Heimat unter Strom

Wenn ich an meine Heimat denke, fallen mir als erstes die Stromleitungen ein. Es ist ein Land der Strommasten und Oberleitungen gewesen. Zahlreicher als Bäume, spannten sie sich durch alle Blicke, summte in ihnen der Wind, hing der Horizont an ihnen fest wie an einer Drachenschnur. Riesen aus Stahl hielten ihre Arme den Staren hin und knisterten bei Nebel überm Feld. Nach Westen verglühten abends die Schnüre und brannten sich in Netzhaut und Schlaf. Der Himmel hing voll schwingenden Drahts. Gegliedert in Rauten und Bahnen,ließ er sich halten von zirpendem Stahl. Morgens zogen Drähte die blaue Welle der Berge aus dem Rand der Ebene hinauf, ordneten Kabelläufe die Grenzen und Furchen der Äcker und richteten die Straßen und Feldwege nach ihnen aus, hielten die Güterzüge auf der Spur, striegelten und zwangen selbst noch die Schwärme der Krähen zur Formation. Von einem Ende der Felder zum anderen warfen sie Anker, hielten die Äcker zusammen, glätteten und hinderten die Ebenen am Auseinanderbrechen. Wasser störte sie nicht, gelassen widerstanden sie dem Strom von Kanälen und Bächen. Selbst in den Pfützen ließen sie Bruchstücke ihrer Ordnungen sehen. Im Sommer brannten ihre Schatten Striemen auf den Weg. Im Herbst kämmten sie Regen aus den Wolken. Dem Auge buchstabierten sie die Räume vor und die Weiten.

Karfreitag 2013

Da wollen wir rauf?

Schiffe kommen von Fern und lassen sich Zeit, binden Anfang und Ende eines langen Nachmittags zusammen. Wo die Höhen sich Schicht um hellere Schicht im Dunst verlieren (noch eine Linie und dahinter noch eine, und die letzte ist vielleicht nur noch Ahnung, Täuschung von Licht und Wasserdampf, ein Bogen Land, den der Blick, müde von Weite, in die Wolken hineinträumt), dort strömen Himmel und Fluß zusammen, dort beginnen die Schiffe zu schweben, während sie den Strom mit sich davonziehen.

Da wollen wir rauf. Schwarze Türme, winzig darin eingelassen Spieglungen eines bleichen, fernen Himmels. Vom Strom aus betrachtet, von der Fähre, vom zugigen Wasser, winden sich die Hügel wie die Wendeltreppen von Riesen empor, um die Kehre der Hügelkronen herum und immer noch weiter, in ein von hier unten nicht einmal anzustaunendes Land. Kalt ist es hier unten, eng stehen die Wände des Tals. Weglos und voller Schatten drängeln die Hänge zum Ufer wie riesige Tiere zur Wasserstelle. Eine Uferpromenade mit gestutzten Linden sieht aus, als habe sie Gänsehaut. Eisig schwimmt die Sonne auf Wolkendunst. Aus der Enge der Schatten führt uns eine Trockensteinmauer hinauf, und das Tal bleibt unter uns zurück. Einmal schauen, zweimal blinzeln, siebenmal Luft schöpfen, dann ist die erste Höhe erklommen. Du lachst, wir lachen, wir tanzen den Talschatten auf der Nase herum. Schwach schlägt eine Kirchturmuhr, die Stundenschläge verlieren sich ungezählt zwischen den Bachtälern. Der Strom wird zum Band, die Hänge zum Kinderspiel. Der Tag ist jung, wir haben Zeit, laß uns gehen.

Und dann ist man selbst auf der Wendeltreppe, sind wir zu zwei Riesen geworden; zu zwei im Raum von Land, Burg, Strom und Hängen winzigen Riesen, deren Schatten, hätte das Licht an diesem Tag nur eine Richtung, hinunter gleiten müßten bis auf die Silberfläche des Flusses. Oben. Hügel lehnen sich gegen den Himmel, die Bögen schaben daran entlang. Zum Strom hinunter legen die Täler sich in struppige Falten. Der Weg legt Stufen aus, das Gehen ist mühelos, die Hände warm, die Blicke voller dunstiger Tiefen. Buchten, Blicke und Fahnen: Wie lang der Tag noch ist, wie fern der Abend. Es ist nicht mehr viel Raum von unseren lachenden Stirnen bis zum Himmelsrand, eine Lerche zirpt von dort herab wie von einer Zimmerdecke.

Alles, was man sonst von unten anstaunt: Da liegt es zu Füßen, da sind die Burgen Riesen, denen man auf den Schädel spuckt, die Türme so nah vor dem Fuß, als ließen sie sich mit einem Schubs in den Rhein befördern. Das Tal rumpelt von Güterzügen. Die Straße mit den emsigen Autos und Wohnmobilen darauf sieht lustig aus und mühelos jede Bewegung, jedes Reisen auf ihr. Kühl wäre es da unten an der Mühle, die den Schatten verwirbelt. Die Häuser sind in Würfeln kunterbunt und architektonisch verwegen zu Tal gerutscht, und jetzt sind es die kleinen dunklen Fenster an der Uferpromenade, die den Kopf in den Nacken legen, um zu den Höhen hinaufzustaunen und zu den zwei Wanderern, die ihnen lachend von hoch oben winken.

Einen Ort gibt es, wo die Felsen niedersteigen, um dem Raunen eines unsichtbaren Bachs zu lauschen. Nur ein Zipfel des großen Stroms ist von hier zu sehen, die Güterzüge sind stumm. Dort läßt sich gut in der Höhe Rast machen. Steine formen sich zum Sitz, der Wind macht höflich Platz und duckt sich wispernd unters Vorjahreslaub der Eichen. Dort schweigt er. Die Beine schlafen ein, man muß die Plätze wechseln. Die Jacken rascheln. Das Licht hält den Atem an. Unterm Finger das Moos, warm wie ein Muskel. Sich rücklings umarmen lassen vom Fels. Herzschläge lang Träume von Sommer und Lilien. Gedanken, die wie Teichrosen schwimmen, leises Gefröstel unter geschlossenen Lidern. Weit unter uns trägt ein Bussard einen wildzarten Schrei über die Höhen davon.

Wie lange ist es her, daß wir aufbrachen? Plötzlich haben die Stunden wieder eine Zahl, mißt sich der Weg nach Meilen und Bahnstationen. Unter den Schwingen der Vögel breitet der Abend sich aus. Im Grund, immer noch tief unten, schwimmen Lichter, der Fluß bedeckt sich mit Hügelschatten, der letzte Güterzug ist schon lange durchs Tal gerumpelt. In den Bäumen schweigen die Vögel, und nach Hause, nach Hause, wo wäre das hin? Ein Stück Brot, einen Apfel, nachdenkliche Schlucke aus der Wasserflasche. Zwei Lerchen nur noch steigen, zitiere ich leise, du lächelst, Tritt her und laß sie schwirren, zitiere ich, bald ist es Schlafenszeit; und dann schweige ich wieder, und wir erheben uns, schultern zum letzten Mal unsere Rucksäcke und machen uns noch einmal auf den Weg, den Lichtern im Tal zu.

Wenige Schritte weiter lösen sich unsere Finger voneinander. Die Schatten von Katzen treten aus dem Weg, Rolläden klappern, es riecht schon nach Rauch. Auf den Schienen zerfließt das gelbe Licht der Bahnhofslampen. Eine Durchsage hallt blechern von Häuserwänden wider. Der Rhein ist wieder auf Augenhöhe. Langsam schlägt eine Turmuhr die Stunden herunter. Droben aber kauern die Schatten der Burgen, mächtig wie eh und je, und die Vorstellung, ein Tritt könne sie in den Rhein befördern, gehört dem Traum eines Kindes an.

Daß wir uns nicht verirren, in so viel Einsamkeit, zitiere ich. Später, im Zug, will ich dir den Rest aufsagen, aber wie ich mich umwende, ist der Platz neben mir leer. Ich habe vergessen, daß du ja längst schon in einem anderen Zug sitzt, fern von hier, auf einem anderen, ebenso plausiblen Nachhauseweg wie der meine.

Aequinoctium

Himmel, geklemmt zwischen Wein, über Steine klettern die Burgen.
     Wo deine Braue beginnt, öffnet die Ferne den Tag.
Höher greifen die Türme, entziffern die Gleichung der blauen
     Säume des Morgens, vom Feld holen die Wege den Lenz.
Mühlen gründeln im Tal, im Rucksack meutern die Karten,
     Hügel holen den Fluß zwischen den Büchern hervor.
Nie ist es weit zu den Schiffen, der Abend hält schon die Lampe.
     Wo deine Braue beginnt, schließt sich die Ferne im Kuß.

Es sprang mir in den Blick, kaum daß ich den Weg hinauf um die Mauer bog. Weil ich es erst sehen konnte, als ich unmittelbar davor anlangte, erschrak ich bis ins Mark.
Der ganze Umkreis hatte sich abgewendet von diesem Tod, so allein lag es da, massiv, riesig, im Tode größer als lebendig je ein Reh gewesen ist. Ein Aufschrei aus Fleisch und Fell. Die Straße schien sich wegzukrümmen, die Mauer zurückzuweichen. Selbst die Schatten hielten es nicht aus in seiner Nähe, waren alle geflohen, hockten schnatternd in den Büschen überm Weg. Gleichmütig nur der Schnee, auf dem das Tier lag, wie zur Ruhe hingebreitet, die Beine ausgestreckt, kein sichtbares Zeichen von Gewalt am Leib. Die Zunge war seitwärts aus dem offenen Maul geglitten; grau und gewunden, schien sie viel zu groß für die schmale Schnauze. Es sah aus, als lecke das Tier am Eis, als wolle es sich
nur eben erfrischen, ehe es aufspränge, sich schüttelte, davonliefe und wieder lebendig wäre.
Es war noch nicht lange tot. Die Augen glänzten noch, die Hornhaut war noch nicht eingetrocknet, Winterlicht spiegelte sich darin, eine Welt in schwarzem Glas. Als ich vorbeilief, verdunkelte mein Schatten einen Moment diesen leblosen Blick, und da war es kurz, als wolle das Tier überrascht den Kopf heben. Vielleicht hätte es das auch getan; nur zwang es meine Gegenwart, still liegenzubleiben. Doch jeden Moment würde es aufspringen, gleich, sobald ich vorüber wäre, ich, dessen Blick es verdammte zum Totsein.

Schnee

Buchsbaum und Weißdorn ziehen
ihre Schlingen um die Gehöfte zu.

Die Eichen haben ihre Netze ausgeworfen.
Rabe um Rabe fischen sie aus dem Horizont.

Äcker brennen weiße Furchen
in den Blick. Vor den Schlittenkufen
laufen alle Wege davon.

In den Kohleaugen des Schneemanns
baut sich der Abend ein Nest.

Wenn die Kinder fort sind,
zieht sich der Wetterhahn
leise den Himmel über den Kopf.

Bis zu den Wimpern
steigt der Schnee.
Wenn es ganz dunkel ist,
wird es warm sein
hinter den Lidern.

Widertonmoos

wo man vom widertonmoos spricht,
vor wonne frieren.

die ferne nach ihren farben
befragen über der einsamen lärche.

mit klammen lippen
atemwegen folgen, im

glücksgefröstel das hemd
hochschieben, ganz

über alle wipfel, daß
warme haut bis zum rhein reicht.

zwischen strom und stromern die wege
in küssen messen und die küsse danach
wie weit sie wohl tragen

(je süßer desto weniger)

Hinterher

Früher war die Sache einfach. Da steckte man sich nach getanem Werk eine Zigarette an. Das war so verbreitet, daß die „Zigarette danach“ sprichwörtlich wurde. Heute verbietet sich der Tabakgenuß schon aus gesundheitlichen Gründen; aber die Welt ist auch bunter, die Vorlieben individueller geworden. Was hinterher das Beste sei, darüber gibt es so viele Ansichten wie es Arten von Menschen gibt. Je nach Geschlecht, Alter und Veranlagung werden die unterschiedlichsten Bedürfnisse laut für die Momente unmittelbar danach. Während junge Männer etwa gleich noch einmal können (der Schweiß ist noch nicht getrocknet, da denken sie schon über die nächste Runde nach), beweisen ältere zwar mehr Ausdauer währenddessen, sind aber danach so erschöpft, daß sie erst einmal ein Bier oder einen Kaffee brauchen, und dann Tage benötigen, bis sie sich erholt haben und zu erneuter Anstrengung fähig sind. Sie seufzt, setzt sich die Lesebrille auf und greift nach dem Krimi. Anders die jungen Frauen: Sie machen gern danach Gymnastik und müssen sich ausgiebig pflegen. In späteren Jahren trinkt die Frau nach der Bewegung in gehobener Stimmung gern ein Gläschen Sekt. Hygienefanatiker müssen gleich unter die Dusche, während andere mit einem Erfrischungstüchlein oder einem Handtuch vorlieb nehmen. Vollgepumpt mit Endorphinen, küssen sich romantische Seelen ausgiebig. Nüchternere Menschen schlüpfen im Anschluß sofort in Anzug und Krawatte und nehmen sich die ausstehende Quartalsbilanz vor. Unter den Männern gibt es Erfolgstypen, die glauben, als erstes ihre Leistung protokollieren zu müssen. Frauen tendieren hingegen dazu, das Geschehene revue passieren zu lassen und darüber zu sinnieren, wie schön es war. Gesundheitsbewußte kontrollieren zuallererst Pulsschlag und Blutdruck, während den lukullisch Veranlagten erstmal der der Hunger drückt. Andere haben nur Durst und trinken wie ein Pferd. Viele Frauen wiederum wollen vom Essen gar nichts wissen und rechnen lieber die verbrannten Kalorien nach. Manch eine wünscht sich aber dann doch Schokolade, eine andere Rotwein. Oft widerstreiten sich die Bedürfnisse: Die eine möchte noch gern kuscheln, was dem anderen zuwider ist, während eine dritte sich wünscht, er möge sie noch ein bißchen massieren; der aber hat schon zu schnarchen begonnen, denn ein „Schläfchen danach“ ist für ihn das Größte. Nickerchen, Fernsehen oder in den Korbsessel auf dem Balkon: So viele Menschen, so viele Vorlieben. Man muß da einen Kompromiß eingehen, wenn man’s gemeinsam macht.
Was mich betrifft, so gestehe ich freimütig: Ich halte es mit der Duschfraktion. Hinterher muß ich als erstes duschen. Ja, es gibt für mich nach dem Laufen nichts Schöneres, als mir den Dreck von der Wade zu spülen.

Anderswohin

Dem Tag beim Zu-sich-Kommen zusehen und wie
die Bäume sich
aus der Dämmerung schütteln
und dann noch einmal still werden bereit
den Stürmen des Tags

und wie der Weg mich
abwerfen will wie einen übermüdeten
Reiter: Als es ihm nicht gelingt wirft er
schon nicht mehr ernst
mit Pfützen nach mir

später entläßt mich
ein Fichtenhain
nach ein paar Stolperschritten da weiß der Himmel
was von Zweigen
zu berichten und von Wipfeln

gehüllt in die schnaubenden
Gründe ihres Daseins
stehen die Pferde auf der grauen Weide

frühes Licht an versunkenen Höfen fern
gehen Straßen und Ströme
an den Rändern
von allem das reicht
nicht bis hierher das muß
für immer anderswohin.

Kein Nostos

Jedes Jahr aufs neue haben wir uns selbst verloren. Die Heimkehr war eine Heimkehr an einen unbekannten Ort und eine Vertreibung unserer selbst aus uns. Das Ende der Urlaubsfahrt bedeutete nicht allein, daß uns die Fremde nicht mehr besaß, sondern daß wir die Heimat, die wir selbst in uns fanden, wieder verloren hatten. So kam uns denn gar nicht wie Heimat vor, was uns an diesem sogenannten Daheim erwartete, die wir braungebrannt heim- und doch nicht heimkehrten: sondern wie Fremde an einen fremden Ort. Einen Ort der Verbannung.

Noch ein paar Tage schulfrei, noch ein paar heiße Sommernachmittage, ein Eis am Baggersee: Es taugt alles nichts. Denn es gibt nichts zu erwarten, alles es ist schon gewesen; der Duft von Sonnenöl ist keine Verheißung sondern eine Erinnerung. Die Tage, wie warm sie auch noch seien, sind nur noch ein Rest, der früh dunkelt. Morgens, beim Erwachen, heulen die Schwerlaster über die kilometerweit entfernte Autobahn, die in Fernen führt, die dich nicht mehr enthalten. Die Wände hallen, der Lichtschalter klingt hohl. Die Vögel haben sich versteckt, statt Aprikosen gibt es wieder Äpfel, und die Monate enden auf -r. Das Meer ist ein Jahr weit entfernt. Gräßlich.

Mit den Eltern im Wohnanhänger vier Wochen durch Süd- und Westeuropa gegondelt, die Alpen, das Mittelmeer, unendliche Sonnenblumenfelder, die leuchtenden Reihen laufen alle auf eine finstere Burg zu. Sonne, Wasser, Steine, Flechten, Gewürze, alte Mauern, die das Brennen der Sonne abhielten und gluckernde Kühlung schufen. Berge, echte Berge, eiskalt und so hoch, daß sie Schatten warfen. Von allem die Essenz, das Konzentrat der Empfindungen, bis ich mich selbst darin beheimatet und daraus schöpfend als Konzentrat meines Jungseins fühlen durfte.

Doch dann kam man wieder nach Hause und nicht nur in einen anderen Raum, sondern auch in eine andere Zeit, in eine fremde, nach allen Richtungen unpassende Jahreszeit, die weder Sommer war noch schon Herbst, eine Jahreszeit der Öde, wo die Berge runde Kuppen hatten, die Bäche kanalisiert waren, und alles in unendlicher Verdünnung bestand, bis man selbst sich daran erschöpfte und alle Essenz des Lebens zum Teufel war. Selbst die Nummernschilder der Autos, dieses blöde Weiß, die Farben der vertrauten Geldwährung, die Ortseingangsschilder, dieses dümmliche, gewöhnliche Gelb, wie trist war das. Nicht zu reden von der Sprache! Reichte es nicht, daß es kein Französisch mehr war, mußte es auch noch dieser zähneziehende Dialekt sein?

Mit Erstaunen haben wir damals immer festgestellt, daß es auch hier, in der fremden Heimat, so etwas wie Wetter gegeben hatte; daß die Zeit nicht stehengeblieben war, daß jemand Post ausgetragen, den Rasen gemäht, einen Baum gefällt hatte. Aber die hier geblieben waren, wußten nichts von der Sonne und den Alpengipfeln: Mit denen war zu reden. Selbst wenn sie Hochdeutsch gesprochen hätten. Fremd waren sie. Verständnislos glotzten sie über den Gartenzaun. Fremd war selbst noch die Luft, weil sie so schal schmeckte, und komische Fransen hingen am Himmel, strähnig und wie von Fett glänzend. Wir Heimkehrer und Asylanten, die wir ganz andere Himmel erprobt hatten, waren uns einig: die Farbe Blau hatte einen solchen Himmel nicht verdient.

Nach vier Wochen im Campingwagen befiel uns in Erwartung der hallenden Riesenzimmer der Wohnung eine agoraphobe Beklemmung. Wir verspürten das starke Bedürfnis nach Aufschub und Flucht: noch eine Nacht im Wohnwagen schlafen, auf dem Parkplatz in unserer Straße, und die Fremde noch ein letztes Mal, und seis als Illusion, in den vier so vertraut gewordenen Kunststoffwänden des mobilen Heims festhalten, ein Stück konservierter, hingehaltener, noch ein letztes Mal auszukostender Fremd- und Freiheit. Die Eltern, längst schlauer und desillusioniert, winkten ab.

Und wie wir uns dann in den Tagen, die der Nicht-Heimkehr folgten, zu trösten versuchten, mit guten Vorsätzen, die darauf abzielten, etwas von den erfahrenen Reichtümern der Ferientage in die Welt der Alltage hinüberzuretten und sich der neu gewonnenen Erkenntnis stets aufs Neue zu vergewissern, daß das Leben so perfekt sein kann wie ein Eis auf der Hafenmole von Menton oder der Biß des Gletscherwassers an den wundgewanderten Füßen; verzweifelte Versuche, es nicht auf sich beruhen zu lassen, und nach Möglichkeit der Umstände, so gut es eben ging, ein solches Leben wie das eben gekostete nicht nur als Pause zu führen, sondern als Alltag. Und so faßten wir dann unsere erbärmlichen Vorsätze, mehr rausgehen, öfter wandern, ausschöpfen, was das bißchen Natur im Rhein-Neckar-Kreis zu bieten hatte.

Schnell aber ermüdeten wir. Und es stellte sich heraus Der Baggersee war schon in Ordnung, Aber er war halt nicht die Côte d‘Azur, sein Wasser war schlammig, man konnte den Grund nicht sehen, es roch nicht nach Meer, und wenn mans genau nahm, roch es nicht nur nicht nach Meer, sondern brackig. Abgestanden. Und so abgestanden begannen wir uns dann auch selbst zu fühlen. Abgestanden wie der Hausflur, die Winterklamotten und der ortsübliche Dialekt. Bis es schien, daß aus unseren Poren dieselbe Brackigkeit, dieser unfrische, laue Hauch des Alltags herausquoll. Mehr rausgehen, das hieß vor allem: Straßen. Und das Gefährlichste an den Flanken des Eichelbergs waren die Bremsen und die Pferdeäpfel.

Und so setzte denn auch, über die Wochen, während aus der falschen Jahreszeit endlich Herbst geworden war, der Verdünnungsprozeß nicht nur den Vorsätzen, sondern unserem Ekelgefühlt selbst zu, bis wir, selbst Verdünnte, unseren Mangel nicht mehr bemerkten und es eines neuen Sommers bedurfte, um uns uns selber wiederzuerfinden.

Ströme, Strömung, stromern

Ein Licht, in dem die Uhren langsamer gehen und die Ströme träge im Kreis fließen. Du steigst niemals in denselben Fluß? An einem solchen Tag würdest du immer wieder aufs neue im selben baden. Du würdest dich naß machen mit den wiederholten Spiegelungen von Spiegelungen, und uraltes Licht von den Fingerspitzen wegschleudern. Du würdest waten in Geflüstertem und Anvertrautem, Gestöhntem und Gekichertem, Zettel mit zerlaufener Tinte, wo jemand seine Angst notiert und in den Strom geworfen hat. Irgendwo glauben sie, die Liebe festschließen zu können und dem Wasser den Schlüssel überantworten. Man will hoffen, daß das Wasser im Kreis fließt; wie soll sonst die Liebe immer neu beginnen?

Wie träge Schiffe auf dem Ozean schweben die Züge für Ewigkeiten zwischen den Bahnhöfen; am Ende sind sie alle doch pünktlich. Ins Licht wachsen die Wälder, Augen und Zungen hängen voll Laub. An den Füßen tummeln sich Mäuse; in allen Taschen trägt man süße Schatten mit sich herum. Auf so viele Arten kann etwas trocken sein. Samtig und kratzig und staubig, Alphabete des Knisterns. Fransige Lippen und spröde Wangen und warme Risse an den Händen. Küsse mit süßer Restfeuchte am tiefen Grund. Wie kühl sonnenhelles Haar ist. Wie flüssig dein Schatten über dem Wasser, mit Hut. Reife Früchte, Schoten mit Buchstaben darin, platzende Hülsen und Häutchen um die Seele von Nüssen. Zweifarbige schillernde Tugenden, bitter schmeckt der Herbst, und gut. Ein Sonnenstrahl kommt an den Serifen eines Blattrands zur Ruhe. Buntes stiefelt durchs Laub, das trägt Stock und Hut und ein Liedchen auf den Lippen: Nicht im Lenz, wie die meisten glauben, sondern im Herbst fängt alles an.

Zwischen den Schläfen geht der Himmel auf. An den Wimpern hängen die Hügel fest, Kastanien rollen vor dem Fuß davon, und in den Lüften über allen Stirnen: Ein Flugzeug mit Gebrumm. Um von Horizont zu Horizont zu gelangen, braucht es einen ganzen lang hingesponnenen Nachmittag. Da sind die Züge alle schon eingefahren, haben sich die Wege verirrt und verknäuelt und kennen deinen Namen nicht mehr. Die Nacht ruft sie zurück in die Schatten und sammelt alles Verstreute wieder ein. Aufgerollt und eingeschmiegt die Richtungen, Winkel und Fernen, der Kies, der Sand und Stimmen. Darin findet sich wohl auch dein Name wieder, irgendwo, versteckt, kichernd in einem uralten Holunderstrauch.

Fern von hier, an deinem Haus, war der Strom auch schon derselbe.

Alpenschatten

Auch wenn man nicht hinschaut, ist ihr Schatten nah. Immerzu drückt ihre ins Diesseits gestemmte Last auf die Augenlider. Zu jeder Stunde, nachts, in Räumen, im Schatten von Wänden und Wipfeln greift ihr Gewicht noch aus, um an Stirn und Schläfen zu zerren. Alle Kreuzungen zeigen darauf, alles, was steigt und fällt. Jeder Surz kommt von ihnen hergerollt, jeder Vogelflug nimmt von dort seinen Ursprung. Sie sind die Fünfte Himmelsrichtung, die alle Winde der Rose beherrscht. Siehst du sie an, füllen sie dir das Blickfeld ganz. Schaust du woanders hin, bleiben sie im Augenwinkel stehen. Aufmerksam, greise Riesen, die Gedanken voller Gewölk. Sie rollen die Wege, rollen morgens die Teppiche aus, ziehen am Abend Pfad um steinigen Pfad wieder ein. Bis alle Richtungen im blanken Fels zum Ende kommen. Verschließen die Lüfte mit dornigen Tälerschatten. Abermals Unzugängliche, laufen ihre schwebenden Steige nachts nach Wolkenart. Dann erheben sich Lichter aus dem Grund. Strenge Augen vor Pforten, hängen sie über jedem Grund und lassen die schwarze Ferne zittern von Spalten und Schluchten. Die Bäume neigen sich zum Sturz. Der Schlaf rollt sich zusammen unter ihrem Dach. Die Zeit sieht ihnen beim Wachsen zu.

Beim Laufen

Der Asphalt blubbert, darüber schleppen die Tiere sich dahin, Krallen im Karamell. Staub und Kletten striegeln das Fell. Schnauzen suchen nach ihresgleichen. Irgendwo gehört ein Mensch dazu. Unklar, wer hier wen zieht, der Mensch den Hund oder der Hund den Menschen. Schweben von Schemen, wegauf und wegab, Schiffe und Segel. Die Hecken stehn im Dunst, beschämt über den Gestank von Kot, der an ihren Wurzeln hockt. Hammerschläge lassen ein Echo hinter sich fallen, mit Mühe schlägt es die Wand zurück. Die Farben hadern mit dem Licht. Sie halten es nicht, sie warten auf die Hand der Schatten, während die Sonne sich um den Kirchturm krümmt. Ein Eselskopf schaut über die Hecke, die Augen voller Fliegen. Durst, und rote Wangen, wie ausgespuckte Bonbons, Lippen unter der Nase, und wieder Durst, nach Dunkelheit. Ein Spaten ist in der Erde festgewachsen. Wohin auch immer, die Schatten sind stets noch ein paar Schritte weiter weg. Die Hitze ist ein Haar, das auf der bitteren Stirn klebt. Sie schneidet unter den Fingernagel, sie hält Wache am Bett der Liebenden, sie schläft ein in der geschmolzenen Vanille im Abfalleimer. Die Mauersegler fliehen zu den Horizonten der Wolken. Die Wege sind beladen mit Rainen, die sich aufrollen, um sich im Dunst zu verlieren. Dort versacken alle Richtungen. Laufen, nirgendwohin, bis die Sonne Mauern baut und sich der Schweiß in Käfer verwandelt. Der Wald zerkratzt den Blick. Häute wachsen zwischen den Fingern. Prüfungen des Rauchs, unter der Zunge singt Salz, die Plastiktüten quietschen bei jedem Schritt. Einzig frisch bleiben die Autos mit ihrem messerscharfen Lack, ihre Motoren heulen unwirsch über so viel Trägheit auf zwei Beinen.

Binnenwandern

Man wandert. Man geht, und schaut. Man trägt seine Blicke irgendwo hin, und, wenn man aufmerksam genug war, Landschaften wieder zurück. Striche Bögen, Wolkenbrauen können festwachsen im Inneren, Wurzeln schlagen im Geist und im Träumen, sich verwandeln, bis davon in der Weltgegend, im Außen, das man erkundete, nur mehr eine Art nüchternen Erkennungsrasters bleibt. Wo man war, mit Füßen, Blasen, Schweiß und zusammengekniffenen Augen, das ist ein Ort, an den man nicht zurückkehren kann. Denn man hat ihn mitgenommen. Nur mehr bei einem selbst existiert er und nur dort hat er Dauer.
Und entwickelt sich. Lebt: So wird es unmöglich, sie wiederzufinden, diese Landschaften, vergebens, sie als das wiederfinden zu wollen, wofür in der Erinnerung zwar eine Art Suchanweisung existiert, die wohl wirklich ein Ergebnis liefert: Nur wäre es stets, wohin es auch geht, das falsche. Denn nicht die Erinnerung bleibt immer ein Stück hinter der wirklichen Landschaft zurück, sondern gerade umgekehrt verhält es sich: Die Landschaft bleibt hinter ihrer Imagination zurück, das Bild, von den die Bögen und den Horizonten bis vors Dickicht, die Brombeeren, das Sternkraut, der Baumstoß vor den eigenen Schuhen, das alles kann die einmal eingewurzelte Vorstellung davon nicht wieder erreichen, und umso weniger, je öfter der Wanderer sich betrachtend durch sie bewegt und den inneren Räumen Nahrung davon gegeben hat.
Wir möchten so weit gehen zu sagen: Die Landschaft existiert ausschließlich in der Erinnerung. Und dort existiert sie auf ihre verträumte, nicht ver- sondern geklärte und doch unklare, wandelbare Weise, voller Bezüge, reich an Verweisen, in sich selbst verschlungen, in fortlaufenden Verschachtelungen fortstrebend, in Kammern gegliedert, die einander enthalten und entäußern und dabei mehr sind als sie selbst, summend von Bedeutungen … So daß man, wenn man einen Ort wieder aufsucht, der einmal jene innere Landschaft ausgelöst und ausgetrieben hat, fassungslos ist darüber, daß da ja gar nichts stimmt.
Eine Landschaft ist im Kopf entstanden, die man in der Welt wiederzufinden sich anschickte; eine Landschaft, die gleichermaßen aus Büchern wie aus Hügeln und Tälern, ebenso aus Geschichten, Gedanken, Hoffnungen, Projekten besteht wie aus Fels, Stein, Weg, Aussichten und Panoramen. Doch die Schwünge und Bögen, die Winkel und die Quellen, die Wege und Strecken der inneren Landschaft sind in der Welt nicht auffindbar, ihnen entspricht dort nichts; sie sind eine Geschichte, während das, wohin man reisen, wodurch man schreiten kann, nur Raum, Fläche und Ausdehnung ist. Und vielleicht begründet sich darauf der Drang zum Schreiben: als eine Sehnsucht nämlich, das Innere ins Außen zu tragen und dort Landschaft werden zu lassen, eine solche Landschaft, die wir schon immer mit uns herumtragen und die wenn überhaupt nur auf dem Papier (und im Geist des Lesers) Wirklichkeit werden kann.