Ein Bach hinterm Haus

Vor ein paar Tagen ein verwirrendes Geräusch. Gegen Abend, beim Essen: Durch das gekippte Fenster anhaltendes Wassergluckern, verspieltes Geplätscher, als ströme hinterm Haus ein echter Bach. Da füllt jemand eine Gieskanne, dachte ich. Es würde gleich aufhören. Aber es hörte nicht auf. Ich schloß das Fenster, beendete das Mal, öffnete das Fenster wieder: Der Bach floß immer noch munter dahin. Ich schloß das Fenster, machte den Abwasch, öffnete wieder: Geplätscher, nach wie vor.

Wie bei allen Geräuschen, muß ich dem auf den Grund gehen, ruhe nicht, bevor ich die Geräuschquelle gefunden habe und werde leicht wahnsinnig, wenn mir das nicht gelingt. Ich gehöre zu den Menschen, die dem geheimnisvollen Fiepen so lange durch die Wohnung folgen, bis sie die undichte Thermoskanne als Ursache identifiziert haben. Oder alles auf den Kopf stellen, bis sie das feine Blubbern unter der in einem Wasserfilm stehenden heißen Tasse geortet haben. Ohnehin schon geräuschempfindlich bis zur Psychose, bedeutet für mich die unbekannte Herkunft eines neuartigen Schallefekkts eine dramatische Steigerung der bei Geräuschexposition auftretenden Symptome: Herzrasen, Atembeschwerden, Sehstörungen, Bluthochdruck, Halluzinationen. Geräusche sind schrecklich. Aber Geräusche, deren Ursprung man nicht bestimmen kann, sind das reine Grauen.

Das Paranoide dabei (man könnte denken, das sei schon paranoid genug, aber weit gefehlt), das wirklich Paranoide dabei ist, daß mir Geräusche, die ich eigentlich mag, sofort ein Dorn im Ohr sind, wenn sie von Menschen verursacht und mir ungebeten zugemutet, aufgezwungen werden: Ein echter Bach hat keine Absichten und Wünsche, er kann mir sein Plätschern nicht aufzwingen. Der Buchfink vorm Fenster, er tut nur, was er tun muß, und um diese Jahreszeit kann er nicht anders als zu trällern. Bach wie Buchfink empfinde ich nicht nur nicht als störend, sondern im Gegenteil als wohltuende Bereicherungen des Klangkosmos um mich herum. Aber ein Plätschergeräusch, das der Nachbar aus Absicht oder einfach nur aus Unachtsamkeit oder als Nebeneffekt einer anderen Intention erzeugt, geht mir sofort auf die Nerven; und ein Buchfinkengeträller von einer Vogelstimmen-CD, das derselbe Nachbar stundenlang laufen ließe, würde Mordgedanken in mir reifen lassen. Wohlgemerkt, das Geräusch kann ununterscheidbar „echt“ sein. Ob es mich stört oder nicht, darüber entscheidet nur das Bewußtsein, ob es auf Menschenwitz und Menschenlist zurückzuführen, oder die absichtslose Natur selbst am Werk ist.
Es ist ein bißchen so wie mit der Fälschung in der Kunst. Eben noch hat uns das siebte Brandenburgische Konzert in Verzückung versetzt, da erreicht uns die Nachricht, es sei eine moderne Fälschung aus dem 20. Jahrhundert – und mögen es fortan nicht mehr hören. Nur das Bewußtsein, daß nicht der Meister selbst es geschaffen hat, verleidet uns den Genuß von Klängen, die auch nach der Erkenntnis dieselben bleiben.

Genauso stört mich ein Geräusch oft erst dann, wenn ich weiß, woher es kommt. Dem verleideten Genuß entspricht dann der Zorn auf den Urheber. Ein rhythmisches Klappern und Scheppern in einem Zug wird ab dem Moment unerträglich, wo ich begreife, daß es nicht den Fahrtgegebenheiten, dem Gegenwind oder den Gleisen verschuldet ist, sondern aus den Ohrstöpseln des Nachbarn herausschallt.

Ich bin neulich dann aber doch über meinen Schatten gesprungen und habe beim Einschlafen mich bemüht, das Wassergeräusch als solches zu nehmen wie es ist: Eine im Grunde angenehme Anwesenheit, ein willkommenes, beruhigendes Geplätscher, das unbedingt an eine sylvestrische Idylle erinnert. Ich versuchte, mir einen echten Bach dazu vorzustellen. Ich dachte noch an Forellen, die mit sanft ondulierenden Bewegungen im Strom stehen, dann schlief ich ein.

Ich hoffe, der Buchfink ist echt.

Melancolia veris

In einer Art umgekehrter Entsprechung zum Wetter hält mich die Traurigkeit. Je bunter das Draußen, will mir scheinen, und dieser April ist ein teuflischer Ausbund an Buntheit, desto grauer das Innen. Nachts erwacht, die Decken sommerwarm, aufgestanden, Wasser laufen lassen und nicht mehr ein- noch ausgewußt vor Traurigkeit. Trau-grau-grauslich: Es sind diese schlimmen Stunden, irgendwann zwischen drei und vier Uhr, vor dem ersten Vogelton, der indes auch nicht tröstlich wäre, draußen die Nacht, die Welt, auswegslos, verschlossen, riesig, eine Steilwand aus Zeit und Raum ohne Betriebsanleitung, kein Vogel, die Nacht schläft, ich bin wach, und innen alle Bastionen und Wehre zerbrochen. Strom und Stau von ungebetenen Gedanken, derer ich nicht Herr werde. Gäste mit grimmigen Gesichtern hocken sie auf der Türschwelle, sitzen am Tisch, ziehen Bücher aus dem Regal, schütten das Blumenwasser weg.
Ein Zur-Unzeit-Sommer ist das aber auch! Grillgeruch am Abend. Autos mit offenen Scheiben, Wummern von Beat & Bass. Morgens bereits Sonnenschirme auf den Balkonen. Bunter April, heitere Menschen, tödlicher Pollen. Rätsel, Sphingen, Bögen mit aufgedruckten Losungen. Auf der Terrasse der Nachbarn holt man sich Nachtisch. Stimmen. Es sind viele Stimmen in der Luft dieser Zeit, ziellos und ungebeten, wie Ungeziefer aus Licht. Man sitzt und räkelt sich, ein Ellenbogen liegt sonnengecremt auf einer Sesselarmstütze, Buschwerk verhüllt die Gesichter, die Luft, warme, vogelstimmensatte Luft, ist voller Verbindungen, macht die Stimmen flugfähig, falter- und flatterfähig.
Was sind das für Leben, denke ich angesichts dieser Zurschaustellung fremden Mit-in-der-Welt-Seins, was sind das für Wege, Lebens- und Todeswege, was für Gesichter, Träume hinter der Stirn? Was für Opfer haben sie gebracht, um da jetzt zu sein, in diesem Haus, Nachtisch löffelnd, auf der Terrasse, ahnungslos und zufrieden mit dem Bunten um sie herum, was für Opfer, die ich nicht zu bringen bereit war?

Mal wieder ÖPNV

Ich mache das jetzt seit 18 Jahren.
Man könnte meinen, man würde sich daran gewöhnen. Wenn die Zustände unverändert blieben, schwer zu ertragen, wie sie sind, wäre das vielleicht so. Aber sie bleiben nicht unverändert. Sie waren unerträglich genug. Und sie werden schlimmer. Die Rede ist vom öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).

Als ich begann, ihn in dieser Gegend zu nutzen, gab es jede Stunde zwischen Bonn und Köln genau zwei (mit Verbundfahrkarten nutzbare) Nahverkehrszüge. Das waren quietschende, schaffnerpflichtige, mit allerlei Treppen und anderen Hindernissen („Barrieren“) bewehrte, von einer schnaufenden und ächzenden Lok mühsam gezogene Dinger, die nach Bremsgummi rochen, „Silberlinge“ hießen und aussahen wie aus Gußeisen gefertigt. Darin gab es eine Menge Sitzplätze, in die man sich hineinfallen lassen konnte wie in Großmutters Lieblingssessel, man konnte die Fenster öffnen, wenn es heiß war, und die Toiletten waren zwar nicht behindertengerecht, dafür aber nie außer Betrieb. Zwischen den Wagons mußte man über eine Brücke aus zwei aufeinander liegenden Stahlplatten steigen. In den Ritzen an der Seite flitzten Striche von Landschaft und Gleisschotter vorbei. Der Lärm war enorm. Man darf sagen, in der Hauptverkehrszeit waren diese Züge ziemlich ausgelastet, aber ich kann mich an keinen menschenmasseninduzierten Streß damals erinnern. Es ging halt. Stehen mußte ich fast nie, und wenn, dann war auch das Stehen noch bequem. Man konnte gelassen bleiben.

Seitdem sind viele Jahre ins Land gegangen. Mittlerweile gibt es überall moderne Niederflurbahnen mit „automatischer Türabfertigung“, die nicht nur den ehrwürdigen Arbeitsplatz eines Schaffners überflüssig machen, sondern außerdem behindertengerechte Toiletten haben, die nie funktionieren. Die automatische Abfertigung bedeutet, daß die Türen zu sind, wenn sie mal zu sind. Tritt ein ernsterer Schaden auf, müssen sie, statt wie früher den betroffenen Wagon, gleich einen halben Wagen abhängen, was häufig vorkommt und des Teufels ist. Dafür kann man jetzt mit dem Rollstuhl/Kinderwagen/Rollator direkt vom Gleis stufenfrei in den Wagen rollen, vorausgesetzt, man erwischt eine Tür, deren Elektronik nicht gerade wieder defekt ist. Statt Schaffner gibt es jetzt übrigens so eine Art Berggorillas1 in Uniform, die auf Provisionsbasis Schwarzfahrer abkassieren sollen, und deren Wortschatz aus drei Wörtern besteht: „Fahrkarte!“, „Ausweis dazu!“ und „Vierzsch Euro!“. Ich übertreibe natürlich. Die Uniform fehlt meistens.

Als die Dinger (die Niederflurzüge, nicht die Berggorillas) zuerst aufkamen, sahen sie so geräumig und gemütlich aus, daß man sich wunderte, warum plötzlich viel weniger Menschen Platz hatten als in den alten Zügen. Denn es war voll. Ein weiterer Zug pro Stunde wurde eingeführt. Und es wurde noch voller. Und noch voller. So voll, daß man nicht einmal mehr bequem stehen konnte. Man mußte froh sein, überhaupt ins Innere gelangt zu sein, aber richtig froh wurde man dann trotzdem nicht.
In der Zwischenzeit hatte ich meine Arbeitszeiten um eine Stunde nach hinten verschoben, um der rush hour auszuweichen. Das ging eine Weile gut. Der 9:01-Zug von Bonn Hauptbahnhof war so wenig besetzt, daß man immer einen Sitzplatz bekam, und zwar einen guten Sitzplatz, also einen ohne störende Nachbarn, ohne Zeitungsgeraschel, Laptop-Rumgeklapper oder Kopfhörerblech.

Doch nach ein paar Monaten war es damit vorbei. Sei es, daß die Arbeitszeiten flexibler wurden, sei es, daß die Bahn idiotischerweise ein besonders günstiges Ticket für die Zeit nach 9 Uhr wiedereingeführt hatte (so einen Unsinn gab es tatsächlich mal), oder vielleicht hatte das Schulministerium NRW eine Ausflugspflicht für Schulen beschlossen: Der Zug wurde jedenfalls voller und voller, bis das Niveau des 7:01- und des 8:01-Zuges erreicht war und seine Benutzung nicht mehr empfehlenswert schien. Wie die Verhältnisse inzwischen bei letztgenannten Zügen aussehen, wage ich mir nicht auszumalen.
Also wieder ausweichen, diesmal auf den 8:53er. Der hält an jeder Pißkanne und braucht 7 Minuten länger, aber lieber 7 Minuten länger fahren als 7 Minuten schneller viehtransportiert werden. Das ging bis vor einem halben Jahr gut, als plötzlich, eines schönen Frühherbsttages des Jahres ’10 die Fahrgastzahlen über Nacht in die Höhe gingen. Ich glaubte an etwas Vorübergehendes, eine jener unsäglichen, als „Messe“ bezeichneten, vom epidemieartigen Auftreten namensschildbewehrter Asiaten in Nadelstreifenanzügen begleiteten Massenveranstaltungen in Deutz, ein gastierendes Ensemble in der Köln-Arena, Monsterwochen® im Phantasialand (besonders für Schulklassen geeignet!) oder so etwas. Ich knirschte mit den Zähnen, übte mich in Geduld und hoffte, daß die Zahlen wieder zurückgingen. Aber die Zahlen gingen nicht zurück. Sie stiegen. Auch waren weit und breit keine Grüppchen schwarzgekleideter Asiaten mit Namensschildchen zu sehen (Schulklassen schon, gehäuft in den letzten drei Monaten vor den Sommerferien). Messe kam als – vorübergehende – Ursache also nicht in Betracht. Irgendwann war es mit dem Zähneknirschen so schlimm, daß mich eine Mitreisende anherrschte, was ich denn „für’n Problem hätte“. „Sie“, hätte ich zurückfauchen sollen, „Sie sind mein Problem. Daß Sie hier rumstehen und den Raum mit mir teilen wollen. Ihre Nähe. Ihre bloße Anwesenheit. Ihre Visage. Daß Sie den Bannkreis meines Territoriums berührt haben. Was haben Sie iegentlich vor 15 Jahren gemacht, als das Bahnfahren noch kein Massenphänomen war?“ Aber ich schwieg, knirschte mit dem, was an Zahnstümpfen noch übrig war und stieg bei der nächsten Station aus, um auf den Folgezug zu warten. (Der genauso voll war.)
Da die Lage mit den Wochen immer angespannter und schließlich unhaltbar geworden war, mußte eine andere Lösung her. Also wieder ausweichen, diesmal auf die Stadtbahnlinie 18. Die braucht zwar doppelt so lange wie der Zug, aber lieber, und so weiter.
Das ging jetzt zwei Monate gut.
Also: Entweder ich ziehe diese Dinge teleprotreptisch an, oder ich entdecke neue Verkehrswege immer just in dem Augenblick, in dem sie von allen anderen auch entdeckt werden. So wir der Fahrradständer vor dem Edeka, aber das ist eine andere Geschichte.
Weitere Ausweichmöglichkeiten sehe ich keine. Ein Auto kommt aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt ökologischen, nicht in Frage. Bleibt nur noch das Fahrrad. Dann bräuchte ich zwar bei gutem Wetter und Rückenwind doppelt solange wie mit der Stadtbahn und viermal so lange wie mit dem Zug, aber ich wäre an der frischen Luft, ich säße bequem und teilen müßte ich meinen Fahrradsattel auch mit keinem.

1 Ich entschuldige mich bei allen Berggorillas für den Vergleich.

Iura iuventutis

Deine Bemerkung über die Zumutungen des Bürgerlichen hat mir die Augen geöffnet. Ich habe etwas übersehen oder nicht damit gerechnet, als ich diese meine Lebensweise gewählt habe: Daß es ein Alter gibt, wo Extravaganzen, Experimente und Ausscherungen aus der Normalität in den Augen der Gesellschaft ok sind, ja sogar erwartet und manchmal auch bewundert werden; daß damit aber irgendwann Schluß ist. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein sechzigjähriger Aussteiger wird höchstens noch belächelt: Der Unverbesserliche! Meist wird er bedauert: Armer Tropf! Oder verachtet: Gescheiterte Existenz! Dann heißt es womöglich von ihm, er sei halt nicht erwachsen geworden. Habe keine Verantwortung übernehmen wollen. Ein Spinner, ein Träumer, ein Phantast. Und was der Epitheta mehr sind. Den Konformitätsdruck, der solcherart ausgeübt wird, empfinde ich zunehmend selbst, oder besser, er macht mir immer mehr etwas aus, er geht mich immer mehr etwas an, er zielt immer mehr auf mich. Aber von wem geht dieser Druck aus? Wer übt ihn aus? Wer rümpft die Nase über meine Lebensweise? Das schlimme ist: Niemand anderes als ICH SELBST. Denn meine eigene Lebensform, begegnete sie mir in anderen, wäre mir sogleich suspekt. Was ist das für ein komischer Kauz? Ist der vielleicht nicht ganz richtig? Macht der sich nicht selbst was vor? Belügt der sich nicht selbst, um sein Versagen nicht sehen zu müssen? Der komische Kauz mit der Lebenslüge indes, das bin ich selbst. Und manchmal möchte ich mich dafür hassen. Das ist die eine Seite.

Die andere ist: Wenn Lebensalternativen nur der Jugend frommen, wenn jeder Ausbruchsversuch, jedes Inanspruchnehmen der eigenen Freiheit nur an ein ganz bestimmtes Alter gebunden ist, dann führt sich der Begriff der Alternative selbst ad absurdum. Dann ist jeder solche Versuch des Nonkonformismus von Vorneherein schon wieder konform: als Teil des gebilligten Spiels. Dann ist die Alternative immer nur ein Spiel, ein Als-ob, eine Inszenierung. Dann heißt es, einer stößt sich die Hörner ab oder lebt seine Jugend aus. Wie süß! Aber wehe, jemand wagt, ernst zu machen, und das heißt: Die Sache durchzuziehen: Dann spricht man von einem Altkommunisten oder Altachtundsechziger oder einem unverbesserlichen Altöko oder sonst einem nur noch mit der Vorsilbe Alt- beizukommenden Menschentyp, und den findet keiner mehr lustig und schon gar nicht süß. Den findet man nur noch peinlich. Abgesehen von der Frage, wie man es anstellen müßte, auch als 70jähriger Kommunenbewohner noch ernst genommen zu werden in der eigenen Absicht und Lebensplanung, frage ich mich für mich selbst: Was ist los mit mir, daß ich den Abstand dazu nicht schaffe und immer mehr mit mir selbst ins Unreine gerate? Ich habe mich doch gut eingerichtet in meiner Nische, ich könnte zufrieden sein. Warum bin ich es nicht? Warum habe ich einen Blick auf andere, unter dem ich selbst zur fragwürdigen Existenz schrumpfen muß?

Den Becher zum Grund

Daß der Becher immer bis zur Neige geleert werden muß, ich halte das für eins der größeren Hemnisse eines besseren Lebens. Der Verlust an Spielräumen umfaßt weit mehr als nur die Plünderung von endlichen Ressourcen, hat nicht allein ökologische Relevanz. Es ist ein Verhaltensmuster, das überall begegnet und neben materiellen Ausbeutungsverlusten auch einen inneren Verlust bedeutet: Den Verlust der Gelassenheit.

Jede neue Technologie stößt einen Handlungsraum auf, der stets bis in den letzten Winkel besetzt werden muß. Es genügt nicht, das Mobiltelephon bei Panne, Unfall und Gefahr zu benutzen, sondern die Möglichkeiten der allverfügbaren Kommunikation werden sämtlich geprüft und realisiert, von der Last-Minute-Verabredung bis zum Bussi vom Gipfel des Everest.

Wenn es doch schonmal da ist.

Und genau darum geht es. Es ist die ausbeuterische, versäumnispanische Mentalität des Wenn-es-doch-schonmal-da-Ist, die Spielräume, Reserven, Freistunden vernichtet und damit genau das unmöglich macht, was uns doch scheinbar so sehr am Herzen liegt: Das selbstbestimmte Handeln.

Oder ist es ein Zeichen von Eigenverfaßtheit, wenn ich ausnahmslos jede Möglichkeit einer Technologie nutze? Handele ich selbstbestimmt, wenn ich, statt alles einmal ruhen zu lassen, immer an die Grenzen gehe und mir selbst keine anderen auferlege, als die Technik sie mir zieht? Handele ich selbstbestimmt, wenn ich die Technik die Grenzen meiner Möglichkeiten bestimmen lasse? Handele ich selbstbestimmt, wenn ich auf einer Wanderung im schottischen Hochland nachts im Zelt liegend mobil nach Hause telephoniere? Oder unterwerfe ich mich da einem Zwang zum Tellerleeressen, zum Ausschöpfen aller Möglichkeiten?

Es mag harmlos sein, aber man darf vermuten, daß die Folgen solchen Ausschöpfens weiter reichen, als die Stille des schottischen Hochlands zu stören. Es gibt beispielsweise keine Straßen mehr, die ein lediglich latenten Bedürfnis, zwei Orte miteinander zu verbinden, befriedigt: Wo heute eine Straße ist, wird auch gefahren, und zwar ständig, als gäbe es den Zwang, dieses Streifchen Asphalt schon allein deshalb zu benutzen, weil es da ist. Das bedeutet nicht nur unmittelbar Lärm, Gestank und Aufmerksamkeitsforderung (durch die Gefahr, die von jedem rollenden Fahrzeug ausgeht); es bedeutet auch, daß die Straße als Lebensraum und Öffentlichkeit nicht mehr genutzt werden kann, weil ständig Verkehr herrscht. Es bedeutet, daß keine Kinder auf der Straße spielen. Und weil die Benutzung von Straßen den Bau weiterer Straßen nach sich zieht, bedeutet es eine allmähliche Verstraßung von Landschaft mit allen nervtötenden Folgen. Der Zwang zum Ausschöpfen beginnt im Kleinen und setzt sich im Großen fort. Gewinne zu machen ist schön. Aber es reicht nicht. Es muß nicht nur gewonnen werden, es muß so viel wie möglich gewonnen werden. Man nennt das Gewinnmaximierung. Die ihr zugrunde liegende Mentalität beginnt mit der Ruftaste des Mobiltelephons. Eine ausgefallene Verabredung muß sofort durch etwas anderes ersetzt werden. Und da das Mobiltelephon schnmal da ist, da könnte man doch …

Der Säufer muß den letzten Schluck aus der Flasche nehmen, auch wenn’s längst nicht mehr schmeckt. Und so ist es mit allem. Das Mobiltelephon ist immer mit dabei, es könnte ja was dazwischenkommen. Mit dem Auto erreicht man nicht schneller und bequemer zu Fuß erreichbarer Ziele, sondern der Radius des Erreichbaren wächst. Mit dem Auto kommt man schneller an Ziele, an die man vorher gar nicht gedacht hätte. Das Vorhandene wird nicht vereinfacht, sondern es nimmt zu, bis die Grenzen abermals erreicht sind. Brauchte ich eine Stunde mit dem Fahrrad, brauche ich jetzt immer noch eine Stunde, das Ziel ist aber dreimal so weit weg.

Immer an den Grenzen des Machbaren, ob es wünschenswert ist oder nicht: Wenn die Verfertigung eines Geschäftsbriefes statt früher eine halbe Stunde heute dank EDV-Anlage nur noch fünf Minuten benötigt, dann würde ein wahrer Zugewinn für Leben und Wohlbefinden darin liegen, die eingesparten fünfundzwanzig Minuten für die Lektüre eines guten Buches zu verwenden, oder sie bei einem gemütlichen Kaffee ganz gelassen zu verschwenden. Nicht zur Erhaltung der Arbeitskraft, nicht zum chillen oder networken, sondern einfach nur, um einen Kaffee zu trinken und sich zu freuen, daß das Leben schön ist. Das ist überhaupt etwas, das wir verlernt haben: Zeit zu verschwenden. Stattdessen schreiben wir in den gesparten fünfundzwanzig Minuten lieber sechs Briefe, haben nichts gespart und glauben auch noch, wir hätten einen gewaltigen Fortschritt gemacht. Umgekehrt bedeutet das zwanghafte Ausschöpfen des Möglichen eine Vervielfachung von Arbeitszeit. Weil es die Möglichkeiten gibt, müssen sie auch genutzt werden: Da ist es dann nicht mehr genug, einfach einen Brief zu schreiben, wie man ihn früher mit der Maschine geschrieben hat. Neue Technologie will eben ausgeschöpft sein, also müssen Fragen wie Schriftgröße, Schriftschnitt, Zeilenabstand, Einrückungen und weiß der Setzer nicht alles berücksichtigt werden, ehe man den ersten Buchstaben schreibt. Wer heute einen Geschäftsbrief schreiben will, braucht eine halbe Typographenausbildung. Nicht weil es komplizierter geworden wäre, einen Brief zu schreiben, das gerade nicht: Es ist einfacher geworden. Aber man man es sich nicht so einfach, wie es geworden ist. Sondern so kompliziert, wie es ein Ausreizen aller Möglichkeiten erfordert. Die Flasche will gelehrt sein, auch wenn’s nicht schmeckt.

Die besten Energiesparkonzepte bringen leider gar nichts, wenn man den Verbrauch anschließend so weit erhöht, wie er vor Einführung der Sparmaßnahme lag. Man läßt die Lampe länger brennen, weil man es sich leisten zu können glaubt. Es ist ja schließlich eine Energiesparlampe. Man fährt mehr und schneller Auto seit man einen geregelten Drei-Wege-Kat im 3-Liter-Wagen hat. Und dank Wärmedämmung hat man es jetzt bei 23 Grad Raumtemeperatur viel behaglicher als bei den gewohnten 20 Grad im unsanierten Altbau. Der Kühlschrank ist ein Energiespargerät, da drehe ich ihn doch gleich mal höher. Und mit der modernen Waschmaschine leiste ich mir vier Wäschen pro Woche, statt zu warten, bis die Trommel voll ist. Dummerweise funktioniert Energiesparen so nicht.

Ein Auto oder einen Computer für viel Geld erstanden zu haben, scheint für manche Leute absurde Folgen zu haben. Zur Mentalität des Wenn-es-schonmal-da-Ist kommt noch eine Logik hinzu, nach der ein teures Gerät möglichst oft benutzt werden muß, damit sich seine Anschaffung auch gelohnt habe. In einer schrecklichen Verdrehung von Ursache und Wirkung schafft so der Gegenstand seine eigenen Bedürfnisse, statt daß die Bedürfnisse zuvor nach dem Gegenstand verlangt hätten. Man geht täglich ins Schwimmbad, nicht, weil man es möchte, sondern damit sich die Jahreskarte lohne. Nicht, ob sich das Auto bei den bestehenden Bedürfnissen und Gewohnheiten lohnt, fragt man sich, sondern man schafft es an und fährt danach herum, als gelte es das Leben.

Was wäre selbstbestimmt? Das Auto stehenlassen, einmal schweigen statt reden, Zeit verschwenden, zu Fuß gehen, einen Termin versäumen. Kaffee trinken, ein Schwätzchen halten und sich freuen, daß man auf einem Planeten lebt, auf dem es Schokolade gibt. Verzichten; und dabei gewinnen. Gewinnen an Ruhe, an Gelassenheit, an Selbstbestimmung. Selbstbestimmt die Technik nutzen, das wäre: Mindestens die Prüfung der eigenen Bedürfnisse. Dann, das Erworbene in den Dienst dieser Bedürfnisse zu stellen. Und alles weitere gelassen zu ignorieren.

Im Zug

„Setzen Sie sich doch woandershin, wenn Sie mein Telephonieren stört.“
Schon in der bloßen Tatsache seines Geäußertwerdens Entrüstung hervorrufend, ist dieser Satz erst recht dann eine Unverschämtheit, wenn man vermuten muß, daß der, der ihn äußert, in totaler Verkennung sowohl der Regeln gepflegten Miteinanders als auch der Bedürfnisse und Empfindlichkeiten der Mitmenschen ihn tatsächlich auch so meint – und sich darüber im Recht wähnt, einem absonderlichen Recht, stören zu dürfen, wen und wann immer man will.
„Setzen Sie sich doch woanders hin.“ Das dreht alles auf den Kopf, was man über das subtile Arrangement, das Menschen miteinander treffen, um die aufgezwungene Nähe zueinander im öffentlichen Raum einigermaßen erträglich zu halten, aufzuzählen nur imstande wäre: Nämlich jenes Arrangement, das man Rücksichtnahme nennt, und zu dessen Grundsätzen eben auch zählt, was man als das Verursacherprinzip bezeichnen könnte: Nicht, wer sich gestört fühlt, trägt die Verantwortung für die Spannung einer Situation, sondern derjenige, der bereit ist, andere zu stören, und sei es auch nur unwissentlich.
„Setzen Sie sich doch woanders hin“ bedeutet: Es ist mir egal, daß Sie sich gestört fühlen. Sehen Sie zu, wie Sie damit fertig werden, daß ich Sie störe. Wenn es Sie stört, dann deshalb, weil Sie sich gestört fühlen. Folglich ist das Ihr Problem, nicht meines.
Möglicherweise fällt dann auch noch der im Zuge der Nichtraucherdebatte bekannt gewordene zynische Satz: „Es stört mich ja auch nicht, wenn Sie schweigen“. Und das ist dann die endgültige Absage an jede Form zivilisierten Umgangs. Es ist zynisch, falsch und unverschämt und mißachtet wissentlich und in vollem Bewußtsein der eigenen Frechheit, daß eine Ursache und das Fehlen einer Ursache keinesfalls äquivalent sind. Man kann sich nicht von einem Nichtsein gestört fühlen. Es sind viel mehr Dinge nicht, als daß Dinge sind. Darunter müßte es, der frechen Logik der unbeirrten Störer zufolge, ja unzählige Dinge geben, die durch ihre Abwesenheit stören. Welche mögen dies sein? Wer so auftritt, so in völliger Überzeugung der eigenen Unangreifbarkeit, hat jede Einsicht in Argument und Arrangement abgelegt. Schlimm genug, wenn einer in solcher Situation sich noch auf irgend ein Recht glaubt berufen zu können (als ginge es hier um Recht! Oder als bedürfe auch noch der letzte zwischenmenschliche Umgang einer behördlichen oder richterlichen Regelung) und sogleich lautstark anfängt zu krähen, er dürfe aber hier stören. Wer solcherart kräht, der verkennt, daß nicht alles, was man darf, auch jederzeit eine gute Idee ist. Auch der, der gestört wird, kann sich ja auf kein Recht berufen. Wenn er überhaupt wagt, den Mund aufzumachen, dann nur in Form eines Appells: Nämlich an die rücksichtnehmende Einsicht seiner Zeitgenossen, die ihrerseits vielleicht auch einmal auf ein solches Gewähren und Nachgeben angewiesen sein werden.
Nun läßt sich natürlich die Situation auch von der Warte des Telephonierers deuten und sein Beharren als Appell auffassen, nämlich an die wohlmeindende Rücksicht der anderen Fahrgäste, die ihrerseits vielleicht auch einmal in die Lage geraten werden, ein Gespräch führen (und damit andere stören) zu müssen oder zu wollen. Es ist wie beim Autofahren: Lärm, Gestank, Behinderung, Gefahr, Zupflasterung und Zerschneidung der Landschaft – alles das wird stillschweigend toleriert, weil (aber nur solange!) eine große Mehrheit der Menschen selbst Auto fahren will, und damit die Nachteile, weil sie sie selbst mit verursacht, in Kauf zu nehmen bereit ist. Schwierig wird es nur für diejenigen, die den Vorteil (Autofahren, Telephonieren) nicht nutzen – denn ihnen wird trotzdem ihr voller Anteil an den Nachteilen (Lärm, Gestank, die Unruhe fremder Gespräche) zugemutet.
Dies war nun schon das zweite Mal innerhalb von vierzehn Tagen, daß mir dieses Erwiderungsmuster („Gehen Sie doch woanders hin!“) begegnet. Wer dann woanders hingegangen ist, war weder die Telephoniererin noch die Beschwerdeführerin, sondern ich. Auseinandersetzungen dieser Art ertrage ich nicht einmal als Zeuge.

Um kurz vor fünf wachgeworden

Um kurz vor fünf aufgewacht. sofort gehört, daß die toilettenlüftung der nachbarn wieder lief … fünf minuten …. zehn minuten … dieses unerträgliche geräusch, das einem jede nervenfaserwegfrißt, bis alles in einem drin aus quälendem geheul besteht. eine viertel- oder eine gefühlte halbe stunde, ich weiß nicht wie lange, jedenfalls lang genug, daß ich vor wut und hilflosigkeit vollends wach wurde, jegliche schläfrigkeit verschwand und ich dann bis weit nach fünf uhr nicht mehr einschlafen konnte. So wurde dann auch aus dem beabsichtigten frühaufstehen nichts und geschafft habe ich in folge dessen auch nicht allzu viel.

Was mich dabei am meisten ärgert: ich habe das problem vor ein paar wochen endlich angesprochen und dabei auch besonders betont, wie störend das geheul gerade nachts für mich ist. Das heißt, sie wissen, wie es mir damit geht – und scheuen sich in vollem bewußtsein dessen nicht im geringsten, nachts das licht anzumachen. Es ist ihnen grad egal. Sowenig ist es ihnen wert, einen zufriedenen nachbarn zu haben, es wäre ja eine ganz kleine sache, ein leicht zu behebendes ding, einfach nachts (wenigstens nachts) das an die lüftung gekoppelte licht nicht anzumachen. Ich an ihrer stelle würde ja schon allein deswegen eine alternative lichtquelle benutzen, weil mir die vorstellung, nebenan liegt einer wach, ist wütend und lauscht, höchst unangenehm wäre. Aber manche menschen haben eben die dickfelligkeit eines bisons und sind auch ungefähr ebenso rücksichtsvoll.

Ich bin versucht, gleich mal wieder nach immobilien zu suchen und schonmal kartons einzusammeln. Ich verlange nicht viel, weißgott nicht. Ich wäre sogar bereit, auf noch mehr zu verzichten. Aber ich will es endlich so behaglich haben, wie ich es brauche und wie es meinen vorstellungen entspricht. Und das heißt in erster linie: stille. Und nicht nur nachts.

Hello Wihn

In der Folge eines Eintrags bei Schreibman habe ich mich gefragt, ob es wohl auch irgendwo einen Aufkleber für halloweenfreie Zonen gibt. Ich finde, der Zirkus hat beängstigende Ausmaße angenommen. Habe neulich einem Schulkind eine Geschichte vorgelesen, in der Halloween in der Schule für eine Themenwoche taugte. Das ganze war so dargestellt, als wär’s von je ein deutsches Volksfest und müßte nicht erst erklärt werden, was es damit eigentlich auf sich hat.
Für die Kleinen bedeutet das ja, daß es nie anders war. Erschreckend. Kurz fragte mich, ob sie nicht wenigstens die Schreibung seltsam finden. Dann fiel mir ein, daß heute Englisch ja schon in der Grundschule unterrichtet wird (nichts gegen frühes Fremdsprachenlernen; aber man könnte auch gut Französisch oder Polnisch nehmen, schließlich sind das unsere Nachbarn, oder Türkisch, das wäre pragmatisch sinnvoller), und daß da ein weiteres merkwürdig geschriebenes Wort nicht weiter auffällt. Was aber denken sich Autoren, Lektoren und Verlage dabei, wenn sie so einen Mist schreiben? Womöglich, könnte man denken, soll hier der künftige Bürger schon einmal auf die kulturelle Hegemonie der USA eingestimmt werden. Wenn Kindern Halloween schon als völlig normal dargestellt und nicht im mindesten hinterfragt wird, glauben die noch tatsächlich, daß das hier schon immer so üblich war, sich das Gesicht anzuschwärzen und mit allerlei Pseudogrusel angetan um Süßigkeiten (oder, schlimmer, gleich um Geld) zu betteln.
Am Ende feiern wir alle noch Thanksgiving. Oder warum begehen wir nicht gleich den Unabhängigkeitstag? Ist doch egal, wer da von wem unabhängig wurde, Hauptsache, es gibt was zum saufen.
Bei uns gibt es das Märtensingen und die Sternsinger, und die gehören in Kindergeschichten, nicht irgendeine importierte, absurde Möchtegernfolklore.

Keine Stille, nirgends

Selbst wenn man sie einmal gefunden hätte, die Oase der Stille: Es wäre nichts gewonnen außer einer tagfürtäglichen Ruhe, einer Ruhe, die nur vorläufig ist, nicht einmal von Tag zu Tag, sondern sogar von Stunde zu Stunde, ja von Augenblick zu Augenblick, eine Ruhe ohne Be-ruhig-ung, denn Sicherheit gibt’s keine. Selbst nach Jahren kann das Geräuschgrauen wieder zuschlagen, nichts bleibt ja in dieser Welt, die sich blindlings allem neuen, und sei es noch so bescheuert, in die Arme wirft, nichts bleibt ja, wie’s einmal gewesen ist, nicht einmal das Treffliche, nicht einmal das, womit man hatte leidlich leben können.
Abgelegene Orte geraten in den Sog der sogenannten Zivilisation, strukturschwache Gegenden wollen leider nichts lieber als strukturstark werden, was im allgemeinen nicht ohne Geräusche abgeht; öde Landstriche werden plötzlich von Ökotouristen entdeckt und von Outdoorsportlern heimgesucht, die meinen, draußen zu Hause zu sein. Findige Billigfluganbieter greifen auf Flughäfen auf der grünen Wiese zurück, weil billiger, was den Fluglärm auf der grünen Wiese nicht unbedingt mindert. Umgehungsstraßen machen ihrem Namen Ehr’ und umgehen, leider nicht die Wildnis, sondern die Ballungsgebiete, die man hinsichtlich von Lärm und Krach sowieso nicht retten kann: Warum also, bitteschön, auch noch die Wildnis beschallen? Da baust du dir dein Haus weitab jeder motorisierter Zumutung, nur um nach zwei paradiesischen Jahren herauszufinden, daß eine neue Autobahn geplant ist, deren Trasse zweihundert Meter hinter deinen Apfelbäumchen verlaufen wird. Stille hört sich anders an.
Oder auch: Ruhige Mieter ziehen aus, weniger ruhige Mieter ziehen nach; nebenan wohnt plötzlich jemand, der Schlagzeug übt, während unter dir die stille Handarbeitslehrerin eines Tages beschließt, sich das Violoncellospiel anzueignen. Selbst für einen Liebhaber des Cellospiels sind die ersten Gehversuche eines Anfängers auf einem Streichinstrument meist kein reiner Hörgenuß.
Und noch weniger zu vermeiden: Die Natur des Lebens selbst. Irgendwann sind aus den liebreizenden Nachbarskindern nicht mehr ganz so liebreizende Teenagergören geworden, die ihrerseits den Liebreiz von Geräuschen entdecken, die du nie im Leben als Musik bezeichnet hättest. „Zimmerlautstärke ist, wenn ich drüben nichts mehr höre“, denkst du dir, fassungslos, daß das andere anders sehen.
Von Wohnung zu Wohnung, von Haus zu Haus: Schlagzeuger gegen Heavy-Metal-Fan eingetauscht. Von der Stadt aufs Dorf, Autoverkehr gegen Schützenvereinrumtata gehandelt. Vom Dorf aufs Land, Traktoren und Kreissägen statt Schützenvereinrumtata. Wohnwagen im Wald: Sonntags die Ausflügler. Nein, es gibt kein Entkommen. Und jeder Raum der Stille ist nur von Augenblick zu Augenblick still. Jederzeit kann der Krach losschlagen, überall. Es gibt keine Anti-Lärm-Lobby. Es gibt Nichtrauchergesetze, aber keine Anti-Lärm-Gesetze. Würde man über die schalldichte Isolierung von Wohnraum genauso intensiv nachdenken wie über Wärmedämmung oder neue Straßen für noch mehr Autos, könnten wir wenigstens auf eine bessere Zukunft hoffen. Aber wo kein Problem ist, da wird auch nicht über Lösungen diskutiert. „Sie stören mich mit Ihrem Schweigen ja auch nicht.“ Und so sind wir, die Lärmkranken, die Geräusch-kann-tödlich-sein-Fraktion, überall heimatlos, Vertriebene, Nomaden auf der Flucht vor dem Lärm der Zeitgenossen wie vor unserem eigenen Gehör.

Fortschrittslärm

Als lärmempfindlicher Mensch, der von modernen Formen der Lärmheimsuchung gequält wird, wie sie in Gestalt von Autoradios, tragbaren Audiogeräten jeder Art, von Telephongeklingel und -gequatsche auftreten, aber auch von nicht mehr so neuartigen Geräuschquellen wie automobilen Fahrzeugen und Fluggeräten aller Art ausgehen, muß man sich früher oder später die Frage stellen: Wie war es früher? War es früher leiser? War die Lärmbelästigung vor der Erfindung des MP3-Spielers und des Automobils geringer – oder sind diese neuartigen Lärmquellen nur an die Stelle früherer, mittlerweile vergessener Geräuschursachen getreten?

Leicht fallen einem da zahlreiche, glücklicherweise verschwundenen Ärgernisse ein. Noch in den frühen achtziger Jahren gehörten junge Männer, die mit einem auf volle Lautstärke gedrehten Tonbandgerät auf der Schulter durch die Einkaufszone stolzierten, zum alltäglichen Bild deutscher Innenstädte. Sie sind ebenso verschwunden wie die Skateboarder, die, wo man nur fahren konnte (und oft auch, wo man es nicht konnte), auf ihren Brettern alle möglichen und unmöglichen Fahrkunststückchen ausprobierten (da man dazu mehr als nur manchmal abspringen muß, macht das, wie jeder jenseits eines bestimmten Alters weiß, ein gewisses Geräusch). Zweimal im Jahr Probealarm, mehrmals wöchentlich militärische Tiefflieger, auch das gibt es gottlob nicht mehr.

Steigt man weiter zurück in die Vergangenheit, verschwinden immer mehr Geräusche – und neue kommen hinzu. Die Pferdekutschen wurden durch Automobile abgelöst, waren aber sicher ebenso laut, wenn nicht lauter. Ältere Automobile machten viel mehr Lärm als moderne, deren Motoren kaum mehr als leise brummen. Dafür gibt es ihrer aber auch hundertmal so viele. Dampfeisenbahnen dürften auch eine höhere Lautstärke erzielt haben als moderne Züge; auch sie fuhren aber seltener. Von dampfbetriebenem ÖPNV im Viertelstundentakt konnte jedenfalls damals keine Rede sein. Dafür war die elektrische Straßenbahn, mehr noch die Untergrundbahn dort, wo sie eingeführt wurde, in Termini der Lärmbelästigung eine enorme Erleichterung. Je nachdem, wo man wohnte, dürften empfindliche Ohren also in früheren Zeiten kaum weniger unter Lärm gelitten haben als heute. Das Lärmbewußtsein war darüber hinaus ein anderes; was noch als zumutbar oder gar als normal galt, dürfte nach heutigem Maßstab vielleicht nicht mehr durchgehen. Regeln wie die Mittagsruhe sind eine moderne Errungenschaft (die de facto leider als wieder abgeschafft gelten muß). Dafür war aber die Qualität des Lärms von heutigen Geräuschen deutlich verschieden. Mag sein, daß Pferdefuhrwerke es auf den gleichen Dezibelwert schaffen wie Autos; dennoch ist das Geräusch natürlicher und, möchte man vermuten, leichter zu ertragen. Wellengebraus oder Wasserfälle, obgleich ziemlich laut, zählen auch nicht zu den Geräuschen, an denen die Menschheit leidet, im Gegenteil. Naturgeräusche, auch durchaus kräftige, werden im Allgemeinen als weniger störend empfunden als technische. Angeblich haben Regengeräusche, Wellenschlagen und Meeresbrandung sogar eine heilsame Wirkung. Dessenungeachtet soll Immanuel Kant, von ständigem Krähen genervt, den Hahn eines Nachbarn kurzerhand in den Suppentopf befördert haben. Und manch einer empfindet es vielleicht als Fortschritt, Autolärm statt das Geschrei spielender Kinder ertragen zu müssen. Die Geschmäcker sind wohl nicht nur bei Musik verschieden. Auch dort gilt ja bekanntlich, daß „sie oft nicht schön empfunden/wenn sie mit Geräusch verbunden.“

Asymmetrien, Zirkelschlüsse und der Bechdel-Test

Vor einigen Jahren war ich mal in eine unschöne Diskussion verstrickt. Es ging dabei um die Frage, ob die Aussagen:

„Hinter jedem mächtigen Mann steht eine noch mächtigere Frau“

und

„Hinter jeder mächtigen Frau steht ein noch mächtigerer Mann“

nach Aussage und Bewertung symmetrisch seien oder nicht. Meine Ansicht war, natürlich sind sie symmetrisch. Die Ansicht des Diskussionsgegners: Beide Aussagen sind frauenfeindlich!

Es verhält sich mit dieser Behauptung ebenso wie mit zahllosen anderen Fällen, wo einer Handlung, einem Gegenstand, einer Aussage Frauenfeindlichkeit unterstellt wird. Da räkelt sich ein sechsjähriges Mädchen auf einem Werbeplakat für (Kinder-)Herbstmode: Das ist natürlich Sexistisch und obendrein auch noch Kinderpornographie. Da macht jemand einen Witz, in dem eine Fellatio erwähnt wird: Frauenfeindlich! Jemand spricht nur von Professoren, nicht aber von Professorinnen: Diskriminierend! Allen diesen und ähnlichen Fällen ist gemeinsam, daß sie durch Verweis auf eventuell bestehende Symmetrien oder Balancen nicht widerlegt werden können. Räkelt sich auf einem anderen Plakat anstelle des Mädchens ein Junge, ist es erstens immer noch Kinderpornographie (wahrscheinlich muß man Erwachsene in Kinderklamotten stecken, wenn man Werbung für Kindermode machen will), zweitens aber bleibt der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit bei der Abbildung des Mädchens bestehen. Warum? Weil Frauen nunmal diskriminiert werden, Männer nicht. Der Hinweis, es gebe auch Witze über den Cunnilingus verfängt ebensowenig. Beides, Witze über Fellatio wie solche über Cunnilingus, sind, man ahnt es, frauendfeindlich. Warum? Weil Frauen diskriminiert werden, Männer nicht. Und schließlich ist der Einspruch, man müßte, wenn man schon Gleichberechtigung wolle, dann ja außer den Professorinnen und Richterinnen und Politikerinnen auch immer Pennerinnen, Mörderinnen und Alkoholikerinnen explizit nennen, nicht gerechtfertigt, weil, wir wissen es schon, Frauen benachteiligt werden. Zu dem Einwand, es heiße ja auch invariabel die Kraft, etwa in Führungskraft, Fachkraft, Spitzenkraft, ganz zu schweigen von der Person, die immer weiblich sei, kommen wir schon gar nicht mehr. Nein: Es ist ausgemacht: Frauen werden benachteiligt, Männer nicht. Und deswegen ist der vorliegende Fall, äußerliche Symmetrie hin oder her, doch wieder eine Instanz der Diskriminierung, Benachteiligung, Falschdarstellung etc von Frauen. Dann nützt auch der Hinweis nichts mehr, es gebe ja nicht nur Blondinenwitze, sondern auch Mantafahrerwitze. Es ist zu vermuten, daß selbst Fußballerwitze frauenfeindlich sind.

Das Problem ist: All die oben angeführten Fälle können nicht mehr zum Nachweis der Benachteiligung dienen – und damit auch nicht zu dessen Widerlegung. Aus dem allgemeinen Diktum der Benachteiligung kann auf jeden beliebigen Spezialfall geschlossen werden. Da die Benachteiligung, Diskriminierung, Verachtung etc von Frauen schon immer besteht, läßt sich jeder Einzelfall, und sei er auch symmetrisch zu Lasten von Männern ausbalanciert, als Bestätigung dieses Diktums auffassen. Am Ende wird man noch die Lohnangleichung für weibliche Mitarbeiter als herablassende Geste des Patriarchats diskreditieren.
Damit wird aber die „Frauenunterdrückung“, die „feindliche Haltung gegenüber Frauen“ von konkreten Beispielen und Instanzen abgelöst und bekommt eine diffuse, nicht mehr wirklich greifbare Wolkigkeit. Es ist dann nicht mehr die konkrete Ungerechtigkeit bei den Löhnen oder Versicherungen, nicht mehr die vorzeigbare Begünstigung von Männern bei Einstellungen, sondern es ist nur noch die Diskriminierung der Frauen, auf die, wenn man sie mal in dieser diffusen Weise etabliert hat, interpretierend rekurriert werden kann: Da ja Frauen allenthalben und überhaupt unterdrückt werden, ist dieses und jenes nach Inhalt und Struktur symmetrische Verhältnis in Wahrheit (in der Wahrheit der Feministinnen wenigstens) asymmetrisch zuungunsten der Frauen. Das Kind auf dem Plakat, der Fellatio-Witz, sie sind Instanzen der Frauenfeindlichkeit nicht deshalb, weil in ihnen eine tatsächliche Darstellung von Macht- und Unterdrückungsverhältnissen aufschiene und ein fragwürdiges Machtgefälle damit semantisch einzementiert und bestätigt würde. Nein: für sich selbst neutral und symmetrisch, beziehen diese Fälle ihre vermeintlich diskriminierende Kraft lediglich aus dem Hintergrund einer Folie, wo schon die allgegenwärtige Frauenfeindlichkeit der Gesellschaft behauptet wird.
Also kann die Frage, warum oder worin die eingangs angeführten Aussagen nicht symmetrisch, mithin beide frauenfeinlich sind, nur unter Rekurs auf eben die Frauenfeindlichkeit selbst beantwortet werden, und damit wird die Aussage zirkulär.
Das wirklich perfide an dieser Zirkularität ist daher ihre Immunität: Gilt erst einmal das Diktum von der Frauenfeindlichkeit, kann es mit Beispielen, die eine Gleichheit oder eine Symmetrie aufzeigen, nicht mehr widerlegt werden: Denn jede vermeintliche Symmetrie entpuppt sich hopplahopp doch nur wieder als Bestätigung der zugrundeliegenden, durch die allenthalbe Unterdrückung zustande gekommenen Asymmetrie. Das erinnert an jene scherzhaften Bürogesetze, die oft die Schreibstuben mancher Verwaltungskraft zieren: § 1: Der Chef hat immer Recht. § 2: Sollte der Chef einmal nicht recht haben, tritt automatisch § 1 in Kraft.

Ich habe mich in diesem Zusammenhang vor kurzem einmal mit einer Frau über die (vermeintlich oder echt) einseitige Darstellung von Frauen in Filmen gestritten. Es ging dabei im Zusammenhang mit dem sogenannten Bechdel-Test um die Frage, ob Frauen in Filmen überwiegend männerbezogen dargestellt würden oder nicht. Darüber gibt der Bechdel-Test vermeintlich Auskunft. Die Testkriterien sind: 1. Es müssen zwei Frauen, die einen Namen tragen, mitspielen. 2. Diese Frauen müssen miteinander reden und zwar 3. über etwas anderes als Männer. Die Frage, die sich sofort stellt, zielt wieder auf die Symmetrie ab: Warum werden Frauen, die sich im Film über Männer unterhalten, männerbezogen dargestellt („über Männer definiert“), während Männer, die sich im Film über Frauen unterhalten, keinesfalls über Frauen definiert werden? Und weiter: Warum werden Frauen, die sich über die Beschleunigungswerte der Formel-1-Rennwagen unterhalten, nicht über Autos definiert, während sie, unterhalten sie sich über Männer, über Männer definiert werden? Antwort der Diskussionsgegnerin: Weil es furchtbar viele Filme gibt, in denen Frauen über Männer definiert werden und furchtbar wenige, in denen sie über ihre Hobbys definiert werden. Die Ergebnisse des Bechdel-Tests sind, wie alle anderen absurden Nachweise der Geschlechterasymmetrie zuungunsten der Frauen, unwiderlegbar. Frauen werden über Männr definiert, weil Frauen über Männer definiert werden. X ist frauenfeindlich, weil die Gesellschaft frauenfeindlich ist, Punkt. Dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit läßt sich dort mit keinem Verweis auf eine Symmetrie mehr begegnen, wo Symmetrie a priori für ungültig erklärt wird.

Eine Freude allerdings bleibt: Selbst in einem Film über, sagen wir, die Suffragetten oder über Ethel Smythe, und sei der Streifen noch so ausgewogen und unbiased, müßten die Protagonistinnen, und seien sie auch in der Wolle gefärbte Feministinnen, über Männer sprechen.

Martial, 5,58

Morgen, sagst du, Postumus, immer, werdest du leben:
sage mir, Postumus, wann ist dieses Morgen denn da?
Ach, wie fern ist dies Morgen! Wo ist es? Wo soll man es suchen?
Ob bei den Parthern es sich oder Armeniern versteckt?
Dieses Morgen hat schon das Alter von Priam’ und Nestor.
Sag’ mir, für welchen Betrag steht dieses Morgen zum Kauf?
Morgen erst? Schon ist’s zu spät, mein Postumus, heute zu leben:
Weise, Postumus ist, welcher schon gestern gelebt.

Martial, 5,58

Cras te victurum, cras dicis, Postume, semper:
dic mihi, cras istud, Postume, quando venit?
Quam longe cras istud! ubi est? aut unde petendum?
Numquid apud Parthos Armeniosque latet?
Iam cras istud habet Priami vel Nestoris annos.
Cras istud quanti, dic mihi, possit emi?
Cras vives? Hodie iam vivere, Postume, serum est:
ille sapit quisquis, Postume, vixit heri.

Im Supermarkt

Der Blick ist der einer Kamera: automatisch, mechanisch, emotionslos, Einbahnstraße. Wie eine Kamera beobachtet er nur, was man ihm aufgetragen hat, zu beobachten. Rechts, links, Hände, eventuelle Taschen oder Tüten? Am Ende hoch in den absurden Spiegel über der Kassengasse. Aber es ist keine Kamera, es ist ein Mensch. Es ist eine Supermarktkassiererin, die sich jetzt gar noch leicht aus ihrem Drehstuhl erhebt, die Schultern seitwärts schwenkt, damit ihr ja nichts entgehe.
Wonach schielt sie so eifrig und zugleich flüchtig, wie man, weil man’s in der Fahrstunde nun einmal so gelernt hat, nach dem Blick in den Rückspiegel auch noch über die Schultern schaut?
Sie kontrolliert mich. Habe ich auch nichts in der mitgebrachten Tasche? Verberge ich auch nichts in den Händen? Steht da nicht noch ein Getränkekasten auf der Erde? Und der Blick in den eigens zu diesem Zweck über jedem Kassengang angebrachten, in seiner Wölbung Rundumkontrolle garantierenden Spiegel dient der leichteren, vom Sitz aus vorzunehmenden Überprüfung des Einkaufswagens.

Was daran so ärgerlich ist? Das Mißtrauen. Der Argwohn. Es ist zwar in diesem Moment nicht die Kassiererin als Person, die mich taxiert, nicht dieser Mensch, der – Arbeitnehmerin, vielleicht alleinerziehende Mutter, Wohngeldempfängerin – eine ungeliebte, unerfreuliche Arbeit aus Not verrichtet; es ist das forschende Auge einer anonymen Institution, der Menschen egal sind, der es nur darauf ankommt, daß die Kasse stimmt, und zu diesem Zweck dieselben Mitarbeiterinnen dazu anhält, die Milchkartons mit dem Aufdruck des Haltbarkeitsdatums zur Wand einzuräumen und die fast abgelaufene Ware nach vorne zu legen. Trotzdem schaut mich da ein Mensch an oder vielmehr an mir vorbei, und sei es auch ein vollständig funktionalisierter Mensch, schlimm genug. Dieses Kontrollritual ist ungefähr so charmant, wie jemandem die Hand zu geben und gleichzeitig auf die Uhr zu schauen. Der Blick meint mich – und meint mich gleichzeitig nicht. Er taxiert mich – und ignoriert mich zugleich. Ignoriert mich? Falsch: Ignoriert zu werden ginge ja noch an. Aber es ist schlimmer: Wer so sorgfältig an mir vorbeischaut, zur Decke, zum Spiegel, um da etwas Wichtigeres zu sehen als mich, raubt mir nichts weniger als meine Würde. Dieser Blick will mich nicht sehen, er will mich nicht zur Kenntnis nehmen, er will keine Kommunikation, keinen Kontakt herstellen. Er verwehrt mir, mich als Mensch und Seinesgleichen anzuerkennen: Er will nur etwas über mich herausfinden.
Da es an der Kasse schnell gehen muß, der Kontrollblick aber Vorschrift ist, fällt die Entscheidung der Kassenkraft zwischen einem lächelnden Gutentag und einem entwürdigend woandershin gerichteten Blick, leider stets zu Ungunsten des Lächelns aus. Vielleicht schämt man sich auch, mich nach dem Abmustern anzulächeln, als sei nix gewesen. Ich erwarte auch gar kein Lächeln von einer aus gutem Grund schlecht gelaunten Kassenkraft; aber ich erwarte, daß man mir wenigstens das Mindestmaß an Höflichkeit, das ein Mensch dem anderen noch im ärgsten Fall schenken muß, gewährt: Respekt. Dieses seitwärts Taxieren, der Blick nach oben in den Spiegel aber, respektiert mich nicht. Er prüft mich. Und schaut mir dabei nicht einmal ins Gesicht.

Entwürdigend ist das Ritual nicht allein deswegen, weil man mir den Respekt verweigert. Es ist noch schlimmer, denn jener einschätzende Blick sieht in mir nicht in erster Linie einen Kunden, sondern vielmehr einen potentiellen Dieb, einen Feind. Mit jedem dieser Blicke wird eine implizite Anklage geprüft. Jeder kann es sein, sagt der Blick, auch du. Warum sollte ich dir glauben schenken, dir vertrauen? Du bist wie jeder andere, und so lange ich nicht vom Gegenteil überzeugt bin, behalte ich mir vor, in dir einen Räuber zu sehen. Ich bin also nicht nur Nichts, ich bin noch weniger als das – bis auf Widerruf durch abschätzende Blicke gelte ich gar noch für einen Kriminellen.
Das mag von Seiten der Kaufhausleitung seine zynische Berechtigung haben; für mich als Kunden ist es vor allem eins: Eine auf dem ins Gegenteil verkehrten Grundsatz des in dubio pro reo – also in dubio in reum – basierende Beleidigung. Dieser Blick, oberflächlich und aufgezwungen wie er auch sei, ist ein Schlag ins Gesicht, nicht nur in meines, sondern in das einer jeden zivilen Gesellschaft. Ein solches Verhalten ist unzivilisiert. Es ist empörend.

Daß es auch anders geht, zeigen nicht nur andere Supermärkte, in denen andere Umgangsformen gepflegt werden, sondern auch, und zwar unter denselben Bedingungen des Funktionierenmüssens, im selben Supermarkt: die Altgedienten. Die grüßen und lächeln. Kein Blick in den Kontrollspiegel, ein Blick in die Augen. Mittlerweile suche ich mir die Kasse nicht nach Länge der Schlange sondern nach Alter der Kassiererin aus. Die Kontrolle üben immer nur die ganz Jungen, gerade Eingearbeiteten. Je jünger, desto eifriger. Eine verstieg sich kürzlich gar zu der Aufforderung, ich möge bitte meine Tasche vorzeigen. (Ich frage mich, was passieren würde, wenn man sich weigerte)
Das zeigt vor allem, und das gibt wieder zu Hoffen: Das Kontrollritual ist den Kontrollierenden selbst ein Greuel.

Urlaub

Urlaub?
Seit ich meine Eltern Jahr für Jahr miesepetrig aus dem Urlaub habe heimkommen sehen („das war’s jetzt wieder für ein Jahr“ – Als müßten sie anderntags in den Knast oder ins Arbeitslager), stand für mich fest: Das machst du anders.
Sie blinzelten in die fremdgewordenen Räume der Wohnung, rissen Rolläden und Fenster zum Lüften auf und stöhnten über die Berge von Post, die eine Nachbarin auf den Wohnzimmertisch gelegt hatte. Seufzer ausstoßend und mit den Zähnen knirschend räumten sie das Wohnmobil aus, ächzten verbissen durchs Treppenhaus, kratzten sich am Kopf, rangen die Hände über die eingegangenen Topfpflanzen, die gemahnten Rechnungen und den frischen Schimmel im Bad, räumten, fluchten, schüttelten den Kopf und saßen dann endlich inmitten von halb ausgepackten Taschen, Mitbringseln, Badematten, Wanderschuhen und Sandalen, an denen noch der feine Sand ferner Meere klebte, im Wohnzimmer, den Geruch von Fahrgastraum vertrömend, das Brausen der Autobahn noch im Ohr. Wehmütig öffneten sie eine Flasche mitgebrachten Rotweins und schwärmten bald von den wunderbaren Landschaften, durch die sie gereist waren, bald schmatzten sie genießerisch den ungewohnten Speisen der Fremde nach, bald wurden sie wieder trübsinnig und malten einander in den schrecklichsten Farben die Ödnis der bevorstehenden 11 Monate Alltags aus: Die Trübsal des Winters! rief mein Vater, Das triste Wetter! ergänzte meine Mutter, Die Scheißarbeit! stöhnte mein Vater, Die öden Supermärkte! das verschrumpelte Gemüse! beschwor meine Mutter die düstere Zukunft. Fassungslos alle beide: Vor nicht einmal 12 Stunden haben wir noch im Meer gebadet! Ach, und die französischen Pfirsiche! Jetzt litten sie unter ihrer Heimat, die ebenso flach wie meerlos ist, wie unter einer chronischen Krankheit, von der sie für kurze Zeit ein viel zu teures Medikament erlöst hatte. Die Heimat: Eine im Sommer feuchtheiße, im Winter feuchtkalte und ansonsten verregnete Ebene. Neubaugebiet, Gewerbegebiet, Industrieanlage. Der Himmel selten farbig. Selbst die Luft und die darin immerhin vorhandenen Amseln schien ihnen langweilig und widerwärtig zu sein. Besonders meiner Mutter: „Ich könnte auf dem Absatz kehrtmachen!“ rief sie mit einer Geste, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ. Man spürte, wie sie körperlich litt, an der Wohnung, an den Nachbarn, am Geruch der Zimmer, dem Ausblick auf die Fassade gegenüber, den trivialen Sonderangeboten im Discountmarkt und den Amseln, natürlich.
Man sah es ihnen an, daß sie im Stillen schon wieder den nächsten Urlaub planten, nach dem Wohnmobil schielten, das Jahr, 11 Monate, über 330 Tage, in einem Satz der Imagination übersprangen und mit dem Herzen schon im Juli des nächsten Jahres zu Hause waren. Mir aber schwebte schon damals etwas anderes vor, ein Leben, in dem jeder Tag zählt. Gelungen ist mir das nicht immer. Aber eins wußte ich: Ich würde nie zwischen Badelatschen und Reisetaschen in meiner Wohnung sitzen und fassungslos dem verschwundenen Paradies nachweinen.

Achselhaar

Die Revolution fand still und leise statt. Niemand sprach darüber. Niemand protestierte. Die Nachrichtensender wußten von nichts. Keine Talksendung nahm sich des Themas an, keine Zeitung berichtete. Die Menschen schwiegen und schauten weg, wenn sie denn überhaupt bemerkten, was los war. In aller Heimlichkeit vollzog sich die Wende.
Wann genau es passierte, weiß man nicht. Aber es muß sehr schnell gegangen sein. Im Sommer 1997 war noch nichts zu bemerken gewesen, doch als ich im Herbst 1998 von einem längeren Auslandsaufenthalt wiederkam, da war schon alles vorbei und überall stillschweigend beschlossene Sache. Niemand hatte widersprochen. Alle fügten sich.
Fügten sich wem?
Es gehört zu den ungeklärten Fragen der Massenpsychologie, wieso plötzlich Millionen Menschen, die einander nicht kennen, sich nicht absprechen, ihre Meinung nicht austauschen, quasi unabhängig voneinander den selben Gedanken haben können. Wie plötzlich Millionen Frauen im Verlauf eines einzigen Jahres gemeinsam aber jede für sich beschließen: Ab sofort rasiere ich mich unter den Armen. Ab sofort sind Achselhaare bäh. Ab sofort waren Achselhaare eigentlich schon immer bäh.
Staunte man vor diesem entscheidenden Jahr über eine rasierte Achsel, während selbst der üppigste Unterarmbusch niemandes Aufmerksamkeit erregt hätte, so war es jetzt umgekehrt. Achselhaar sah man nicht mehr, und wer es dennoch trug, war eine Ausnahme und fiel auf. Nur ich hinkte meiner Zeit hinterher, weil ich nicht in Deutschland gewesen war, als sich die Verhältnisse änderten. So sprang mir umgekehrt, gleich einem Zeitreisenden, nicht das selten gewordene, für mich noch normale Haar, sondern das plötzliche Fehlen desselben sogleich ins Auge. Es war Winter, und der Anblick entblößter Achseln eher selten. Aber nachdem ich im Frühjahr die dritte, die vierte blanke Axilla erblickt hatte, wunderte ich mich; und mit steigenden Außentemperaturen begriff ich allmählich: Entscheidendes mußte sich während meiner Abwesenheit getan haben.
Gab es eine prominente Vorreiterin? Waren die deutschen Frauen sich plötzlich bewußt geworden, daß in anderen Ländern andere Sitten herrschten? War es ein Komplott der Kosmetikindustrie, die rasanten Absatz an Wachs, Klinge und Depilator erwartete? War es ein fixe Idee gelangweilter Frauenzeitschriftredakteurinnen? Hatte das Gesundheitsamt Bedenken angemeldet? Schwappte wieder mal eine Welle aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu uns über den Atlantik? Oder war es das alles zusammen?
Ich war erschrocken. Ich kann nicht sagen, was mir besser gefällt, Glätte oder Busch, beides hat etwas. Ich kann es wirklich nicht sagen. Irgendwie finde ich aber, daß Natürlichkeit die Regel, Künstlichkeit die Ausnahme sein sollte. Da ist es mit dem Rasieren weiblicher Haare, wo auch immer sie wachsen wollen, ebenso wie mit Schminken, Färben, Lackieren, oder dem Auftürmen rätselhaft-komplexer Frisuren. Doch meinetwegen: Das Unveränderte ist zwar immer noch am schönsten, aber der Abwechslung zuliebe kann auch geschmeidige Glätte an der einen oder anderen Körperstelle gefallen. Oder praktikabler sein.
Doch störte mich weniger die Tatsache der Achselhaartilgung an sich, sondern was mich so erzürnte, das war die stillschweigende Übereinkunft, mit der so plötzlich auf breitester Front gegen dieses Naturreservat vorgegangen wurde. Denn eine Vorliebe wie jene plötzlich Aufgekommene ist ja nicht voraussetzungslos, und da sie mir in engem Zusammenhang einer allgemeineren Künstlichkeitsanbetung zu stehen schien, und auch, weil so etwas kaum umkehrbar ist, machte mich diese Übereinkunft rasend. Von wem ging das jetzt wieder aus? Reichte es nicht aus, daß diese armen Geschöpfe sich förmlich zu Tode hungerten, nur weil ein paar nekrophile Modehengste das hip fanden? Da schien sich doch wieder einmal die eine Hälfte der Menschheit einem absurden, nicht lokalisier- oder auch nur benennbaren Zwang zu beugen – und glaubte auch noch, sich in Freiheit dafür entschieden zu haben! „Mir gefällt das Haar nicht“. „Nö, finde ich häßlich“. „Blank gefällt mir einfach besser“. „Man schwitzt nicht so“. „Ich brauche weniger Deo“. „Ich würde mich auch enthaaren, wenn es sonst keine täte“. „Aber … das haben wir doch schon immer so gemacht!“
Ja, Pustekuchen.
Wie sehr kann einem die Erinnerung einen Streich spielen? Kann man einen Zwang so sehr verinnerlichen, daß es unvorstellbar scheint, daß er nicht schon immer geherrscht hat? Und wenn es so vernünftige Argumente wie vermindertes Schwitzen und größere Deo-Effektivität gibt: Warum hatten die Frauen dann nicht schon von je zur Zuckerlösung gegriffen?
Aber es ist wohl zwecklos zu jammern. Ja, wenn man genau hinschaut, dann ahnt man: es kommen noch härtere Zeiten. Schon hüpfen die ersten Jungmänner blankachselig im Freibad umher. Demnächst zupfen die sich auch noch die Augenbrauen.
Und am Ende kommt es noch so weit, daß ich mir ein Deo anschaffen muß.

Noch einmal Haariges

Vor einigen Tagen wieder ein Gespräch über das Achselhaarproblem, und wie schon bei früheren Gesprächen fand O., und hier gebrauchte sie die STANDARDFORMULIERUNG, nein, das hätte sie immer schon so gemacht. Seit der erste Flaum in ihrer Axilla sichtbar und kenntlich geworden sei, habe sie ihn sofort entfernt. Ich entgegnete, daß vielleicht ihre Generation die erste gewesen sei, die mit der Ausmerzung haariger Stellen angefangen hätte; die Älteren (Frauen meiner eigenen Generation und Ältere) hätten sich dann angesichts der jugendlich glänzenden Achsel der viel Jüngeren sich plötzlich barbarisch und unschön empfunden und unter Attraktivitätsdruck, der immer von den Jüngeren ausgeht, zum Nachahmen aufgefordert gefühlt, so daß sich die Unsitte von den gerade pubertierenden Mädchen allmählich über die jungen Erwaschsenen schließlich auf alle Frauen durchgesetzt habe. Die Jüngsten seien, so meine Idee, Vorbild für die Älteren gewesen. Nein, widersprach O. vehement, umgekehrt sei es gewesen, sie selbst habe es ja auch nur den anderen abgeschaut, beispielsweise bei ihrer eigenen Mutter (eine Generation vor mir), die es ihrerseits auch schon immer so gemacht habe.

Jetzt frage ich mich, ob meine Wahrnehmung oder ihre schräg ist. Ich glaube ja, daß es einen allgemeinen Künstlichkeitstrend gegeben hat, irgendwann auf dem Weg von den 90ern zur Jahrtausendwende. Es gehen ja auch heute Frauen nicht mehr ohne Büstenhalter aus dem Haus, derweil es noch nicht so lange her ist, daß manch eine ihn auch mal nicht trug, wenn sie ihn störend oder unbequem fand oder sie zu faul war, ihn anzuziehen. Oder bin ich einfach nur merkwürdigen Frauen begegnet? Das mit der Behaarung indes konnte man ja auch an wildfremden Frauen beobachten, ohne entschuldigen Sie … darf ich mal … zumindest im Sommer.

Merkwürdig, das alles. Andererseits auch nur eins von vielen Phänomenen derselben Gruppe. Das verweist auf das Modephänomen, auf das Phänomen der Stilgemeinschaft, der Kunstepoche. Warum finden auf einmal Scharen von Menschen Plateauschuhe geil? Oder weiße Slipper? (bäh) Wie konstituiert sich das gemeinsame Empfinden, daß nun Albertibässe schick seien, oder doppelpunktierte Rhythmen? Es kann ja keine Eigenschaft der Dinge selbst sein, weil ein und derselbe Gegenstand, je nachdem, in welcher Zeit man ihn betrachtet, schick oder schnöde sein kann.

Bleibt noch das Phänomen des Vorbilds. Aber das bringt neue Erklärungsschwierigkeiten mit sich.

Warum ich niemals ein Mobiltelephon haben werde

Immer wieder das gleiche Argument. Fange ich an, über die Unsitte des mobilen Telephonats zu wettern, bekommen ich mit schöner Regelmäßigkeit vorgehalten, das Händie sei „schon praktisch“. Dann folgt meistens eine lange Liste von Situationen, in denen das Händie Unfälle vermieden, Lebensbünde gefördert, Menschen gerettet, Karrieren erst ermöglicht habe, undsoweiter undsoweiter, ein unentbehrliches Ding. Wie aufregend das Leben geworden sein muß,denke ich dann jedesmal. Früher gab es nicht so viele Katastrophen oder auch nur Mißgeschicke, wie heute durch das Händie tagtäglich vermieden werden. Haben wir besser aufgepaßt? Sind die Fälle im voice recorder einfach besser dokumentiert? Irgend etwas ist da doch faul im Staate Nokia.

„Ja, hallo ich komme fünf Minuten später“. Der Tagesablauf mancher Menschen ist offensichtlich derart straff organisiert, daß eine Ungenauigkeit von fünf Minuten schon ein Telephonat erfordert. Mußte man früher dringend von unterwegs telephonieren, weil man sich wirklich verspätet hatte, so ging man in eine Telephonzelle, und man ging dort nur hin, wenn es wirklich sein mußte. Fünf Minuten später? Dafür wäre früher niemand in die Telephonzelle gegangen. Fünf Minuten hätte jeder als durchaus zumutbare Wartezeit empfunden. Heute muß man ja schon telephonieren, scheint es, um mitzuteilen, daß man pünktlich ist. Würden heute sämtliche Gespräche, an denen ein Mobiltelephon beteiligt ist, in Telephonzellen geführt, reichten die Warteschlangen davor um ganze Häuserblocks. Ist unser Leben so viel komplizierter geworden, daß wir einfach mehr zu sagen haben? Wohl kaum, wenn man mal darauf achtet, was die Gesprächspartner einander so mitzuteilen haben:

Die mobile Telephongemeinde, so der Augenschein, besteht nämlich in der Mehrzahl aus verirrten Individuen, die einander ständig mitteilen müssen, wo sie gerade sind. Man achte mal darauf, wie hoch der Anteil der Gespräche ist, die mit „Ich bin jetzt in“ anfangen. „Ich bin jetzt im Zug.“ „Ich bin jetzt in Sprockhövel.“ „Ich bin noch in der Mathestunde.“. Ich frage mich, wen das interessiert. Habe ich sonst noch was mitzuteilen? Leider ja: „Ich liebe dich Schatzi.“ Wie schön für Schatzi. „Ich hab gerade mit Hansjörg Schluß gemacht.“ Tja, schade für Hansjörg. Das beste auf dem Gebiet des Scham- und Schmerzfreien Telephonierens in der Öffentlichkeit trug sich in einem bis unters Dach überfüllten Nahverkehrszug zu: „Ich sachet dir jetzt unter vier Augen: Der Detlev macht die Arbeit schwarz, ne. Aber hasse gezz nich gehört, ne.“
Unter vier Augen, aha.
Aus der Tatsache, daß die eine Hälfte der mobil geführten Gespräche entweder aufschiebbar oder so intimer Natur ist, daß sie besser zu Hause geführt würden (oder beides); und daraus, daß die andere Hälfte nur dazu dient, einander den Standort mitzuteilen, verschluderte Vereinbarungen nachzuholen oder nur durchzugeben, was man am anderen Ende sowieso bald selbst merken wird, („Ich bin grad beim Henker, ich fürchte wir sehen uns dann doch nicht mehr.“) darf man den Schluß ziehen, daß 99 % aller derartiger Gespräche schlichtweg überflüssig sind, und, gäbe es so etwas wie eine Ästhetik des telephonischen Schweigens, unbedingt vermieden werden müßten.

Diese Ästhetik gibt es wohl, aber sie scheint nur rückwirkend gültig zu sein. Alle telephonieren, aber keiner will es später gewesen sein. Jeder quatscht, was Atem, Stimmbänder und Akku nur hergeben, aber auf die Nerven fallen immer nur die anderen. Verblüffend jedenfalls, was die Leute so alles mit ihrem Telephon machen. Man könnte meinen, das Telephon sei zum Telephonieren da. Aber nein, weit gefehlt. Telephonieren? Ich doch nicht: „Ich hab zwar ein Händie, aber ich brauche es fast nie.“ Aha. Wozu hast du es dir dann angeschafft? Auch war ich immer der Ansicht, das ach so Praktische beim Mobiltelephon sei, nun ja, die Mobilität. Irrtum: „Ich hab zwar auch ein Händie, aber ich lasse es immer zu Hause.“ Erstaunlich, wo doch zu Hause auch noch ein Festnetztelephon vorhanden sein dürfte. Man fragt sich, wozu diese Leute zwei Telephone haben. Zum Stereoquatschen? Nicht auszudenken! „Also, ich habe zwar ein Händie, aber ich verwende es nur als Wecker.“ Donnerwetter! Ein richtiger Wecker war wahrscheinlich zu teuer. Und auf die Anmerkung, das Ziffernblatt dieser Uhr sei ja so klein, da könne man ja die Zeit kaum ablesen, entgegnete der Uhrmacher seelenruhig, um die Uhrzeit abzufragen, brauche man keine Uhr, dafür habe man ja das Händie.
Ach so, ja, natürlich.
Verblüffend auch der aberwitzige Zufall, daß mein Bekanntenkreis genau aus der verschwindenden Minderheit derer besteht, die nicht in der Öffentlichkeit telephonieren. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß die Telephonierer immer die anderen sind?

Womöglich hätte ich gar nichts gegen diese strippenlosen Quasselstrippen einzuwenden, wenn sich seit ihrem Aufkommen so etwas wie eine Mobiltelephonkultur etabliert hätte, so etwas wie die Tischsitten gepflegten Telephonierens aufgekommen wären, in der so einleuchtende Regeln Geltung hätten, wie die, sich kurz zu fassen und zum Gespräch nach draußen zu gehen. Und überhaupt nur in solchen Fällen zu telephonieren, wo man früher einen öffentlichen Fernsprecher in Gebrauch genommen hätte – dann nämlich, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht. Ich wäre sehr viel gelassener (ich möchte nicht behaupten, ich hätte vielleicht selbst eines), wenn den Benutzern von Funktelephonen das ganze ein bißchen peinlich wäre. So wie eben mal auf Toilette. Dafür sucht man ja auch ein stilles Örtchen auf. Es gäbe weder eine Tinnitomanie noch könnten 200 g Blech und Kunststoff jemals Statussymbol werden. Niemand würde damit herumfuchteln, bis jeder der Umstehenden es gesehen, niemand würde es solange klingeln lassen, bis jeder den originellen (von geschätzten 50 % der Bevölkerung benutzten) Klingelton bewundert hätte. Man fuchtelt ja auch nicht mit der Klopapierrolle herum, und wenn die noch so bunt bedruckt ist. Indes sind wir, Ach! von einer Ästhetik der sparsamen Nutzung, einer Ästhetik des telephonischen Schweigens, jedenfalls weit entfernt.

„Wo treffen wir uns jetzt? Am Barbarossaplatz oder am Südbahnhof?“ Kann man das nicht vorher abmachen, Herrgott? Aber schon praktisch, das Händie. Wirklich? Um noch in letzter Minute die Frage zu klären, für die offensichtlich bislang keine Zeit war, nämlich, ob man sich nun am Barbarossaplatz oder am Südbahnhof verabredet habe, braucht es ja zunächst überhaupt so ein Dings, so ein Mobilfunkteil, so ein Händie. Ich muß in einen Laden gehen, unter Hunderten von Typen eine Entscheidung treffen, mich mit einem blasierten Jüngelchen auseinandersetzen, der mir eine Flut von englischen Fachausdrücken an den Kopf wirft; muß Verträge und Anbieter miteinander vergleichen, Sonderkonditionen und Vergünstigungen ausfindig machen, und schließlich die jeweils neuesten Gadgets und Extras durchschauen. Ich gerate in Entscheidungsstreß, muß viel Kleingedrucktes lesen, eine Menge Werbung über mich ergehen lassen, und ganz so billig, wie es einem die Anbieter alle weismachen wollen, ist der Spaß ja nun auch wieder nicht. Dann brauche ich einen Vertrag oder ein Telephonguthaben, muß mir die Zeit nehmen, herauszufinden, wie das Ding überhaupt funktioniert und mir eine Menge aberwitzig langer Nummern merken oder sie abspeichern. Schließlich darf ich es nicht zu Hause liegenlassen, sondern muß (zusätzlich zu allen anderen Dingen, die das moderne Leben für unerläßlich hält, Schlüssel, Portemonnaie, Fahrausweise, Kundenkarten etc) daran denken, es mitzunehmen, darf meinen Zugangscode nicht vergessen und außerdem muß der Akku betriebsbereit sein. Und dann, endlich, kann ich mich an Barbarossaplatz oder Südbahnhof verabreden. Praktisch, wie? Aber noch bevor es soweit ist und ich das Gerät endlich betriebsbereit in Händen halte, haben zahlreiche schlaue Köpfe jahrelang ihre Geisteskräfte in Erfindung und Entwicklung stecken müssen, sind Millionen und Abermillionen an Investitionen geflossen, mußten Sendemasten aufgebaut, Funknetze eingerichtet, Satelliten ins All geschossen, internationale Vereinbarungen getroffen und eine Menge Gesetze erlassen werden. Und das alles nur, weil man es nicht schafft, vorher zu klären, wo man sich treffen soll. Praktisch, wie? Eine einfache Verabredung wäre wahrscheinlich zu schwierig gewesen.

Das mobile Telephon erhöht unsere Verfügbarkeit, flexibilisiert unsere Terminplanung und beschleunigt den Tagesablauf. Verloren gehen dabei die Pausen, die Sammlung, das Nachwirken. „Wieso können wir uns nicht sehen, Gerlinde hat doch abgesagt?“ Verloren geht so etwas wie Überschaubarkeit. Hier fällt etwas aus, da wird ein neuer Termin rasch eingeschoben. Nur keine Zeit verlieren! Paula sagt ab, weil sie gerade einen Anruf von Gert … Sabine will doch lieber erst morgen … Hansjörg fragt an, ob ich nicht … klar, sind ja zwei Termine freigeworden, muß nur noch schnell Max bescheid geben, daß es etwas später …
Die Hölle. Wohl dem, der unerwartete Pausen als willkommene Ruheinseln wahrnehmen und daraus Kraft schöpfen kann. Wie drückte es Max Goldt einmal aus, als er über rote Ampeln philosophierte? Er nehme „den Zeitsnack gern.“
Verloren gehen Verbindlichkeiten und die Fähigkeit, zu planen. Verloren geht aber auch die Unerreichbarkeit. Wer unerreichbar ist, der hat es heutzutage ja so gewollt, und das kann fluchs in einen Vorwurf münden: „Du hattest dein Händie ja nicht an!“ Empörung, Entrüstung! Du bist deiner Pflicht, erreichbar zu sein, nicht nachgekommen! Mit der Freiheit mobiler Erreichbarkeit geht paradoxerweise ein Stück Freiheit verloren: Wer früher unerreichbar war aus Gründen, die jenseits seiner Einflußnahme lagen, der ist es jetzt freiwillig – und muß sich dafür verantworten. Die Freiheit, sich für oder gegen Kommunikation entscheiden zu können, ist eben keine, da die anderen Kommunikation erwarten und pikiert sind, wenn man etwas tut, das von der anderen Seite als brüsk und abweisend empfunden werden muß: Wenn man sich verweigert. Den nächsten Schritt in dieser unheilvollen Entwicklung kann man sich leicht vorstellen: Die Dauererreichbarkeit. Wir telephonieren dann nicht mehr, sondern sind onwave so wie wir jetzt online sind. Jeder kann jeden jederzeit orten und telephonisch ansprechen, jeder weiß von jedem, wo er ist und wer er ist, und wehe dem, der da sein Telephon ausschaltet und sich entzieht. Das wäre dann so, wie sich heute eine Maske aufzusetzen, bestenfalls unhöflich, wahrscheinlich aber vor allem eines: verdächtig.

Wie den Computer oder das Auto, so nutzen wir auch das Mobiltelephon nicht klug. Wir schreiben Briefe mit dem Computer, deren Layout jeden professionellen Setzer vor Neid erblassen ließe (wofür wir aber auch zehnmal so lange brauchen wie früher für einen sauberen, aber einfach gestalteten Brief mit der Schreibmaschine), bekommen aber eine Sehnenscheidenentzündung, wenn man uns zumutet, mal eine kurze Notiz mit der Hand zu verfassen; wir scannen Bilder, um sie später wieder auszudrucken; wir kommen mit dem Auto überallhin und wundern uns, ist es mal kaputt, daß man ja nirgends mehr hinkommt: alles autogerecht draußen vor der Stadt; wir sparen Zeit und immer noch mehr Zeit, weil wir mit dem Computer oder dem Fahrzeug schneller sind, aber die Zeit nutzen wir, so scheint es, nur, um noch mehr Zeit zu sparen, bis wir gar keine mehr haben: sind wir mit der Rechnung schneller fertig, lehnen wir uns nicht zurück, sondern schreiben noch eine; da unsere Städte infolge des Verkehrs als Lebensräume ruiniert sind, brauchen wir die Ursache eben dieser Zerstörung, das Auto, um in die Naherholungsgebiete auszuweichen; später fahren wir dann, da man uns zu mehr Bewegung rät, ins Fitneßstudio, statt einfach öfter mal zu Fuß zu gehen. Und nicht zufrieden damit, mit dem Mobiltelephon gerade nur diejenigen Notfälle aufzufangen bei denen wir uns vor seiner Erfindung ein solches gewünscht hätten, weiten wir seinen Einsatz auf Situationen aus, in denen wir früher nicht im Traum das Bedürfnis nach Kommunikation gehabt hätten. An welche Einsatzmöglichkeiten hätte man denn vor 20 Jahren gedacht, wenn man sich so einen Kommunikator vorgestellt hätte? Doch wohl an Raumschiff Enterprise, an die Wirklichkeit gewordene Science Fiction, Hilfe holen nach dem Verkehrsunfall, Knöchel gebrochen beim Wandern, Reifenpanne, Raubüberfall, aus der Wohnung ausgeschlossen, mit Fieberattacke ans Bett gefesselt. Aber die Realität, die uns jetzt eingeholt hat, sieht ja ganz anders aus. Klar ist so ein Ding in Notfällen nützlich. Nur wird es kaum in Notfällen gebraucht, weil Notfälle glücklicherweise selten sind; und trotzdem sieht man mehr Leute auf einer 10-minütigen Busfahrt in ihren Kommunikator sprechen oder schreiben als die Enterprise-Helden in einem ganzen Kinofilm. Und bei denen kann es bekanntlich wirklich mal eng werden. Ach, denken wir, wo es doch schon mal da ist, da könnte ich doch – und schon sitzt man in der Falle, und das Telephon beherrscht uns, statt wir unseren Terminkalender.

So schafft sich, ebenso wie das Auto und der Computer, das Mobiltelephon seine eigene Notwendigkeit selber. Wenn keiner mehr glaubt, Verabredungen einhalten zu müssen, weil man ja jederzeit sein Zuspätkommen ankündigen und den anderen von der Last vergeblichen Wartens befreien kann, bekommt derjenige, der sich der mobilen Kommunikation entziehen möchte, angesichts dieser Unverbindlichkeit fluchs den schwarzen Peter zugeschoben. Ist ein Termin geplatzt, so heißt es: „Selber schuld, du hast ja kein Händie, sonst hätt ich dich angerufen.“ Daß der, der so spricht, nicht zur vereinbarten Zeit erschienen ist, wird großzügig übersehen. Ich war nicht erreichbar, also bin ich selber schuld, egal, ob ich pünktlich gekommen bin und mich an die Vereinbarung gehalten habe. Am Ende muß ich mich noch auslachen lassen dafür, daß ich brav wie ein Wachhund eine halbe Stunde gewartet habe. Andere warten wahrscheinlich nicht einmal fünf Minuten. Deswegen geben die Leute ja auch ständig durch, daß sie fünf Minuten später kommen. Will ich diese Situation vermeiden, muß ich eben erreichbar sein. Praktisch? Nein. Es ist nicht praktisch, ein Mobiltelephon zu haben. Es ist unpraktisch, keines zu besitzen. In einer Welt ohne Dauererreichbarkeit würde man Termine so planen, daß man sie einhalten kann. Oder besser: So ist es Tausende von Jahren tatsächlich gewesen. Kaum zu glauben. Eigentlich schon immer, bis etwa Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Klar ist das Händie unabdingbar, wenn sich niemand mehr an Termine hält. Und es hält sich niemand daran, weil es ja Händies gibt. Also sind Händies notwendig, weil es sie gibt.
Eins aber ist das Mobiltelephon bestimmt nicht: Schön. Das Händie ist häßlich, laut, blöde, vorwitzig, arrogant, banal, nervtötend, aufschneiderisch, schrill, dummdreist, stressend, quengelig, anmaßend, unausstehlich, nachtragend, stur, plärrend, egoistisch. Es ist eine Zumutung. Man braucht es, ja. Aber es ist nicht da, weil man es braucht.
Man braucht es, weil es da ist.

(Editorische Anmerkung 2016: Ich habe immer noch keins.)

Kampf um Ruhe (2)

Mit der Suche nach einer Wohnalternative bin ein gutes Stück schlauer, deswegen aber noch lange nicht weiter. Die Schwierigkeiten, die ein Leben im Wohnmobil, schon ohne das Bücherproblem zu berücksichtigen, mit sich bringt, nämlich: Strom, Wasser, Abwasser, Wäschewaschen, Vorratshaltung, Stellplatz, diese Schwierigkeiten also schienen darin überwunden, und das mit einem Schlag, daß man statt des Wohnmobils einen Wohnwagen wählt, ein Vorzelt dazustellt und sich auf einem Campingplatz mit Dauerstellplätzen einrichtet. Eine kurze Suche im Internet ergab Kosten von etwa € 900 im Jahr für eine Stellfläche von 100 qm. Größere Wohnwagen bringen es durchaus auf 10–12 qm Wohnfläche, die sich mittels Vorzeltes auf gut das Doppelte erweitern ließe. Ein Vorzelt hat außerdem den Vorteil, daß man Erde, Sand, Nässe, Gras nicht gleich in den Wagen trägt. Auf einem Campingplatz hätte man einen eigenen Stromanschluß, Dusche und Toilette stünden zur Verfügung, bei guter Ausstattung gäbe es sogar Waschmaschinen und einen Trockenraum.

Bei Hochwasser überflutet: der Campingplatz "Genienau" bei Bonn-Mehlem. Im Hintergrund der Rhein.
Bei Hochwasser überflutet: Der Campingplatz „Genienau“ bei Bonn-Mehlem

Alles bestens, dachte ich, das ist die Lösung. Und begann, Campingplätze in der Umgebung anzuschreiben.
Das ernüchternde Ergebnis: Von den wenigen Plätzen, die so stadtnah liegen, daß ich noch in vertretbarer Reisezeit zur Arbeitsstelle gelangen könnte, haben die einen nur Saisonbetrieb, liegen die anderen im Hochwasserbereich des Rheins („in dieser Zeit müßten Sie den Wagen dann wegstellen“), sind dritte hoffnungslos überteuert (über € 200 pro Monat!) oder alles drei kommt zusammen.
Haha! Meine Wohnung wegstellen. Prima Idee.
Ferner versichern mir Freunde und Verwandte mit Campingerfahrung übereinstimmend, daß ich meine Ruhe gewiß nur in den Wintermonaten haben würde, während die Plätze im Sommer vor allem an den Wochenenden überfüllt seien und es dementsprechend laut hergehe. Hölle, murmele ich, und meine Freunde und Verwandten mit Campingerfahrung nicken bekräftigend mit dem Kopf. Die sei dann da los, richtig. So etwas habe ich mir natürlich auch schon gedacht. Einer der von mir inspizierten Plätze hatte gar eine eigene Bühne, und wozu so etwas dient, weiß man ja. Auch läuft mir ein Schauder über den Rücken bei der Vorstellung, während der Sommermonate morgens vor den Duschkabinen im Kot-plus-Zahnpasta-plus-Rasierwasser-Mief Schlange stehen zu müssen und mich nachts schlaflos zu wälzen, während nebenan bis in die Puppen gefeiert? ach was: einfach nur gequatscht wird. Nur trennen mich dann eben nicht mehr dreißig Zentimeter schlecht gedämmten Mauerwerks von der Quelle des Übels, sondern nur noch zwei Zentimeter gar nicht gedämmten Kunststoffs.
Im Augenblick sieht es so aus, als würden alle Bestrebungen wohnungslosen Wohnens darauf hinauslaufen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.