Betr. Kulturradio

Sehr geehrte WDR3-Nachrichtenredaktion,

wenn Sie bitte diese enthusiastisch vorgetragenen Fußballmeldungen aus den Nachrichten streichen würden. Das wäre wirklich super. Oder, wenn das schon nicht möglich ist, dann bemühen Sie sich doch bitte um einen neutralen Vortragston. Das wäre dann zwar immer noch Fußball, würde aber weit weniger nerven. Man könnte so leichter weghören.

Vielen Dank!

Ihr treuer Hörer
Solminore

Dem Rektor der Universität zu Köln

Sehr geehrter Herr Rektor,

vielen Dank für den freundlichen Weihnachtsgruß – oder sollte ich sagen: für den Jahreszeitengruß? Ich muß gestehen, daß mich die Wortwahl befremdet. In der dem Bekenntnis nach atheistischen DDR blühten einst recht einfallsreiche Neologismen für zur Sphäre der Religion gehörende Gegenstände und Erscheinungen. Da nun mal Ostern oder Weihnachten nicht aus der Welt zu schaffen waren, wollte man zumindest die Bezeichnungen jeglichen religiösen An- und Beiklangs entkleiden. Gerüchten zufolge soll beispielsweise eine Engelspuppe als „Jahresendzeitflügelfigur“ tituliert worden sein.

Ihre Grußkarte und die Entscheidung, sich um das Wort “Weihnachten“ zu drücken, läßt ein bißchen daran denken.

Meines Erachtens begingen die damaligen Machthaber und begehen nun auch Sie, verehrter Herr Rektor, einen Denkfehler. Nicht „Weihnachten“ zu sagen, ist ein Bekenntnis (das Sie, und dafür habe ich vollstes Verständnis, nicht aussprechen wollen), sondern die Vermeidung des Begriffs ist eines. Warum? Weil auf dem Wege des Verschweigens bzw. durch das Absichtsvolle Ihres Ausweichens die Bedeutung ersichtlich wird, die für Sie das Fest als religiöse Einrichtung hat.

Wem glauben Sie denn, es auf diese Weise recht zu machen? Bekennenden Christen? Die werden sich ärgern, weil für sie die Festtage eben nicht einfach nur Festtage sind und Jahreszeitentage schon gar nicht. Die Bekennenden anderer Religionen? Denen kann ein Gruß, der auf ein Fest Bezug nimmt, das sie nichts angeht, herzlich egal sein. Sie würden also mit echten Weihnachtsgrüßen die einen erfreuen, die anderen aber auch nicht ärgern. Sehen Sie mal, Weihnachten ist ja schließlich kein Allergen, vor dem man warnen muß. Niemand bekommt Pickel von einem Weihnachtsgruß, auch nicht, wer ans Christkind nicht glaubt oder an etwas anderes oder an gar nichts. Weihnachten ist vor allem eins: Ein Wort, das zwei Tage im modernen Kalender bezeichnet.

Aber anders gefragt: Muß man es denn jedem recht machen? Dann dürfte es Weihnachtsansprachen im Fernsehen ebensowenig geben wie Weihnachtsmärkte oder Werbung im öffentlichen Raum, die sich auf den Brauch des weihnachtlichen Geschenkemachens bezieht. Weihnachtsliedbeschallung im Kaufhaus, geschmückte Fußgängerzonen, Christbäume in Ämtern und Bahnhofshallen – all das müßte mit dem gleichen vorauseilenden Gehorsam vermieden werden wie die Bezeichnung „Christmas“ auf Ihrer Karte. Schließlich könnte der Klang von Oh Kinderlein kommet, wenn er vom Karussell durch die Glühweinschwaden dringt, Andersgläubige in ihren religiösen Gefühlen verletzen! Und auch Sie haben es sich ja nicht nehmen lassen, auf der Karte einen geschmückten Baum vor die Kulisse des Hauptgebäudes zu placieren. Wäre da das Wort „Christmas“ statt „Season’s“ oder „Weihnachten“ anstelle von „Festtage“ wirklich so schlimm gewesen?

Da unser Kulturkreis nun mal, ob es uns nun gefällt oder nicht, christlich geprägt ist, feiert man in Köln und anderswo in Europa Ende Dezember Weihnachten. Als nicht mehr wegzudenkender Teil der Populär- und Familienkultur, aber auch mit seinem festen Platz im öffentlichen Leben, in Medien und Kommerz, hat es sich von seinen religiösen Wurzeln emanzipiert und führt schon längst ein derart profanes Eigenleben, daß sich mit dem Wunsch „Frohe Weihnachten“ alle, von Juden über Muslime und Zoroastrier bis zu den Shintoisten und Atheisten und wieder zurück, angesprochen fühlen dürfen. Von den christlichen Ursprüngen ist ja außer Ochs und Esel unterm geschmückten Baum meist nicht viel übrig geblieben. Das ist weder gut noch schlecht. Was auf jeden Fall blieb, ist aber eben die bloße Bezeichnung „Weihnachten“. Das Fest heißt so, ob man nun an den Weihnachtsmann oder an Russels Teekanne glaubt oder an den Messias oder eben an gar nichts: Es ist sein Name.

Ich weiß nicht woran Sie, sehr geehrter Herr Rektor, glauben, und es ist mir auch ganz gleichgültig. Aber ich finde, man darf sich auf das fragliche Fest durchaus mit dem Wort „Weihnachten“ beziehen (auch der gesetzliche Feiertag heißt ja so), ohne sich deshalb schon dem Vorwurf religiöser Parteinahme, mangelnder Feinfühligkeit oder gar Intoleranz ausgesetzt zu sehen. Auch Sie dürfen das. Nennen Sie doch die Dinge einfach beim Namen. Es kann dann immer noch jeder für sich entscheiden, was er darunter verstehen will.

Hochachtungsvoll,

Solminore

Season's Greetings

Traurig: Die Gestalten, die morgens um neun im Jogginganzug an der Supermarktkasse stehen und eine Literflasche mazedonischen Rosé mit Leergutquittungen bezahlen. Die Kapuze über dem Kopf, bemühen sie sich, unsichtbar zu werden, als hätten sie sich im Nachthemd in die Oper verirrt, dabei würdigen sie die Flasche Wein auf dem Kassenband keines Blickes, als gehörte das da nicht zu ihnen, als wäre es anderer Leute Ware. (Erst nach dem Verrechnen der Bons greifen sie danach, wie unschlüssig, ob sie‘s mitnehmen sollen oder nicht. Und wenn sie es dann tun, dann hat das die Beiläufigkeit, mit der man sich einen Krümel vom Ärmel schnippt, wenn sie schonmal da liegt, dann kann man sie ja wohl auch mitnehmen, nicht? So bekommt die Beiläufigkeit fast noch einen Anhauch von kindlichem Trotz) Im Jogginganzug zu stehen und zu warten, da dauert es besonders lange. Unerkannt der Blick aus den Höhlen des Kapuzenpullis. Eine Jogginghose als Sinnbild des ganzen Lebens: Zerknautscht, schlabberig, befleckt, hängt es einem ständig auf halb acht. Immer die Hand am Bund, in einem ziehenden, festhaltenden Impuls. Ausgeleiert und ausgebeult an Stellen geschwundenen Fleisches, kriegt man es einfach nicht in den Griff. Abgemagert paßt man nicht mehr hinein ins eigene Leben, ist es zu groß geworden, mit seinen nicht enden wollenden Jahren.

 

Der Schriftsteller Thódoros Kallifatídis in der Zeitschrift Avgí

… μπορεί όντως να μη βρίσκει κανείς το λόγο σήμερα να διαβάσει την “Απολογία του Σωκράτη” αλλά όταν φτάσουμε στο σημείο αυτό, ήδη έχουμε χάσει τη μάχη. Τελικά η κουλτούρα, η παιδεία είναι η υπέρβαση του αναγκαίου, χωρίς αυτή την υπέρβαση δεν νοείται πολιτισμός.

Kann tatsächlich sein, daß niemand heutzutage noch einen Grund sieht, die „Apologie des Sokrates“ zu lesen, aber wenn wir  einmal soweit sind, haben wie die Schlacht bereits verloren. Schließlich sind Kultur und Erziehung die Transzendenz des Notwendigen. Ohne diese Transzendenz läßt sich Kultur nicht denken.

Πότε ένας συγγραφέας φτάνει στο σημείο να πει “τώρα πέτυχα τον στόχο μου”;

Αυτή είναι η πιο συνηθισμένη φράση των συγγραφέων. Τη λένε σε κάθε φράση που γράφουνε, αυτό είναι το αίσθημά τους, έτσι προχωρούν. Γι’ αυτό όμως ο συγγραφέας χρειάζεται και την κριτική, γιατί δεν είναι αυταπόδεικτο ότι πετυχαίνει πάντα τον σκοπό του. Ας το συγκρίνουμε με μια άλλη κατάσταση, εκεί που κάθεσαι ακούς ένα τραγούδι και ξαφνικά σηκώνεσαι και χορεύεις, χορεύεις καλά ή κακά, δεν είναι το ζητούμενο αυτή τη στιγμή, το ζητούμενο είναι ότι κάνεις αυτό που αισθάνεσαι. Αυτό αυτόματα δε σημαίνει ότι είσαι και Μπαρίσνικοφ. Έτσι γράφεις. Αλλά δεν μπορείς να γράψεις χωρίς αυτή τη βεβαιότητα, δεν γίνεται και γι’ αυτό ίσως πολλοί συγγραφείς να μη γράφουν. Οι περισσότεροι άνθρωποι άλλωστε που δε δημιουργούν δεν είναι γιατί δεν έχουν ταλέντο, αλλά από φόβο.
Wann erreicht der Schriftsteller den Punkt, an dem er sagt: „Ich habe mein Ziel erreicht“?

Das zu sagen, ist für Schriftsteller ganz normal. Das sagen sie bei jeder Formulierung, die sie hinschreiben, so empfinden sie, auf diese Weise kommen sie voran. Deshalb aber braucht der Schriftsteller die Kritik, denn es ist ja gar nicht ausgemacht, daß er immer sein Ziel erreicht. Nehmen wir eine andere Situation zum Vergleich, da sitzt einer und hört Musik und plötzlich springt er auf und beginnt zu tanzen, er tanzt gut oder schlecht, darum geht es in dem Moment nicht, worum es geht, ist, daß er tut, was er fühlt. Das bedeutet natürlich nicht, daß man dadurch automatisch zu einem Baryshnikov wird. Und so ist es auch mit dem Schreiben. Man kann ohne diese Gewißheit nicht schreiben, es geht nicht, und viele Schriftsteller tun es deshalb vielleicht auch nicht. Übrigens sind die wenigsten Menschen unkreativ, weil sie kein Talent haben, sondern weil sie sich nicht trauen.

Was sich zeigt

Was zunimmt, die Stunden. Was wach ist, die Glocken. Was von sich weiß, der Raum. Was abkürzt, die Straße. Was zwinkert, der Himmel. Was Krach schlägt, das Ohr. Was schläft, ein Traum. Was vergißt, ein Wort. Was wartet, eine Türschelle. Was spricht, Grammatik. Was küßt, der Regen. Was sieht, ein Fenster. Was kommt, eine Treppe. Was Liebe macht, eine Matratze. Was flackert, die Wand. Was lächelt, eine Haltestelle. Was liebt, ein Sommer. Was fortgeht, eine Treppe. Was zunimmt, die Stunden. Die Stunden. Was sich erinnert, die Jahre. Was abnimmt, der Grund und die Gründe. Was müde ist, alles.

Ein Tag wie ein…

Ein Tag wie ein zerknülltes, dann wieder glattgestrichenes Papier: Nur allzu sichtbar die feinen Bruchlinien, die Verwerfungen, die rissig unterbrochenen Tintenverläufe. Ausgelesen, weggeworfen, sich wiedererinnert. Da war noch etwas. Eine Tür, die zu früh ins Schloß fiel und so den Schlaf beendete. Ein Band, das sich aus einem Haarschopf löste. Eine Tasse mit einem Kaffeerest, nicht mehr warm, nicht mehr lau, nicht mehr irgendeinem Menschen und seinen Absichten verschuldet, so wenig, wie das Telephon etwas aufhebt von dem, dessen Zeuge und Vermittler es war. Oder die Spiegel, natürlich die Spiegel. Brüche auch hier, im Glas, überall, der Kristall vergilbt von zuviel Sonne, die sich ins Wohnzimmer stahl. Man kennt es und holt es noch einmal hervor, streicht es glatt, fügt die Wundränder einer zerrissenen Photographie wieder zusammen. Zieht das gesprungene Glas aus dem Müll, hält es so, daß im Rahmen nichts spiegelt und das Gesicht, verhärmt von Staub und Kratzern, dahinter schwach aufleuchten kann.

Wege durchs Laub: Hier auch. Hier warst du auch. Fast vergessen, liegt auf den Abmessungen der Wiese eine Patina des unerwartet Wiederentdeckten, das Wehen einer vor Jahren so, genau so schon einmal aus den Dingen sprechenden Glücksverheißung. Dieser Weg, mit dem Laub, mit dem krümeligen Licht, das sich an den Blatträndern bricht, dieser Weg, der so schön an seiner eigenen Tiefe ermüdet: Du weißt, du bist das schon einmal abgeschritten, damals schon in Gedanken versunken. Es hat das alles diesen Film aus Zeit und Ermattung, das Fundstücken in der Tiefe leergeräumter Schubladen anhaftet. Den Rest eines ehemals starken Dufts aus einem eingetrockneten Flacon. Etwas von diesen Zeugnissen vergessener Notizen, halbentzifferbarer Weisungen und Gedächtnishilfen, Gefaltetes und Zerknülltes, das es irgendwie, vergessen von dem Braus der Jahre, in einer Schublade, der Ecke eines Schränkchens, einem unentdeckten Winkel geschafft hat, zu bleiben. Und so spricht es nun ins Leere, zu uns und doch nicht zu uns, eine blinde Schrift: Triff mich heute im Park. Dein M. Bitte noch besorgen: Brot, Butter und eine Abendzeitung. Deine S. Und das Verrückte ist doch, daß es damals auch schon eine Zukunft gab. Und daß du jetzt, in diesem ehemals leeren Raum, in dem jemand auf Brot, Butter, die Abendzeitung und die große Liebe wartete, daß du da jetzt herumspazierst, in diesem Raum, der noch voller Hoffnungen, Erwartungen, Ängste war, da trampelst du jetzt über alte Wege und hast die große Liebe gefunden und wieder verloren, für jene nicht sagbar, nicht einmal denkbar: Und das wirst dann wohl du gewesen sein.

5:05

Die Seiten des Schlafs noch einmal aufblättern, während die Radiouhr jeden Schluck tränensanfter Schwärze vorzählt. Ein süßer Bissen aus der Zeit, das schmeckt wie fremdes Erwachen. Wann bist du zu mir gekommen und warst wie ein Strömen an meinen Gliedern allen? Der Flieder denkt sich eine ganz neue Art aus, Nacht zu sein und Mund. Nie mehr die Rosen am nahen Turm. In den Mittag gehängt werden die Glocken schwingen mit allen Namen von gestern. Ein Atem schöpft aus sich selbst. Die Decken wissen: In den Träumen warst du der allerfernste Morgen.

Pferdetraum

Ein Wohlwollen, eine Freundlichkeit. So fühlt es sich an, auf dem Pferderücken. Rechts mit der Hand den Hals getätschelt, entzückt über das schöne, gelassene, kluge Tier mit dem harten Fell, und daß ich es reiten darf, daß es mich trägt, mühelos, schwebend, sanft. Voll aufmerksamen Wohlwollens, ein Schreiten zwischen Hecken über einen sandigen Pfad. Das Pferd läuft im Schritt. Einen Sattel gibt es nicht, Steigbügel auch nicht, nur kurze Zügel, deren Handhabung ich nicht verstehe. Ein bißchen habe ich Angst, mit diesem viel zu kurzen Riemen etwas falsch zu machen. Ich weiß, daß mich das Tier jederzeit abwerfen könnte, das ist für einen Moment ein mulmiger Gedanke, dann vergesse ich es wieder. Lieber staune ich, wie hoch man sitzt, hoch zu Roß eben. Der Pferderücken ist sehr bequem, besser als jeder Fahrradsattel. Die Hecken gleiten vorbei, fern steht ein Waldrand, der Weg verläuft schnurgerade unter einem schönen Sommerhimmel, die Bewegung ist schön wie das Fliegen. Aufgehoben auf diesem starken Rücken, weiß ich mich behütet von einem Wesen, das sich hier besser auskennt als ich, und dem ich blind vertrauen kann und auch will.

Martin

Arrepto itaque ferro, quo accinctus erat, mediam dividit partemque eius pauperi tribuit. (Sulpicius Severus)

St Martin
Domenikos Theotokopoulos, genannt El Greco, "Der Hl. Martin und der Bettler"

Da ist das Pferd, das Knechttier, ja besser dran als der Mensch, wie er verfroren, nackt und schmal dasteht, buchstäblich in die Ecke gedrängt von der Masse dieses starken Gauls: Strotzend vor Kraft hebt es schwungvoll ein Bein, voller Bewegungsdrang und Energie, eine Kreatur des Krieges und der Gewalt. Während der Bettler nicht nur keine Kleidung hat (schamhaft verhüllt der noch zu teilende Mantel schonmal das Schamteil des armen Mannes), sondern auch noch verletzt ist, am Bein, wie der Verband zeigt, gehbehindert und gerade in der Bewegung eingeschränkt, die das Tier so stolz vollführt und präsentiert, als wolle es ihn noch verspotten, obwohl es doch selbst nur eine dienende Kreatur ist: So tief ist der Mensch gesunken. Ein leichtfertiger Schritt zur Seite, und die nackten Füße des Bettlers geräten noch unter die Hufe, dann wärs ganz aus mit dem Gehen.

An den Rand gedrängt: an den Rand einer Gesellschaft, in der Kampf herrscht, in der nur bestehen kann, wer sich wie ein starkes Arbeitstier als leistungsfähig erweist. Einer Gesellschaft, in der auch der Heilige aufgewachsen und in der er noch heimisch ist. Noch sitzt er hoch zu Roß, lenkt das Tier, das den Bettler wegschiebt. Vom Krieg spricht der enge Harnisch des Heiligen ebenso wie das prächtige Roß und die Burgen im Hintergrund: Die haben geradezu etwas Unausweichliches, selbst die Landschaft ist Schauplatz für bewaffnete Auseinandersetzung. Die barmherzige Begegnung spielt sich in einer Welt ab, in der man sich mittels Rössern und Mauern verteidigen und schützen muß. Darin hat ein nackter Bettler nichts zu lachen. Schlimm genug, daß die aufziehende Bewölkung Schnee verheißt.

Aus diesem engen Harnisch, diesem paßgenauen Panzer, ragt der schmale Kopf des Heiligen mit den weichen Zügen wie eine Schnecke aus ihrem Haus. Die Gesichtsfarbe ist blaß, das Antlitz verletzbar, die großen Augen blicken sanftmütig drein, es sind Augen, so scheint es, die nicht viel verkraften, die vielleicht schon mehr gesehen haben, als ihrem Besitzer lieb gewesen. Eine Trauer liegt darin. Der Blick lächelt nicht. Der Kopf ist zur Seite, dem Bettler zugeneigt, die Geste ein bißchen ratlos, mitleidsvoll, ja, aber eher pessimistisch. Ich tue ja, was ich kann, aber bringen wird es nichts. Und während der Bettler zu Martin auf-, Martin auf den Bettler hinuntersieht, scheinen sich ihre Blicke nicht so richtig zu treffen, nicht ganz: Der Blick des Bettlers scheint auf halber Höhe an der imposanten Rüstung hängengeblieben; Martin ist mehr mit dem Schwert und der Mantelteilung beschäftigt (und muß mit der selben Hand Mantel und Zügel, zugleich das ungestüme Roß im Zaum halten wie das Schwert führen – so wie das aussieht, keine ganz einfache Prozedur), als daß er den Bettler wirklich wahrnimmt. Dieser mißglückte Blickkontakt verleiht der Begegnung etwas Beiläufiges – und für Martin etwas Instinktives, er scheint die Hintergründe und Konsequenzen seines Handelns in diesem Moment ebensowenig in den Blick zu bekommen wie die Person des Bettlers. Im nächsten Moment wird er schon davongeprescht sein. Und tatsächlich wird ihm ja erst in der nächsten Nacht Christus im Traum erscheinen und ihm, gehüllt in den geteilten Mantel, die Begegnung und Martin sich selbst deuten.

Vorerst stehen die Zeichen auf Sturm, sieht Martin unglücklich aus, seines Lebensweges nicht sicher. Die Wolken künden von schlechtem Wetter, von den Burgen scheint schon als Ankündigung von Katastrophe und Untergang Rauch aufzusteigen. Die Zeichen stehen auf Sturm. Es kommen härteren Zeiten.

Wer hilft hier wem? Martin, etwas verloren auf dem Roß und beengt in seiner Rüstung, scheint, wie er da unbeholfen mit Schwert, Mantel und Zaumzeug hantiert, den Bettler kaum weniger nötig zu haben, als dieser den Heiligen.

Allerheiligen

Viele Menschen dieses Jahr, in schwarzen Scharen kommen sie mir schon von der Bushaltestelle entgegen, klar, das Wetter, der Feiertag,  ich ärgere mich, obwohl das falsch ist, nicht sie sind hier Eindringlinge, ich bin es. Was habe ich hier zu suchen, welchen Toten zu beweinen, an wen mich zu erinnern? Das Grab gehört einer Fremden.

Wann bin ich zum ersten Mal hier gewesen? Lange ist das her. Seitdem komme ich jedes Jahr an diesem Tag. Nie haben frische Blumen gefehlt, nie ein Licht. Auch heute war schon jemand hier. Drei frische Leuchten und ein Öllämpchen stehen rund um ein Blumengesteck. Ein Engel aus blauer Keramik sitzt auf einem umgedrehten Blumentopf, den Kinderkopf nachdenklich in die Hand geschmiegt.

Mehr Menschen strömen herein. Die Wege glänzen von Wollmänteln und Handtäschchen. Im Ilexststrauch leuchten die Beeren. Mittvierzigerparfum schwebt zwischen den Thujahecken. Ein später Zaunkönig läßt sich hören. Neben den gesenkten Blicken, den andächtig gekreuzten Händen, den stillen Schritten, plötzlich auch Gelächter und frohe Stimmen. In einem Winkel hustet jemand ausdauernd.

Am unteren Eingang, wo der Waldpfad beginnt, tritt eine Familie mit zwei Hunden ein. Eines der Tiere beäugt mich aufmerksam, als ahne es, daß ich hier nicht hingehöre, sondern mir nur ein fremdes Gefühl ausleihe. Hunde merken so etwas. Hunde sind ehrlich und erspüren jede Art von Verdrückung. Oder vielleicht ist es die Brötchentüte, die ihn anzieht. Ich lasse ihn schnuppern, strecke die Hand nach ihm aus. Da sehe ich, daß er etwas im Maul trägt. Ich traue meinen Augen nicht. Es ist eine Grableuchte.

Ich habe keine Ruhe mit so vielen Menschen auf diesem engen Raum. Ich verweile nur kurz. Ein Blick, der alles in sich aufnehmen will: Das Grab ist still, die Erde dunkel und glattgestrichen, das Mädchen lächelt aus seiner Photographie heraus, für immer neun Jahre alt. Die Treppe, die Wegbiegung, die Hallen des Waldes, bereits im Schatten. Laub krümmt sich auf den Wegen. Das Grab, die Reihe der Lichter. Ein guter Ort ist das. Aber heute kann ich nicht bleiben. Schon nähert sich die nächste Menschentraube, huschen die nächsten Hunde heran. Bevor ich sehen kann, ob einer wieder ein Grablicht in der Schnauze hat, habe ich mich abgewendet.

Wenn ich wiederkomme, bist du immer noch da, denke ich, du bist verläßlich da, hast die Zeit, alle Zeit, überwunden. Es gibt dich nicht mehr, aber es wird dich immer gegeben haben, solange jemand an dich denkt, ist der Himmel voller Sternbilder. Die Toten sind wie die Geschichten, überlege ich, sie sind für immer wahr, es sei denn, man vergißt, sie wiederzuerzählen. Und während ich mir die Stiefel fester schnüre, frage ich mich, ob das nun ein tröstlicher Gedanke ist oder nicht. Die Hunde sind fort, auf dem Grünschnitt glänzen Schneckenspuren, ein leises Lachen verliert sich hinter den Hecken. Die Sonne geht unter, es wird kalt, und nach Hause ist es noch weit.

Ohren auf! Und wieder auf die Wörter hören. Nicht der Sprache mißtrauen, sondern noch einmal sich auf sie zu verlassen wagen.
Das Wort lachen hat ein Gesicht, dem der Mund aufsteht. Das Wort Zorn hat zusammengekniffene Brauen. Das Wort verzweifelt ringt die Hände in Auswegslosigkeit. Das Wort fröhlich lacht leise. Wörter haben Gesichter, haben Augen, schauen den Leser an. Wörter sind Angeln und Treppen. Sie sind vertraut, man kann ihnen vertrauen. Gekleidet in die Farben ihrer Lettern tragen sie von Kindesbeinen an zuverlässig ihre Theatermasken über die Bühne der Geschichten.

Noch einmal Sprachwandel

Wie lautet eigentlich das Präteritum von hauen?
Was ist ein Born?
Was bedeutet sich (einer Sache) verdanken?
Daß Sprache sich wandelt, ist nichts Neues mehr und scheint sogar in den Köpfen der Mitglieder der DUDEN-Redaktion begriffen worden zu sein. Daß dies ein nicht aufzuhaltender Prozeß ist, hat sich zwar noch nicht herumgesprochen, ist aber ebenso richtig. Daß Sprachwandel weder gut noch schlecht ist, diese Ansicht würden wohl wenige Sprecher des Deutschen oder irgendeiner anderen Sprache teilen. So dürften wohl nicht wenige darüber besorgt sein, daß Ausdrücke oder Flexionsformen, die doch bis eben noch, wenn auch nicht zur Umgangssprache, so doch zum normalen schriftsprachlichen Wort- und Formenschatz des Deutschen gehörten, auf einmal in der aktiven Sprachkompetenz jüngerer Menschen fehlen und zum Teil gar nicht mehr verstanden werden. Besonders erschreckend ist das, wenn der Altersunterschied gar nicht so groß ist. So wunderte sich einmal ein etwa zehn Jahre jüngerer Kommilitone über den Ausdruck streitbar („Die Sueben sind die streitbarsten unter den germanischen Stämmen“).
Es ist schlimm genug, daß man als Glieder unterschiedlicher Generationen in verschiedenen Welten zuhause ist. Schlimm genug, daß heute kulturelle Phänomene, die eine lange und reiche Tradition haben, wie etwa die abendländische Oper, nicht nur nicht mehr vermittelt, sondern, wen wundert’s, von den Jugendlichen ignoriert werden. Am Schlimmsten aber ist der beginnende Verlust einer gemeinsamen Sprache. Als Linguist weiß ich, daß diese Formulierung übertrieben und am Sprachwandel nichts zu bedauern ist (weil es nämlich keine objektiven Kriterien für „Verlust“ oder „Gewinn“ gibt). Bestimmte Erscheinungen sterben ab, andere wachsen nach. Nur weil die ersten alt sind, sind sie nicht besser, ebensowenig wie die neuen schlecht oder Zeichen eines „Verfalls“ sind, nur weil es sie erst seit gestern gibt.
Als Muttersprachler aber und jemand, der in seiner Sprache zuhause ist, der seine Sprache aufgrund ihrer Möglichkeiten schätzt, sie um ihrer ihrer Schönheiten aber auch ihrer Widerstände und Unzulänglichkeiten und erst recht um der in ihr verfaßten Literatur willen, jawohl: liebt – beunruhigt mich ein solcher Wandel, bedaure ich ihn, empfinde ich ihn als Verlust.
Zwei, die nicht dieselbe Welt bewohnen, können sich, ist nur die Sprache noch gemeinsam, über die Unterschiede ihrer Welten verständigen. Zwei die nicht mehr dieselbe Sprache sprechen, nehmen einander womöglich nur noch als Kuriosität wahr. Schwerer als das aus gegenseitigem Vorbeisehen stammende Auseinanderdriften der kulturellen Welten ist das Auseinanderdriften der Sprachen.
Was uns trennen wird, ist dann nicht mehr, daß ich bei „Homer“ an den „ersten Dichter des Abendlandes“ (Latacz) denke, jüngere Menschen aber an eine Witzfigur mit dem Nachnamen Simpson; die Trennung reicht tiefer also nur die unterschiedlichen Assoziationen zum Stichwort „Hannibal“ (Elephanten hier, Lämmer da): Was uns dann trennt, ist die Sprache, und was beunruhigt, ist der Gedanke, wir könnten einander bald nicht mehr verstehen. Keine Fremdheit fühlt sich so vollkommen an, wie die sprachliche. Man muß nicht erst unter Menschen geraten, die eine ganz andere Sprache sprechen als man selbst; muß nicht erst in die Zwangslage kommen, ein ernstes und obendrein kompliziertes Anliegen mit Händen und Füßen verständlich machen zu müssen. Es genügt, in einem Gespräch ein Wort zu gebrauchen, das der andere nicht versteht – oder über das er womöglich in Heiterkeit ausbricht. Manchmal reicht eine Aussprache, die anderen auffällt, um sich verunsichert und höchst unbehaglich zu fühlen. Ich erinnere mich, daß ich einmal wegen meiner Aussprache des Wortes Walnuß (mit langem a) und über meine Zitierform des Fragepronomens was (ebenfalls langes a) regelrecht ausgelacht wurde. Dialektsprecher in einer Hochdeutschen oder Hochdeutschsprecher in einer Dialektregion dürften dieses Unbehagen ständig spüren. Eine vermeintlich falsche oder abweichende Aussprache kann manchmal sogar zur Stigmatisierung führen oder wird zum entlarvendes Zeichen (Shibboleth). Um wieviel mehr beunruhigt es, wenn sich herausstellt, daß man gar nicht verstanden worden ist, wo doch vermeintlich ich und der andere dieselbe Sprache sprechen. Es kommt manchmal vor, daß ich gegenüber Nachhilfeschülern Übersetzungsvorschläge gebrauche, die im Wortschatz des Schülers nicht vorkommen. Das Verb trachten war ein solcher Fall.
Trachten“?? fragt meine Schülerin zurück, und ich kann deutlich die beiden Fragzeichen hören. „Trachten!“ entgegne ich, „hast du noch nie das Wort trachten gehört?“
Kopfschütteln.
„Wie in jemandem nach dem Leben trachten
Kopfschütteln.
Während das unbehagliche Gefühl, das mich bei derartigen sprachlichen Differenzen beschleicht, noch eher persönlicher Natur ist, finde ich die Vorstellung in größerem Maß beunruhigend, daß, wenn die Umwandlung von Wortschatz und Flexion in dieser Geschwindigkeit fortschreitet und nicht auf Einzelfälle beschränkt bleibt, bestimmte Kulturgüter nicht mehr rezipiert und ihre Kenntnis, Präsenz und Verfügbarkeit für den täglichen Diskurs nicht mehr vorausgesetzt werden kann.
Ein paar Wochen später sagt mir meine Schülerin entrüstet, sie formuliere ihre Aufgabe doch nicht aus, vor allem, wenn sie die Primärtexte selbst nicht verstanden habe.
Warum habe sie es denn nicht verstanden?
Na ja, wenn das so komisch geschrieben sei …
Aha, denke ich. Wahrscheinlich kamen so merkwürdige Wörter wie nach etwas trachten vor. Übrigens sagte sie nicht „Primärtext“.
Man muß sicher nicht zu Kleist oder gar Luther hinabsteigen, um Texte zu finden, die merkwürdig geschrieben sind. Wahrscheinlich ist bereits Thomas Mann merkwürdig im Sinne meiner Schülerin. Wenn aber gewisse Texte, die ein klassisch gewordenes Kulturgut befördern, nicht mehr gelesen werden, weil die Sprache darin unverständlich ist, dann greift dieses Unverständnis auch wieder zurück auf die Trennung der kulturellen Welten. Irgendwann haben wir dann vielleicht die groteske Situation, wie sie John Updike in Toward the End of Time in einer Nebenszene schildert, wo er in einer etwa hundertjährigen Zukunft ein junges Mädchen eine gekürzte und mit erläuternden Anmerkungen versehene Ausgabe eines „Klassikers des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts“ lesen läßt. Gemeint ist Noah Gordon. Weit hergeholt ist das nicht: Heute liest man an deutschen Gymnasien Das Parfum.
Ob meine Schülerin Das Parfum gelesen hat, weiß ich nicht. Der Name Christoph Willibald Gluck sagt ihr jedenfalls nichts. Der Name Jaques Offenbach auch nicht. Aber ich soll ihr ja auch Latein beibiegen, nicht die Musikgeschichte.
Vielleicht bin ich ja zu streng. Man kann nicht alles lernen, der Wissenszuwachs der Menschheit ist enorm, Selektion unabdingbar, die Konzentrations aufs Wesentliche wichtig. Schließlich muß man heute wissen, wie ein Textverarbeitungsprogramm funktioniert, wie man ein Mobiltelephon programmiert oder ein Filmchen bei Deineröhre hochlädt – das mußten wir zu meiner Zeit nicht. (Leider hat es den Anschein, daß die Fähigkeit, im Internet Relevantes von Unsinn zu unterscheiden, nicht zu diesen neuen Kernkompetenzen gehört. Jedenfalls ist die Herangehensweise derer, die mit diesem Medium aufgewachsen sind, von bemerkenswerter Blauäugigkeit.)
Ursache und Wirkung lassen sich aber auch umdrehen: Denn woher sollen bestimmte, heute auf das Schriftliche beschränkte Formen wie das Präteritum von hauen (für die jüngeren Leser: hieb) oder Vokabeln wie streitbar denn gelernt werden, wenn nicht aus den Texten, die aufgrund ihrer vermeintlichen Schwierigkeit gemieden werden? Daß diese Präteritalformen, daß diese Ausdrücke nicht mehr Teil des Sprachschatzes sind, beweist nichts anderes, als daß die Texte, in denen sie überhaupt erst begegnen, nicht mehr Teil der Lektüre derer sind, die heute in die deutsche Sprache hineinwachsen oder lernen sollen, sich mit mehr als nur dem allergröbsten Werkzeug in ihr auszudrücken: Sie sind dann nicht mehr Figuren im Sprachspiel, und insofern machen sie dieses Spiel ärmer.
Kultur und Sprache sind in diesem Sinne aufs engste miteinander verwoben. Es gibt keine lebendige Tradition ohne Kenntnis auch aus der Mode gekommener sprachlicher Form; und die Kenntnis dieser Sprachstufen wiederum versetzt erst in die Lage, literarische Traditionen zu rezipieren und weiterzutragen, daran mitzuwirken, daß der Faden nicht abreißt. Dazu scheint mir aber auch die Bemühungen von Schule und Elternhaus nicht ganz unwichtig zu sein. Irgendwo muß es eine erste Berührung, ein Hinführen geben. Als Kind haben wir noch selbstverständlich die Grimmschen Märchen im Urtext gehört. Ich bin sicher, daß das „komisch geschrieben ist“. Gestört hat es uns nicht. Hauptsache, es wurde uns vorgelesen. Selbstverständlich ist aber heute gar nichts mehr.
Daß ich nicht weiß, was ein Mudda-Spruch ist, mag noch dahingehen. Daß meine Schüler den Namen Gluck nicht mit Musik sondern mit einem Huhn verbinden – das läßt sich richten. Wir leben bereits in zwei entfernten Welten, die sich nur im Trivialen noch überlappen. Ich weiß ja auch von einem Menschen namens Bushido nur den Namen und schließe messerscharf, dies müsse ein Japaner sein. Uninformiert bin ich also ebenso wie meine Schüler. Und aus der Sicht dieser Schüler ist mein eigenes Wissen ebenso belanglos wie Bushido für mich belanglos ist. Wichtig ist wohl, daß man sich trotzdem nicht aus den Augen verliert – und daß man sich verständigt, und es einem nicht gleich die Sprache verschlägt, weil man ausgelacht wird.
Immerhin habe ich nicht erklären müssen, was eine Oper ist. Es gibt also noch so etwas wie eine gemeinsame Basis, die nicht gänzlich trivial ist. Inzwischen weiß ich auch ungefähr, wer Bushido ist.
„Dann wollen wir mal weiterlesen“, sage ich zu meiner Schülerin und beende meine Ausführungen über Christoph Willibald.
Sie aber sieht mich an mit großen Augen und fragt:
„Was ist denn eine Owertühre?“

Nager

Acht Uhr morgens, und der ganze Tag schon, jung wie er ist, bereits angefressen von Menschen, allüberall, ihr Wollen und Eilen, ihr Müssen und Vorwärts! so umtriebig und stur, wie von emsig auf Zerstörung sinnenden Nagern. Schwere behäbige Trauben, so stehen sie an den Bushaltestellen und Supermarktkassen, ihrer eigenen Vielzahl triumphierend selbstgewiß. Düsternis im Blick, starren sie Löcher in ihre eigene Zukunft, jedes für sich, und füllen die Straßen mit ihrer abgelegten Zeit. Ab und zu rudert einer mit den Armen wie mit Luftwurzeln, ballt einer die Faust, legt eine andere den Kopf an die Scheiben, als ermüde sie ihre eigene Anwesenheit, alles rennt auf Kommandos, die eine windschiefe Ampel leuchten läßt, los jetzt! Und so hasten sie, glücklich, nicht denken zu müssen, froh, das denken der Ampel und den Asphaltzeichnungen überlassen zu haben. Hasten zum Morgen zurück, der ihnen schon beim Aufstehen abhanden gekommen ist, stieren, wenn’s mal nicht vorangeht, wie die Kühe am Zaun und üben sich in Atemlosigkeit. Sie teilen sich wie Hefezellen. Mit ihrer Vielzahl arbeiten sie rührig an der Abschaffung des Einzelnen. Sie stampfen mit den Füßen, bis die Dimensionen zu würgen beginnen, die Farben verblassen und die Distanzen mürbe werden vor Ekel. Alles ist voller Kratz- und Nagespuren. Nichts ist heil, die Nacht hat Menschen wie ein Hund Flöhe hat. Armes Tier Dunkelheit. Alles schon einmal abgeschritten, man merkt es den Wegen an. Wie leid sie es sind. Die Stadt ächzt unter den Sohlen. Die Ferne läßt den Horizont im Stich. Es ist ja doch alles vermessen und kartiert.
Die Ampel springt auf Grün. Irgendwo wird man schon ankommen. Hauptsache, man hält nicht auf der Kreuzung an. Bleibt einfach stehen. Dreht sich um. Manchmal sind sie sich selbst eine Last. Nur aufgeben, einfach aufgeben, nein, das schaffen sie nicht, das kriegen sie einfach nicht hin.

nox antiquissima

Noch einmal und noch einmal dieser Himmel, wie er sich von den Wipfeln emporschwingt, als brächte uns das Jahr seine übersehenen Tage zurück. Wir wandern. Über stockundsteinige Wege, quertagein, und die Tage, blinzelnd und taub, stehen Schlange in den Höfen der Lilien. An den Kreuzungen blitzen die Eicheln. Knisternde Gedichte stromern im Laub, stundenlang nähert sich Hufgetrappel, aus einer Ferne mit Flüssen, nähert sich, kommt nie an. Man muß sich die Sterne denken, so hell, daß die Karavanenreiter am Tage sich werden danach richten können. Hände lassen Leinen laufen. Wasser steht unter dem Berg. Wiesenwinde jagen einander Schatten ab, und die Luft lacht von sonnigen Vögeln. Aus der Flasche spritzt es übers Schlüsselbein und schreibt ein Staunen auf deine Brust. Die Blicke bekommen Schwingen, wenn sich der Tag nach langen Stunden an den Scharten der weitesten Hügel bricht, dann an den näheren, dann an den überm Tal stehenden, bis der Westen vor die Füße kollert und der Umschlag zur Nacht gelingt. Müde sind die Schuhe. Ein Kiesel rollt noch vom Weg, dann ist es Nacht. Deine Zunge schmeckt nach Leder und Rauch. Du lachst, daß es von den hängenden Schatten widerhallt. Das Zelt ist aus Himmel, wir liegen, die Hügel wandeln im Traum. Während wir ruhen, quietscht die Nacht in den uralten Angeln.