Barcarole

Am Morgen deiner Abreise lief Mendelssohns Gondellied im Radio. Lange habe ich da gelauscht. Vornübergesunken und schief, wie ich auf dem Stuhl saß, habe ich über den Trillern und schaukelnden Triolen ins Nichts der Töne gestarrt, die Augen jenseits jeder Plane des Sichtbaren eingewurzelt, während ich dem weichen, klagenden Moll der Harmonien und den im Sog der eigenen Zwangsläufigeit fortschreitenden Akkorden folgte, atemlos, hingegeben, bezaubert, für den Moment alles andere vergessend. Wie lange das Stück dauerte, weiß ich nicht. Schon wollte es verklingen. Noch eine kleine Terz, ein schwebendes, trauriges Fallen zum Grundton, ein Weilchen derjenigen Ewigkeit, aus der alle Melodien geschöpft sind, und in die sie nach dem Verklingen jeder Musik wieder zurückfallen, wie Küsse, nachdem sich die Lippen voneinander gelöst haben. Ich lauschte in dieses Weilchen Ewigkeit hinein, bis es verstummte; und dann, im Auftauchen aus den Nachschwingungen der eben an die Luft abgelebten Klänge, hob ich den in die endliche Welt der Tatsachen wieder zu sich gekommenen Blick und sah nach dem Fenster. Ich wußte es noch nicht, aber in diesem Moment warst du schon abgereist, und mein Lebewohl würde dich nicht mehr erreichen. Ich schaute und atmete, im Ohr noch den letzten Mendelssohntriller, und da fiel wieder der Schnee: dicke Flocken, unzählige, und jede einzigartig, ihre eigene, nie zu wiederholende Geschichte in Kristall.

Plötzlich weinte jemand, und ich begriff, daß ich es selbst war, der weinte, und auch, daß die Musik noch gar nicht verstummt war: Eben verstummte sie. Ein letzter Leitton zur Dominante, ein letztes Seufzen der Tonika, noch eine Triole, ritardando, ehe auch dies, und nun endgültig erstarb, und lange Zeit nur das Fallen des Schnees zu hören war.

Buch gesucht

Gesucht wird ein älteres russisches Kinderbuch, Autor und Titel unbekannt. Darin wird die Geschichte eines (Eskimo?)Jungen erzählt, der im Polarmeer auf Treibeis gerät, von einer aufgehenden Spalte überrascht wird und wochenlang auf einer Eisscholle überleben muß. Ganz auf sich allein gestellt, findet er Unterschlupf in einer Schneehöhle und tröstet sich mit der Lektüre eines Buchs, das er im Schein einer Petroleumlampe liest. Ein bißchen Proviant hat er schon bei sich; ab und zu taucht ein Flugzeug auf und wirft Nahrungsmittel und Brennstoff ab. Das muß er sich gut einteilen. Wann ihn jemand retten kann, ist unklar. (Bis das Meer zufriert?) Wahrscheinlich gibt es auch Eisbären, so genau weiß ich das nicht mehr. Was ich aber noch weiß, weil mich das sehr beeindruckt hat: Der Junge hat ein Gewehr und versteht sich aufs Jagen. Die Übersetzung muß in der DDR erschienen sein. Ich glaube, aber sicher bin ich mir auch hier nicht, auf dem Umschlag war ein in Pelz und Mütze gehüllter Knabe mit asiatischen Gesichtszügen abgebildet, der an einem Eisloch angelt. Die Angaben sind spärlich und vielleicht sind sie auch alle falsch.
Weiß trotzdem vielleicht jemand was darüber?

Nubes

Als Christina die Lichtung betrat, sah sie das Ding über der Stadt hängen. Es war ein Ding, wie wohl noch niemand je eins gesehen hatte. Dick und dunkel hing es da, sah aus wie eine Wolke, war keine; warf seinen Schatten auf die Stadt, die sich duckte und ganz klein und spröde wurde darunter; hing in der Höhe, daß der Himmel davor floh, nahm im Umkreis alles Licht aus der Luft, verbreitete Angst und Schrecken; und hatte außer der Furcht keinen Namen.

Rabenkrähe

Die Härte des Sonnenscheins schlug mich aus dem Schlaf. Die Fenster sirrten vor Helligkeit. Ich hatte von wildem Krächzen geträumt, schwarzen Schreien, die über einen Felsen herabgekollert waren und als plumpe Körper teils auf einem Fels zerschellten, teils sich taumelnd wieder in die Luft zu erheben versuchten und dabei Raum und Blick mit ihrem zausen Gefieder erfüllten. Und als ich jetzt, benommen von den Hieben der Sonne, den Kopf vom Kissen hob, klangen die Schreie immer noch nach. Ich schüttelte den Kopf, hielt mir die Ohren zu; bis ich begriff, daß ich nicht mehr träumte, vielmehr das Krächzen draußen wirklich war; es klang, als reibe sich die Sonne an den beschlagenen Scheiben. Auf dem Nachttisch lag das Buch, das ich am Vortag aus dem Antiquariat mitgenommen hatte.  Die verkratzten, mit Gold ehemals schimmernd ausgelegten Lettern des Titels schlugen die greisen Augen zu mir auf. Und als ich mich aus dem Bett erhoben hatte, so schnell, daß mich ein Schwindel erfaßte, hörte ich, während  ein buntes Geriesel mir den Blick durchschneite und ich mich am Bettpfosten festhalten mußte, um nicht umzukippen, plötzlich die Schreie nicht mehr aus dem hinter Schleiern verborgenen Räumen jenseits des Fensters, nicht mehr vom Feld, aus der frostigen-grellen Luft, aus dem wuchtigen Himmel, nicht mehr von Türmen oder Zinnen (oder Felsabstürzen) herunter- und heranschrillen, sondern als mühsame Stimmen aus dem Buch, aus dem Dunkel der nach unten aufgeschlagenen Seiten des Buchs, seinen seltsamen Geschichten, sich herausquälen.

Tempus sempervirens

Habe ich von Mut geredet? Meinen muß über Nacht der Schnee begraben haben.

Ich will hinausgehen und aufs Feld hauchen, bis alles Eis weggeschmolzen ist.

Gegen den Sturm brüllen, bis die Hügel ein Einsehen haben und das Licht wegpacken. Die Sehnsucht ersetzt mir den Tag.

Ich hätte gerne einen Garten aus immergrüner Zeit.

Es sprang mir in den Blick, kaum daß ich den Weg hinauf um die Mauer bog. Weil ich es erst sehen konnte, als ich unmittelbar davor anlangte, erschrak ich bis ins Mark.
Der ganze Umkreis hatte sich abgewendet von diesem Tod, so allein lag es da, massiv, riesig, im Tode größer als lebendig je ein Reh gewesen ist. Ein Aufschrei aus Fleisch und Fell. Die Straße schien sich wegzukrümmen, die Mauer zurückzuweichen. Selbst die Schatten hielten es nicht aus in seiner Nähe, waren alle geflohen, hockten schnatternd in den Büschen überm Weg. Gleichmütig nur der Schnee, auf dem das Tier lag, wie zur Ruhe hingebreitet, die Beine ausgestreckt, kein sichtbares Zeichen von Gewalt am Leib. Die Zunge war seitwärts aus dem offenen Maul geglitten; grau und gewunden, schien sie viel zu groß für die schmale Schnauze. Es sah aus, als lecke das Tier am Eis, als wolle es sich
nur eben erfrischen, ehe es aufspränge, sich schüttelte, davonliefe und wieder lebendig wäre.
Es war noch nicht lange tot. Die Augen glänzten noch, die Hornhaut war noch nicht eingetrocknet, Winterlicht spiegelte sich darin, eine Welt in schwarzem Glas. Als ich vorbeilief, verdunkelte mein Schatten einen Moment diesen leblosen Blick, und da war es kurz, als wolle das Tier überrascht den Kopf heben. Vielleicht hätte es das auch getan; nur zwang es meine Gegenwart, still liegenzubleiben. Doch jeden Moment würde es aufspringen, gleich, sobald ich vorüber wäre, ich, dessen Blick es verdammte zum Totsein.

Schnee

Buchsbaum und Weißdorn ziehen
ihre Schlingen um die Gehöfte zu.

Die Eichen haben ihre Netze ausgeworfen.
Rabe um Rabe fischen sie aus dem Horizont.

Äcker brennen weiße Furchen
in den Blick. Vor den Schlittenkufen
laufen alle Wege davon.

In den Kohleaugen des Schneemanns
baut sich der Abend ein Nest.

Wenn die Kinder fort sind,
zieht sich der Wetterhahn
leise den Himmel über den Kopf.

Bis zu den Wimpern
steigt der Schnee.
Wenn es ganz dunkel ist,
wird es warm sein
hinter den Lidern.

Widertonmoos

wo man vom widertonmoos spricht,
vor wonne frieren.

die ferne nach ihren farben
befragen über der einsamen lärche.

mit klammen lippen
atemwegen folgen, im

glücksgefröstel das hemd
hochschieben, ganz

über alle wipfel, daß
warme haut bis zum rhein reicht.

zwischen strom und stromern die wege
in küssen messen und die küsse danach
wie weit sie wohl tragen

(je süßer desto weniger)

Catull V (L. küssen)

VIVAMUS mea Lesbia, atque amemus,
rumoresque senum seueriorum
omnes unius aestimemus assis!
soles occidere et redire possunt:
nobis cum semel occidit breuis lux,
nox est perpetua una dormienda.
da mi basia mille, deinde centum,
dein mille altera, dein secunda centum,
deinde usque altera mille, deinde centum.
dein, cum milia multa fecerimus,
conturbabimus illa, ne sciamus,
aut ne quis malus inuidere possit,
cum tantum sciat esse basiorum.

Wir wollen, Lesbia, leben und uns lieben,
und mißgünstiges Reden strenger Greise
soll uns nach Herzenslust gestohlen bleiben.
Allein die Sonne sinkt und steigt doch wieder:
Wenn unser kurzes Lebenslicht gesunken,
so schlafen wir in Finsternis für immer.
Oh, gib mir tausend Küsse, danach hundert,
darauf ein zweites Tausend, nochmal hundert,
und sogar nochmal tausend, nochmals hundert.
Und dann, nach abertausend Abertausend,
verzähl’n wir uns, damit wir’s selbst nicht wissen,
und keiner sie uns übelwollend neide,
die Küsse, wenn er weiß, wieviel es waren.

Silben

So ein Name, drei Silben, nicht lang, nicht kurz, lang genug, weit genug, daß eine ganze Kindheit darin zu Wort und Klang kommen konnte, Mi und Le und Na, solche Silben, lächelnde, ernste, stirnrunzelnde, plappernde Mädchenseelensilben. Mi und Jan, Jan und Le, Na und Jan, mit Mi in einem Schneehaus gesessen, mit Le ein Eis geteilt, und Na hat Vanillestriemen auf ihrer Zunge gehabt, und Mi will mit ihm Küssen üben hinter einer Scheune, und Le hockt mit ihm kichernd unter einem Tisch, an dem ringsum viele Gäste sitzen, mit Na gemeinsam krank gewesen, mit Mi die Windpocken gehabt, Le auf die Toilette begleitet und dort erstaunliches gesehen, und Na, die letzte Silbe, das Ausschwingen und ins Verstummen Laufende ihres Namens, Na, hat ihn nicht ins Auto steigen lassen wollen, in den Wagen, der ihn forttragen würde von ihr, von allen ihren runden, rollenden, Lippen und Zunge zu schöner Bewegung zwingenden Silben, einem Namen, einer Kindheit: Mi, Le, Na, Milena.

Die Schneehäuser sind abgeschmolzen, die Windpocken überstanden. Aber damals ist er ins Auto gestiegen, und später, am Abend, in der Wohnung in der Stadt, da hat er geweint und es nicht fassen können, daß er am Morgen, in einer anderen Welt, ins Auto gestiegen ist. Daß nun Milenas Hier zu seinem Dort und ihr Dort zu seinem Hier geworden ist, und wie das aueinanderfällt, und daß die Zeit vergeht und man nicht zurückkann in ihr, und man darin Dinge tut und getan hat, die man später nicht getan haben will. Das ängstigt ihn und peinigt ihn, und die Mutter kann ihn nicht trösten: Die Mutter, die er wegen Milenas ausgebreiteter Arme gefragt hat, und die es ihm erklärte, Sie wollte nicht, daß du fährst. Sie wollte nicht, und dann ist er aber gefahren. Und er wollte doch auch nicht. Oder wollte er? Und jetzt lag er im Bett, untröstlich, und weinte, daß er hier und nicht Dort war, in Milenas unerreichbarem Hier.

Auf L. warten

Stürme im Bauch und Wellen in der Brust. Armeen von Dermatozoen machen sich die Geographie meiner Haut untertan. Schmetterlingsorkane durchpflügen alle Ordnungen meiner Organe aus Quecksilber und Salz. Die Fingergelenke schmerzen, als wohnten Funken darin. Die Schultern schwimmen mit mir auf dem Sturmwind davon. Die Büsche hängen voll bunter Atemzüge. Mühsam tragen sie daran.

Die Fenster schauen mich an mit Blicken voll Wetter. Viele Himmel über dem Haupt, gehalten von Vögeln. Die Angst ist Kristall und hockt in den Zähnen. Die Wege konzentrieren sich auf mich und lassen mich nicht vorbei. Nichts läßt mich, der Tag nicht, und nicht die Nacht. Alles ist Sammlung. Das Licht konzentriert sich auf meine Augen, bis sie fliegen von Bildern. Am Gaumen arbeitet das zirpende Reiben der Zeit. Stunden wissen von Minuten, Sekunden wissen meine Herzschläge auswendig.

Noch der Schlaf kennt mich genau. Leise prüft er mich mit seinen Träumen. Aber ich singe, singe; ins Dunkel singe ich, um die Finsternis daran zu hindern, in sich zusammenzustürzen. Was gäbe das für ein gleißendes Licht. Aber ich weiß einen Namen, wo das nicht geschehen wird. Das Dunkel wird bleiben und groß sein, und der Name darin hausen, und selbst im Schlaf nicht vergessen sein.

L. begegnen (Eine Phantasie)

Wenn wir uns das erste Mal sehen:
Ich werde dir den Park ganz genau beschreiben, und wie du gehen mußt, um mich zu finden. Es ist nicht schwierig, durchs Tor, einmal rechts, zweimal links, oder andersherum. Ein Stückchen geradeaus, an den Schwänen vorbei und dem Reh aus Gips, bis man zu der Wiese kommt. Ich werde dir ganz genau sagen, auf welcher Bank ich dort sitzen werde, eine Bommelmütze auf dem Kopf, mit geschlossenen Augen, einen ganzen Nachmittag lang. Die zweite Bank von der Hängebuche an gezählt wird es sein. Ganz sicher werde ich da sitzen, und allein: Wenn schon jemand da ist, werde ich ihm sagen, daß ich dich erwarte, und ihn höflich bitten, sich woanders hinzusetzen. Das wird jeder sofort verstehen. Und dann werde ich warten, und ich werde die Augen nicht mehr öffnen. In der Nähe spielen Kinder, ferner Straßenlärm dringt heran, ein Rotkehlchen singt. Irgendwo raschelt eine Zeitung. Musik flüstert aus Kopfhörern. Kinderwagen quietschen, Mütter plaudern. Die Luft riecht bunt und nach Herbst. Die Augenblicke füllen sich mit unbekanntem Du. Ich werde warten, einen Nachmittag lang, viele Schritte werden kommen und gehen. Irgendwann werden es deine sein. Ich werde wissen, wann es soweit ist. Alle Geräusche werden zurücktreten, die Gespräche verebben, die Flugzeuge landen, das Rascheln in der Weide wird verstummen. Und die Ferne, aus der du kommst, wird sich Momente vorher mit einem L.-förmigen Schweigen füllen, wie es nur deinen Schritten vorausgehen kann. Und wenn dann deine Schritte sich daraus lösen, wird der Kies sich genau nach dir anhören. Und das Laub vor deinem Fuß wird mir flüsternd deinen Namen verraten. Ich werde die Augen nicht öffnen, wenn deine Schritte sich langsam nähern. Und ich werde die Augen nicht öffnen, wenn ganz nah ein Zweig bricht. Ich kann dich atmen hören und spüre dich warm sein. Deine Kleider rascheln leise. Aber ich will die Augen nicht öffnen, noch nicht. Und auch, wenn schon dein Schatten über mich fällt, werde ich sie fest geschlossen halten. Noch einen Augenblick soll diese Geschichte dauern, noch einen und noch einen, bevor eine neue beginnt. Dann nennst du leise meinen Namen, und ich werde die Stirn dir entgegenheben und die Augen öffnen, dich anschauen und wissen, wer du bist.

Übung gegen das Ärgern

Der Gedanke nämlich, daß alle diese vermeintlich störenden Menschen den Impuls spüren würden, gleich wie vergraben, verkapselt, verschüttet der auch sein mag, dich zu trösten, wenn du jetzt plötzlich vor ihnen in Tränen ausbrächest. Die Hand auf den Arm legen, beschwichtigend knurren, ein Taschentuch reichen — auch wenn die Hemmung bei den allermeisten größer wäre, das Schöne ist, daß alle sofort wüßten, was eigentlich zu tun sei. (Und rührt die Betretenheit in solchen Momenten nicht aus genau diesem inneren Zwiespalt?) Diese Vorstellung soll mein kleiner unzerstörbarer Glaube an die Menschheit werden.

Hinterher

Früher war die Sache einfach. Da steckte man sich nach getanem Werk eine Zigarette an. Das war so verbreitet, daß die „Zigarette danach“ sprichwörtlich wurde. Heute verbietet sich der Tabakgenuß schon aus gesundheitlichen Gründen; aber die Welt ist auch bunter, die Vorlieben individueller geworden. Was hinterher das Beste sei, darüber gibt es so viele Ansichten wie es Arten von Menschen gibt. Je nach Geschlecht, Alter und Veranlagung werden die unterschiedlichsten Bedürfnisse laut für die Momente unmittelbar danach. Während junge Männer etwa gleich noch einmal können (der Schweiß ist noch nicht getrocknet, da denken sie schon über die nächste Runde nach), beweisen ältere zwar mehr Ausdauer währenddessen, sind aber danach so erschöpft, daß sie erst einmal ein Bier oder einen Kaffee brauchen, und dann Tage benötigen, bis sie sich erholt haben und zu erneuter Anstrengung fähig sind. Sie seufzt, setzt sich die Lesebrille auf und greift nach dem Krimi. Anders die jungen Frauen: Sie machen gern danach Gymnastik und müssen sich ausgiebig pflegen. In späteren Jahren trinkt die Frau nach der Bewegung in gehobener Stimmung gern ein Gläschen Sekt. Hygienefanatiker müssen gleich unter die Dusche, während andere mit einem Erfrischungstüchlein oder einem Handtuch vorlieb nehmen. Vollgepumpt mit Endorphinen, küssen sich romantische Seelen ausgiebig. Nüchternere Menschen schlüpfen im Anschluß sofort in Anzug und Krawatte und nehmen sich die ausstehende Quartalsbilanz vor. Unter den Männern gibt es Erfolgstypen, die glauben, als erstes ihre Leistung protokollieren zu müssen. Frauen tendieren hingegen dazu, das Geschehene revue passieren zu lassen und darüber zu sinnieren, wie schön es war. Gesundheitsbewußte kontrollieren zuallererst Pulsschlag und Blutdruck, während den lukullisch Veranlagten erstmal der der Hunger drückt. Andere haben nur Durst und trinken wie ein Pferd. Viele Frauen wiederum wollen vom Essen gar nichts wissen und rechnen lieber die verbrannten Kalorien nach. Manch eine wünscht sich aber dann doch Schokolade, eine andere Rotwein. Oft widerstreiten sich die Bedürfnisse: Die eine möchte noch gern kuscheln, was dem anderen zuwider ist, während eine dritte sich wünscht, er möge sie noch ein bißchen massieren; der aber hat schon zu schnarchen begonnen, denn ein „Schläfchen danach“ ist für ihn das Größte. Nickerchen, Fernsehen oder in den Korbsessel auf dem Balkon: So viele Menschen, so viele Vorlieben. Man muß da einen Kompromiß eingehen, wenn man’s gemeinsam macht.
Was mich betrifft, so gestehe ich freimütig: Ich halte es mit der Duschfraktion. Hinterher muß ich als erstes duschen. Ja, es gibt für mich nach dem Laufen nichts Schöneres, als mir den Dreck von der Wade zu spülen.

Zwischen den Stürmen in den Wald. Auf den Wegen wieder die Mythologien des Laubs, Türme aus Farbe, von den Zehen bis über den Scheitel hinaus, das zwingt den Kopf in den Nacken, den Blick hinauf zu den Massen von Himmel. Die Sonne schreibt dem Tag was auf seine leuchtenden Banner, Hieroglyphen blitzen auf Lehm, in der Ferne schreiten flammende Riesen. Staunen, wie das Licht das alles, die Farbe, den Himmel, die Augen, mit Leichtigkeit trägt und hält. Es ist, als müsse man nie nie nie mehr atmen: es reicht, nur noch so blickauf für immer in die Sonne zu blinzeln. Ein Häher schreit. Eine Hülse platzt. Die Stunden drehen sich im Reigen fort. Ins Laub fließt die Stirn, und zwischen zwei Blicken verschwindet eine verborgene Welt. Als wäre irgend einmal eine Liebe ohne Schmerz möglich gewesen; und vielleicht war sie das im Staunen zwischen zwei Herzschlägen Traurigkeit ja wirklich einmal.

Anderswohin

Dem Tag beim Zu-sich-Kommen zusehen und wie
die Bäume sich
aus der Dämmerung schütteln
und dann noch einmal still werden bereit
den Stürmen des Tags

und wie der Weg mich
abwerfen will wie einen übermüdeten
Reiter: Als es ihm nicht gelingt wirft er
schon nicht mehr ernst
mit Pfützen nach mir

später entläßt mich
ein Fichtenhain
nach ein paar Stolperschritten da weiß der Himmel
was von Zweigen
zu berichten und von Wipfeln

gehüllt in die schnaubenden
Gründe ihres Daseins
stehen die Pferde auf der grauen Weide

frühes Licht an versunkenen Höfen fern
gehen Straßen und Ströme
an den Rändern
von allem das reicht
nicht bis hierher das muß
für immer anderswohin.