Ahornschößling

Vor ein paar Jahren ist mir bei einem Festplattenschaden ein umfangreiches Bilderalbum abhanden gekommen. An manche dieser Bilder erinnere ich mich – oder glaube es zumindest. Denn das menschliche Gedächtnis funktioniert bekanntlich anders als das Festplattengedächtnis. Ein Computer kann sich nur richtig erinnern oder gar nicht. Menschen können sich ungefähr erinnern; Menschen haben Geschichten zu Bildern; Menschen können ausschmücken, Lücken rekonstruieren, Fehlendes mit Erfundenem überdrücken – und manchmal ist die Erinnerung am Ende viel schöner als das, woran man doch nur glaubt, sich zu erinnern. Oder wenn nicht schöner, dann phantasievoller.

Das Blatt eines Bergahornschößlings. Es ist früher Morgen, Hochsommer, die Sonne fällt flach durchs Blätterdach eines lichten Bergwalds. Nahaufnahme, der Bildausschnitt ist so gewählt, daß man nicht erkennen kann, woher das Licht kommt. Wie aus eigener Kraft leuchtend, scheint dieses eine Blatt, dessen Lappen gleich einer Hand, die sich wärmen will, ausgestreckt sind, vor dem in verschwommener Dunkelheit liegenden Waldboden zu schweben.
Der dunkle Hintergrund, die unscharfen, tiefen Schatten am Grund eines von Licht durchströmten Raums, vermitteln eine Ahnung von Feuchtigkeit, aber falls in der Nacht Tau gefallen ist, hat ihn die Morgensonne schon von den Blättern des Ahornschößlings weggebrannt.
Es ist ein Morgen der Erneuerung. Der Wald atmet auf, öffnet Augen und Ohren. Sonntagslicht, frühe Stille. Der Lärm des vorangegangen Abends, der Jubel, das Feiern, sie sind lange verstummt, die Feiernden liegen alle noch im Bett, in stickiger Luft hinter geschlossenen Rolläden.
Tags zuvor hatten mich stampfende Discorhythmen aus dem Tal den halben Weg hier herauf begleitet. Deutschland hatte gewonnen, Deutschland war der perfekte Gastgeber, Deutschland durfte für einen Moment stolz auf sich sein. Jetzt feierte es, dieses Deutschland, und noch ein wenig früher, im Zug, da hatte ein junger Fahrgast bei Bekanntwerden des Spielergebnisses seinen Jubel laut herausgebrüllt, wohl in Erwartung, die andern Passagieren würden einstimmen in seine Freude, und als das ausblieb, als alle weiterhin stumpf vor sich hinstierten, denn sie hatten kein Interesse an Fußball, da rief er verächtlich aus, das sei ein Scheißland, niemand freue sich, alle so bräsig und steif, typisch deutsch, und da war sie wieder, die alte Verachtung, der alte Selbsthaß, der vertraute Wunsch, bloß zu einer anderen Nation zu gehören. Wie um die Passivität wieder gutzumachen, stampften eine Stunde später dann die Bässe wie die gewaltige Maschine eines Ozeandampfers aus dem Bauch des Tales herauf, während die Abendfarben, rot und gold und lange, durchsichtige Schatten, mit allen Vögeln den Atem anhielten.
Und jetzt, als ich mich bücke, um den Schößling aufzunehmen, ist endlich alles, alles still, Fingerhut säumt die Wege, und die frisch aufgespannten Blätter sehen aus wie eine schon im Morgengrauen gehißte Fahne vor Beginn der Prozession, wartend, schon voller Farbe, schon feierlich in der noch leeren, friedevollen Straße.

Frühprotokolle: Wolkentürme

In der Weite der Börde sichtbar: Wolkentürme, wie der Rauch nicht allzu ferner Schlachten. Der Wind weht von dort, Unwetter in den klammen Taschen. Die Föhrenstämme, rot und schmal vor dem Schatten des Forstes, Fliehende, die aus der Dunkelheit auf die Lichtung taumeln, vom plötzlichen Licht erstarrt. Jetzt haben sie im Rücken, was auch immer sich dort nähert, noch ohne Lärm.

An einer grasigen Fläche am Wegesrand liegt ein Auspufftopf. Lange liegt er da noch nicht, aber schon beginnt die Auflösung des Anorganischen ins Organische, des Künstlichen ins Natürliche: Schon ist die Oberfläche stumpf, schon ahnt man den Anhauch von Rost, schon zwängt sich das Gras unter dem Metall hervor. Das Metall, im Feuer einem in sich ruhenden Mineral abgezwungen, wird wieder zum Mineral, ehe es Halm wird, Wurzel, Borke. Kommentarlos zurückgenommen von den lebenden Dingen in den Kreislauf lebender Dinge.

Wald, und Stille. Morgens ist es wieder dämmrig, selbst bei klarem Himmel. Der Vogelchor der letzten Wochen ist in einzelne Stimmen zerfallen, das Gewebe ist brüchig, zerrissen wie ein Tuch, durch das die Sonne scheint, hier noch ein Buchfink, in der Nähe ein Zilpzalp, wie ein Versehen, natürlich die Singdrossel, die das Zwielicht liebt beim Singen. Das Grün hat die größte Sättigung erreicht, die größte Dichte, fast schwarz an den Rändern. Der Wald ist eine Höhle. Von hier unten scheint der Himmel hell und freundlich blau, die Wolkentürme, sie sind unsichtbar. Hier drinnen sind sie weit fort, sind sie jenseits von Grenzen. Drüben. Vielleicht sogar nur geträumt.

Kopf in den Sand: Das Unheil naht. Der Wind saugt den Himmel von den Feldern. Auch die Drossel ist stumm. Blätter tragen eine Botschaft von Saum zu Saum. Über die Wiesen flieht ein erschrecktes Pferd, ich weiß nicht, vor mir oder wovor.

Frühprotokoll: Satie

Bei Eric Satie muß ich an ein Kölner Zimmer denken, in dem ich, täglicher, nächtlicher Gast, für eine Weile fast zu Hause war, und nie ganz. Die Unordnung in dem asymmetrisch, unneunziggradwinklig geschnittenen, hellen Raum spiegelte mit ihrer Farbigkeit aus Büchern, Heften, Ordnern und bunt bekritzelten Zetteln, Papierstapeln, Kopien und Hand-outs, benutzten Kaffeetassen, Löffeln und Schüsseln meine eigene Unordnung wieder, die ich überall verbreite, wo ich mich länger als eine Nacht niederlasse. Es gab ein altes, gemütliches Klavier aus dunklem, spiegelnden Holz, und zwischen Klavier und der nächsten Wand einen Futon für zwei Schläfer, an dessen Fußende ein Bücherregal, so daß man zwischen Klavier und Büchern ruhte. An der dem Bett zugewandten Seite des Klaviers hingen Familienphotos ohne Rahmen, die sich im Sommer, wenn die Luft feucht war, aufwärts bogen und im Winter wieder glätteten. Gegenüber eine Fensterfront, draußen ein Fußbreit Balkon. Links davon ein gläserner Schreibtisch, von Papieren und Büchern bis auf den Raum, den die Tastatur des Rechners einnahm, bedeckt. Abends schräg einfallende Sonne. Zwei Stockwerke tiefer ein weiter, verkehrsfreier, mit rotem Backstein gepflasterter Platz, den Verwaltungs- und Gerichtsgebäude aus triefendem Beton und schwarzem Glas umstellten; in der Mitte ein winziges Ahornbäumchen, ein Laubengang mit Blauregen. Der Himmel hatte es schwer über den Dächern der Hochhäuser, auf denen sich abends Tauben niederließen. Nachts wehte das Qietschen und Rumpeln von Zügen vom nahen Rangierbahnhof durch die Dunkelheit heran.
In diesem Zimmer spielte E., die das Quietschen gemütlich fand, Satie. Ich lag auf dem Bett und lauschte dem melancholisch-meditativen, bald verträumten, bald kindlich-ernsten Voranschreiten der simplen Akkorde, schaute an die Decke oder studierte die Buchtitel im Regal und war zufrieden, in diesem Zimmer zu Gast zu sein. E. hatte eine Art, mitten im Spiel abzubrechen, sich mit Schwung auf dem Hocker nach mir umzudrehen, die Lippen zu schürzen und mir eine Frage zu stellen. Manchmal lachte sie beim Spiel leise oder sang mit. Sie war vernarrt in die Gymnopédies, und wenn sie nicht gerade Satie spielte, summte sie die einfachen Motive vor sich hin oder sang sie auf einen Text aus Phantasiesilben, es klang wie schmöö-dem-schmöö. Unvermittelt konnte sie in einer Gesprächspause den Mund öffnen, die Lippen vorstülpen und eine kurze Melodie aufsingen, als wollte sie ihren Gesprächspartner an etwas erinnern, das immer auch noch berücksichtigt werden müsse. Oder an etwas, das schon jetzt, während es geschah, lange her war: Weißt du noch? Einmal saßen wir nachts von Freunden heimkehrend im Zug, wir hatten geschwiegen, waren müde, es war der heißeste Sommer aller Zeiten, da läßt E. den Kopf auf dem Sitzpolster zu mir herfallen, als wolle sie mich küssen, öffnet den Mund, wölbt die Lippen: schmöö-dem-schmööö. So ist das nämlich. Denk dran!
Satie klingt seither immer so, als wolle er mir immer wieder etwas ins Gedächtnis holen, das ich sonst wohl schon lange vergessen hätte.

Frühprotokoll: Schatten

Mein Schatten, langestreckt überm Weg, Lichtspulen der Gerste, eine Goldammer, klein wie eine gelbe Faust in der Morgenbrise, die Fernstraße schweigt hinter Tümpeln aus Asphalt. Wogen von Hecken, ferne Brandungslinie, umbrochene Zeilen des Horizonts.

Wie sich die fünf schlanken, hohen, gleich Musikinstrumenten gebogenen Fingerhutstauden scheu aneinanderdrängen, um in einer kleinen Versammlung ein Ständchen in Farbe zu geben. Ein Klingeln von Rosa und Weiß, nur hörbar für Schmetterlinge. Die Glöckchen alle zur frühen Sonne gewendet. Glauben sich unbeobachtet in ihrer dunkel umstellten Lichtung.

Sekundenlanges Schweben in den verschiedenen Dichten des Gegenlichts. Libellenlose Pfützen, Schnappen von Spiegelungen, an den Grenzflächen: Mückenfunken. Kaum ein Laufen, ich atme den Weg, das genügt zum Fliegen.

Später die Ziegen in der Überlaufgrube in W—dorf, haben alle Zeit des Morgens alleine für sich. Zärtlich nehmen sie ihren Schatten und tragen ihn unter die Bäume.

Die Schatten von Fliederzweigen auf der Gebäudewand gegenüber. Ein Strömen, als zöge der Wind Flammen aus dem Putz. Statisch das Heizungsrohr, das seinen Schatten von sich streckt wie einen Meßfühler.

Einen Mittag an der Schulbank verträumt, Pausenraum, Oberstufe. Über den Hof, über die Wipfel der schönen Linden, wehten Fetzen von KV 551 herbei, der Schatten des Fensterkreuzes wanderte präzise übers Pult. Die Gedanken dabei so langsam, daß sie der Bewegung gerade noch folgen konnten.

Frühprotokoll

Die Sonne im Fenster. Festverschweißtes Licht, Fingerabdrücke, Brandzeichen. Traumverluste, ungeküßte Frau, die Verheißung von Nähe. Man müßte nur nachgeben, nachgeben, zulassen. Müdigkeit, als wäre die Haut gestern zum Trocknen aufgehängt worden. Steif und fleischlos ermatten die Finger am Wasserkessel.

Ein Auto parkt gegenüber dem offenen Fenster. Der Lärm eine lästige Fußnote, durchbricht den fortlaufenden, den mühsam in Gang gekommenen Text des Morgens. Vogelschall singt zu einem andern, einem weit entfernten Publikum am falschen Ende von Straßen.

Blank und schön der Edelstahl der Spüle. Ich tue alles so, wie es getan werden muß. Nicht mehr, nicht weniger. Der Atem findet sich, die Augen kommen mit ihren Blicken in Takt. Korrekt die Spinnweben. Selbst im Staub ist Sorgfalt. Das Wasser kocht, wie es soll. Im dampfenden Strahl, im Auftreffen auf das Kaffeepulver, im Aufwallen des Schaums, im Duft: zeigt sich plötzlich eine bislang unbekannte Seite der Zuversicht.

Frühprotokoll: Laufen

Fast wäre ich mitten hineingelaufen, so unerwartet tummeln sie sich auf dem Waldweg, fünf, sechs, vielleicht noch mehr Tiere, miteinander vertieft in unaussprechliche Wildschweinemsigkeiten, eine Versammlung, ein geheimer Rat, ein Familientreffen, so unbekümmert bei sich selbst, daß sie mich noch später bemerken als ich sie. Eben bin ich schon zwei großen Schweinen begegnet, die in größerer Entfernung den Weg kreuzten, eine Spur strengen Geruchs dalassend. Hier ist es eine ganze Rotte. Jetzt lieber mal langsam machen. Ich falle in Schritt. Ein bißchen absurd ist das schon, soll ich mich räuspern, in die Hände klatschen? Ich will sie keinesfalls überraschen, erschreckte Wildschweine können gefährlich werden. Aber da erklingt plötzlich ein zweimaliges Bellen, wuff, wuff, und Bewegung kommt in die Gruppe, erst zögernd, dann entschieden, dann panisch. Noch ein Bellen, dann hat es auch der Nachzügler, der eben hinterm Gebüsch sichtbar wird, begriffen und setzt eilends den andern, die schon im nahen Unterholz verschwunden sind, nach. Innerhalb von zwei, drei Sekunden ist der Spuk vorbei, es herrscht Totenstille.

Letzten Winter habe ich zehn Meter von dieser Stelle entfernt eine Nacht verbracht. Nach den letzten vereinzelten, müde von der nächsten Siedlung herüberklingenden Feuerwerkskörpern hatte eine ebensolche tiefe Stille im Wald geherrscht. Irgendwo mußten natürlich Tiere sein, aber nach der Knallerei gaben sie keinen Mucks von sich. Gegen fünf Uhr früh durch den pechschwarzen Wald nach Hause marschiert, unterm Eskort von Waldtauben, die alle zwanzig Schritte unter wildem Flügelgeklatsche aus den Zweigen brachen. Später Nieselregen, noch später ein Mond, in dessen gelbem Schein ich einen Doppelschatten warf, als folgte mir ein dämonischer Zwilling. –
Kurz nach der Stelle spähen, nach dem Flecken, wo ich in der einbrechenden Dämmerung morsches Birkenholz weggeräumt hatte, um Platz für die Matte zu schaffen. Damals hatte ich es eilig, einen Schlafplatz zu finden. Heute ist es ein Unort, eine Stelle, die sich sofort ins Vergessen drängt.

An der Wegbiegung, wo jemand eine Reihe von Nußbäumchen gepflanzte hat, bleibe ich stehen, um Wasser zu lassen. Sofort setzen sich mir vier fünf Stechmücken auf die bloßen Waden. In Tümpeln nahebei schwebt Pollen über gespiegeltem Himmel, schillern lohfarbene Schlieren, hocken Bläschen in Trauben, wie Spucke am Mundwinkel eines Kindes. Zu meinen Füßen leuchtet der gemusterte Leib einer Hornisse, die einen nässenden Fleck auf der Wurzel einer Fichte abnagt, still, getunkt in sich selbst, wie der letzte Säufer in einer verlassenen Bar.

… zuvor / ging sie zur Arbeit

Ach, Liebe. Und nun: Hab ich wieder einen ganz anderen Tag. Laufen bei Tagesanbruch, und als ich zurückkam, da waren die benutzten Tassen und Gläser schon kalt und fremd. Nicht mehr unser Morgen. Ich hätte so gern noch einen ganzen Tag zum Morgen mit Dir. Nicht wieder die Stunden wechseln wie die Schuhe. Nicht wieder Küsse ablegen wie gebrauchte Hemden. Und gemeinsam die Teller waschen, bevor man zusammen das Haus verläßt, auf dem selben Weg.

Irrlichter

Plötzlich, beim Queren des Hauptwegs, blitzt rechts von mir das Doppelauge eines Autoscheinwerfers in der Tiefe des morgendunklen Waldes auf. Ein Ärgernis, das keine Seltenheit ist. Ich laufe weiter, vielleicht hundert Meter, das Licht verschwindet hinter den gestaffelten Hindernissen der Bäume, bis zur nächsten Kreuzung, wo es, großzügig aufgeblendet, man ist hier ja alleine, abermals von rechts über meine Wange flammt, aus der Linie des speichenartig vom ersten fortstrebenden zweiten Hauptwegs heraus mich zielsicher trifft: der Fahrer ist dort vorne abgebogen, sein Licht meiner Laufrichtung gefolgt, wie ein Radarstrahl nach mir tastend; die Scheinwerfer halten voll auf mich drauf. Ich bleibe stehen und blende einen Moment mit der Stirnlampe frech zurück, ehe ich meinen Lauf, taumelnd und steifbeinig, fröstelnd, im Wissen, daß ich beobachtet werde, fortsetze. Auf einem für normale PKW unzugänglichen Pfad laufe ich halbparallel zum Forstweg, auf dem der Wagen sich langsam nähert. Auf die Entfernung und mit der geringen Geschwindigkeit machen Motor und Reifen kaum Geräusch. Laub flammt auf, Schatten graben sich in den Raum wie fliehende Tiere, die Lichtkegel raufen Baumstämme wie Pfahlbündel aus dem Dunkel und lassen sie hinter sich wieder fallen. Der Wagen wird langsamer, die Bäume im Lichtkegel scheinen sich aufzurichten. Ich stehe und leuchte zurück, gut sichtbar für den anderen als einzelner Lichtpunkt in der Schwärze des Waldes. Der Wagen hält. Zwei Lichter, meins und das fremde, starren einander entgegen. Die Bäume stehen still im Lichtkeil. Dann höre ich den Motor im Rückwärtsgang aufheulen, der Kegel schwenkt herum, streift mich, windet einen Schatten um mich, wandert weiter. Bleibt liegen. Im veränderten Winkel sehe ich die Rücklichter im Dunkel glühen; zwischen ihnen und der ausgestrahlten Kulisse des Waldes ist der Wagen selbst ein dunkler Fleck. Lichtspaten pflügen den Wald um, als sich das Fahrzeug langsam wieder in Bewegung setzt. Nur ein paar Meter, ehe es abermals zum Stehen kommt, als ließe dieses andere Licht, dieser freche fremde Schein querab in der Finsternis, keine Ruhe. Eine dunkle Angst kriecht in mir hoch. Und wenn das jetzt kein Förster ist? Kein Jäger, kein Holzfäller? Keiner von den üblichen Forstverwaltern und -verwertern? Wie spät mag es sein, keine sieben Uhr. Ich denke daran, wie ich besorgten Angehörigen, wenn die mir was von Überfällen redeten, von Gefahr, und wer soll mich finden, wenn mir was zustößt, und wäre es nicht besser, ein Händie …?, wenn ich jenen Bedenkenträgern die Bedenken über meine nächtlichen Streifzüge ausgeredet habe: Wer soll denn bitteschön, so meine im Tageslicht stolze Vernunft, sich morgens zwischen fünf und sieben im Wald herumtreiben? Und wenn jemand Böses im Schilde führt – warum sollte er das um diese Zeit auf völlig vereinsamten Waldwegen tun? Ja, denke ich, wer soll denn bitteschön morgens vor sieben Uhr … Und bevor da drüben jemand aussteigen und nachsehen kann, habe ich mich schon abgewandt und laufe in den Wald hinein, weg von den Lichtern, soll ich sagen, ich fliehe? Ich fliehe.

Post Festum

Solange du hier bist, leben die Dinge durch dich. Wenn du von mir gehst, stirbt, was du daließest, den Tod deiner Ferne. Ein Bausch Haare im Waschbecken, flauschig und kühl, wie ein geplündertes Nest Träume; ein Fleck auf dem Laken, kartierte Küstenlinien einer versunkenen Insel; eine Lippenspur, die das Glas wieder vergessen hat; ein klammes Handtuch, kühl und sandig wie eine Erdscholle. Während ich den verklungenen Schritten lausche, deren Stille immer noch anhält, zerfällt leise das Dunkel des geteilten Morgens im frühen Licht. Ich lösche die Lampe, die Kerze; das Spiegellicht deiner Augen geht in Rauch auf. In meinen Händen ruht die letzte Berührung von dir, warm und schlaff wie ein entschlafener Vogel. Ich nehme den Schlüssel in die Hand, mit dem du gestern hier warst. Was gestern so leicht von Hand zu Hand glitt, fühlt sich heute hart an und schwer, heimatlos wie ein Fundstück von der Straße. Ich nehme deine Zahnbürste in den Mund, ich trinke aus deiner Tasse, ich schlüpfe noch einmal in unser Bett. Ich drücke die Nase ins befleckte Laken, aber da ist nichts mehr zu erspüren von dir und mir. So riecht das Fehlen. Ich sehe mich um: Alles liegt im milden Morgenlicht da wie Spezereien der Minoer in Vitrinen aus dickem Glas. Unerreichbar sind die Dinge in ihrer eigenen Zeit zurückgeblieben. Schriftstücke, die sich selbst falsch zitieren. Bis ich das Haus verlasse, ist selbst die Stille nach deinen Schritten verklungen, der letzte Rest Dunkelheit vom Tag heimgesucht. Klaglos erbleichen die Wände, schließt sich der Raum zu einem imaginären Reich, wo unsere Küsse nur zu Gast waren.

Via Novaesiana

Samstag morgen, kurz vor sechs: Ein Schwerlaster hält vor dem Haus und lädt mit Getöse Baukies ab. Ich nehme an, es gibt keinen besseren Tag dafür.

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Ich stehe seufzend auf, und stelle, da der Tag ja nunmal begonnen hat, rote Beete aufs Feuer. Jetzt wärmt der irdene Dunst meine Höhle.

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Wo Baukies abgeladen wird, ist die Betonmischmaschine nicht weit. Als Kind war ich fasziniert von diesem Gerät, ich weiß nicht, ob von der Maschine selbst oder vom herrlichen Klang ihrer Bezeichnung. Die Wände wackeln. Heute sind die Assoziationen andere.

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Die Weide am Gesims von Nachbars Garage hat alle Blätter verloren. Standhaft krallt sie sich am Gemäuer fest und lebt von Luft und Stein. Ich mache die Heizung an und wünsche allen Bäumchen einen friedlichen Winter.

Keine Dohlen

Aber erst als du weg warst, fing ich an zu frieren. Und dann wurde es auch noch dunkel. Die Uhr vom Kirchturm schlug halb. Es war zwischen irgendwelchen zwei Stunden, und der Zug sollte gleich kommen. Die Uhr schlug, du warst schon weg, und ich dachte daran, wie du einmal, vor einer Ewigkeit, hier in St. Gereonshausen noch nicht da warst, und wie da Turmdohlen um die Kirche flogen und sich auf den schweren Zeigern der Uhr niederließen, als wollten sie die Zeit vorantreiben. Oder vielleicht wollten sie die Zeit auch aufhalten. Gestern gab es keine Dohlen. Es gab nur Zeit, die wieder zwischen uns angewachsen war. Und es gab die gemeinsame, eben vergangene Zeit, die nun wieder reichen mußte, auf Vorrat, wie der schwere Atemzug eines Wals. Keine Dohlen. Nur einen Jugendlichen im Kapuzenpulli, der auf seinem Smartphone rumfingerte. Geisterhaftes Leuchten im fremden Gesicht. Keine zwei Häuserecken entfernt räumte wohl gerade eine Bedienung unser Kuchengedeck ab. Unsere Krümel auf der Tischdecke. Zwei Gabeln mit Schokoladenresten. Die Fähre tuckerte ohne uns über den Rhein. Am Turm waren die Zeiger im Dunkel versunken. Einen Moment und Wachtraum lang war alles möglich, hatten die Dohlen heimlich die Zeit wiedergebracht, war wieder Morgen und alles am Anfang. Gleich würden wir losgehen. Gleich würden wir wieder aufgeregt wie Kinder an der Reling der Fähre stehen. Gleich läge der Weg wieder vor uns. Das Wasser aus der Feldflasche schmeckte schwarz. Im Bahnwärterhaus waren alle Fenster dunkel. „Da wohnt ja jemand“, hattest du am Morgen gesagt, oder war ich das.

6:39

Das erste, was ich beim Wachwerden denke: Ich habe keine Lust. Nach einer kalten Nacht verspricht der Tag sonnig und warm zu werden. Man könnte wandern, ja, müßte man es nicht geradezu? Spazierengehen, wenigstens, auf einer Bank in der Sonne sitzen, zum Fluß gehen, ein Eis essen, den Fuß auf Kastanien setzen. Ins Gebirge fahren. Lange wegbleiben. Draußen schlafen.

Halb sieben, und dieser ganze riesige Tag ist jetzt schon eine einzige Überforderung an Möglichkeiten. Ich habe keine Lust. Ich habe keine Lust, aufzustehen. Ich habe auch keine Lust, liegenzubleiben. Das einzige, wozu ich Lust habe, ist, alles, worauf ich je Lust gehabt habe, bereits geschafft zu haben. Dann müßte ich ich es nicht mehr tun, weder jetzt noch später.

Noch einmal Rehe

Ein „Rudel“ Rehe heißt Sprung und besteht im Winter aus bis zu zwanzig Tieren. Charakterisiert wird der Sprung, ein eher loser Verband nicht zwangsläufig miteinander verwandter Tiere, durch die gemeinsame Fluchtrichtung und den räumlichen Abstand der Einzeltiere zueinander, der fünfzig Meter selten überschreitet. Geführt wird ein Sprung von einer Ricke.
     Einem solchen Sprung bin ich heute morgen beim Laufen in der Dunkelheit begegnet. Aufmerksam wurde ich durch ein seltsames Geräusch, das ich noch nie gehört hatte, das aber sofort als Tierlaut erkennbar war. Kein Ast würde so im Wind knarren, keine Eichel beim Herunterfallen so rasseln, es klang wie Knörk, knörk.
     Rehe knörken aber nicht. Was Rehe machen, heißt bellen, und sie tun es, um dem Freßfeind klarzumachen, daß man ihn entdeckt habe, eine weitere Fortsetzung der Jagd mithin sinnlos sei.
     Bellende Rehe also, vor Schreck oder Empörung, daß ich trotz der Warnung weiter heranpirschte, wieder verstummt, mindestens ein Dutzend, kleine und größere, deren Augen, als ich die Stirnlampe ins Gebüsch richtete, auf unterschiedlicher Höhe zu mir hersahen, eine ganze Galerie Augenpaare, blink, blink, wie in einem Zeichentrickfilm. Die Körper wurden erst sichtbar, als ich die Leistung der Stirnlampe hochsetzte: fahle, graue Körper, die eigentlich gar keine Körper waren, eher Geister, schattenhaft, Gewölk von Leibern, deren Umrisse miteinander verschmolzen. So wie neulich schon blieben sie stehen, starr, gebannt, während in ihren Köpfen Unbegreifliches ablief, oder vielleicht auch gar nichts, weil sie vermittels des Lichts in einen Zustand völliger Leere eingetreten waren. Ich besah mir das eine Weile, dann machte ich die Lampe aus.
     Wie eine Glocke stürzte die Dunkelheit über mir zusammen. Kaum war der Himmel vom Blattwerk der Kronen zu unterscheiden. Ich stand ganz still und lauschte. Nichts war zu hören außer dem Rascheln meiner Windjacke und meinem eigenen Atmen. Irgendwo da drüben standen die Rehe in der undurchdringlichen Finsternis und regten sich ihrerseits nicht. Wie ich so atmete und raschelte, kam ich mir sehr laut vor. Andererseits trugen die Rehe ja auch keine Windjacke. Außerdem hatten sie ja zuerst gebellt. Ich ging ein paar Schritte, dann, als immer noch keine Fluchtgeräusche zu hören waren, schaltete ich die Lampe wieder ein. Blink, blink, blink, gingen drüben die Lichter an, als hätten die Tiere nur darauf gewartet. Dann aber schien ihnen etwas anderes in den Sinn gekommen zu sein, vielleicht hatten sie’s satt, vielleicht nervte ich sie mit dem Licht. Wer kann es wissen? Vielleicht gefiel ihnen meine Windjacke nicht. Jedenfalls setzten sie sich langsam, durchaus nicht in Flucht, eher gleichgültig in Bewegung, wandten sich, eins nach dem andern, von mir ab, wie Blätter, die der Wind umdreht. Die Körper schoben sich vor die Augen, die Leuchtpünktchen erloschen. Die Vorstellung war beendet, und ich schob mich und die seltsame Glocke aus Tag um mich her weiter durch den stillen Wald.

Rodestraße

Der Tag ist schon da, ehe die Augen richtig wach sind. Die Luft ist ein heißes Tuch, brennend liegt sie auf Stirn und Schultern. Hammerschläge zerbrechen in der Tiefe des Tals, die Glockenklänge lösen sich in Wölkchen auf. Wie ein Panzer schließt sich das Licht um die Stämme. In den Ladenritzen ficht die Sonne mit sich selbst. Abends hingestellt, ist das Wasser dicklich eingedampft. Ein Glühen liegt um den Saum des Glases. Eine Tasche, ein Paar Schuhe auf dem lodernden Parkett, der Schlüssel brennt sich in die Handfläche ein. Wie eine schwarze Zunge liegt die Brotrinde gekrümmt auf dem Tellerchen. Im Mus kleben tote Wespen. Die Gedanken gerinnen, die Stunden sind sauer geworden. Die Bilder wenden sich ab von der Wand, alle Wörter sind zurück in die Bücher geflohen. Bis in die Träume hinein schnarrt der Grünfink, wie ein aufgezogenes Spielzeug. Wo soll man bleiben, wohin soll man gehen. Wie ein zweifelnder Münchhausen ziehe ich mich am rechten Ohr aus dem Sumpf der Matratze.

Morgen mit Vogelmangel

Die Vögel schwinden. Wo
ihre Laute ausbleiben, kartieren
Libellen das Schweigen.
In den riesigen Hallen des Morgens
verlieren die Stunden den Halt
untereinander. Zwischen zwei
Seiten im Buch findet sich
ein Hahnenfuß des vorletzten
Jahres. Jahrhunderte dauerte
ein Fraktur-A. Im blauen Dunkel der
Kommode zappelt ein Junikäfer
den trockenen Leib auf die Krone
eingewanderter Tage gespießt.
Zwischen Umblättern und
Umblättern zerfallen die
letzten Klänge auf der Strecke
eines schartigen Alphabets.

Nach der kurzen Nacht

Wenn du nach unseren kurzen Nächten morgens von mir gehst, gehst du zweimal. Zweimal kehre ich in ein verwandeltes Zimmer zurück. Zweimal ein Loslassen in Wehmut, der Raum entläßt dich einmal, und einmal die Erinnerung des Raums, zweimal der Schmerz dieses Entsagens, zweimal die Bewegung, ehe sich alles, der erste wie der zweite Augenblick, ins Unwandelbare der Zeit hinein ablegt.
Dieser allererste Moment, wenn du aus dem Blickfeld der Glastür verschwunden bist (der letzte Anblick von dir: dein Blick schon ins Voraus gerichtet, deinem Tag, deinen Wegen zugewandt), und ich aus der Schwebe des ansatzweisen Nacheilens zurückfalle, den Blick meinerseits abziehe und in mein eigenes Hier zurückwende, dieser Moment, da ich die Tür zuziehe und ins Schloß drücke, was immer etwas Endgültiges hat, als schlösse ich nun meinerseits dich aus aus dem Rest des Tages; dieser Augenblick, da ich wieder, wie auf der anderen, der verwüsteten Seite eines Spiegels, einer Symmetrie angekommen bin, die in allem, wirklich allem der nunmehr verwunschenen Welt gleicht, in der wir hier uns noch geküßt und abergeküßt haben und nicht voneinander lassen mochten, und nur darin sich unterscheidet, daß ich hier im Flur alleine bin; dieser Augenblick des Betretens jener anderen Seite hat immer etwas zutiefst Erschütterndes und Erschreckendes, als sei die Wirklichkeit, die ganz banale Wirklichkeit, ganz und gar nicht begreifbar, und es ist jedesmal der gleiche Schmerz, zu fühlen, wie das Jetzt hinter dem Spiegel und das Jetzt vor dem Spiegel sich unaufhaltsam von dieser Grenze, die dein Weggang ist, in entgegengesetzte Richtung auseinanderstreben. Wie von der Türschwelle, aus der Du, von der ich, in entgegengesetzte Richtungen fortstrebten; an der unsere Zweisamkeit in je eine Einsamkeit zerfallen ist und immer wieder neu zerfällt.
Komme ich später am Tag wieder zurück vom langen oder kürzeren Tagesgeschäft, langen oder kürzeren Wegen, fällst du dem Raum noch einmal ein, und noch einmal muß er dich lassen. Es ist die Erinnerung an die Erinnerung an unseren Morgen: Kam mir das Zimmer leer vor, als du gerade gegangen warst, so ist es nun noch einmal entleert: Der Tag ist vorangeschritten, die Winkel des Lichts sind verschoben, die Geräusche von draußen erinnern an den Gleichstrom der Zeit, und zu diesem Ebenmaß hat sich nun alles, was für kurze Zeit in Aufruhr war, wieder gefügt. Fremd ist mir mein Zimmer, wenn du gehst; als Fremder betrete ich diese ihrerseits entfremdete Fremde ein paar Stunden später noch einmal. Da ist alles schon museal geworden. Die Luft kann deinen Atem nicht bewahren. Der Morgen läßt deine Erinnerung los. Während wir vergaßen, daß einmal Morgen werden würde, vergißt uns nun der Tag.

Rodestraße (Noch ein Morgen)

Am Tisch, des Morgens. Die Schattenspiele betrachten. Den Rücken zum Licht und zur Frühe. Mit halbem Ohr auf die Vögel achten. Der blankgewischte Tisch. Die erloschene Kerze vom Abend. Die verblühte Akelei. Die Schlafende im Nebenzimmer. Ein Wind weht durch die Schatten, kräuselt den Schimmer auf der Tapete. Die Küche schrumpft zu einem Ensemble stumpfer Flächen. Die Uhr nimmt ihr Ticken wieder auf, die Zeit schreitet fort und von etwas weg, das du wieder nicht erfaßt hast. Die Flächen stellen sich dicht an dicht. Die Reflexe auf den Gläsern sind starr, die Blütenblätter liegen in derselben Ordnung um die Vase, nur im Schließen des Augenblicks, in seinem Vorbeisein, merkst du es und hast es schon wieder verloren. Wie dieser Schimmer vielleicht in den Strom der Zeit hineinfiel, ein Wehen vorbeistrich, ein Wort beinahe hörbar wurde. Die Fläche des Glases, die mehr trennt als Drinnen und Draußen. Das Licht schwindet, kommt wieder, erlischt endgültig, die Vögel verstummen einer nach dem anderen, als gäben sie ihn schon auf, diesen Morgen, diesen kaum begonnenen Tag.
Sich zusammenreißen, noch einen Absatz schreiben; Kaffee machen, ins Nebenzimmer und wecken gehen und los, und weitermachen, als wäre das schon alles, als wäre wieder nichts geschehen.

Sich freuen, aufeinander

Sich freuen, wir haben den ganzen Abend für uns.
Den ganzen Abend für uns haben und sich freuen, du mußt nach dem Essen nicht mehr weg.
Zusammen essen und sich freuen, wir können nachher beieinander einschafen.
Beieinander einschlafen und sich freuen, wir können nebeneinander träumen.
Nebeneinander Träumen und sich freuen, du bist noch da.
Wieder einschlafen und sich freuen, die Nacht ist noch lang und der Morgen weit.
Den Wecker hören und sich freuen, wir haben ja noch einen Kaffee miteinander.
Kaffee trinken und sich freuen, wir können gleich noch zusammen duschen.
Zusammen duschen und sich freuen, wir haben noch eine Viertelstunde, bis wir aus dem Haus müssen.
Aus dem Haus gehen und sich freuen, wir haben noch den gemeinsamen Weg zum Bahnhof.
Am Bahnhof ankommen und sich freuen, wir haben noch fünf Minuten für Küsse.
Einander küssen und sich freuen, wir haben noch ein paar Augenblicke zum Winken.
Winken, winken, winken, bis du nicht mehr zu sehen bist.
Winken, und sich freuen, daß wir uns wieder aufeinander freuen können.