Vor einem halben Jahr hat man hier gesessen, nach zwei Wegstunden schon durchgeweicht, weitere acht Wegstunden bei nicht nachlassendem Niederschlag noch vor einem, und diese zehn Wegstunden nur der Auftakt zu einer ganzen Woche Gehens. Ist es da ein Wunder, daß wir grimmig in den Tassen rührten, die Zähne gierig ins Rührei schlugen, immer wieder Blicke auf die Karte warfen, Generälen nicht unähnlich, die den wagemutigen Ausfall planen? Draußen pladderte der Regen, tanzte in den Pfützen, lief über die Straße in den angeschwollenen Bach. Selbst die Statue des Kiepenkerls, dessen Pfeife längst erloschen sein mußte, blickte drein, als wolle sie die Kiepe abwerfen und sich schleunigst irgendwo unterstellen. Vor dem Waldrand hingen die Schlieren so dicht, daß die Umrisse der Bäume sich auflösten. Neben uns auf der Heizung tropften die nassen Regenumhänge, während sich die Schuhe unterm Tisch schon klamm anfühlten. Der Kaffee dampfte, der Regen fiel, die Bäume lösten sich auf, und wir waren entschlossen; und wie es manchmal so geht, wenn man sosieso keine Wahl hat: war unsere Laune ausgezeichnet.
Heute ist dieser Tag lange her, er ist in eine sagenumwobene Region schlechten Wetters gerückt, in eine Zeit, damals, du weißt schon, als der Regen fiel und die Wälder umdurchdringlich waren. Hier und heute scheint die Sonne, Mauersegler kratzen am Himmel herum, die Motorräder dröhnen an der Baustellenampel. Man denkt ans Ende des damaligen Tages, als man verschlammt, durchnäßt, fußmüde aus dem Waldrand in die erleuchtete Ordnung der Siedlung und ihrer Hauptverkehrsstraße taumelte. Jedesmal, wenn wir hier Kaffee trinken, erinnern wir uns daran, was damals vor uns lag, und sind glücklich.
September, überlegen wir jetzt, eine Woche, mehr Urlaub gibt’s sowieso nicht, reicht aber für die 150 Kilometer nach der Stadt im Südosten. Zwei Etappen kennen wir schon, zwei Gasthäuser, und was die da für Frühstück machen. Frühstück ist sehr wichtig; man fängt an, auf Wanderschaft, die Unterkünfte nach der Menge und Qualität des Frühstücks zu beurteilen. Das Frühstück in den ersten beiden Gasthäusern wäre in Ordnung, finden wir.
Von der Terrasse sieht man den Passanten zu, die, gekleidet in allerlei aufsehenerregendes Plastik und mit Stöcken und Minipacks bewaffnet, den Bach queren und, was sie da tun, für Wandern halten. Wir hätten sie und ihre Wolke aus Weichspüler und Sonnenmilch einszweidrei überholt, das Geschnatter und Gegacker nach ein paar strammen Schritten hinter uns gelassen. Wir grinsen. Irgendwo weiter oben liegt die Talsperre, und es verlockt, dem Weg abermals zu folgen, einen Zipfel des Waldsaums anzuheben, um zu sehen, wie blau jenseits der Himmel ist. Ein andermal. Für jetzt kühlt man die Blicke im Eschbach, man macht Pläne, man ist faul und kühn und zufrieden und läßt dem Samstag die Zügel schießen.
Scholae, non vitae
Einmal quer über den Campus, und schon völlig fertig. Autos, Straßenbahnen, flitzende Fahrradfahrer, rechts das mehrspurige Brausen der Universitätsstraße, und, im Gegenlicht, flackernde Schemen, in Trauben und Scharen sich vorwärtsschiebend, im Entgegenkommen ausweichend, an Bushaltestellen sich sammelnd, vor allem aber: Hastend, eilend, drückend.
Wo wollen die nur alle hin?
War das vor zwanzig Jahren auch so? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Ich kann mich auch nicht an vollgestopfte Züge erinnern. Erst recht nicht an Horden von Studenten, die zwischen den Straßenbahnhaltestellen und den Hörsaalgebäuden in langen Reihen unterwegs sind. Und wenn das zu meiner eigenen Studienzeit nicht so war: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Und wie mag es wohl im Innern der Hörsäle aussehen, in die all diese Horden hineindrängen?
Die Schlange vor dem Bäckerkiosk macht mir endlich klar, warum ich mich so unbehaglich fühle, ja, warum ich Ärger verspüre angesichts dieses Massenandrangs: Ich empfinde diese Hochschule immer noch, nach all den Jahren, als meine.
Und diese Horden, die da über sie hereinbrechen, sie erobern diesen meinen persönlichen Besitz, schlimmer noch, sie eignen sich ihn an, schlimmer noch, sie mißbrauchen ihn wie Barbaren, die die Paläste Roms mit Büchern beheizen.
Was wissen die denn schon, was das Studieren einmal war?
De Senectute (1)
Noch einmal laufen. Noch einmal. Und schon seit Jahren manchmal der Gedanke: Irgendeine Runde wird deine letzte sein. Das wirst du nur dann nicht wissen, während du sie läufst. Sie wird sich erst im Nachhinein als diese letzte Runde zu erkennen geben. So ist es ja immer. Das letzte Gespräch mit A. Der letzte Besuch bei K. Der letzte Kuß mit C., an den ich mich schon gar nicht mehr erinnere. Wir tun, solange wir jung sind, so, als sei alles unendlich, als sei für alles auch später noch Zeit.
Letztes Jahr bin ich meine Bestzeit gelaufen; es ist unwahrscheinlich, daß ich das noch einmal unterbieten kann. So werden dann also die 3:41 meine Lebensbestzeit auf der Marathonstrecke sein. Besser wird es nicht geworden sein, mehr werde ich dann nicht geschafft haben. Aber ganz gleich, wie man es dreht und wendet, ganz gleich, ob es dabei bleibt oder ich doch noch einmal zwei Minuten schneller bin: Irgendein Erfolg, irgendein Triumph wird der größte sein, definitiv und für immer. Das Leben ist nicht unendlich steigerbar. Nein, auch später nicht.
Damals auf der Lesung mit der bereits über achtzigjährigen Astrid Lindgren in der Stadtbibliothek Heidelberg, die Frage eines Kindes, Werden Sie noch ein Buch schreiben? (Ich weiß nicht mehr, was sie geantwortet hat; aber wir wissen heute: Nein. Ronja Räubertochter war ihr letztes Buch.)
Warum ist uns Wachstum so wichtig? Weil es uns über die Endlichkeit hinwegtäuscht. Wenn wir uns mit weniger zufriedengeben, ist der Gipfel erreicht. Danach geht es nur noch abwärts. Wir wissen, wie furchtbar es für Thomas Mann war, daß er im Alter nichts mehr schrieb. Und man täusche sich hier nicht: Jeder Trost, der einem hier einfallen mag, basiert doch wieder auf einer neuen Art Wachstum, auf einer Verlagerung des Wachstumsgedankens auf einen anderen, noch nicht von Verfall angefressenen Bereich: Innere Größe. Erfahrung. Spiritualität, künstlerischer Ausdruck, man nehme, was man will. Allem liegt der gleiche Gedanke zu Grunde, das Gute des Wachsens. Gewachsen muß werden. Wer nicht wächst, schrumpft. Wer schrumpft, stirbt.
«Michael kann sich die Schuhe selbst binden!» Derselbe Satz, nicht über den dreijährigen Michael, sondern über den dreiundneunzigjährigen Michael geäußert, löst kein Gefühl des Stolzes, sondern des Mitleids aus. Warum? Weil das Schuhebinden beim Dreijährigen der Anfang in einer langen Reihe weiterer Bemeisterungen ist. Der nächste Erfolg wird eine noch größere Bemeisterung sein. Im stolzen Lob, das man dem Dreijährigen zollt, liegt die Aussicht auf Größeres. Bald wird er schreiben und lesen können, bald das kleine Einmaleins beherrschen, undsoweiter. Beim Greis dagegen ist das Schuhebinden eine Station in einer Entwicklung des Schwindens. Etwas noch zu können ist kein Grund zur Freude, wenn der Verlust dieser Fähigkeit unausweichlich ist. Da kommt nichts mehr, da wird nichts mehr draus: Insofern ist jede Bescheinigung einer Fähigkeit für den Greis bitter. Für die Tatsache, daß da nichts mehr kommt, ist es egal, ob es sich ums Schuhebinden, ums Stuhlverhalten oder um den Marathonlauf handelt.
Das schlimme ist: Es ist nicht nur für den Greis bitter. Denn der Verlust von Fähigkeiten, der Verlust aller Fähigkeiten, bis hinunter zu Nierenfunktion und Herztätigkeit am Ende, ist unausweichlich. Auch schon für den Dreijährigen. Wir täuschen uns da nur, solange Fähigkeiten noch erworben und nicht verloren werden.
Und es gehört eben auch zu den Bitterkeiten des Alters, daß man Mißerfolge nicht mehr unter Verweis auf eine nebulöse Zukunft, in der letztlich alle Rückschläge einmal überwindbar sind und, wenn man es nur richtig will, auch überwunden werden, beiseite schieben kann. Zum einen als der Mißerfolg selbst, zum andern als Makel, den man nicht mehr tilgen kann, beginnt ab einem gewissen Alter jeder Mißerfolg doppelt zu wiegen.
Aber auch jeder Erfolg: Denn jeder eben errungene könnte ja bereits der größte gewesen sein. Und das wird immer wahrscheinlicher, je älter man wird. Furchtbar aber ist nicht der Gedanke ans Ende, sondern die langsam einsickernde Erkenntnis, daß das eigene Wachsen eine Grenze hat. Das man nicht alles, was man nur will, wird erreichen können. Wird erreicht haben.
Noch einmal laufen. Und noch einmal. Nicht im freudigen Bewußtsein, was man schon alles kann. Sondern mit dem bitteren Gedanken daran, was man noch alles kann. Und daß man sich dafür schon jetzt loben lassen muß.
(Nachtrag: Da hat doch tatsächlich einer auf „Gefällt mir“ geklickt!)
(Ich würde mich so gerne nackt hinter dich Nackte stellen, körperlang an Körperlänge, mich an deinem Hals festsaugen und meine Hände dir auf die Brüste legen, ganz leise, wie man ein Vogeljunges beruhigt. Ich hätt so gern, daß du den Kopf in den Nacken legst, erst ein-, dann lange ausatmest dabei, dein Mund ganz dicht an meinem Ohr, voll Vorsicht, als könnte er es zerdrücken.)
Asylant
Trabant Erdbegleiter/in
Pedant Erbsenarithmetiker/in
Mandant Mandbewerber/in
Kommandant Mitmandbewerber/in
Intendant Impresario/ne
Elefant Dickhäuter/in Lebewesen mit Rüsselhintergrund
Gigant Maximalwüchsige(r)
Komödiant Harald/in Schmidt
Proviant Verpflegungsbevollmächtigte(r)
Denunziant Verhaftungshelfer/in
Fabrikant Fabrizierende(r)
Praktikant Coffee Facility Manager
Krokant Knusperflakes
Simulant Fachmann/frau für Rechenmodelle und Simulation
Querulant Cross-country Läufer/in
Informant Sportberater/in
Konsonant Mittonsänger/in
Garant Garprozeßbeaufsichtigende(r)
Hydrant Getränkebevollmächtigte(r)
Lieferant Lieferando-Mitarbeiter/in
Emigrant Zugvogel/Zugvögelin
Immigrant Geldgeber/in des Immi-Forschungsvorhabens
Aspirant Schmerzmittelbewerber/in
Deodorant Axillary Control Manager, Höhlenpfleger/in
Ignorant Erkenntniseingeschränkte(r)
Ministrant Ministerialbewerber/in
Demonstrant Beweisführer/in
Sympathisant Sympatex®
Passant Paßbewerber/in
Croissant (enthält Laktose; enthält Gluten; kann Spuren von Ei, Nüssen, Sesam und Soja sowie von allen anderen Schalenfrüchten enthalten)
Repräsentant Latexnachhaltigkeitsexperte/expertin
Protestant Prüfbefürworter/in
Dilettant PoH (Person of Hobby)
Debütant Ersti
Sekundant Zweiti
Adjutant Helferlein/in
Sextant Sechsti
Solstitium
Wieder stoßen die Wege ans herrische Bellen der Zäune.
Abseits, gejagt von Licht schlägt sich das Feld in den Busch.
In der Falle
Vielleicht ist gar nicht Unwille, Bequemlichkeit, Gier oder das Gefühl, im Recht zu sein, Grund dafür, warum es reichen Menschen so schwer fällt, abzugeben. Ich vermute etwas anderes: Verpflichtung; Bindung; und der unausrottbare Hang des Menschen, Überschüsse bis zum letzten auszuschöpfen.
Wenn ich 10.000 im Monat verdiene, richte ich mein Leben danach ein: Haus kaufen, Auto anschaffen, tägliche Pendelstrecken, BahnCard 100, teure Reisen etc. – da bleibt am Ende des Monats nicht viel mehr übrig als beim armen Schlucker. Das Problem ist aber, das Haus kauft man nicht mit Geld, das man hat, sondern das man hofft, später zu haben – mit Erwartungen an die Zukunft. Die Schulden aber, die hat man sofort. Und die müssen getilgt werden. Ich kann nicht sagen, na, verzichte ich halt, dann dauert’s halt länger; oder, ach, keine Lust mehr, zu teuer, dann gehört eben der Bank das Haus. Die Bank will das Haus nicht. Die Bank will mein Geld. Die Bank wird mich pfänden lassen, wenn ich nicht brav in der Tretmühle weitertrete, in die ich freiwillig gestiegen bin, als ich – in Erwartung von monatlich 10.000 – den Kaufvertrag unterzeichnet habe. Wehe, die 10.000 bleiben auf einmal aus, weil ich arbeitslos oder berufsunfähig werde. Und selbst, ein Haus (oder ein Boot; ein Auto) wieder zu verkaufen, kostet noch teures Geld. Von dem, was da an Steuern fällig wird, könnte unsereiner drei Monate leben, und zwar bequem. So wird aus dem Gewinn von 120.000 per annum, einem Reichtum, den ich haben darf, die Not von 120.000, dann nämlich, wenn ich sie aufgrund von Verpflichtungen, etwa in Form einer Hypothek, haben muß.
Dazu kommen Verpflichtungen anderen gegenüber. Für mich alleine kann ich entscheiden, ok, die Gesangsstunden, die Golfpartie, die Jagdpacht waren wohl etwas teuer, streiche ich das eben. Ginge es nur darum, auf Gesang, Golf und Jagd zu verzichten, wär’s ein Kinderspiel. Aber ein solcher Verzicht schlägt weitere Kreise. Denn vielleicht treffe ich beim Golf wichtige Geschäftspartner, die mich fallen lassen, wenn ruchbar wird, daß ich in so großer finanzieller Not bin, daß ich mir nicht einmal Golf mehr leisten kann; und vielleicht habe ich drei Kinder, die Reit-, Musik-, Chinesisch- und Ballettunterricht nehmen – und das für selbstverständlich halten. Und vielleicht verläßt mich mein Partner, wenn sich abzeichnet, daß ich für das Haus nicht mehr aufkommen kann … Das heißt, es geht, vermute ich, um weit mehr als nur ums Haben von Annehmlichkeiten; es geht ums Sein: um ein ganzes Leben, und nicht einmal nur um das eigene, sondern um das der Menschen, für die ich verantwortlich bin, und die Erwartungen an mich haben, die ich zuerst bei ihnen geweckt habe. So betrachtet ist Reichtum kein Privileg, sondern eine höchst mißliche Lage, eine Falle.
Über die Sucht, alle Lücken auszufüllen, nichts ungenutzt zu lassen, Überschüsse immer bis zur Neige abzuschöpfen, habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. In kleinem Maßstab gleicht jemand, der eine Hypothek auf eine Immobilie aufnimmt, dem Steinzeitmenschen, der beschließt, seßhaft zu werden und Ackerbau zu betreiben. Weder der Reiche noch der Ackerbauer können zurück zu ihrer früheren Lebensweise, weil sie von den Reichtümern (10.000 Thaler hier, Getreidevorräte und Nahrungsmittelüberschuß dort) abhängig geworden sind. Der reiche muß reich sein, weil er reich ist.
Einseitige Ernährung, Zivilisationskrankheiten, kaputte Rücken, Knochenarbeit: Selbst wenn die ersten Ackerbauern vor 9.000 Jahren gemerkt hätten, um wieviel schlimmer sie dran waren als tausend Jahre zuvor ihre Jäger-und-Sammler-Vorfahren, hätten sie aus zwei Gründen nicht zurückgekonnt: Erstens besaßen sie nicht mehr das Wissen, die Erfahrung und die Fertigkeiten, die für die frühere Lebensweise gebraucht wurden; und zweitens hätte das Land, auf dem sie lebten, sie nicht mehr ernährt, denn aufgrund des größeren (wenn auch nicht besseren) Nahrungsangebots war die Bevölkerung gewachsen – jede Nahrungskalorie, die die neue Lebensweise zusätzlich hervorbrachte, wurde sofort von der größeren Fortpflanzungsrate geschluckt. Statt sich auf den Extrakalorien auszuruhen, setzte man in fester Erwartung auch zukünftigen Reichtums mehr Kinder in die Welt. Und das war der Anfang. Zehntausende von Jahren hatte Homo sapiens im Gleichgewicht mit seiner Umwelt gelebt, in einer Lebensweise, die mehr oder weniger gleichförmig, über tausende von Generationen unverändert geblieben war. Seit der Seßhaftwerdung aber; seit dem Augenblick, da eine erhöhte Produktivität mehr Menschen satt machen konnte, so daß innerhalb kürzester Zeit die Produktivität auch mehr Menschen satt machen mußte: Seit dieser Zeit lebt der Mensch in einer Tretmühle, die ihm umso mehr abverlangt, je schneller er darin tritt.
Ein Geschäftsbrief 1970 brauchte eine halbe Stunde; heute benötigt er, wenn der Angestellte seine Vorlagen auf Vordermann hat, zehn Minuten. Aber statt jetzt zwanzig Minuten Freizeit gewonnen zu haben, setzt er zwar kein Kind in die Welt, schreibt aber immerhin heute drei Briefe in derselben Zeit. Und jubelt auch noch über den Fortschritt, die gesteigerte Produktivität. Jede gewonnene Zeitersparnis wird auf diese Weise vom Produktivitätsanspruch aufgefressen. Auch so ein Angestellter (oder seine Vorgesetzten) kann nicht zurück, denn die drei Briefe pro Stunde werden hopplahopp zum neuen Standard. Und dann kommen die Prediger des Wachstums und versprechen uns den Himmel auf Erden, wenn wir nur immer fleißig arbeiten. Dereinst, heißt es dann, werden wir in Ruhe, Frieden und Sorglosigkeit leben.
Dabei könnten wir das längst schon haben.
Und hätten dabei noch was abzugeben.
Wie dich selbst
Froh, wer sich selber zum Freund hat! Doch hab ich, was jenem noch fehlte:
Ganz mit mir selber genug, bin ich mein eigener Feind.
112 Meilen (9)
Wie sich Bilder wiederholen, zu Landmarken werden, zu Zeichen, zu Verweisen. Eine Feder, die mit dem Kiel im Grund steckt; am nächsten Tag noch eine. Und noch eine. Es ist schier unmöglich, nicht an eine Spur zu denken. Wir folgen ihr zufällig oder vielleicht auch nicht. Am nächsten Tag keine Feder, und schon taumeln wir unter den Fichten einher, als hätten wir die Richtung verloren. Eine von den vielen, mindestens.
Schon einmal gesehen: Fichtenorgeln, Emporen grauer Stämme, wie Pfeifen aus Zinn. Die Schraffur eines aufgerissenen Forstes, wie der Schnitt durch eine Zellstruktur, Blick in die sonst verborgenen senkrechten Mechanismen des Waldes, undeutbar, stumm, fremd. Die Lücken zwischen den Pfeilern von Dunkelheit versiegelt. Vor Jahr und Tag, hundert Meilen von hier: ein Loch im Wald, hoch oben auf einem Hügelkamm, daß man durch den Berg hindurchsehen kann auf eine ganz andere Art zweiten Himmels. Es ist derselbe Tunnel wie damals, und er führt an denselben unerreichbaren Ort, kein Zweifel.
Der lange Rostnagel im Holzpfosten: Als hielte nur er noch das Holz in der Luft.
Später der gleiche Nagel, nur gelb lackiert, in einem in die Wegböschung eingeschachteten Aufschluß. Da steckt er, ragt gelb und lang und fremd aus dem Erdreich, voller Absichten, wie ein Meßfühler. Weiter unten hängt eine blaßrote Schleife aus der Wand. Der aufschluß selbst schwach stratifiziert, hellere Lehmbänder weiter unten, oben dunkelrote Verwitterungsprodukte von Sandstein. Pilze wachsen daraus hervor, als habe der Nagel sie angestiftet.
Nagel, Feder, Fichte. Steine, die in ihrer Formung aufeinander Antwort geben. Eine Lichtung, die aussieht, als fehlte etwas; als sei hier in letzter Minute etwas entfernt worden. Spuren einer Greueltat ohne Täter. Oder etwas, das zu köstlich war, als daß wir es hätten sehen dürfen.
Eine Schwinge, die sich aus dem Augenwinkel entfernt, und dann, in der Drehung, hängt nur der Himmel machtvoll vor Leere, überm Waldsaum. Wolkenbilder, die aus Pfützen quellen. Vernähte Schatten. Wesen. Weiser. Stummes Wollen.
112 Meilen (8)
Ist der Grund erst einmal gänzlich fremd, hört das Heimweh auf. Wir gehen durch Landstriche, die mir nicht mehr vertraut sind. Zwar bin ich hier schon einmal gewesen, aber auch da nur als Fremder, als einer, der nicht blieb.
Mir ist in den letzten Tagen klar geworden, wie groß meine erweiterte Heimat ist. Aber ist sie das wirklich? Es ist nicht alles Heimat, was dieser Radius umfaßt; es gibt Inseln darin, die mir so vertraut sind wie der eigene Garten; das meiste aber ist mir völlig fremd. Oder kenne ich wirklich die Straßen von, sagen wir, Morenhofen? Von Meckenheim? Oder das Waldstück zwischen Adendorf, Merl und der Aachener Straße? Setzte man mich dort aus, ich könnte nicht sagen, wo ich bin. Und doch liegt es umgeben von Wegen, die ich seit Jahrzehnten abschreite wie ein Territorium. Tatsächlich aber weiß ich nicht viel mehr davon als eben das: die Wege. Was dazwischen liegt, Buchenbestände, Gestrüppe, Gräben, Hügel, Tümpel, Lichtungen, ist mir völlig unbekannte Erde, Quadratmeile um Quadratmeile fremdes Land, von dem ich immer nur die Grenzen berühre.
Es gibt stationäre Heimaten wie den Straßenzug, das Viertel, in dem man lebt; es gibt Transitheimaten: den Lieblingsweg nach Hause oder die Lieblingsrunde im Wald. Was heimatlich ist, folgt dabei dem Weg und was man von ihm aus sehen kann. Aber schon ein Nebenpfad führte ins Fremde, Unbekannte, ja, Gefährliche, wo die Rabenschreie nach mehr Tier klingen, die Schatten tiefer gründen, menschliche Stimmen in der Ferne ausgeblendet sind.
Manchmal ist Heimat ein Blick aus dem Zugfenster, mehr nicht. Man kennt nicht, was man sieht; man kennt nur den Anblick, und man kennt ihn so gut, daß eine frisch gestrichene Hauswand, daß ein gefällter Baum sofort auffiele. Es gibt auf Strecken, auf denen ich oft unterwegs bin, stets ein, zwei Abschnitte, wo ich das Buch sinkenlasse, um hinauszuschauen und mich ganz dem Anblick zu überlassen. Wie das Licht durch Baumstämme flattert; die Herbst oder Frühlingsfarben in einer Gartensiedlung; wegtauchende Wege in einem Forst, oder der träge Schwung einer Straße in einem regennassen Feld, ich denke, hier müßtest du mal aussteigen und umherlaufen, das müßtest du dir mal aus der Nähe. Aber ich tue es nie. Es ist nicht diese Art Heimat, die mich diesen Orten verbindet, ich fahre nur gerne hindurch und bleibe lieber hinter der Scheibe, es ist eine Fernbeziehung, deren Ferne ich nicht aufgeben will, und zu der immer auch die Nähe einer Buchwelt gehört, die sie zum Angeschautwerden unterbricht.
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Nicht mehr in der Heimat zu sein, bedeutet auch, den Alltag endlich abzustreifen. Endlich wird es wieder unbegreiflich, all das Normale. Straßenbahnen, Büros, Computertastaturen, Zahlen, Zahlen, Zahlen. Fast ist es seltsam, einen Supermarkt zu betreten, es hat etwas von Exposition, als stünde man plötzlich auf einer Bühne. Und doch ist alles wie immer, als wir am Montagmorgen in Gerolstein einkaufen. Man denkt, nachdem man vier Tagesmärsche hinter sich hat, dies müßte ein verlorener Außenposten sein, ein bißchen heruntergekommen, die Waren übers Verfallsdatum, viele Konserven und Bedarf für Jäger und Fallensteller. Aber so ist es natürlich nicht. Es gibt Nutella und Zentis wie überall, und das Brot beim Bäcker heißt Fitneßkruste oder Proteinbaguette so wie andernorts auch, und man sieht den Verkäuferinnen an, daß alles ganz normal ist.
Und das ist das Seltsame. Daß auch hier Alltag ist, vier Tagesmärsche von zu Hause entfernt, inmitten von Wäldern und so weiten Feldern, daß ihr Ende sich am Fuß ferner blauer Berge auflöst. Daß man glauben möchte, die ganze Welt sei eine kleinräumige, von Wäldern durchbrochene, von hecken geordnete Kulturlandschaft. Wohin gehen die Leute hier abends nach Hause, denkt man sich. Und wie mag das sein, Feierabend nach Ladenschluß, Kasse machen, Ladengitter abschließen oder Schreibtisch aufräumen, und dann nach einer Fahrt an feuchten Wiesenrändern und im Schatten von Fichtenkämmen über einsame Landsträßchen nach Hause fahren? Wie ist das, in dieser halbwilden Welt zu Hause zu sein – dort, wo wir unsere Schritte wie durch eine weltgewordene Ausnahme lenken? Sieht man, wenn man hier wohnt, Alltag hat, sich über ausfallende Busse ärgert, immer zu spät zur KiTa kommt, über den Feierabendstau stöhnt, sieht man dann noch, was uns hier in Entzücken versetzt? Die dämmrigen Wälder, die wie schlanke Schiffe an Wiesen vertäut ruhen? Die staubigen Felder, aus denen die Lerchen aufsteigen? Die Schattensegel von Wolken, die über ein leuchtendes Stoppelfeld treiben? Eine neongrünstrahlende Wiese, auf der Rinder wie blinde Flecke schwimmen? Riecht man noch den Duft frisch gemähter Wiesen, den knisternden Geruch der Herbstwälder, das Bittere von nassem Stein, von Moos, die Süße von warmem Brombeerkraut? Kann man das vielleicht eines Tages nicht mehr ausstehen in seiner Beharrlichkeit und seinem Schweigen, seiner Zudringlichkeit und Unabweisbarkeit?
Ich kann es mir nicht vorstellen, wie sehr ich auch darüber grüble. Würde man sich eines Tages nach dem lärmenden Puls einer Metropole sehnen? Können Autoabgase, Motorengeheul, Fußgängerampeln, Wochenendfeierkotzflecken an Bushaltestellen, können blinkende Lichterwerbung, Gleisanlagen, Backstein und Beton nautische Punkte einer Navigation der Sehnsucht sein? Kristallisationskeime für den Geschmack des anderen, Wilden, Auch-Möglichen?
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Strukturschwache Gegenden. Wenig Verkehr, wenig Straßen, keine Industrie, keine Arbeitsplätze. Eine Magerwiese voller Schönheit. Es sind nicht die fruchtbaren, nicht die gewinnbringenden, nicht die erfolgreichen Landschaften, es sind nicht die Gegenden mit, um ein gräßliches Wort zu gebrauchen, Entwicklungspotential, die Auge und Herz erfreuen. Ja, es sind vielleicht gerade die kargen Gegenden, in denen der Mensch zu Hause sein mag, in denen seine Seele, seine Blicke, sein Atmen in Weite und Schönheit ruhen mag.
Oder vielleicht nicht. Ich habe einmal eine Diskussion verfolgt, in der es um den Fluch der Motoradfahrerwalze ging, die Frühjahr um Frühjahr manche Ecke der Eifel in einen dröhnenden, jaulenden, brüllenden Motodrom verwandelt. Einer der Diskussionsteilnehmer bekannte sich als Tankstellenbesitzer und verkündete, er brauche die Motorradfahrer, da er ohne sie nicht leben könne, und strukturschwache Gegenden benötigten eben Tourismus, da dieser die einzige Einkommensquelle darstelle. An diesem Punkt schaltete ich mich in die Diskussion ein und gab zu bedenken, der Reiz einer Gegend wie der Eifel sei eben ihre Strukturschwäche, und die Gäste kämen eben der Einsamkeit und der Stille fehlender Infrastruktur wegen, nicht, um sich Motorengewinsel anzuhören. Ich fügte den Wunsch hinzu, die Eifel möge noch lange strukturschwach bleiben. Volltreffer! Der Tankstellenbesitzer kochte vor Wut.
Welche Widerwärtigkeiten des Landlebens aber bleiben uns, die wir hier durchwandern dürfen, mit unseren kurzsichtigen fremden Augen unsichtbar? Wir haben den Luxus, denke ich, während wir Gerolstein verlassen, dem von der Abendsonne angehobenen Gerippe eines Doldenblütlers am Rand einer Schnellstraße ebensoviel Aufmerksamkeit zu widmen wie dem Windpark, der heruntergekommenen Bushaltestelle, der Bauruine. Wir sind Schwelger des Schauens, weil wir hier Fremde sind, Kinder, die eine Welt zu entdecken haben, deren Gegenstände wir nicht bewerten müssen, weil wir sie nicht brauchen.
112 Meilen (7)
Den asphaltierten, in Behaglichkeit ansteigenden Weg zu einer Grillhütte hinaufsteigen, eine fein gesponnene, sanft ausgeleuchtete Ferne im Rücken, in der Baumgruppen, Häuser, Straßenläufe schwimmen wie Bojen, angehoben von einem leise alles unterlaufenden Licht. Auf dem Weg, dessen Struktur körnig ist und hart, ins Nahe geworfen und wie darin auskristallisiert, liegt jedes Herbstblatt um einen Farbrest gekrümmt. Das Licht gleitet wie Schleppen übern Weg, leise auf dem Bitumen hakelnd. Der Rain mit den Obstbäumen, den Grasbüscheln, ist gepflegt, als ginge man durch ein Wohnzimmer der Natur. Man glaubt, ein Dröhnen zu vernehmen, sanft, meerartig, und so fern, als sei irgendwo ein Fenster zu einem noch viel größeren Draußen geöffnet.
Man spürt es am Schwung der Straße, hier fahren oft fröhliche Menschen, zum Feiern, zur Geselligkeit, zum Trinken. Sie fahren vor einer solchen Kulisse aus Strecken und Feldern und Tiefen und Abendlicht, wie wir sie in diesem Moment anstaunen, während wir dem Weg bedächtig folgen, unsere langen Abendschatten vor uns her hinanschiebend. Was denken diese Menschen, was fühlen sie, wenn sie hier durch ihre Heimat, durch tagtäglich Vertrautes fahren? Fühlen sie überhaupt etwas? Oder sind sie in etwa so mit ihren Gedanken woanders, wie wenn ich an einem Samstagvormittag die Zülpicher Straße entlanghaste, um den Zug noch zu kriegen?
Sind sie vielleicht – so wie ich in jenem Moment vielleicht an ein Eifeldorf mit wunderschöner Aussicht denke – in ihren Gedanken eben hier, in der dröhnenden Innenstadt, wohin sie sich wünschen angesichts wieder eines langweiligen Abends mit den Jungs und lauwarmem Bier?
Eine Abendglocke schlägt im nahen Ort, und wie immer falle ich ins Grübeln über das Beieinander von Waldeinsamkeit und Menschentreiben; fasziniert mich diese Nachbarschaft von kühlem, strengem Abseits und Außen und dem, was, egal, wo man steht, immer eine Art Innen ist: Häuser mit erleuchteten Fenstern, Geschäfte, Waren, Straßennamen, Abendbrottische. Wie der Glockenklang noch hinters dichteste Brombeergesträuch dringt und von unfaßbar Nahem läutet, das gleichwohl unerreichbar scheint. Oder umgekehrt: Als wäre der Waldrand mit seinen grausigen Schatten, den kühlen Sternen, dem Blätterhauch nur eine Illusion, der man sich erschauernd hingeben mag, solange man nur will, weil es reicht, um eine Ecke zu linsen, um sich zu vergewissern, daß die Schwelle warm erleuchtet ist, zu der man später hereintreten kann.
Es ist Sonntag, kein Wagen begegnet uns. Ein hölzerner Wegweiser zeigt wie eine Armprothese nach dem Waldrand, die Schrift in der einbrechenden Dämmerung so schlecht lesbar, als drücke sie sich aus Angst vor dem Frost ins Holz. Bis Gerolstein sind wir noch über eine Stunde unterwegs.
Schlüpfer
neujahr. und du fehlst.
im wäschekorb vom letzten
jahr liegt dein schlüpfer
***
tief in der wäsche
verborgene koralle
mit dem herz aus salz
***
der stoff kennt dich wie
ich dich nie kennen werde
neid auf baumwolle
***
hochgefischt vom grund
kühles rätsel deiner haut
geruch von neuschnee
***
gleich der ehemals
leuchtenden alge am grund
trüb jetzt an der luft
***
nachtragend wie die
vergilbte notiz für ein
geplatztes treffen
***
nach dem waschtag, nachts
steht der wäscheschrank schlaflos.
ins schloß späht der mond
***
nicht um die seide
ist es schade, reifte doch
im innern die frucht
***
so weiß wie eine
frisch verschlossene wunde
zarter damm vorm blut
***
vergessen im korb
was dich umhüllte, bewohnt
jetzt eine spinne
***
die nase im stoff
weniger als ein zeichen
das nichts von dir weiß
***
fluch dem gewebe
bringts mich doch dem gestern nicht
näher oder dir
***
wohnt da noch ein geist? —
küß ich zärtlich den stoff, bin
ich selbst das gespenst
***
schmerzlich die einsicht
im leeren stück wäsche bist
du noch mehr nicht da
Von drauß vom Walde
Werke und Tage
…
Dichtend durchmaß ich das Jahr; nun reich ich die Feder dem neuen:
Schenk mich als Letter der Nacht, lasse mich deuten vom Tag.
…
Ende
zurückgeschöpft in
die größere erzählung
der zeit geht das jahr.
als kehrte ein vers
buchstabe für buchstabe
in sich selbst wieder
hinter den spiegeln
stille aus eis. sich selbst nach
lauschen die wörter
wo der weg endet
ruht sturm im gewaltigen
auftakt des schweigens
Schnee
plötzliche stille
nach dem lärmen der flocken
welt im stundenglas
im kristallgesicht
lippenstiftspuren des wilds
geschmückt zum tode
eis auf dem tümpel
unter dem lid betrachtet
der spiegel sich selbst
ich sah dich den grund
küssen, lippennachbild in
der netzhaut des schnees
halt unter fichten
einem verfehlten tritt nach
lauschen die spuren
eben noch im firn
ein lächeln ohne mund, hell wie
schatten von engeln
Solstitium
Krähen sahen uns schon, noch fern von dem Grübeln der Häuser.
Trugen die Kunde von uns fort zu der lauernden Stadt.
Listig wie altes Geschwätz stieg langsam die Nacht aus den Steinen.
Heimat war nirgends. Vom Turm schrieen die Glocken uns aus.
112 Meilen (6)
Plötzlich hat die Ferne einen Thron, auf dem sitzen wir, wie Spatzen auf dem Riesenschädel eines marmornen Kaisers.
Kurz vor Ripsdorf auf einer Abkürzung vor einem Stacheldrahtzaun ausgekommen. Darunter durchgeklettert, dabei Zaun zerstört: Zaun wehrte sich und stach, mußt er eben leiden. K.s Wanderrock bleibt hängen, trägt aber, anders als mein Daumen, keinen Schaden davon. In Ripsdorf dann «Kartoffelfest», Bürger in Sonntagsstaat, Blasmusik live, für uns gibt es Kaffee und Kuchen auf einer sonnigen Terrasse. Gegenüber, ganz in Weiß eine Trutzburg des Herrn. Was mußten das einmal für wilde Landstriche gewesen sein, die den Bau solcher Gottesbunker nötig machten? Was für unsichere Zeiten?
Mit dem Kaffee vergeht die Schwere und die Schwermut, man atmet die letzten Sträuße Dunkelheit aus den Lungen ab wie den Weindunst einer durchzechten Nacht. Wir verlaufen uns, kürzen abermals ab, queren Wiesen, steuern den nächsten Weg nach dem Kindergejohle an, das aus einem Tal heraufschallt. Sonntag, Ausflugswetter, Kartoffelfest. Wir meiden die Menge auf den breiten Wegen, biegen an einer Brücke ab, schlüpfen in ein Seitental, wo wir an Bachläufen unter Fichtensäumen gehen wie unter Galerien. Noch ein Anstieg, dann entläßt uns ein Wildgatter in einen kolossal offenen Raum, in den wir unsere eigene Ferne vorauswerfen: als Weg, als Zukunft, als Plan, als einen Umriß und ein Gefäß dessen, was unsere nächsten Schritte heranholen und ausfüllen werden.
Eine Bank, eine Infotafel. Wir machen Pause im Licht einer milden Spätsommersonne. Hinter uns ein Hang mit knisterndem Wacholder. Schokolade schmilzt wie das Licht auf den fernsten Hügeln. Zu unseren Füßen derweil kämpft ein merkwürdiger, ohrwurmartiger schwarzer Käfer mit seiner eigenen urwaldbestandenen Ferne.
Später ist unsere Ferne nah, wo aus dem Greifbaren plötzlich ein Traktor mit Anhänger unseren Raum kreuzt. Staub hat sich von anmutigen Fahnen in farbloses Husten verwandelt. Der Weg ist schmal und zwingt uns zum Ausweichen in den Graben, und plötzlich besteht die Welt nur noch aus Lärm, Schatten, gewundenem Stahl und Gestank. Staub wirbelt um die riesigen Reifen. Der Fahrtwind saugt gehäckselte Maisblätter dem Wagen nach. Auf unseren Zähnen knirscht Sand.
Wir merken, es ist ein ständiges Kommen und Gehen dieser Fahrzeuge. Ein paar Schritte weiter dann Blick auf ein Feld, wo ein Maisvollernter den Berg rasiert. In Fahrtlinie fallen die Stengel, während es aus dem vogelhalsartigen Rohr Körner sprudelt. Sie prasseln in einen Anhänger, der von einem Riesentraktor parallel neben dem Ernter her gezogen wird. Es dauert keine Minute, da ist der Anhänger voll. Der Ernter bleibt stehen, das Rohr spuckt noch ein bißchen nach, der nächste Traktor wartet schon. So geht es Reihe um Reihe, die Felder stehen voll, die Arbeit dauert Stunden um Stunden. Ich hätte keine Geduld für so etwas, denke ich. Ein Feld pflügen oder ernten. Wände streichen. Eine Mauer bauen. Nach einer Reihe hätte ich schon die Nase voll, Geduld habe ich nur beim Gehen, eine Geduld, die, statt sich aufzubrauchen, mit jeder Meile noch zunimmt.
Wir sind dort, wohin wir vorhin geschaut, wir sind in dem Raum, den wir vorhin mit rasch ausgreifenden, gierigen Blicken vermessen haben. Was von oben nicht mehr war als ein Silberfaden in den Kissen der Hügel, ist jetzt ein breiter Feldweg. Die dünnen Staubfahnen der Traktoren sind jetzt Tonnen und Walzen, die uns die Sicht nehmen. Alles ist anders. Die Innenansicht entzieht sich den Bildern, die wir aus der Draufsicht gewonnen haben, so wie eine Karte stets Bilder, aber nie das zutreffende Bild der Landschaft erzeugt, aus der sie per Abstraktion gewonnen wurde.
Fernen, in Fernen eingefaltet. Unendliche Abtönungen von Distanz. Ein Strom von Annäherungen und Entfernungen. Immer wieder schaue ich zurück zu unserem Rastplatz, alle paar hundert Schritte. Dort oben geht auch jetzt, in diesem Moment, der Käfer seinem Geschäft nach, wippt vielleicht ein Grashalm, schnellt eine Meise von einem Wacholderzweig. Irgendetwas ist der Fall dort oben, ohne uns. Die Bank steht in der Sonne; man würde uns von dort jetzt nicht mehr ausmachen können im Dunst der Ebene. Manchmal genügt eine Viertelstunde, um Heimweh nach einem Ort zu bekommen. In der Erwartung, die jedes Mal weiter geschrumpfte Infotafel beim nächsten Umdrehen nicht mehr sehen zu können, zeigt sie sich doch noch einmal. Und noch einmal. Doch da ist die Stelle selbst schon Ferne geworden, Weite, die sich nur noch selbst kennt, unberührbar, mit eigenen Dingen beschäftigt, uns nicht mehr nachschaut. Einer von den Orten, an die man nicht zurückkehren kann. Was wir da droben sehen, diesen Fleck, der die Infotafel ist, die helle Stelle, wo die Bank stehen muß, das Säulchen eines Wacholderbaums – das ist alles nicht mehr als eine leere Hülse, ein Zeichen, das für etwas bereits Verschwundenes steht. Schon jetzt gibt es den Ort nicht mehr, außer als Bedeutung, außer im Zeichen, außer in uns, und vielleicht war er nie anderswo als eben dort.
112 Meilen (5)
Ein Auto.
Aus dem Auto eine Leine.
An der Leine ein galoppierender Hund.
Zwei Walkerinnen sind stehengeblieben und schauen dem kuriosen Gespann nach. Gemurmelte Entrüstung, Schulternheben, hilfloses Lachen. Eine scheint dem Wagen etwas nachzurufen. Sie wissen nicht, was sie davon halten sollen. Sie haben diese Art von Gesichtsausdruck von Leuten, die ihre Schokolade im Reformhaus kaufen, und sehen aus, als wollten sie dem Wagen gleich nachstöckeln. Dann besinnen sie sich eines besseren setzen ihren Weg kopfschütteln fort. Ich habe meine eigenen Gründe, diese seltsame Form des Gassigehens fragwürdig zu halten, aber nie im Leben brächte ich darüber gegenüber dem Hundehalter ein Wörtchen über die Lippen. Meine Gründe haben auch weniger mit Tierschutz als mit meiner Abscheu gegen motorisierte Fahrzeuge zu tun.
Hundert Meter weiter ist der Wagen stehengeblieben, der Hund steht im Schatten des Fahrzeugs. Es ist ihm nicht anzusehen, ob er den Gang an der Seite eines stotternden Autos nervig findet, ob er sich verarscht fühlt oder ihm das ganze einfach nur peinlich ist: Er zuckt etwas zusammen, als wir herankommen, drückt sich mit der Flanke angstvoll gegen den Wagen wie an ein warmes Muttertier. Ein scheuer Hund. So etwas gibt es.
Der Mann am Steuer sieht nicht so aus, als kaufe er seine Schokolade im Reformhaus. Vollbart, Käppi, Brille mit Kassengestell, Zigarette im Mundwinkel. Er ist sehr freundlich und erklärt uns den Weg, den wir dann doch wieder verlieren werden, weil die Karte nicht stimmt, oder besser: Weil sie den Wegverlauf geändert haben beim Eifelverein, wir aber mit alten Karten unterwegs sind. Eine Maßnahme übrigens, die uns später noch viel Nerven kosten wird, ein geharnischtes Schreiben an den Eifelverein ist in Vorbereitung.
Später steht derselbe Wagen oder ein anderer geparkt an einem Waldrand. Schatten wedeln wie Algen in einem See. Die Wärme knackt im Unterholz. Man meint, Luftblasen stiegen schillernd zwischen den Farnwedeln auf. Ich habe die Vision, daß ich gerade selbst diesen Wagen dort geparkt habe. Das eigene Leben, betrachtet von ferne, wie in einem Buch, eine Illustration zu etwas, das nie war, aber hätte sein können, denkbar, oder knapp weniger als das: eine Ahnung. Da steht es, mein Auto, am äußersten Rand einer ganz anderen Geschichte, Rand einer Vergangenheit, die ebenso unbegreiflich wie irrelevant ist für das Bild, das sich mir zeigt, mit dem ich minutenlang verschmelze. In diesem Bild bin ich gerade auf abenddunkler Straße unterwegs gewesen mit dem Fahrzeug, langsam fahrend, zum Vergnügen, um sich den Kopf vom Strom der Landschaft leersaugen zu lassen. Halt an einem solchen Parkplatz am Waldrand. Knirschende Kiesel, tief unten in der Abendkühle, wo die Füße sind. Ein Strecken ins Schwinden von allem. Frieden, der hier immer schon war, zeitlos wie Nacht und Tag. Ein Wild regt sich irgendwo. Die Wege tauchen ab, als suchten sie den Grund von Nacht und Dunkel. Es riecht, wie frisch geschlüpfte Sterne riechen, kurz bevor man sie sieht. Nachtluft strömt durch mich wie durch einen brausenden Flaschenhals, ich bin eine Kreuzung für Luft, alles, was strömt, muß durch mich durch. An Fichtenzweigen schlägt sich Kälte nieder. Weit fort treiben Lichter über die Hügelwellen. Es ist still, und ich weiß, es wird so still bleiben. Die Stille nimmt alles von mir auf, ohne Prägungen davonzutragen. Ich werde gleich zum Auto zurückkehren; wenn ich fahre, werden die Straßen im Dunkel angekommen sein. Ich werde über vertraute Wege gleiten. Ich werde jeden Zaunpfahl kennen, den der Scheinwerfer zur kurzen Betrachtung aus dem Dunkel zieht. Ich bin hier zu Hause, ich fahre in der Stille, ich fahre durch meine Heimat, wo ich irgendwo ein Bett habe und eine Nachttischlampe, ein Buch, ein Fenster zur Wiese, einen ruhigen, tiefen Schlaf unter einem Mond, der leuchtet wie ein stummer Gong.
Ich schüttele mich ein wenig. Trete einen Kiesel weg. Schnaufe probeweise. K. ist vorausgegangen, wartet am andern Ende des Waldrands. Wir halten uns an den Händen und gehen weiter, staunende Kinder durch diese Simulation des eigentlichen Lebens. Wir werden noch oft uns nach uns selbst sehnen auf diesem Weg, jedes auf seine Weise.
112 Meilen (4)
Ich muß nichts mehr besitzen, denke ich versonnen, während ich mein Brot kaue und in die Morgensonne blinzle.
Es hat merklich abgekühlt, dafür ist der Himmel klar. Man merkt, es wird ein warmer, milder Helbsttag werden; noch aber spendet die Sonne nur gerade so viel Wärme, daß es fürs Auge reicht. Der Rest friert, ja zittert. Schnell noch ein Stück Schokolade, und weiter.
Am Morgen nicht aus dem Bett gekommen, schwerer Kopf, noch schwerere Glieder. Selbst nach dem Kaffee liegt eine Art Dunkelheit hinter den Augen, als hätte die Nacht einen Schlupfwinkel in meinem Kopf gefunden. Einmal habe ich eine Wanderung wegen einer Erkältung, die mich am Abend der zweiten Etappe heimsuchte, abbrechen müssen; seitdem fürchte ich ein solches Pech wie der Teufel das Weihwasser. Blöd genug, daß noch vier Pensionswirte auf uns warten, denen wir dann kurzfristig absagen müßten; noch dümmer, daß, wenn man nur Pech genug hat, die nächste Bahnstation einen halben Tagesmarsch entfernt ist, eine Strecke, die ich dann mit Fieber zurücklegen müßte. Am dümmsten aber, daß K. und ich jedes Jahr nur eine Chance haben, so eine Wanderung zu machen. Das will man nicht durch einen Virus vergeigt sehen.
Mit solchen Gedanken und einem matten Druck auf der Brust gehen ich los. Du bist jemand, der sich Sorgen macht, hat mir vor kurzem mal jemand gesagt. Stimmt genau. So einer bin ich. Ich sehe die Dinge genau vor mir, die schiefgehen können, alle. Das ist manchmal beschwerlich.
Die Straße ist taunaß und beginnt zu glänzen, wo die frühe Sonne den Asphalt berührt; Ahorn leuchtet; Nebel schaut verschlafen aus den Tälern; es ist ein Morgen wie aus dem Bilderbuch, aber ich gehe bedrückt und sehne mich nach Kaffee nach dem Kaffee. Eine Wegbiegung durch klammen Schatten, dann strahlt uns Blankenheims Burg aus der Höhe an.
Es ist Sonntag. Die Stadt schläft noch. Ein Schwarm Mountainbiker ist früh aufgestanden, überholt uns an der Straße, die steil aufwärts aus dem Ort fortführt. Mountainbiker bergauf sind ein seltsamer Anblick; wie sie sich mit irre schnellen Kurbelbewegungen in höchst zähem Tempo hinaufkämpfen, zentimeterweise, als zögen sie sich selbst an einem Flaschenzug in die Höhe, hat es etwas Sisyphoshaftes, Mitleiderregendes. Eine etwas schnellere Gangart, und wir würden sie zu Fuß wieder einholen. Ich habe schon Mountainbiker bergauf beim Lauftraining überholt. Zu Fuß Gehen, denke ich wieder einmal, ist für uns Menschen wohl die effizienteste Art, sich fortzubewegen. Langsam, aber fast endlos durchzuhalten.
Vor uns entrollen sich Fernen, strecken sich und gähnen wie Urlauber auf der Terrasse. Schlehen hocken versteckt hinter Dornen. Weißdorn lodert wie Ampeln aus dem Gebüsch. Der Sommer war lang, der Herbst spät und mild, Färbung hat noch kaum richtig eingesetzt. Nach dem Regen der letzten Tage ist die Luft wie gespült, die Weiden und Äcker liegen wie auf einer Anrichte drapiert. Der Druck in der Brust läßt nach, die Nacht strömt aus den Augen davon. Das Gehen geht von selbst. Man möchte dreimal mehr Atem schöpfen als man braucht und wünscht sich einen Geschmackssinn für Licht.
Die letzten bekannten Wegmarken: ein Holzstoß ohne Holz, nur noch aus Schleifspuren und Erinnerungen bestehend; Wegnamen: ein Brotpfad. Abzweigungen, an denen wir vorbeilaufen, deren Ziel ich kenne. An dieser Hütte bin ich vor Jahren an einem Neujahrstag vorbeigekommen, übermüdet nach einer schlaflosen Nacht, in welcher Nachbarn Brauchtumspflege betrieben. Damals hätte ich gleich hier übernachten sollen. Irgendwann mache ich das vielleicht. Alles scheint greifbar an einem solchen Morgen, das nächste wie das Entlegene, Vergangenheit, Zukunft und der unbegrenzte Augenblick, in dem ein Pilzhut aufblitzt, K. sich die Nase putzt, der Stiefel einen Kiesel anstößt und damit einen winzigen Beitrag zur langsamen Arbeit der Gebirgsabtragung leistet. Fast glaubt man, Schmetterlinge zu sehen, aber es sind nur die leuchtenden Körper von Spinnennetzen. Manchmal flackert ein Gebüsch von Vogelflug. Ein Rascheln, ein Warnpfiff, dann setzten sich Farbe, Schatten und Tiefen wieder zusammen.
Es ist so einfach, sich vorzustellen: Ab jetzt wird alles anders. Das eigene Leben scheint machbar, formbar, gestaltbar. Plötzlich hat man wieder die Wahl. Man könnte einfach so weitermachen, einfach weiterlaufen, der schwerste Augenblick, das Schließen der Tür, ist drei Tage her, wann wenn nicht jetzt, schon Verblassen die Erinnerungen an überfüllte Pendlerzüge, verstopfte Straßen, Bürovormittage, Lichtzeichenanlagen. Was für eine Absurdität, überhaupt, nicht einfach gehen zu dürfen, nur weil irgendwo ein Ampelhampelmännchen rot leuchtet. Irrsinn. Gehen ist das einfachste von der Welt, so elementar wie Atmen. Dafür gibt es ja auch keine Ampel.
Das Gefühl während jeder Wanderung: Jetzt muß, jetzt kann alles ganz anders werden.
Das Elementare wieder an seinen Platz rücken, denke ich mir. Das Leben absolut setzen. Seine Grandiosität endlich ernst nehmen. Schon genug Jahre an einem albernen Schreibtisch verbumfidelt. Was braucht es mehr zum guten Leben als einen Rucksack und ein Paar Wanderschuhe? Augen zum Sehen, Gedanken zum Denken und einen Bleistift für die Geschichten? Was wäre das für ein Leben? Nicht immer ein bequemes; sicher ein menschengemäßeres.
In solchen Augenblicken, auf einem steilen Anstieg kurz vor dem Frühstück, zu Füßen in Bronze gegossenes Laub, die Ferne wie ein Sog vor den Schritten, Pantomimen des Morgenlichts in den rotgewürzten Buchenwipfeln, mit Magenknurren und dem klaren Bewußtsein einer kräftigen Wurst im Rucksack – in solchen Augenblicken scheinen die Bilder von den Alltagsquälereien nicht einmal mehr bitter. Sie lassen sich einfach auflösen wie Nebel. Sie wiegen nichts mehr. Sie sind so irrelevant wie die Sorgen eines abgelegten Jahrhunderts.
Später, Meilen von hier, aber noch Meilen von Gerolstein entfernt, kommt alles zum Schweigen. Das Land streckt sich voller Winkel und Spalten; Kiefern und Wacholder duften; ein namenloser Käfer kämpft sich unter der Bank durchs Gras. Der Blick lernt fliegen, und die Sonne tastet alles ab, nimmt die Dinge in Augenschein, krümmt hier einen Fluß zurecht, schiebt noch einen Forst etwas malerischer auf einen Hügel hoch, sieht mild zu, wie ein Traktor eine Staubfahne über einen Weg wirft, bis alles, alles perfekt ist, und da ist es plötzlich ein Glück, ohne Worte zu sein, leer und frei wie Luft über Steinen, ahnungslos und vorbehaltlos offen.
Wir frühstücken, genauer gesagt, wir frühstücken zum zweiten Mal, das erste Frühstück war ausgezeichnet, neben reichlich Brotsorten und Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade hat der Wirt uns einzigen Frühstücksgästen ein frisches Omelette zubereitet. Passend zum Namen des Wegs, Brotpfad, machen wir an der Hütte Rast. Brot, Wurst, Äpfel von Huberts Wiese. Die Geschichte zu dieser Hütte war: In der Silvesternacht 2008 so furchtbar über die Hofnachbarn geärgert, die zum ersten Mal, seit ich dort eingezogen war, den Jahreswechsel feierten, so laut, als wollten sie die versäumten Silvesternächte alle auf einmal nachholen, daß ich mich erblödete, bei den Ordnungshütern anzurufen. Dort beschied man mir, sie könnten nichts unternehmen, das sei Pflege des Brauchtums, da dürfe man auch die ganze Nacht durchfeiern. Kaum vorstellbar, daß ich damals keine Ohrstöpsel im Haus hatte (heute vergeht keine Nacht, da ich die Dinger nicht brauche), aber es waren wohl insgesamt leisere Zeiten, wie ich die Nacht rumgekriegt habe, weiß ich nicht mehr, will ich auch nicht wissen. Jedenfalls bin ich nach Plan um sechs aufgestanden und war gegen acht in der Eifel. Am späten Nachmittag des ersten Januar kam ich aus der anderen Richtung an diese Hütte, hatte mir die Müdigkeit und den frustrierten Zorn aus den Gliedern gelaufen, freute mich über die liebevolle Sorgfalt, mit der die Hütte eingerichtet worden war (es fehlte nicht einmal Klopapier), und schrieb sogar ein paar Zeilen ins Gästebuch, etwas in der Richtung, wie froh ich über die Stille sei. Denn still war es, endlich, an diesem verkaterten Feiertag. Ich bin den ganzen Tag keinem Menschen begegnet.
Es ist ein schöner Ort, eine Wegkreuzung im kurzen Schatten von Eichen, der Gipfel eines Hügelkamms, das Licht überall nah, wie Glockenklang aus einem gemütlichen Dorf. Wir kriegen Besuch: zwei Mountainbiker in voller Montur, ein Mann und ein Mädchen, dem Alter nach Großvater und Enkelin. Sie steigen ab und sehen sich um, spähen durchs die Fenster der Hütte, können sich nicht entschließen, sich zu uns zu setzen. Der Mann schiebt ein Bäuchlein vor sich her. Das Mädchen, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, ist ausgesprochen hübsch. Blondes, halblanges, glattes Haar, großer Mund, helle Augen, die die Farbtemperatur von allem, was sie anschauen, zu heben scheinen; geschmeidiger Körperbau, Beine, die sicher und federnd tragen, nicht mehr Kind, noch nicht Frau, ich staune dieses Wesen an, die Brüste nehmen eine Reife vorweg, die der Stimme, den Händen noch fehlt. Und wie ich ihre selbstvergessene, noch durch keinen Selbstzweifel angekränkelte Anmut bewundere, überkommt mich ein seltsamer Hunger. eine nagende Wehmut, als hätte ich irgendetwas verpaßt, und nun wäre es zu spät. Ich spüre eine bekannte Unruhe sich regen; der Fahradhelm blitzt am Ellenbogen; das blonde Haar ist stellenweise von Schweiß und Helm an den Kopf geklebt, was das Entzücken nur steigert. Und dann löst sich alles in einer Art befreiter Heiterkeit auf. Du mußt das nicht mehr, denke ich. Du stehst dem Großvater an Jahren näher als dem Mädel. Laß gut sein. Du mußt dir nicht mehr den Kopf zerbrechen, wie du das Interesse der hübschen Kommilitonin aus dem Hegelseminar auf dich ziehst. Du brauchst nicht mehr cool und attraktiv zu sein. Du hast das alles hinter dir. Du mußt nichts mehr haben, du mußt nichts mehr kriegen, du mußt nichts mehr besitzen.
Es reicht, wenn du in der Sonne sitzt, dein Brot mit einer Gefährtin teilst; es reicht, daß es Worte gibt und einen Platz, sie niederzuschreiben; es reicht, daß der Weg schmal ist und das Ziel noch sehr, sehr fern.

