüge aus
Zucker wehen am Horizont.

An den Fingerspitzen hängt
das Gewicht der
Ferne, ein Kreisel, ein Kinderspiel, wie du
dich zu den Hügeln streckst,
liegen sie schon vor deinem Bett.

Du tauchst den Fuß in Bäche hinter
dem Horizont. In einem Schneckengehäuse ruht
dein müdes Fingergelenk.

Unbemerkt reißt
das Gewebe der Stunden, die,
je mehr sie sich enthüllen,
umso tiefer

verstummen, in einem Wiegenlied,
später, aus einem fremden
Wald.

Straße, Strömung, Rauschen, Reifen

Dieses Kreuz und Quer von Straßen, als erforsche die Welt da draußen den innersten Traum, als käme der steigende, wachsende, in alle Welt ausknospende Tag dem Schlaf auf die Spur, tastend, auskeimend, während jener sich nach Art von Frühstunden einkapselt, zurückzieht in die zunehmend belasteten Innenräume des eigenen Schweigens, fliehend, blind, ohne dem ameisenhaften Nachdrängen der Stunden, die alles besser wissen oder besser zu wissen behaupten, entkommen zu können, um endlich noch aufgefunden zu werden, in sich selbst nachgezeichnet, ein Traumlauf, abgerollt, daran der Tag sich entlanghangelt und Namen zu sich selbst finden, und damit jeder Stille noch eine Bedeutung zu geben, eine alles durchbrechende Struktur, die der Tag sich selbst einritzt, eine Gravur von Straße, Strömung, Rauschen, Reifen, und mit dieser Eindeutigkeit der Zeichen die multiplen, einander gewährenden Richtungen der Träume negiert, aufhebt, ausrichtet und alle Ziele und Wege zugunsten des einen Vorwärts beseitigt.

Kritzel

Ein Morgen wie ein Buch, in das man nicht hineinfinden will. Schon die ersten Minuten verwirren. Figuren tauchen auf um zwei Augenblicke später wieder verschwunden zu sein. Wenn sie sprechen, tun sie das nicht miteinander. Andere wechseln den Namen. Wieder andere das Gesicht. Die Architektur eines Wohnzimmers erschließt sich nicht, die Landschaft eines Flußtales ergibt keinen Sinn, so vermischt aus Nahem und Fernem sind ihre Merkmale. Ereignisse bewirken ihre eigene Ursache. Stunden werfen mir Namen zu, die sich an keinem Gesicht festmachen. Zurückgebogen in sich selbst, verknäuelt in Schleifen, an den Rändern ins Ungangbare flimmernd, führen die Wege nicht hinaus, nicht hinein, nicht her, nicht hin. Der Blick kann ihnen nicht folgen, fällt aus der Spur, während sie die Dimensionen wechseln.
Mühsam lege ich Wörter aus, klopfe Silben fest, schnüre Sätze zusammen, braue brüchige Stege, die mir diesen fremden Morgen mit Eigenem gangbar machen. Ein Buch, das ich in ein fremdes Buch hineinschreibe. Atemzüge aus Papier. Blicke aus Tinte. Meine Herzschlag: Ein Palimpsest.

Zur Nacht


Est prope Cimmerios longo spelunca recessu,
mons cavus, ignavi domus et penetralia Somni,
quo numquam radiis oriens mediusve cadensve
Phoebus adire potest: nebulae caligine mixtae
exhalantur humo dubiaeque crepuscula lucis.
non vigil ales ibi cristati cantibus oris
evocat Auroram, nec voce silentia rumpunt
sollicitive canes canibusve sagacior anser;
non fera, non pecudes, non moti flamine rami
humanaeve sonum reddunt convicia linguae.
muta quies habitat; saxo tamen exit ab imo
rivus aquae Lethes, per quem cum murmure labens
invitat somnos crepitantibus unda lapillis.
ante fores antri fecunda papavera florent
innumeraeque herbae, quarum de lacte soporem
Nox legit et spargit per opacas umida terras.
ianua, ne verso stridores cardine reddat,
nulla domo tota est, custos in limine nullus;
at medio torus est ebeno sublimis in antro,
plumeus, atricolor, pullo velamine tectus,
quo cubat ipse deus membris languore solutis.
hunc circa passim varias imitantia formas
Somnia vana iacent totidem, quot messis aristas,
silva gerit frondes, eiectas litus harenas.


Nah dem Kimmerischen Lande da teufen geräumige Grotten;
Hohl ist der Berg: darinnen die Heimstatt des unregen Schlafes.
Nie darf dort mit dem Licht – nicht morgens, nicht mittags, nicht abends –
Phoebus zur Tür herein. Vermischt mit Dampfschwaden steigen
Nebel vom Boden auf, und es herrscht ein unklares Zwielicht.
Niemals begrüßt dort mit schmuckem Schnabel den Anbruch des Tages
stimmgewaltig ein Hahn, nicht brechen mit Bellen und Kläffen
reizbare Hunde das Schweigen, noch, schärfer als Hunde, der Ganter.
Wild nicht und Vieh nicht und auch nicht der Wind in den Zweigen der Bäume
gibt einen Laut von sich, und erst recht nicht das Zanken von Menschen.
Lautlose Ruhe herrscht; nur im hintersten Innern des Felsens
quillt mit Gemurmel hervor Vergessen bringendes Wasser,
plätschert die Welle den Schlummer herbei mit dem Rieseln von Kieseln.
Fruchtbar blüht der Mohn vor den Toren der Höhle, und zahllos
wachsen da Arten von Kräutern, aus deren Milchsaft den Schlummer
ausliest die taufeuchte Nacht und ihn streut übers Dunkel der Länder.
Daß nicht die Tür in den drehenden Angeln qietsche beim Öffnen,
fehlt sie gleich ganz dem Haus, auch steht auf der Schwelle kein Wächter.
Doch in der schwarzdunklen Mitte, da streckt sich erhaben ein Lager,
federflaumig und schwarz, bedeckt mit den Daunen von Küken.
Dort ruht der Schlaf in Person, dort reckt er träge die Glieder.
Um ihn liegen verstreut die Bilder eitler Gesichte,
so viele Träume versammelt wie Ähren zur Ernte die Felder
tragen, wie Wälder an Laub, wie der Strand hat an Körnern des Sandes.

Ovid, Met. XI 592–615

L’après-midi d’un fièvre

Die Stimmen sind fern und
die Straßen. Im Fenster der Himmel,
ein Winkel von Wolken
und Dächern.

An der Wand steht still eine Säule
von Licht, verziert mit den Schatten
von Laub.

Fernes Räderrollen;
Vor einer halben Stunde
ist in der Nähe
der Rotschwanz verstummt.

Die Kirchturmuhr vergißt
zu schlagen. Wo der Bleistift lag,
ist das Papier noch ganz weiß.

Leises Schimmern auf Holz.
Die Bilder blicken gen Abend.

Das Licht läßt sich aufsaugen
von der Wand, bis es
erlischt. Lautlos
tanzt ein Stuhlbein.

Noch einmal pfeift der Vogel, du hast

mir geschrieben, jetzt ist
alles fern, die Tage, die

Nächte, das Fieber, selbst diese
kleinen Tränen weint still
ein Fremder.

Das bohrende Schweigen der Vögel

Der Tag hangelt sich von Uhrtick zu Uhrtack fort. Müde Farben sind sein Geschenk. Am Tisch eine Kaffeetasse, ein Löffel. Die harten, verläßlichen Dinge. Im Glas fängt sich ein Spiegelbild. Lichtverspieltheit. Harter Stahl in der Handfläche. Verkehrsgeheul erkundet die Fernen. Heute lasse ich die schlafen, die gestern mich nicht schlafen ließ. Das bohrende Schweigen der Vögel.

30.5.2013

Ein plötzliches Aufschießen von Meisenstimmen verklingt ebenso schnell wieder, wie es aus dem Schweigen hervorgeplatzt ist, als wäre die Stille dieses Feiertagmorgens zu viel, zu mächtig, böte in der Dichtigkeit ihres Gewebes zu großen Widerstand, um sie länger als ein paar Takte Gezwitscher aufzuhalten. Die Stimmen erlahmen, die Geräusche verzagen. Selbst die Kirchenglocken probieren nur ein paar schwache Schläge, schweigen gleich wieder. Kein Fahrzeug, keine Motoren, keine Türen; jedes leise Geräusch klingt eingeschüchtert, hört sich selbst zu, findet sich zu laut, verstummt. Selbst der Wind geht auf Zehenspitzen. Versuche eines Morgens, wach zu werden. Selbst die Farben liegen verschämt umher, als hätten sie’s allzu bunt getrieben in der Nacht, als sie doch alle grau waren. Vielleicht haben sie zu vorwitzig geträumt. Zu guter letzt faßt sich der Buchfink ein Vogelherz und singt dem Morgen Mut zu.

18.5.13

An den Rändern des Morgens blüht Lärm auf. Unerreichbar für die Schärfen des Außen, singt die Stille im Innern. Es ist ein Schweigen, das in sich selbst eingesunken ist. Dann: Einen Morgen lang schlugen die Glocken. Ich aber wünschte mir Laternen, die Dunkelheit verbreiten. Alle Wege führen zurück zum Ich. Daß ich ich bin und nicht du, das scheint mir die Quelle allen Schmerzes. Ich will mein Ich wegschreiben, bis es mir nicht mehr im Weg ist, bis es mich nicht mehr hindert zum Du. Die Ströme tragen Silber und Laub. Kein Weg führt je ganz zu dir. Wir gehen im Wir niemals auf.

7.5.13

Zuviel draußen umhergetollt, Zug bekommen, zulange aufgewesen, jetzt zu früh raus: Heute ist das Licht erkältet. Müde blinzelt es übern Hang, mit verquollenen Augen, fröstelt und trägt einen Schal. Leise hüstelt es in den Bäuschen des Löwenzahns. In Fieberschauern krümmt sich die Wiese.
Der Himmel hat sich zusammengezogen, darin zappeln die Vögel, wild wie Fische im Netz. Die Mauersegler schrammen über Innenräume aus Luft. Im Morgengrauen zertritt der Rotschwanz einen Berg Töpferscherben.

6.5.13

Alles, was spät war gestern, hat sich in Frühe verwandelt. Alles, was alt war und müde, ist jetzt jung und wach. Das Licht zieht sich selbst am Schopf aus dem Wald. Am Grund der Straßen klebt noch ein Film Dunkelheit, eingetrocknet wie Spuren von Wein im nächtlichen Glas. Träume wackeln auf den Grasspitzen. Der Morgen blinzelt, die Birken recken die Glieder. Liebe, alles spricht von deinem Schlaf.

5.5.13

Mauersegler ritzen ihre Stimmen ins Blaue des Schlafs, wickeln Träume aus Wasserpapier, rufen nach steinigem Licht. Später begibt sich der Buchfink an die Arbeit. Die Stunden tanzen nach seinen Strophen. Der Morgen ist für niemanden prachtvoll außer für sich selbst, ist für niemanden da, enthält sich selbst. Die Straßen: entleert. Die Häuser: in blindem Schlaf. In den Bäumen hocken Geheimnisse der Nacht. Die Welt ist bei sich. Darin erheben die Vögel ihre Stimmen. Sie kennen den Sinn von allem. Aber sie verraten ihn niemandem, singen ihn nur einander zu.

*****

Ich wünsche mir, daß es eine Seele gibt.

*****

Die schlechten Gedanken auslösen mit den guten. Nicht: sie verdrängen. Sondern, was du allzuoft gedacht und durchdrungen hast, bis es dir so weh tat, daß du dir selbst fremd wurdest, eintauschen und einlösen gegen die, in denen du dich wiederfinden und wohnen kannst. Nicht du bist der Gefangene deiner Gedanken; die Gedanken sind deine Gefangenen. Du hast lange genug unter ihnen gelitten; mach die Tür auf, schick sie fort, laß sie frei.

39.4.13

Zeile für Zeile dagegen anschreiben. Gegen die Pflicht, einen Morgen zu haben, gegen die Vögel, gegen die Zahl der Stunden; noch das Licht abzuschaffen suchen mit Rede und Schrift. Worauf treten und stehen, was würde sonst halten, wenn nicht die Worte, über die man geht wie über brüchiges Eis. Überall sind die Haarrisse zu sehen. Der Abgrund schaut durch, die Finsternis. Die Straßen wissen alle viel zu genau, wohin. Sie summen, sie laufen. Laufen. Ich wende mich ab, ins Dunkle der Hinterhöfe dieses Morgens, zu Flaschengeklirr und dem Tasten von Spinnen. Kellerasseln sind meine lustige Gesellschaft, mit ihren Augen voll Vergessen. Zeile um Zeile etwas gegen diesen Morgen setzen, der mir meine Erinnerungen aufzählt. Diese Stunden und Tage. der Versuch scheitert, tagtäglich, ihnen etwas von ihrer Selbstverständlichkeit zu nehmen, dieser Augenblicke, die sich ständig selbst behaupten und in denen ich, ohne daß ich es will, mich festkralle, während das Licht, dieses glatte und schlüpfrige Licht, mich immer wieder abschütteln will.

Zum Abend

Wieder und wieder die Traurigkeit des Abends, wie die Stimmen sich verlieren, die Farben zerbrechen und absterben, wie die Blüten an sich selbst krank werden, die Straßen an die Häuser branden, in Unfrieden auseinandergehen. Da ist wieder der Drang, vor dir selbst wegzulaufen. Ein umgekehrter Horizont, ein nach außen gerichteter Sog, zentripetal aus der Mitte weg. Wohin? Weg. Nichts, was du schauen könntest, könntest du schauen ohne einer zu sein, der schaut. Wer immer das wäre, du würdest ich zu ihm sagen. Du kannst dir nicht entkommen, lauf, wie du willst. Es gibt kein Meer für dich, keine Insel, keinen Strom. Es wird nur immer und immer wieder einen Abend geben, der dich enthält und doch nein zu dir sagt.

29.4.13

An diesem ersten Morgen ist der Himmel wie ein aufgeschlagenes Buch. Zum Reinschreiben blank. Wartend auf Zeichen. Von Vögeln verlassen. Die Horizonte sind der Nacht verrutscht, nun bringt sie das Licht wieder in Ordnung. Und um die Reihen der Hügel aufgespannt diese unberührte, blankgewischte Schale. Ein abnehmender Mond treibt haltlos darin. Leer, frei, zu groß: Als traute sich niemand als erster auf die Tanzfläche.

Eine Stunde

einmal bin ich nachts wachgeworden und konnte nicht wieder einschlafen. ich habe licht gemacht, eine rolle kekse geöffnet und gelesen. es war weder tag noch nacht, obwohl es stockfinster war hinter den scheiben, in denen ich mich verschwommen spiegelte: als gäbs gar kein draußen mehr. die uhr zeigte irgend eine zeit an, das radio hätte mir sicher ein datum verraten, doch war es noch nicht heute und nicht mehr gestern. ich saß im kreis der lampe, gekuschelt in decken, und außer mir, meinem zimmer, den süßen keksen und der verschlungenen geschichte im buch gab es nichts, gar nichts mehr. die finsternis war nicht mehr das dunkel der nacht; es war das fehlen von allem. ich saß in einer zeitkapsel und schwebte der unendlichkeit davon. stahl ihr, während sie nicht aufpaßte, eine stunde. das war schön da und ganz still, in meinem kokon aus geklauter zeit.

doch beim erwachen anderntags blieb diese stunde in ihrer bestimmung unklar, wie es mit gestohlenen dingen eben geht, sie haben ihre eigene geschichte. losgelöst aus dem strom und den übrigen stunden abhanden gekommen, der wachen wie der schlafenden, lebt diese herausgenommene zeit zwischen schlaf und schlaf nur für sich, hat keinen anker und keinen halt. ich weiß nicht, wann das war. es gab diese stunde; und doch hat es sie nie gegeben. irgendwann war die kekspackung leer; ich bin dann zähneputzen gegangen, habe das licht ausgemacht und bin sofort eingeschlafen. später, am andern tag, nach dem wirklichen erwachen, kamen die zweifel. war nicht alles ein traum gewesen? ich schlug das buch auf: das lesezeichen hatte sich nicht weiterbewegt. und doch wußte ich genau, wieviele seiten ich gelesen hatte, konnte sogar den letzten satz angeben. und die kekse waren verschwunden, die leere packung unauffindbar. war ich das gewesen? hatte ich überhaupt kekse im hause gehabt? oder hat ein anderer diese wache stunde an meiner statt erlebt? woher kommt dann aber meine erinnerung, und an welche zeit ist die eigentlich?

ich habe dann die entsprechenden seiten noch einmal gelesen. um sicherzugehen.

Elternhaus

Beruhigend: Im Schatten einer Bücherwand einschlafen, Frieden finden unter der stillen Gewißheit der Buchstaben. Ihrem jederzeit entnehmbaren Sinn. Wie sie sich sanft anbieten, voller Zurückhaltung, sich nicht aufdrängen, zur Verfügung stehen. Wie sie bis unter die Decke wachsen und ihre Welten hinter Leder und Karton bergen, ins Schweben kommen, während die einbrechende Dämmerung ihre Titel durcheinanderwirft. Ihre Beredheit, hinter höflichem Schweigen versteckt. Das Licht ausmachen und ihre Stimmen losflüstern hören. Das Verläßliche einer solchen Wand. Die geordnete Vielfalt alter und ältester Stimmen, und alles, was schon war, und daß du dem mit den eigenen Schmerzen nichts mehr wirst hinzuzufügen haben. Du warst schon. Sie wissen dich. Angeschaut sein und erkannt und schon aufgehoben zwischen den Zeilen und Absätzen, wenn die Augen zufallen und der Finger aus den Seiten rutscht. Ein ruhiger Schatten über der müden Stirn: Aufgereiht stehen da die stummen Geschichten freundich an die Ränder des Schlafs geneigt; wartende Träume, bereit, sich dem Schläfer zu nähern, wenn er nur will.

Was sich zeigt

Was zunimmt, die Stunden. Was wach ist, die Glocken. Was von sich weiß, der Raum. Was abkürzt, die Straße. Was zwinkert, der Himmel. Was Krach schlägt, das Ohr. Was schläft, ein Traum. Was vergißt, ein Wort. Was wartet, eine Türschelle. Was spricht, Grammatik. Was küßt, der Regen. Was sieht, ein Fenster. Was kommt, eine Treppe. Was Liebe macht, eine Matratze. Was flackert, die Wand. Was lächelt, eine Haltestelle. Was liebt, ein Sommer. Was fortgeht, eine Treppe. Was zunimmt, die Stunden. Die Stunden. Was sich erinnert, die Jahre. Was abnimmt, der Grund und die Gründe. Was müde ist, alles.

nox antiquissima

Noch einmal und noch einmal dieser Himmel, wie er sich von den Wipfeln emporschwingt, als brächte uns das Jahr seine übersehenen Tage zurück. Wir wandern. Über stockundsteinige Wege, quertagein, und die Tage, blinzelnd und taub, stehen Schlange in den Höfen der Lilien. An den Kreuzungen blitzen die Eicheln. Knisternde Gedichte stromern im Laub, stundenlang nähert sich Hufgetrappel, aus einer Ferne mit Flüssen, nähert sich, kommt nie an. Man muß sich die Sterne denken, so hell, daß die Karavanenreiter am Tage sich werden danach richten können. Hände lassen Leinen laufen. Wasser steht unter dem Berg. Wiesenwinde jagen einander Schatten ab, und die Luft lacht von sonnigen Vögeln. Aus der Flasche spritzt es übers Schlüsselbein und schreibt ein Staunen auf deine Brust. Die Blicke bekommen Schwingen, wenn sich der Tag nach langen Stunden an den Scharten der weitesten Hügel bricht, dann an den näheren, dann an den überm Tal stehenden, bis der Westen vor die Füße kollert und der Umschlag zur Nacht gelingt. Müde sind die Schuhe. Ein Kiesel rollt noch vom Weg, dann ist es Nacht. Deine Zunge schmeckt nach Leder und Rauch. Du lachst, daß es von den hängenden Schatten widerhallt. Das Zelt ist aus Himmel, wir liegen, die Hügel wandeln im Traum. Während wir ruhen, quietscht die Nacht in den uralten Angeln.

Am morgen, später

Schon früh, gegen sechs Uhr, im Wald. Abends hat man ihn noch gehört, am Morgen bin ich mir nicht mehr sicher: Kann sein, daß eine seiner glockenhellen Kaskaden im Halbschlaf wahrnehmbar wurde. Als ich loslief, herrschte Schweigen straßauf und straßab. Losgelaufen mit dem Gefühl, zu spät dran zu sein.
Man bewegt sich zu den Rändern der Stille. Die Laternen an der Straßenbahnhaltestelle stehen wie Scheinwerfer über einem Gefängnis und tauchen die Schranken und Bahnsteige in natriumgelbes Licht. Alles, was fährt, bewegt sich wie außerhalb einer Demarkationslinie. Jeder Laut ist fern, als wäre das in dieser Stunde die einzige Möglichkeit für ein Geräusch, überhaupt zu existieren: hinter Verschachtelungen des Raums, in einer absolut gewordenen Dahintrigkeit, abseits von allem, vielleicht sogar von sich selbst.

Das Grau ihres Lockenschopfs sieht aus als hätten das Haar seine Farbe heute Nacht irgendwo abgelegt und dann vergessen. Das Grimmige in den Zügen der Frau (die Lippen ein Nein-Strich, die Nase mißmutig, wie schnüffelnd zu Boden gerichtet) scheint es zu bestätigen. Nur der Hund, der vor ihr an der Leine watschelt, ist guter Dinge und schaut mit einem Blick an mir hoch, der wohl sagen soll, ich dürfe Frauchens Schrullen nicht so ernst nehmen.

Später der Wald. Der Pfad hat die Jahreszeiten von sich geworfen. Er ist absolut gewordener Pfad, jenseits von zeiten und Abläufen, nichts geht ihm voran, nichts wird ihm je folgen. Unbestimmbar ist der Reifungs- oder Zerfallsgrad von Blattwerk, Blütenstand und Pupa. Der Himmel hängt farblos als etwas, das zwischen den Baumkronen eben auch noch da oder übrig ist, eine Ahnung von einem Zustand der Welt, in dem alle Dinge plötzlich fehlen und nur noch eine Sichtbarkeit ohne Farbe zurückbleibt. Plötzlich kommt mir der Wald begrenzt vor, seine Wege laufen in sich selbst zurück, hinter dieser Ilexreihe gibt es nur noch diesen farblosen Himmel, sonst nichts, aber die Grenze erreichst du nicht. Dein Schritt wird langsamer, du stolperst über eine Wurzel, ein morscher Zweig gibt unter dir nach, und wenn du wieder aufschaust, liegt vor dir der Weg, den du eben verlassen hattest.

Zurück, ist es Tag geworden. Die Straßen sind aufgewacht, die Scheiben blinzeln in den Himmel. Ein Automotor springt an. Unwirsch hängt Zigarettenrauch in der Hecke fest. Ein Baugerüst blitzt, Rufe gehen hin und her, Hammerschläge treiben Spalten ins Gehör. Sie sind wieder da, denkt man, die Schaffer und Häuslebauer, die Pläneschmieder und Zirkusdompteure der Langeweile, und die ganze Fauna nimmt reißaus und geht schon mal in Deckung.

Heute, Tage später, hat man endlich Gewißheit erlangt: Die Buchfinken haben ihr Jahreswerk vollbracht. Was neulich noch in den morgendünnen Schlaf ragte, war ihr letzter Ton, und vielleicht hat man auch dieses nur mehr einer Erinnerung nachhängende Zwitschern bloß geträumt. Der Sommer schaut auf die Uhr, die Sonne blickt verlegen drein. Man tritt vor die Tür zu einer Stunde, die gestern noch Sechs Uhr hieß, der Buchfink ist Geschichte und man läuft wieder los, mit dem Gefühl, zu spät dran zu sein.