Supernova

Heute morgen zieren blattauf und blattab Photographien einer ehemaligen Supernova die Titelseiten der Zeitungen. Aus dem Augenwinkel noch eine Überschrift erhascht („Kosmologisches Rätsel“), im Vorbeigehen ein Wort aufgeschnappt („das Universum dehnt sich schneller aus“), und auf einen wissenschaftlichen Durchbruch gehofft. Dunkle Materie endlich dingfest gemacht? Dunkle Energie bald schon zum Heizen verwendbar? Weit gefehlt.

Der Nobelpreis für Physik ist verliehen worden, und zwar einer Forschertrias für eine Leistung, die mehr als zehn Jahre zurückliegt. Bereits Ende der 90er Jahre nämlich schlossen Saul Perlmutter, Brian P. Schmidt und Adam Riess aus Beobachtungen entfernter Supernovae auf eine beschleunigte Ausdehnung des Universums. Natürlich wird der Nobelpreis nicht für die Forschungsleistungen von letzter Woche verliehen, schon allein deswegen nicht, weil sich wissenschfatliche Ergebnisse der Überprüfung standhalten und sich erst noch bewähren müssen. So dauert es oft Jahre, bis die Tragweite einer Erkenntnis und damit die Bedeutung der Forschungsarbeit in der Fachwelt anerkannt wird. Aber.

Aber der Zinnober, der dann über die Preisverleihung gemacht wird, nervt gewaltig. Wieder einmal ist es ein Ärgernis, wie gedankenlos und hektisch bestimmte Ereignisse als der Aufnahme durch die Medien würdig befunden werden – während anderes, was sicher ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger wäre, getrost unter den Tisch fallen darf. Reflex statt Reflektion. Es geht nicht um die wahre Bedeutung von Ereignissen oder auch nur um den Versuch oder die Anstrengung, einer Bedeutungszuweisung, die sich aus der Tragweite der Ereignisse selbst heraus begründen ließe. Zumeist steht in den Medien sowieso immer nur das, wovon ohnehin alle Welt redet. Daß dieses aber immer das ist, worüber sich zu schreiben, nachzudenken und zu debattieren lohnt, darf bezweifelt werden. Und so gab es eben ein Mozartjahr, aber kein Petrarcajahr. Es wurde über den Wohnungsbrand in Ludwigshafen tagelang bis zur Erschöpfung berichtet, aber die Zahl der Verkehrstoten auf deutschen Autobahnen regt niemanden mehr auf. Gestorben wird immer und überall, aber nur wenige schaffen es, bei einem Spektakel ums Leben und in die Medien zu kommen. Ist der Tod der anderen weniger schlimm?

Und jetzt prangt in schöner Uniformität überall das gleiche Photo eines Supernovarests auf den Zeitschriften, als sei mit der Bekanntgabe der Preisträger auch unsere Position im Universum neu bestimmt worden. Dabei hat man das alles seit Jahren nachlesen können. Und offensichtlich haben alle bei der gleichen Bildagentur eingekauft.

Rummel statt Rationalität: Mich ekelt es, zu sehen, wie die Verleihung eines Preises wichtiger genommen wird als die Leistung, die er ehren soll.

Ce Pe, eine Begegnung

Und dann ist da wieder diese Stimme, die plötzlich als Du denkbar wird und auch so gedacht werden muß, nicht mehr nur als sie, die ehemalige Kollegin, die Wiederaufgetauchte, sie, die jetzt eben selbstvergessen und mit den Gedanken überall, nur sicher nicht bei mir, die Straßenbahn betritt.
Sie wird fremd bleiben. Die unverhoffte, nun schon zum vierten, fünften Mal wiederholte Begegnung ist eher dazu geeignet, mich mir selbst zu vergewissern, als ihr über das aufblühende Du hinaus näherzukommen. Erst im zweiten Gedankenschritt erkennt sich dieses Selbst, in einem anderen Blick erkannt, erkennend wieder, benamst findet es einen Namen und als Ich dieses Du. Dieses Gefühl: Man möchte was machen. Man möchte gemeinsam sich einem Stück Welt zuwenden und darin die Abdrücke, das Gekräusel, den Schatten des anderen überkreuz und wieder zurückgeführt zum Eigenen betrachten. Die Spuren und die wellenförmigen Spiegelungen, das wäre schön, die Interferenzen. Für eine kleine Weile, bis man wieder zurückgestoßen ins Alleinsein mit einem einzigen Augenpaar zurechtkommen muß, noch einen Zweitblick haben, einen gedoppelten Sinn für die Welt, ein paar Stündchen lang, die ihrerseits gedoppelt wären, da deine Zeit und meine ja zweifach zählte. Von ihrem Gesicht zur Sonne und wieder zurück. Da liefen Hunde im Park. Ein Drache stiege und fiele aufwärts in den Tümpel des Septemberblaus hinein. So viele Menschen, und sie, du, und das eigene Alleinsein, es wäre wunderbar aufgehoben bei ihr. Ich möchte mich selbst bei ihr abgeben. Bitte, nimm du ihn mal einen Nachmittag. Und mich dann dort, bei ihr, bei dir, einfach vergessen und nicht wieder abholen. Ich müßte auf nichts aufpassen, am allerwenigsten auf mich. Ich könnte mich ganz dem Staunen überlassen, daß du nicht ich bist, sondern ein anderer, und mit dieser anderdeinen Stimme zu mir sprichst und mit dieser wunderdeinen Stimme mich meinst.

Nerium

Unsichtbar im Dunkeln blüht der Oleander. Seine Kelche schwimmen in den Strömungen der Nacht. Durstig schlagen sich die Wurzeln in die Kübel der Träume. Von den Staubfäden weiß man nur, was tags sichtbar ist, Perspektive ist alles, die Nacht aber hat man weiß nicht wieviele Dimensionen. An den Überscheidungen schimmern die Petalen. Nyx, die schlafwandelnde Göttin, zerwürfelt die Wege mit links.

Noch einmal Nacht. Abgerungen den Glocken des Schlafs. Träume von Hunden und elegischen Distichen fallen dem Wachbewußtsein später wieder ein, da ist die Nacht ohne Halt von den Scheiben gerutscht. Vögel halten sich versteckt, die Kamine haben die Fäuste in den Taschen vergraben. Ein seltener Gott heißt Vergnügen. Die Sprache baumelt von einem buntbemalten Apfelbaum.
Zeit, Feuer zu machen und einen Topf mit Kieseln zum kochen aufzusetzen.

VIA NOVAESIANA 13.9.2011

Schreiben in den Spinnfäden des frühen Morgens. Schreiben gegen diese Spinnfäden. Schreiben und warten. Warten und denken. Das Haus ist still wie ein Tier. Wie nur schlafende Löwen still sein können, alle Kraft und Gefahr in die Träume aufgespult. Die Nacht hockt vor dem Fenster, ihre Klauen am Glas. Und die Worte wagen sich heraus wie schüchterne Mäuse. Wenn man nicht aufpaßt, sind sie gleich wieder futsch. Verhuscht in den Spalten der Müdigkeit.

Autofahrer

Einer der hartnäckigsten Irrtümer der Autofahrer besteht darin, anzunehmen, nur weil man einen Motor hat, müsse man auch überhall freie Fahrt haben.

Gestern ist einer von denen einem Hindernis auf der Straße ausweichend auf den Bürgersteig gerollt und hat mir fast den Fuß abgefahren. Einmal ist mir dasselbe mit einem Mofafahrer passiert, der auf dem Trottoir glaubte, bei einer Ampelstauung seinem Recht auf freie Fahrt Geltung verschaffen zu können. Auf meinem geharnischten Brüller,, er solle gefälligst die Fahrbahn nehmen kam die Antwort: „Das geht doch nicht, da ist doch Stau!“

Ich meine, wo sollen wir denn noch hin, als Fußgänger? Die Hauswand hoch? In den Gulli runter? In ein kosmisches Wurmloch kriechen? Quantentunneln? Am besten selbst ans Steuer: Es ist der Zuruf eines Autofahrers an einen Fahrradfahrer überliefert, warum der denn nicht Auto fahre „wie normale Leute“

Der Gehweg ist ja bereits ein letztes Reservat, das uns Fußgängern zähneknirschend zugestanden wird. Daraus kann uns offenbar jeder motorisierte Idiot vertreiben, wenn ihm die Straße nicht ausreicht. Denn: Stillstand ist der Tod. Alle Räder müssen rollen. Vorwärts Marsch!

Wir brauchen mehr Verbote

In der Ausgabe 36, 2011 der Wochenzeitung <i>Die Zeit</i> ging es im zweiten Leitartikel über die Zunahme von Verboten im öffentlichen Raum. Der Ruf nach Verboten wie dem Rauchverbot oder dem jüngst diskutierten Alkoholverbot im ÖPNV und in Stadtgärten komme, so der Autor Jens Jessen von Leuten, die anderen nicht gönnen, was sie sich selbst verbieten.

Eine solche Ansicht ist nicht viel besser als der sture Zynismus, mit dem Raucher verkünden, es störe sie ja auch nicht, wenn andere Leute nicht rauchen. Sie ist verwandt mit dem Selbstbewußtsein von Leuten, die erst Lärm machen und einen dann auch auffordern, woanders hinzugehen, wenn man seinem Unmut über den Lärm Ausdruck verleiht.

Worum geht es nämlich? Um nichts anderes als den Primat der Störung. Wer den um Ruhe bittenden mit dem Hinweis entläßt, er könne ja woanders hingehen, dreht das Verursacherprinzip um: Nicht derjenige ist jetzt für die Störung verantwortlich, der die Welt verändert (durch Rauch, durch Schall, durch Kotze), sondern der, der sich davon gestört und beeinträchtigt fühlt. Selbst schuld. Braucht sich ja keiner Gestört fühlen.

Als ob man sich dazu entschlösse! Wenn Jessen allen Ernstes behauptet, Nichtraucher mißgönnten Rauchern die Freiheit, die sie sich selbst nicht nehmen, so ist das ein Schlag ins Gesicht all derer, die freiwillig und ohne von einem Verbot gegängelt zu werden, Rücksicht nehmen und Zurückhaltung in ihren Lebensäußerungen üben. Diesen friedlichen und angenehmen Zeitgenossen zu unterstellen, sie treibe doch bloß der Neid der Gehemmten um, wenn sie nach Verboten riefen, ist eine Frechheit. Wer so schreibt, übersieht, daß es eine Not ist, die Verbote fordert, wo Rücksicht nicht mehr walten will. Man fragt sich, ob Herr Jessen jemals unter einem Geräusch oder einem unangenehmen Geruch gelitten hat. Vielleicht fährt er Auto und geht nie in ein Restaurant, man weiß es nicht. Der öffentliche Raum ist für alle da, eben darum, weil er öffentlich ist. Da ihn alle sich teilen müssen und ein Mensch dem anderen ohnehin schon eine Zumutung ist, ist es wichtig, daß man einander so wenig Reibeflächen wie möglich zukehrt und für ein Minimum an Exposition bietet. Dazu gehört nun einmal auch, niemandem Gerüche und Klänge aufzuzwingen, und also, nicht zu rauchen, regelmäßig Körperpflege zu betreiben und die Musik zu Hause zu hören. Das ständige Geklingel aus den ungezählten Kopfhörern, das mittlerweile schon zur normalen Klanglandschaft im ÖPNV gehört, ist für empfindliche Menschen so schwer zu ertragen wie für andere eine quietschende Tafelkreide. Der Verzicht auf eine halbe Stunde Musik ist dagegen schadlos und darf gefordert werden.

Einen Lebensstil zu leben ist in Ordnung. Andere, die den selben öffentlichen Raum mit einem teilen, zu unfreiwilligen Zeugen dieses Stils zu machen, ist rücksichtslos, unverschämt und dreist.

Wir brauchen nicht weniger Verbote, im Gegenteil. Wir brauchen noch viel mehr davon, im Maße nämlich die freiwillige Rücksichtnahme für altmodisch erachtet wird und ihre Rolle bei der Gestaltung eines friedlichen Miteinanders nicht mehr wahrnehmen kann.

Öööööööö!

Hööööööööööö!
Üüüö!
Hhhhhöü, höü. höööö!
Ü, ü.
Alles, was ich von hinter der Scheibe, blickauf aus dem Souterrain verstehe, sind gerundete Vokale. Die werfen sie sich zu wie Sportler im Wettkampf. Es ist nicht zu sagen, ob sie, hüo, hüo! ein Team bilden oder gegeneinander spielen, Üüüüüüüüüüüü! Öh, öhööhhöö! Zwischendrin klettern sie auch auf dem Gerüst herum, dann geht es öööööööhü! nach oben und aus einer Höhe, die mein Kopf im Nacken nicht mehr zuläßt, schallt es, etwas hohl zwischen den Wänden hin und her echoend, zurück, uuuuuuuuö!
Mal lauter, mal leise, mal fast ein rundvokalisches Gemurmel, murmumühür. Dann wieder klingt es, als müßten sie sich ÖÖÖÖÖÖääärrr! auf die Brust trommeln. Wer die Vokale mit dem größten Öffnungsgrad hinkriegt, darf vielleicht ein Weibchen decken, öh, öh, öh!
Oder ist es eine besondere, den schwierigen akustischen Bedingungen einer Baustelle angepaßte Phonation? Lassen sich Informationen so besser über Bauteile, -schluchten und -höhen hinweg übermitteln? Eine Art Pfeif- oder Trommelsprache im Land der Baustellen-Guanchen? Ai, aihaaai, macht jetzt einer, und ein anderer steht dabei und schüttelt den Kopf. Ein anderer Dialekt, ein Sprachfehler, oder einfach noch ungeübt? Öi, öhööööi, korrigiert einer, und von oben schallt es: Öh! Öhööööö!
Konsonanten kommen fast gar nicht vor. Allenfalls ein gerundetes Rrrrrrrrrö. Plosive scheinen gar nicht in Gebrauch zu sein. Vielleicht tragen solche Laute schlecht, weil sie von Pfeilern und Säulen und Streben abprallen und unterwegs akustisch zersplittern. Wer soll da noch eine Botschaft heraushören? Wichtig ist sicher der Tonfall, das Auf und Ab oder oft auch das Verharren auf einem hohen Ton. Manchmal hohl und brünstig, manchmal eher scharf und gepreßt (wie unter erbärmlicher Anstrengung bei Verstopfung), läßt es an die Zurufe und Pfiffe, das Johlen und Heulen in der Männerumkleide und -dusche eines Badehauses denken. Höööööööö! Höh, hö! Errrrrg!
Sogar das Gelächter ist gerundet, von männlichen rrrrrrrs und chchchchs durchsetzt, hör, hör, hör, hüchch, hüüühüühüch!
Und ein paar Minuten später pfeifen sie wirklich, und das Pfeifen folgt der selben Intonationskurve nach, die eben noch die gerundeten Vorderzungenvokale beschrieben haben. Vielleicht, denke ich mir, hängt das mit den Entfernungen zusammen. Auf ein paar Schritt: Üüüüö. Auf zehn oder mehr Meter: Pfiffe.
Wenn das nichts mehr hilft, müssen sie eben wieder zum Zeigen und Fuchteln, zum vokallosen Weisen und unrunden Winken übergehen.

Bauradio

Hammerschläge, Kiesgeprassel, Motorengeräusche, in Ordnung, ich sehe ein, es geht nicht anders, wenn man ein Haus bauen will (und sei es auch nur Wohncontainer). Aber bei der Musik hört es auf, Radio muß nicht sein, Eins Live ist vermeidbarer Lärm. Man kann auch ohne zusätzliche Radiobeschallung hämmern und sägen. Schlimm genug, daß das Bauen nicht geräuschlos geht — aber muß man es mit Vorsatz noch schlimmer machen? Ich meine, die Baufritzen machen es ja sogar an, damit man was hört! Dabei vergessen sie, daß sie nicht die einzigen sind, die es hören: Lärm ist auf eine ziemlich fiese Art demokratisch.

Was ich nicht begreife ist dann folgendes. Ich habe jetzt, um das Geplärre nicht hören zu müssen, mich selbst mit Musik versorgt. Es ist eine Auswahl meiner Lieblingsstücke, und doch, wie soll ich sagen, hab ich es nach zwei Stunden satt. Nicht, weil es immer dieselben Stücke sind, bis jetzt hat sich noch gar nichts wiederholt, nein, ich bin einfach müde, ja, erschöpft, die Töne fallen mir zur Last, ich bin ganz einfach voll, habe mich sattgehört. Nicht noch was Süßes? Nein! Und jetzt frage ich mich: Die Bauarbeiter da draußen, wie halten die das Gedudel acht Stunden aus? Irgendwann muß doch auch mal Schluß sein. Oder lernt man das auf dem Bau? So wie man lernt, sich nicht auf den Daumen zu hauen? Aber wenn man das erst lernen muß – wär’s nicht besser, einfach kein Radio zu hören?
„Ach, wir hören da gar nicht mehr hin.“
„Warum machen Sie’s dann nicht aus?“

Warum machen sie’s überhaupt an?

Nostos kai algos

Wäre man erst gar nicht weggefahren, hätte man es nicht bemerkt, nicht in solch gräßlicher Schärfe. So aber kommt dem aus der Stille der abgelegenen Insel Heimgekehrten angesichts der brausenden Fahrzeugströme, der überfüllten Pendlerzüge, des polyglotten Elends allenthalben überscharf zu Bewußtsein, in was für einer mühseligen, stampfenden, lärmenden und banalen Tretmühle er sein tagtägliches Dasein fristet.

Fern von hier kann man, wenn man den Kopf dem Sand nähert, so daß das Meeresrauschen hinter die Dünen zum Gemurmel zurückfällt, die Sandkörner hören, wie sie sich an den Halmen des Strandhafers reiben. Am morgen war das. Da hatte man noch Schlick an den Füßen und die Sonne im Haar, und nichts stand dem Auge im Weg. Es gibt wenige Dinge, die so elementar sind, so unprätentiös machtvoll, wie die See. Und es gibt weniges, was so trivial ist wie eine Millionenstadt.

Langeoog

Ich habe mir einmal geschworen, es nie so zu machen wie meine Eltern. Vergebens, ich stecke schon mittendrin im Mist.

Besser, man fährt erst gar nicht weg. Wenn der einzige Effekt einer Urlaubsreise der ist, einem die Trübsal des Alltags durch Gegensätze zu Bewußtsein zu bringen, bleibt man besser zu Hause. Dann bleibt einem auch der Schmerz des Heimkehrens, die Nostalgie in ihrer Schattenbedeutung erspart.

Sonntag

Das Verächtliche an diesen Tassen, ihre blanke Gleichgültigkeit, mit der sie ihren Inhalt verteilen. So wie das Licht auf Tischen und Tellern herumliegt, wie es beiläufig auf billigem Messerstahl blitzt, wie es absolut nicht wählerisch sein will mit dem, worin es sich spiegelt; wie dann die Wanderschuhe unterm Tisch noch den Kellerstaub vom Winter zeigen und oben die Sonnenbrillen ins Leere starren; wie dann die Münder mit jener unergründlichen Zufriedenheit, wie sie nur Sonnenbrillenträger hinkriegen, in die vogelstimmensatte Luft hineinplappern; und das billige Parfum, und die Omapelze; und wie die Kellnerin in Strumpfhosen, Handschuhen, Mütze und Schal neuen Kaffee bringt; und wie die Spatzen herumhüpfen nach Kekskrümeln; Feiertagslippenstift und Wanderkarten; und wie die Ebene unter der Burg daliegt wie ein schamloses langes Gähnen; und wie dann alles kein Ende haben wird, einfach kein Ende finden kann, die geschminkten Lippen nicht und die lauernden Blicke hinter der Sonnenbrille, die Meisen nicht und der Kaffee nicht, und man schon am Sonntag die Erschöpfung des Montagmorgens in alles Knochen spürt, die allumfassende Erschöpfung aller jemals durchlittenen Montagmorgen, und wie alles unvermeidlich nur darauf zulaufen wird, auf den nächsten Tag, als sei das unser aller Schicksal, einem nächsten Tag entgegenzuschweigen, für immer diesem nächsten Tag; genauso, einen Kaffee herunterwürgen, der schon nach Später schmeckt und doch jetzt bereits unsäglich bitter ist; die Fahnen klirren hören, im Tiefkühlobstkuchen stochern, den Kindern zusehen, wie sie verzweifelt zwischen den Tischen umherspringen, um jede Stunde dieses Sonntags ringen und nicht wissen, was besser ist: die Stunden zu verlängern oder sie besser schon im Abbau zu vergessen? Und wie man schon weiß, daß die Wohnung sich nach so viel erstem Frühjahrslicht später anders zeigen, das Treppenhaus schon anders riechen wird, nach Drinnen und Wänden, nach Verschalung und dumpfem Staub; wie man dann auf dem Absatz kehrtmachen möchte; wie man nicht kehrtmacht; wie die Uhr über den Küchentisch tickt; und wie die Kirchenglocken gedämpft über die Ebene heraufgeschwungen sind, Kindertage heruntergezählt haben, und die Müdigkeit abgeschnüffelter Teppiche, Nasen am eiskalten Fensterglas, und die Glocken, schwingen und schwingen, die Kellnerin dampft vor Atem, draußen gibt es nur Kännchen, und die Stühle sind angekettet, fugenlos und vernünftig stehen die Mauern, die Schleifen an den Wanderschuhen sind mit Doppelknoten gesichtert, am Nachbarstuhl lehnen die Turbokrücken, es knistert von himalayatauglichen Geweben; dieser Sonntag ist eine einstweilige Verfügung, Geldstücke klimpern wie eine Losung, aber wer kann sich schon freikaufen? Und wie dann der Gedanke an eine Flasche Wein samtig aufschimmert, und wie dann, trink nicht so viel, sagt jemand, morgen ist Montag da mußt du früh raus.

Am morgen, später

Schon früh, gegen sechs Uhr, im Wald. Abends hat man ihn noch gehört, am Morgen bin ich mir nicht mehr sicher: Kann sein, daß eine seiner glockenhellen Kaskaden im Halbschlaf wahrnehmbar wurde. Als ich loslief, herrschte Schweigen straßauf und straßab. Losgelaufen mit dem Gefühl, zu spät dran zu sein.
Man bewegt sich zu den Rändern der Stille. Die Laternen an der Straßenbahnhaltestelle stehen wie Scheinwerfer über einem Gefängnis und tauchen die Schranken und Bahnsteige in natriumgelbes Licht. Alles, was fährt, bewegt sich wie außerhalb einer Demarkationslinie. Jeder Laut ist fern, als wäre das in dieser Stunde die einzige Möglichkeit für ein Geräusch, überhaupt zu existieren: hinter Verschachtelungen des Raums, in einer absolut gewordenen Dahintrigkeit, abseits von allem, vielleicht sogar von sich selbst.

Das Grau ihres Lockenschopfs sieht aus als hätten das Haar seine Farbe heute Nacht irgendwo abgelegt und dann vergessen. Das Grimmige in den Zügen der Frau (die Lippen ein Nein-Strich, die Nase mißmutig, wie schnüffelnd zu Boden gerichtet) scheint es zu bestätigen. Nur der Hund, der vor ihr an der Leine watschelt, ist guter Dinge und schaut mit einem Blick an mir hoch, der wohl sagen soll, ich dürfe Frauchens Schrullen nicht so ernst nehmen.

Später der Wald. Der Pfad hat die Jahreszeiten von sich geworfen. Er ist absolut gewordener Pfad, jenseits von zeiten und Abläufen, nichts geht ihm voran, nichts wird ihm je folgen. Unbestimmbar ist der Reifungs- oder Zerfallsgrad von Blattwerk, Blütenstand und Pupa. Der Himmel hängt farblos als etwas, das zwischen den Baumkronen eben auch noch da oder übrig ist, eine Ahnung von einem Zustand der Welt, in dem alle Dinge plötzlich fehlen und nur noch eine Sichtbarkeit ohne Farbe zurückbleibt. Plötzlich kommt mir der Wald begrenzt vor, seine Wege laufen in sich selbst zurück, hinter dieser Ilexreihe gibt es nur noch diesen farblosen Himmel, sonst nichts, aber die Grenze erreichst du nicht. Dein Schritt wird langsamer, du stolperst über eine Wurzel, ein morscher Zweig gibt unter dir nach, und wenn du wieder aufschaust, liegt vor dir der Weg, den du eben verlassen hattest.

Zurück, ist es Tag geworden. Die Straßen sind aufgewacht, die Scheiben blinzeln in den Himmel. Ein Automotor springt an. Unwirsch hängt Zigarettenrauch in der Hecke fest. Ein Baugerüst blitzt, Rufe gehen hin und her, Hammerschläge treiben Spalten ins Gehör. Sie sind wieder da, denkt man, die Schaffer und Häuslebauer, die Pläneschmieder und Zirkusdompteure der Langeweile, und die ganze Fauna nimmt reißaus und geht schon mal in Deckung.

Heute, Tage später, hat man endlich Gewißheit erlangt: Die Buchfinken haben ihr Jahreswerk vollbracht. Was neulich noch in den morgendünnen Schlaf ragte, war ihr letzter Ton, und vielleicht hat man auch dieses nur mehr einer Erinnerung nachhängende Zwitschern bloß geträumt. Der Sommer schaut auf die Uhr, die Sonne blickt verlegen drein. Man tritt vor die Tür zu einer Stunde, die gestern noch Sechs Uhr hieß, der Buchfink ist Geschichte und man läuft wieder los, mit dem Gefühl, zu spät dran zu sein.

Irrtum

Lieber Mitreisender und Nebensitzer, Sie glauben, ich rücke von Ihnen ab, damit Sie in die Lücke nachrutschen und das bißchen Raum zwischen uns abermals mit Ihrem Körper füllen können. Vielleicht freuen Sie sich sogar, daß Sie nun mehr Platz für diesen Körper haben, mit dem Sie mir, ich sage es ungern, auf die Pelle rücken. Sie befinden sich in einem beklagenswerten Irrtum. Ich rücke nicht von Ihnen ab, damit Sie mehr Platz haben, sondern damit mehr Platz zwischen uns sei.

Greinstraße, Baustelle

Nur noch ein paar Tage, dann ist es aus mit dem Blick auf die Baumkronen. Schon verstellt ein Gerüst diesen grünwogenden Ernst, trampeln Arbeiter in den Laubhöhlen herum, wächst vor meinem Fenster der Plan zur Übermalung des Himmels: Ein Containergebäude, so hat es die Verwaltung beschlossen, soll dort entstehen und den Mitarbeitern eines anderen Insituts während einer Baumaßnahme als Notunterbringung dienen.
Jahre haben aber die Kronen ihren Schatten auf das Rasenstück geworfen, mir an Winternachmittagen den Himmel in Nester und Parzellen geteilt, Frühling für Frühling die unscheinbaren Schönheiten ihrer vor dem Blattaustrieb schwellenden Blütenknospen wie schlagende Glöckchen an den Himmel gesteckt, und im Herbst konnte man zusehen, wie die Winde langsam, jeden Tag größere Lücken reißend, das mürbe Laub aus den Kronen blies.
Selbst die Fußgänger, die dann, die Hand am Hut gegen den Sturm, zu den Parkülätzen streben, verfallen in solchen Schatten, überdacht von den ausladenden Zweigen des Silberahorns, in einen anderen, in einen besonnenen Schritt, obwohl die Bewegung, mit der sie sich eins der brennendroten Blätter vom Mantel wischten, gedankenlos und mürrisch ist. Der Raum unter einem Baum ist immer ein friedvollerer Raum. Die Übermacht des Himmelsgewölbes, dessen Vollkommenheit manchmal wie die Drohung eines jederzeit fälligen Schlags überm Scheitel hängt, ist zerstreut und im sorgsamen Walten des Laubs aufgehoben. Darunter und darin läßt es sich wohnen. Seine Wurzeln aber drücken selbst Betonflächen empor und lassen den Sand zwischen Pflastersteinen davonrieseln. Es ist nicht alles machbar. Auch die frischweiße Fläche, die jetzt als Fundament für die erwarteten Container sich dort erstreckt, wo vor ein paar Wochen noch eine Wiese lag, könnte sehr leicht diesen Druck aus dem feuchten Inneren der Erde an sich zu spüren bekommen.
Schon zwängt sich der Raum zwischen den Scheiben und der noch imaginären Wand unruhig in seinem zukünftigen Spalt. Gerüstrohre heulen wie Orgelpfeifen. Die Männer zeigen und messen und zeigen noch mehr. Vom künstlichen Stein kräuselt sich eine Staubfahne empor. Der Silberahorn wedelt mit Laub und Licht, bereits in einen Bilderrahmen aus Gerüsten gespannt. Bald wird nichts weiter zu sehen sein, als die Wand, an der jeder müde hinausgependelte Blick abprallen wird. Der Horizont läßt Wolkenvögel losfliegen: Auch sie wird man bald nicht mehr sehen, mit etwas Glück noch ihren Schatten, wie er zu den anderen Schatten im Spalt zwischen Mauer und Fenster hereingleitet. Das Licht auf dem beton ist stumpf geworden wie Kreide. Über den Arbeiterschultern spannen sich die Hemden. Im vorauseilenden Licht der Leuchstoffröhren sitzt man jetzt schon wie beengt.

Briefe in die Vergangenheit

Daß Du mir nicht mehr schreibst, zu den Anlässen nicht, dazwischen sowieso nicht: Das schlimme daran ist nicht, daß ich das schlimm finde, sondern daß ich es nicht schlimm finde. Denn:
Was verbindet uns noch, außer der bloßen archäologischen Tatsache, daß wir mal ein Paar waren? Was Dich mit mir verbindet, kann ich nicht sagen. Was mich betrifft, so verbindet mich mit Dir eine Erinnerung, eine Vergangenheit, mit der ich nicht abschließen kann, und diese Vergangenheit ist in gewisser Hinsicht lebendiger als die Gegenwart (ich bin versucht zu sagen: lebendiger als Du jetzt für mich bist). So weiß ich gar nicht mehr, an wen ich eigentlich schreibe, wenn ich mich zu einem Brief an Dich hinsetze. Der Schreibtisch ist so leer, als hätte nie jemand dort einen Brief geschrieben. Es scheint mir, ich schicke Briefe an einen Menschen aus der Vergangenheit, Briefe, die, wie ich fürchte, mehr an meine eigenen Erinnerungen als an eine echte Person gerichtet sind. Und zurück sind zuletzt immer Briefe gekommen aus einer Gegenwart, über die ich rätsele und mir den Kopf zerbreche, ich verstehe sie nicht. Es scheint diese Gegenwart nicht meine Gegenwart zu sein, auf jeden Fall ist es keine, die uns beide gleichzeitig enthalten könnte. Ich kann diese erratischen Hinweise (Job; Kinder; Haus) und Informationsschnipsel zu keinem Bild eines Lebens zusammensetzen, und sagen: Das ist also Deins, so lebst du also, das bist Du. Es bleibt das alles ein Job, Kinder, ein Haus. Beliebig. Fremd. Isoliert. Nichts, woran Deine urpersönliche Sicht auf die Welt, Deine ureigene Bemühung, Dich darin zurechtzufinden, kenntlich würde. Nichts, worin sich sich ein Dein Du zeigen würde.
Und jetzt kommen gar keine Briefe mehr, keine aus der Gegenwart, weder verständliche noch unverständliche. Ich nehme es zur Kenntnis. Es berührt mich nicht. Ich habe lange vergebens auf einen Brief aus der Vergangenheit gewartet, aus unserer Vergangenheit, von einem Menschen, der noch dieselbe Zeit mit mir teilt. Von dort habe ich nie wieder etwas gehört. Deshalb kann ich nicht sagen, daß mir irgendetwas fehlt. Wir könnten uns nur immer wieder unsere eigene Geschichte erzählen. Vielleicht ist es besser, es zu lassen, weil es sinnlos ist und nicht guttut, und weil das Ende häßlich war, und unseren Briefwechsel einzustellen. Vielleicht hast Du diesen Entschluß bereits gefaßt, denke ich, vor einem Jahr und länger, vielleicht hast Du eines Tages, schon am Schreibtisch, lange nachgedacht und nichts gefunden, und den Federhalter sinken lassen, aus dem Fenster gesehen, in bewegtes Laub oder Sonne oder Schindeln anderer Häuser, hast geseufzt und den Kopf geschüttelt und Papier, Feder und Umschlag wieder weggeräumt, bist aufgestanden und hinausgegangen, und vielleicht warst das gar nicht Du sondern ich war das. Ich stelle mir eine leere, spiegelnde Schreibtischfläche vor und eine Tür, die ins Schloß fällt, rufende Stimmen, die dahinter verhallen, ein unbehaustes Zimmer. Wann haben wir das letzte Mal wirklich miteinander gesprochen?, frage ich mich, und dann finde ich es doch noch schlimm.

Hausaufgaben

Amüsant: An den Suchbegriffen, mit denen meine Seite gefunden wird, läßt sich manchmal ablesen, welcher lateinische Text gerade besonders oft als Hausaufgabe gegeben wird: Letzte Woche war es Seneca über die Zeit (ita fac, mi Lucili, Sie kennen das sicher noch) und eine Passage aus der Ars von Ovid. Heute dagegen scheinen sich mehrere Schüler an Martial 5,58 abzumühen.

Da kann man nur viel Erfolg wünschen.