Farbenlehre

Welche Farbe?“ haucht die süße M.-A., und ich bin sprachlos. Welche Farbe?
„Grün oder schwarz?“ flüstert sie und streckt mir, ohne rot zu werden, in jeder Hand ein streichholzbriefgroßes Päckchen hin.
Von Anfang an habe ich es gewollt. Wochenlang habe ich mich nicht getraut, habe gezögert, den ersten Schritt zu machen, mir Woche für Woche aufs neue Mut zugesprochen, wieder verzagt, mir am Ende alles aus dem Kopf schlagen wollen und doch wieder Hoffnung geschöpft, bis ich endlich all meinen Mut zusammengekratzt und sie einfach gefragt habe. Wie soll ich mein Glück beschreiben, als sie schlicht und ohne Umschweife ja gesagt hat? Und da sind wir nun. M.-A. räkelt sich. M.-A. weiß genau, wie sie sich räkeln muß, damit ihre vierzehnjährigen Brüste bestens zur Geltung kommen. Auch anderes an ihrem Körper kommt hervorragend zur Geltung, wie ich sehe. Und jetzt, so kurz vor der Erfüllung meiner Wünsche – muß sie Umstände machen und mir diese Frage stellen!
Was mich aus der Fassung bringt, sind nicht die bestens zur Geltung kommenden Brüste. Mag sein, davon schwindelt mir. Nicht das ist das Problem. Mein Blick geht zwischen M.-A.s kindlichen Händen hin und her. Das Problem ist, daß ich mich nicht entscheiden kann. Was ist das aber auch für eine dumme Unterbrechung, fast muß ich lachen, weil mich das alles an etwas erinnert, aber blöderweise auch noch an etwas anderes, nämlich daran, wie ich das erste Mal mit E. schlief, und sie mir kurz vorher die gleiche Frage gestellt hatte, nur mit anderen Farben, „Rot oder blau?“
Warum muß ich das entscheiden, kann das nicht bitte M.-A. für uns regeln? Ok, sie ist vierzehn, da ist man vielleicht ein bißchen nervös, hat Angst, etwas falsch zu machen, weiß nicht, wie es funktioniert, kann nicht so gut damit umgehen. Aber ist es so schlimm? Kann sie nicht einfach eine Packung aufreißen, das Ding herausholen und alsbald seiner Bestimmung zuführen? Ich helfe ihr auch dabei! Die süße, die freche, die forsche M.-A., die doch sonst immer weiß, was sie will, und es kann doch nicht sein, daß sie ausgerechnet jetzt pienzig wird und die Entscheidung mir überläßt!
Aber genau das tut M.-A. Regelt nichts und schweigt und ist süß und vierzehn und überläßt mir alle weiteren Entscheidungen, wobei sie geheimnisvoll lächelt, während sie die Verpackung leise zwischen den Fingern knistern läßt. Mh? Wie knistert das? Sie tut so, als lausche sie versonnen dem Geräusch nach. Knistert es vielleicht grün? Oder schwarz? Als gäbe es nichts Wichtigeres als diese Frage, legt sich ihre Stirn in spielerische Falten. Ich schweige. Mensch! Sag du doch einfach! Aber M.-A. sagt nichts. Sie räkelt sich. Die Wimpern klimpern, die Finger reiben, die Verpackung raschelt. Aufmunternd: Na los, entscheide dich, nur Mut! In den Spalt zwischen den Reihen alabasterweißer, ebenmäßger Zähne zwängt sich eine rosige Zunge. Jetzt oder nie! Ich bin nicht mehr der Jüngste, wenn das noch lange dauert, verliere ich die Lust und alles ist hin. Aber ich schüttele ratlos den Kopf. Grün oder schwarz, spielt das eine Rolle? Grün, schwarz, blaßviolett, infrarot, ist doch egal jetzt in diesem heiklen, in diesem zarten Augenblick! Nachher ist das Ding drin, dann sieht man doch eh nichts mehr davon!
„Der Geschmack ist anders“, erklärt M.-A. achselzuckend, und mir wird abwechselnd heiß und kalt. Geschmack? Aber – wäre es da nicht besser, M.-A. selbst würde …
Da stemmt M.-A. die Hände in die Hüften. „Also hören Sie mal! Wer wollte denn den Kaffee?“ Dann kneift sie die Augen zusammen und hält sich abwechselnd das eine, dann das andere Päckchen vors Gesicht. „Espresso legg … leggero oder L-Lungo forte?“ entziffert sie den Verpackungsaufdruck und stolpert dabei allerliebst über das legg … leggero, anmutig noch im Stottern. Sie spricht das gg falsch aus. Anmut im Stottern und in der fehlerhaften Phonetik.
„Oder soll ich lieber einen Tee machen, bevor wir anfangen mit Latein?“
Mit den Päckchen wedelnd, steht meine Nachhilfeschülerin in der Küchentür. Pulchra enim sunt ubera quae paululum supereminent … Sie verdreht die Augen, seufzt, lehnt sich an den Türrahmen. … et tument modice. „Nun?“, drängt sie sanft, und ich schlucke trocken und antworte, „Rot“.

No. 14

Neulich habe ich die Klaviersonate op. 27 Nr 2 in cis-Moll gespielt. Den ersten Satz, Adagio sostenuto, auf einem Instrument mit riesigen, nußbraunen Tasten. Konfliktrhythmus, zwei gegen drei, ich mußte mich sehr konzentrieren, das richtig hinzukriegen, und war entzückt, als es mir endlich gelang, die sanfte Verschiebung ganz zart, delicatissimamente, und noch exakt klingen zu lassen, punktiert zumal.

Quasi una Fantasia: Es war im Traum. Aufgewacht bin ich dann ins Verschweben dieser Achtelnoten hinauf, kein Mond, die Sonne schien, und es war Sommer. Gut fing das an, so ein Tag, so ein adagio losschreitender Morgen.

Splatterkino

„Nicht aber diesem Schlag, wie ihn führt mit Gewalt meine Rechte,
solcherart nicht, daß du wehrst, bin ich Wirker von Waffe und Wunde.“
Sprachs. Und richtet sich auf mit hoch erhobener Klinge
und in der Mitte die Stirn mit dem Eisen zwischen den Schläfen
spaltet er ihm und in klaffender Wunde die bartlosen Wangen.
Laut tönt es da, wie die Erde gewaltig erbebt vom Gewichte,
da er kracht nieder. Den Leib und die hirnverschmierte Bewaffnung
wirft er im Tode zum Grund, und in gleich großen Teilen
beiderseits rechts und links der Kopf ihm hängt von den Schultern.

„at non hoc telum, mea quod ui dextera uersat,
effugies, neque enim is teli nec uulneris auctor“:
sic ait, et sublatum alte consurgit in ensem
et mediam ferro gemina inter tempora frontem
diuidit impubisque immani uulnere malas.
fit sonus, ingenti concussa est pondere tellus;
conlapsos artus atque arma cruenta cerebro
sternit humi moriens, atque illi partibus aequis
huc caput atque illuc umero ex utroque pependit.

Vergil Aen. IX, 747-755

Alpenschatten

Auch wenn man nicht hinschaut, ist ihr Schatten nah. Immerzu drückt ihre ins Diesseits gestemmte Last auf die Augenlider. Zu jeder Stunde, nachts, in Räumen, im Schatten von Wänden und Wipfeln greift ihr Gewicht noch aus, um an Stirn und Schläfen zu zerren. Alle Kreuzungen zeigen darauf, alles, was steigt und fällt. Jeder Surz kommt von ihnen hergerollt, jeder Vogelflug nimmt von dort seinen Ursprung. Sie sind die Fünfte Himmelsrichtung, die alle Winde der Rose beherrscht. Siehst du sie an, füllen sie dir das Blickfeld ganz. Schaust du woanders hin, bleiben sie im Augenwinkel stehen. Aufmerksam, greise Riesen, die Gedanken voller Gewölk. Sie rollen die Wege, rollen morgens die Teppiche aus, ziehen am Abend Pfad um steinigen Pfad wieder ein. Bis alle Richtungen im blanken Fels zum Ende kommen. Verschließen die Lüfte mit dornigen Tälerschatten. Abermals Unzugängliche, laufen ihre schwebenden Steige nachts nach Wolkenart. Dann erheben sich Lichter aus dem Grund. Strenge Augen vor Pforten, hängen sie über jedem Grund und lassen die schwarze Ferne zittern von Spalten und Schluchten. Die Bäume neigen sich zum Sturz. Der Schlaf rollt sich zusammen unter ihrem Dach. Die Zeit sieht ihnen beim Wachsen zu.

Hinweis für Allergiker

Es heißt übrigens nicht *die (pl.) Pollen, sondern der (sg.) Pollen. Hieße es die Pollen, was wäre dann der Singular, ein Poll? Eine Polle? Pollen ist ein Massennomen wie Sand oder Kies und besteht — so wie Sand aus Sandkörnern und Kies aus Kieseln besteht — aus vielen mikroskopisch kleinen Pollenkörnern. Ein Pollenkorn repräsentiert die haploide Generation beim Generationswechsel der Pflanzen, ist also der (männliche) Gametophyt. Der weibliche Gametophyt heißt Embryosack, verbleibt auf der Mutterpflanze und ist allergologisch wie linguistisch unbedenklich.

post aestatem

In der Stille aufwachen, in der Nachwelt der Vögel. Ein Name, ein Pfeil. Ein Hunger. Barfuß in Zuckerkrümel treten.

 *****

Bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Kein Raum für Zweideutiges, Anspielungen, Hoffnungsheimligkeiten. Das Abenteuer, in einer Wohnung aufzuwachen, wo man nicht weiß, wo die Kaffeedose steht. Am Bahnhof nicht abgeholt zu werden. Warten können und Zeit haben in der felsenfesten Gewißheit, daß die Schönheit für dich allein bestimmt ist, kommt Zeit kommt Rat. Raufzählen und zunehmen und die Bäume für bare Münze genommen. Man macht den Wecker aus. Man kennt schon fast alle Stücke. Es kommt nichts Neues dazu. Mit jedem neuen Tag wird die Wahrscheinlich größer fürs Déja-vu. Diesen Moment, der war doch schon einmal, der ist doch schon gelebt. Sendungswiederholung.

*****

Und zwischendrin: Ihren erstaunten Blick wärs doch wert gewesen, sich noch vier Stunden im Zug abzumühen und einen weiteren Tag mit den Kindern – , ihre Freude, daß ich mitkomme, doch noch, nachdem ich schon ausgestiegen war, das wäre es wert gewesen, ja, und ihr kindliches, simples Entzücken. Das ausblieb. Meinetwegen. Und das nicht wieder-holbar ist, nicht dieses, jedenfalls, nicht dasselbe. Nicht so schlimm, aber das Kleine ist ebenso unwiederbringlich vorüber wie das Große. Und wer mag schon genau behaupten, was groß und was klein ist. Ihr Strahlen, vielleicht wär‘s groß gewesen. Für mich, für sie. Für uns. Das sind so Gedanken. Und auch, daß die Tür von Wagen 254 schon geschlossen war, sich mit Gezisch und Geächz vollautomatisch zwischen uns geschoben hatte, meine Schroffheit/ihren traurigen Blick, und lag dann spiegelig hart zwischen den mühsamen Luftküssen. Aber ich hätte wieder einsteigen können, ein Ruck nur, ein Sprung, einzig und allein um ihre Freude zu erleben, dafür hätte ich gut und gern noch ein bißchen Plackerei und das Generve der Kinder – und die Tür zum Wagen 255 noch offen, der Pfiff noch nicht ertönt, das Signal auf Rot. Ich hätte, ich wäre, aber nein. Es ging zu schnell, könnte man sagen, um das alles durchzudenken und wirklich schon vorgreifend diejenige Reue zu spüren, die mich anfiel, anfallen mußte, sobald der Zug davongerollt war, ich nicht mehr sie hinter der verspiegelten Scheibe, sie nur noch mich sehen konnte (oder sich schon, enttäuscht?, abgewandt hatte); es ging zu schnell, um die Reue schon vorauszufühlen, als noch Zeit gewesen wäre, auf so eine Ahnung zu reagieren, aber die Zeit war nicht, und vielleicht ist das auch ganz falsch, vielleicht war Zeit zuviel, zuviel Zeit zum Zögern, zuviel Zeit zum Abwägen und Ausbaldovern und stur bleiben, zuviel Minuten, als daß ich blindlings … vielleicht ging es nicht zu schnell sondern, nicht schnell genug.

 *****

Zuletzt noch die Mauersegler, abends, die ihre Leuchtspuren in den Schlaf hineinfräsen. Späteste Minuten. Wenn der Himmel sich vom Fenster löst, gerät das Zimmer ins Schweben. In der Luft hängen die Stimmen von damals. Einer Zeit, als kein Mangel war an Tag und Traum.

Fringilla coelebs

Wie von Weitem tönen eines morgens die Stimmen. Über Nacht haben Wetter und Wolken gewechselt. Die Schatten sind ernst geworden, die Wege reif von Fernen, am Horizont wälzen sich die Wälder. Die Stimmen haben ihre liebgewonnen Singstände aufgegeben, aus anderen Richtungen tönen sie, und leiser jetzt, gefiltert, gedämpft. Unentschlossen gegen die Entschlossenheit des grimmigen Jahres. Noch ein Versuch, zu retten, was verloren ist, schwebend zwischen Noch-hier und Schon-weg. Über Nacht sind die Zimmer des Sommers zu groß für sie geworden, In den Räumen verheddern sich die Stimmen, die Luft ist voller Winkel, wo immer man sie vernimmt entfernen sie sich, noch einmal und noch einmal, und dann werden sie verstummen. Eine dieser zaghaften, widerstrebend entäußerten, von ferne herangewehten Phrasen wird die letzte sein, mit einer jeden könnte der Sommer enden, und so klingen sie auch.

Leuchtspur

Sich so in den Morgen hineinschreiben. Den Leuchtspuren folgen, Zeichen um Zeichen die Zeit nachbuchstabieren, notieren, was rumliegt, an den Spülsäumen des Tags; findet sich immer was: Seemannsgarn, Flaschenpost, eines Gefangenen in Balken geschnitzte letzte Botschaft, Imaginiertes von Meister Krabbe, und wohin die Krallen der Möwen weisen. Das hat alles Richtung, wenn auch nicht die gleiche immer. Auch Sand beginnt als Versuch. Traubenlese der Algenfelder, die noch ins Dunkel spülen. Küstenwärts Sturm und Licht, lichtwärts die Klingen der Felsen, die Luft blankgewetzt unter den Schnäbeln der Vögel. Dunkelwärts Schlick in der Faust, und einen Keil in den Tag getrieben, einen Anker, der die Geschichten festmacht, ein Zeichen fürs Wachsein, ein Wort für die Stunde.

Das Kölner Urteil zur Beschneidung von Knaben verweist auf die prinzipielle Frage, ob Kinder vor den religiösen Ansichten ihrer Eltern zu schützen sind.
Ist es in Ordnung, wenn Eltern ihren Kindern weismachen, die Welt sei in sieben Tagen erschaffen worden und wer etwas anderes behaupte („nur eine Theorie“) sei des Teufels? Vielleicht. Immerhin haben wir ja die Schulpflicht, um das wieder geradezubiegen. Ist es in Ordnung, das eigene Kind in komische Klamotten zu stecken, so daß es in der Schule zum Gespött der Mitschüler wird? Warum nicht, ein bißchen Anderssein stärkt den Charakter, könnte man sagen. Ist es in Ordnung, einem Kind von kleinauf einzureden, es sei sündig und schlecht und müsse bereuen, andernfalls es in die Hölle komme? Winken wir’s zähneknirschend durch. Gibt ja Therapeuten, die können das im Notfall wieder geradebügeln. Ist es in Ordnung, einem Knaben ein physiologisch entbehrliches Hautläppchen am Dödel wegzuschnippeln? Anästhesie und Wundpflege vorausgesetzt, na gut, wenn auch mit schwerem Seufzer. Ist es in Ordnung, einem Mädchen die Klitoris zu entfernen und es seiner sexuellen Genußfähigkeit zu berauben? Nicht mal unter Narkose, da ist man sich einig. Und ist es schließlich in Ordnung, einem Kind die überlebensnotwendige Blutkonserve vorzuenthalten, auf daß seine Seele nicht zugrunde gehe?
Irgendwo auf diesem Kontinuum verläuft die Grenze dafür, was Kindern an religiösem Brauchtum zugemutet werden darf und was nicht. Das Kölner Urteil könnte diese Grenze jetzt neu abgesteckt haben.

Beim Laufen

Der Asphalt blubbert, darüber schleppen die Tiere sich dahin, Krallen im Karamell. Staub und Kletten striegeln das Fell. Schnauzen suchen nach ihresgleichen. Irgendwo gehört ein Mensch dazu. Unklar, wer hier wen zieht, der Mensch den Hund oder der Hund den Menschen. Schweben von Schemen, wegauf und wegab, Schiffe und Segel. Die Hecken stehn im Dunst, beschämt über den Gestank von Kot, der an ihren Wurzeln hockt. Hammerschläge lassen ein Echo hinter sich fallen, mit Mühe schlägt es die Wand zurück. Die Farben hadern mit dem Licht. Sie halten es nicht, sie warten auf die Hand der Schatten, während die Sonne sich um den Kirchturm krümmt. Ein Eselskopf schaut über die Hecke, die Augen voller Fliegen. Durst, und rote Wangen, wie ausgespuckte Bonbons, Lippen unter der Nase, und wieder Durst, nach Dunkelheit. Ein Spaten ist in der Erde festgewachsen. Wohin auch immer, die Schatten sind stets noch ein paar Schritte weiter weg. Die Hitze ist ein Haar, das auf der bitteren Stirn klebt. Sie schneidet unter den Fingernagel, sie hält Wache am Bett der Liebenden, sie schläft ein in der geschmolzenen Vanille im Abfalleimer. Die Mauersegler fliehen zu den Horizonten der Wolken. Die Wege sind beladen mit Rainen, die sich aufrollen, um sich im Dunst zu verlieren. Dort versacken alle Richtungen. Laufen, nirgendwohin, bis die Sonne Mauern baut und sich der Schweiß in Käfer verwandelt. Der Wald zerkratzt den Blick. Häute wachsen zwischen den Fingern. Prüfungen des Rauchs, unter der Zunge singt Salz, die Plastiktüten quietschen bei jedem Schritt. Einzig frisch bleiben die Autos mit ihrem messerscharfen Lack, ihre Motoren heulen unwirsch über so viel Trägheit auf zwei Beinen.

Solstitium

Stramm stehn die Uhren. Im Gleichschritt gehn Weiser und Weg. Unter Vollzeug
    segeln die Fahnen vorm Tag über die Stunden hinaus.
Schon stehn die Schalter auf an, sind die Bücher am Ende, entschlossen
    trampeln die Schuhe dahin. Schnell ist der Tag, pfeift die Nacht
jählings um Säulen und Draht, wo kreischend die Straßen ins morgen
    düsen, auf Anfang getrimmt. Alles, was Zahl heißt, rast los.

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad …

Liebe REWE-Filialleiter!

Wollen Sie auch, daß Ihren Kunden das Einkaufen bei REWE Freude macht? Wünschen Sie sich, daß Ihre Kunden sich wohlfühlen in Ihren Geschäftsräumen und sich gerne dort aufhalten? Wollen Sie auch, daß Ihre Kunden die Atmosphäre im Laden als wohltuend empfinden, sich entspannen und gerne wiederkommen? Und wollen Sie Verärgerung und Mißmut bei Ihren Kunden vermeiden? Dann haben Sie doch bitte ein Einsehen. Verzichten Sie fortan darauf, den Werbesong „Buttermilch in Flaschen“ in Ihren Filialen abzuspielen. Denn mit seinem immer knapp den Melodietönen ausweichenden Gesang verursacht diese Einspielung höchstes Unbehagen und löst spätestens beim zweiten Hören einen kaum zu unterdrückenden Fluchtreflex aus. Auch den Text möchte man nicht unbedingt unter die Höhepunkte abendländischer Lyrik zählen. Glauben Sie mir: Niemand wird diese Ohrenfolter zum Anlaß nehmen, ins Kühlregal zu greifen. Und seien Sie unbesorgt: Die Stammkunden der fraglichen Molkereiprodukte werden die neue Verpackung schon von alleine entdecken. Machen Sie doch lieber mit einem Plakat darauf aufmerksam, das gibt immerhin keine Töne von sich. Oder verteilen sie einen Flyer an der Kasse. Die Ohren Ihrer Kunden jedoch weiter zu strapazieren, dürfte Ihrem Geschäft in hohem Maß abträglich sein. Täuschen Sie sich nicht: Ästhetisch empfindliche oder auch einfach nur nicht gänzlich unmusikalische Menschen gibt es viele – mehr als sie vermutlich zu denken geneigt sind –, und der nächste Supermarkt ohne Werbespots, handele es sich nun um Buttermilch oder um Spargelsauce oder was auch immer, ist nur eine Straßenecke entfernt. Sie werden sich, wenn sie fortan auf den Song verzichten, keine Feinde, wohl aber eine Menge Freunde machen. Denn von dem falschen Gesinge bekommt man, verzeihen Sie, ein Geschwür im Ohr.
Und wo Sie schon einmal dabei sind: Machen Sie doch das Einkaufsradio am besten ganz aus. Vielen Dank.

Herzlich
Ihr Solminore

Binnenwandern

Man wandert. Man geht, und schaut. Man trägt seine Blicke irgendwo hin, und, wenn man aufmerksam genug war, Landschaften wieder zurück. Striche Bögen, Wolkenbrauen können festwachsen im Inneren, Wurzeln schlagen im Geist und im Träumen, sich verwandeln, bis davon in der Weltgegend, im Außen, das man erkundete, nur mehr eine Art nüchternen Erkennungsrasters bleibt. Wo man war, mit Füßen, Blasen, Schweiß und zusammengekniffenen Augen, das ist ein Ort, an den man nicht zurückkehren kann. Denn man hat ihn mitgenommen. Nur mehr bei einem selbst existiert er und nur dort hat er Dauer.
Und entwickelt sich. Lebt: So wird es unmöglich, sie wiederzufinden, diese Landschaften, vergebens, sie als das wiederfinden zu wollen, wofür in der Erinnerung zwar eine Art Suchanweisung existiert, die wohl wirklich ein Ergebnis liefert: Nur wäre es stets, wohin es auch geht, das falsche. Denn nicht die Erinnerung bleibt immer ein Stück hinter der wirklichen Landschaft zurück, sondern gerade umgekehrt verhält es sich: Die Landschaft bleibt hinter ihrer Imagination zurück, das Bild, von den die Bögen und den Horizonten bis vors Dickicht, die Brombeeren, das Sternkraut, der Baumstoß vor den eigenen Schuhen, das alles kann die einmal eingewurzelte Vorstellung davon nicht wieder erreichen, und umso weniger, je öfter der Wanderer sich betrachtend durch sie bewegt und den inneren Räumen Nahrung davon gegeben hat.
Wir möchten so weit gehen zu sagen: Die Landschaft existiert ausschließlich in der Erinnerung. Und dort existiert sie auf ihre verträumte, nicht ver- sondern geklärte und doch unklare, wandelbare Weise, voller Bezüge, reich an Verweisen, in sich selbst verschlungen, in fortlaufenden Verschachtelungen fortstrebend, in Kammern gegliedert, die einander enthalten und entäußern und dabei mehr sind als sie selbst, summend von Bedeutungen … So daß man, wenn man einen Ort wieder aufsucht, der einmal jene innere Landschaft ausgelöst und ausgetrieben hat, fassungslos ist darüber, daß da ja gar nichts stimmt.
Eine Landschaft ist im Kopf entstanden, die man in der Welt wiederzufinden sich anschickte; eine Landschaft, die gleichermaßen aus Büchern wie aus Hügeln und Tälern, ebenso aus Geschichten, Gedanken, Hoffnungen, Projekten besteht wie aus Fels, Stein, Weg, Aussichten und Panoramen. Doch die Schwünge und Bögen, die Winkel und die Quellen, die Wege und Strecken der inneren Landschaft sind in der Welt nicht auffindbar, ihnen entspricht dort nichts; sie sind eine Geschichte, während das, wohin man reisen, wodurch man schreiten kann, nur Raum, Fläche und Ausdehnung ist. Und vielleicht begründet sich darauf der Drang zum Schreiben: als eine Sehnsucht nämlich, das Innere ins Außen zu tragen und dort Landschaft werden zu lassen, eine solche Landschaft, die wir schon immer mit uns herumtragen und die wenn überhaupt nur auf dem Papier (und im Geist des Lesers) Wirklichkeit werden kann.

11. Dezember 2117

Der nächste Venustransit.
Ein Datum, das schon jetzt feststeht, und du weißt, du wirst nicht mehr dabeisein. Manchmal tapert man so blind durchs Leben, daß man heulen könnte. Halley habe ich erlebt und das Glück gehabt, im richtigen Jahrhundert auf der Welt gewesen zu sein für ein noch selteneres Ereignis. Das Glück, aber nicht die Wachheit. Angesichts der Seltenheit des Ereignisses denke ich jetzt, vielleicht wäre es doch wert gewesen, mal hinzuschauen, 2004 oder eben gestern. Dabei ist es mir da ja noch gleichgültig gewesen. Erst mit dem Bewußtsein post festum kommt der Verlust. Ein reines Versäumnis, abstrakt, pur, kristallin, absolut, gerade weil es nichts Begehrenswertes oder auf private Weise Teures ist, das man verloren hat. Die Darstellung der reinen Unmöglichkeit. Nichts, was sich nachholen, richten, mit viel Fleiß doch noch schaffen ließe. Es ist außerhalb der Reichweite. Es ist außerhalb der letzten Grenzen deiner selbst. Du tust einen Blick auf eine an einem bestimmten, absolut sicher eintretenden Ereignis verankerte Zukunft, die dich nicht mehr enthält. Die eigene Begrenztheit so deutlich ablesen zu können wie an diesem Datum, an diesem Unverrückbaren – Tag, ja, Stunde stehen bereits fest, und das tun sie schon seit Jahrmilliarden –: das hat etwas Vernichtendes. So lange du lebst, wird ein Venusdurchgang nicht mehr zu beobachten sein. Und gestern hättest du noch eine Chance gehabt. Mit deinen eigenen Augen. Jetzt bleiben dir nur noch Bilder, geliehene Augen und Erinnerungen, Bilder, die zu einem anderen Geist, zu einem anderen, wacheren, Leben gehören.

Haarig (Martial II, 62)

Quod pectus, quod crura tibi, quod bracchia uellis,
     quod cincta est breuibus mentula tonsa pilis,
hoc praestas, Labiene, tuae — quis nescit? — amicae.
     Cui praestas, culum quod, Labiene, pilas?

Daß du die Brust epilierst und zupfst dir die Arme und Beine;
     daß ums rasierte Organ schmiegt sich aus Stoppeln ein Kranz,
wer weiß es nicht?, Labienus, das bist du der Freundin wohl schuldig.
     Wem aber schuldest du’s wohl, daß du den Arsch dir rasierst?

Aufstehen mit dem Gefühl, daß dieser Morgen absolut keine Verwendung für mich hat.
Fragt sich, ob ich eine habe für ihn.
Der Tag und ich, wir haben uns auseinandergelebt. Wir wissen nichts mehr miteinander anzufangen. Wir leugnen einander. Und ringen dabei. Zu spät, zu früh, jedenfalls: verkehrt. Irrtum und Säumnis. Nachholen, mit Worten, was mit den Händen nicht gelang. Nach der Zeit werfen mit Phrasen. Den Rücken zur Zukunft, und auch darin noch scheitern.

Martial I, 73

Nullus in urbe fuit tota qui tangere uellet
     uxorem gratis, Caeciliane, tuam,
dum licuit: sed nunc positis custodibus ingens
     turba fututorum est: ingeniosus homo es.

Nirgends in Rom, stadtein und stadtaus, gab es einen, der hätte,
     Caecilianus, für lau anfassen wollen dein Weib,
als du’s erlaubtest. Nun zur Bewachten in riesigen Scharen
     strömen die Freier herbei. Das ist ein Mann mit Ideen!

Da dieser Beitrag sehr häufig gelesen wird, hier eine Warnung. Die vorliegende Übersetzung ist sehr frei, noch dazu metrisch, und dann kommen so komische Wörter wie „Freier“ und „Weib“ vor. Daher ist der Text als Lösung für Schulaufgaben nicht zu gebrauchen.

Wenn ihr’s nicht fühlt … (verspätet zum Welttag des Buchs)

Daß wir in einer Welt leben, die der Nützlichkeitsgedanke in jeden Winkel hinein beherrscht, wird wieder einmal am Welttag des Buches auf traurige Weise deutlich. Traurig dabei ist nicht, daß viele Menschen gar nicht, oder jedenfalls keine Bücher, lesen. Traurig ist auch nicht, daß viele Menschen lieber Shoppen gehen oder ihr Auto putzen, als es sich mit einem Schmöker auf der Sofaecke gemütlich zu machen. Traurig ist auch nicht, daß viele Menschen sich von einer spannenden Geschichte nicht locken lassen wollen, kalt sind gegen den Zauber der Sprache, der Verführung durch ganze Welten (der Phantasie) nichts abgewinnen können. Wenn ich selbst ein glücklich Verführter bin – was kümmert mich die Sprödigkeit der anderen?

Nein, traurig ist etwas anderes, nämlich wie das Lesen von seinen selbsternannten Rettern auf seine Zweckdienlichkeit reduziert wird. Das Plädoyer von Maura Kelly im Atlantic (zitiert hier) für das Lesen von Belletristik ist typisch für diese Reduktion. „Forscher“, schreibt sie, „haben herausgefunden, daß Testpersonen, die Kafkas ‚Ein Landarzt’ gelesen hatten, […] in einem anschließenden Lerntest besser abschnitten als eine Kontrollgruppe, die nur eine Zusammenfassung des Textes zu lesen bekommen hatte.“ Und deshalb sollen wir also Lesen? Das ist ein bedauerlicher Irrtum, dem Maura Kelly hier aufsitzt. Nicht weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse falsch wären, mit denen hier und andernorts vielstimmig das Lesen propagiert wird; sondern weil eine solche Betrachtung des Lesens an der Sache vorbeigeht, den Kern dessen, was Lesen ist verkennt, und den Grund, warum die, die lesen, es überhaupt tun, ignoriert.

Der Verweis, wieviele wertvolle Spurenelemente, sekundäre Pflanzenstoffe und krebshemmende Antioxidantien in der Nudel zu finden sind, liefert allenfalls eine amüsante Nebeninformation für den, der gerade die köstliche Erfahrung von Penne alla boscaiola machen darf. Oder nehmen wir Fußball. Fußballspielen fördert die Beweglichkeit, stärkt die Kondition, ist gut für Koordination und wirkt sich als Mannschaftssportart positiv auf die Teamfähigkeit junger Leute aus. Aber niemand, der gerne Fußball spielt, geht doch aus diesen Gründen auf den Platz! Neuerdings untersucht man ja sogar die gesundheitsfördernden Auswirkungen von Sex. Aber wer ins Bett steigt, um etwas für das Herz-Kreislauf-System zu tun, dem ist, tut mir leid, echt nicht mehr zu helfen.

Und genauso verhält es sich mit dem Buch. Der Genuß der Lektüre, das Glück der langen Stunden beim Lesen, das Abtauchen in eine spannende, merkwürdige oder lustige oder gänzlich verrückte Geschichte, die Erfahrung einer Alternative zur Welt, hat überhaupt nichts mit dem Training von Empathie und Kognition, nichts mit der Förderung der sprachlichen Kompetenzen, nichts mit der Ausbildung sozialer Fähigkeiten zu tun. Aussagen über die Förderung von Kernkompetenzen berühren den Erfahrungsraum des Buches nicht einmal. Man hat den Verdacht, den Leseprogagisten gehe es eigentlich gar nicht ums Buch. Hätte den gleichen Effekt irgendeine andere Tätigkeit, würden sie halt die propagieren. Aber sich durch eine Lektüre zu quälen, weil Pädagogen und Psychologen es empfehlen, ist wie Sex haben, um die Blutgefäße jung zu halten, oder Wein trinken wegen der Antioxidantien. Das Entscheidende wird übersehen. Wer vor der Lektüre fragt, wozu das gut sein soll, braucht gar nicht erst anzufangen.

Worum geht es eigentlich? Um Bastian Balthasar Bux. Dieser leidenschaftliche Leser entwendet am Beginn des Romans Die unendliche Geschichte ein Buch mit eben diesem Titel aus einem Antiquariat. Der Grund: Bastian sehnt sich nach einer Geschichte, die niemals endet, weil am Ende des Buchs der Abschied von der Geschichte und ihren Helden immer so herzzereißend ist. Und hier ist nun eine Geschichte, die verspricht, ihm den Genuß zu bescheren und den Schmerz zu ersparen. Jeder echte Leser weiß, wie es Bastian in diesem Augenblick ums Herz ist. Was fühlt Bastian, während er, sonst alles andere als mutig, nach dem Buch greift um es zu entwenden? Ist er vom Verlangen bewegt, seine kognitiven Fähigkeiten aufzupolieren? Oder geht es ihm um etwas, wovon Maura Kelly und die Mitglieder der Stiftung Lesen nicht zu träumen wagen würden?

Mag sein, es stimmt, Lesen fördert dies und das, macht uns schlau und empathiefähig (und läßt uns, darum geht es doch wohl? im Bewerbungsgespräch besser aussehen), aber das ist nicht der Punkt. Kein begeisterter Leser, niemand, der einmal (wie Bastian) bis zum Morgengrauen aufblieb, weil es so spannend war, wird Bücher aus diesem Grund lesen. Ok, lesen ist nützlich. Aber wir lesen nicht, weil es nützlich ist. Wir würden auch lesen, wenn es nicht nützlich wäre. Vielleicht lesen wir sogar, weil es nicht nützlich ist. Und jetzt kommt’s: Wir würden sogar lesen, wenn es schädlich wäre. Denn wir sind süchtig. Lesen hat etwas mit Nicht-anders-Können, mit Begeisterung zu tun. Mit Hingabe. Mit Faszination. Kurzum, mit Leidenschaft. Und die läßt sich keinesfalls durch Hinweise auf etwaige Verwertbarkeiten wecken. Wem Wein und Rausch nicht behagen, kann sich die Antioxidantien sparen. Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen. Die Leser brauchen keinen Welttag des Buchs. Die Nichtleser auch nicht. Wozu gibt es ihn dann?

Denn warum sollte man die Leidenschaft bei Nichtlesern überhaupt wecken? Für den leidenschaftlichen Briefmarkensammler hält das Sammeln von Postwertzeichen sicher ein ebensolches Entzücken bereit wie für den Leser ein gutes Buch. Trotzdem macht sich niemand Gedanken darum, mehr Menschen fürs Sammeln zu begeistern, obwohl es wahrscheinlich die Wahrnehmung schärft und das optische Gedächtnis schult. Warum sollte man also Nichtleser ans Lesen heranführen und das frustrierende Unternehmen angehen, einen Nichtleser zum Leser zu konvertieren? Wer, außer dem Buchhandel, hat etwas davon? Die Kognitionsfähigkeit läßt sich sicher auch Schachspielen fördern. Es ist wie der verrückte Plan, mehr Hörer für die Klassische Musik zu gewinnen. (Wahrscheinlich fördert Beethoven die Empathiefähigkeit.) Als litte der Konzertbetrieb unter mangelnder Zuhörerschaft. Es gibt genug Mozartfans. Und es gibt genug Leser. Vielleicht gibt es nicht genug Käufer, die die Bücher subventionieren für diejenigen, die sie auch lesen. Aber das ist eine andere Frage. Man darf jedenfalls vermuten, daß Nichtleser aus guten Gründen nicht lesen. Wenn sie dem Lesen etwas abgewönnen, hätten sie längst damit angefangen. Bücher sind ubiquitär, sie liegen überall rum. Es gibt Leihbibliotheken und öffentliche Bücherschränke, es gibt Bookcrossing und das Projekt Gutenberg. Jeder hat heutzutage Zugang zur Literatur, und die Existenz von Büchern ist wahrlich kein Geheimnis. Wer ein Leser ist, der liest. Der braucht keine Aufforderung. Und wer nicht liest? Liest halt nicht. Und wenn schon, laßt sie. Philatelie oder Schach ist auch nicht jedermann Sache. Greif zu, schlag auf, tolle lege. Wenn du willst. Und wenn du nicht willst, spiel lieber Fußball. Das ist gut für die Kondition und die Teamfähigkeit. Warum aber sollte ich jemandem etwas Gutes angedeihen lassen wollen, das der gar nicht haben will?  Der Eifer, mit dem Nichtleser zum Buche bekehrt werden sollen, hat etwas Missionarisches. Es wird das Buch gepriesen als ginge es um nichts weniger als um das Seelenheil derer, die (noch) nicht lesen. Nichtleser scheinen ein Dorn im bibliophilen Fleisch der Literaturmissionare zu sein. Es läßt ihnen keine Ruhe.

Kinder, klar. Natürlich muß man Kindern Bücher anbieten. Dringend. Wie soll jemand herausfinden, ob Lesen etwas für ihn ist, wenn die Bücher außer Reichweite sind, in einem Alter, in dem man sie sich nicht selbst beschaffen, ja, noch nicht einmal wissen kann, daß es etwas so Wundervolles überhaupt gibt. Wer Bücher nicht früh kennenlernt, kommt dann später vielleicht auch nicht mehr auf den Trichter. Also die Bücher herangeschafft! Und den Kindern vorgelesen, solange sie es noch nicht selbst können! Aber nicht, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu stimulieren. Sondern, um ihnen nichts weniger als die Erfahrung eines Wunders anzubieten. Ob sie diese Erfahrung dann machen, ist eine andere Frage. Vielleicht läßt sie das Wunder kalt. Und halten Sie sich fest: Das wäre gar nicht schlimm. Nur die Möglichkeit, die darf niemandem vorenthalten werden. Und wer das Wunder einmal erfahren hat, wird nie wieder von den Büchern lassen.