Mit ins Boot

Streiktag, Berufsverkehr, von drei Zügen in der Stunde fährt nur einer, das sogenannte Fahrgastaufkommen ist enorm. Der Bahnsteig gepackt voll Menschen, und plötzlich ist da diese alte bucklige Frau mit ihrem Handkarren. Sie trägt einen langen, graubraunen Mantel, einen Pferdeschwanz langer, weißer, glatter Haare und einen herrischen Blick. Woher sie so plötzlich gekommen ist, und ob sie schon die ganze Zeit am Bahnsteig gewartet hat, wird ein Geheimnis bleiben, ebenso, wie sie ihr Gepäck überhaupt aufs Gleis geschafft hat. Jedenfalls ist sie da nun, sie und ihr Handkarren, ein etwa anderthalb Meter langes Gestell mit einer Radachse am Ende und einem Aufbockbogen vorne, beladen mit etwa einem Dutzend prall gefüllter schwarzer, mit Leinen verschnürter Plastikmüllsäcke. Und dieses Gefährt schickt sich die Frau nun an, unter gewaltigem Protest der übrigen Kundschaft, darunter mehr als ein Fahrgast mit Fahrrad, in den Zug zu zerren. Das gehe doch nicht! Das könne sie nicht machen! Die Bahner streikten! Die Bahn sei doch dreimal so voll wie sonst!
Doch die Frau keift nur zurück, man solle doch die Klappe halten und ihr gefälligst mal helfen. Eine Frau mit Fahrrad versucht, sich gewaltsam an den Müllsäcken vorbeizudrängeln und wird gleich angegiftet, sie solle Platz machen. Der Wagen ist halb drin, da rutschen die Räder in die Lücke zwischen Trittstufe und Bahnsteigkante und verkeilen dort. Es geht weder vor noch zurück. „Stehen Sie hier nicht rum, helfen Sie mir doch mal gefälligst!“ Fahrgäste treten zögerlich näher. Schüchternes Zupacken, eher guter Wille als hilfreich. Die Räder sitzen fest. Die Stimme der Frau ist schneidend und hart, gewohnt, zu befehlen, frei von jeder Angst. „Unten anheben! Anheben!! Nein, nicht ziehen, verdammt noch mal!“ Einige Fahrgäste schütteln den Kopf, andere lachen, dritte zucken die Achseln. Vereinzelte tadelnde Hinweise auf Überfüllung und Streik fallen in taube Ohren. Die Frau will mit und ist fest entschlossen, ihren Willen zu kriegen, läßt sich auf keine Diskussionen ein, spart stattdessen nicht an Zurechtweisungen, Gezeter und Kommandos. Drei Männer stehen schließlich um den verkeilten Karren, lassen die Schimpfkanonade gelassen über sich ergehen, einer macht den glücklichen Vorschlag, den Aufbockbogen als Hebel zu verwenden, ein Ruck, die Räder kommen frei. In diesem Augenblick erst fällt der zweite, mit nicht weniger Säcken beladene Karren ins Blickfeld, der noch auf dem Bahnsteig steht. Wenn jetzt die Türen schließen … Aber die Türen schließen nicht, hilfreiche Hände packen zu, die Erfahrung mit dem ersten Wagen zahlt sich aus, und ruckzuck ist auch der zweite Karren im Fahrradabteil, wo ein murrendes Rutschen und Schieben und Umsortieren begonnen hat. Wieder Lachen, Proteste, Flüche, Achselzucken. „Die Holzplatten noch, heda! Bringen Sie mir noch die Holzplatten!“ Tatsächlich, da liegen noch zwei Sperrholzbretter, die müssen auch noch mit. Jemand vom Bahnsteig reicht sie herein. Dann kann die Tür schließen, man hat sich sortiert, der Zug fährt ab. —

Es war das reinste Soziorama, und alle, alle Rollen waren besetzt: Da gab es die mit den guten Ratschlägen und die, die wirklich zu helfen wußten; es gab die Neider, die Widerständler und die, die zuerst um ihren eigenen Platz bangten. Es gab die tatenlos zusehenden Spötter und Besserwisser. Es gab die Solidarischen, die Selbstlosen, die Zupacker. Es gab diejenigen, die die Systemfrage stellten, und es gab die, die am liebsten erst einmal alles ausdiskutiert hätten. Und es gab vor allem die, die das ganze überhaupt nichts anging.
Und noch etwas. Alle, die geholfen haben, waren Männer. Alle, die die Frau am liebsten an der Mitfahrt gehindert hätten, waren Frauen. Wahrscheinlich hat das nichts zu bedeuten. Vielleicht aber doch.
Die Hauptsache aber ist wohl: Schlußendlich sind alle mitgekommen.

Ichtage

Es gibt Tage, da ist nichts ein Trost. Schon das Wort Trost ist falsch. Es gibt etwas, das es nicht gibt, und das würde mir helfen. Aber nichts. Das Schreiben nicht, das Lesen nicht, und vom Laufen wird alles nur schlimmer, drängt es sich, dränge ich mich mir selbst, noch mehr auf. Der Wald ist öde. Die Sonne blendet. Laub liegt rum. Die Wege gehen mich nichts an. Meine Erzählung langweilt mich. Und in allem steckt dieses blöde, seiner selbst überdrüssige Ich. Es ist kahl. Es ist überall. Es steckt in der Sonne, glänzt in den Eispfützen, schallt mir im Trällern des Zaunkönigs entgegen. In allen Geschichten lese ich nur dieses Ich. Ich atme es. Ich schreibe es hin. Jedes Wort kommt als Ich zu mir zurückgewispert. Auf allen Wegen läuft es mir schon entgegen. Es lauert hinter den Bäumen. Es ist morgens fast eher da, als ich die Augen aufschlage. Was auch immer ich berühre: überall Ich. Ich möchte fliehen vor mir selbst. Aber da bin ich ja bereits.
Unausweichlich. Es gibt keine Hilfe, denke ich grimmig und da ist es schon wieder, und ich könnte fast lachen, so absurd ist das alles. Ich möchte mich zusammenkauern, eine Decke über den Kopf ziehen, schlafen, schlafen, schlafen und dieses allvorkommende, quälende Ich vergessen. Manchmal denke ich, die Erlösung für dieses Ich wäre das Du. Aber Ich kann nicht erwarten, daß Du mich von diesem Ich, von mir selbst, erlöst. Liebende können einander nicht retten. Nur lieben.

Foedus antiquum (Livius, Ab Urbe Condita I, 24)

Zufällig gab es in den zwei Heeren Drillingsbrüder, im gleichen Alter und ungefähr gleich an Kraft. Daß es Horatier und Curatier waren, steht fest, und es gibt wohl keine Geschichte aus alter Zeit, die berühmter wäre. Dennoch bleibt selbst bei dieser so bekannten Überlieferung unsicher, zu welchem Volk die Horatier, zu welchem die Curatier gehörten. Die Autoren schwanken zwischen beiden; die die Horatier für römisch halten, sind aber zahlreicher, und ich bin geneigt, ihnen darin zu folgen. Die Könige verhandeln mit den Drillingen, daß sie jeweils um ihr Vaterland mit dem Schwert kämpfen; welcher Seite der Sieg zufalle, dort solle die Herrschaft liegen. Man hat keine Einwände; Zeit und Ort werden vereinbart. Vor dem Kampfe wird ein Vertrag zwischen Römern und Albanern geschlossen, daß der, dessen Bürger in dem Kampf siegreich seien, über das andere Volk ungehindert herrschen solle. Es wurden noch verschiedene andere Verträge geschlossen, aber alle auf die gleiche Weise. Folgender Vorgang ist uns überliefert, und es ist dies das früheste Zeugnis für die Schließung eines völkerrechtlichen Vertrags, das wir haben. Der Fetialis fragte Tullus mit diesen Worten: Heißest du mich, König, mit dem Pater Patratus des albanischen Volks einen Vertrag zu schließen? Und als der König es befahl: Ich fordere Gras von dir, König! Der König erwiderte: Hole reines Gras. Der Fetialis brachte frisches Gras von der Burg. Dann fragte er den König mit folgenden Worten: Mein König, machst du mich zum königlichen Boten des römischen Volks der Quiriten, zusammen mit meinen Werkzeugen und meinen Gehilfen? Der König antwortete: Wenn es ohne Schaden für mich und das römische Volk der Quiriten ist, tue ich es. Der Fetialis war M. Valerius; dieser ernannte Sp. Fusius zum Pater Patratus, indem er dessen Kopf und Haupthaar mit einem Olivenzweig berührte. Der Pater Patratus hat die Aufgabe, einen Eid zu leisten (patrare), das heißt, einen Vertrag zu weihen; dies vollbrachte er mit vielen Worten, deren langer, umständlicher Wortlaut die Mühe der Wiedergabe nicht lohnt. Nachdem die Vertragsbedingungen verlesen worden waren, sagte er: Höre, Iuppiter, höre, Pater Patratus des Volks der Albaner, höre, albanisches Volk! Von den Bedingungen dieses Vertrags, wie sie öffentlich zuerst und zuletzt von Holz oder Wachs abgelesen ohne Arglist, und wie sie hier und heute richtig verstanden worden, will das römische Volk nicht abweichen. Wenn das römische Volk zuerst nach öffentlichem Beschluß mit Arglist abweichen sollte, dann soll Jupiter das römische Volk so treffen, wie ich hier und heute dieses Schwein treffen werde; und dein Schlag soll umso schrecklicher sein, wie du schrecklicher schlagen kannst und mächtiger bist. Sowie er das gesagt hatte, schlug er ein Schwein mit einem Kieselstein nieder. Die Albaner schworen ihrerseits mit ihren eigenen Formeln, durch ihren eigenen Herrscher und ihre Priester den Eid.

Forte in duobus tum exercitibus erant trigemini fratres, nec aetate nec viribus dispares. Horatios Curiatiosque fuisse satis constat, nec ferme res antiqua alia est nobilior; tamen in re tam clara nominum error manet, utrius populi Horatii, utrius Curiatii fuerint. Auctores utroque trahunt; plures tamen invenio qui Romanos Horatios vocent; hos ut sequar inclinat animus. Cum trigeminis agunt reges ut pro sua quisque patria dimicent ferro; ibi imperium fore unde victoria fuerit. Nihil recusatur; tempus et locus convenit. Priusquam dimicarent foedus ictum inter Romanos et Albanos est his legibus ut cuiusque populi cives eo certamine vicissent, is alteri populo cum bona pace imperitaret. Foedera alia aliis legibus, ceterum eodem modo omnia fiunt. Tum ita factum accepimus, nec ullius vetustior foederis memoria est. Fetialis regem Tullum ita rogavit: „Iubesne me, rex, cum patre patrato populi Albani foedus ferire?“ Iubente rege, „Sagmina“ inquit „te, rex, posco.“ Rex ait: „Pura tollito.“ Fetialis ex arce graminis herbam puram attulit. Postea regem ita rogavit: „Rex, facisne me tu regium nuntium populi Romani Quiritium, vasa comitesque meos?“ Rex respondit: „Quod sine fraude mea populique Romani Quiritium fiat, facio.“ Fetialis erat M. Valerius; is patrem patratum Sp. Fusium fecit, verbena caput capillosque tangens. Pater patratus ad ius iurandum patrandum, id est, sanciendum fit foedus; multisque id verbis, quae longo effata carmine non operae est referre, peragit. Legibus deinde, recitatis, „Audi“ inquit, „Iuppiter; audi, pater patrate populi Albani; audi tu, populus Albanus. Ut illa palam prima postrema ex illis tabulis cerave recitata sunt sine dolo malo, utique ea hic hodie rectissime intellecta sunt, illis legibus populus Romanus prior non deficiet. Si prior defexit publico consilio dolo malo, tum ille Diespiter populum Romanum sic ferito ut ego hunc porcum hic hodie feriam; tantoque magis ferito quanto magis potes pollesque.“ Id ubi dixit porcum saxo silice percussit. Sua item carmina Albani suumque ius iurandum per suum dictatorem suosque sacerdotes peregerunt.

Falter (ein Versuch)

Verwandelt in eine schwebende
Glyphe aus Papier kreuzt der Falter
die hektischen Gänge der Vögel.

Die Flügel ausgebreitet, schließt er
den Riß zwischen Wasser und Luft.
Er weiß, was die Vögel nicht wissen,
die den Himmel nur
von der Kopfseite kennen.

Zahl aber ist eine dünne Membran
zwischen Horizont und Tod,
wo es leuchtet aus der Schwindel
erregenden Tiefe wie aus Frau Holles Brunnen.

Schwimmend am Sonnenrand
wie ein Drache ohne Leine
klebt er am Ereignishorizont,
fällt und fällt immer weiter,

durch das Loch in der Erde,
dem Licht auf der anderen Seite
zu, fällt und

kann höher nicht fallen.

(Beitrag für das Projekt *.txt)

Irrlichter

Plötzlich, beim Queren des Hauptwegs, blitzt rechts von mir das Doppelauge eines Autoscheinwerfers in der Tiefe des morgendunklen Waldes auf. Ein Ärgernis, das keine Seltenheit ist. Ich laufe weiter, vielleicht hundert Meter, das Licht verschwindet hinter den gestaffelten Hindernissen der Bäume, bis zur nächsten Kreuzung, wo es, großzügig aufgeblendet, man ist hier ja alleine, abermals von rechts über meine Wange flammt, aus der Linie des speichenartig vom ersten fortstrebenden zweiten Hauptwegs heraus mich zielsicher trifft: der Fahrer ist dort vorne abgebogen, sein Licht meiner Laufrichtung gefolgt, wie ein Radarstrahl nach mir tastend; die Scheinwerfer halten voll auf mich drauf. Ich bleibe stehen und blende einen Moment mit der Stirnlampe frech zurück, ehe ich meinen Lauf, taumelnd und steifbeinig, fröstelnd, im Wissen, daß ich beobachtet werde, fortsetze. Auf einem für normale PKW unzugänglichen Pfad laufe ich halbparallel zum Forstweg, auf dem der Wagen sich langsam nähert. Auf die Entfernung und mit der geringen Geschwindigkeit machen Motor und Reifen kaum Geräusch. Laub flammt auf, Schatten graben sich in den Raum wie fliehende Tiere, die Lichtkegel raufen Baumstämme wie Pfahlbündel aus dem Dunkel und lassen sie hinter sich wieder fallen. Der Wagen wird langsamer, die Bäume im Lichtkegel scheinen sich aufzurichten. Ich stehe und leuchte zurück, gut sichtbar für den anderen als einzelner Lichtpunkt in der Schwärze des Waldes. Der Wagen hält. Zwei Lichter, meins und das fremde, starren einander entgegen. Die Bäume stehen still im Lichtkeil. Dann höre ich den Motor im Rückwärtsgang aufheulen, der Kegel schwenkt herum, streift mich, windet einen Schatten um mich, wandert weiter. Bleibt liegen. Im veränderten Winkel sehe ich die Rücklichter im Dunkel glühen; zwischen ihnen und der ausgestrahlten Kulisse des Waldes ist der Wagen selbst ein dunkler Fleck. Lichtspaten pflügen den Wald um, als sich das Fahrzeug langsam wieder in Bewegung setzt. Nur ein paar Meter, ehe es abermals zum Stehen kommt, als ließe dieses andere Licht, dieser freche fremde Schein querab in der Finsternis, keine Ruhe. Eine dunkle Angst kriecht in mir hoch. Und wenn das jetzt kein Förster ist? Kein Jäger, kein Holzfäller? Keiner von den üblichen Forstverwaltern und -verwertern? Wie spät mag es sein, keine sieben Uhr. Ich denke daran, wie ich besorgten Angehörigen, wenn die mir was von Überfällen redeten, von Gefahr, und wer soll mich finden, wenn mir was zustößt, und wäre es nicht besser, ein Händie …?, wenn ich jenen Bedenkenträgern die Bedenken über meine nächtlichen Streifzüge ausgeredet habe: Wer soll denn bitteschön, so meine im Tageslicht stolze Vernunft, sich morgens zwischen fünf und sieben im Wald herumtreiben? Und wenn jemand Böses im Schilde führt – warum sollte er das um diese Zeit auf völlig vereinsamten Waldwegen tun? Ja, denke ich, wer soll denn bitteschön morgens vor sieben Uhr … Und bevor da drüben jemand aussteigen und nachsehen kann, habe ich mich schon abgewandt und laufe in den Wald hinein, weg von den Lichtern, soll ich sagen, ich fliehe? Ich fliehe.

La Paz, September ’95

Einmal habe ich einen alten Indianer photographiert. Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hatte, als ich ihn bat, ein Bild von ihm machen zu dürfen, sein Blick blieb ausdruckslos, vielleicht war er schwerhörig und wollte es nicht zugeben, vielleicht konnte er nur Aymara, möglicherweise hatte er mich aber auch, versunken in seine Welt, geistesabwesend oder gar dement, überhaupt nicht richtig wahrgenommen. Er saß am Straßenrand auf einem Gepäckstück oder einem Sack, und zeigte sich meinem Blick als die Essenz all dessen, was an diesem Land noch echt, noch unvermischt war; er sah aus, als sei er aus einem Kinderbuch herausgestiegen, die Wirklichkeit gewordene Phantasie, als stehe man den eigenen Vortellungen plötzlich leibhaftig gegenüber. Mir war, als habe ich jetzt erst begriffen, was ich in all den Wochen meiner Reise eigentlich gesucht hatte, und es endlich gefunden. Er trug die Kleidung jener Ureinwohner, die sich nie wirklich assimiliert haben, eine bunte Mütze aus Lamawolle, einen Umhang aus demselben Stoff, Sandalen aus Autoreifen; man hätte ihn fast für einen Schauspieler, für ein Ausstellungsstück halten können, doch war sein Äußeres nicht grell, nicht leuchtend genug. Die Wolle war gepflegt, aber sichtlich in langem Gebrauch gewesen. Eine Weile war ich unschlüssig in seiner Nähe herumgelungert, hatte mir ein spanisches Sprüchlein überlegt, unauffällig eine Münze aus dem Portemonnaie geklaubt. Endlich sprang ich über meinen Schatten, trat vor ihn hin und sagte das Sprüchlein auf. Sein Gesicht verschwand hinter lauter ledrigen, von dünnen Bartstoppeln gesprenkelten Runzeln, seine Lippe tropfte in einem weichen Bogen übers Kinn, die schmalen Hände waren hornig und abgearbeitet. Über der harten Nase schwebten zwei trübe, überfilmte Augen, die nicht preisgaben, was, oder ob sie mich gesehen hatten. Ich wiederholte meine Frage, und, da ich glaubte, eine leise Neigung des Kopfes wahrgenommen zu haben, die ich gleich als Zustimmung wertete, richtete ich schnell die Kamera auf ihn, stellte nachlässig scharf und löste aus. Auf dem Bild später schien er direkt in die Kamera zu blicken, doch in jenem Moment war mir, er schaute woandershin, mir über die Schulter oder auf mein Ohr, während sein Mund in einem fort leise zu murmeln schien. Ich zweifelte immer noch, ob er mich überhaupt bemerkt hatte, aber als ich ihm eine Münze in die Hand drückte, nahm er sie ohne zu zögern an, wobei sein Gesicht keinerlei Regung verriet. Ich verabschiedete mich rasch und ging fort mit einem kleinen Triumph in der Brust (was würden meine Freunde zu Hause sagen! Ein echter Indianer!), voller Stolz, daß ich es gewagt und gewonnen hatte, doch auch mit dem nicht ganz so unkomplizierten Gefühl, diesen Menschen mit genau dem Ausstellungsstück verwechselt zu haben, das er nicht war.
Als ich ihm die Münze gab, war ich mir schon fast peinlich reich vorgekommen und hatte mich geschämt, daß ich, ein Jüngelchen, ein ahnungsloser Milchbart aus der Fremde, ihm, dem würdigen Greise, in dessen eigener Heimat ein Almosen gab, und sei es auch aus dem ehrlichen Pflichtgefühl heraus, ihm etwas dafür zurückschenken zu wollen, daß er sich von mir hatte ablichten lassen. Später, längst wieder zu Hause in Europa, beauftragte ich einen Photodienst mit einem Posterabzug vom Dia. Aber bis zum Abholtermin ging mir das Geld aus, und so habe ich das Poster einfach im Laden liegengelassen. Ein paar Monate später, als ich wieder flüssig war, lachte man mich dort nur aus. Das Poster hatten sie längst weggeworfen, das Dia auch. Auf diese Weise habe ich beides, den Abzug und das einzige Original jenes Photos verloren, auf das ich auf einer staubigen Straße in La Paz, Bolivien, so beschämt stolz gewesen bin.
Vielleicht war das leise Kopfneigen des Alten doch keine Zustimmung gewesen.

(Beitrag zum Projekt *txt

Erwachsenwerden

Mit einem mal war man erwacht aus einem Traum. Man war eben dreizehn geworden oder zwölf, man war aus den Ferien heimgekehrt, oder ein neues Schuljahr hatte begonnen. Und plötzlich gab es die Zeit. Gestern war das noch nicht gewesen. Es gab nicht mehr das eine einzige gewaltige Präsens von vor den großen Ferien, das Präsens, das ich selber war, solange ich denken konnte; es gab eine Vergangenheit, die sich unversehens aus mir gelöst hatte; und also gab es auch eine Zukunft, die erst Ich werden mußte, die ich aber schon überblicken konnte, wie ich mich selbst überblicken konnte; eine Zukunft, die mehr war als nur die Erwartung auf Weihnachten und die großen Ferien. Die Zeit war meßbar geworden, und bewegte sich nicht mehr. Nun war ich es, der sich bewegte. Ich hatte das Gefühl, jetzt kann ich schwimmen. Aber ich konnte nicht nur, ich mußte es auch, denn nun gab es auch keinen Grund mehr unter den Füßen. Man konnte ertrinken am Leben, wenn man sich nicht bewegte. Immer vorwärts, in die Zukunft. In meiner Verzweiflung griff ich nach den alten Kinderbüchern, Fünf Freunde, Schiff der Abenteuer, Pippi Langstrumpf, holte das Lego und Playmobil aus dem Schrank, lief bestimmte Wege noch einmal ab, als könnten die mich in die Welt vor dem Erwachen zurückführen. Aber die Kinderbücher gaben nur immer die gleichen Geschichten her, in denen ich mich nicht mehr verlieren konnte; und das Spielzeug lag fremd und störrisch in meiner Hand, ich konnte mir nicht mehr vorstellen, wozu es einst gedient hatte. Was es mir verdarb, war dieses plötzlich hellwache Bewußtsein dessen, was ich tat. Die Feststellung, daß ich spielte. Ich beobachtete mich beim Spielen, und damit gelangen mir die Stimmen meiner Helden nicht mehr. Die Raumschiffe flogen nicht mehr, die Burgen waren verlassen, die Galeeren gekentert. Und beim Lesen: Aha, jetzt lese ich also. Das Spiel war zu einem Spiel, die Bücher zu Büchern, die Schiffe zu Modellen geworden. Und auch der Wald war nur der Wald, und die Wege führten doch nur im Kreis wieder zurück zum eigenen, scharfen Bewußtsein, an man sich selbst schneiden konnte. Ich wäre so gerne noch ein bißchen geblieben, im großen Jetzt. Aber schon, daß ich das überhaupt denken konnte, machte meine Vertreibung aus.
Nur was man verloren hat, kann man sich zurückwünschen.

(Beitrag zu *.txt)

Heimat an Flüssen (2)

Die Ströme in der Heimat waren vergiftet, schwimmen konnte man dort nicht. Am Ufer roch es komisch, wir schauten in die trübe Brühe und widersprachen nicht, wenn unsere Eltern mahnten: In Flüssen schwimmt man nicht.
Flüsse waren für Lastkähne und für Chemieabfälle, für Mensch oder Tier waren sie nicht. Selbst auf den Kiesbänken war es nicht geheuer. Wo in Buchten Strudel auftraten, bildete sich Schaum, und von den Weiden hingen, wenn ein Hochwasser gewesen war, Strähnen eines grauen Schlamms. Es roch komisch, und die Kiesel waren alle von einem gelblichen Staub ummantelt. Wenn ich einen davon aufhob, hatte ich hinterher das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen. Nicht einmal die Füße wollte man ins Wasser halten, ja, nicht einmal Schuhe und Socken ausziehen, wenn man über den Ufersand ging. Mitleidig schauten wir auf die mickrigen Muschelschalen im getrockneten Schlick. Was waren das für arme Tiere gewesen, die in diesem Gift ihr Dasein gefristet und ihr Leben ausgehaucht hatten. Dick, viskos, stockend schien uns die Flüssigkeit, in deren Tiefe der Grund nach wenigen Zentimetern trüb wurde und versank. Braun war die Farbe dieses Elements, das mit Wasser nicht mehr viel gemein hatte. Wer in diese Brühe hineinfiele, würde, selbst wenn er nicht gleich sterben müßte, sich in ein Ungeheuer mit Schuppen verwandeln. Er bekäme eine Rückenflosse oder wenigstens Schwimmhäute zwischen den Zehen.
In diese Brühe fiel eines Tages während eines Kindergeburtstages ein Junge. Es war Sommer und warm, und ohne, daß jemand bemerkt hätte, wie es passiert war, lag der Junge auf einmal bäuchlings und mit allen Klamotten am Körper im seichten Uferwasser, lachte und planschte vergnügt mit den Beinen. Ich dachte, nun müsse er ganz gewiß sterben, so wie die Muscheln gestorben waren. Später fände man seine bleichen Knöchelchen aus den Kieseln herausstaken wie Schwemmholz. Die Bestürzung der Erwachsenen hielt sich in Grenzen und galt insbesondere den durchnäßten Kleidern. Du bist vielleicht einer, sagten sie kopfschüttelnd. Begriffen sie nicht, daß der arme Junge sterben mußte? Vielleicht taten sie nur harmlos, um ihn zu schonen und ihm die letzten Stunden leichter zu machen.
Auf dem Rückweg hielt ich Abstand von ihm und wich selbst noch den feuchten Platschern aus, die seine Füße auf dem staubigheißen Asphalt hinterließen. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen, und bedauerte den Jungen wie man einen Gezeichneten bedauert, der noch nichts ahnt von seinem Unglück: Noch lachte er, noch spritzte er mit Tropfen nach den andern; noch war er sogar stolz auf seinen Schabernack; und doch war es nur eine Frage der Zeit, bis ihn das Gift kriegen, seine Haut schrumpeln würde, Blasen bekäme und es aus wäre mit dem Lachen.
Anderntags aber saß der Junge wieder in seiner Schulbank, als ob nichts vorgefallen wäre. Er trug frische Kleider, und seine Haut war heil. Ein paar Tage noch beobachtete ich ihn scharf, ob er vielleicht Schuppen bekäme oder ihm eine schöne Rückenflosse zwischen den Schulterblättern wachse. Aber nichts dergleichen geschah, und ob er Schwimmhäute zwischen den Zehen bekommen hat, habe ich nicht gesehen.

Anfangen

Anfangen. Mit Links eine Handvoll Silben balancieren. Am Schopf den günstigen Augenblick gepackt, und ein Wort aufgezwirbelt, während die Rechte noch den Traum festhält und der Fuß noch in der Nacht taumelt.

Früh das Haus des Schlafs verlassen, in der sternenübersäten Dunkelheit vor den Wörtern. Hinausstapfen in die Öde, mit nichts als dem hohlen Gerappel von Buchstaben in der weiten Tasche. Die Wüste urbar machen mit grünen Verben im Konjunktiv. Tempora gründen und von den Indikativen gleich mehrere. Ein Haus bauen aus fest deklinierten Substantiven, die einander am Fallen hindern, stabil und gut. Eine Gazelle jagen mit einem Netz schneller Adjektive.

Zuletzt am Abend den stahlblauen, weiten Himmel auf die Schultern nehmen und sich überraschen lassen vom Traum wie von einer rätselhaften Metapher.

Hildegard von Bingen, Liber Scivias, Visio Prima

Vidi quasi montem magnum ferreum colorem habentem, et super ipsum quendam tantae claritatis sedentem, ut claritas ipsius visum meum reverberaret, de quo ab utraque parte sui lenis umbra velut ala mirae latitudinis et longitudinis extendebatur. Et ante ipsum ad radicem eiusdem montis quaedam imago undique plena oculis stabat, cuius nullam humanam formam prae ipsis oculis discernere valebam, et ante istam imago alia puerilis aetatis, pallida tunica sed albis calceamentis induta, super cuius caput tanta claritas de eodem super montem ipsum sedente descendit ut faciem eius intueri non possem. Sed ab eodem qui super montem illum sedebat multae viventes scintillae exierunt, quae easdem imagines magna suavitate circumvolabant. In ipso autem monte quasi plurimae fenestellae videbantur, in quibus velut capita hominum quaedam pallida et quaedam alba apparuerunt.

Ich sah gleichsam einen großen Berg in der Farbe von Eisen, und darüber schwebend, so hell, daß ihr Licht meine Augen blendete, eine Erscheinung, zu deren Seiten sich ein leichter Schatten wie Flügel von wundersamer Länge und Breite erstreckte. Und davor, am Fuß des Berges, stand eine Gestalt, die über und über von soviel Augen bedeckt war, daß ich keine menschliche Form darin ausmachen konnte; und vor dieser Gestalt eine weitere, knabenhaften Alters, angetan mit einem bleichen Mantel, doch hellweißen Schuhen, über deren Kopf eine solche Helligkeit von jener anderen Erscheinung über dem Berg herabfiel, daß ich ihr Gesicht nicht anschauen konnte. Aber von der Erscheinung über dem Berg gingen viele lebhafte Funken aus, die aufs angenehmste um diese Gestalten herumflogen. Im Berg selbst aber waren zahlreiche Öffnungen wie Fensterchen sichtbar, in denen, die einen bleich, die anderen weiß, gleichsam die Häupter von Menschen auftauchten.

Aequilibrium

Du magst Gleichgewichte.
Beim Kochen legst du den Holzlöffel quer über die Basis des Pfannenstiels, ein Stückchen vor, ein Stückchen zurück, bis das Gewicht von Stiel und Laffe genau austariert ist. Du könntest den Löffel auch aufs Brettchen legen; aber lieber bewegst du dich vorsichtig in der Küche, achtsam, daß nichts fällt, daß alles in Schwebe und Gleichgewicht bleibt.
Deinen Laptop stellst du auf dem wackeligsten Bücherstapel in der Wohnung ab. Tassen stapelst du im Regal akrobatisch übereinander. Nicht um der Gefahr willen, nicht weil das brenzlich ist oder abenteuerlich, sondern, denke ich mir, weil du es schön findest, eine zarte Ordnung in der Welt zu halten. Du magst das Seltene, das Schützenswerte. Du magst auch das Flüchtige; daß alles vergänglich ist, daß Dinge enden, macht dich nicht traurig.
Du magst Gleichgewichte, die empfindlichen, die leicht zu kippenden, die fragilen und die labilen, die, die Behutsamkeit erfordern, daß sie nicht zerstört werden. Die, die trotzdem halten. Man muß nur gut achtgeben, und du gibst acht. Du probierst aus, welche Dinge man aufrecht hinstellen kann. Gläser stellst du gern dicht an die Tischkante, und du hast mir gesagt, ich hätte das einmal korrigiert, in einem unbewußten Automatismus der Sicherheit das Glas mittiger auf den Tisch geschoben. Ich schämte mich ein wenig, und nahm mir fest vor, deine zarten Equilibrien zu erkennen und sie dir immer zu lassen. Neulich war ich es, dem der gläserne Pfannendeckel auf dem Küchenboden zersplittert ist.
Ich mag es, wenn du Dinge im Gleichgewicht magst. Schließlich ist unsere ganze Geschichte nichts anderes als ein zartes, kostbares Equilibrium.

Beitrag zu *.txt

Ich komme nicht zu dir durch. Ich schicke Nachricht um Nachricht hinaus und sammle büschelweise Fehlermeldungen. Ich probiere jede mir bekannte Adresse. Ich habe alle meine eigenen Accounts überprüft. Alles fehlerfrei. Nur an dich will der Server nichts durchstellen. Ich verlege mich aufs An-dich-denken, auf den Sternenhimmel, auf Flaschenpost, die Strömung stimmt diesmal ja.

Post Festum

Solange du hier bist, leben die Dinge durch dich. Wenn du von mir gehst, stirbt, was du daließest, den Tod deiner Ferne. Ein Bausch Haare im Waschbecken, flauschig und kühl, wie ein geplündertes Nest Träume; ein Fleck auf dem Laken, kartierte Küstenlinien einer versunkenen Insel; eine Lippenspur, die das Glas wieder vergessen hat; ein klammes Handtuch, kühl und sandig wie eine Erdscholle. Während ich den verklungenen Schritten lausche, deren Stille immer noch anhält, zerfällt leise das Dunkel des geteilten Morgens im frühen Licht. Ich lösche die Lampe, die Kerze; das Spiegellicht deiner Augen geht in Rauch auf. In meinen Händen ruht die letzte Berührung von dir, warm und schlaff wie ein entschlafener Vogel. Ich nehme den Schlüssel in die Hand, mit dem du gestern hier warst. Was gestern so leicht von Hand zu Hand glitt, fühlt sich heute hart an und schwer, heimatlos wie ein Fundstück von der Straße. Ich nehme deine Zahnbürste in den Mund, ich trinke aus deiner Tasse, ich schlüpfe noch einmal in unser Bett. Ich drücke die Nase ins befleckte Laken, aber da ist nichts mehr zu erspüren von dir und mir. So riecht das Fehlen. Ich sehe mich um: Alles liegt im milden Morgenlicht da wie Spezereien der Minoer in Vitrinen aus dickem Glas. Unerreichbar sind die Dinge in ihrer eigenen Zeit zurückgeblieben. Schriftstücke, die sich selbst falsch zitieren. Bis ich das Haus verlasse, ist selbst die Stille nach deinen Schritten verklungen, der letzte Rest Dunkelheit vom Tag heimgesucht. Klaglos erbleichen die Wände, schließt sich der Raum zu einem imaginären Reich, wo unsere Küsse nur zu Gast waren.

Via Novaesiana

Samstag morgen, kurz vor sechs: Ein Schwerlaster hält vor dem Haus und lädt mit Getöse Baukies ab. Ich nehme an, es gibt keinen besseren Tag dafür.

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Ich stehe seufzend auf, und stelle, da der Tag ja nunmal begonnen hat, rote Beete aufs Feuer. Jetzt wärmt der irdene Dunst meine Höhle.

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Wo Baukies abgeladen wird, ist die Betonmischmaschine nicht weit. Als Kind war ich fasziniert von diesem Gerät, ich weiß nicht, ob von der Maschine selbst oder vom herrlichen Klang ihrer Bezeichnung. Die Wände wackeln. Heute sind die Assoziationen andere.

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Die Weide am Gesims von Nachbars Garage hat alle Blätter verloren. Standhaft krallt sie sich am Gemäuer fest und lebt von Luft und Stein. Ich mache die Heizung an und wünsche allen Bäumchen einen friedlichen Winter.