Aber erst als du weg warst, fing ich an zu frieren. Und dann wurde es auch noch dunkel. Die Uhr vom Kirchturm schlug halb. Es war zwischen irgendwelchen zwei Stunden, und der Zug sollte gleich kommen. Die Uhr schlug, du warst schon weg, und ich dachte daran, wie du einmal, vor einer Ewigkeit, hier in St. Gereonshausen noch nicht da warst, und wie da Turmdohlen um die Kirche flogen und sich auf den schweren Zeigern der Uhr niederließen, als wollten sie die Zeit vorantreiben. Oder vielleicht wollten sie die Zeit auch aufhalten. Gestern gab es keine Dohlen. Es gab nur Zeit, die wieder zwischen uns angewachsen war. Und es gab die gemeinsame, eben vergangene Zeit, die nun wieder reichen mußte, auf Vorrat, wie der schwere Atemzug eines Wals. Keine Dohlen. Nur einen Jugendlichen im Kapuzenpulli, der auf seinem Smartphone rumfingerte. Geisterhaftes Leuchten im fremden Gesicht. Keine zwei Häuserecken entfernt räumte wohl gerade eine Bedienung unser Kuchengedeck ab. Unsere Krümel auf der Tischdecke. Zwei Gabeln mit Schokoladenresten. Die Fähre tuckerte ohne uns über den Rhein. Am Turm waren die Zeiger im Dunkel versunken. Einen Moment und Wachtraum lang war alles möglich, hatten die Dohlen heimlich die Zeit wiedergebracht, war wieder Morgen und alles am Anfang. Gleich würden wir losgehen. Gleich würden wir wieder aufgeregt wie Kinder an der Reling der Fähre stehen. Gleich läge der Weg wieder vor uns. Das Wasser aus der Feldflasche schmeckte schwarz. Im Bahnwärterhaus waren alle Fenster dunkel. „Da wohnt ja jemand“, hattest du am Morgen gesagt, oder war ich das.
Kategorie: das führt ein Stückchen weit
Von Orten & Wegen
Eine Begegnung
Die grünen Punkte schwebten einen Moment in nicht bestimmbarer Größe, Höhe und Entfernung links von mir in der Dunkelheit des Waldsaums. Zweimal zwei horizontal angeordnete, schimmernde Pünktchen, deren Farbe zwischen gelb und grün irisierte, Glühwürmchen nicht unähnlich, nur um vieles heller. Dem ersten Anschein nach bewegten sie sich; dann aber sah ich, daß sie stillstanden und warteten, während ich mich ihnen näherte. Als ich auf ihrer Höhe des Wegs angekommen war, richtete ich den Strahl der Lampe geradewegs auf die Erscheinung. Und blieb verblüfft stehen.
Längst erschrecke ich nicht mehr, wenn mir in frühmorgendlicher Dunkelheit jene scharfen Paare von Glühpünktchen ins Streulicht der Stirnlampe geraten, die, ohne daß der Körper selbst sichtbar würde, die Anwesenheit eines Tiers verraten. Als aber an jenem Morgen diese beiden Körper sich im Lampenstrahl hinter niedrigem Buschwerk aus der Dunkelheit schälten, zuckte ich doch zusammen. Zwar kannte ich schon, was sich da darbot, aber aus so großer Nähe hatte ich noch nie welche gesehen, schon gar nicht im Dunkeln. Ich staunte nicht schlecht. Katzen bin ich schon oft beim Laufen in der Dunkelheit begegnet, Pferde, Rinder sieht man oft, wenn man an Weiden vorbeiläuft, manchmal sind um diese Zeit sogar schon Hundehalter mit ihren Tieren unterwegs. Das hier aber, das war neu.
Da schau her, oder, na, wen haben wir denn da, oder sieh mal einer an, muß ich gemurmelt haben, teils um meinen eigenen Schreck zu besänftigen, teils aber auch, weil ich das Gefühl hatte, wie ein Entdecker eines fremden Erdteils, der unverhofft auf Eingeborene stößt, irgend etwas sagen, eine Geste machen zu sollen der Gutwilligkeit, Harmlosigkeit, des Respekts. Oder einfach: um sich zu erkennen zu geben: Schaut her, ich bin auch da. Es verblüfft mich, wie sehr wir Menschen Sprachwesen sind. Kaum sind wir nicht mehr allein, plappern wir los, und seien es auch nur zwei Rehe, die unversehens den gleichen Raum mit uns teilen.
Erstaunlich kleine Körper, kniehoch und schmal, sehr schmal, wie hungrige Kinder standen sie regungslos vor mir, keine drei Meter entfernt, und in den fast flachen, von einer schimmernden Linie eingefaßten Köpfen leuchteten die grünen Augen, die ich als erstes gesehen hatte, schwebten weiterhin im Raum, als glühe durch sie dieselbe Energie, von der auch das Fell wie von elektrischer Entladung schimmerte. Stocksteif standen sie da, die Lauscher auf mich gerichtet. Bäume traten dahinter in den Lichtkreis und bildeten mit ihren silberhellen Stämme eine Grenze, eine Bühne, dahinter der weite Raum des Waldes in vollkommene Schwärze zurückfiel.
Trotz ihrer folienhaften Transparenz, trotz dem Geisterhaften der Erscheinung waren die Tiere von einer geradezu erschreckenden Körperhaftigkeit. Vielleicht, weil sie so überraschend klein waren, weil ihr Körperbau Anmut und zugleich grazile Zerbrechlichkeit ausdrückte, aber auch, weil ich sie noch nie aus so großer, wenn auch durch die Dunkelheit deutlich von mir abgeschirmter Nähe betrachtet habe, erschienen sie mir umso stärker lebendig, begegneten sie mir als etwas mir zwar Fremdes aber im Fremdsein doch auch Gleichartiges, jedenfalls als etwas, das sich von dem pflanzlichen und mineralischen Reich ringsum ebenso scharf unterschied wie ich selbst; und darin, in dieser Form wacher und blutwarmer Lebendigkeit, waren wir Bewohner desselben Bezirks. Nicht mehr allein.
Klein waren sie, aber sie hätten auch riesig sein können, der Eindruck wäre derselbe gewesen: ein Eindruck vollkommener Realität, ein plötzliches In-die-Welt treten, das jede Vorstellung, die ich mir von ihnen jemals gemacht hatte oder hätte nur machen können, nach allen Richtungen überstieg; eine Wirklichkeit, die sich selbst verstärkte, indem sie überhaupt eine schätzbare Größe zeigte; indem sie stillhielt und sich betrachten ließ, länger als nur einen Augenblick; indem sie stillhielt, sich anschauen ließ, und – zurückschaute, mich als etwas Gleichartig-Verschiedenes ins Auge faßte über den Abgrund aus Andersartigkeit hinweg. Geworfen in denselben Wald, ich als Besucher, sie in ihrem Zuhause, starrten wir uns an und versuchten, einander zu verstehen, einen Sinn in dieser Begegnung zu finden; und in der völligen Andersartigkeit des Gleichen etwas auszumachen, das zur Entspannung führen, die Situation auflösen und uns einander zu erkennen geben könnte, sei es als Freund, dem man sich nähern, sei es als Feind, vor dem man fliehen müsse.
Was empfanden sie wohl in diesem Moment? Furcht? Aber hätten sie dann nicht die Flucht ergreifen müssen, was ihnen jeder andere Schrecken zweifellos empfohlen hätte? Neugier? Oder war das, was sie fühlten, eine Empfindung querab von Neugier und Angst – eine Art Bann, ein Faszinosum, eine exstatische Erfahrung, weder gut noch schlecht, nur … anders? War es möglich, daß diese zwei Tiere, die zu jeder anderen Tageszeit sofort Deckung gesucht hätten, ja, es zu einer so nahen Begegnung gar nicht hätten kommen lassen, jetzt mit Hilfe des Lichts irgendeinen inneren Mechanismus überwunden und Zugang zu einem Gefühls- und Erlebensraum jenseits des Schreckens und der Angst gefunden hatten? Daß sie eine Art von mystischem Entzücken empfanden?
Ich weiß nicht, was passiert wäre oder wie lange wir in diesem gegenseitigen Anstarren wohl noch verblieben wären, wenn ich nicht den Lampenstrahl wieder auf den Weg gerichtet hätte. Mich fröstelte, ich wollte weiter. Kaum war die Dunkelheit über die Stelle gefallen, da hörte ich es auch schon rascheln und knacken. Der Bann, oder was immer es war, das uns einen Moment verbunden hatte, war gebrochen, wir hatten uns aus der Begegnung gelöst, ohne daß wir einander Freund oder Feind geworden wären. Als ich die Lampe nach ein paar Schritten noch einmal dorthin richtete, hatten sich alle Augen wieder abgewandt. Ich sah nichts als ein leuchtendes Gewirr fahler Blätter vor der Schwärze des Waldes. Kurze Zeit später drehte der Wind, und es fing an zu regnen.
Sonntagsausflug
Farben, Licht, das bunte Durcheinander, alles scheint plötzlich wie schlecht abgemalt. Der Hafen, die Mole, der Wein am andern Ufer, die Gesichter, der Sonntagsstaat der Flaneure, die billigen Regenjacken vom Discounter, der Eiswagen, die Infotafeln, alles nur eine Kulisse, hinter der nicht einmal ein Grauen lauert, nur eine schreckliche, unauflösbare, allherrschende Ödnis. Keine Schönheit gibt es, die hier irgendeine Form von Echtheit noch bewirken könnte, bevor es für immer für alles zu spät ist, zu spät auch für eine Flucht. Wohin denn entkommen? Und da ist das alles schon alles, das bunte Treiben, der Wind, die Tauben, die sich vor sich selbst ekeln, ist dies das Echte und Eigentliche des ganzen Lebens, diese entsetzliche, trostlose Traurigkeit dieser billigen, nicht einmal häßlichen Melodien, die sich ins Herz schleichen wie süß schmeckendes Gift. Ich wehre mich, balle die Hände zur Faust. Aber eine Unkraft befällt mich, die Schritte werden müde, das Pflaster ist plötzlich so hart, Llorando se fue, und der Weg so weit, wäre es nicht besser, sich hier auf die Bank zu setzen und der Greis zu werden, der man bereits ist seit der Geburt? Ich sehe die Kinder eine Münze gegen ein Eis tauschen, Faria, faria ho! Wie gespannt sie sind. Wie fraglos überzeugt von allem. Ich bin allein, ich bin ganz und gar allein, faria ho! Niemand deutet mir das, die Blicke sind leer, das Lachen wie aus dem Schlund von Automaten. Ich sitze auf der Bank, das Wasser kräuselt sich schwarz unter den Füßen, nicht einmal der Strom ist noch echt, ich gehe in einer kolorierten Kitschpostkarte herum, und es gibt nichts Schönes mehr auf der Welt, die Welt geht im Kreis wie die Melodie, wie der Arm des Leierkastenmannes, ach, du lieber Augustin, alles ist hin.
Wer erklärt mir diese Traurigkeit? Eine wimmernde Folge nicht einmal trauriger Akkorde, und da ist plötzlich diese Vergeblichkeit in allem und allem. Die Farben erbleichen, die Schatten sperren das Maul auf, die Fahnen drohen, es ist, als fröstele es die Zeit selbst unter einer kalten Brise. Wind treibt die Klänge eines Akkordeons oder Leierkastens über den Platz heran. Dazu wandeln fröhliche Menschen allenthalben, Reiterstandbilder starren vor Stolz, Kinder scharen sich um einen Eiswagen, die eifrige Münze in der warmen Hand. Niemand bemerkt es. Alle sind hohl. Puppen. Marionetten an unsichtbaren Fäden. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß niemand das Schreckliche dieser Weisen bemerkt? , Quetschkommode, Leierkasten, Schifferklavier: Wäre die Melodie, die diesem Kasten entströmt, häßlich, verstimmt, falsch, ich würde lachen. Aber die Melodien sind nicht häßlich, das Schlimme ist, sie sind nicht einmal das. Ohne selbst traurig sein zu wollen, verströmen sie unter der Absicht einer billigen guten Laune eine Traurigkeit, für die es keinen Trost gibt. Selbst nicht schön, negieren sie auch alles Schöne, negieren sie alles, was Musik sein kann, daß selbst die Erinnerung an alles, was nur je schön und echt und wahr gewesen ist, im Herzen getötet wird.
Eine Münze klimpert, der Leierkastenmann macht eine Verbeugung, mechanisch auch sie, mechanisch wie der zur Maschine gewordene Kurbelarm, der Münzwerfer bleibt einen Moment stehen, in künstlerischem Entzücken, aus schierer Langeweile, aus Mitleid oder weil er ja schließlich bezahlt hat, er bleibt stehen, hält den Kopf ein wenig schief, nicht den Leierkasten schaut er an, sondern auf das Kind, den kleinen Jungen an seiner Seite. Der steht halb abgewandt, in einer Haltung starrer Abwehr, die Ärmchen erhoben, die Hände so kräftig, so entschieden auf die Ohren gepreßt, daß man die Knöchel weiß hervorschimmern sieht. Eine steile Falte der Mißbilligung und Ungeduld steht ihm auf der Stirne. Der Vater zeigt auf den Leierkasten, spricht, deutet, hält dem Kind eine Münze hin, wirbt und schmeichelt, zeigt wieder auf den Leierkastenmann, schnippst dem Jungen noch den Takt vor. Der aber preßt die Hände noch stärker auf die Ohren und schüttelt energisch den Kopf, ignoriert die Münze, will weg, hat genug, leidet mit jeder Faser seines Körpers.
Hör doch mal hin, ruft da der Vater aus. Mit einer herrischen Geste reißt er dem Jungen beide Hände vom Kopf; und für einen Moment, in dem der ganze Platz zusammenzuzucken scheint, in dem der Kaiser sich mit einem Ruck auf dem Gaul aufrecht setzt, die Tauben aufflattern und die Silberköpfe der Seniorengruppe sich umwenden nach so viel echtem Geräusch; für diesen Moment übertönt der Klagelaut des Knaben selbst noch die Diskantpfeifen des Leierkastens, zerschlägt sein Gebrüll all die Trostlosigkeit entzwei. Erschrocken läßt der Vater das Kind los, wirft schnell noch die Münze in den Hut, bevor er dem Sohn nachläuft und beide im Menschengewimmel verschwinden. Das Wasser gurgelt, die Tauben lassen sich auf dem Haupt des Kaisers nieder, der Arm des Leierkastenmannes kurbelt, hollahi, hollaho, die Melodie ist nicht aus dem Takt.
Apollinarishütte
Die Hütte liegt etwas abseits vom Weg, auf einer dem Tal zugeneigten, von Ahorn und Mirabelle gesäumten, nach Süden offenen Lichtung. Dem Wanderer, der oben am Weg zufällig herunterschaut, zeigt sie die kalte Schulter; auf drei Seiten geschlossen, blickt ihre offene Seite vom Premium-Wanderweg fort ins Tal hinunter. Wenn man dort sitzt, kann man sich völlig abgeschieden glauben, und was oben am Weg, was auf der Landstraße sich nähert, vor sich geht, sich wieder entfernt, geht uns nichts an. Wir sitzen umschlossen von Holz und vor uns hängt Wildwuchs vorm Tal.
Wir sind an dem Ort, der uns schon von zwei früheren Malen kennt. Keine Umschweife, kein Essen und Trinken, nicht einmal der Form halber, unser Hunger, er ist ein ganz anderer, unser Durst ein lange, allzu lange nicht gestillter. Die Rucksäcke legen wir ab, wenden uns einander zu. Wir fassen uns bei den Händen, wir küssen uns und nehmen den Faden, der uns den ganzen Weg hierher zitternd verbunden hat, wieder auf wie ein unterbrochenes Gespräch – aus Küssen. Wozu die Lippen und die Zungen nicht alles gut sind, wir entdecken es wieder und wieder neu. In diesem Moment gibt es nichts zu sagen, was mit Sprache besser oder schöner oder poetischer zu sagen wäre, als mit der stummen Phonetik des Speichels.
Ab und zu lassen wir ab voneinander, schauen uns in die Augen, Stirn an Stirn. Schon haben wir die Brillen abgelegt, ist der Umkreis in wolkige Unschärfe gesunken. Ein Knacken, ein Rascheln: Wir lauschen. Waren da nicht Stimmen? Nein. Wir sind allein, allein in einem Kreis Unschärfe, der uns schützt wie eine Zeltplan. Wir wenden uns einander wieder zu.
Es gibt ein Wort von dir, das mich immer in verlegenes Entzücken versetzt. Du schöner Mensch, sagst du dann, und weil ich weiß, du meinst es so, macht es mich noch mehr verlegen. Jetzt zupfst du mir das Hemd aus der Hose, schiebst es mir hoch bis über die Brust und murmelst etwas davon, was du die ganze Zeit schon gewollt habest. Deine Finger sind warm vom Gehen. Im hölzernen, trockenen Schatten der Hütte leuchtet weiß mein Bauch hervor, rund und weich wie der Bauch eines ruhenden Kindes. Die ganze Zeit klingen Hammerschläge aus dem Tal herauf; Hunde bellen, als hätten sie uns gewittert; im Gebüsch zetern Vögel. Wir halten inne, lauschen. Einmal sind wir zwar nicht erwischt, aber heikel überrascht worden. Auch dieses Mal werden wir so eben noch Glück haben.
„Du schöner Mensch!“ sagst du und beugst dein Gesicht über meinen weißen, weichen Kinderbauch. Dein Mund ist noch wärmer als deine Finger.
Und während wir die Zeit vergessen, vergißt uns die Zeit nicht. Sie drängelt nicht, sie bummelt, wartet, läßt die Momente genau ineinanderfallen. Höflich und diskret teilt sie aus von sich, so daß uns genug von ihr bleibt, um aufzuknöpfen, was aufzuknöpfen, um abzustreifen, niederzureißen, was abzustreifen und niederzureißen ist, und während oben gerade der Wagen in den Parkplatz abbiegt, haben wir genug Zeit, um zueinander zu finden, und während oben der Wagen mit knirschenden Kieseln zum Stehen kommt, haben wir uns aneinandergedrängelt, an die Wand der Hütte gelehnt mit Faust und heiserem Atem, und die Zeit schaut genau hin, daß sich nichts überschneide und peinlich überlappe, die Zeit ist schamhaft und meint es gut mit uns, sie ist unsere Verbündete, unsere Komplizin, die wohlmeinende Amme an der Tür, ich habe dich umfaßt und drücke dir Küsse in den Nacken, während oben eine Wagentür zuschlägt, ein Jubellaut sammelt sich in deiner Kehle, während Schritte über den Waldweg herbeikommen, und bis wir zusammenzucken und die Beine unter uns nachgeben, sind sie schon auf den Pfad zur Hütte eingebogen; aber nichts stört uns auf, die Zeit verlangsamt dort den Gang, beschleunigt ihn hier, läßt unserer Lust die Dauer, hemmt drüben die Schritte, die sich erst nähern, dämpft die Stimmen, die erst dann aufklingen dürfen, wenn wir ermattet auf die Bank zurückgesunken und zu Atem gekommen sein werden; erst wenn wir die Augen zueinander aufgeschlagen, erst wenn wir uns geräuspert, Haar und Hemd in Ordnung gebracht haben; erst, wenn wir uns träge, der Wonne nachschmeckend, geküßt haben, erst, wenn niemand uns mehr etwas ansehen würde (es sei denn, er schaute sehr, sehr genau hin): Erst dann hören wir beide die Stimmen, deutlich jetzt und unbezweifelbar, und wie sich die Familie, zwei Erwachsene, ein Kind, vom Wege her im Rücken der Hütte, wie sie sich unserem Versteck nähern und endlich ins Blickfeld stürzen.
Später, da sitzen wir an der Bank im Freien, wird uns das alles wie ein Traum vorkommen. Die Straße ist still. Die Besucher haben sich umgesehen und sind wieder verschwunden. Niemand kommt mehr vorbei, so lange wir noch hier verweilen. Ein Traum. War da überhaupt jemand? Wir blinzeln einander zu, erwachend. Wir küssen uns beklommen, fast scheu. Nachdenklich kosten wir von den Mirabellen.
Die Hütte liegt etwas abseits vom Weg, auf einer dem Tal zugeneigten, von Ahorn und Mirabelle gesäumten, nach Süden offenen Lichtung. Dem Wanderer, der oben am Weg zufällig herunterschaut, zeigt sie die kalte Schulter; auf drei Seiten geschlossen, blickt ihre offene Seite vom Weg fort ins Tal hinunter. Wenn man dort sitzt, kann man sich völlig abgeschieden glauben. Wir küssen uns. Ein Vogel zetert. Im Tal bellen wieder die Hunde.
Aequinoctium
Heiter der Tag und die Sonne so warm und das Licht in den Weiden
fiel über Wasser und Kies auf deinen fröhlichen Weg.
Münder entdeckten Paare, der Himmel erfand sich ein Wölkchen,
Eis war zum ersten Mal süß. Alles, was Zeit hieß, fing an.
Kinder, die Hände voll Brot, die grinsenden Mäuler der Ziegen,
sahst du und lachtest. Der Tod hätte doch heute wohl frei.
Dann fuhrst du heim, beschwingt. Und im Hausflur liegt schon der Umschlag.
Abends hältst du den Tag achtsam, wie springendes Glas.
Und hier die Antwort
Sehr geehrter Herr Solminore,
das von Ihnen bezeichnete Waldgebiet befindet sich weitestgehend im Eigentum privater Waldeigentümer; einige kleinere Areale sind Kommunalwald. Die Waldeigentümer sind berechtigt, ihren Wald zu bewirtschaften und dementsprechend Holz zu ernten. Dies ist in der Tat mit Belästigungen für den Waldbesucher verbunden, die leider nicht zu vermeiden sind. Das Regionalforstamt hat nur zum kleinere Teil Einfluss auf die Holzernte selbst. Diese liegt in der Organisation der privaten Waldeigentümer und der Forstbetriebsgemeinschaften.
Wir achten darauf, dass die forstgesetzlichen Vorschriften eingehalten werden. Rodungen, d. h. Umwandlungen von Wald in andere Nutzungsarten werden nicht durchgeführt. Die flächig genutzten Waldstücke müssen innerhalb von zwei Jahren wieder aufgeforstet werden.
Weiterhin wirken wir durch unsere beratenden Förster darauf hin, Kahlschläge zu vermeiden und die Holzernte möglichst schonend durchzuführen. Leider sind einige Fichtenwälder bereits durch Trockenheit, Sturm und Borkenkäfer soweit geschädigt, das sie in den nächsten Jahren immer weiter verschwinden werden.
Die Durchforstungen sind ansonsten günstig für die Stabilität, Mischung und Wertentwicklung der Wälder.
Der nachwachsende Rohstoff Holz wird von uns allen in Form von Papier, Möbeln, Hausdächern etc. benötigt. Jeder Bundesbürger verbraucht ca. 1,5 m³/Jahr. Wenn dieser benötigte Rohstoff Holz nicht nachhaltig in den heimischen Wäldern produziert wird, dann wird er auf den Weltmärkten eingekauft und zum Teil aus Ländern importiert, in denen eine nachhaltige Waldnutzung nicht garantiert werden kann.
Die Bewirtschaftung des Waldes ist auch hinsichtlich des Klimawandels von Bedeutung. Die Bäume entnehmen bei ihrem Wachstum der Umgebungsluft CO2 und wandeln dieses klimaschädliche Gas im Zuge der Photosynthese in Holz um. Jährlich wachsen in unseren Wäldern Millionen von Festmetern Holz zu (ein Kubikmeter Holz speichert ca. eine Tonne CO2). Ein positiver Effekt lässt sich über eine Kaskadennutzung erzielen. Vom Rohprodukt Holz über eine Verarbeitung zu Bauholz, einem Recycling dieses Bauholzes zu Spanplatten bis hin zu einer energetischen Nutzung können mehrere Jahrzehnte vergehen. Je langlebiger Produkte aus Holz oder Zellstoff sind (z.B. Bauholz, Möbeln oder Papier), desto länger wird der Kohlenstoff der Atmosphäre entzogen. Hinzu kommen Substitutionseffekte, da alternativ zu Beton, Stahl oder fossiler Energieträger der nachwachsende Rohstoff Holz verwendet wird. Das von den Bäumen aufgenommene und im Holz gespeicherte CO2 wird der Atmosphäre und damit dem Kohlenstoffkreislauf über einen längeren Zeitraum entzogen und im Nutzholz fixiert.
Die Waldbewirtschaftung in Deutschland folgt dem Modell der multifunktionalen Waldwirtschaft, d. h. die drei Hauptfunktionen Erholung, Naturschutz und Rohstoffproduktion erfolgen auf der gleichen Fläche. Dies erfordert Kompromisse, die sich in ihrem Fall durch eine zeitlich befristete Belästigung der Waldbesucher auswirken.
Ich bitte um Verständnis für die Maßnahmen. Spätestens mit Laubausbruch werden die Hiebsmaßnahmen in den Laubwäldern für diese Saison beendet sein.
mit freundlichen Grüßen
FD Hugo Schelmenhorst
Anfrage ans Forstamt
Sehr geehrte Damen und Herren,
in diesem Frühjahr beobachte ich mit Besorgnis, daß in deutlich höherem Maß als sonst im nördlichen Vimbelwald zwischen Quellstetten, Lafter und Hemmelshain Holz eingeschlagen wird. Da dies mit beträchtlicher Verschlammung der Wege einhergeht, der Freizeitwert des Waldes auch in anderer Hinsicht durch Lärm, Gestank, hohes Aufkommen von Fahrzeugen, schließlich durch häßliche Rodungen erheblich gemindert wird, möchte ich mich an Sie wenden mit der Frage, wie lange das noch so weitergeht, und in welchem Ausmaß noch mehr Holzarbeiten zu erwarten sind. Betrachten Sie bitte diese Nachricht auch als freundliche Aufforderung, den Einschlag auf ein Mindestmaß zu reduzieren, bzw. günstigenfalls ganz einzustellen. Vielen Dank.
Mit freundlichen Grüßen,
Solminore
Gehen, gemeinsam
(Oder auch: dein trockenes Husten am Morgen, wie besorgt ich da war. Deine leise Gereiztheit, als uns die Stadt ohne Auto nicht einlassen wollte. Deine intensive Anwesenheit in allem, im Gehen, im Sprechen, in jedem Blick, und wie das vom Bach, von den Felsen, von den Laubschichten zu dir und mir zurückfällt und mir meine eigene Anwesenheit selbst deutlich werden läßt: Als zeigte alles auf mich, auf uns. Überhaupt, all das Deutliche eines solchen Tages mit dir. Oder auch: Vor Schreck, du könntest hinter mir ausgeglitten sein, mich hastig umdrehen und beinahe selbst ausgleiten auf der matschigen Wiese. Oder auch: Wie du später müde warst und dein Gesicht glühte beim Kaffee. Oh, und auch: Gehalten sein in deinem Blick, Stirn an Stirn, gehalten sein, ehe der Zug einfährt, gehalten sein noch im Abschied und darüber hinaus. Und auf der Brücke: Wie der Fluß sich in deinen Augen spiegelt, grün in grün gemischt. (Bei jedem Licht ein bißchen anders: Diesmal war es ein Vorfrühlingsgrün, das dich dem Fluß, dem Wasser, der hellen Luft verband.) Auf der Brücke, gemeinsam, Schulter an Schulter. Die plötzlich aufschießende Furcht, du könntest fallen, der steile Himmel könnte dich vernichten, etwas Schreckliches könnte geschehen. Dann aber liegt deine Hand in der meinen, ruhig, warm, lebendig. Dein Schritt auf dem Waldweg, die Sicherheit und Selbstverständlichkeit deines Daseins in der Welt, die erstaunliche Tatsache, daß der Schlamm an deinem Fuß hängenbleibt, daß ein Brombeerzweig sich verhakt an dir, daß das Laub raschelt unter deinem Tritt und deine Stiefel Abdrücke hinterlassen auf dem Weg. Deine Wirklichkeit, deine Spur: Wie mir das kostbar ist, diese Abdrücke von dir. Daß du eine Spur hast in der Welt, hier, hier bist du gegangen. Und wie mir alle Facetten Deines Selbst willkommen und ganz und gar erstaunlich sind; wie sie mir als stetiger Fluß Deines Daseins zu Sinnen und Freuden kommen; wie nichts an deiner Wirklichkeit auch nur in Gedanken zu viel oder zu wenig sein könnte; daß dein Dasein keine Lücke hat; wie du du bist und ich ich, jedes für sich in den eigenen Schuhen durch den Schlamm stapfend, im eigenen Gleichgewicht, mit den eigenen Sinnen einem großen Vogel im Davonstreben folgend, und dennoch, in allem: als zwei in der Welt, die mehr sind als zwei. Die einander fehlen können; denen nichts fehlt zum Wir.)
Meeresstraße
Schon in den frühen Morgenstunden setzt es ein, das Meeresrauschen. Es kratzt an den Rändern des Schlafs, es zieht der Nacht die Decke weg, es ist schneller als die Zeit selbst. Swuschsch, swuschsch, kleine, kurze, harte Wellenschläge voller Ungeduld.
Der Wecker ist auf halb sechs gestellt und hat noch nicht geklingelt. Ich wühle den Kopf ins Kissen, taste nach dem letzten Traumzipfel, swuschsch, swuschsch, kein Traum, kein Meer, es ist das Zischen der Fahrzeuge auf der Köln-Bonner Straße, das in meine eigene Straße hineinschwappt, swusch, swusch. Der Wind hat gedreht und trägt den Lärm herauf, Ostwind, seltene Richtung.
Der Wecker schweigt, das Straßenmeer zischt, die Nacht wehrt sich nicht. Wer sich wehrt, bin ich. Ich wehre mich, bis ich nicht mehr schlafen kann. Endlich auch die Stöckelschuhe der Nachbarin im Treppenhaus, schaffe, schaffe, Häusle baue. Wer bremst, verliert. Die Räder müssen rollen. Wo kämen wir sonst hin?
Ich weiß nicht, wo ich hinkäme. Ich will in den Wald und für eine Stunde keine Autos hören, keine Lichter sehen, keine Absichten bemerken müssen. Ein Wald hat kein Ziel, das gefällt mir. Er wächst, wie er kann, und wenn nicht, dann nicht. Er genügt sich selbst, mit allem, was in ihm lebt. Nichts daran ist zu viel oder zu wenig. Zu viel oder zu wenig für den Wald. Das mag ich.
Ein Forstmensch mag das anders sehen. Aber ich bin nur ein Läufer, ich darf mich interesselos freuen. Selbst meine Freude ist dem Wald egal, und das wiederum freut mich noch mehr. Halb sechs, ich stehe auf. Swuschsch, swuuhuschsch! Was seid ihr bloß alle so fleißig, denke ich. Schon in stockfinsterer Nacht am Morgen rütteln, ob nicht etwa schon ein Geldscheinchen herabfalle. Dabei bin ich ja auch fleißig. Aber davon hat niemand was. Die Ebene liegt im Dampf ihrer eigenen Lichter. Eine gewaltige Esse, in der fleißig die Zukunft geschmiedet wird, mit Motoren und Trompeten. Der Nebel dieses vorzeitig wachen Morgens ist taghell erleuchtet. Ich wende mich ab und in den Kreis meiner Stirnlampe hinein. Ein Falterchen strudelt vorbei. Von der Weide ragt das gewaltige Horn eines Hochlandrinds in den Lichtkegel. Gelassen mahlen die Kiefer.
Selbst im Wald noch das Dröhnen naher und ferner Straßen. Es gibt kein Entkommen. Einmal habe ich sie gesehen, die ganzen Fahrzeuge, an einem Wintermorgen, da bin ich ins Feld abgebogen, weil es im Wald zu dunkel war, und drüben, jenseits der Äcker, schob sich die lange Linie der Lichter, weiß in die eine, rot in die andere Richtung, unzählige, als wollten sie die Straße leermachen und es kämen doch immer noch mehr, für jedes rote Licht, das abfährt, ein weißes, das auffährt, eine Sisyphusarbeit, das Dröhnen ohne Unterlaß, und dabei hatte der Tag doch noch gar nicht begonnen, lag hinter mir der Wald in tiefem Schlaf, gab keinen Laut von sich, als lausche auch er. Dabei waren ihm die Lichter so egal wie der Läufer, der auf den Wegen fluchend in die Pfützen trat.
Mole
Das Wasser ist grün und hell. Das Licht hat viele Richtungen und kommt mit matten Farben über den Strom geschwommen. Libellen schwirren über die weißen Steine, erst allein, dann in aneinander verhakten Paaren. Wie heißt das, was die Libellen da tun, wenn sie, verkettet in Paaren, einen Hinterleib des Doppelkörpers ins flache Wasser über den Steinen lecken lassen, als wollten sie hastige Schlucke davon nehmen? Und wie machen die das, mit ihren insgesamt vier Flügeln, Gleichung um Gleichung komplizierter Aerodynamik zu lösen? Wir schauen es uns an und staunen. Das Licht bricht sich auf den Flügeln und auf der Reling der Boote und Schimmert silbern auf Blattunterseiten. Eine Gruppe von Kajakfahrern gleitet langsam den kleinen Hafen hinauf. Ihre Paddelblätter tauchen mit Feiertagsruhe ins Wasser. Wie könnte man auch nicht ruhig sein an diesem Ort, auf dem Wasser, mit den herbstlichen Pappeln und Weiden hoch am Himmel.
Deine Finger kribbeln in meinem Nacken, und ich schließe die Augen. Das Wasser gluckert, Dieseldampf weht herüber, ein Motorboot tuckert. Ich sitze schief an Dich gelehnt auf dem schrägen Stein, eine Hand auf Deinem Knie, mein Bein schläft ein und wird glücklich taub, die Angler lassen die Leinen schwirren, ich weiß nicht, wie das heißt, was die Libellen tun, eine prächtige Yacht gleitet vorüber, eine Geschichte von Geld und Erfolg, ich aber küsse Deine Hand und atme Deinen Duft, ich habe nur eine alte Jacke, aber Du hast mir einen Knopf geschenkt, ich küsse Deinen Mundwinkel, höre Dich seufzen und bin reicher als sie alle, ich bin der reichste Mann der Welt.
Stock & Hut
Zeilenumbruch des Jahres: Einmal Atemholen, noch einmal der glühenden Felder, der Lerchen gedenken, des heißen Staubs, der knisternden Ähren; ein Blick zurück, einer vorwärts, gelb und blau: Schon ist es Herbst.
Man friert zur Nacht, das Käuzchen ruft, früh tragen die Tomatenstauden ein Tropfenkleid. Nebel saugt die Hügelflügel ins Nichts, stößt fallend einen Baum ins Greifbare, hält die Vogelrufe in der Schwebe gefangen. Minutenlanges Schweigen von allem. Im Kaffee schmeckt man den Winter.
Hol das Wams aus dem Schrank, schüttel den Staub aus den Wollsachen; back ein Brot, nimm einen Klumpen Butter, ein Beutelchen Salz; Papier und Bleistift für die Geschichten; Stock und Hut für den frohen Mut. Laß uns die Schuhe schnüren, ein leichtes Bündel packen. Was brauchen wir mehr als ein Stück Straße und die Ferne, die immer weitergeht? Komm: Nie rufen die Wege so dringlich wie jetzt.
Einsicht beim Wandern
Wer zu Fuß geht, hat mehr Platz für eine weite Reise.
Fachwerk

Offenstehendes Gefach mit sichtbaren Fachgerten in Uthweiler.
In nemore
Unter Flaggen schlafen, ruhen im Wind über Berg und Tal und Burg, in luftiger Höhe, und beim Erwachen liegt der Tag immer noch ruhig in unserer Hand. Küsse, Küsse voll Wind und Sonne. Deine Finger liegen auf meiner Brust, erst auf dem Hemd, dann unter dem Hemd, und ich sage dir, daß ich dich will, abermals will ich dich, will dich mein Leib, ich küsse dich und sage es dir, und du: „Laß uns noch einmal ein Plätzchen finden, ja?“
Ein Plätzchen: flimmernde Sonne in der grünen Tiefe, ein helles Polster abseits des Weges. Stapfen durchs Unterholz, über Wiesen aus Springkraut, ausgerechnet, sich umdrehen, und dann ist der Weg, kein Weg mehr zu sehen, und der Wald hat uns aufgenommen in seine eigene Zeit. Eine Decke im Vorjahreslaub; nesteln am Schuhwerk, und wie du dann deine Unterhemden abgestreift hast, deine Brüste, wie sie in diesem weichen Baumlicht aufleuchteten, hellweiß abgesetzt deine Glieder, eine Corona leuchtender Häute in all dem dampfenden Grünbraun ringsum; die Luft, die mir von Kopf bis Fuß um den Körper streicht, diese ans Erschrecken grenzenden Verblüffung, daß wir uns tatsächlich nackig gemacht hatten, mitten in der großen, freien Welt, der kleine Schreck dabei, und das Entzücken, der Jubel und das hellwache Bewußtsein dieser Nacktheit: Wie mir meine eigene Blöße an deinem weißen Körper aufging: Und mit Herzklopfen vor Begehren habe ich mich neben dich gelegt, deinen andersnackten Leib in meine Arme genommen. Nie, noch nie, sind wir hinter Türen so nackt gewesen wie da in den weiten Hallen der Buchen, unter Rotkehlchen, Zaunkönig und Amsel, und brauchten uns nicht zu schämen.
Zwischen unseren Zehen krümeln Vorjahrsblätter. Trockenes mündet in Feuchtes. Haarfäden glänzen. Rings leuchtet und wedelt der Farn. Wir strecken uns aus, zwei Bündel zarter Glieder. Wie schön du bist. Dein Leib ein Loblied der Sonne. Deine Blicke sind voller Sterne. In der Farbe deines Schoßes findet sich die Farbe des Lebermooses wieder. Deine Haut riecht nach Heu und Thymian. Warm bist du und brennend, als ich zu dir komme. Unsere Blicke stürzen ineinander. Plötzlich haben wir es eilig, der Buchfink schmettert, Laub rutscht unter uns, der Wald nimmt uns auf wie eine offene Hand; ich flüstere deinen Namen, und das letzte, was ich sehe, ehe ich die Augen schließe und verschwinde, in einer Falte zwischen Himmel und Erde, zwischen Sphagnum und Aquilegia verschwinde, das letzte, was ich sehe, ist der überblaue Himmel, der sich in deinen weit aufgerissenen Augen spiegelt.
Frettchen
An diesem Morgen läuteten die Glocken Sturm. Sturm war in der Welt, Feuer, Mord, Brand, Tod und Verderben. Blut, Blut, Blut, schrien die Glocken, Mord schrieben die Felder ins Licht, Tod bezeugte der Weg, Blut, jammerte der Wind, der das Fell aufzittern ließ, als sei das Leben darunter noch warm und sträube, wehre, plustere sich noch trotzig gegen die Kälte. Denn es hatte aufgehört zu regnen, und anstelle des milden, nassen Wetters war trockener Frost übers Land gefallen, der die Pfützen zu nadelscharfen Mustern zusammenzog, hellen Staub über die Bäume hängte und die Sonne auf den entsetzten Schollen festfrieren ließ.
Das Fell sah ich zuerst, Flausch und Bausch eines in der Brise sanft wedelnden graubraunen Pelzes; dann eine Kralle, die aus dem Bausch herausragte und zu einem Vorderlauf gehörte; und dann, noch bevor sich in einem nächsten, schon panischen Blick der Fellhügel aus weiteren drei Läufen und einem ängtslich schmalen, viel zu mageren Rumpf zu einem ausgestreckten Tierkörper vervollständigte, sah ich das Blut, und die spitze Schnauze mit den scharfen Zähnchen im halboffenen Maul, wo das Blut ausgetreten war und das Fell zu dunklen Strähnen verklumpt hatte. Maul, Zahn und Blut: Als habe das Tier kräftig zugebissen und sich mit dem Blut der gerrissenen Beute besudelt. Doch war es kein Beutetier, sondern der eigene Tod gewesen, dem das Wiesel auf dem Feldweg begegnet war, und das Blut, das ihm noch frisch und von leuchtendem Rot die Schnauze verschmierte, war sein eigenes, aus seinem Inneren hervorgeqollen, aus einer Verletzung, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. So lag es, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Rücken, steif und kalt unter dem flatternden Pelz, der nicht mehr wärmte, die Augen abgewandt, zur Erde, den Blick festgefroren im Asphalt der Straße.
Die Glocken verstummten, ein Echo der letzten Schläge verschwebte überm Feld. Ich löste den Blick von dem Kadaver. Ein gelber Müllwagen kroch in einer Falte des Geländes unter mir herauf. Ich beachtete ihn nicht, ging weiter, eine Pfütze knirschte, ich taumelte ein wenig, ging, reckte mich und ging, und drehte mich auch nicht um, als das Fahrzeug hinter mir herannahte und in einiger Entfernung zum Halten kam, und auch, als ich erst die Tür aufgehen hörte, dann den Sprung aus der Kabine, Klappern von Metall, ging ich stracks weiter, während es hinter mir ratschte von Schaufel und Eimer, und ein dumpfes Plumpsen zu hören war. Erst auf dem Hügelkamm schaute ich zurück, da grinste die Kurve, als wäre nichts geschehen. Die Felder bleckten Eis. Die Glocken schwiegen.
In prato
Die Blicke sind da. Überall sind sie, sie stehen auf Stielen am Ende von Schritten, hocken in den Hecken, stecken verborgen hinter der brillenlosen Brandung des Waldsaums. Wo der letzte Fußfall endet und die Stimmen verstummen, da sammelt das Dunkel im Holunder sie, dort blinzeln sie hinter Gras. Manchmal raschelt es. Ein Kiesel springt. Jemand lacht. Dann ist es wieder minutenlang still, bis aufs Summen von Insekten und das Zwitschern der Vögel. Blicke. Blicke auf uns. Blicke zucken, Blicke wispern, Blicke drehen sich im letzten Moment aus dem Augenwinkel weg. Kommt jemand?
Niemand. Wir sind allein mit uns und den Blicken ringsum. Und dann fällt das Hemd, gleitet die Hose ins Gras, ein umgedrehter Hut nimmt die Brillen auf, wir sind nackt und kurzsichtig, und plötzlich ist es gleich, ob jemand kommt.
Wir ducken uns unter allem weg, was Blick heißt. Wir ziehen die Wiese um uns wie ein Tuch und machen uns klein darin, schrumpfen allen Augen davon, werden winzig hinter Mauern aus Gras, hinter Zäunen aus Sonne, und fallen, wir küssen uns, wir trauen uns.
Und dann gibt es nur noch zwei Augenpaare in der Welt, zwei Blicke, die ineinander stürzen. Wir atmen, wir fliegen, wir umhüllen uns miteinander und verkriechen uns ineinander, und die Lust trägt uns an einen anderen Ort, einen unerreichbaren Ort inmitten der erreichbaren Wiese, darin sind wir allein, allein zu zweit, zu zweit unsichtbar und und unsichtbar geborgen inmitten des riesigen Sommers der Welt.
Oscula silvatica sp.
Unter Flaggen schlafen, ruhen im Wind über Berg und Tal und Burg, in luftiger Höhe, und beim Erwachen liegt der Tag ruhig in unserer Hand. Küsse, Küsse voll Wind und Sonne. Deine Finger liegen auf meiner Brust, erst auf dem Hemd, dann unter dem Hemd, und ich sage dir, daß ich dich will, abermals will ich dich, will dich mein Leib, ich küsse dich und sage es dir, und du: „Laß uns noch einmal ein Plätzchen finden.“
Ein Plätzchen: ein Fleckchen wedelnder Sonne, ein grünes Polster, abseits des Weges. Stapfen durchs Unterholz, über Wiesen aus Springkraut, ausgerechnet, und dann war der Weg, kein Weg mehr zu sehen, und der Wald nahm uns auf in seine eigene Zeit. Eine Decke im Vorjahreslaub; nesteln am Schuhwerk, und wie du dann deine Unterhemden abgestreift hast, deine Brüste, wie sie in diesem weichen Baumlicht aufleuchteten, hellweiß abgesetzt deine Glieder in all dem Grünbraun ringsum; diese ans Erschrecken grenzenden Verblüffung, daß wir uns nackich gemacht hatten, mitten in der großen, freien Welt, der kleine Schreck dabei, und das Entzücken, der Jubel und das brennendscharfe Bewußtsein dieser Nacktheit: Wie mir meine eigene Blöße an deinem weißen Körper aufging: Herzklopfend vor Begehren habe ich mich neben dich gelegt, deinen andersnackten Leib in meine Arme genommen. Nie, noch nie, sind wir hinter Türen so nackt gewesen wie da in den weiten Hallen der Buchen, unter Rotkehlchen, Zaunkönig und Amsel, und brauchten uns nicht zu schämen.
Heimat an Flüssen
Komm, wir gehen an den Fluß.
An der Hand von Vater und Mutter den Riesenschiffen zusehen, wie sie den Strom hinabgleiten oder hinaufstampfen. Schau nur, sie haben Wäsche aufgehängt. Eine Radarantenne dreht sich darüber. Dreht sich und dreht sich, und dann ist das Schiff vorbei. Auf der Brücke, hinter den winzigen Scheiben, ist kein Mensch zu sehen. Ratlos bückst du dich nach Kieseln, geh nicht so nah ans Wasser. So viel Verlorenheit in der Kinderbrust. Auf den Kieseln hockt der Tod. Du wischst dir die Hände an der Hose ab. Es riecht, es riecht nach Fremde. Die Häuser, sind zu groß, lassen sich nicht fassen, die Fabrikfassaden, an denen der Blick sich abarbeitet, abgleitet, abstürzt. Buntes, abgeschliffenes Glas liegt zwischen den Wurzeln der Weiden. Die Möwen hängen mit traurigen Schwingen in der Luft; sie gleichen den seltsamen Vögeln, die in deiner eigenen Brust ihre verlorenen Bahnen ziehen. Warum sind diese Vögel schrecklich? Und wie wird man den Strom wieder los, dessen Ufer bis ins Kinderzimmer reichen, dessen Wintermorgen bis in die Nacht dauert, bis in den Traum. Bis zu den Vögeln in der Brust, mit ihren traurigen, verlorenen Schreien, als schrien sie noch den Möwen nach, den schwebenden Tieren mit ihren grausamen Augen.
Klein ist der eigene Schatten geworden, die eigene Dunkelheit auf den Kieseln rund um das Bunte der Gummistiefel, kleiner und kleiner, bis er in den Mittag voller harter Klänge entkommt.
Das Wasser spiegelt nichts; braun ist es und noch weniger als braun. Träge fließt es dahin, löst alle Farben in sich auf und vernichtet sie, so daß alle Ufer, das jenseitige wie das hiesige, kiesige, stromauf, stromab, tot und verdorrt scheinen.
Stampfen und Stampfen. Der Hafen drüben ein Kreischen von Rost. Endlos der Strand. Eine Brücke aus Seilen häkelt stumm an Entfernungen und Richtungen. Und doch kommt nichts vom Fleck. Alles steht. Der Nachmittag steht, die Möwen, das Wasser. Dorthin kann man nicht gehen, aber die Entfernung ist brüchig, sie hält nicht. Angst kommt in dir hoch. Am Horizont hängt Rauch und Dampf an dünnen Fabrikschornsteinen über einer Ferne, in der alles fremd ist, und die dich in ihre Fremdheit hineinzieht, bis du dir selbst fremd geworden bist, ein Fremdkörper unter fremden Dingen, der schlaffe Ball, die zerkratzte Colaflasche, die Verpackung eines Keksriegels, von deren Farben nur grün und blau geblieben sind. Fremde und verfremdete Farben. Vielleicht wußten die Möwen davon, kannten sich aus mit ihrem Fremdsein, fraßen die Fremdheit der Dinge in sich hinein. Brotrinden, Steine und Staub. Nester aus Heimatlosigkeit. Zerbrochene Muschelschalen. Sperrweite Schnäbel, abgehärtet von Schreien. Unbeirrt lag alles entfernt und zugleich so nah, daß es dich erschreckte, waren die Strecken überspannbar zu dir, bis alles in weiter Ferne bedrohlich geworden war und ins Nahe reichte, wie ein Feuer, eine ferne Flamme, schon der Anblick eine Gefahr, ein Fraß an der Seele. Fremd waren zuletzt noch deine Träume, dein Schlaf, wenn die Autobahn jenseits der Häuser gleich Flammengebraus durch die Nacht hallte, und da war es, als habe jene Hängebrücke über den Fluß alle Fernen zusammengespannt, daß kein Geheimnis mehr blieb in der Welt und die Zukunft schon angebrochen war.
Gruß
3.5.13
Das Gewebe des Morgens, zusammengehalten von den Stimmen der Vögel. Fransen aus Licht. Brüchige Stellen. Die Hügel, baumauf, strauchab geflickt und in Lumpen. Ein lachender Bettler, so läßt der Berg sich von den Straßen aufhelfen, auf dem Kopf eine wackelnde Krone aus Brombeer und Schlehenweiß.
