Sie tanzen.
Drüben tanzen sie.
Ich stehe am Fenster in der eiskalten Luft. Die Straßenlaterne überstrahlt alle Sterne, aber man riecht den freien, schwarzen Himmel, es riecht, wie nur eine eisige Winternacht ohne Schnee riechen kann. Noch keine acht Uhr, und die Scheiben der geparkten Autos belegen sich schon mir Reif, und beschlagen ist auch der ins Zimmer ragende Fensterflügel. Licht fällt zu meinen Füßen in den Vorgarten, auf welke Geranienklumpen, veredelt durch Rauhreif. Die Straßen sind leer, niemand geht bei dieser Witterung ohne Not raus.
Aber irgendwo ist doch Musik? Das kommt doch von draußen, es klingt, als spielte jemand einen Popsong vom Mobiltelephon ab und sänge dazu, hohe Stimmen, Jugendliche, Mädchen, drüben auf der Bank an der Kreuzung vielleicht? Oder kommt es näher? Nein. Es muß ganz nahe sein, irgendwo in der Straße, aber wo …?
Im Haus gegenüber sind mehrere Fenster erhellt. Da ist die Familie mit kleinen Kindern, man sieht durch die Vorhänge ins Wohnzimmer. Rechts ein Arbeitszimmer, scheint es. Und dann ist da dieses Fenster im ersten Stock. Schummeriges Licht herrscht in dem Raum. Die Wände sind kahl, die Lichtquelle nicht zu sehen. Das Fenster ist gekippt, und von dort kommt die Musik, kommt das gedämpfte Singen. Dann sehe ich jemanden hüpfen. Und noch einen. Der Leuchtfleck eines Smartphones zuckt durch den Raum.
Sie tanzen. Sie springen und tanzen. Es müssen fast noch Kinder sein, die Bewegungen sind voller Übermut, ohne das Gespreizte von Teenagern zu haben, ohne das Gefallenwollen, die da tanzen, gleichen eher tobenden Kindern als pubertären Feiernden. Und doch ist es kein Toben, diese jungen Leute tanzen wirklich. ausgelassen, hüpfend (immer wieder fliegt jemand aus der Tiefe des Raums ins Bild und verschwindet wieder, als spielten sie Fangen), voller Elastizität und Wildheit, Leute, denen niemand zuschaut, und die deshalb alles wagen. Deshalb das gekippte Fenster, wer so tanzt, wer so alles gibt, dem wird schnell warm.
Eine Party ist es auch nicht, denn dazu ist es zu früh, die Musik zu leise, die Tänzer zu wenige. Für eine Party, überhaupt für etwas Geplantes, ist das alles nicht ernst genug. Es scheint wirklich so zu sein, daß sich hier ein paar Freunde getroffen und spontan in Tanz gefallen sind. Einfach so, weil die Musik so schön ist, weil die Beine jung sind, und, klar, weil das Leben viel zu wundervoll ist, um mit trüben Gedanken am Fenster zu stehen und andern beim Tanzen zuzuschauen.
Schlagwort: Lebensart
Devon
Beim Wandern habe ich einmal am Ackerrand einen merkwürdigen Stein gefunden. Etwa honigmelonengroß, wog er gut seine zehn bis zwölf Pfund und hatte die Form einer riesigen Kartoffel. Er war von schmutzigroter bis graubrauner Farbe, wies keine Bruchkanten auf, war aber auch nicht glattgeschliffen, und zeigte auf der Oberfläche zahlreiche Narben und Grübchen, die sich bei näherm Besehen als Versteinerungen münzgroßer Muscheln und Schnecken herausstellten. Es war Winter, Wind tobte übers Feld, Schneegraupel fanden keinen Halt auf den frisch gebrochenen Schollen. Ich las den Stein mit vor Kälte fühllosen Fingern auf, reinigte ihn von Schneematsch und Erde und legte ihn in meinen Rucksack. Ich trug ihn noch fünfzehn Kilometer nach Hause, wo er seitdem die Badezimmerfliesen ziert.
Was ich noch weiß von dieser Wanderung: Einem nicht mehr gepflegten Weg folgen, an Viehweiden auskommen, unter einem Weidezaun durchkriechen, dabei die Hand auf einen Brennesselschößling stützen, eine Erinnerung, die noch tagelang schmerzt. Neue Wege durch abgelegene Landstriche, ein Landgraben, ein Wacholderschutzgebiet; mit steifen Fingern eine Brotrinde halten, da hat der Wind nachgelassen. Auf einem neuen Weg in eine alte Stadt. Worte, die ich wie einen Mantel über mich werfe. Beim Nachhausekommen das glückhafte Gefühl, etwas Schönem begegnet zu sein, eine Gnade des Landes selbst erfahren zu haben. Wie Wind, der noch im Innern weiterbraust. Der Stein machte ein hohles Geräusch, als ich ihn im Bad auf den Boden legte.
Koniferenzapfen; knospende Zweige; Pilze und Beeren; Häherfedern. Meistens ist aber das, was ich vom Wandern mitnehme, ein Stein. Ein kleines Schieferstückchen vielleicht, schwarz wie Gagat. Oder ein Stück Basalt, den eine Quarzspur durchzieht. Oder einen symmetrischen Kiesel, der mir in der Dämmerung als irgendwie leuchtend in die Augen fällt. Solche Funde trage ich Monate mit mir herum, in jeder Jacke habe ich mindestens einen. Wenn ich nichts zu tun habe, etwa auf eine Straßenbahn warte, spiele ich damit herum. Mit der Zeit werden die Steine ganz abgegriffen und glänzend. Dann sind sie irgendwann mehr als nur ein Stein. Stecke ich die Hand in die Tasche, ist mir der Stein sofort vertraut. Ich weiß immer genau, welchen ich wo gefunden habe.
Ein Gegenstand, der so langsam altert, daß er als Anker im Strom der Zeit dienen kann. Eine Fadenbindung der übereinander fallenden Augenblicke, die Stelle, die alles zusammenhält, über die eigene Existenz hinaus, aus dem Devon übers Erdmittelalter bis zur Erdneuzeit, mein eigenes Daseinsblinken ebenso verklammernd wie die unendliche Zukunft. So langsam, so sehr in sich selbst ruhend, so sehr sich selbst gleichend von Augenblick zu Augenblick, daß die Zeit ihn aus sich fallen läßt.
Ich starre auf ein Mosaik aus Herbstblättern. Gelb an Rot an Braun. Kältesteife Finger halten ein Würstchen, ein Stück Brot. Ich kaue, es schmeckt nicht. Ich müßte die Nase putzen, lasse den Rotz über die Lippe laufen. Und starre aufs Laub. Hier, und jetzt, und hier, und irgendeinmal. Ich saß hier mal mit einem Freund und beschwerte mich über das Geklingel aus fremden Kopfhörern. Es war ein froher Sommertag, und statt Jetztpunkten gab es Erleben. Ströme. Erinnerungen.
Elstern schimpfen in entlaubten Espen. Vom parallelen Pfad jenseits des Baches klingen Stimmen herüber. Die Strukturen des Laubs brennen sich auf der Netzhaut fest. Die Elstern schweigen wieder, sind bereits Vergangenheit, während sie im Kopf noch nachzuhallen scheinen, wie das Nachbild des Laubs, Vergangenheit genauso wie das Gespräch mit dem Freund, wie die Stimmen am Bach, die eben verstummt sind, wie alles, was nicht jetzt.
Jetzt.
Jetzt.
Ist.
Und nicht mehr ist.
Wenn ich wandere, versuche ich, zurückzukehren, in ein Haus aus Bildern und Luft. Ich sehne mich nach Orten, aber wenn ich dort bin, sind die Orte nicht mehr da. Ort und Zeit scheinen verschränkt, eins so unerreichbar wie das andere. Nur das Jetzt, da müßte man zu Hause sein, heimisch werden im Flug, im freien Fall. Oder in den Erinnerungen.
Als könnte man sich noch und noch in den Bildern der eigenen Geschichte aufhalten. Es gelingt nicht. Ich bin weder hier ganz, noch woanders. Ich fasse den Stein in meiner Jackentasche fester, und bin in einem seltsamen Raum, indem ich mir dabei zusehe, wie ich den Rotz hochziehe und auf ein Mosaik von Herbstblättern starre.
Selbstermächtigung
Merkwürdige Assoziation, die sich an die Erinnerung an einen Schatten knüpft, der mittags über ein Schulpult wandert: Es muß dasselbe Klassenzimmer gewesen sein, in dem in einer Religionsstunde in der zehnten Klasse der damalige Lehrer eine ablehnende Bemerkung zur Selbstbefriedigung machte, nachdem er einen Mitschüler aus dem Religionsbuch einen entsprechenden Passus hatte ablesen lassen. Natürlich weiß ich nicht mehr, was für ein Buch das war, aber vielleicht weiß das Netz etwas. Ein Forum, über dessen sonstige Ausrichtung ich mir kein Urteil erlaube, führt mich in diesem Zusammenhang zu folgendem Auszug aus dem «Jugendkatechismus der Katholischen Kirche, Youcat» (Was es alles gibt!):
Die Kirche verteufelt Selbstbefriedigung nicht, aber sie warnt davor, sie zu verharmlosen. Tatsächlich sind viele Jugendliche und Erwachsene davon gefährdet, im Konsum von geilen Bilder, Filmen und Internetangeboten zu vereinsamen, statt in einer persönlichen Beziehung Liebe zu finden. Die Einsamkeit kann in eine Sackgasse führen, wo Selbstbefriedigung zur Sucht wird. Nach dem Motto «Für Sex brauche ich niemanden; den mache ich mir selbst, wie und wann ich ihn brauche» wird aber niemand glücklich.
Und siehe da! Genau das war die damals vertretene Auffassung. Wie der weiteren Lektüre in der Diskussion zu entnehmen ist, gibt es tatsächlich Menschen, die so etwas immer noch glauben:
Und kann da nur zustimmen! Es gibt Menschen, die werden durch Pornokonsum beziehungsunfähig und denken beim «realen» Sex nur mehr an ihre «heimlichen» Fantasien. Man braucht ja nur in irgendein Erotikforum zu schauen und bekommt alle Möglichen Fantasien geboten.
Beziehungsunfähigkeit durch Pornokonsum? Steht so ein Quark eigentlich heute immer noch in den Religionsbüchern? (Ich würde mein Kind sofort abmelden.) (Nicht daß mich das damals beeindruckt hätte. Aber verunsicherten Jugendlichen kann man leicht was vom Pferd erzählen.)
Du bist zu dick, du bist zu schlaff, mach mal Sport, du bist zu käsig, ernähr dich gesünder, geh früher zu Bett, iß mehr Obst und Gemüse, wasch dir die Haare, geh mal an die frische Luft, drück nicht an den Pickeln rum, halt dich gerade, popel nicht, nimm die Hand aus der Hose!
Als hätten Eltern, Lehrer, Geistliche, sonstiges Erziehungspersonal iregndein Anrecht auf den Körper von Jugendlichen. Irgendein Mitbestimmungsrecht. Eine Verfügung. Als hätten die heranwachsenden Söhne und Töchter ihren Körper nur von den Eltern geborgt. Als müßten sich jene bei diesen für jedes Vergnügen dieses Körpers noch eine Extraerlaubnis wegen Zweckentfremdung einholen.
Insofern könnte man die Selbstbefriedigung auch als einen Akt der emanzipatorischen Selbstbehauptung ansehen, der Ermächtigung über den eigenen Leib. Dazu müßte man Jugendliche eigentlich nur ermuntern, wenn darin nicht über den Akt des Gewährens wieder eine subtile Ermächtigung läge.
Warum ich Begegnungen mit Fremden anstrengend finde
Später am Tag, als wir im Gespräch auf etwas zurückkommen, das unser selbsternannter Fremdenführer uns mittags erzählt hat, sagt meine Begleiterin lachend, du hast da gar nicht richtig zugehört, nicht?
Das stimmt, ich habe nicht richtig zugehört, ich war mit etwas anderem beschäftigt. Damit hängt auch zusammen, warum ich so schwer mit Leuten ins Gespräch komme. Schon die schiere Präsenz eines Fremden, noch dazu eines, der sich uns förmlich aufgedrängt hat, muß ich erstmal in Ruhe verdauen, ehe ich das, was mir diese schier übermächtige Gegenwart sagt, erfassen kann. Ich kann vorerst nicht mehr, als diesen alten Mann mustern, der uns, wie wir unentschlossen auf dem Marktplatz standen, mit einem zugerufenen Entschuldigen Sie bitte! angesprochen hat, um uns unaufgefordert den Weg zur Touristeninformation zu erklären: Einen Kopf kleiner als ich, ist er mit einem dunkelblauen Anzug von feinem Stoff gekleidet, trägt Krawatte, keinen Hut, und, ein Stilbruch, über dem Jackett – es ist ein kühler Tag – eine Windjacke vom Grabbeltisch. Sein Blick ist klar, sein Gesichtsausdruck wach. Seine Sprache dialektal mit rollendem r, er artikuliert deutlich, spricht gepflegt und höflich. Sein Kopf ist voll von Fakten, und die Art, wie er diese Fakten erzählt (historische Begebenheiten, die mit dem Freiherrn vom Stein zu tun haben, ebenso wie jüngere örtliche Ereignisse, etwa die Schließung einer Realschule) die routinierte Leichtigkeit, mit der sie ihm einfallen, läßt darauf schließen, daß er sie nicht zum ersten Mal und wahrscheinlich oft wiedergibt. Sein Alter sicher jenseits der siebzig, aber wenn es ein Mensch ist, der viel an der frischen Luft war in seinem Leben, könnte er auch etwas jünger sein. Vom Kinn zum Hemdkragen zieht sich eine lockere Hautfalte, einer Stierwamme nicht unähnlich. Die Hände sind kräftig, kurze Finger, die leicht nach der Seite gekrümmt sind. (Später verrät er uns, daß er das achte Jahrzehnt schon überschritten hat.) Es ist ein schönes, ja, ein prachtvolles Greisenantlitz, und um diesem Menschen zuhören zu können, müßte ich ihn erstmal eine halbe Stunde ganz in Ruhe betrachten dürfen, einfach nur betrachten. Erst dann wäre ich so weit, zur nächsten Information überzugehen. So aber strömt alles auf einmal auf mich ein, und noch dazu völlig unerwartet. Dazu kommt noch, daß mich mehr die Situation der Begegnung selbst fordert, so daß ich mir Fragen stelle wie diese: Was will dieser Mensch? Sucht er jemanden zum Reden? Ist er einsam oder einfach nur ein geselliger Typ? Sind wir seine heutigen Opfer? Was sieht er in uns? Welchen Verlauf wird dieses Gespräch nehmen? Wie läßt es sich schonend wieder beenden? Was soll ich antworten, wenn überhaupt? Soll ich Interesse zeigen oder wenigestens welches heucheln? Müßte ich mich nicht interessieren, nur damit ich später darüber schreiben kann? Soll ich allem einfach zustimmen, falls der Mann beginnt, Unsinn zu erzählen, oder lieber hübsch akademisch widersprechen? Was würde Bill Bryson tun? Undsoweiter. Dies alles natürlich nicht wohlgeordnet, sondern in einem einzigen Strom verworrener, eher dem Unangenehmen zuneigender Empfindungen, was mich sofort nervös und verschlossen macht.
Ist es da ein Wunder, wenn ich so gut wie nichts von dem habe aufnehmen können, was uns der Greis erzählt hat? Und so ist es meistens.
Daher kommt es, daß ich, obwohl ich immer gerne von Begegnungen lese, die andere beim Wandern oder Reisen machen, sie doch recht ungern selbst erlebe. Dabei träume ich davon, interessante Menschen zu treffen. Ich male mir tiefe Gespräche, verblüffende Einsichten, überraschende Philosophien, kuriose Lokalhistörchen aus. Ich stelle mir vor, wie der Wanderer und der Einheimische einander mit Erfahrungen bereichern. Ich schwärme von einem Schatz an Geschichten, den ich von der Reise mit nach Hause bringe. Aber wie soll das passieren, wenn man die Begegnung nicht nur nicht sucht, sondern sogar scheut? So nehme ich mir vor, Begegnungen, wo sie passieren, wenigstens geschehen zu lassen, ja, sie zu ertragen; mache es mir zur Pflicht, auszuharren, nicht zu urteilen, mir Zeit zu nehmen. Überlege mir Fragen, die man stellen könnte. Denke an Bill Bryson.
Aber sobald ein Mensch aus Fleisch und Blut vor mir steht, will ich nur noch eins: weg.
Diesmal ist es meine Begleiterin, die uns loseist, indem sie geschickt nach einer Empfehlung für ein Café fragt. Wir lassen den schönen Greis stehen, und ich atme enttäuscht auf.
In der Falle
Vielleicht ist gar nicht Unwille, Bequemlichkeit, Gier oder das Gefühl, im Recht zu sein, Grund dafür, warum es reichen Menschen so schwer fällt, abzugeben. Ich vermute etwas anderes: Verpflichtung; Bindung; und der unausrottbare Hang des Menschen, Überschüsse bis zum letzten auszuschöpfen.
Wenn ich 10.000 im Monat verdiene, richte ich mein Leben danach ein: Haus kaufen, Auto anschaffen, tägliche Pendelstrecken, BahnCard 100, teure Reisen etc. – da bleibt am Ende des Monats nicht viel mehr übrig als beim armen Schlucker. Das Problem ist aber, das Haus kauft man nicht mit Geld, das man hat, sondern das man hofft, später zu haben – mit Erwartungen an die Zukunft. Die Schulden aber, die hat man sofort. Und die müssen getilgt werden. Ich kann nicht sagen, na, verzichte ich halt, dann dauert’s halt länger; oder, ach, keine Lust mehr, zu teuer, dann gehört eben der Bank das Haus. Die Bank will das Haus nicht. Die Bank will mein Geld. Die Bank wird mich pfänden lassen, wenn ich nicht brav in der Tretmühle weitertrete, in die ich freiwillig gestiegen bin, als ich – in Erwartung von monatlich 10.000 – den Kaufvertrag unterzeichnet habe. Wehe, die 10.000 bleiben auf einmal aus, weil ich arbeitslos oder berufsunfähig werde. Und selbst, ein Haus (oder ein Boot; ein Auto) wieder zu verkaufen, kostet noch teures Geld. Von dem, was da an Steuern fällig wird, könnte unsereiner drei Monate leben, und zwar bequem. So wird aus dem Gewinn von 120.000 per annum, einem Reichtum, den ich haben darf, die Not von 120.000, dann nämlich, wenn ich sie aufgrund von Verpflichtungen, etwa in Form einer Hypothek, haben muß.
Dazu kommen Verpflichtungen anderen gegenüber. Für mich alleine kann ich entscheiden, ok, die Gesangsstunden, die Golfpartie, die Jagdpacht waren wohl etwas teuer, streiche ich das eben. Ginge es nur darum, auf Gesang, Golf und Jagd zu verzichten, wär’s ein Kinderspiel. Aber ein solcher Verzicht schlägt weitere Kreise. Denn vielleicht treffe ich beim Golf wichtige Geschäftspartner, die mich fallen lassen, wenn ruchbar wird, daß ich in so großer finanzieller Not bin, daß ich mir nicht einmal Golf mehr leisten kann; und vielleicht habe ich drei Kinder, die Reit-, Musik-, Chinesisch- und Ballettunterricht nehmen – und das für selbstverständlich halten. Und vielleicht verläßt mich mein Partner, wenn sich abzeichnet, daß ich für das Haus nicht mehr aufkommen kann … Das heißt, es geht, vermute ich, um weit mehr als nur ums Haben von Annehmlichkeiten; es geht ums Sein: um ein ganzes Leben, und nicht einmal nur um das eigene, sondern um das der Menschen, für die ich verantwortlich bin, und die Erwartungen an mich haben, die ich zuerst bei ihnen geweckt habe. So betrachtet ist Reichtum kein Privileg, sondern eine höchst mißliche Lage, eine Falle.
Über die Sucht, alle Lücken auszufüllen, nichts ungenutzt zu lassen, Überschüsse immer bis zur Neige abzuschöpfen, habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. In kleinem Maßstab gleicht jemand, der eine Hypothek auf eine Immobilie aufnimmt, dem Steinzeitmenschen, der beschließt, seßhaft zu werden und Ackerbau zu betreiben. Weder der Reiche noch der Ackerbauer können zurück zu ihrer früheren Lebensweise, weil sie von den Reichtümern (10.000 Thaler hier, Getreidevorräte und Nahrungsmittelüberschuß dort) abhängig geworden sind. Der reiche muß reich sein, weil er reich ist.
Einseitige Ernährung, Zivilisationskrankheiten, kaputte Rücken, Knochenarbeit: Selbst wenn die ersten Ackerbauern vor 9.000 Jahren gemerkt hätten, um wieviel schlimmer sie dran waren als tausend Jahre zuvor ihre Jäger-und-Sammler-Vorfahren, hätten sie aus zwei Gründen nicht zurückgekonnt: Erstens besaßen sie nicht mehr das Wissen, die Erfahrung und die Fertigkeiten, die für die frühere Lebensweise gebraucht wurden; und zweitens hätte das Land, auf dem sie lebten, sie nicht mehr ernährt, denn aufgrund des größeren (wenn auch nicht besseren) Nahrungsangebots war die Bevölkerung gewachsen – jede Nahrungskalorie, die die neue Lebensweise zusätzlich hervorbrachte, wurde sofort von der größeren Fortpflanzungsrate geschluckt. Statt sich auf den Extrakalorien auszuruhen, setzte man in fester Erwartung auch zukünftigen Reichtums mehr Kinder in die Welt. Und das war der Anfang. Zehntausende von Jahren hatte Homo sapiens im Gleichgewicht mit seiner Umwelt gelebt, in einer Lebensweise, die mehr oder weniger gleichförmig, über tausende von Generationen unverändert geblieben war. Seit der Seßhaftwerdung aber; seit dem Augenblick, da eine erhöhte Produktivität mehr Menschen satt machen konnte, so daß innerhalb kürzester Zeit die Produktivität auch mehr Menschen satt machen mußte: Seit dieser Zeit lebt der Mensch in einer Tretmühle, die ihm umso mehr abverlangt, je schneller er darin tritt.
Ein Geschäftsbrief 1970 brauchte eine halbe Stunde; heute benötigt er, wenn der Angestellte seine Vorlagen auf Vordermann hat, zehn Minuten. Aber statt jetzt zwanzig Minuten Freizeit gewonnen zu haben, setzt er zwar kein Kind in die Welt, schreibt aber immerhin heute drei Briefe in derselben Zeit. Und jubelt auch noch über den Fortschritt, die gesteigerte Produktivität. Jede gewonnene Zeitersparnis wird auf diese Weise vom Produktivitätsanspruch aufgefressen. Auch so ein Angestellter (oder seine Vorgesetzten) kann nicht zurück, denn die drei Briefe pro Stunde werden hopplahopp zum neuen Standard. Und dann kommen die Prediger des Wachstums und versprechen uns den Himmel auf Erden, wenn wir nur immer fleißig arbeiten. Dereinst, heißt es dann, werden wir in Ruhe, Frieden und Sorglosigkeit leben.
Dabei könnten wir das längst schon haben.
Und hätten dabei noch was abzugeben.
112 Meilen (8)
Ist der Grund erst einmal gänzlich fremd, hört das Heimweh auf. Wir gehen durch Landstriche, die mir nicht mehr vertraut sind. Zwar bin ich hier schon einmal gewesen, aber auch da nur als Fremder, als einer, der nicht blieb.
Mir ist in den letzten Tagen klar geworden, wie groß meine erweiterte Heimat ist. Aber ist sie das wirklich? Es ist nicht alles Heimat, was dieser Radius umfaßt; es gibt Inseln darin, die mir so vertraut sind wie der eigene Garten; das meiste aber ist mir völlig fremd. Oder kenne ich wirklich die Straßen von, sagen wir, Morenhofen? Von Meckenheim? Oder das Waldstück zwischen Adendorf, Merl und der Aachener Straße? Setzte man mich dort aus, ich könnte nicht sagen, wo ich bin. Und doch liegt es umgeben von Wegen, die ich seit Jahrzehnten abschreite wie ein Territorium. Tatsächlich aber weiß ich nicht viel mehr davon als eben das: die Wege. Was dazwischen liegt, Buchenbestände, Gestrüppe, Gräben, Hügel, Tümpel, Lichtungen, ist mir völlig unbekannte Erde, Quadratmeile um Quadratmeile fremdes Land, von dem ich immer nur die Grenzen berühre.
Es gibt stationäre Heimaten wie den Straßenzug, das Viertel, in dem man lebt; es gibt Transitheimaten: den Lieblingsweg nach Hause oder die Lieblingsrunde im Wald. Was heimatlich ist, folgt dabei dem Weg und was man von ihm aus sehen kann. Aber schon ein Nebenpfad führte ins Fremde, Unbekannte, ja, Gefährliche, wo die Rabenschreie nach mehr Tier klingen, die Schatten tiefer gründen, menschliche Stimmen in der Ferne ausgeblendet sind.
Manchmal ist Heimat ein Blick aus dem Zugfenster, mehr nicht. Man kennt nicht, was man sieht; man kennt nur den Anblick, und man kennt ihn so gut, daß eine frisch gestrichene Hauswand, daß ein gefällter Baum sofort auffiele. Es gibt auf Strecken, auf denen ich oft unterwegs bin, stets ein, zwei Abschnitte, wo ich das Buch sinkenlasse, um hinauszuschauen und mich ganz dem Anblick zu überlassen. Wie das Licht durch Baumstämme flattert; die Herbst oder Frühlingsfarben in einer Gartensiedlung; wegtauchende Wege in einem Forst, oder der träge Schwung einer Straße in einem regennassen Feld, ich denke, hier müßtest du mal aussteigen und umherlaufen, das müßtest du dir mal aus der Nähe. Aber ich tue es nie. Es ist nicht diese Art Heimat, die mich diesen Orten verbindet, ich fahre nur gerne hindurch und bleibe lieber hinter der Scheibe, es ist eine Fernbeziehung, deren Ferne ich nicht aufgeben will, und zu der immer auch die Nähe einer Buchwelt gehört, die sie zum Angeschautwerden unterbricht.
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Nicht mehr in der Heimat zu sein, bedeutet auch, den Alltag endlich abzustreifen. Endlich wird es wieder unbegreiflich, all das Normale. Straßenbahnen, Büros, Computertastaturen, Zahlen, Zahlen, Zahlen. Fast ist es seltsam, einen Supermarkt zu betreten, es hat etwas von Exposition, als stünde man plötzlich auf einer Bühne. Und doch ist alles wie immer, als wir am Montagmorgen in Gerolstein einkaufen. Man denkt, nachdem man vier Tagesmärsche hinter sich hat, dies müßte ein verlorener Außenposten sein, ein bißchen heruntergekommen, die Waren übers Verfallsdatum, viele Konserven und Bedarf für Jäger und Fallensteller. Aber so ist es natürlich nicht. Es gibt Nutella und Zentis wie überall, und das Brot beim Bäcker heißt Fitneßkruste oder Proteinbaguette so wie andernorts auch, und man sieht den Verkäuferinnen an, daß alles ganz normal ist.
Und das ist das Seltsame. Daß auch hier Alltag ist, vier Tagesmärsche von zu Hause entfernt, inmitten von Wäldern und so weiten Feldern, daß ihr Ende sich am Fuß ferner blauer Berge auflöst. Daß man glauben möchte, die ganze Welt sei eine kleinräumige, von Wäldern durchbrochene, von hecken geordnete Kulturlandschaft. Wohin gehen die Leute hier abends nach Hause, denkt man sich. Und wie mag das sein, Feierabend nach Ladenschluß, Kasse machen, Ladengitter abschließen oder Schreibtisch aufräumen, und dann nach einer Fahrt an feuchten Wiesenrändern und im Schatten von Fichtenkämmen über einsame Landsträßchen nach Hause fahren? Wie ist das, in dieser halbwilden Welt zu Hause zu sein – dort, wo wir unsere Schritte wie durch eine weltgewordene Ausnahme lenken? Sieht man, wenn man hier wohnt, Alltag hat, sich über ausfallende Busse ärgert, immer zu spät zur KiTa kommt, über den Feierabendstau stöhnt, sieht man dann noch, was uns hier in Entzücken versetzt? Die dämmrigen Wälder, die wie schlanke Schiffe an Wiesen vertäut ruhen? Die staubigen Felder, aus denen die Lerchen aufsteigen? Die Schattensegel von Wolken, die über ein leuchtendes Stoppelfeld treiben? Eine neongrünstrahlende Wiese, auf der Rinder wie blinde Flecke schwimmen? Riecht man noch den Duft frisch gemähter Wiesen, den knisternden Geruch der Herbstwälder, das Bittere von nassem Stein, von Moos, die Süße von warmem Brombeerkraut? Kann man das vielleicht eines Tages nicht mehr ausstehen in seiner Beharrlichkeit und seinem Schweigen, seiner Zudringlichkeit und Unabweisbarkeit?
Ich kann es mir nicht vorstellen, wie sehr ich auch darüber grüble. Würde man sich eines Tages nach dem lärmenden Puls einer Metropole sehnen? Können Autoabgase, Motorengeheul, Fußgängerampeln, Wochenendfeierkotzflecken an Bushaltestellen, können blinkende Lichterwerbung, Gleisanlagen, Backstein und Beton nautische Punkte einer Navigation der Sehnsucht sein? Kristallisationskeime für den Geschmack des anderen, Wilden, Auch-Möglichen?
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Strukturschwache Gegenden. Wenig Verkehr, wenig Straßen, keine Industrie, keine Arbeitsplätze. Eine Magerwiese voller Schönheit. Es sind nicht die fruchtbaren, nicht die gewinnbringenden, nicht die erfolgreichen Landschaften, es sind nicht die Gegenden mit, um ein gräßliches Wort zu gebrauchen, Entwicklungspotential, die Auge und Herz erfreuen. Ja, es sind vielleicht gerade die kargen Gegenden, in denen der Mensch zu Hause sein mag, in denen seine Seele, seine Blicke, sein Atmen in Weite und Schönheit ruhen mag.
Oder vielleicht nicht. Ich habe einmal eine Diskussion verfolgt, in der es um den Fluch der Motoradfahrerwalze ging, die Frühjahr um Frühjahr manche Ecke der Eifel in einen dröhnenden, jaulenden, brüllenden Motodrom verwandelt. Einer der Diskussionsteilnehmer bekannte sich als Tankstellenbesitzer und verkündete, er brauche die Motorradfahrer, da er ohne sie nicht leben könne, und strukturschwache Gegenden benötigten eben Tourismus, da dieser die einzige Einkommensquelle darstelle. An diesem Punkt schaltete ich mich in die Diskussion ein und gab zu bedenken, der Reiz einer Gegend wie der Eifel sei eben ihre Strukturschwäche, und die Gäste kämen eben der Einsamkeit und der Stille fehlender Infrastruktur wegen, nicht, um sich Motorengewinsel anzuhören. Ich fügte den Wunsch hinzu, die Eifel möge noch lange strukturschwach bleiben. Volltreffer! Der Tankstellenbesitzer kochte vor Wut.
Welche Widerwärtigkeiten des Landlebens aber bleiben uns, die wir hier durchwandern dürfen, mit unseren kurzsichtigen fremden Augen unsichtbar? Wir haben den Luxus, denke ich, während wir Gerolstein verlassen, dem von der Abendsonne angehobenen Gerippe eines Doldenblütlers am Rand einer Schnellstraße ebensoviel Aufmerksamkeit zu widmen wie dem Windpark, der heruntergekommenen Bushaltestelle, der Bauruine. Wir sind Schwelger des Schauens, weil wir hier Fremde sind, Kinder, die eine Welt zu entdecken haben, deren Gegenstände wir nicht bewerten müssen, weil wir sie nicht brauchen.
112 Meilen (5)
Ein Auto.
Aus dem Auto eine Leine.
An der Leine ein galoppierender Hund.
Zwei Walkerinnen sind stehengeblieben und schauen dem kuriosen Gespann nach. Gemurmelte Entrüstung, Schulternheben, hilfloses Lachen. Eine scheint dem Wagen etwas nachzurufen. Sie wissen nicht, was sie davon halten sollen. Sie haben diese Art von Gesichtsausdruck von Leuten, die ihre Schokolade im Reformhaus kaufen, und sehen aus, als wollten sie dem Wagen gleich nachstöckeln. Dann besinnen sie sich eines besseren setzen ihren Weg kopfschütteln fort. Ich habe meine eigenen Gründe, diese seltsame Form des Gassigehens fragwürdig zu halten, aber nie im Leben brächte ich darüber gegenüber dem Hundehalter ein Wörtchen über die Lippen. Meine Gründe haben auch weniger mit Tierschutz als mit meiner Abscheu gegen motorisierte Fahrzeuge zu tun.
Hundert Meter weiter ist der Wagen stehengeblieben, der Hund steht im Schatten des Fahrzeugs. Es ist ihm nicht anzusehen, ob er den Gang an der Seite eines stotternden Autos nervig findet, ob er sich verarscht fühlt oder ihm das ganze einfach nur peinlich ist: Er zuckt etwas zusammen, als wir herankommen, drückt sich mit der Flanke angstvoll gegen den Wagen wie an ein warmes Muttertier. Ein scheuer Hund. So etwas gibt es.
Der Mann am Steuer sieht nicht so aus, als kaufe er seine Schokolade im Reformhaus. Vollbart, Käppi, Brille mit Kassengestell, Zigarette im Mundwinkel. Er ist sehr freundlich und erklärt uns den Weg, den wir dann doch wieder verlieren werden, weil die Karte nicht stimmt, oder besser: Weil sie den Wegverlauf geändert haben beim Eifelverein, wir aber mit alten Karten unterwegs sind. Eine Maßnahme übrigens, die uns später noch viel Nerven kosten wird, ein geharnischtes Schreiben an den Eifelverein ist in Vorbereitung.
Später steht derselbe Wagen oder ein anderer geparkt an einem Waldrand. Schatten wedeln wie Algen in einem See. Die Wärme knackt im Unterholz. Man meint, Luftblasen stiegen schillernd zwischen den Farnwedeln auf. Ich habe die Vision, daß ich gerade selbst diesen Wagen dort geparkt habe. Das eigene Leben, betrachtet von ferne, wie in einem Buch, eine Illustration zu etwas, das nie war, aber hätte sein können, denkbar, oder knapp weniger als das: eine Ahnung. Da steht es, mein Auto, am äußersten Rand einer ganz anderen Geschichte, Rand einer Vergangenheit, die ebenso unbegreiflich wie irrelevant ist für das Bild, das sich mir zeigt, mit dem ich minutenlang verschmelze. In diesem Bild bin ich gerade auf abenddunkler Straße unterwegs gewesen mit dem Fahrzeug, langsam fahrend, zum Vergnügen, um sich den Kopf vom Strom der Landschaft leersaugen zu lassen. Halt an einem solchen Parkplatz am Waldrand. Knirschende Kiesel, tief unten in der Abendkühle, wo die Füße sind. Ein Strecken ins Schwinden von allem. Frieden, der hier immer schon war, zeitlos wie Nacht und Tag. Ein Wild regt sich irgendwo. Die Wege tauchen ab, als suchten sie den Grund von Nacht und Dunkel. Es riecht, wie frisch geschlüpfte Sterne riechen, kurz bevor man sie sieht. Nachtluft strömt durch mich wie durch einen brausenden Flaschenhals, ich bin eine Kreuzung für Luft, alles, was strömt, muß durch mich durch. An Fichtenzweigen schlägt sich Kälte nieder. Weit fort treiben Lichter über die Hügelwellen. Es ist still, und ich weiß, es wird so still bleiben. Die Stille nimmt alles von mir auf, ohne Prägungen davonzutragen. Ich werde gleich zum Auto zurückkehren; wenn ich fahre, werden die Straßen im Dunkel angekommen sein. Ich werde über vertraute Wege gleiten. Ich werde jeden Zaunpfahl kennen, den der Scheinwerfer zur kurzen Betrachtung aus dem Dunkel zieht. Ich bin hier zu Hause, ich fahre in der Stille, ich fahre durch meine Heimat, wo ich irgendwo ein Bett habe und eine Nachttischlampe, ein Buch, ein Fenster zur Wiese, einen ruhigen, tiefen Schlaf unter einem Mond, der leuchtet wie ein stummer Gong.
Ich schüttele mich ein wenig. Trete einen Kiesel weg. Schnaufe probeweise. K. ist vorausgegangen, wartet am andern Ende des Waldrands. Wir halten uns an den Händen und gehen weiter, staunende Kinder durch diese Simulation des eigentlichen Lebens. Wir werden noch oft uns nach uns selbst sehnen auf diesem Weg, jedes auf seine Weise.
112 Meilen (4)
Ich muß nichts mehr besitzen, denke ich versonnen, während ich mein Brot kaue und in die Morgensonne blinzle.
Es hat merklich abgekühlt, dafür ist der Himmel klar. Man merkt, es wird ein warmer, milder Helbsttag werden; noch aber spendet die Sonne nur gerade so viel Wärme, daß es fürs Auge reicht. Der Rest friert, ja zittert. Schnell noch ein Stück Schokolade, und weiter.
Am Morgen nicht aus dem Bett gekommen, schwerer Kopf, noch schwerere Glieder. Selbst nach dem Kaffee liegt eine Art Dunkelheit hinter den Augen, als hätte die Nacht einen Schlupfwinkel in meinem Kopf gefunden. Einmal habe ich eine Wanderung wegen einer Erkältung, die mich am Abend der zweiten Etappe heimsuchte, abbrechen müssen; seitdem fürchte ich ein solches Pech wie der Teufel das Weihwasser. Blöd genug, daß noch vier Pensionswirte auf uns warten, denen wir dann kurzfristig absagen müßten; noch dümmer, daß, wenn man nur Pech genug hat, die nächste Bahnstation einen halben Tagesmarsch entfernt ist, eine Strecke, die ich dann mit Fieber zurücklegen müßte. Am dümmsten aber, daß K. und ich jedes Jahr nur eine Chance haben, so eine Wanderung zu machen. Das will man nicht durch einen Virus vergeigt sehen.
Mit solchen Gedanken und einem matten Druck auf der Brust gehen ich los. Du bist jemand, der sich Sorgen macht, hat mir vor kurzem mal jemand gesagt. Stimmt genau. So einer bin ich. Ich sehe die Dinge genau vor mir, die schiefgehen können, alle. Das ist manchmal beschwerlich.
Die Straße ist taunaß und beginnt zu glänzen, wo die frühe Sonne den Asphalt berührt; Ahorn leuchtet; Nebel schaut verschlafen aus den Tälern; es ist ein Morgen wie aus dem Bilderbuch, aber ich gehe bedrückt und sehne mich nach Kaffee nach dem Kaffee. Eine Wegbiegung durch klammen Schatten, dann strahlt uns Blankenheims Burg aus der Höhe an.
Es ist Sonntag. Die Stadt schläft noch. Ein Schwarm Mountainbiker ist früh aufgestanden, überholt uns an der Straße, die steil aufwärts aus dem Ort fortführt. Mountainbiker bergauf sind ein seltsamer Anblick; wie sie sich mit irre schnellen Kurbelbewegungen in höchst zähem Tempo hinaufkämpfen, zentimeterweise, als zögen sie sich selbst an einem Flaschenzug in die Höhe, hat es etwas Sisyphoshaftes, Mitleiderregendes. Eine etwas schnellere Gangart, und wir würden sie zu Fuß wieder einholen. Ich habe schon Mountainbiker bergauf beim Lauftraining überholt. Zu Fuß Gehen, denke ich wieder einmal, ist für uns Menschen wohl die effizienteste Art, sich fortzubewegen. Langsam, aber fast endlos durchzuhalten.
Vor uns entrollen sich Fernen, strecken sich und gähnen wie Urlauber auf der Terrasse. Schlehen hocken versteckt hinter Dornen. Weißdorn lodert wie Ampeln aus dem Gebüsch. Der Sommer war lang, der Herbst spät und mild, Färbung hat noch kaum richtig eingesetzt. Nach dem Regen der letzten Tage ist die Luft wie gespült, die Weiden und Äcker liegen wie auf einer Anrichte drapiert. Der Druck in der Brust läßt nach, die Nacht strömt aus den Augen davon. Das Gehen geht von selbst. Man möchte dreimal mehr Atem schöpfen als man braucht und wünscht sich einen Geschmackssinn für Licht.
Die letzten bekannten Wegmarken: ein Holzstoß ohne Holz, nur noch aus Schleifspuren und Erinnerungen bestehend; Wegnamen: ein Brotpfad. Abzweigungen, an denen wir vorbeilaufen, deren Ziel ich kenne. An dieser Hütte bin ich vor Jahren an einem Neujahrstag vorbeigekommen, übermüdet nach einer schlaflosen Nacht, in welcher Nachbarn Brauchtumspflege betrieben. Damals hätte ich gleich hier übernachten sollen. Irgendwann mache ich das vielleicht. Alles scheint greifbar an einem solchen Morgen, das nächste wie das Entlegene, Vergangenheit, Zukunft und der unbegrenzte Augenblick, in dem ein Pilzhut aufblitzt, K. sich die Nase putzt, der Stiefel einen Kiesel anstößt und damit einen winzigen Beitrag zur langsamen Arbeit der Gebirgsabtragung leistet. Fast glaubt man, Schmetterlinge zu sehen, aber es sind nur die leuchtenden Körper von Spinnennetzen. Manchmal flackert ein Gebüsch von Vogelflug. Ein Rascheln, ein Warnpfiff, dann setzten sich Farbe, Schatten und Tiefen wieder zusammen.
Es ist so einfach, sich vorzustellen: Ab jetzt wird alles anders. Das eigene Leben scheint machbar, formbar, gestaltbar. Plötzlich hat man wieder die Wahl. Man könnte einfach so weitermachen, einfach weiterlaufen, der schwerste Augenblick, das Schließen der Tür, ist drei Tage her, wann wenn nicht jetzt, schon Verblassen die Erinnerungen an überfüllte Pendlerzüge, verstopfte Straßen, Bürovormittage, Lichtzeichenanlagen. Was für eine Absurdität, überhaupt, nicht einfach gehen zu dürfen, nur weil irgendwo ein Ampelhampelmännchen rot leuchtet. Irrsinn. Gehen ist das einfachste von der Welt, so elementar wie Atmen. Dafür gibt es ja auch keine Ampel.
Das Gefühl während jeder Wanderung: Jetzt muß, jetzt kann alles ganz anders werden.
Das Elementare wieder an seinen Platz rücken, denke ich mir. Das Leben absolut setzen. Seine Grandiosität endlich ernst nehmen. Schon genug Jahre an einem albernen Schreibtisch verbumfidelt. Was braucht es mehr zum guten Leben als einen Rucksack und ein Paar Wanderschuhe? Augen zum Sehen, Gedanken zum Denken und einen Bleistift für die Geschichten? Was wäre das für ein Leben? Nicht immer ein bequemes; sicher ein menschengemäßeres.
In solchen Augenblicken, auf einem steilen Anstieg kurz vor dem Frühstück, zu Füßen in Bronze gegossenes Laub, die Ferne wie ein Sog vor den Schritten, Pantomimen des Morgenlichts in den rotgewürzten Buchenwipfeln, mit Magenknurren und dem klaren Bewußtsein einer kräftigen Wurst im Rucksack – in solchen Augenblicken scheinen die Bilder von den Alltagsquälereien nicht einmal mehr bitter. Sie lassen sich einfach auflösen wie Nebel. Sie wiegen nichts mehr. Sie sind so irrelevant wie die Sorgen eines abgelegten Jahrhunderts.
Später, Meilen von hier, aber noch Meilen von Gerolstein entfernt, kommt alles zum Schweigen. Das Land streckt sich voller Winkel und Spalten; Kiefern und Wacholder duften; ein namenloser Käfer kämpft sich unter der Bank durchs Gras. Der Blick lernt fliegen, und die Sonne tastet alles ab, nimmt die Dinge in Augenschein, krümmt hier einen Fluß zurecht, schiebt noch einen Forst etwas malerischer auf einen Hügel hoch, sieht mild zu, wie ein Traktor eine Staubfahne über einen Weg wirft, bis alles, alles perfekt ist, und da ist es plötzlich ein Glück, ohne Worte zu sein, leer und frei wie Luft über Steinen, ahnungslos und vorbehaltlos offen.
Wir frühstücken, genauer gesagt, wir frühstücken zum zweiten Mal, das erste Frühstück war ausgezeichnet, neben reichlich Brotsorten und Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade hat der Wirt uns einzigen Frühstücksgästen ein frisches Omelette zubereitet. Passend zum Namen des Wegs, Brotpfad, machen wir an der Hütte Rast. Brot, Wurst, Äpfel von Huberts Wiese. Die Geschichte zu dieser Hütte war: In der Silvesternacht 2008 so furchtbar über die Hofnachbarn geärgert, die zum ersten Mal, seit ich dort eingezogen war, den Jahreswechsel feierten, so laut, als wollten sie die versäumten Silvesternächte alle auf einmal nachholen, daß ich mich erblödete, bei den Ordnungshütern anzurufen. Dort beschied man mir, sie könnten nichts unternehmen, das sei Pflege des Brauchtums, da dürfe man auch die ganze Nacht durchfeiern. Kaum vorstellbar, daß ich damals keine Ohrstöpsel im Haus hatte (heute vergeht keine Nacht, da ich die Dinger nicht brauche), aber es waren wohl insgesamt leisere Zeiten, wie ich die Nacht rumgekriegt habe, weiß ich nicht mehr, will ich auch nicht wissen. Jedenfalls bin ich nach Plan um sechs aufgestanden und war gegen acht in der Eifel. Am späten Nachmittag des ersten Januar kam ich aus der anderen Richtung an diese Hütte, hatte mir die Müdigkeit und den frustrierten Zorn aus den Gliedern gelaufen, freute mich über die liebevolle Sorgfalt, mit der die Hütte eingerichtet worden war (es fehlte nicht einmal Klopapier), und schrieb sogar ein paar Zeilen ins Gästebuch, etwas in der Richtung, wie froh ich über die Stille sei. Denn still war es, endlich, an diesem verkaterten Feiertag. Ich bin den ganzen Tag keinem Menschen begegnet.
Es ist ein schöner Ort, eine Wegkreuzung im kurzen Schatten von Eichen, der Gipfel eines Hügelkamms, das Licht überall nah, wie Glockenklang aus einem gemütlichen Dorf. Wir kriegen Besuch: zwei Mountainbiker in voller Montur, ein Mann und ein Mädchen, dem Alter nach Großvater und Enkelin. Sie steigen ab und sehen sich um, spähen durchs die Fenster der Hütte, können sich nicht entschließen, sich zu uns zu setzen. Der Mann schiebt ein Bäuchlein vor sich her. Das Mädchen, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, ist ausgesprochen hübsch. Blondes, halblanges, glattes Haar, großer Mund, helle Augen, die die Farbtemperatur von allem, was sie anschauen, zu heben scheinen; geschmeidiger Körperbau, Beine, die sicher und federnd tragen, nicht mehr Kind, noch nicht Frau, ich staune dieses Wesen an, die Brüste nehmen eine Reife vorweg, die der Stimme, den Händen noch fehlt. Und wie ich ihre selbstvergessene, noch durch keinen Selbstzweifel angekränkelte Anmut bewundere, überkommt mich ein seltsamer Hunger. eine nagende Wehmut, als hätte ich irgendetwas verpaßt, und nun wäre es zu spät. Ich spüre eine bekannte Unruhe sich regen; der Fahradhelm blitzt am Ellenbogen; das blonde Haar ist stellenweise von Schweiß und Helm an den Kopf geklebt, was das Entzücken nur steigert. Und dann löst sich alles in einer Art befreiter Heiterkeit auf. Du mußt das nicht mehr, denke ich. Du stehst dem Großvater an Jahren näher als dem Mädel. Laß gut sein. Du mußt dir nicht mehr den Kopf zerbrechen, wie du das Interesse der hübschen Kommilitonin aus dem Hegelseminar auf dich ziehst. Du brauchst nicht mehr cool und attraktiv zu sein. Du hast das alles hinter dir. Du mußt nichts mehr haben, du mußt nichts mehr kriegen, du mußt nichts mehr besitzen.
Es reicht, wenn du in der Sonne sitzt, dein Brot mit einer Gefährtin teilst; es reicht, daß es Worte gibt und einen Platz, sie niederzuschreiben; es reicht, daß der Weg schmal ist und das Ziel noch sehr, sehr fern.
Bei jedem Gespräch übers Für und Wider des mobilen Telephonierens bekommt man die gleichen Entgegnungen. Man mag es nicht mehr hören! Es geht nicht darum, ob das Mobiltelephon praktisch ist. Es steht ja außer Frage, daß es das ist. Wer die Nützlichkeit des sogenannten Händies als Argument ins Feld führt, preist das Essen als Mittel gegen den Hunger. Eine Kritik indes, die das Gegenteil behauptet, scheitert an den Tatsachen. Nein, es geht darum, wie man eine Haltung begründen kann, die das Mobiltelephon ablehnt, obwohl es praktisch ist. Also um Gründe, die für den Ablehnenden mehr Gewicht haben als alle Nützlichkeit. Das können nur moralische oder ästhetische sein.
Einem Fünfzehnjährigen auf Betreiben der Mutter aus Anlaß seines ersten Empfangs von Damenbesuch mit ein paar freundschaftlich-mahnenden Worten ein Päckchen Condome zugesteckt. Auch eine Erfahrung. Ich bin nicht sicher, wer von uns beiden in größerer Verlegenheit war. Schon lange denke ich ja, daß das mit dem Erwachsensein eine Illusion ist. Locker sind immer nur die anderen.
Stillen (1)
Wie ein Gestrüpp fühlt sich an, was sich in all den Jahren, seit mir das Schreiben zur Gewohnheit geworden, an Worten angesammelt hat. Nichts davon verschwindet ja wieder, jedes einzelne Wort, jedes Syntagma, jede Kongruenz, jede flektivische Konstruktion bleibt bewahrt. Und nicht nur bleibt sie bewahrt, bleibt sie als Gedächtnis auf Festplatten, CDs, Flashspeichern oder Servern, auf Briefpapier, in Kladden und unzähligen Notizzetteln: Ich kann den Rechner ausschalten, die Kladden schließen, die Zettel wegsperren, jedes Stück Papier in Schubladen verschwinden lassen: Die Worte bleiben da. Sie bleiben in mir. Schlimmer noch: Sie enthalten immer schon weitere Wörter als projizierte Möglichkeiten, junge Triebe am äußersten Rand des Wurzelfilzes. Warum überhaupt schreiben? Sollte ich nicht lieber etwas anderes tun? Ich habe das Gefühl, zu ersticken an all den Wörtern. Und mit jedem Wort, das ich schreibe, wird alles noch schlimmer. Ich fühle mich überwuchert, umwachsen von Gestrüpp, das mich lähmt, und mit jedem Wort verheddere ich mich noch heilloser. Ich gehe spazieren und formuliere. Ich sitze auf der Kloschüssel und wende Worte. Noch beim Einschlafen kann ich es nicht lassen, gibt es keine Stille, keine Freiheit von Wörtern. Keine Freiheit von Zeichen.
Es wird immer so weitergehen. Noch mehr und noch mehr Wörter. Manchmal verspüre ich den Impuls, das Gestrüpp mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Ich sehne mich nach einem weißen Blatt.
Nach einem weichen, schwarzen Bleistift.
Ich sehne mich danach, Blatt und Bleistift zu betrachten: Wie der Schatten der Maisonne vom Stift schräg einen Schatten aufs Papier zieht; wie das Papier im flachen Licht rauh erscheint, wie mit feinem Salz besprenkelt; wie der Schatten um den Stift herumgleitet, während die geschärfte Graphitspitze aufschimmert, wieder erlischt. Die winzigen Holzsplitter. Der leuchtende Lack. Die scharfen Ränder des Papierbogens.
Im Nacken ein Buchfink, der nicht weiß, was er tut, wenn er singt, so daß ich es hören kann.
Ich sehne mich danach, zu schauen und zu hören und keinerlei Worte zu haben für diesen Augenblick.
Für später, für jetzt, für alle Tage
Quibus enim nihil est in ipsis opis ad bene beateque vivendum, eis omnis aetas gravis est; qui autem omnia bona a se ipsi petunt, eis nihil malum potest videri quod naturae necessitas adferat. Quo in genere est in primis senectus, quam ut adipiscantur omnes optant, eandem accusant adeptam; tanta est stultitiae inconstantia atque perversitas. Obrepere aiunt eam citius, quam putassent. Primum quis coegit eos falsum putare? Qui enim citius adulescentiae senectus quam pueritiae adulescentia obrepit? Deinde qui minus gravis esset eis senectus, si octingentesimum annum agerent quam si octogesimum? Praeterita enim aetas quamvis longa cum effluxisset, nulla consolatio permulcere posset stultam senectutem.
Denn die nichts an Reichtum in sich finden, der ihnen zu einem guten Leben verhelfen würde, denen fällt jedes Lebensalter schwer. Die aber jedes Gut in sich selbst suchen, denen kann nichts als Übel erscheinen, was die Notwendigkeit der Natur mit sich bringt. Unter diesen Dingen ist besonders das Alter zu nennen: Alle wollen es erreichen und verfluchen es doch, wenn sie’s erreicht haben. So groß ist die Inkonsequenz und Verdrehtheit der Dummen. Dann sagt man, das Alter sei schneller herangeschlichen als geglaubt. Darauf ist erstens zu sagen: Wer hat denn diese Leute gezwungen, etwas Falsches zu glauben? Denn wie könnte Wie sollte sich denn das Greisenalter schneller ans Erwachsenenalter anschleichen als das Erwachsenenalter an die Kindheit? Und zweitens: Wie könnte sollte einem nach achthundert Jahren das Greisenalter weniger beschwerlich sein als nach achzig? Denn Ganz gleich wie lang die Lebensspanne auch wäre – einmal verflossen, könnte sie ja dem Dummen im Alter doch zu keinerlei Trost gereichen.
(Cicero, Cato Maior De Senectute, 4)
Heimat an Flüssen
Später gab es die Schleuse, gab es die Bahnbrücke, gab es Wege allein. Raben zogen im Wasser über die Spiegelungen der Tiefe. Einen Abend gab es, der am Gitterwerk der Eisenbahnbrücke festwuchs. Züge machten die Ferne hörbar. Irgendwann muß die Ferne zum erstenmal ein Geräusch gemacht und gelockt haben. An einem Abend überm Fluß vielleicht, auf einer Fahrt über die Brücke, im Herbst. Die Räder ratterten und verbanden das Hier mit dem Dort. Das muß die Zeit gewesen sein, da die Welt klein wurde, und indem sie schrumpfte, wurde begreifbar, wie groß sie war. Die Dinge wurden unvollständig und verlangten nach etwas, das sie wieder heil machte, sie wieder einfügte in den Zusammenhang der Welt. Was es war, das ihnen fehlte, das hast du erst Jahre und Jahre später verstanden.
Erwachsensein hieß, alleine zu sein an Flüssen. Erwachsensein war, kommen und wieder gehen, von einer Brücke herab auf den Kanal blicken. Einmal löste sich ein Totenvogel aus dem Nebel in den Uferpappeln, das hast du nie mehr vergessen. Die Schreie der Krähe hallten über dem weißgeseiften Wasser. Darüber wolltest du schreiben, aber es gelang dir nicht. Störrisch und mächtig waren die Dinge, Krähe, Nebel, Pappel, aber einzeln waren sie, und wehrten sich gegen Worte. Geschichten hockten an den Wurzeln der Dinge, aber wenn man ihr erstes Wort sprach, um sie zu erzählen, da verflüchtigten sie sich und wurden unerzählbar, wie die Rabenschreie, die der Nebel wegnahm, wenn er sich auflöste überm glitzernden Strom.
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Sommer, der erste Rausch, du hattest eine Flasche Mâcon gekauft, du brietest dir Fleisch und leertest die Flasche allein auf dem Balkon, die Eltern waren in Urlaub, zum ersten Mal warst du nicht mitgefahren. Du warst allein. Erhitzt und begeistert vom Wein, deiner Kühnheit und der Nacht, in der du ganz allein warst, bist du gegen Mitternacht zur Kanalbrücke gegangen, wild verlangend nach Bewegung, Strömung und Bildern. Du fandest einen stillen Strom, die Kette der Laternen ein zittriges Band unter Holunder und Weiden. Ein Fluß im Sommer, zur Nacht, und das Gefühl, am Anfang einer jeglichen Nacht zu stehen. Das Wasser sehr still, nur das Schwanken der Schatten darauf deutete auf sein langsames Strömen; das Dorf wie verlassen; kein Verkehr auf den Straßen, weder nah noch fern. Die Bäume auf dem Schulhof deiner alten Schule vollgesogen mit Laternenlicht.
Die Luft war warm, feucht, voller Gerüche. Du hattest Nacht und Fluß, du hattest Brücke und Lichter, du hattest die Welt und dich selbst für dich allein, und alles in dir drängte danach, Nacht, Fluß, Rausch, ja, dich selbst: zu teilen. Daß da niemand war, der die Welt, der dich mit dir teilen mochte, das machte dir damals Schmerz, einen Schmerz, den die Nacht, die schwimmenden Lichter, die einsame Brücke, den dir diese Stunde nicht erklären konnte, nicht verwandeln, nicht mildern. Statt daß du ruhig werden konntest an einem Augenblick, da Zeit mit Zeiten zu einem ruhenden Spiegel verschmolz, wuchs dir in dieser stillen Stunde nur ein umso größerer Schmerz, eine umso wildere Sehnsucht zu. Die Stunde genügte sich selbst. Sie brauchte dich nicht. Du aber genügtest dir nicht. Oder war es die Stunde mit allem, was sie enthielt, der du nicht genügtest?
Was blieb dir damals, als zu Hause schon halb im betrunkenen Schlaf die Nacht mit dir selbst zu teilen. Jahre später aber ist diese Stunde auf der Kanalbrücke dann noch einmal zu dir zurückgekommen, als du über sie schreiben wolltest. Heil war sie da geworden an der Zeit und am gelebten Leben, heil an der Erzählung, und du begannst zu ahnen, daß dir bei aller Sehnsucht in diesen Jahren das Alleinsein zutiefst gemäß gewesen sein muß, als ordentliche Verfaßtheit deines jungen Lebens.
„Wenn die Menschen ihren Schatten verlieren, wird das Leben unmenschlich. Nicht um ein Diplom zu machen, lesen wir Ovid und die anderen, sondern um unseren Schatten kennenzulernen. Kunst, große Kunst, bietet keine allgemeinen Lösungen für perönliche Probleme, sondern persönliche Lösungen für allgemeine Probleme. (Thódoris Kalliphatídis „Freunde und Liebhaber“)“
αν οι άνθρωποι ξεχάσουν τη σκιά τους, η ζωή γίνεται απάνθρωπη. Διαβάζουμε τον Οβίδιο και τους άλλους όχι για να πάρουμε ένα πτυχίο αλλά για να γνωρίσουμε τη σκίά μας. Η Τέχνη, η μεγάλη Τέχνη, δεν προσφέρει γενικές λύσεις σε προσωπικά προβλήματα, αλλά πρωσοπικές λύσεις σε γενικά προβλήματα. (Θοδωρής Καλλιφατίδης, Φίλοι και Εραστές)
Kein Nostos
Jedes Jahr aufs neue haben wir uns selbst verloren. Die Heimkehr war eine Heimkehr an einen unbekannten Ort und eine Vertreibung unserer selbst aus uns. Das Ende der Urlaubsfahrt bedeutete nicht allein, daß uns die Fremde nicht mehr besaß, sondern daß wir die Heimat, die wir selbst in uns fanden, wieder verloren hatten. So kam uns denn gar nicht wie Heimat vor, was uns an diesem sogenannten Daheim erwartete, die wir braungebrannt heim- und doch nicht heimkehrten: sondern wie Fremde an einen fremden Ort. Einen Ort der Verbannung.
Noch ein paar Tage schulfrei, noch ein paar heiße Sommernachmittage, ein Eis am Baggersee: Es taugt alles nichts. Denn es gibt nichts zu erwarten, alles es ist schon gewesen; der Duft von Sonnenöl ist keine Verheißung sondern eine Erinnerung. Die Tage, wie warm sie auch noch seien, sind nur noch ein Rest, der früh dunkelt. Morgens, beim Erwachen, heulen die Schwerlaster über die kilometerweit entfernte Autobahn, die in Fernen führt, die dich nicht mehr enthalten. Die Wände hallen, der Lichtschalter klingt hohl. Die Vögel haben sich versteckt, statt Aprikosen gibt es wieder Äpfel, und die Monate enden auf -r. Das Meer ist ein Jahr weit entfernt. Gräßlich.
Mit den Eltern im Wohnanhänger vier Wochen durch Süd- und Westeuropa gegondelt, die Alpen, das Mittelmeer, unendliche Sonnenblumenfelder, die leuchtenden Reihen laufen alle auf eine finstere Burg zu. Sonne, Wasser, Steine, Flechten, Gewürze, alte Mauern, die das Brennen der Sonne abhielten und gluckernde Kühlung schufen. Berge, echte Berge, eiskalt und so hoch, daß sie Schatten warfen. Von allem die Essenz, das Konzentrat der Empfindungen, bis ich mich selbst darin beheimatet und daraus schöpfend als Konzentrat meines Jungseins fühlen durfte.
Doch dann kam man wieder nach Hause und nicht nur in einen anderen Raum, sondern auch in eine andere Zeit, in eine fremde, nach allen Richtungen unpassende Jahreszeit, die weder Sommer war noch schon Herbst, eine Jahreszeit der Öde, wo die Berge runde Kuppen hatten, die Bäche kanalisiert waren, und alles in unendlicher Verdünnung bestand, bis man selbst sich daran erschöpfte und alle Essenz des Lebens zum Teufel war. Selbst die Nummernschilder der Autos, dieses blöde Weiß, die Farben der vertrauten Geldwährung, die Ortseingangsschilder, dieses dümmliche, gewöhnliche Gelb, wie trist war das. Nicht zu reden von der Sprache! Reichte es nicht, daß es kein Französisch mehr war, mußte es auch noch dieser zähneziehende Dialekt sein?
Mit Erstaunen haben wir damals immer festgestellt, daß es auch hier, in der fremden Heimat, so etwas wie Wetter gegeben hatte; daß die Zeit nicht stehengeblieben war, daß jemand Post ausgetragen, den Rasen gemäht, einen Baum gefällt hatte. Aber die hier geblieben waren, wußten nichts von der Sonne und den Alpengipfeln: Mit denen war zu reden. Selbst wenn sie Hochdeutsch gesprochen hätten. Fremd waren sie. Verständnislos glotzten sie über den Gartenzaun. Fremd war selbst noch die Luft, weil sie so schal schmeckte, und komische Fransen hingen am Himmel, strähnig und wie von Fett glänzend. Wir Heimkehrer und Asylanten, die wir ganz andere Himmel erprobt hatten, waren uns einig: die Farbe Blau hatte einen solchen Himmel nicht verdient.
Nach vier Wochen im Campingwagen befiel uns in Erwartung der hallenden Riesenzimmer der Wohnung eine agoraphobe Beklemmung. Wir verspürten das starke Bedürfnis nach Aufschub und Flucht: noch eine Nacht im Wohnwagen schlafen, auf dem Parkplatz in unserer Straße, und die Fremde noch ein letztes Mal, und sei’s als Illusion, in den vier so vertraut gewordenen Kunststoffwänden des mobilen Heims festhalten, ein Stück konservierter, hingehaltener, noch ein letztes Mal auszukostender Fremd- und Freiheit. Die Eltern, längst schlauer und desillusioniert, winkten ab.
Und wie wir uns dann in den Tagen, die der Nicht-Heimkehr folgten, zu trösten versuchten, mit guten Vorsätzen, die darauf abzielten, etwas von den erfahrenen Reichtümern der Ferientage in die Welt der Alltage hinüberzuretten und sich der neu gewonnenen Erkenntnis stets aufs Neue zu vergewissern, daß das Leben so perfekt sein kann wie ein Eis auf der Hafenmole von Menton oder der Biß des Gletscherwassers an den wundgewanderten Füßen; verzweifelte Versuche, es nicht auf sich beruhen zu lassen, und nach Möglichkeit der Umstände, so gut es eben ging, ein solches Leben wie das eben gekostete nicht nur als Pause zu führen, sondern als Alltag. Und so faßten wir dann unsere erbärmlichen Vorsätze, mehr rausgehen, öfter wandern, ausschöpfen, was das bißchen Natur im Rhein-Neckar-Kreis zu bieten hatte.
Schnell aber ermüdeten wir. Und es stellte sich heraus Der Baggersee war schon in Ordnung, Aber er war halt nicht die Côte d‘Azur, sein Wasser war schlammig, man konnte den Grund nicht sehen, es roch nicht nach Meer, und wenn man’s genau nahm, roch es nicht nur nicht nach Meer, sondern brackig. Abgestanden. Und so abgestanden begannen wir uns dann auch selbst zu fühlen. Abgestanden wie der Hausflur, die Winterklamotten und der ortsübliche Dialekt. Bis es schien, daß aus unseren Poren dieselbe Brackigkeit, dieser unfrische, laue Hauch des Alltags herausquoll. Mehr rausgehen, das hieß vor allem: Straßen. Und das Gefährlichste an den Flanken des Eichelbergs waren die Bremsen und die Pferdeäpfel.
Und so setzte denn auch, über die Wochen, während aus der falschen Jahreszeit endlich Herbst geworden war, der Verdünnungsprozeß nicht nur den Vorsätzen, sondern unserem Ekelgefühlt selbst zu, bis wir, selbst Verdünnte, unseren Mangel nicht mehr bemerkten und es eines neuen Sommers bedurfte, um uns uns selber wiederzuerfinden.
Martin
Arrepto itaque ferro, quo accinctus erat, mediam dividit partemque eius pauperi tribuit. (Sulpicius Severus)

Da ist das Pferd, das Knechttier, ja besser dran als der Mensch, wie er verfroren, nackt und schmal dasteht, buchstäblich in die Ecke gedrängt von der Masse dieses starken Gauls: Strotzend vor Kraft hebt es schwungvoll ein Bein, voller Bewegungsdrang und Energie, eine Kreatur des Krieges und der Gewalt. Während der Bettler nicht nur keine Kleidung hat (schamhaft verhüllt der noch zu teilende Mantel schonmal das Schamteil des armen Mannes), sondern auch noch verletzt ist, am Bein, wie der Verband zeigt, gehbehindert und gerade in der Bewegung eingeschränkt, die das Tier so stolz vollführt und präsentiert, als wolle es ihn noch verspotten, obwohl es doch selbst nur eine dienende Kreatur ist: So tief ist der Mensch gesunken. Ein leichtfertiger Schritt zur Seite, und die nackten Füße des Bettlers geräten noch unter die Hufe, dann wärs ganz aus mit dem Gehen.
An den Rand gedrängt: an den Rand einer Gesellschaft, in der Kampf herrscht, in der nur bestehen kann, wer sich wie ein starkes Arbeitstier als leistungsfähig erweist. Einer Gesellschaft, in der auch der Heilige aufgewachsen und in der er noch heimisch ist. Noch sitzt er hoch zu Roß, lenkt das Tier, das den Bettler wegschiebt. Vom Krieg spricht der enge Harnisch des Heiligen ebenso wie das prächtige Roß und die Burgen im Hintergrund: Die haben geradezu etwas Unausweichliches, selbst die Landschaft ist Schauplatz für bewaffnete Auseinandersetzung. Die barmherzige Begegnung spielt sich in einer Welt ab, in der man sich mittels Rössern und Mauern verteidigen und schützen muß. Darin hat ein nackter Bettler nichts zu lachen. Schlimm genug, daß die aufziehende Bewölkung Schnee verheißt.
Aus diesem engen Harnisch, diesem paßgenauen Panzer, ragt der schmale Kopf des Heiligen mit den weichen Zügen wie eine Schnecke aus ihrem Haus. Die Gesichtsfarbe ist blaß, das Antlitz verletzbar, die großen Augen blicken sanftmütig drein, es sind Augen, so scheint es, die nicht viel verkraften, die vielleicht schon mehr gesehen haben, als ihrem Besitzer lieb gewesen. Eine Trauer liegt darin. Der Blick lächelt nicht. Der Kopf ist zur Seite, dem Bettler zugeneigt, die Geste ein bißchen ratlos, mitleidsvoll, ja, aber eher pessimistisch. Ich tue ja, was ich kann, aber bringen wird es nichts. Und während der Bettler zu Martin auf-, Martin auf den Bettler hinuntersieht, scheinen sich ihre Blicke nicht so richtig zu treffen, nicht ganz: Der Blick des Bettlers scheint auf halber Höhe an der imposanten Rüstung hängengeblieben; Martin ist mehr mit dem Schwert und der Mantelteilung beschäftigt (und muß mit der selben Hand Mantel und Zügel, zugleich das ungestüme Roß im Zaum halten wie das Schwert führen – so wie das aussieht, keine ganz einfache Prozedur), als daß er den Bettler wirklich wahrnimmt. Dieser mißglückte Blickkontakt verleiht der Begegnung etwas Beiläufiges – und für Martin etwas Instinktives, er scheint die Hintergründe und Konsequenzen seines Handelns in diesem Moment ebensowenig in den Blick zu bekommen wie die Person des Bettlers. Im nächsten Moment wird er schon davongeprescht sein. Und tatsächlich wird ihm ja erst in der nächsten Nacht Christus im Traum erscheinen und ihm, gehüllt in den geteilten Mantel, die Begegnung und Martin sich selbst deuten.
Vorerst stehen die Zeichen auf Sturm, sieht Martin unglücklich aus, seines Lebensweges nicht sicher. Die Wolken künden von schlechtem Wetter, von den Burgen scheint schon als Ankündigung von Katastrophe und Untergang Rauch aufzusteigen. Die Zeichen stehen auf Sturm. Es kommen härteren Zeiten.
Wer hilft hier wem? Martin, etwas verloren auf dem Roß und beengt in seiner Rüstung, scheint, wie er da unbeholfen mit Schwert, Mantel und Zaumzeug hantiert, den Bettler kaum weniger nötig zu haben, als dieser den Heiligen.
Nostos kai algos
Wäre man erst gar nicht weggefahren, hätte man es nicht bemerkt, nicht in solch gräßlicher Schärfe. So aber kommt dem aus der Stille der abgelegenen Insel Heimgekehrten angesichts der brausenden Fahrzeugströme, der überfüllten Pendlerzüge, des polyglotten Elends allenthalben überscharf zu Bewußtsein, in was für einer mühseligen, stampfenden, lärmenden und banalen Tretmühle er sein tagtägliches Dasein fristet.
Fern von hier kann man, wenn man den Kopf dem Sand nähert, so daß das Meeresrauschen hinter die Dünen zum Gemurmel zurückfällt, die Sandkörner hören, wie sie sich an den Halmen des Strandhafers reiben. Am morgen war das. Da hatte man noch Schlick an den Füßen und die Sonne im Haar, und nichts stand dem Auge im Weg. Es gibt wenige Dinge, die so elementar sind, so unprätentiös machtvoll, wie die See. Und es gibt weniges, was so trivial ist wie eine Millionenstadt.

Ich habe mir einmal geschworen, es nie so zu machen wie meine Eltern. Vergebens, ich stecke schon mittendrin im Mist.
Besser, man fährt erst gar nicht weg. Wenn der einzige Effekt einer Urlaubsreise der ist, einem die Trübsal des Alltags durch Gegensätze zu Bewußtsein zu bringen, bleibt man besser zu Hause. Dann bleibt einem auch der Schmerz des Heimkehrens, die Nostalgie in ihrer Schattenbedeutung erspart.
Sonntag
Das Verächtliche an diesen Tassen, ihre blanke Gleichgültigkeit, mit der sie ihren Inhalt verteilen. So wie das Licht auf Tischen und Tellern herumliegt, wie es beiläufig auf billigem Messerstahl blitzt, wie es absolut nicht wählerisch sein will mit dem, worin es sich spiegelt; wie dann die Wanderschuhe unterm Tisch noch den Kellerstaub vom Winter zeigen und oben die Sonnenbrillen ins Leere starren; wie dann die Münder mit jener unergründlichen Zufriedenheit, wie sie nur Sonnenbrillenträger hinkriegen, in die vogelstimmensatte Luft hineinplappern; und das billige Parfum, und die Omapelze; und wie die Kellnerin in Strumpfhosen, Handschuhen, Mütze und Schal neuen Kaffee bringt; und wie die Spatzen herumhüpfen nach Kekskrümeln; Feiertagslippenstift und Wanderkarten; und wie die Ebene unter der Burg daliegt wie ein schamloses langes Gähnen; und wie dann alles kein Ende haben wird, einfach kein Ende finden kann, die geschminkten Lippen nicht und die lauernden Blicke hinter der Sonnenbrille, die Meisen nicht und der Kaffee nicht, und man schon am Sonntag die Erschöpfung des Montagmorgens in alles Knochen spürt, die allumfassende Erschöpfung aller jemals durchlittenen Montagmorgen, und wie alles unvermeidlich nur darauf zulaufen wird, auf den nächsten Tag, als sei das unser aller Schicksal, einem nächsten Tag entgegenzuschweigen, für immer diesem nächsten Tag; genauso, einen Kaffee herunterwürgen, der schon nach Später schmeckt und doch jetzt bereits unsäglich bitter ist; die Fahnen klirren hören, im Tiefkühlobstkuchen stochern, den Kindern zusehen, wie sie verzweifelt zwischen den Tischen umherspringen, um jede Stunde dieses Sonntags ringen und nicht wissen, was besser ist: die Stunden zu verlängern oder sie besser schon im Abbau zu vergessen? Und wie man schon weiß, daß die Wohnung sich nach so viel erstem Frühjahrslicht später anders zeigen, das Treppenhaus schon anders riechen wird, nach Drinnen und Wänden, nach Verschalung und dumpfem Staub; wie man dann auf dem Absatz kehrtmachen möchte; wie man nicht kehrtmacht; wie die Uhr über den Küchentisch tickt; und wie die Kirchenglocken gedämpft über die Ebene heraufgeschwungen sind, Kindertage heruntergezählt haben, und die Müdigkeit abgeschnüffelter Teppiche, Nasen am eiskalten Fensterglas, und die Glocken, schwingen und schwingen, die Kellnerin dampft vor Atem, draußen gibt es nur Kännchen, und die Stühle sind angekettet, fugenlos und vernünftig stehen die Mauern, die Schleifen an den Wanderschuhen sind mit Doppelknoten gesichtert, am Nachbarstuhl lehnen die Turbokrücken, es knistert von himalayatauglichen Geweben; dieser Sonntag ist eine einstweilige Verfügung, Geldstücke klimpern wie eine Losung, aber wer kann sich schon freikaufen? Und wie dann der Gedanke an eine Flasche Wein samtig aufschimmert, und wie dann, trink nicht so viel, sagt jemand, morgen ist Montag da mußt du früh raus.
Noch kein Solstitium
Morgens unterwegs, ein beliebiger Werktag, das Werk hat schon begonnen, der Tag wartet noch ab. Eine Fahrt über Land, im Bus, das Fahrzeug schaukelt auf den Wellen der Hügel. Champagnerblasen jagen das Frühlicht über den Horizont. Der Morgen erwacht und stürmt voran, atemlos hängt ihm alles nach. Der Bus schaukelt. Das Buch liest sich selbst rückwärts und läßt mich nicht mitlesen. In der Tasche ermüdet ein Stück Brot. Der Bus bremst und beschleunigt. Über den Wiesen fliegen dunkle Pferde. Später, in der Stadt, sind die Pferde verschwunden, spielt der Himmel auf den Wolkenkratzern Klavier. Die Sonne exstatisch, orchestral, zarathustrisch. Wenn man jetzt nur wach wäre. Die Bäume stehen sill und verrenkt wie in eine Yogaübung vertieft. Aber dies ist keine Probe mehr, man hört es am Sonnentusch: Jetzt wird es, jetzt macht der Morgen ernst, vielleicht macht auch schon eine ganze Jahreszeit mobil, mit Rollkoffern und Aktentaschen.
Die Richtungen spielen Labyrinth und schieben die Menschen herum. Es wird ernst, überall kann man es lesen. Wenn man will, ich will nicht. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten, doch ich bin für diesen und für andere Ernstfälle nicht gewappnet. Ich hoffe, noch einmal davonzukommen, nicht mitmachen zu müssen bei Sonnenaufgang und Marsch. Ich stecke die Hand in die Tasche und finde dort eine verstaubte Kastanie vom letzten Herbst. Ich bin so müde, daß die Haut kribbelt und die steife Chlamys ein Tonnengewicht ist am Leib. Ich bin Jahrtausende alt. Mein Leib ist aus Marmor, durch Spalten schwitze ich klebrigen Schlaf aus. Die Fingerspitzen schmerzen, sie sind tagesverbrannt und lichtwund, ich sehne mich danach, sie in die strömenden Schatten eines Ahorns zu tauchen. Unauffällige Gesellschaft und Publikum den Traumtänzern, suche ich mir im Park eine Bank aus. Ein bißchen Mond wäre nicht schlecht, aber wann es wieder welchen geben wird, ist ein Geheimnis der Werwölfe. Die Zeichen stehn alle auf Tag. Schon lange habe ich keine Sternschnuppe mehr gesehen.
Moebius
Der Himmel, der dich anblickt, mit seinen Zähnen aus Laternenpfahl und Müllcontainern. Die Pappeln unternehmen einen Reformversuch, der von den Vögeln vereitelt wird. Deine Grübeleien spiegeln sich matt im Kies. Ringsum ist alles voller Plan: Die Bikini-Models sind noch schmaler als letztes Jahr, nächstes Jahr werden sie vielleicht ganz verschwunden sein, eine Linie zwischen zwei Hälften Strand und Meer. Aber wer soll dann den Bikini tragen, grübelst du. Alles steckt voller Absichten. Postfächer schnappen nach Hochglanz. Tacker heften fleißig Lächelsalven zu Stapeln, katalogisieren die morgigen Bedürfnisse, zur schnellen Verfügung. Lichter und Schilder verfügen über deine Schritte. Überall blinkt es von Taschen, in denen der Abend fein verpackt ist. Feierabend-to-go. Über allem dreschen Helikopter auf die Wolken ein, um die Spreu vom Lichtweizen, du hast keine Ahnung. Pläne: Nur du hast keinen, schon gar nicht Wolken betreffend, ist doch die Wahl des richtigen Waschpulvers („Personalisiere dein Omo!“), ist doch die Wahl des geeigneten Vibrators (Big®, Well-Endowed® oder Maxi-Max®?), ist doch die Frage nach der Klobürste, die am besten zu dir paßt (jetzt mit scrub-o-flexTM Technologie) eine wahnsinnige Herausforderung. Die Entscheidung, Circe oder Medusa, kostet dich tausend gestaute Herzschläge. Kaum zu bemeistern: Die Ansprüche des nächsten Tages. Seine high density Flaggen. Da ist es gut, die Wolken: daß sie einfach nur sind. Und daß sie Vögel bei sich dulden, unendlich sanft.
Du suchst nach Hinweisen. Vielleicht gibt es irgendwo einen Spalt, einen Riß, den die Wurzel eines Veilchens schlug. Womöglich ist hinter der Spiegelung noch mehr. Doch wie auf die andere Seite eines Möbiusbandes gelangen? Der Horizont leidet unter Atemnot. Bleib noch ein bißchen, stürze noch nicht ein. Halt mir die Wolken fest.
Zwischen den Kapitelüberschriften, dem Auge des Fischreihers und dem Karussell der Jahreszeiger gibt es kein Entkommen.