Keine Begegnung

Auf einer Wanderung haben die Gefährtin und ich einmal am Wegesrand ein Wildschwein gefunden, einen Frischling, kaum größer als ein Dackel. Er lag in der Böschung, so grau und tot, daß man ihn zuerst für ein Büschel graues Heu hätte halten können, wenn nicht die kleinen Hauer gewesen wären, hell wie Kiesel, und die schmalen Hufe, so sehr am Rand des Bezirks aus zerfallendem Fell, als wären sie noch einen Schritt gegangen, ehe auch sie ereilte, was den Rest niederstreckte im Graben. Die Augenhöhlen, ausgefressen und so leer, daß sie voller Außen waren, sahen wir erst einen Moment später, und mit ihrer Wahrnehmung kam das Erkennen, was da vor unseren Füßen lag. Ein totes Tier. Mehr tot als Tier. Selbst das Fell war gestorben, sah stumpf aus, die Borsten wie eingetrocknet, brüchig, als genüge ein Windhauch, sie zu Staub zu zerblasen. Hinter den Hauern leuchteten Mahlzähne, winzig, kaum mehr als ein Streif Sand. Die Umrisse des Leibes hatten sich ins Gras verbreitet, waren unförmig geworden wie zerlaufene Knetmasse. Und wie auf einem Gemälde von Bosch oder Breughel war die Bauchhöhle offen, konnte man das Innere sehen, ein Nichts, um das sich die Haut so eben noch spannte. Der Körper war leer, war hohl, man konnte mit einem Stock darin tasten, man konnte sich die Haut ansehen, die Hülle, von innen; und sah doch nur wieder eine Front. Dieser Leichnam bestand nur noch aus Vorderseiten, es gab keine Rück- keine andere Seite, auf der der Tod vielleicht doch noch wäre zu finden gewesen.

(Beitrag zum Projekt *.txt, “Fassade”)

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