112 Meilen: Blasenexkurs

Man kann mit knurrendem Magen wandern, und man kann halbverdurstet wandern. Man kann mit fünfzehn und mehr Kilo Gepäck auf dem Buckel wandern. Man kann schwitzend, frierend und übermüdet wandern. Man kann mit einem Kater wandern und mit Muskelkater auch. Man kann durchnäßt immer noch prima einen Fuß vor den andern setzen, und der Gegenwind fällt beim Gehen am wenigsten auf. Man kann durch Tiefschnee waten oder über glühende Steine springen, man kann bei Dunkelheit gehen und buchstäblich bei Nacht und Nebel. Man kann halbtot sein vor Erschöpfung, und man staunt, was noch alles geht, nachdem man das erste Mal gedacht hat, Ich kann nicht mehr. Man kann mit dem Kopf unterm Arm gehen, wenn nur die Beine noch nicht abgefallen sind. Aber eine kleine Blase am Fuß, und die Wanderung ist gelaufen – wenn man Glück hat, und eine Bahnlinie in der Nähe ist.

Erst ist da nur so ein komisches Gefühl, als wäre der Socken verrutscht. Dann ist es ein Kratzen. Aus dem Kratzen wird ein Scheuern. Aus dem Scheuern ein Brennen, aus dem Brennen ein Schmerz. Und schließlich kann man nur noch humpeln. Als wäre eine glühende Münze im Schuh. Wer das nicht selbst erlebt hat, wird nicht glauben, wie weh ein solch vermeintliches Wehwehchen tun kann. Und es ist auch kaum glaubhaft, was so ein Schmerz mit demjenigen macht, der ihn zu ertragen hat. Gestandene Männer fragen, wie weit es noch sei; vernünftige Erwachsene stampfen mit dem Fuß auf (dem gesunden, versteht sich) und verkünden, daß sie keinen Schritt mehr weitergehen; Kerle, die sich durchaus das Epithet «hart» zutrauten, brechen weinend am Straßenrand zusammen. (Das ist nicht übertrieben. Ich muß das wissen, denn der harte Kerl war ich selbst. Es geschah auf einer viertägigen Wanderung von Wittlich nach Bonn; die Blasen traten am Nachmittag des zweiten Tages am kleinen Zeh auf, wuchsen sich aus zu einer Blasenkolonie, unter der der Zeh verschwand wie unter Luftkammerpolstern; ich lief die hundertvierzig Kilometer trotzdem durch, aber hinterher konnte ich drei Tage keine Schuhe mehr tragen. Seitdem weiß ich, daß es Mehrkammerblasen gibt, wo eine Blase über der anderen wächst wie Pilze aus Schmerz. Wieviele Schritte machen einen Kilometer? Wieviele zwei? Zehn? Zwanzig? Wer Blasen hat, weiß das. Kaum jemand macht sich Gedanken über die Anzahl von Schritten – bis jeder einzelne so weh tut, daß man in die Knie gehen möchte. Oder besser: auf Knien.)

Aber eine Blase ist wenigstens ein manifestes Übel. Man kann sie untersuchen, betasten, aufstechen, abkleben. Man kann ihren Verlauf beobachten. Man kann den nackten Fuß schütteln und mit Erstaunen registrieren, daß die Flüssigkeit schwappt. Man kann sie anstaunen, anstarren, verfluchen. Man hat was zu tun mit einer Blase. Andere Schmerzzustände zeigen sich nicht in äußerlich sichtbaren Symptomen. Keine Rötung, keine Schwellung, keine Läsion gibt Hinweis darauf, daß irgend etwas kaputt wäre, dort wo es bei jedem Schritt so höllisch schmerzt: diese Stelle an der Ferse, am Spann, am Zeh. Der Schmerz verschwindet, sobald man aus dem Stiefel schlüpft, als wäre nie was gewesen; läßt sich durch keine Bewegung, keinen Druck des prüfenden Fingers hervorrufen. Nur im Schuh schmerzt es. Bei jedem Schritt, und bei jedem Schritt ein bißchen mehr. Man tritt anders auf, man variiert die Schnürung, man klebt Pflaster auf die Stelle. Vergebens. Vielleicht Rückwärtsgehen? Ein Freund erzählt mir von einem Wanderkameraden, der am Ende so verzweifelt war, daß er versuchte, an der betreffenden Stelle ein Loch in den Schuh zu schneiden. Aber Schuhe, Wanderschuhe zumal, sind nun einmal dafür gemacht, scharkantigen Gegenständen zu widerstehen. Auf Socken, erzählt der Freund, hätten sie in der Dunkelheit das nächste Dorf erreicht, wo sie den Pfarrer vom Fernsehkrimi wegklingelten und baten, ob er sie zur Bahnstation fahren könne.

Bei der Behandlung oder Vorbeugung von Blasen gehen die Ansichten auseinander. Während die einen darauf schwören, die Blasen mit einer sterilen Nadel aufzustechen, zu desinfizieren und abzukleben, lehnen andere diesen Eingriff als unhygienischen Leichtsinn ab. Nicht von der Hand zu weisen, denn wer hat schon auf einer Wanderung sterile Nadeln und Desinfektionsmittel dabei? Die Blase ist ein natürliches Polster, das das Gewebe vor Läsionen durch Reibung schützen soll, erfüllt also eine ähnliche Funktion wie die Schwellung im verknacksten Knöchel, die das Gelenk ruhigstellt. Wer jetzt mit Eisspray die Beweglichkeit wiederherstellt, tut sich keinen Gefallen. Dummerweise neigen Blasen dazu, bei anhaltender Belastung aufzuplatzen. Und wenn das passiert, jammert der harte Kerl nicht mehr, sondern ruft nach seiner Mama.
Manch einer meint auch, durch Blasen müsse man einfach durch, wie durch Kinderkrankheiten. Ich kann mich gut an den Schweizer Bergsteiger erinnern, der mir sagte, Blasen könne man nicht verhindert, Blasen müssen man aushalten. Ich weiß nicht, welches Epithet sich so einer zutraut. Jedenfalls ist wohl richtig, daß man sich in einem eingelaufenen Schuh keine Blase mehr holt. Eigentlich. In der Theorie. Andererseits ist der Blasenschmerz vielleicht ein zu teurer Zoll für einen passenden Wanderschuh. Schwierig wird es zumal, wenn man den Schuh nur ein- zweimal im Jahr trägt; da geht der Blasenzirkus nämlich jedesmal wieder von vorne los. So wird die monatelang geplante Korsika-Durchquerung oder der Inka-Trail zum Höllentrip.
Für viele bewährt hat sich der Einsatz von Blasenpflastern. Die Sache hat allerdings zwei Haken. Erstens: Wer schon einmal einen Langstreckenlauf mit Blasenpflaster absolviert hat, weiß, daß der Klebstoff nach zwei Dutzend Kilometern aufgibt, das Pflaster mithin verrutscht. Das ist in einem Wettkampf, wo man nicht so ohne weiteres anhalten und die Füße neu pflastern kann, recht mißlich. Zweitens: Man muß vorher schon wissen, wo es später weh tun wird, sonst nutzt das beste Pflaster nichts. Wenn man das weiß, hat man Glück, aber dann tut es auch einfach Leukoplast, das ist billiger, läßt sich besser zurechtschneiden, klebt wie Pech und Schwefel und verhindert zuverlässig Reibung. Nach meiner Erfahrung ist dagegen von besonderen Socken aus Funktionsgeweben, die einerseits rutschfest anliegen, andererseits an einschlägigen Stellen wie Ferse und Zehenbereich besonders stark gepolstert sind, abzuraten: Sogenannte Funktionsstoffe führen im Widerspruch zu ihren Versprechungen nicht zum Abtransport von Feuchtigkeit, sondern erst einmal zu extremer Schweißproduktion. Schweiß aber läßt die Haut aufquellen, was die Blasenbildung begünstigt. Das beste Material für Socken ist immer noch Wolle. Wolle ist angenehmer zu tragen, bevördert das Schwitzen weniger, transportiert die Feuchtigkeit ebenso gut wie Funktionsstoff aus Kunstfaser, und anders als jene fängt sie nicht nach ein paar Kilometern an zu stinken. Besondere Polsterungen aber können recht schnell zu Druckstellen und blauen Zehennägeln führen. Ob das besser oder schlechter als eine Blase sei, ist Geschmacksache.
Die beste Vorbeugung gegen Blasen ist natürlich ein passender Schuh. Es gibt Schuhhändler, die behaupten, Schuhe müßten nicht eingelaufen werden; gebe es Blasen, trage man einfach noch nicht den richtigen Stiefel. In Zeiten von Konfektionsware eine leichtfertige Behauptung: Finde da mal einer den richtigen Schuh. Ich habe zudem schon Blasen in Schuhen bekommen, in denen ich bereits viele hundert Kilometer blasenfrei gegangen war. Und Wolfgang Büscher berichtet in seinem Buch Berlin–Moskau, daß ihn der Stiefel gedrückt habe, auch noch nach tausenden von Kilometern – Blasen, scheint es, schmerzen nicht nur, sie sind auch so unberechenbar wie Pest und Schnupfen.

112 Meilen (3a)

Gegen abend läuft aus einem Hohlweg plötzlich ein ungezäumtes Fohlen auf uns zu, wild, närrisch verspielt, neugierig, die ganze Welt zum Freund erklärend wie ein Welpe. Tänzelt, stakst, schnuppert, stolpert schier über die eigenen meterlangen Beine. K. streichelt das Tier über den witternden Nüstern; da hält es ganz still. Schaut zurück, ohne den Kopf zu wenden, nach seinen Begleitern, was die wohl davon halten. Als wir weitergehen, schnappt es, wie befreit von einem Bann, nach einem leuchtend roten Ahornblatt.

Zum ersten Mal seit Beginn der Wanderung brechen die Wolken auf und lassen etwas Sonnenschein über die Ränder laufen. Sofort glühen die Felder. Ich denke kilometerlang über Farben nach. Wolkenspiele schieben die Bäume auf dem Feld herum wie Schachfiguren. Noch mehr Pferde: ein Turnier in Dressurreiten, eine Stimme schallt über Lautsprecher, Namen fallen, die Landstraße ist auf hunderten Metern vollgeparkt. Wir machen Rast in Frohngau, wo es noch eine Dorflinde gibt, die aber eine Dorfkastanie ist. Wir setzen uns auf eine helle Bank in milder Luft, der Baum ist durchlässig für Himmel. Kinder spielen unbegreiflich junge Dinge in einer Seitenstraße. Wie das wohl ist, frage ich mich, hier aufzuwachsen, als kleiner, wilder Mensch inmitten der Weite von Äckern und Feldern. Ob diese Kinder noch lernen, Bäche zu stauen, auf Obstbäume zu klettern, Zweighütten zu bauen? Ob sie noch Tiere kennen, die wilder sind als Tauben und Hunde? Ich wünsche ihnen von Herzen ein Trekkergaspedal unterm Fuß und die Namen aller Bäume.

Immer noch vertrauter Grund. Hier bin ich dieses Jahr schon einmal gegangen, in die andere Richtung. Die Luft ist da fast schon dieselbe gewesen. Erst später, am Abend, biegen wir ab, lassen die erinnerte Landschaft zurück, als einen bleibenden Ort in der Ferne. Lange Feldwege, von Weißdorn und Schlehen gesäumt, führen in Richtung Abend. Hinter den Sträuchern, auf der wegabgewandten Seite, hält sich die Sonne länger, als treibe auf den Straßen der Wind das Licht vor sich her. Plötzlich geht es überall nach Hause. Ein Dorf liegt eingeigelt in einer Talfalte, dort unten haben wir ein Lager. Der Lärm der Fernstraße dringt nicht bis in die stillen Plätze. Die Fassade des ältesten Hauses wölbt sich vor, als wollte das Haus zu seinen eigenen Fenstern hinaus.

Der Zeh schmerzt wieder; bis morgen hat er Zeit, sich wieder zu beruhigen. Das Zimmer ist hell und freundlich, die Betten ein Traum aus Federn und gestärkter Wäsche, so schön, wie ich mir zu Hause nie ein Lager bereite. Es ist gut, zu essen; und dann, zu liegen und zu schreiben. Die Fenster sind offen für Stille. Nachts wird es empfindlich kalt.

112 Meilen (3)

Zum Gehen braucht es Hüftgelenke, Knie, Muskeln, Füße, Knöchel, allerlei Bänder und Sehnen, manchmal eine Willensanstrengung, oft einen langen Atem. Man braucht Kreislauf, Wasser, Nahrung. Man braucht nicht unbedingt ein Ziel. Aber man braucht gesunde Zehen.
Am Abend des zweiten Tages ist mein linker großer Zeh nicht gesund, schmerzt bei der Adduktion, schlimmer, schmerzt bei jedem Schritt. Wieder alle Fragen neu. Lag es am Schuhwerk? Am Asphalt? An meiner erzwungenen Laufpause? Am Gepäck?
Ich hasse es, mich auf mich selbst, auf meine Muskeln, Bänder, Sehnen, nicht verlassen zu können. Es sei denn, in Büchern, mag ich keine Überraschungen, weder beim Wandern noch sonst.

Wir gehen noch essen, unsere Gastgeber und wir; wir fahren über Feldwege, die eigentlich dem landwirtschaftlichen Verkehr vorbehalten sind, aber Hubert, der große Umweltschützer und Kräuterpädagoge, hat keinerlei Skrupel. Wie unterschiedlich die Auffassungen sind: Jeder kommt mit seiner Ideologie aus einer anderen Richtung. Für mich verböte es sich, auf dem Feldweg zu fahren, weil mich als Fußgänger Autos auf Feldwegen bis zur rumpelstielzoiden Raserei nerven; für Hubert zählt vielleicht das bessere Argument, daß der Weg zu unserem Ziel, ein entlegenes Gasthaus am See, über offizielle Straßen mehr Fahrerei, mithin mehr Kraftstoffverbrauch bedeutete. Ich weiß es nicht, ich tauge nicht für Diskussionen, registriere nur mit müdem Erstaunen, daß wir auf einem Feldweg fahren und ich mithin Teil von etwas bin, das sich mir sonst als verhaßtes Ärgernis zeigt. Da es nicht meine Entscheidung ist, wo wir fahren, beschließe ich jedoch, mich nicht dafür zu hassen.

Ob Bier eigentlich vegan sei? Die Hefe habe doch mal gelebt! Ich verkneife mir die Bemerkung, Die Gerste nicht?

Der See nur eine Ahnung, eine Art Tiefe in der Luft über dem Dach eines Holzhauses, als würfe die Wasserfläche ihre Dunkelheit hinter Hecken an den Himmel. Da der Name «Steinbach» im Auto gefallen ist, kann es nur die Talsperre sein; dann muß ich an dieser Stelle, wo wir ans unsichtbare Ufer kommen, dutzende Male vorbeigekommen sein. Aber natürlich nicht nach Einbruch der Dunkelheit, und nicht aus dieser Richtung. Wie wenig man sieht, wie eindimensional. Ein Weg ist eben immer Richtung. Eine andere Richtung ergibt einen ganz anderen Weg. Morgen früh werden wir an dieser Stelle Rast machen und Wurst essen. Die Apfelbutzen landen hinter der Bank. Der Ort hat sich abermals verwandelt; jetzt gleicht er dem Weg, den ich so oft gegangen bin, worin er vertraut wird; aber in ihm überlagert sich die Erinnerung vom Abend mit der Stunde jetzt, und da wird er wieder fremd.
Das Logo, Schriftzug mit kleinem Fuchs, über dem Eingang zum Restaurant, wo wir gestern aßen: Wie eine Telephonnummer, die man nach einer Kneipennacht in der Gesäßtasche findet, und von der man gleich weiß, daß man sie niemals anrufen wird. Hinter den Terrassenfenstern ist noch Nacht.
Am Ufer Photographen mit riesigen Teleobjektiven. Die Spiegelungen ducken sich in den Teich, wie zarte Gemüter vor der Blöße von Exhibitionisten.

Der Fuß schmerzt, gleich bei den ersten Schritten. Furcht kommt auf. Was, wenn ich es nicht schaffe? Man kann zwanzig Kilometer mit Schmerzen gehen; aber dreißig und mehr sind schon in günstigen Umständen eine Herausforderung. Und wer auch nur zehn Kilometer mit einer Blase gelaufen ist, weiß, daß ein solches Wehwehchen im Handumdrehen an die Belastungsgrenze führt.

In Bad Münstereifel wird es kritisch, ich merke, daß ich anfange zu humpeln. Der Plan: zurück zu den schweren Schuhen, dem Problem der Druckstellen durch Weglassen des zweiten Sockenpaars zu begegnen. Ein Griff der erfahrenen Masseurin, mit der ich das Glück habe, diese Wanderung zu machen, auf einer Bank an einem Brunnen, umgeben von Samstagsgreisen, die die Hauptstraße entlanggehen und zumeist -rollen; der Schuhwechsel; und plötzlich ist es, als habe K. den Schmerz aus dem Zeh gezogen, zusammengeknüllt und in den Abfalleimer geworfen. Das Gehen mühelos, kaum ist der Schmerz weg, fühlt man sich wie ein junger Gott. Die zehn Kilometer von heute früh sind vergessen, nun wollen die restlichen zwanzig bis Blankenheim gegangen sein.

Die Kellnerin im Café «Printenhaus» hat auch mal Christoph und mich bedient. Ich neide ihr die zünftigen Schuhe und mag ihren breiten Mund über dem kräftigen Kinn.

Der neben dem Treppchen abgestellte Rollator; davor ein Hundenapf. Als habe jemand die Blechschale der durstigen Gehhilfe hingestellt.

Alte Jahre, seltsam unberührt. Damals, sagen wir schon einander und gehen auf alten, auf sehr alten Wegen. Aber wir sind nicht mehr die von damals. Wir haben unser eigenes Leben miteinander aus dieser Vergangenheit abgezweigt; und schauen zurück auf zwei, die uns merkwürdig ähnlich sind, aber uns nicht kennen, erst noch wir werden müssen. Was für eine Aufgabe, denke ich. Ich erinnere mich an ein Photo, durch eine Hecke aufgenommen. Irrtum des Autofokus, die Hecke ist scharf, die Landschaft, das Hauptmotiv der Ferne, verschwommen. Die Hecke ist noch da, die Wege. Die Bürstenfrisur eines Gehölzes auf einem Hügelkamm. Er sah damals genauso aus. Wir leben schon in einer Zukunft, die von damals aus nicht faßbar war. Am Ende eines langen Schattens, der uns geworfen hat und weiter wirft.

Ein Traum

… in einem Hafen, aber innerhalb eines Gebäudes, einer Halle, und gegenüber, an Bord eines Schiffes, sitzt ein älterer Matrose mit der kleinen, vielleicht sechsjährigen Stefanie. Er erzählt ihr was. Plötzlich gerät etwas in Bewegung, etwas wird geschehen, und der Matrose herrscht das Kind Stefanie an, wegzuschauen, «Schau nicht hin!» schreit er, und da geht rechts von den beiden eine Tür auf, und aus der Tür tritt Stefanie als Erwachsene, und das Kind Stefanie soll nicht sehen, was die erwachsene Stefanie einmal tun wird und jetzt tut, wenn sie aus der Tür tritt, kurz innehält und dann entschlossen und unzeremoniell ins trübe Wasser des Hafenbeckens springt und verschwindet. Ich erschrecke schlimm, zögere einen Moment, versuche, mir einen umständlichen Wust von Kleidern vom Leib zu reißen, springe dann, als das zu lange dauert, eingewickelt in Tücher selber ins Wasser. Die Tücher breiten sich auf der Oberfläche um mich aus, und das Wasser ist undurchsichtig, Hafenwasser, doch als ich tauche, kann ich alles sehen, weiße Fliesen bedecken den Grund, nur von Stefanie ist nichts zu sehen, das Becken ist leer, sie ist fort, verschwunden, ausgelöscht, unwiederbringlich weg.
Ich begehre auf. Warum hat sie niemand daran gehindert, zu springen? Ich begegne sanften, aber Unverständnis zeigenden Zurechtweisungen. Niemand bemüht sich, mich zu verstehen. Gemeinsame Bekannte halten es für richtig so, Stefanie habe das so gewollt, man müsse das akzeptieren, aufzubegehren sei töricht. Ich weine und weine, untröstlich und von niemandem verstanden. Zuletzt ging es, glaube ich, darum, wenigstens die Geschichte aufzuschreiben. Aber schon das wird von allen als vergebliche Auflehnung, als unvernünftigen Versuch gedeutet, gegen das Unabänderliche anzu—.

112 Meilen (2)

Ein kleines Privatarboretum in einem Garten: Bei der Magnolie denkt man sich noch nichts. Dann aber kommt ein Tulpenbaum in den Blick, der auf einen Amberbaum verweist, hinter dem sich ein Ginko verbirgt. Starr wie Soldaten stehen die Zypressen, aufrecht bis zur Ohnmacht. Fremde Pflanzen, ebenso wenig einheimisch wie die Millionen Fichten in den Mittelgebirgen. Ein Ginko fällt noch auf, die Fichten hält man schon für echten Wald.

Hallimasch, ganze Kolonien davon, rot schimmernde Wülste und Knorpel, als lauschten chthonische Zwerge in die Oberwelt hinaus.

Th. an der U-Bahn-Station Wiener Platz. Breites Grinsen im schmalen Gesicht. Seltsam, so aus der Welt gefallen zu sein. Th.s Arbeitsalltag beginnt, wo wir aus unserem aussteigen, am selben Ort. Ihr kleiner Stadtrucksack, unser Marschgepäck. Ihre Jeans und leichte Jacke, unsere Stiefel, Wollsachen, Hüte, K. und ich stehen vor diesem leichten Grinsen da wie zwei gepanzerte Fahrzeuge.
Keine drei Kilometer von hier habe auch ich mein Büro, das heute leer bleiben wird.

Immer wieder Heimweh. Die Bahnfahrt nach Walberberg, der Gang auf den Villerücken, noch durch unbekanntes Gelände, aber dann die Begegnung mit dem Straßenzug, dem Turm, dem Hohlweg, der Burg vom vergangenen Sonntag, zum Greifen nah die Normalität eines Sonntagnachmittagskaffees am eigenen Tisch zu Hause. Ich sehne mich wie ein Verbannter beim Abschied. Später dann die graue Linie meines Heimatwalds, zwei Stunden höchstens zu Fuß, im Lauftempo halb so weit. Drei Stunden später wären wir zu Hause.

Drei Stunden später sind wir hinter Heimerzheim, unbekannte Wege. In der Ferne immer noch Wegmarken, die auf zu Hause zeigen, der weiße Turm zu Buschhoven, er bleibt sichtbar, bis wir fast angekommen sind am Etappenende, als wäre er uns gefolgt, als könnte auch die Heimat nicht von mir lassen. Ich stelle fest, daß das ein ganz schön großes Gebiet ist, die Heimat. Selbst das, was ich auf eigenen Füßen abgewandert bin, ist von einem Ende zum nächsten mehr, als man an einem Tag schaffen kann.
Morgen die Versuchung von Bahnhöfen.

Wie die Luft hinter einem vier Meter hohen Turm aus Stroh anders ist. Es weht kein Wind, den die Strohwand abhalten könnte. Es ist, als sei die Luft ein Ton, der um ein paar Schwingungen sinkt, wenn man hinter den Strohturm tritt, als werfe der einen Schatten ins Klanglicht.

Dörfer, die keine Dörfer sind. Häuser, die sich zwischen zwei Ortsnamenschildern um eine Straße sammeln, sind kein Dorf. Wir sind müde, wir lechzen nach Kaffee. Straßen sind nicht eßbar; Autos auch nicht. Im Herbstlicht zerfallen die Farben zu Laub.

K. macht ausgiebig Bilder von einer abgestorbenen Eiche. Dutzende Höhlen, Spalten, Klüfte, alle bewohnt. Staub, Holzmehl, trockene Dunkelheiten. Rückseiten von Spinnen. Der Bach macht kein Aufhebens von sich, braunes Wedeln von Steinen. Jogger treffen sich zum Wettkampf. Mehr Heimweh. Hier, auf diesem Weg, habe ich auch schon trainiert. Das paßt alles in einen Samstagmorgen hinein. Unser Weg führt weit darüber hinaus. Und weiter. Und fort.

Wieder aufs Feld, wo der Himmel ausbricht wie eine Epidemie.

Ende des Tages. Ein Wohnwagen, Staub, Moder, Spinnennetze, die in unserem Atem leise wallen. Meine Bereitschaft zum Spartanischen, merke ich, endet beim Schmutz. Ich denke über Schmutz nach. Ein Klumpen Walderde, Schäben, Stroh, welkes Laub, Fichtennadeln, Sand sind kein Schmutz. Hausstaub, Spinnenweben, Moderbrösel, Putzplacken, Mörtelbrocken sind Schmutz.
Ich lege mich auf unser Lager, als wäre mein ganzer Körper spitze Finger. Stocksteif.
Glocken einer fernen Kirche. Stimmen, Gepolter aus dem benachbarten Wohnwagen. In der Tür Eimer, ein Schuppen. Verquollenes Holz, Verfall. Fahrräder unter einer Plane. Ich fröstele. Morgen dreißig Kilometer.
Schlaf zwischen Ekel und dunklem Vergessen. In jedem Wachmoment der Schimmelgeschmack auf der Zunge, und ich muß wieder an das Haus mit den Spinnen denken. K.s schlafender Körper nah, vertraut, sauber, ein behaglicher Trost im Unbehaglichen.
Seltsam beruhigend, als käme darin irgendetwas in Ordnung, was vorübergehend aus dem Lot war: die Liebesgeräusche – das Rumpeln, Iris’ leises Seufzen, später Huberts Lachen – aus dem benachbarten Wohnwagen der Gastgeber. Ich schlafe.

… zuvor / ging sie zur Arbeit

Ach, Liebe. Und nun: Hab ich wieder einen ganz anderen Tag. Laufen bei Tagesanbruch, und als ich zurückkam, da waren die benutzten Tassen und Gläser schon kalt und fremd. Nicht mehr unser Morgen. Ich hätte so gern noch einen ganzen Tag zum Morgen mit Dir. Nicht wieder die Stunden wechseln wie die Schuhe. Nicht wieder Küsse ablegen wie gebrauchte Hemden. Und gemeinsam die Teller waschen, bevor man zusammen das Haus verläßt, auf dem selben Weg.

112 Meilen (1)

Am Rande der Großstadt ankommen, der bekannten, der unbekannten, der oft durchfahrenen.
Linie 260, Linie 4, die Straßenzüge vertraut, aber jetzt wie aus der Froschperspektive, als wäre man geschrumpft, als kröche man auf allen Vieren. Aus dem Feld, aus dem Wald, naß und verdreckt und müde von neun, zehn Stunden Marsch auf die Straße treten und plötzlich als Fremder in die gestern erst verlassene Welt zurückkehren, wie das eigene dunkle Haus bei Nacht, in fremdem Gewand, durch die Terrassentür: In jedem schäbigen Waldgasthof in der Einöde wäre man heimischer als hier, nach einem Tagesmarsch keine Stunde Zugfahrt von der eigenen Wohnung entfernt.

***

Das windschiefe Fachwerkhaus in dem kleinen Weiler unweit der Bundesstraße, mühsam richtet es sich eigens für uns auf dem Ellenbogen auf. Ich denke an die Spinnen im Keller des Hauses, das wir gestern besichtigt haben. Wie die Schatten an der Wand die transparenten Spinnenleiber in die Luft projizierten wie holographische Fresken.

***

Ein Rind, das im Galopp auf uns zustürmt, ein anderes, auch im Galopp, das vor uns flieht. Beide irritiert von unseren Regenponchos. Ein Phänomen, das uns wieder und wieder begegnen wird. Ich summe in Gedanken einen Tanzsatz eines unbekannten Künstlers, den ich neulich im Radio gehört habe. Es wird mein Soundtrack für die nächsten 112 Meilen.

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Der freundliche Kellner in Unterburg teilt uns bedauernd mit, daß es den ganzen Tag regnen wird. Wir lassen uns, noch halbwegs trocken, unser Lachsfrühstück schmecken. Später die Sengbachtalsperre. Der Wasserspiegel geschwollen wie ein entzündetes Auge. Die Staumauer aufgequollen, als wäre es Pappe. Ingenieure, die irgendwelche Messungen durchführen, kommen uns entgegen, die Jacken noch trocken. Blick in eine Art Wachturm an der Mauer. Durch die halboffene Tür sichtbar ein schmaler, erleuchteter Innenraum, Schreibtisch, Lampe, elektrische Geräte. Das Gemütliche einer solchen Arbeit. Stifte, Papier, Daten. Konzentration. Draußen der Regen. Regen. Irgendwo wird es Kaffee geben, kochendheiß aus einer Thermoskanne.
Das Südufer ist steil, der Weg matschig. Nasse Buchenzweige schlagen uns ins Gesicht, während wir aus dem Tal kriechen. Oben wartet der nächste Schauer.

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Die Ränder der Feldwege lösen sich auf wie Papier; wenn der Wind auf die Forste drückt, spritz das Wasser heraus wie aus Schwämmen. Kirchtürme ducken sich unter die Spitzdächer, die Schallfenster der Glockenstühle zu Schlitzen geschlossen. Keine Glocken. Die Rinder glotzen. Zwei Kälber saugen am Muttereuter, ihr Hunger unbeeindruckt vom Regen. Wir verlaufen uns. Dicke Tropfen fallen auf das, was von der Karte noch übrig ist.

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An der Bushaltestelle, wo wir Pause machen, geschützt vor dem Regen, nicht vor dem Wind, rutscht mir der Rucksack von der Bank, und das Brot, gottlob verpackt, fällt in einen Speichelteich, den ein gelangweilter Teenager dort angelegt hat. Schon leicht genervt vom Regen, der durchweichten Karte, der Ungerechtigkeit des Himmels, der uns ausgerechnet am ersten Wandertag Dauerregen beschert, brülle ich «Barbaren!» in den Regen hinaus. Das vielleicht zwölfjährige Kind, das auf den Bus wartet, den wir ignorieren werden (zu stolz; außerdem geht er in die Gegenrichtung), hat auf der Wange eine riesige, schwarze, gerade, vom Mundwinkel bis zur Schläfe reichende Narbe. Aufgemalt, als wäre schon Hällowien oder Karneval. Neben der Speichelpfütze liegt eine abgenagte Kuchenrinde.

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Eine Birne, ein Stück Schokolade, keine Muße, richtig Pause zu machen. Der Lärm der Straße pustet uns entgegen, man versteht sein eigenes Wort nicht, wir kauen stumm, mit klammen Fingern, auf der harten Schokolade. Schwertransporter, gefolgt von einer Schlange Autos, gefolgt von einem noch schwereren Schwertransporter. Die Reifen spritzen, der Grund bebt. Die aus dem Busfenster betrachtet so ruhige, ja beschauliche Landstraße (im besten Sinne des Wortes eine Landstraße, erweist sich als mörderisch, wenn man selbst ruht und ihr zusieht.

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Der freundliche Mofafahrer, der gerade in dem Moment nach Hause kommt, wo wir, eine druckfrische, aber bereits veraltete Karte in Händen, vor zugesperrten Zäunen und Haustüren stehen, vor die uns die Karte geführt hat, und nicht weiterwissen. Wir lassen uns den Weg zeigen. Ein Maisfeld. Und noch eine Landstraße. Im letzten Waldstück hört der Regen auf.

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(In der Unterkunft hört man die Linie 4 hinterm Grundstück vorbeifahren. Ein paarmal bin ich da selbst drin gesessen. Und wußte nicht, daß ich dort vorbeifuhr, wo ich später im Jahr im Bett liegen, und dies schreiben würde.

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Wir essen zu Opernklängen. Antipasti. Taglerini mit Lachs und rosa Pfeffer. Totmüde ins Bett. Im Bad tropfen die Ponchos.

Heimweh

Für den einen ist es das Wohnzimmer. Für den anderen das Bett. Für den dritten der Bastelkeller. Oder die Bibliothek. Der Platz unterm Kippfenster auf dem Speicher. Anderen genügt eine Kuscheldecke.
Für mich ist es die Küche.
Viel Platz brauche ich nicht. Auf vieles könnte und kann ich verzichten. Auf einen Balkon, auf einen Garten, auf separate Wohn- und Schlafzimmer, schön, wenn man eine Badewanne hat, aber es geht auch ohne, ja, selbst eine Dusche erscheint mir entbehrlich.
Erst, wenn die Küche fehlt, wird’s eng. Wenn ich keinen Raum habe, eine anständige Mahlzeit zuzubereiten, keinen Ofen, um einen Kuchen zu backen, keinen Herd für eine ordentliche Suppe, keinen Tisch, um daran zu essen, werde ich verstimmt: eine festliche Mahlzeit am Tag muß ich haben.
Es gibt viele Arten, sich fremd zu fühlen. Man kann sich fremd unter unbekannten Menschen fühlen; fremd in einer ungewohnten Umgebung; fremd in einem Text, zu dem man keinen Zugang findet; entfremdet einem Menschen, den man zu lieben glaubte.
Man kann sich fremd fühlen, wenn ein Ritual nicht gelingt.
Einmal habe ich großes Heimweh empfunden. Das war während eines Studienaufenthalts in einem kleinen Mittelmeeranrainerstaat, und es war nicht einmal ganz am Anfang, sondern zu einem Zeitpunkt, wo ich mich eigentlich schon eingelebt hatte. Von früheren Reisen kannte ich bereits Menschen in diesem Land, hatte sie mehrmals besucht, und nun war es an der Zeit, sie auch einmal zu mir einzuladen, zum Abendessen. Ich hatte eingekauft, teils schon in der Landessprache, die ich erst noch lernen mußte; ich hatte preiswert eine Pfanne, einen Topf, Tassen und Teller gekauft, mich über die billigen Märkte gefreut und sogar an Zutaten alles bekommen, was ich geplant hatte. Der Fisch auf dem Markt war erstaunlich günstig und frisch gewesen, und ich hatte gelernt, daß es zwar ein einheimisches Wort für Ingwer gab, daß aber ein Fremdwort englischer Herkunft gebräuchlicher war. Man kann sagen, daß ich in diesem Land schon angekommen war: Nicht mehr nur Tourist, schon kein Reisender mehr, und mehr als nur ein Gast. Nie hatte ich in den vergangenen Wochen, seit ich eine Wohnung gefunden hatte, das Gefühl gehabt, ich wäre lieber woanders.
Als ich aber in dem winzigen Räumchen, das mir als Küche dienen sollte, mich anschickte, das Abendessen zuzubereiten, sank mir schon beim Auspacken der Einkäufe der Mut, und in jedem Augenblick verschlechterte sich meine Laune. Die Arbeitsfläche war zu klein; es gab keine Ablage für Schnittgut; ich stieß ständig mit dem Kopf gegen den Hängeschrank; eine einzelne Kochplatte reichte natürlich auch nicht aus. Natürlich hätte ich etwas Einfacheres kochen können, aber da stand ich nun, mit Makrelen, Lauch, Ingwer und wußte nicht wo ich was wie verarbeiten sollte, bis ich mir völlig hilflos vorkam und in einer heftigen Gefühlsaufwallung zwischen Zorn und Frustration entnervt alles hinwarf.
Fremd in der eigenen Küche.
Und dieser Moment war der einzige in meinem Auslandsjahr, wo ich Heimweh hatte. Heimweh ist der Schmerz, den man darüber empfindet, von einem geliebten Ort getrennt zu sein. In meinem Fall war das die Küche der von mir aufgegebenen Wohnung in Deutschland. Ich stand inmitten eines Chaos aus Schüsseln und Tellern und dachte an die kleine Küche, in der ich mich wohlgefühlt und der ich manches Essen, für mich, für Gäste, für meinen Mitbewohner gekocht hatte: Da gab es einen Herd mit Ofen, geräumige Schränke, eine kleine Arbeitsfläche, einen kleinen Tisch unter einer Schirmlampe, an dem zwei Personen Platz nehmen, essen und plaudern konnten. Die Wohnung war im fünften Stock, und durch Küchenfenster sah man geradewegs in die Wipfel alter Platanen. Kein anderes Zimmer dieser Wohnung habe ich in meinem Auslandsjahr vermißt, nur die Küche. Und als ich jetzt geradezu gedemütigt von den unzureichenden Verhältnissen in dieser anderen Küche stand, während sich das ohnedies trübe Herbstlicht aus dem schachtartigen Hinterhof, nach welchem meine Erdgeschoßwohnung lag, zurückzog, erschien mir meine alte, eigentlich eher häßliche, plumpe Küche wie der Inbegriff häuslicher Behaglichkeit.
Mir war schon klar: Irgendwie würde ich etwas Genießbares auf den Tisch bekommen; zwar war ich müde und hungrig, die Durchführung meines Plans schwieriger als erwartet – aber nichts, was sich nicht mit Geduld hinkriegen ließe. Es war nicht dieses Essen, das mich traurig machte (schließlich kämen später nette Gäste, wohlwollende Menschen), es waren nicht die Schwierigkeiten, die mich frustrierten, nicht die Enge, die mich mutlos machte. Sondern es war die Zeit.
Der Abend würde vorbeigehen, das Essen würde gelungen sein. Aber dies war ja nur der Anfang. Es war einer von vielen, vielen Abenden, in denen ich in dieser Küche stehen würde, nicht für Gäste, sondern für mich selbst, und nicht mit der besonderen Aufgabe der Bewirtung beschäftigt, sondern mit der ganz normalen, tagtäglichen Arbeit des Kochens. Hier gab es nichts zu überwinden; hier gab es nicht einmal etwas zu überstehen. Dies war das Umfeld, dies die Verhältnisse, nicht, durch die ich durch mußte, sondern in denen ich jetzt leben würde. Tag für Tag, Monat für Monat. Bis zum Ende des Jahres, und das lag in weiter Ferne. Ich sah mich selbst Abend für Abend in dieser Unküche stehen, eine Kochplatte, kein Ofen, kein Tisch, das Essen mußte ich ins Wohnschlafzimmer mitnehmen. Es hatte in seiner Unentrinnbarkeit, in seiner Anmutung von Endlosigkeit und Wiederholung etwas Vernichtendes.
Was ist der schwierigste Moment einer Flucht? Ich glaube nicht, der Aufbruch. Ich glaube, es ist das Ankommen. Es ist der Moment, da den Geflohenen die Erkenntnis trifft, daß die Flucht vorbei und er selbst bereits angekommen ist, und daß der Ort, an dem er sich befindet, schon alles ist, was ist.
Denn solange man sich noch in Bewegung befindet, herrscht Gleichgewicht; wird das Gewicht der Fremde von der Bewegung durch die Fremde genau abgefangen; solange man sich bewegt, die Flucht noch anhält, hat das Befremden, die Heimatlosigkeit einen stets neu zu überwindenden und auch überwindbaren Grund; der fremde Ort wird ebenso schnell wieder verlassen, wie er aufgesucht wurde, zu schnell, als daß seine Fremdheit wirken könnte, indem sie zur Fremdheit eines Ortes wird, den man nicht gleich wieder verläßt. Die Fremdheit eines Durchgangsortes ist eine ganz banale Fremdheit. Indem man weiterzieht, bleibt sie hinter einem zurück. Aber ein Bleibeort bleibt fremd, wartet mit Fremdem, umgibt einen mit Fremdheit, der man nicht mehr entflieht. Und heimischwerden, das ist viel schwieriger als aufzubrechen und wegzugehen.
Und da stand ich nun, angekommen, im Abend meiner Ankunft, am Beginn meines Bleibens. Denn wo hätte ich denn hin sollen an diesem Abend in der unhandlich-fremden Küche? Keine Flucht war mehr möglich.
Nicht einmal nach vorn. Denn vorne, ganz vorne, da war ich schon. Irgendwann würde ich aber von hinten auf diese Szene blicken, diesen ersten Abend, von einem viel späteren, letzten. Die Küche würde sich, allein dadurch, daß ich in ihr arbeitete, zu einem Stück von mir verwandeln. Ich würde sie ausgebeult haben wie einen Schuh, der erst nach Meilen wirklich sitzt. Ich würde sie ebenso kennenlernen, wie der Raum mich kennenlernen würde. Dies war die Küche, die ich gemietet hatte. Jetzt würde sie meine Küche werden,
Und als ich das gedacht hatte, stellte ich den Topf aufs Feuer und fing an zu kochen.

(Dieser Text wurde im Rahmen der Blogparade „Ich war fremd“ veröffentlicht.)

Goethes Palmyra

In der Italienischen Reise gelesen, zweiter Romaufenthalt. Darin die Erwähnung einer Zeichnung, auf der die Ruinen der Stadt Palmyra abgebildet sind. Merkwürdiges Gefühl, sich zu vergegenwärtigen, daß diese Ruinen im September des Jahres 1787 noch existierten, so daß Goethe vom Gegenstand der Zeichnung im Präsens sprechen konnte; daß sie aus dem Blickwinkel von 1787 schon uralt waren, zwei Jahrtausende auf ihrem Platz; und daß sie, immer vom Standpunkt 1787 aus, noch 228 Jahre stehen würden; und daß Goethe diese Zahl, 228, nicht bekannt war; aus seiner Sicht gab es jedenfalls keinen Grund, warum zwei Jahrhunderte nach seiner Begutachtung jener Zeichnung die Ruinen nicht mehr existieren sollten. Als Goethe davon schrieb, sollten sie noch sehr lange bestehen. Aber nicht ewig lange. Inzwischen sind sie Geschichte, und damit auch Goethes Text. Damit ist Posthum die Erwähnung des Dichters obsolet geworden. Traurig.
Die Welt ist nicht nur durch den Verlust dieser Tempelruinen ärmer geworden; man hat auch für immer das Gemeinsame mit allen Generationen vor uns verloren, für die das Bauwerk noch existierte; wir werden ihnen an dieser Stelle ab jetzt für immer etwas voraushaben, das sie nicht mehr einholen können.

Ich habe gerade einen sehr undemokratischen Gedanken: Wenn nie über Flüchtlinge berichtet worden wäre, würde sich kein Mensch darüber erregen. Sie fallen ja gar nicht auf, die paar armen Hanserl. Manchmal möchte man sehr paternalistisch Nachrichten … dosieren. Dann gäbe es viele Probleme gar nicht, Probleme, die allein durch Diskurse entstehen.

Selbstwirksamkeit

Natürlich will niemand zurück zur Steinzeit. Es mag reizvoll sein, uralte Überlebenstechniken wieder zu lernen, wie das große Interesse an dem, was man neuerdings Survival nennt, bezeugt. Aber gewiß will niemand in vollem Ernst ein Steinzeitleben führen, nicht in aller Konsequenz, spätestens, wenn man Zahnschmerzen hat oder sich ein Bein bricht, werden sich Zweifel melden. Aber eines ist es, auf die grundlegendste Form der Selbstwirksamkeit – das Überleben mit dem, was die Natur unmittelbar anbietet – zu verzichten und sich das Leben hier und da durch Maschinen und Werkzeuge zu erleichtern; ein anderes ist, sich mit Haut und Haar der Technik zu überantworten und gänzlich auszuliefern. Man muß nicht die Technik in Bausch und Bogen verwerfen, um sich kleine Bereiche der Selbstwirksamkeit und damit der Kontrolle über die Umwelt zu erhalten oder, wo sie schon verloren sind, zurückzugewinnen. Wobei diese Umwelt selbst wieder technischer Natur sein kann.
Es geht um kleine Bereiche der Freiheit.
Denn der Bezirk, in der der moderne Mensch noch selbstwirksam handeln kann, schwindet. Unangefochten ist er so gut wie nirgends mehr Herr über sein Handeln.
Die elementarste Form menschlicher Fortbewegung ist die auf zwei Beinen. Meine Entscheidung, mich in Bewegung zu setzen, führt unmittelbar zur Bewegung; nichts vermittelt zwischen meinem Willen und seinem Effekt, nichts ist dafür vonnöten außer einer brauchbaren Anatomie. Nicht einmal Schuhe sind zwingend notwendig, allen Aussagen der Outdoorindustrie zum Trotz.
Das Fahrrad bedeutet größere Geschwindigkeit und Reichweite bei geringerer Ermüdung, aber diese Vorteile sind erkauft mit einer Reihe von Abhängigkeiten, wiewohl immer noch ich selbst es bin, der handelt: Ich selbst muß in die Pedale treten, und mein Kraftaufwand steht in direkter, proportionaler Beziehung zum Ergebnis. Trete ich schneller, fahre ich schneller, trete ich langsamer, fahre ich langsamer. Ich kann nicht sagen, daß das Fahrrad für mich fährt oder mir einen Teil der Mühen abnimmt. Wenn das Rad einmal existiert, kommt alles, was ich mit ihm tue, direkt zu mir zurück: als Widerstand, als Beschleunigung, als Geschwindigkeit. Der Punkt ist aber: Das Fahrrad muß erst einmal existieren; jemand muß es gebaut haben, was, wenn man nur die rohe Natur zur Grundlage hat, ein extrem diffiziler Vorgang ist. Ferner braucht es eine Straße, um ordentlich fahren zu können, und wenn der Reifen platzt, nutzt auch die schönste Straße nichts mehr. Und so wie mit dem Fahrrad ist es mit jedem mechanischen Werkzeug. Schere, Schneebesen, Handfeger und Kehrblech; Zange, Schraubenzieher, Mörser. Sense, Spaten, Grabgabel, Gießkanne. Mit all diesen Geräten kann der Mensch unmittelbar in seiner Umwelt wirksam werden. Mein Einwirken auf das Werkzeug hat unmittelbar und in einer Ein-zu-Eins-Beziehung eine Wirkung in der Umwelt, der Hecke, dem Blatt Papier, dem Gras zur Folge. Viele solcher Geräte erfordern ein beträchtliches Geschick, um damit das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Man denke an Stricknadeln oder an ein Spinnrad. Auch das Fahrradfahren ist nicht nur anstrengend, es will auch gelernt sein.
Herr der Lage sein, wem gefällt das nicht? Vielleicht hat keine andere technische Errungenschaft so sehr diesen Wunsch bedient wie das Auto. Wer Auto fährt, hat die Macht eines Halbgottes. Wer Auto fährt, dem sind Raum und Zeit untertan. Mühelos schweben wir mit unglaublicher Geschwindigkeit dahin und hören dabei auch noch Musik. Nur Fliegen wäre noch schöner, noch mehr Macht, noch mehr Gotthaftigkeit. Warum nervt der Stau so sehr? Weil die anderen bösen Autofahrer sich erfrechen, uns in unserem Gottsein zu behindern. Sie stehen zwischen uns und der Allmacht. Wir empfinden ja gar nicht das Auto als Maschine – wir fühlen uns selbst vergrößert, ermächtigt, mit unglaublichen Fähigkeiten ausgestattet … vergöttlicht durch die Maschine. Wir sind es ja selbst, die handeln, und so glauben wir unseren Körper nur verlängert und verbessert. Wir fahren, nicht das Auto. Wir sind Herr über die Kilometer, nicht die Maschine. Wir befehlen der Maschine nicht, wie wir einem Diener befehlen. Wir sind die Maschine in dem Moment, wo wir aufs Gaspedal drücken, und der Wagen wie ein Arm oder Bein von uns reagiert. Wir fühlen unseren Willen direkt mit der Maschine verbunden. Die Maschine tut nichts für uns, wir tun es selbst, verlängert, ermächtigt durch die Maschine.
Das glauben wir zumindest. Aber ist schon diese Empfindung Illusion, so wird seit einigen Jahren selbst diese Illusion noch von einer größeren Illusion getragen. Wer früher aufs Bremspedal trat, der konnte sich einbilden, noch selbst zu bremsen: Der Druck aufs Pedal überträgt sich auf eine hydraulische Flüssigkeit, die den Druck zu den Bremsbacken weiterleitet. Das war ursprünglich nicht viel anders als bei einer Heckenschere. Aber schon so etwas wie ein Bremskraftverstärker zerstört diese direkte Wirksamkeit, ist es doch nicht mehr meine Kraft, die sich auf die Bremsbacken überträgt, sondern die Kraft eines Motors, den ich einschalte, wenn ich das Bremspedal trete.
Ist die Geschichte hier schon zu Ende? Mitnichten. Denn jetzt kommt die Elektronik ins Spiel. Wer heute noch glaubt, er fahre sein Auto, täuscht sich gewaltig. Niemand fährt mehr Auto – das Auto fährt uns. Nach unseren Befehlen zwar – aber vielleicht auch das nicht mehr lange. Denn moderne Autos sind längst Smartphones auf Rädern – Computer, die das Fahren erledigen und nebenbei die Illusion aufrecht erhalten, der Mensch am Steuer tue so etwas wie … fahren. Wer tatsächlich fährt, das ist die Bordelektronik. Ein Tritt aufs Bremspedal löst einen Bremsbefehl aus, der am Ende einer Signalverarbeitungskette in eine Bewegung der Bremsbacken umgesetzt wird. Dabei mißt das Bremspedal den Druck des Fußes und leitet diese Information weiter, so daß für den Fahrer der Eindruck entsteht, sein Handeln stehe in unmittelbarer und proportionaler Beziehung zu den Auswirkungen der Umwelt, so wie wir glauben, den Mauspfeil zu bewegen. Tatsächlich gibt der Fahrer aber nur eine Datenkette in einen Computer ein, der dann für den Fahrer bremst. Man könnte diese Unterscheidung für akademisch halten, sie hat meiner Ansicht nach aber zwei wichtige Folgen. Erstens: Indem der Computer das Optimum an Bremskraft aus den Werten für Reifendruck, Geschwindigkeit, Gelände, Straßenbelag, Nässe, Abstand zum vorfahrenden und zum folgenden Fahrzeug etc. berechnet, ist der Bremsvorgang keine Frage des Könnens, der Geschicklichkeit, der Erfahrung des Fahrers. Der Fahrer könnte, statt in die Eisen zu steigen, auch einfach „ich möchte bremsen“ sagen, oder, dramatischer, „Stop!“ Der Schritt, merkt man hier schon, zum vollkommen autonom fahrenden Fahrzeug, dem man nur noch das Ziel eingibt, ist hier nicht mehr weit. Wenn der Computer es doch viel besser kann?
Die zweite Folge ist: Da die Bordelektronik auch Komponenten enthält, die nach außen kommunizieren, beispielsweise Radio, Telephon und Navigationsgerät; ferner Teile, die innerhalb des Fahrzeugsystems per Funk kommunizieren müssen (Messung des Reifendrucks); kann ein solches Fahrzeug prinzipiell gehackt werden, schlimmstenfalls mit tödlichen Folgen.
Doch selbst wenn man dies zu verhindern weiß, bleibt immer noch der Eingriff in die Selbstwirksamkeit des Menschen bestehen, seine Selbstkastration. Denn Autofahren ist ja, bei allen Nachteilen und Gefahren dieser Maschinen für Mensch und Umwelt, dennoch etwas, das gelernt, geübt werden will und zu persönlicher Meisterschaft aufruft. Das Auto war bislang nicht nur eine Maschine, die uns allerlei abnimmt; es ist auch ein Werkzeug, dessen Bedienung Können erfordert und dessen Bemeisterung stolz macht. Sonst gäbe es keine Autorennen. Weil die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, egal wie eingeschränkt der Rahmen ist, in dem sie sich zeigen kann, eine beglückende Erfahrung ist. Doch so wie dem Auto wird es vielen Werkzeugen gehen, zu deren Handhabung bislang ein Mindestmaß an Geschick erforderlich war. Schon steuert Elektronik den E-Herd. Gegen eine Energiesparplatte jedoch, die sich im falschen Moment abschaltet, sind alle Kochkünste vergeblich eingesetzt. Nicht besser wäre aber ein Elektroherd mit dem Programm „Steak, medium“, bei dem ich nur noch die Pfanne mit Öl und Fleisch bestücken muß („bitte-jetzt-Steak-wenden-und-eine-Minute-weiterbraten“). Wen sollen dann die Gäste loben, und was ist das Können eines Kochs noch wert, wenn das Computerprogramm ununterscheidbar gute Ergebnisse liefert? Es gäbe keine Meisterköche mehr. Es gäbe überhaupt keine Köche mehr. Und selbsternannte Kenner und Liebhaber würden sich damit brüsten, sie könnten den Unterschied herausschmecken, so wie Musikliebhaber vermeintlich den Unterschied zwischen einer CD und einer analogen Wiedergabe hören können. Offensichtlich will der Mensch aber nicht nur ein perfektes Steak und eine perfekte Klangwiedergabe; der Mensch will Meisterschaft, der Mensch ist verliebt in das Können. Meister können aber nur selbst Menschen sein, nicht Maschinen.
Ja, was ist das Können wert, außer, daß man es bei einem Stromausfall dann doch braucht (vorausgesetzt, man hat einen Gaskocher zur Hand)?
Oder was ist mit Wissen? Neulich im dichtgepackten Zug überlegten zwei Mitreisende, deren Anschluß gefährdet war, die günstigste Strategie, um weiterzukommen. Aussteigen, sitzenbleiben, umsteigen? Da ich auf dieser Strecke die Fahrpläne fast auswendig weiß, war ich drauf und dran, die beiden anzusprechen, um ihnen weiterzuhelfen. Aber ich hatte den Mund noch nicht geöffnet, da wußten sie schon alles.
Von ihrem Smartphone.
Was ist Wissen noch wert?
Abphotographieren und mehr erfahren! Wo kleben sie nicht, die kleinen Quadrate mit den Punktmustern? Ich muß nichts mehr wissen, ein Smartphone genügt. Neulich photographierte ein Bekannter auf einer Feier in meiner Wohnung; plötzlich gibt das Gerät ein Signal: Es hatte im Hintergrund den Druck eines Gemäldes erkannt.
Was ist Wissen noch wert? Früher war Pilzesuchen etwas, das Meisterschaft verlangte, ein Spezialwissen, schwierig zu erwerben und im Falle des Scheiterns mit hohem Risiko verbunden. Man durfte stolz darauf sein, zwei zum Verwechseln ähnliche Fruchtkörper auseinanderhalten zu können. „Der Fruchtkörper ist jung komplett von einem Velum umhüllt. Hut zeigt im Allgemeinen keine Velumreste. Am Stielgrund bleibt das Velum universale als häutig-lappige Volva zurück. Das Velum partiale bleibt als deutlich geriefter, weißlicher, hängender Ring am Stiel zurück. Der Stiel 5 bis 15 Zentimeter hoch, auf weißem Grund olivgrün genattert, Basis knollig verdickt, häutige Scheide. Stiel 2 Zentimeter stark, jung voll, im Alter markig bis hohl. Lamellen weiß. Sporenpulver weiß.“ Schon die Beschreibungssprache ist ein Gedicht. Wie lange wird es aber dauern, bis diese Kenntnisse überflüssig sind, bis mir mein Smartphone sagt, ob der Fruchtkörper, den ich vor mir habe, eßbar ist? Niemand muß dann mehr in die Lehre gehen; man muß nicht einmal genau hinschauen. Unterschiede gehen verloren, Sichtweisen, Dimensionen nicht nur der Kenntnis, sondern auch der Wahrnehmung. Was ich da vor mir habe, ist nur noch ein unscheinbarer Blobb. Meine Fertigkeiten in der Erkennung werden sich auf die Bedienung des Smartphones beschränken.
Möglicherweise ist das Programm weit weniger fehleranfällig als der Mensch und entscheidet im Zweifel richtig. Aber dann bin nicht mehr ich es, der seine Umwelt beherrscht. Nicht ich habe die Kontrolle über die Situation. Nicht ich weiß bescheid, sondern ein Gerät. Man könnte nun sagen, die Meisterschaft ist davon unabhängig. Es sind ja auch Menschen auf den Everest gestapft und haben bewußt das Sauerstoffgerät im Tal gelassen. Aber der Arm des Geräts ist lang. Denn: Ist es nicht besser, ein kleines Sauerstoffgerät mitzunehmen, nur für den Fall der Fälle? Ich muß es ja nicht benutzen. Aber es könnte mein Leben retten, wenn ich mich verkalkuliere oder das Wetter umschlägt. Und sollte ich nicht lieber diesen Maronenröhrling doch noch abphotographieren und von der MycoApp testen lassen? Nur zu Sicherheit. Und Zack! hat mich das Gerät voll im Griff. Denn wer will allen Ernstes auf Sicherheit verzichten? Einen Pilz einfach so bestimmen? Freiäugig? Das ist die Steinzeit!
Und so geht sie dahin, die Selbstwirksamkeit. Wir brauchen keine Orientierung mehr, wir müssen keine Karten mehr lesen können, wir haben den Navi. Wir haben die Strickmaschine und die Nähmaschine, wir haben den Brotbackautomat, der selbsttätig Volumen, Gewicht und Feuchtigkeit des Teiges mißt; wir werden Kühlschränke haben, die uns auf abgelaufene MHDs aufmerksam machen; wir haben Maschinen, die Gesichter erkennen, wir lassen uns von Computern unterrichten; wir haben Melkmaschinen und Schachcomputer, und die Zeit wird kommen, da wir Pflegemaschinen und vollautomatische Duschmaschinen haben werden.
Ich habe kein Smartphone, aber ich rühre Sahne und Kuchen nicht von Hand. Auto fahre ich nicht, aber für meine Wäsche hab ich eine Maschine, und es fiele mir nicht im Traum ein, sie wieder in der Badewanne zu waschen (die Wäsche, nicht die Maschine), obwohl ich weiß, daß ich es kann. Meine Texte schreibe ich nicht mehr von Hand, weil ich es verlernt habe, und meine Bahnverbindung hole ich mir aus dem Netz. Ich besitze sogar eine elektrische Zahnbürste, einen Staubsauger und einen Joghurtbereiter. Ich bin ein Kind des Fortschritts, und Maschinen, die mir das Leben erleichtern und mich für wichtigere Dinge als Wäschewaschen und Besuche am Fahrkartenschalter befreien, begrüße ich rückhaltlos.
Ich will nur diese Dinge bittschön selbst bedienen, und mir von meinem Staubsauger nicht sagen lassen, daß mal wieder ein Hausputz nötig wäre.
Wenn es Schachcomputer gibt, warum läßt man die nicht gegeneinander antreten, wäre das nicht billiger als Turniere mit Menschen? Oder wie wäre es mit Fußballrobotern, die statt Menschen auf den Rasen gehen. Das kriegen die sicher besser hin als jeder Mensch, die ermüden nicht, sie foulen nicht, sie kriegen keinen Kreuzbandriß, und hohe Ablösesummen wollen sie auch nicht haben. Warum also nicht?
Sehen Sie?
Ich meine, daß Selbstwirksamkeit ein unhinterfragbares Gut ist, eine lebenswichtige Erfahrung, deren Notwendigkeit sich nicht an ihren Ergebnissen messen lassen darf. Fußball ist sinnlos, wenn nicht Menschen gegeneinander spielen. Kunst ist sinnlos, wenn sie von einem Algorithmus erzeugt wird. Selbstwirksamkeit hat etwas mit Orientierung, Zurechtfinden und – Kontrolle zu tun. Die Befriedigung aber, die es bedeutet, seine Umwelt zu kontrollieren, sei es, einen Wagen zu steuern, sei es, ein Steak zu braten, oder zu wissen, welchen Pilz man vor sich hat: diese Befriedigung ist tief und elementar.
Durch keine andere Erfahrung zu ersetzen. Wir sollten sie uns nicht nehmen lassen.

Fund

Ist mir doch wieder so ein Dings abhanden
gekommen, und nun hab ich meine Not
ein Dings zu suchen. Hat nie ein Chaot
denn ich je größers Chaos eingestanden.

Die Rechnung ist’s, die Quittung, Impfungspässe.
Halt so ein Wisch von größter Wichtigkeit.
Man sucht’s am Tisch, im Schrank, man ist bereit,
das Bett gar abzurücken, was verdrösse.

Schon fällt dort Licht, wo lange keins gewesen.
Ein Zettel blinkt! Ich klaub ihn unterm Bett
hervor, verblüfft, was mir da kommt zuhanden:

Denn nicht die Quittung blinzelt auf dem Besen.
Ein Vers ist’s, ein Gedicht, ja, ein Sonett:
„Ist mir doch wieder so ein Dings abhanden …“

zu: Haushaltssonette

Einkaufstüten

Sie liegen schwer am Ende ihrer Strecken
im dunklen Hausflur wie gefallne Mädchen,
sind heimgekehrt von Laden oder Lädchen,
und lehnen jetzt an kühlen Wänden, recken

die Griffe hoch und wie nach Priesterhänden,
und lauschen nach der Türe, ob von hellern
Bezirken Stimmen kämen, Lärm von Tellern,
ob jemand ging, den Pfuhl ins Licht zu wenden,

den sie im Innern tragen. Wie auf alten
Gemälden Faltenwurf von weicher Seide
so glänzt die Plastikhaut. Sie müssen sühnen

was sie an süßem Prassen in sich halten;
sie leidens nicht, wie’s knistert im Geschmeide
rings um ihr Herz aus Butter und Rosinen.

(Teil der Serie Haushaltssonette.)

Blick, deiner

Oh, und Liebe: Oft vermeine ich, wenn wir Seite an Seite wandern, aus dem Augenwinkel etwas Leuchten zu sehen, eine ganz knappe Wendung, einen mir zugewandten Winkel, einen ganz schmalen Glanz.

Und dann komme ich dem vorsichtig, wie um dem Zufall seinen Raum zu lassen,
mit einer Wendung meinerseits entgegen. Und wenn ich dann sehe, ja, wirklich,
du hast mich (wie lange schon?) angeschaut — dann durchglüht mich das mit einem glückhaften Erschrecken. Oh! Du schaust mich ja an! Du meinst mich! Mich!

Und dann ist mein Mund ncht breit genug fürs Strahlen, und ich muß ein wenig hüpfen vor Freude.

Pension Arnulfini

Du glaubst, dich für deinen Geruch entschuldigen zu müssen, ich aber mag dich am liebsten so verschwitzt, wie wir beide von der Wanderung kommen. Den ganzen Tag über bin ich dieser deiner Spur gefolgt, süß und herb zugleich und voller Versprechungen, und jetzt, Können wir uns ausziehen?, im Hotelzimmer, bist du einverstanden, ist die Rede erst gar nicht von Dusche und duftlosem Wasser, fallen die klebrigen Kleider, und alles, was sich Dreck nennt, bleibt in dem feuchten Haufen am Boden zurück, aus dem wir frisch und blitzsauber wie die ersten Menschen heraussteigen, aus Lehm geboren. Die Schuhe poltern in die Ecke. Aus dem Hosenumschlag fällt eine Bucheckerhülse.

Es ist das erste Mal für uns in einem fremden Bett, und es scheint fremder als die Wälder, als die Laublager, auf denen wir uns schon geliebt haben. Eine weiche Matratze, ein Gestell, das später ein bißchen rumpeln wird. Wir achten es nicht, und auch nicht, daß man uns, wenn man nur wollte, durchs Fenster sehen könnte, wir sind so vollkommen allein auf der Welt, wie man es nur gemeinsam sein kann. Wir sind die einzigen Augen, die einander in die Blicke geschraubt sind, die einzige Haut, die je an einer andern mehr gefühlt hat als sich selbst. Wir sind beide ein einziger Mund voller Salz, das aus dem Akt der Schöpfung übrig blieb. Dein Hals voll warmer Adern. Deine Hände voller Geschenke. Mein Körper fließt in deinen wie Milch. Ich sage dir, wie sehr ich dich will, und sage es doch nicht, denn die Worte hören Meilen vor dem auf, was ich fühle. Ich liege im Moos deiner Achseln, ich blinzle ins Laub deines Blicks, ich schenke dir mein Fell voller Heu.

Ich löse mich halb von dir, und um dich besser zu betrachten, kehre ich zu mir zurück, und wie ich, durch zitternde Tempelbrücken mit dir verbunden, über dir schwebe, da sind wir wie zwei junge Birken, die aus einem einzigen Stamm sich teilen, weiß, schimmernd, glatt, eins sind und zwei zugleich.

Und ich greife unter deinen schwebenden Kniekehlen durch und schaue auf dich, wie dein Antlitz sich immer schöner verzieht vor fassungslosem Staunen, und wie dein Blick, zwei starre Kiesel inmitten von fließendem Sand, mir meine eigene Fassungslosigkeit wiederschenkt, und bevor ich dir sage, daß ich gleich ein bißchen unbeherrscht sein muß, sage ich dir, will ich dir sagen, wie sehr ich dich liebe, aber die Wörter lachen nur und geben glücklich auf. Oh, sei unbeherrscht, bitte, stammelst du, und ich schließe die Augen, um besser zu fühlen, mich, dich, mich durch dich, uns in uns, unsere Kehlen rufen ohne uns, das Bett rumpelt, aber wir hören es nicht.

Keine Begegnung

Auf einer Wanderung haben die Gefährtin und ich einmal am Wegesrand ein Wildschwein gefunden, einen Frischling, kaum größer als ein Dackel. Er lag in der Böschung, so grau und tot, daß man ihn zuerst für ein Büschel graues Heu hätte halten können, wenn nicht die kleinen Hauer gewesen wären, hell wie Kiesel, und die schmalen Hufe, so sehr am Rand des Bezirks aus zerfallendem Fell, als wären sie noch einen Schritt gegangen, ehe auch sie ereilte, was den Rest niederstreckte im Graben. Die Augenhöhlen, ausgefressen und so leer, daß sie voller Außen waren, sahen wir erst einen Moment später, und mit ihrer Wahrnehmung kam das Erkennen, was da vor unseren Füßen lag. Ein totes Tier. Mehr tot als Tier. Selbst das Fell war gestorben, sah stumpf aus, die Borsten wie eingetrocknet, brüchig, als genüge ein Windhauch, sie zu Staub zu zerblasen. Hinter den Hauern leuchteten Mahlzähne, winzig, kaum mehr als ein Streif Sand. Die Umrisse des Leibes hatten sich ins Gras verbreitet, waren unförmig geworden wie zerlaufene Knetmasse. Und wie auf einem Gemälde von Bosch oder Breughel war die Bauchhöhle offen, konnte man das Innere sehen, ein Nichts, um das sich die Haut so eben noch spannte. Der Körper war leer, war hohl, man konnte mit einem Stock darin tasten, man konnte sich die Haut ansehen, die Hülle, von innen; und sah doch nur wieder eine Front. Dieser Leichnam bestand nur noch aus Vorderseiten, es gab keine Rück- keine andere Seite, auf der der Tod vielleicht doch noch wäre zu finden gewesen.

(Beitrag zum Projekt *.txt, „Fassade“)