Devon

Beim Wandern habe ich einmal am Ackerrand einen merkwürdigen Stein gefunden. Etwa honigmelonengroß, wog er gut seine zehn bis zwölf Pfund und hatte die Form einer riesigen Kartoffel. Er war von schmutzigroter bis graubrauner Farbe, wies keine Bruchkanten auf, war aber auch nicht glattgeschliffen, und zeigte auf der Oberfläche zahlreiche Narben und Grübchen, die sich bei näherm Besehen als Versteinerungen münzgroßer Muscheln und Schnecken herausstellten. Es war Winter, Wind tobte übers Feld, Schneegraupel fanden keinen Halt auf den frisch gebrochenen Schollen. Ich las den Stein mit vor Kälte fühllosen Fingern auf, reinigte ihn von Schneematsch und Erde und legte ihn in meinen Rucksack. Ich trug ihn noch fünfzehn Kilometer nach Hause, wo er seitdem die Badezimmerfliesen ziert.

Was ich noch weiß von dieser Wanderung: Einem nicht mehr gepflegten Weg folgen, an Viehweiden auskommen, unter einem Weidezaun durchkriechen, dabei die Hand auf einen Brennesselschößling stützen, eine Erinnerung, die noch tagelang schmerzt. Neue Wege durch abgelegene Landstriche, ein Landgraben, ein Wacholderschutzgebiet; mit steifen Fingern eine Brotrinde halten, da hat der Wind nachgelassen. Auf einem neuen Weg in eine alte Stadt. Worte, die ich wie einen Mantel über mich werfe. Beim Nachhausekommen das glückhafte Gefühl, etwas Schönem begegnet zu sein, eine Gnade des Landes selbst erfahren zu haben. Wie Wind, der noch im Innern weiterbraust. Der Stein machte ein hohles Geräusch, als ich ihn im Bad auf den Boden legte.

Koniferenzapfen; knospende Zweige; Pilze und Beeren; Häherfedern. Meistens ist aber das, was ich vom Wandern mitnehme, ein Stein. Ein kleines Schieferstückchen vielleicht, schwarz wie Gagat. Oder ein Stück Basalt, den eine Quarzspur durchzieht. Oder einen symmetrischen Kiesel, der mir in der Dämmerung als irgendwie leuchtend in die Augen fällt. Solche Funde trage ich Monate mit mir herum, in jeder Jacke habe ich mindestens einen. Wenn ich nichts zu tun habe, etwa auf eine Straßenbahn warte, spiele ich damit herum. Mit der Zeit werden die Steine ganz abgegriffen und glänzend. Dann sind sie irgendwann mehr als nur ein Stein. Stecke ich die Hand in die Tasche, ist mir der Stein sofort vertraut. Ich weiß immer genau, welchen ich wo gefunden habe.

Ein Gegenstand, der so langsam altert, daß er als Anker im Strom der Zeit dienen kann. Eine Fadenbindung der übereinander fallenden Augenblicke, die Stelle, die alles zusammenhält, über die eigene Existenz hinaus, aus dem Devon übers Erdmittelalter bis zur Erdneuzeit, mein eigenes Daseinsblinken ebenso verklammernd wie die unendliche Zukunft. So langsam, so sehr in sich selbst ruhend, so sehr sich selbst gleichend von Augenblick zu Augenblick, daß die Zeit ihn aus sich fallen läßt.

Ich starre auf ein Mosaik aus Herbstblättern. Gelb an Rot an Braun. Kältesteife Finger halten ein Würstchen, ein Stück Brot. Ich kaue, es schmeckt nicht. Ich müßte die Nase putzen, lasse den Rotz über die Lippe laufen. Und starre aufs Laub. Hier, und jetzt, und hier, und irgendeinmal. Ich saß hier mal mit einem Freund und beschwerte mich über das Geklingel aus fremden Kopfhörern. Es war ein froher Sommertag, und statt Jetztpunkten gab es Erleben. Ströme. Erinnerungen.
Elstern schimpfen in entlaubten Espen. Vom parallelen Pfad jenseits des Baches klingen Stimmen herüber. Die Strukturen des Laubs brennen sich auf der Netzhaut fest. Die Elstern schweigen wieder, sind bereits Vergangenheit, während sie im Kopf noch nachzuhallen scheinen, wie das Nachbild des Laubs, Vergangenheit genauso wie das Gespräch mit dem Freund, wie die Stimmen am Bach, die eben verstummt sind, wie alles, was nicht jetzt.
Jetzt.
Jetzt.
Ist.
Und nicht mehr ist.

Wenn ich wandere, versuche ich, zurückzukehren, in ein Haus aus Bildern und Luft. Ich sehne mich nach Orten, aber wenn ich dort bin, sind die Orte nicht mehr da. Ort und Zeit scheinen verschränkt, eins so unerreichbar wie das andere. Nur das Jetzt, da müßte man zu Hause sein, heimisch werden im Flug, im freien Fall. Oder in den Erinnerungen.

Als könnte man sich noch und noch in den Bildern der eigenen Geschichte aufhalten. Es gelingt nicht. Ich bin weder hier ganz, noch woanders. Ich fasse den Stein in meiner Jackentasche fester, und bin in einem seltsamen Raum, indem ich mir dabei zusehe, wie ich den Rotz hochziehe und auf ein Mosaik von Herbstblättern starre.

Frühprotokoll: Träume

Die Zeit der dunklen Läufe ist wieder angebrochen.
In Dunkelheit aufbrechen, in Dunkelheit zurückkommen. Bei der Nacht zu Gast sein und ihr eine Stunde klauen. Die Stirnlampe leuchtet von außen in meine schwarze Wohnung.

Ein Stadtbus. Die Packer im DHL-Lager. Ein Schwerlaster, der in den Hof des Getränkehandels rollt. Ein Mofafahrer, der mich überholt. Eine Straßenbahn. Der Ökoladen am Waldrand. Ein Postwurfsendungsverteiler. Dazwischen nasser Asphalt, leere Briefkästen, ausgedünnte obere Zeilen von Fahrplänen unter Quecksilberdampflampen. Der Glanz von Straßenlaternen auf der Straße. Das Rumpeln ferner Güterzüge. Ein Duft von Gemüsesuppe: im Altenheim wird bereits fürs Mittagessen gekocht.

Der Postwurfsendungsmann kommt mit dem Auto: Alle paar Meter hält er an, kuppelt und steigt aus, springt zum nächsten Briefkasten, steigt wieder ein, kuppelt, fährt mit geöffneter Fahrertür drei Meter, steigt wieder aus. Arme Socke, denke ich, von dem, was du für die Arbeit kriegst, kannst du dir im Leben das Auto nicht leisten, das du für ebendieselbe Arbeit einsetzt.

Der Mond fast noch voll. Zerteilt die Wolken in schmale Streifen. Büsche werfen blaue Schatten: Mond und Stirnlampe ringen eine Weile, dann ist die Stirnlampe stärker, und der Schatten kehrt sich nach der anderen Seite des Gehölzes.

Wie Heilige, die man unterm Firnis kaum erkennt, der Umriß von Pferden.

Im Wald wird es noch dunkler als dunkel. Stadtmenschen können sich das nicht vorstellen. Die nennen einen Himmel schwarz, der in Wirklichkeit immer noch hell ist. Unter den Bäumen aber gibt es nicht einmal hellen Himmel, nur Schichten und Schichten von Schwärze, deren Tiefe und Verästelung nicht sicht- aber hörbar ist, anhand von Tropfen, näherem oder fernerem Rascheln, anhand des stärkern oder schwächern Widerhalls meiner Schritte. Die Stirnlampe wirft eine Kugel um mich; mache ich sie aus, bin ich vollkommen blind. Jenseits des Kegels beginnt der Wald, weit, offen, bereit, wie luzides Träumen, das jederzeit in ein Alpträumen umschlagen kann. Es ist einer seltsamen Gnade zu verdanken, wenn es mich wieder und wieder verschont, oder einer Art Gleichgültigkeit.

Von ferne Glockenklang aus dem Dorf. Dort ist es jetzt halb sieben. Hier, im Wald, ruft ein Käuzchen, ist es irgendwann, nachts.

Frühprotokoll (Rauch)

Am besten geht es in der Frühe, fünf Uhr, Dunkelheit, so müde, daß man die Zeit nicht merkt, weil man schneller scheint als der Augenblick.

Rauchgeruch über den Pferdekoppeln, es riecht vertraut nach Mittelmeer, nach Müllverbrennung, ein Hahn kräht, irgendwo muß das Meer sein, ganz nahe, jenseits der dunklen Pinien. Die Ahnung des Wasserkörpers ist fast schöner als das Wasser selbst.

Aber woher kommt dieser Rauch? Würde es im Wald brennen, müßte da nicht ein flackernder Widerschein weithin zu sehen sein? Zu dunkel, um Wolken zu sehen. Keine Fahrzeuge, keine Sirenen, es ist so still, als wäre ich der letzte, der hier noch herumirrt, ahnungslos, noch unberührt von der Katastrophe.

Ein Rebhuhn schreit. Rostige Uhrfeder im Weißdorn. Versenkung in einen Ameisenhügel. Präzision des Chaos. Eine flache Welt.

Hinter drei Baumreihen ruht schweres Gerät. Eine Baggerschaufel liegt eingeknickt in einem Tümpel, wie ein abgebrauchtes Sexualorgan. In den Scheiben des Fahrzeugs setzt sich die Baumreihe als Widerschein ins Unendliche fort. Maschinenschlaf, zeitfrei. Dieser Bagger stand vielleicht letztes Jahr schon hier, oder vor zehn Jahren, man könnte meinen: Auch der Mückenschwarm über dem Tümpel ist ganz genau derselbe wie damals.

Irgendwo ein Trampeln von Schwarzwild. Dann Stille, in der die Sonne den Weg findet und ihn sanft, wie zum Lüften, anhebt. Wieder eine Runde. Kein Schlaf im Schlaf.

Das schreckliche Wort Echtzeit.

Bald werde ich aufwachen, und dann geht alles von vorne los.

Ahornschößling

Vor ein paar Jahren ist mir bei einem Festplattenschaden ein umfangreiches Bilderalbum abhanden gekommen. An manche dieser Bilder erinnere ich mich – oder glaube es zumindest. Denn das menschliche Gedächtnis funktioniert bekanntlich anders als das Festplattengedächtnis. Ein Computer kann sich nur richtig erinnern oder gar nicht. Menschen können sich ungefähr erinnern; Menschen haben Geschichten zu Bildern; Menschen können ausschmücken, Lücken rekonstruieren, Fehlendes mit Erfundenem überdrücken – und manchmal ist die Erinnerung am Ende viel schöner als das, woran man doch nur glaubt, sich zu erinnern. Oder wenn nicht schöner, dann phantasievoller.

Das Blatt eines Bergahornschößlings. Es ist früher Morgen, Hochsommer, die Sonne fällt flach durchs Blätterdach eines lichten Bergwalds. Nahaufnahme, der Bildausschnitt ist so gewählt, daß man nicht erkennen kann, woher das Licht kommt. Wie aus eigener Kraft leuchtend, scheint dieses eine Blatt, dessen Lappen gleich einer Hand, die sich wärmen will, ausgestreckt sind, vor dem in verschwommener Dunkelheit liegenden Waldboden zu schweben.
Der dunkle Hintergrund, die unscharfen, tiefen Schatten am Grund eines von Licht durchströmten Raums, vermitteln eine Ahnung von Feuchtigkeit, aber falls in der Nacht Tau gefallen ist, hat ihn die Morgensonne schon von den Blättern des Ahornschößlings weggebrannt.
Es ist ein Morgen der Erneuerung. Der Wald atmet auf, öffnet Augen und Ohren. Sonntagslicht, frühe Stille. Der Lärm des vorangegangen Abends, der Jubel, das Feiern, sie sind lange verstummt, die Feiernden liegen alle noch im Bett, in stickiger Luft hinter geschlossenen Rolläden.
Tags zuvor hatten mich stampfende Discorhythmen aus dem Tal den halben Weg hier herauf begleitet. Deutschland hatte gewonnen, Deutschland war der perfekte Gastgeber, Deutschland durfte für einen Moment stolz auf sich sein. Jetzt feierte es, dieses Deutschland, und noch ein wenig früher, im Zug, da hatte ein junger Fahrgast bei Bekanntwerden des Spielergebnisses seinen Jubel laut herausgebrüllt, wohl in Erwartung, die andern Passagieren würden einstimmen in seine Freude, und als das ausblieb, als alle weiterhin stumpf vor sich hinstierten, denn sie hatten kein Interesse an Fußball, da rief er verächtlich aus, das sei ein Scheißland, niemand freue sich, alle so bräsig und steif, typisch deutsch, und da war sie wieder, die alte Verachtung, der alte Selbsthaß, der vertraute Wunsch, bloß zu einer anderen Nation zu gehören. Wie um die Passivität wieder gutzumachen, stampften eine Stunde später dann die Bässe wie die gewaltige Maschine eines Ozeandampfers aus dem Bauch des Tales herauf, während die Abendfarben, rot und gold und lange, durchsichtige Schatten, mit allen Vögeln den Atem anhielten.
Und jetzt, als ich mich bücke, um den Schößling aufzunehmen, ist endlich alles, alles still, Fingerhut säumt die Wege, und die frisch aufgespannten Blätter sehen aus wie eine schon im Morgengrauen gehißte Fahne vor Beginn der Prozession, wartend, schon voller Farbe, schon feierlich in der noch leeren, friedevollen Straße.

Frühprotokolle: Wolkentürme

In der Weite der Börde sichtbar: Wolkentürme, wie der Rauch nicht allzu ferner Schlachten. Der Wind weht von dort, Unwetter in den klammen Taschen. Die Föhrenstämme, rot und schmal vor dem Schatten des Forstes, Fliehende, die aus der Dunkelheit auf die Lichtung taumeln, vom plötzlichen Licht erstarrt. Jetzt haben sie im Rücken, was auch immer sich dort nähert, noch ohne Lärm.

An einer grasigen Fläche am Wegesrand liegt ein Auspufftopf. Lange liegt er da noch nicht, aber schon beginnt die Auflösung des Anorganischen ins Organische, des Künstlichen ins Natürliche: Schon ist die Oberfläche stumpf, schon ahnt man den Anhauch von Rost, schon zwängt sich das Gras unter dem Metall hervor. Das Metall, im Feuer einem in sich ruhenden Mineral abgezwungen, wird wieder zum Mineral, ehe es Halm wird, Wurzel, Borke. Kommentarlos zurückgenommen von den lebenden Dingen in den Kreislauf lebender Dinge.

Wald, und Stille. Morgens ist es wieder dämmrig, selbst bei klarem Himmel. Der Vogelchor der letzten Wochen ist in einzelne Stimmen zerfallen, das Gewebe ist brüchig, zerrissen wie ein Tuch, durch das die Sonne scheint, hier noch ein Buchfink, in der Nähe ein Zilpzalp, wie ein Versehen, natürlich die Singdrossel, die das Zwielicht liebt beim Singen. Das Grün hat die größte Sättigung erreicht, die größte Dichte, fast schwarz an den Rändern. Der Wald ist eine Höhle. Von hier unten scheint der Himmel hell und freundlich blau, die Wolkentürme, sie sind unsichtbar. Hier drinnen sind sie weit fort, sind sie jenseits von Grenzen. Drüben. Vielleicht sogar nur geträumt.

Kopf in den Sand: Das Unheil naht. Der Wind saugt den Himmel von den Feldern. Auch die Drossel ist stumm. Blätter tragen eine Botschaft von Saum zu Saum. Über die Wiesen flieht ein erschrecktes Pferd, ich weiß nicht, vor mir oder wovor.

Frühprotokoll: Schatten

Mein Schatten, langestreckt überm Weg, Lichtspulen der Gerste, eine Goldammer, klein wie eine gelbe Faust in der Morgenbrise, die Fernstraße schweigt hinter Tümpeln aus Asphalt. Wogen von Hecken, ferne Brandungslinie, umbrochene Zeilen des Horizonts.

Wie sich die fünf schlanken, hohen, gleich Musikinstrumenten gebogenen Fingerhutstauden scheu aneinanderdrängen, um in einer kleinen Versammlung ein Ständchen in Farbe zu geben. Ein Klingeln von Rosa und Weiß, nur hörbar für Schmetterlinge. Die Glöckchen alle zur frühen Sonne gewendet. Glauben sich unbeobachtet in ihrer dunkel umstellten Lichtung.

Sekundenlanges Schweben in den verschiedenen Dichten des Gegenlichts. Libellenlose Pfützen, Schnappen von Spiegelungen, an den Grenzflächen: Mückenfunken. Kaum ein Laufen, ich atme den Weg, das genügt zum Fliegen.

Später die Ziegen in der Überlaufgrube in W—dorf, haben alle Zeit des Morgens alleine für sich. Zärtlich nehmen sie ihren Schatten und tragen ihn unter die Bäume.

Die Schatten von Fliederzweigen auf der Gebäudewand gegenüber. Ein Strömen, als zöge der Wind Flammen aus dem Putz. Statisch das Heizungsrohr, das seinen Schatten von sich streckt wie einen Meßfühler.

Einen Mittag an der Schulbank verträumt, Pausenraum, Oberstufe. Über den Hof, über die Wipfel der schönen Linden, wehten Fetzen von KV 551 herbei, der Schatten des Fensterkreuzes wanderte präzise übers Pult. Die Gedanken dabei so langsam, daß sie der Bewegung gerade noch folgen konnten.

Frühprotokoll: Laufen

Fast wäre ich mitten hineingelaufen, so unerwartet tummeln sie sich auf dem Waldweg, fünf, sechs, vielleicht noch mehr Tiere, miteinander vertieft in unaussprechliche Wildschweinemsigkeiten, eine Versammlung, ein geheimer Rat, ein Familientreffen, so unbekümmert bei sich selbst, daß sie mich noch später bemerken als ich sie. Eben bin ich schon zwei großen Schweinen begegnet, die in größerer Entfernung den Weg kreuzten, eine Spur strengen Geruchs dalassend. Hier ist es eine ganze Rotte. Jetzt lieber mal langsam machen. Ich falle in Schritt. Ein bißchen absurd ist das schon, soll ich mich räuspern, in die Hände klatschen? Ich will sie keinesfalls überraschen, erschreckte Wildschweine können gefährlich werden. Aber da erklingt plötzlich ein zweimaliges Bellen, wuff, wuff, und Bewegung kommt in die Gruppe, erst zögernd, dann entschieden, dann panisch. Noch ein Bellen, dann hat es auch der Nachzügler, der eben hinterm Gebüsch sichtbar wird, begriffen und setzt eilends den andern, die schon im nahen Unterholz verschwunden sind, nach. Innerhalb von zwei, drei Sekunden ist der Spuk vorbei, es herrscht Totenstille.

Letzten Winter habe ich zehn Meter von dieser Stelle entfernt eine Nacht verbracht. Nach den letzten vereinzelten, müde von der nächsten Siedlung herüberklingenden Feuerwerkskörpern hatte eine ebensolche tiefe Stille im Wald geherrscht. Irgendwo mußten natürlich Tiere sein, aber nach der Knallerei gaben sie keinen Mucks von sich. Gegen fünf Uhr früh durch den pechschwarzen Wald nach Hause marschiert, unterm Eskort von Waldtauben, die alle zwanzig Schritte unter wildem Flügelgeklatsche aus den Zweigen brachen. Später Nieselregen, noch später ein Mond, in dessen gelbem Schein ich einen Doppelschatten warf, als folgte mir ein dämonischer Zwilling. –
Kurz nach der Stelle spähen, nach dem Flecken, wo ich in der einbrechenden Dämmerung morsches Birkenholz weggeräumt hatte, um Platz für die Matte zu schaffen. Damals hatte ich es eilig, einen Schlafplatz zu finden. Heute ist es ein Unort, eine Stelle, die sich sofort ins Vergessen drängt.

An der Wegbiegung, wo jemand eine Reihe von Nußbäumchen gepflanzte hat, bleibe ich stehen, um Wasser zu lassen. Sofort setzen sich mir vier fünf Stechmücken auf die bloßen Waden. In Tümpeln nahebei schwebt Pollen über gespiegeltem Himmel, schillern lohfarbene Schlieren, hocken Bläschen in Trauben, wie Spucke am Mundwinkel eines Kindes. Zu meinen Füßen leuchtet der gemusterte Leib einer Hornisse, die einen nässenden Fleck auf der Wurzel einer Fichte abnagt, still, getunkt in sich selbst, wie der letzte Säufer in einer verlassenen Bar.

Schloß B.

Vor einem halben Jahr hat man hier gesessen, nach zwei Wegstunden schon durchgeweicht, weitere acht Wegstunden bei nicht nachlassendem Niederschlag noch vor einem, und diese zehn Wegstunden nur der Auftakt zu einer ganzen Woche Gehens. Ist es da ein Wunder, daß wir grimmig in den Tassen rührten, die Zähne gierig ins Rührei schlugen, immer wieder Blicke auf die Karte warfen, Generälen nicht unähnlich, die den wagemutigen Ausfall planen? Draußen pladderte der Regen, tanzte in den Pfützen, lief über die Straße in den angeschwollenen Bach. Selbst die Statue des Kiepenkerls, dessen Pfeife längst erloschen sein mußte, blickte drein, als wolle sie die Kiepe abwerfen und sich schleunigst irgendwo unterstellen. Vor dem Waldrand hingen die Schlieren so dicht, daß die Umrisse der Bäume sich auflösten. Neben uns auf der Heizung tropften die nassen Regenumhänge, während sich die Schuhe unterm Tisch schon klamm anfühlten. Der Kaffee dampfte, der Regen fiel, die Bäume lösten sich auf, und wir waren entschlossen; und wie es manchmal so geht, wenn man sosieso keine Wahl hat: war unsere Laune ausgezeichnet.
Heute ist dieser Tag lange her, er ist in eine sagenumwobene Region schlechten Wetters gerückt, in eine Zeit, damals, du weißt schon, als der Regen fiel und die Wälder umdurchdringlich waren. Hier und heute scheint die Sonne, Mauersegler kratzen am Himmel herum, die Motorräder dröhnen an der Baustellenampel. Man denkt ans Ende des damaligen Tages, als man verschlammt, durchnäßt, fußmüde aus dem Waldrand in die erleuchtete Ordnung der Siedlung und ihrer Hauptverkehrsstraße taumelte. Jedesmal, wenn wir hier Kaffee trinken, erinnern wir uns daran, was damals vor uns lag, und sind glücklich.
September, überlegen wir jetzt, eine Woche, mehr Urlaub gibt’s sowieso nicht, reicht aber für die 150 Kilometer nach der Stadt im Südosten. Zwei Etappen kennen wir schon, zwei Gasthäuser, und was die da für Frühstück machen. Frühstück ist sehr wichtig; man fängt an, auf Wanderschaft, die Unterkünfte nach der Menge und Qualität des Frühstücks zu beurteilen. Das Frühstück in den ersten beiden Gasthäusern wäre in Ordnung, finden wir.
Von der Terrasse sieht man den Passanten zu, die, gekleidet in allerlei aufsehenerregendes Plastik und mit Stöcken und Minipacks bewaffnet, den Bach queren und, was sie da tun, für Wandern halten. Wir hätten sie und ihre Wolke aus Weichspüler und Sonnenmilch einszweidrei überholt, das Geschnatter und Gegacker nach ein paar strammen Schritten hinter uns gelassen. Wir grinsen. Irgendwo weiter oben liegt die Talsperre, und es verlockt, dem Weg abermals zu folgen, einen Zipfel des Waldsaums anzuheben, um zu sehen, wie blau jenseits der Himmel ist. Ein andermal. Für jetzt kühlt man die Blicke im Eschbach, man macht Pläne, man ist faul und kühn und zufrieden und läßt dem Samstag die Zügel schießen.

112 Meilen (9)

Wie sich Bilder wiederholen, zu Landmarken werden, zu Zeichen, zu Verweisen. Eine Feder, die mit dem Kiel im Grund steckt; am nächsten Tag noch eine. Und noch eine. Es ist schier unmöglich, nicht an eine Spur zu denken. Wir folgen ihr zufällig oder vielleicht auch nicht. Am nächsten Tag keine Feder, und schon taumeln wir unter den Fichten einher, als hätten wir die Richtung verloren. Eine von den vielen, mindestens.

Schon einmal gesehen: Fichtenorgeln, Emporen grauer Stämme, wie Pfeifen aus Zinn. Die Schraffur eines aufgerissenen Forstes, wie der Schnitt durch eine Zellstruktur, Blick in die sonst verborgenen senkrechten Mechanismen des Waldes, undeutbar, stumm, fremd. Die Lücken zwischen den Pfeilern von Dunkelheit versiegelt. Vor Jahr und Tag, hundert Meilen von hier: ein Loch im Wald, hoch oben auf einem Hügelkamm, daß man durch den Berg hindurchsehen kann auf eine ganz andere Art zweiten Himmels. Es ist derselbe Tunnel wie damals, und er führt an denselben unerreichbaren Ort, kein Zweifel.

Der lange Rostnagel im Holzpfosten: Als hielte nur er noch das Holz in der Luft.

Später der gleiche Nagel, nur gelb lackiert, in einem in die Wegböschung eingeschachteten Aufschluß. Da steckt er, ragt gelb und lang und fremd aus dem Erdreich, voller Absichten, wie ein Meßfühler. Weiter unten hängt eine blaßrote Schleife aus der Wand. Der aufschluß selbst schwach stratifiziert, hellere Lehmbänder weiter unten, oben dunkelrote Verwitterungsprodukte von Sandstein. Pilze wachsen daraus hervor, als habe der Nagel sie angestiftet.

Nagel, Feder, Fichte. Steine, die in ihrer Formung aufeinander Antwort geben. Eine Lichtung, die aussieht, als fehlte etwas; als sei hier in letzter Minute etwas entfernt worden. Spuren einer Greueltat ohne Täter. Oder etwas, das zu köstlich war, als daß wir es hätten sehen dürfen.

Eine Schwinge, die sich aus dem Augenwinkel entfernt, und dann, in der Drehung, hängt nur der Himmel machtvoll vor Leere, überm Waldsaum. Wolkenbilder, die aus Pfützen quellen. Vernähte Schatten. Wesen. Weiser. Stummes Wollen.

112 Meilen (8)

Ist der Grund erst einmal gänzlich fremd, hört das Heimweh auf. Wir gehen durch Landstriche, die mir nicht mehr vertraut sind. Zwar bin ich hier schon einmal gewesen, aber auch da nur als Fremder, als einer, der nicht blieb.
Mir ist in den letzten Tagen klar geworden, wie groß meine erweiterte Heimat ist. Aber ist sie das wirklich? Es ist nicht alles Heimat, was dieser Radius umfaßt; es gibt Inseln darin, die mir so vertraut sind wie der eigene Garten; das meiste aber ist mir völlig fremd. Oder kenne ich wirklich die Straßen von, sagen wir, Morenhofen? Von Meckenheim? Oder das Waldstück zwischen Adendorf, Merl und der Aachener Straße? Setzte man mich dort aus, ich könnte nicht sagen, wo ich bin. Und doch liegt es umgeben von Wegen, die ich seit Jahrzehnten abschreite wie ein Territorium. Tatsächlich aber weiß ich nicht viel mehr davon als eben das: die Wege. Was dazwischen liegt, Buchenbestände, Gestrüppe, Gräben, Hügel, Tümpel, Lichtungen, ist mir völlig unbekannte Erde, Quadratmeile um Quadratmeile fremdes Land, von dem ich immer nur die Grenzen berühre.
Es gibt stationäre Heimaten wie den Straßenzug, das Viertel, in dem man lebt; es gibt Transitheimaten: den Lieblingsweg nach Hause oder die Lieblingsrunde im Wald. Was heimatlich ist, folgt dabei dem Weg und was man von ihm aus sehen kann. Aber schon ein Nebenpfad führte ins Fremde, Unbekannte, ja, Gefährliche, wo die Rabenschreie nach mehr Tier klingen, die Schatten tiefer gründen, menschliche Stimmen in der Ferne ausgeblendet sind.
Manchmal ist Heimat ein Blick aus dem Zugfenster, mehr nicht. Man kennt nicht, was man sieht; man kennt nur den Anblick, und man kennt ihn so gut, daß eine frisch gestrichene Hauswand, daß ein gefällter Baum sofort auffiele. Es gibt auf Strecken, auf denen ich oft unterwegs bin, stets ein, zwei Abschnitte, wo ich das Buch sinkenlasse, um hinauszuschauen und mich ganz dem Anblick zu überlassen. Wie das Licht durch Baumstämme flattert; die Herbst oder Frühlingsfarben in einer Gartensiedlung; wegtauchende Wege in einem Forst, oder der träge Schwung einer Straße in einem regennassen Feld, ich denke, hier müßtest du mal aussteigen und umherlaufen, das müßtest du dir mal aus der Nähe. Aber ich tue es nie. Es ist nicht diese Art Heimat, die mich diesen Orten verbindet, ich fahre nur gerne hindurch und bleibe lieber hinter der Scheibe, es ist eine Fernbeziehung, deren Ferne ich nicht aufgeben will, und zu der immer auch die Nähe einer Buchwelt gehört, die sie zum Angeschautwerden unterbricht.

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Nicht mehr in der Heimat zu sein, bedeutet auch, den Alltag endlich abzustreifen. Endlich wird es wieder unbegreiflich, all das Normale. Straßenbahnen, Büros, Computertastaturen, Zahlen, Zahlen, Zahlen. Fast ist es seltsam, einen Supermarkt zu betreten, es hat etwas von Exposition, als stünde man plötzlich auf einer Bühne. Und doch ist alles wie immer, als wir am Montagmorgen in Gerolstein einkaufen. Man denkt, nachdem man vier Tagesmärsche hinter sich hat, dies müßte ein verlorener Außenposten sein, ein bißchen heruntergekommen, die Waren übers Verfallsdatum, viele Konserven und Bedarf für Jäger und Fallensteller. Aber so ist es natürlich nicht. Es gibt Nutella und Zentis wie überall, und das Brot beim Bäcker heißt Fitneßkruste oder Proteinbaguette so wie andernorts auch, und man sieht den Verkäuferinnen an, daß alles ganz normal ist.
Und das ist das Seltsame. Daß auch hier Alltag ist, vier Tagesmärsche von zu Hause entfernt, inmitten von Wäldern und so weiten Feldern, daß ihr Ende sich am Fuß ferner blauer Berge auflöst. Daß man glauben möchte, die ganze Welt sei eine kleinräumige, von Wäldern durchbrochene, von hecken geordnete Kulturlandschaft. Wohin gehen die Leute hier abends nach Hause, denkt man sich. Und wie mag das sein, Feierabend nach Ladenschluß, Kasse machen, Ladengitter abschließen oder Schreibtisch aufräumen, und dann nach einer Fahrt an feuchten Wiesenrändern und im Schatten von Fichtenkämmen über einsame Landsträßchen nach Hause fahren? Wie ist das, in dieser halbwilden Welt zu Hause zu sein – dort, wo wir unsere Schritte wie durch eine weltgewordene Ausnahme lenken? Sieht man, wenn man hier wohnt, Alltag hat, sich über ausfallende Busse ärgert, immer zu spät zur KiTa kommt, über den Feierabendstau stöhnt, sieht man dann noch, was uns hier in Entzücken versetzt? Die dämmrigen Wälder, die wie schlanke Schiffe an Wiesen vertäut ruhen? Die staubigen Felder, aus denen die Lerchen aufsteigen? Die Schattensegel von Wolken, die über ein leuchtendes Stoppelfeld treiben? Eine neongrünstrahlende Wiese, auf der Rinder wie blinde Flecke schwimmen? Riecht man noch den Duft frisch gemähter Wiesen, den knisternden Geruch der Herbstwälder, das Bittere von nassem Stein, von Moos, die Süße von warmem Brombeerkraut? Kann man das vielleicht eines Tages nicht mehr ausstehen in seiner Beharrlichkeit und seinem Schweigen, seiner Zudringlichkeit und Unabweisbarkeit?
Ich kann es mir nicht vorstellen, wie sehr ich auch darüber grüble. Würde man sich eines Tages nach dem lärmenden Puls einer Metropole sehnen? Können Autoabgase, Motorengeheul, Fußgängerampeln, Wochenendfeierkotzflecken an Bushaltestellen, können blinkende Lichterwerbung, Gleisanlagen, Backstein und Beton nautische Punkte einer Navigation der Sehnsucht sein? Kristallisationskeime für den Geschmack des anderen, Wilden, Auch-Möglichen?

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Strukturschwache Gegenden. Wenig Verkehr, wenig Straßen, keine Industrie, keine Arbeitsplätze. Eine Magerwiese voller Schönheit. Es sind nicht die fruchtbaren, nicht die gewinnbringenden, nicht die erfolgreichen Landschaften, es sind nicht die Gegenden mit, um ein gräßliches Wort zu gebrauchen, Entwicklungspotential, die Auge und Herz erfreuen. Ja, es sind vielleicht gerade die kargen Gegenden, in denen der Mensch zu Hause sein mag, in denen seine Seele, seine Blicke, sein Atmen in Weite und Schönheit ruhen mag.
Oder vielleicht nicht. Ich habe einmal eine Diskussion verfolgt, in der es um den Fluch der Motoradfahrerwalze ging, die Frühjahr um Frühjahr manche Ecke der Eifel in einen dröhnenden, jaulenden, brüllenden Motodrom verwandelt. Einer der Diskussionsteilnehmer bekannte sich als Tankstellenbesitzer und verkündete, er brauche die Motorradfahrer, da er ohne sie nicht leben könne, und strukturschwache Gegenden benötigten eben Tourismus, da dieser die einzige Einkommensquelle darstelle. An diesem Punkt schaltete ich mich in die Diskussion ein und gab zu bedenken, der Reiz einer Gegend wie der Eifel sei eben ihre Strukturschwäche, und die Gäste kämen eben der Einsamkeit und der Stille fehlender Infrastruktur wegen, nicht, um sich Motorengewinsel anzuhören. Ich fügte den Wunsch hinzu, die Eifel möge noch lange strukturschwach bleiben. Volltreffer! Der Tankstellenbesitzer kochte vor Wut.
Welche Widerwärtigkeiten des Landlebens aber bleiben uns, die wir hier durchwandern dürfen, mit unseren kurzsichtigen fremden Augen unsichtbar? Wir haben den Luxus, denke ich, während wir Gerolstein verlassen, dem von der Abendsonne angehobenen Gerippe eines Doldenblütlers am Rand einer Schnellstraße ebensoviel Aufmerksamkeit zu widmen wie dem Windpark, der heruntergekommenen Bushaltestelle, der Bauruine. Wir sind Schwelger des Schauens, weil wir hier Fremde sind, Kinder, die eine Welt zu entdecken haben, deren Gegenstände wir nicht bewerten müssen, weil wir sie nicht brauchen.

112 Meilen (7)

Den asphaltierten, in Behaglichkeit ansteigenden Weg zu einer Grillhütte hinaufsteigen, eine fein gesponnene, sanft ausgeleuchtete Ferne im Rücken, in der Baumgruppen, Häuser, Straßenläufe schwimmen wie Bojen, angehoben von einem leise alles unterlaufenden Licht. Auf dem Weg, dessen Struktur körnig ist und hart, ins Nahe geworfen und wie darin auskristallisiert, liegt jedes Herbstblatt um einen Farbrest gekrümmt. Das Licht gleitet wie Schleppen übern Weg, leise auf dem Bitumen hakelnd. Der Rain mit den Obstbäumen, den Grasbüscheln, ist gepflegt, als ginge man durch ein Wohnzimmer der Natur. Man glaubt, ein Dröhnen zu vernehmen, sanft, meerartig, und so fern, als sei irgendwo ein Fenster zu einem noch viel größeren Draußen geöffnet.

Man spürt es am Schwung der Straße, hier fahren oft fröhliche Menschen, zum Feiern, zur Geselligkeit, zum Trinken. Sie fahren vor einer solchen Kulisse aus Strecken und Feldern und Tiefen und Abendlicht, wie wir sie in diesem Moment anstaunen, während wir dem Weg bedächtig folgen, unsere langen Abendschatten vor uns her hinanschiebend. Was denken diese Menschen, was fühlen sie, wenn sie hier durch ihre Heimat, durch tagtäglich Vertrautes fahren? Fühlen sie überhaupt etwas? Oder sind sie in etwa so mit ihren Gedanken woanders, wie wenn ich an einem Samstagvormittag die Zülpicher Straße entlanghaste, um den Zug noch zu kriegen?

Sind sie vielleicht – so wie ich in jenem Moment vielleicht an ein Eifeldorf mit wunderschöner Aussicht denke – in ihren Gedanken eben hier, in der dröhnenden Innenstadt, wohin sie sich wünschen angesichts wieder eines langweiligen Abends mit den Jungs und lauwarmem Bier?

Eine Abendglocke schlägt im nahen Ort, und wie immer falle ich ins Grübeln über das Beieinander von Waldeinsamkeit und Menschentreiben; fasziniert mich diese Nachbarschaft von kühlem, strengem Abseits und Außen und dem, was, egal, wo man steht, immer eine Art Innen ist: Häuser mit erleuchteten Fenstern, Geschäfte, Waren, Straßennamen, Abendbrottische. Wie der Glockenklang noch hinters dichteste Brombeergesträuch dringt und von unfaßbar Nahem läutet, das gleichwohl unerreichbar scheint. Oder umgekehrt: Als wäre der Waldrand mit seinen grausigen Schatten, den kühlen Sternen, dem Blätterhauch nur eine Illusion, der man sich erschauernd hingeben mag, solange man nur will, weil es reicht, um eine Ecke zu linsen, um sich zu vergewissern, daß die Schwelle warm erleuchtet ist, zu der man später hereintreten kann.

Es ist Sonntag, kein Wagen begegnet uns. Ein hölzerner Wegweiser zeigt wie eine Armprothese nach dem Waldrand, die Schrift in der einbrechenden Dämmerung so schlecht lesbar, als drücke sie sich aus Angst vor dem Frost ins Holz. Bis Gerolstein sind wir noch über eine Stunde unterwegs.

112 Meilen (6)

Plötzlich hat die Ferne einen Thron, auf dem sitzen wir, wie Spatzen auf dem Riesenschädel eines marmornen Kaisers.
Kurz vor Ripsdorf auf einer Abkürzung vor einem Stacheldrahtzaun ausgekommen. Darunter durchgeklettert, dabei Zaun zerstört: Zaun wehrte sich und stach, mußt er eben leiden. K.s Wanderrock bleibt hängen, trägt aber, anders als mein Daumen, keinen Schaden davon. In Ripsdorf dann «Kartoffelfest», Bürger in Sonntagsstaat, Blasmusik live, für uns gibt es Kaffee und Kuchen auf einer sonnigen Terrasse. Gegenüber, ganz in Weiß eine Trutzburg des Herrn. Was mußten das einmal für wilde Landstriche gewesen sein, die den Bau solcher Gottesbunker nötig machten? Was für unsichere Zeiten?
Mit dem Kaffee vergeht die Schwere und die Schwermut, man atmet die letzten Sträuße Dunkelheit aus den Lungen ab wie den Weindunst einer durchzechten Nacht. Wir verlaufen uns, kürzen abermals ab, queren Wiesen, steuern den nächsten Weg nach dem Kindergejohle an, das aus einem Tal heraufschallt. Sonntag, Ausflugswetter, Kartoffelfest. Wir meiden die Menge auf den breiten Wegen, biegen an einer Brücke ab, schlüpfen in ein Seitental, wo wir an Bachläufen unter Fichtensäumen gehen wie unter Galerien. Noch ein Anstieg, dann entläßt uns ein Wildgatter in einen kolossal offenen Raum, in den wir unsere eigene Ferne vorauswerfen: als Weg, als Zukunft, als Plan, als einen Umriß und ein Gefäß dessen, was unsere nächsten Schritte heranholen und ausfüllen werden.
Eine Bank, eine Infotafel. Wir machen Pause im Licht einer milden Spätsommersonne. Hinter uns ein Hang mit knisterndem Wacholder. Schokolade schmilzt wie das Licht auf den fernsten Hügeln. Zu unseren Füßen derweil kämpft ein merkwürdiger, ohrwurmartiger schwarzer Käfer mit seiner eigenen urwaldbestandenen Ferne.

Später ist unsere Ferne nah, wo aus dem Greifbaren plötzlich ein Traktor mit Anhänger unseren Raum kreuzt. Staub hat sich von anmutigen Fahnen in farbloses Husten verwandelt. Der Weg ist schmal und zwingt uns zum Ausweichen in den Graben, und plötzlich besteht die Welt nur noch aus Lärm, Schatten, gewundenem Stahl und Gestank. Staub wirbelt um die riesigen Reifen. Der Fahrtwind saugt gehäckselte Maisblätter dem Wagen nach. Auf unseren Zähnen knirscht Sand.
Wir merken, es ist ein ständiges Kommen und Gehen dieser Fahrzeuge. Ein paar Schritte weiter dann Blick auf ein Feld, wo ein Maisvollernter den Berg rasiert. In Fahrtlinie fallen die Stengel, während es aus dem vogelhalsartigen Rohr Körner sprudelt. Sie prasseln in einen Anhänger, der von einem Riesentraktor parallel neben dem Ernter her gezogen wird. Es dauert keine Minute, da ist der Anhänger voll. Der Ernter bleibt stehen, das Rohr spuckt noch ein bißchen nach, der nächste Traktor wartet schon. So geht es Reihe um Reihe, die Felder stehen voll, die Arbeit dauert Stunden um Stunden. Ich hätte keine Geduld für so etwas, denke ich. Ein Feld pflügen oder ernten. Wände streichen. Eine Mauer bauen. Nach einer Reihe hätte ich schon die Nase voll, Geduld habe ich nur beim Gehen, eine Geduld, die, statt sich aufzubrauchen, mit jeder Meile noch zunimmt.

Wir sind dort, wohin wir vorhin geschaut, wir sind in dem Raum, den wir vorhin mit rasch ausgreifenden, gierigen Blicken vermessen haben. Was von oben nicht mehr war als ein Silberfaden in den Kissen der Hügel, ist jetzt ein breiter Feldweg. Die dünnen Staubfahnen der Traktoren sind jetzt Tonnen und Walzen, die uns die Sicht nehmen. Alles ist anders. Die Innenansicht entzieht sich den Bildern, die wir aus der Draufsicht gewonnen haben, so wie eine Karte stets Bilder, aber nie das zutreffende Bild der Landschaft erzeugt, aus der sie per Abstraktion gewonnen wurde.
Fernen, in Fernen eingefaltet. Unendliche Abtönungen von Distanz. Ein Strom von Annäherungen und Entfernungen. Immer wieder schaue ich zurück zu unserem Rastplatz, alle paar hundert Schritte. Dort oben geht auch jetzt, in diesem Moment, der Käfer seinem Geschäft nach, wippt vielleicht ein Grashalm, schnellt eine Meise von einem Wacholderzweig. Irgendetwas ist der Fall dort oben, ohne uns. Die Bank steht in der Sonne; man würde uns von dort jetzt nicht mehr ausmachen können im Dunst der Ebene. Manchmal genügt eine Viertelstunde, um Heimweh nach einem Ort zu bekommen. In der Erwartung, die jedes Mal weiter geschrumpfte Infotafel beim nächsten Umdrehen nicht mehr sehen zu können, zeigt sie sich doch noch einmal. Und noch einmal. Doch da ist die Stelle selbst schon Ferne geworden, Weite, die sich nur noch selbst kennt, unberührbar, mit eigenen Dingen beschäftigt, uns nicht mehr nachschaut. Einer von den Orten, an die man nicht zurückkehren kann. Was wir da droben sehen, diesen Fleck, der die Infotafel ist, die helle Stelle, wo die Bank stehen muß, das Säulchen eines Wacholderbaums – das ist alles nicht mehr als eine leere Hülse, ein Zeichen, das für etwas bereits Verschwundenes steht. Schon jetzt gibt es den Ort nicht mehr, außer als Bedeutung, außer im Zeichen, außer in uns, und vielleicht war er nie anderswo als eben dort.

112 Meilen (5)

Ein Auto.
Aus dem Auto eine Leine.
An der Leine ein galoppierender Hund.

Zwei Walkerinnen sind stehengeblieben und schauen dem kuriosen Gespann nach. Gemurmelte Entrüstung, Schulternheben, hilfloses Lachen. Eine scheint dem Wagen etwas nachzurufen. Sie wissen nicht, was sie davon halten sollen. Sie haben diese Art von Gesichtsausdruck von Leuten, die ihre Schokolade im Reformhaus kaufen, und sehen aus, als wollten sie dem Wagen gleich nachstöckeln. Dann besinnen sie sich eines besseren setzen ihren Weg kopfschütteln fort. Ich habe meine eigenen Gründe, diese seltsame Form des Gassigehens fragwürdig zu halten, aber nie im Leben brächte ich darüber gegenüber dem Hundehalter ein Wörtchen über die Lippen. Meine Gründe haben auch weniger mit Tierschutz als mit meiner Abscheu gegen motorisierte Fahrzeuge zu tun.
Hundert Meter weiter ist der Wagen stehengeblieben, der Hund steht im Schatten des Fahrzeugs. Es ist ihm nicht anzusehen, ob er den Gang an der Seite eines stotternden Autos nervig findet, ob er sich verarscht fühlt oder ihm das ganze einfach nur peinlich ist: Er zuckt etwas zusammen, als wir herankommen, drückt sich mit der Flanke angstvoll gegen den Wagen wie an ein warmes Muttertier. Ein scheuer Hund. So etwas gibt es.
Der Mann am Steuer sieht nicht so aus, als kaufe er seine Schokolade im Reformhaus. Vollbart, Käppi, Brille mit Kassengestell, Zigarette im Mundwinkel. Er ist sehr freundlich und erklärt uns den Weg, den wir dann doch wieder verlieren werden, weil die Karte nicht stimmt, oder besser: Weil sie den Wegverlauf geändert haben beim Eifelverein, wir aber mit alten Karten unterwegs sind. Eine Maßnahme übrigens, die uns später noch viel Nerven kosten wird, ein geharnischtes Schreiben an den Eifelverein ist in Vorbereitung.

Später steht derselbe Wagen oder ein anderer geparkt an einem Waldrand. Schatten wedeln wie Algen in einem See. Die Wärme knackt im Unterholz. Man meint, Luftblasen stiegen schillernd zwischen den Farnwedeln auf. Ich habe die Vision, daß ich gerade selbst diesen Wagen dort geparkt habe. Das eigene Leben, betrachtet von ferne, wie in einem Buch, eine Illustration zu etwas, das nie war, aber hätte sein können, denkbar, oder knapp weniger als das: eine Ahnung. Da steht es, mein Auto, am äußersten Rand einer ganz anderen Geschichte, Rand einer Vergangenheit, die ebenso unbegreiflich wie irrelevant ist für das Bild, das sich mir zeigt, mit dem ich minutenlang verschmelze. In diesem Bild bin ich gerade auf abenddunkler Straße unterwegs gewesen mit dem Fahrzeug, langsam fahrend, zum Vergnügen, um sich den Kopf vom Strom der Landschaft leersaugen zu lassen. Halt an einem solchen Parkplatz am Waldrand. Knirschende Kiesel, tief unten in der Abendkühle, wo die Füße sind. Ein Strecken ins Schwinden von allem. Frieden, der hier immer schon war, zeitlos wie Nacht und Tag. Ein Wild regt sich irgendwo. Die Wege tauchen ab, als suchten sie den Grund von Nacht und Dunkel. Es riecht, wie frisch geschlüpfte Sterne riechen, kurz bevor man sie sieht. Nachtluft strömt durch mich wie durch einen brausenden Flaschenhals, ich bin eine Kreuzung für Luft, alles, was strömt, muß durch mich durch. An Fichtenzweigen schlägt sich Kälte nieder. Weit fort treiben Lichter über die Hügelwellen. Es ist still, und ich weiß, es wird so still bleiben. Die Stille nimmt alles von mir auf, ohne Prägungen davonzutragen. Ich werde gleich zum Auto zurückkehren; wenn ich fahre, werden die Straßen im Dunkel angekommen sein. Ich werde über vertraute Wege gleiten. Ich werde jeden Zaunpfahl kennen, den der Scheinwerfer zur kurzen Betrachtung aus dem Dunkel zieht. Ich bin hier zu Hause, ich fahre in der Stille, ich fahre durch meine Heimat, wo ich irgendwo ein Bett habe und eine Nachttischlampe, ein Buch, ein Fenster zur Wiese, einen ruhigen, tiefen Schlaf unter einem Mond, der leuchtet wie ein stummer Gong.

Ich schüttele mich ein wenig. Trete einen Kiesel weg. Schnaufe probeweise. K. ist vorausgegangen, wartet am andern Ende des Waldrands. Wir halten uns an den Händen und gehen weiter, staunende Kinder durch diese Simulation des eigentlichen Lebens. Wir werden noch oft uns nach uns selbst sehnen auf diesem Weg, jedes auf seine Weise.

112 Meilen (4)

Ich muß nichts mehr besitzen, denke ich versonnen, während ich mein Brot kaue und in die Morgensonne blinzle.
Es hat merklich abgekühlt, dafür ist der Himmel klar. Man merkt, es wird ein warmer, milder Helbsttag werden; noch aber spendet die Sonne nur gerade so viel Wärme, daß es fürs Auge reicht. Der Rest friert, ja zittert. Schnell noch ein Stück Schokolade, und weiter.
Am Morgen nicht aus dem Bett gekommen, schwerer Kopf, noch schwerere Glieder. Selbst nach dem Kaffee liegt eine Art Dunkelheit hinter den Augen, als hätte die Nacht einen Schlupfwinkel in meinem Kopf gefunden. Einmal habe ich eine Wanderung wegen einer Erkältung, die mich am Abend der zweiten Etappe heimsuchte, abbrechen müssen; seitdem fürchte ich ein solches Pech wie der Teufel das Weihwasser. Blöd genug, daß noch vier Pensionswirte auf uns warten, denen wir dann kurzfristig absagen müßten; noch dümmer, daß, wenn man nur Pech genug hat, die nächste Bahnstation einen halben Tagesmarsch entfernt ist, eine Strecke, die ich dann mit Fieber zurücklegen müßte. Am dümmsten aber, daß K. und ich jedes Jahr nur eine Chance haben, so eine Wanderung zu machen. Das will man nicht durch einen Virus vergeigt sehen.
Mit solchen Gedanken und einem matten Druck auf der Brust gehen ich los. Du bist jemand, der sich Sorgen macht, hat mir vor kurzem mal jemand gesagt. Stimmt genau. So einer bin ich. Ich sehe die Dinge genau vor mir, die schiefgehen können, alle. Das ist manchmal beschwerlich.
Die Straße ist taunaß und beginnt zu glänzen, wo die frühe Sonne den Asphalt berührt; Ahorn leuchtet; Nebel schaut verschlafen aus den Tälern; es ist ein Morgen wie aus dem Bilderbuch, aber ich gehe bedrückt und sehne mich nach Kaffee nach dem Kaffee. Eine Wegbiegung durch klammen Schatten, dann strahlt uns Blankenheims Burg aus der Höhe an.
Es ist Sonntag. Die Stadt schläft noch. Ein Schwarm Mountainbiker ist früh aufgestanden, überholt uns an der Straße, die steil aufwärts aus dem Ort fortführt. Mountainbiker bergauf sind ein seltsamer Anblick; wie sie sich mit irre schnellen Kurbelbewegungen in höchst zähem Tempo hinaufkämpfen, zentimeterweise, als zögen sie sich selbst an einem Flaschenzug in die Höhe, hat es etwas Sisyphoshaftes, Mitleiderregendes. Eine etwas schnellere Gangart, und wir würden sie zu Fuß wieder einholen. Ich habe schon Mountainbiker bergauf beim Lauftraining überholt. Zu Fuß Gehen, denke ich wieder einmal, ist für uns Menschen wohl die effizienteste Art, sich fortzubewegen. Langsam, aber fast endlos durchzuhalten.
Vor uns entrollen sich Fernen, strecken sich und gähnen wie Urlauber auf der Terrasse. Schlehen hocken versteckt hinter Dornen. Weißdorn lodert wie Ampeln aus dem Gebüsch. Der Sommer war lang, der Herbst spät und mild, Färbung hat noch kaum richtig eingesetzt. Nach dem Regen der letzten Tage ist die Luft wie gespült, die Weiden und Äcker liegen wie auf einer Anrichte drapiert. Der Druck in der Brust läßt nach, die Nacht strömt aus den Augen davon. Das Gehen geht von selbst. Man möchte dreimal mehr Atem schöpfen als man braucht und wünscht sich einen Geschmackssinn für Licht.
Die letzten bekannten Wegmarken: ein Holzstoß ohne Holz, nur noch aus Schleifspuren und Erinnerungen bestehend; Wegnamen: ein Brotpfad. Abzweigungen, an denen wir vorbeilaufen, deren Ziel ich kenne. An dieser Hütte bin ich vor Jahren an einem Neujahrstag vorbeigekommen, übermüdet nach einer schlaflosen Nacht, in welcher Nachbarn Brauchtumspflege betrieben. Damals hätte ich gleich hier übernachten sollen. Irgendwann mache ich das vielleicht. Alles scheint greifbar an einem solchen Morgen, das nächste wie das Entlegene, Vergangenheit, Zukunft und der unbegrenzte Augenblick, in dem ein Pilzhut aufblitzt, K. sich die Nase putzt, der Stiefel einen Kiesel anstößt und damit einen winzigen Beitrag zur langsamen Arbeit der Gebirgsabtragung leistet. Fast glaubt man, Schmetterlinge zu sehen, aber es sind nur die leuchtenden Körper von Spinnennetzen. Manchmal flackert ein Gebüsch von Vogelflug. Ein Rascheln, ein Warnpfiff, dann setzten sich Farbe, Schatten und Tiefen wieder zusammen.

Es ist so einfach, sich vorzustellen: Ab jetzt wird alles anders. Das eigene Leben scheint machbar, formbar, gestaltbar. Plötzlich hat man wieder die Wahl. Man könnte einfach so weitermachen, einfach weiterlaufen, der schwerste Augenblick, das Schließen der Tür, ist drei Tage her, wann wenn nicht jetzt, schon Verblassen die Erinnerungen an überfüllte Pendlerzüge, verstopfte Straßen, Bürovormittage, Lichtzeichenanlagen. Was für eine Absurdität, überhaupt, nicht einfach gehen zu dürfen, nur weil irgendwo ein Ampelhampelmännchen rot leuchtet. Irrsinn. Gehen ist das einfachste von der Welt, so elementar wie Atmen. Dafür gibt es ja auch keine Ampel.
Das Gefühl während jeder Wanderung: Jetzt muß, jetzt kann alles ganz anders werden.

Das Elementare wieder an seinen Platz rücken, denke ich mir. Das Leben absolut setzen. Seine Grandiosität endlich ernst nehmen. Schon genug Jahre an einem albernen Schreibtisch verbumfidelt. Was braucht es mehr zum guten Leben als einen Rucksack und ein Paar Wanderschuhe? Augen zum Sehen, Gedanken zum Denken und einen Bleistift für die Geschichten? Was wäre das für ein Leben? Nicht immer ein bequemes; sicher ein menschengemäßeres.
In solchen Augenblicken, auf einem steilen Anstieg kurz vor dem Frühstück, zu Füßen in Bronze gegossenes Laub, die Ferne wie ein Sog vor den Schritten, Pantomimen des Morgenlichts in den rotgewürzten Buchenwipfeln, mit Magenknurren und dem klaren Bewußtsein einer kräftigen Wurst im Rucksack – in solchen Augenblicken scheinen die Bilder von den Alltagsquälereien nicht einmal mehr bitter. Sie lassen sich einfach auflösen wie Nebel. Sie wiegen nichts mehr. Sie sind so irrelevant wie die Sorgen eines abgelegten Jahrhunderts.

Später, Meilen von hier, aber noch Meilen von Gerolstein entfernt, kommt alles zum Schweigen. Das Land streckt sich voller Winkel und Spalten; Kiefern und Wacholder duften; ein namenloser Käfer kämpft sich unter der Bank durchs Gras. Der Blick lernt fliegen, und die Sonne tastet alles ab, nimmt die Dinge in Augenschein, krümmt hier einen Fluß zurecht, schiebt noch einen Forst etwas malerischer auf einen Hügel hoch, sieht mild zu, wie ein Traktor eine Staubfahne über einen Weg wirft, bis alles, alles perfekt ist, und da ist es plötzlich ein Glück, ohne Worte zu sein, leer und frei wie Luft über Steinen, ahnungslos und vorbehaltlos offen.

Wir frühstücken, genauer gesagt, wir frühstücken zum zweiten Mal, das erste Frühstück war ausgezeichnet, neben reichlich Brotsorten und Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade hat der Wirt uns einzigen Frühstücksgästen ein frisches Omelette zubereitet. Passend zum Namen des Wegs, Brotpfad, machen wir an der Hütte Rast. Brot, Wurst, Äpfel von Huberts Wiese. Die Geschichte zu dieser Hütte war: In der Silvesternacht 2008 so furchtbar über die Hofnachbarn geärgert, die zum ersten Mal, seit ich dort eingezogen war, den Jahreswechsel feierten, so laut, als wollten sie die versäumten Silvesternächte alle auf einmal nachholen, daß ich mich erblödete, bei den Ordnungshütern anzurufen. Dort beschied man mir, sie könnten nichts unternehmen, das sei Pflege des Brauchtums, da dürfe man auch die ganze Nacht durchfeiern. Kaum vorstellbar, daß ich damals keine Ohrstöpsel im Haus hatte (heute vergeht keine Nacht, da ich die Dinger nicht brauche), aber es waren wohl insgesamt leisere Zeiten, wie ich die Nacht rumgekriegt habe, weiß ich nicht mehr, will ich auch nicht wissen. Jedenfalls bin ich nach Plan um sechs aufgestanden und war gegen acht in der Eifel. Am späten Nachmittag des ersten Januar kam ich aus der anderen Richtung an diese Hütte, hatte mir die Müdigkeit und den frustrierten Zorn aus den Gliedern gelaufen, freute mich über die liebevolle Sorgfalt, mit der die Hütte eingerichtet worden war (es fehlte nicht einmal Klopapier), und schrieb sogar ein paar Zeilen ins Gästebuch, etwas in der Richtung, wie froh ich über die Stille sei. Denn still war es, endlich, an diesem verkaterten Feiertag. Ich bin den ganzen Tag keinem Menschen begegnet.
Es ist ein schöner Ort, eine Wegkreuzung im kurzen Schatten von Eichen, der Gipfel eines Hügelkamms, das Licht überall nah, wie Glockenklang aus einem gemütlichen Dorf. Wir kriegen Besuch: zwei Mountainbiker in voller Montur, ein Mann und ein Mädchen, dem Alter nach Großvater und Enkelin. Sie steigen ab und sehen sich um, spähen durchs die Fenster der Hütte, können sich nicht entschließen, sich zu uns zu setzen. Der Mann schiebt ein Bäuchlein vor sich her. Das Mädchen, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, ist ausgesprochen hübsch. Blondes, halblanges, glattes Haar, großer Mund, helle Augen, die die Farbtemperatur von allem, was sie anschauen, zu heben scheinen; geschmeidiger Körperbau, Beine, die sicher und federnd tragen, nicht mehr Kind, noch nicht Frau, ich staune dieses Wesen an, die Brüste nehmen eine Reife vorweg, die der Stimme, den Händen noch fehlt. Und wie ich ihre selbstvergessene, noch durch keinen Selbstzweifel angekränkelte Anmut bewundere, überkommt mich ein seltsamer Hunger. eine nagende Wehmut, als hätte ich irgendetwas verpaßt, und nun wäre es zu spät. Ich spüre eine bekannte Unruhe sich regen; der Fahradhelm blitzt am Ellenbogen; das blonde Haar ist stellenweise von Schweiß und Helm an den Kopf geklebt, was das Entzücken nur steigert. Und dann löst sich alles in einer Art befreiter Heiterkeit auf. Du mußt das nicht mehr, denke ich. Du stehst dem Großvater an Jahren näher als dem Mädel. Laß gut sein. Du mußt dir nicht mehr den Kopf zerbrechen, wie du das Interesse der hübschen Kommilitonin aus dem Hegelseminar auf dich ziehst. Du brauchst nicht mehr cool und attraktiv zu sein. Du hast das alles hinter dir. Du mußt nichts mehr haben, du mußt nichts mehr kriegen, du mußt nichts mehr besitzen.
Es reicht, wenn du in der Sonne sitzt, dein Brot mit einer Gefährtin teilst; es reicht, daß es Worte gibt und einen Platz, sie niederzuschreiben; es reicht, daß der Weg schmal ist und das Ziel noch sehr, sehr fern.

112 Meilen: Blasenexkurs

Man kann mit knurrendem Magen wandern, und man kann halbverdurstet wandern. Man kann mit fünfzehn und mehr Kilo Gepäck auf dem Buckel wandern. Man kann schwitzend, frierend und übermüdet wandern. Man kann mit einem Kater wandern und mit Muskelkater auch. Man kann durchnäßt immer noch prima einen Fuß vor den andern setzen, und der Gegenwind fällt beim Gehen am wenigsten auf. Man kann durch Tiefschnee waten oder über glühende Steine springen, man kann bei Dunkelheit gehen und buchstäblich bei Nacht und Nebel. Man kann halbtot sein vor Erschöpfung, und man staunt, was noch alles geht, nachdem man das erste Mal gedacht hat, Ich kann nicht mehr. Man kann mit dem Kopf unterm Arm gehen, wenn nur die Beine noch nicht abgefallen sind. Aber eine kleine Blase am Fuß, und die Wanderung ist gelaufen – wenn man Glück hat, und eine Bahnlinie in der Nähe ist.

Erst ist da nur so ein komisches Gefühl, als wäre der Socken verrutscht. Dann ist es ein Kratzen. Aus dem Kratzen wird ein Scheuern. Aus dem Scheuern ein Brennen, aus dem Brennen ein Schmerz. Und schließlich kann man nur noch humpeln. Als wäre eine glühende Münze im Schuh. Wer das nicht selbst erlebt hat, wird nicht glauben, wie weh ein solch vermeintliches Wehwehchen tun kann. Und es ist auch kaum glaubhaft, was so ein Schmerz mit demjenigen macht, der ihn zu ertragen hat. Gestandene Männer fragen, wie weit es noch sei; vernünftige Erwachsene stampfen mit dem Fuß auf (dem gesunden, versteht sich) und verkünden, daß sie keinen Schritt mehr weitergehen; Kerle, die sich durchaus das Epithet «hart» zutrauten, brechen weinend am Straßenrand zusammen. (Das ist nicht übertrieben. Ich muß das wissen, denn der harte Kerl war ich selbst. Es geschah auf einer viertägigen Wanderung von Wittlich nach Bonn; die Blasen traten am Nachmittag des zweiten Tages am kleinen Zeh auf, wuchsen sich aus zu einer Blasenkolonie, unter der der Zeh verschwand wie unter Luftkammerpolstern; ich lief die hundertvierzig Kilometer trotzdem durch, aber hinterher konnte ich drei Tage keine Schuhe mehr tragen. Seitdem weiß ich, daß es Mehrkammerblasen gibt, wo eine Blase über der anderen wächst wie Pilze aus Schmerz. Wieviele Schritte machen einen Kilometer? Wieviele zwei? Zehn? Zwanzig? Wer Blasen hat, weiß das. Kaum jemand macht sich Gedanken über die Anzahl von Schritten – bis jeder einzelne so weh tut, daß man in die Knie gehen möchte. Oder besser: auf Knien.)

Aber eine Blase ist wenigstens ein manifestes Übel. Man kann sie untersuchen, betasten, aufstechen, abkleben. Man kann ihren Verlauf beobachten. Man kann den nackten Fuß schütteln und mit Erstaunen registrieren, daß die Flüssigkeit schwappt. Man kann sie anstaunen, anstarren, verfluchen. Man hat was zu tun mit einer Blase. Andere Schmerzzustände zeigen sich nicht in äußerlich sichtbaren Symptomen. Keine Rötung, keine Schwellung, keine Läsion gibt Hinweis darauf, daß irgend etwas kaputt wäre, dort wo es bei jedem Schritt so höllisch schmerzt: diese Stelle an der Ferse, am Spann, am Zeh. Der Schmerz verschwindet, sobald man aus dem Stiefel schlüpft, als wäre nie was gewesen; läßt sich durch keine Bewegung, keinen Druck des prüfenden Fingers hervorrufen. Nur im Schuh schmerzt es. Bei jedem Schritt, und bei jedem Schritt ein bißchen mehr. Man tritt anders auf, man variiert die Schnürung, man klebt Pflaster auf die Stelle. Vergebens. Vielleicht Rückwärtsgehen? Ein Freund erzählt mir von einem Wanderkameraden, der am Ende so verzweifelt war, daß er versuchte, an der betreffenden Stelle ein Loch in den Schuh zu schneiden. Aber Schuhe, Wanderschuhe zumal, sind nun einmal dafür gemacht, scharkantigen Gegenständen zu widerstehen. Auf Socken, erzählt der Freund, hätten sie in der Dunkelheit das nächste Dorf erreicht, wo sie den Pfarrer vom Fernsehkrimi wegklingelten und baten, ob er sie zur Bahnstation fahren könne.

Bei der Behandlung oder Vorbeugung von Blasen gehen die Ansichten auseinander. Während die einen darauf schwören, die Blasen mit einer sterilen Nadel aufzustechen, zu desinfizieren und abzukleben, lehnen andere diesen Eingriff als unhygienischen Leichtsinn ab. Nicht von der Hand zu weisen, denn wer hat schon auf einer Wanderung sterile Nadeln und Desinfektionsmittel dabei? Die Blase ist ein natürliches Polster, das das Gewebe vor Läsionen durch Reibung schützen soll, erfüllt also eine ähnliche Funktion wie die Schwellung im verknacksten Knöchel, die das Gelenk ruhigstellt. Wer jetzt mit Eisspray die Beweglichkeit wiederherstellt, tut sich keinen Gefallen. Dummerweise neigen Blasen dazu, bei anhaltender Belastung aufzuplatzen. Und wenn das passiert, jammert der harte Kerl nicht mehr, sondern ruft nach seiner Mama.
Manch einer meint auch, durch Blasen müsse man einfach durch, wie durch Kinderkrankheiten. Ich kann mich gut an den Schweizer Bergsteiger erinnern, der mir sagte, Blasen könne man nicht verhindert, Blasen müssen man aushalten. Ich weiß nicht, welches Epithet sich so einer zutraut. Jedenfalls ist wohl richtig, daß man sich in einem eingelaufenen Schuh keine Blase mehr holt. Eigentlich. In der Theorie. Andererseits ist der Blasenschmerz vielleicht ein zu teurer Zoll für einen passenden Wanderschuh. Schwierig wird es zumal, wenn man den Schuh nur ein- zweimal im Jahr trägt; da geht der Blasenzirkus nämlich jedesmal wieder von vorne los. So wird die monatelang geplante Korsika-Durchquerung oder der Inka-Trail zum Höllentrip.
Für viele bewährt hat sich der Einsatz von Blasenpflastern. Die Sache hat allerdings zwei Haken. Erstens: Wer schon einmal einen Langstreckenlauf mit Blasenpflaster absolviert hat, weiß, daß der Klebstoff nach zwei Dutzend Kilometern aufgibt, das Pflaster mithin verrutscht. Das ist in einem Wettkampf, wo man nicht so ohne weiteres anhalten und die Füße neu pflastern kann, recht mißlich. Zweitens: Man muß vorher schon wissen, wo es später weh tun wird, sonst nutzt das beste Pflaster nichts. Wenn man das weiß, hat man Glück, aber dann tut es auch einfach Leukoplast, das ist billiger, läßt sich besser zurechtschneiden, klebt wie Pech und Schwefel und verhindert zuverlässig Reibung. Nach meiner Erfahrung ist dagegen von besonderen Socken aus Funktionsgeweben, die einerseits rutschfest anliegen, andererseits an einschlägigen Stellen wie Ferse und Zehenbereich besonders stark gepolstert sind, abzuraten: Sogenannte Funktionsstoffe führen im Widerspruch zu ihren Versprechungen nicht zum Abtransport von Feuchtigkeit, sondern erst einmal zu extremer Schweißproduktion. Schweiß aber läßt die Haut aufquellen, was die Blasenbildung begünstigt. Das beste Material für Socken ist immer noch Wolle. Wolle ist angenehmer zu tragen, bevördert das Schwitzen weniger, transportiert die Feuchtigkeit ebenso gut wie Funktionsstoff aus Kunstfaser, und anders als jene fängt sie nicht nach ein paar Kilometern an zu stinken. Besondere Polsterungen aber können recht schnell zu Druckstellen und blauen Zehennägeln führen. Ob das besser oder schlechter als eine Blase sei, ist Geschmacksache.
Die beste Vorbeugung gegen Blasen ist natürlich ein passender Schuh. Es gibt Schuhhändler, die behaupten, Schuhe müßten nicht eingelaufen werden; gebe es Blasen, trage man einfach noch nicht den richtigen Stiefel. In Zeiten von Konfektionsware eine leichtfertige Behauptung: Finde da mal einer den richtigen Schuh. Ich habe zudem schon Blasen in Schuhen bekommen, in denen ich bereits viele hundert Kilometer blasenfrei gegangen war. Und Wolfgang Büscher berichtet in seinem Buch Berlin–Moskau, daß ihn der Stiefel gedrückt habe, auch noch nach tausenden von Kilometern – Blasen, scheint es, schmerzen nicht nur, sie sind auch so unberechenbar wie Pest und Schnupfen.

112 Meilen (3a)

Gegen abend läuft aus einem Hohlweg plötzlich ein ungezäumtes Fohlen auf uns zu, wild, närrisch verspielt, neugierig, die ganze Welt zum Freund erklärend wie ein Welpe. Tänzelt, stakst, schnuppert, stolpert schier über die eigenen meterlangen Beine. K. streichelt das Tier über den witternden Nüstern; da hält es ganz still. Schaut zurück, ohne den Kopf zu wenden, nach seinen Begleitern, was die wohl davon halten. Als wir weitergehen, schnappt es, wie befreit von einem Bann, nach einem leuchtend roten Ahornblatt.

Zum ersten Mal seit Beginn der Wanderung brechen die Wolken auf und lassen etwas Sonnenschein über die Ränder laufen. Sofort glühen die Felder. Ich denke kilometerlang über Farben nach. Wolkenspiele schieben die Bäume auf dem Feld herum wie Schachfiguren. Noch mehr Pferde: ein Turnier in Dressurreiten, eine Stimme schallt über Lautsprecher, Namen fallen, die Landstraße ist auf hunderten Metern vollgeparkt. Wir machen Rast in Frohngau, wo es noch eine Dorflinde gibt, die aber eine Dorfkastanie ist. Wir setzen uns auf eine helle Bank in milder Luft, der Baum ist durchlässig für Himmel. Kinder spielen unbegreiflich junge Dinge in einer Seitenstraße. Wie das wohl ist, frage ich mich, hier aufzuwachsen, als kleiner, wilder Mensch inmitten der Weite von Äckern und Feldern. Ob diese Kinder noch lernen, Bäche zu stauen, auf Obstbäume zu klettern, Zweighütten zu bauen? Ob sie noch Tiere kennen, die wilder sind als Tauben und Hunde? Ich wünsche ihnen von Herzen ein Trekkergaspedal unterm Fuß und die Namen aller Bäume.

Immer noch vertrauter Grund. Hier bin ich dieses Jahr schon einmal gegangen, in die andere Richtung. Die Luft ist da fast schon dieselbe gewesen. Erst später, am Abend, biegen wir ab, lassen die erinnerte Landschaft zurück, als einen bleibenden Ort in der Ferne. Lange Feldwege, von Weißdorn und Schlehen gesäumt, führen in Richtung Abend. Hinter den Sträuchern, auf der wegabgewandten Seite, hält sich die Sonne länger, als treibe auf den Straßen der Wind das Licht vor sich her. Plötzlich geht es überall nach Hause. Ein Dorf liegt eingeigelt in einer Talfalte, dort unten haben wir ein Lager. Der Lärm der Fernstraße dringt nicht bis in die stillen Plätze. Die Fassade des ältesten Hauses wölbt sich vor, als wollte das Haus zu seinen eigenen Fenstern hinaus.

Der Zeh schmerzt wieder; bis morgen hat er Zeit, sich wieder zu beruhigen. Das Zimmer ist hell und freundlich, die Betten ein Traum aus Federn und gestärkter Wäsche, so schön, wie ich mir zu Hause nie ein Lager bereite. Es ist gut, zu essen; und dann, zu liegen und zu schreiben. Die Fenster sind offen für Stille. Nachts wird es empfindlich kalt.

112 Meilen (3)

Zum Gehen braucht es Hüftgelenke, Knie, Muskeln, Füße, Knöchel, allerlei Bänder und Sehnen, manchmal eine Willensanstrengung, oft einen langen Atem. Man braucht Kreislauf, Wasser, Nahrung. Man braucht nicht unbedingt ein Ziel. Aber man braucht gesunde Zehen.
Am Abend des zweiten Tages ist mein linker großer Zeh nicht gesund, schmerzt bei der Adduktion, schlimmer, schmerzt bei jedem Schritt. Wieder alle Fragen neu. Lag es am Schuhwerk? Am Asphalt? An meiner erzwungenen Laufpause? Am Gepäck?
Ich hasse es, mich auf mich selbst, auf meine Muskeln, Bänder, Sehnen, nicht verlassen zu können. Es sei denn, in Büchern, mag ich keine Überraschungen, weder beim Wandern noch sonst.

Wir gehen noch essen, unsere Gastgeber und wir; wir fahren über Feldwege, die eigentlich dem landwirtschaftlichen Verkehr vorbehalten sind, aber Hubert, der große Umweltschützer und Kräuterpädagoge, hat keinerlei Skrupel. Wie unterschiedlich die Auffassungen sind: Jeder kommt mit seiner Ideologie aus einer anderen Richtung. Für mich verböte es sich, auf dem Feldweg zu fahren, weil mich als Fußgänger Autos auf Feldwegen bis zur rumpelstielzoiden Raserei nerven; für Hubert zählt vielleicht das bessere Argument, daß der Weg zu unserem Ziel, ein entlegenes Gasthaus am See, über offizielle Straßen mehr Fahrerei, mithin mehr Kraftstoffverbrauch bedeutete. Ich weiß es nicht, ich tauge nicht für Diskussionen, registriere nur mit müdem Erstaunen, daß wir auf einem Feldweg fahren und ich mithin Teil von etwas bin, das sich mir sonst als verhaßtes Ärgernis zeigt. Da es nicht meine Entscheidung ist, wo wir fahren, beschließe ich jedoch, mich nicht dafür zu hassen.

Ob Bier eigentlich vegan sei? Die Hefe habe doch mal gelebt! Ich verkneife mir die Bemerkung, Die Gerste nicht?

Der See nur eine Ahnung, eine Art Tiefe in der Luft über dem Dach eines Holzhauses, als würfe die Wasserfläche ihre Dunkelheit hinter Hecken an den Himmel. Da der Name «Steinbach» im Auto gefallen ist, kann es nur die Talsperre sein; dann muß ich an dieser Stelle, wo wir ans unsichtbare Ufer kommen, dutzende Male vorbeigekommen sein. Aber natürlich nicht nach Einbruch der Dunkelheit, und nicht aus dieser Richtung. Wie wenig man sieht, wie eindimensional. Ein Weg ist eben immer Richtung. Eine andere Richtung ergibt einen ganz anderen Weg. Morgen früh werden wir an dieser Stelle Rast machen und Wurst essen. Die Apfelbutzen landen hinter der Bank. Der Ort hat sich abermals verwandelt; jetzt gleicht er dem Weg, den ich so oft gegangen bin, worin er vertraut wird; aber in ihm überlagert sich die Erinnerung vom Abend mit der Stunde jetzt, und da wird er wieder fremd.
Das Logo, Schriftzug mit kleinem Fuchs, über dem Eingang zum Restaurant, wo wir gestern aßen: Wie eine Telephonnummer, die man nach einer Kneipennacht in der Gesäßtasche findet, und von der man gleich weiß, daß man sie niemals anrufen wird. Hinter den Terrassenfenstern ist noch Nacht.
Am Ufer Photographen mit riesigen Teleobjektiven. Die Spiegelungen ducken sich in den Teich, wie zarte Gemüter vor der Blöße von Exhibitionisten.

Der Fuß schmerzt, gleich bei den ersten Schritten. Furcht kommt auf. Was, wenn ich es nicht schaffe? Man kann zwanzig Kilometer mit Schmerzen gehen; aber dreißig und mehr sind schon in günstigen Umständen eine Herausforderung. Und wer auch nur zehn Kilometer mit einer Blase gelaufen ist, weiß, daß ein solches Wehwehchen im Handumdrehen an die Belastungsgrenze führt.

In Bad Münstereifel wird es kritisch, ich merke, daß ich anfange zu humpeln. Der Plan: zurück zu den schweren Schuhen, dem Problem der Druckstellen durch Weglassen des zweiten Sockenpaars zu begegnen. Ein Griff der erfahrenen Masseurin, mit der ich das Glück habe, diese Wanderung zu machen, auf einer Bank an einem Brunnen, umgeben von Samstagsgreisen, die die Hauptstraße entlanggehen und zumeist -rollen; der Schuhwechsel; und plötzlich ist es, als habe K. den Schmerz aus dem Zeh gezogen, zusammengeknüllt und in den Abfalleimer geworfen. Das Gehen mühelos, kaum ist der Schmerz weg, fühlt man sich wie ein junger Gott. Die zehn Kilometer von heute früh sind vergessen, nun wollen die restlichen zwanzig bis Blankenheim gegangen sein.

Die Kellnerin im Café «Printenhaus» hat auch mal Christoph und mich bedient. Ich neide ihr die zünftigen Schuhe und mag ihren breiten Mund über dem kräftigen Kinn.

Der neben dem Treppchen abgestellte Rollator; davor ein Hundenapf. Als habe jemand die Blechschale der durstigen Gehhilfe hingestellt.

Alte Jahre, seltsam unberührt. Damals, sagen wir schon einander und gehen auf alten, auf sehr alten Wegen. Aber wir sind nicht mehr die von damals. Wir haben unser eigenes Leben miteinander aus dieser Vergangenheit abgezweigt; und schauen zurück auf zwei, die uns merkwürdig ähnlich sind, aber uns nicht kennen, erst noch wir werden müssen. Was für eine Aufgabe, denke ich. Ich erinnere mich an ein Photo, durch eine Hecke aufgenommen. Irrtum des Autofokus, die Hecke ist scharf, die Landschaft, das Hauptmotiv der Ferne, verschwommen. Die Hecke ist noch da, die Wege. Die Bürstenfrisur eines Gehölzes auf einem Hügelkamm. Er sah damals genauso aus. Wir leben schon in einer Zukunft, die von damals aus nicht faßbar war. Am Ende eines langen Schattens, der uns geworfen hat und weiter wirft.

112 Meilen (2)

Ein kleines Privatarboretum in einem Garten: Bei der Magnolie denkt man sich noch nichts. Dann aber kommt ein Tulpenbaum in den Blick, der auf einen Amberbaum verweist, hinter dem sich ein Ginko verbirgt. Starr wie Soldaten stehen die Zypressen, aufrecht bis zur Ohnmacht. Fremde Pflanzen, ebenso wenig einheimisch wie die Millionen Fichten in den Mittelgebirgen. Ein Ginko fällt noch auf, die Fichten hält man schon für echten Wald.

Hallimasch, ganze Kolonien davon, rot schimmernde Wülste und Knorpel, als lauschten chthonische Zwerge in die Oberwelt hinaus.

Th. an der U-Bahn-Station Wiener Platz. Breites Grinsen im schmalen Gesicht. Seltsam, so aus der Welt gefallen zu sein. Th.s Arbeitsalltag beginnt, wo wir aus unserem aussteigen, am selben Ort. Ihr kleiner Stadtrucksack, unser Marschgepäck. Ihre Jeans und leichte Jacke, unsere Stiefel, Wollsachen, Hüte, K. und ich stehen vor diesem leichten Grinsen da wie zwei gepanzerte Fahrzeuge.
Keine drei Kilometer von hier habe auch ich mein Büro, das heute leer bleiben wird.

Immer wieder Heimweh. Die Bahnfahrt nach Walberberg, der Gang auf den Villerücken, noch durch unbekanntes Gelände, aber dann die Begegnung mit dem Straßenzug, dem Turm, dem Hohlweg, der Burg vom vergangenen Sonntag, zum Greifen nah die Normalität eines Sonntagnachmittagskaffees am eigenen Tisch zu Hause. Ich sehne mich wie ein Verbannter beim Abschied. Später dann die graue Linie meines Heimatwalds, zwei Stunden höchstens zu Fuß, im Lauftempo halb so weit. Drei Stunden später wären wir zu Hause.

Drei Stunden später sind wir hinter Heimerzheim, unbekannte Wege. In der Ferne immer noch Wegmarken, die auf zu Hause zeigen, der weiße Turm zu Buschhoven, er bleibt sichtbar, bis wir fast angekommen sind am Etappenende, als wäre er uns gefolgt, als könnte auch die Heimat nicht von mir lassen. Ich stelle fest, daß das ein ganz schön großes Gebiet ist, die Heimat. Selbst das, was ich auf eigenen Füßen abgewandert bin, ist von einem Ende zum nächsten mehr, als man an einem Tag schaffen kann.
Morgen die Versuchung von Bahnhöfen.

Wie die Luft hinter einem vier Meter hohen Turm aus Stroh anders ist. Es weht kein Wind, den die Strohwand abhalten könnte. Es ist, als sei die Luft ein Ton, der um ein paar Schwingungen sinkt, wenn man hinter den Strohturm tritt, als werfe der einen Schatten ins Klanglicht.

Dörfer, die keine Dörfer sind. Häuser, die sich zwischen zwei Ortsnamenschildern um eine Straße sammeln, sind kein Dorf. Wir sind müde, wir lechzen nach Kaffee. Straßen sind nicht eßbar; Autos auch nicht. Im Herbstlicht zerfallen die Farben zu Laub.

K. macht ausgiebig Bilder von einer abgestorbenen Eiche. Dutzende Höhlen, Spalten, Klüfte, alle bewohnt. Staub, Holzmehl, trockene Dunkelheiten. Rückseiten von Spinnen. Der Bach macht kein Aufhebens von sich, braunes Wedeln von Steinen. Jogger treffen sich zum Wettkampf. Mehr Heimweh. Hier, auf diesem Weg, habe ich auch schon trainiert. Das paßt alles in einen Samstagmorgen hinein. Unser Weg führt weit darüber hinaus. Und weiter. Und fort.

Wieder aufs Feld, wo der Himmel ausbricht wie eine Epidemie.

Ende des Tages. Ein Wohnwagen, Staub, Moder, Spinnennetze, die in unserem Atem leise wallen. Meine Bereitschaft zum Spartanischen, merke ich, endet beim Schmutz. Ich denke über Schmutz nach. Ein Klumpen Walderde, Schäben, Stroh, welkes Laub, Fichtennadeln, Sand sind kein Schmutz. Hausstaub, Spinnenweben, Moderbrösel, Putzplacken, Mörtelbrocken sind Schmutz.
Ich lege mich auf unser Lager, als wäre mein ganzer Körper spitze Finger. Stocksteif.
Glocken einer fernen Kirche. Stimmen, Gepolter aus dem benachbarten Wohnwagen. In der Tür Eimer, ein Schuppen. Verquollenes Holz, Verfall. Fahrräder unter einer Plane. Ich fröstele. Morgen dreißig Kilometer.
Schlaf zwischen Ekel und dunklem Vergessen. In jedem Wachmoment der Schimmelgeschmack auf der Zunge, und ich muß wieder an das Haus mit den Spinnen denken. K.s schlafender Körper nah, vertraut, sauber, ein behaglicher Trost im Unbehaglichen.
Seltsam beruhigend, als käme darin irgendetwas in Ordnung, was vorübergehend aus dem Lot war: die Liebesgeräusche – das Rumpeln, Iris’ leises Seufzen, später Huberts Lachen – aus dem benachbarten Wohnwagen der Gastgeber. Ich schlafe.

112 Meilen (1)

Am Rande der Großstadt ankommen, der bekannten, der unbekannten, der oft durchfahrenen.
Linie 260, Linie 4, die Straßenzüge vertraut, aber jetzt wie aus der Froschperspektive, als wäre man geschrumpft, als kröche man auf allen Vieren. Aus dem Feld, aus dem Wald, naß und verdreckt und müde von neun, zehn Stunden Marsch auf die Straße treten und plötzlich als Fremder in die gestern erst verlassene Welt zurückkehren, wie das eigene dunkle Haus bei Nacht, in fremdem Gewand, durch die Terrassentür: In jedem schäbigen Waldgasthof in der Einöde wäre man heimischer als hier, nach einem Tagesmarsch keine Stunde Zugfahrt von der eigenen Wohnung entfernt.

***

Das windschiefe Fachwerkhaus in dem kleinen Weiler unweit der Bundesstraße, mühsam richtet es sich eigens für uns auf dem Ellenbogen auf. Ich denke an die Spinnen im Keller des Hauses, das wir gestern besichtigt haben. Wie die Schatten an der Wand die transparenten Spinnenleiber in die Luft projizierten wie holographische Fresken.

***

Ein Rind, das im Galopp auf uns zustürmt, ein anderes, auch im Galopp, das vor uns flieht. Beide irritiert von unseren Regenponchos. Ein Phänomen, das uns wieder und wieder begegnen wird. Ich summe in Gedanken einen Tanzsatz eines unbekannten Künstlers, den ich neulich im Radio gehört habe. Es wird mein Soundtrack für die nächsten 112 Meilen.

***

Der freundliche Kellner in Unterburg teilt uns bedauernd mit, daß es den ganzen Tag regnen wird. Wir lassen uns, noch halbwegs trocken, unser Lachsfrühstück schmecken. Später die Sengbachtalsperre. Der Wasserspiegel geschwollen wie ein entzündetes Auge. Die Staumauer aufgequollen, als wäre es Pappe. Ingenieure, die irgendwelche Messungen durchführen, kommen uns entgegen, die Jacken noch trocken. Blick in eine Art Wachturm an der Mauer. Durch die halboffene Tür sichtbar ein schmaler, erleuchteter Innenraum, Schreibtisch, Lampe, elektrische Geräte. Das Gemütliche einer solchen Arbeit. Stifte, Papier, Daten. Konzentration. Draußen der Regen. Regen. Irgendwo wird es Kaffee geben, kochendheiß aus einer Thermoskanne.
Das Südufer ist steil, der Weg matschig. Nasse Buchenzweige schlagen uns ins Gesicht, während wir aus dem Tal kriechen. Oben wartet der nächste Schauer.

***

Die Ränder der Feldwege lösen sich auf wie Papier; wenn der Wind auf die Forste drückt, spritz das Wasser heraus wie aus Schwämmen. Kirchtürme ducken sich unter die Spitzdächer, die Schallfenster der Glockenstühle zu Schlitzen geschlossen. Keine Glocken. Die Rinder glotzen. Zwei Kälber saugen am Muttereuter, ihr Hunger unbeeindruckt vom Regen. Wir verlaufen uns. Dicke Tropfen fallen auf das, was von der Karte noch übrig ist.

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An der Bushaltestelle, wo wir Pause machen, geschützt vor dem Regen, nicht vor dem Wind, rutscht mir der Rucksack von der Bank, und das Brot, gottlob verpackt, fällt in einen Speichelteich, den ein gelangweilter Teenager dort angelegt hat. Schon leicht genervt vom Regen, der durchweichten Karte, der Ungerechtigkeit des Himmels, der uns ausgerechnet am ersten Wandertag Dauerregen beschert, brülle ich «Barbaren!» in den Regen hinaus. Das vielleicht zwölfjährige Kind, das auf den Bus wartet, den wir ignorieren werden (zu stolz; außerdem geht er in die Gegenrichtung), hat auf der Wange eine riesige, schwarze, gerade, vom Mundwinkel bis zur Schläfe reichende Narbe. Aufgemalt, als wäre schon Hällowien oder Karneval. Neben der Speichelpfütze liegt eine abgenagte Kuchenrinde.

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Eine Birne, ein Stück Schokolade, keine Muße, richtig Pause zu machen. Der Lärm der Straße pustet uns entgegen, man versteht sein eigenes Wort nicht, wir kauen stumm, mit klammen Fingern, auf der harten Schokolade. Schwertransporter, gefolgt von einer Schlange Autos, gefolgt von einem noch schwereren Schwertransporter. Die Reifen spritzen, der Grund bebt. Die aus dem Busfenster betrachtet so ruhige, ja beschauliche Landstraße (im besten Sinne des Wortes eine Landstraße, erweist sich als mörderisch, wenn man selbst ruht und ihr zusieht.

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Der freundliche Mofafahrer, der gerade in dem Moment nach Hause kommt, wo wir, eine druckfrische, aber bereits veraltete Karte in Händen, vor zugesperrten Zäunen und Haustüren stehen, vor die uns die Karte geführt hat, und nicht weiterwissen. Wir lassen uns den Weg zeigen. Ein Maisfeld. Und noch eine Landstraße. Im letzten Waldstück hört der Regen auf.

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(In der Unterkunft hört man die Linie 4 hinterm Grundstück vorbeifahren. Ein paarmal bin ich da selbst drin gesessen. Und wußte nicht, daß ich dort vorbeifuhr, wo ich später im Jahr im Bett liegen, und dies schreiben würde.

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Wir essen zu Opernklängen. Antipasti. Taglerini mit Lachs und rosa Pfeffer. Totmüde ins Bett. Im Bad tropfen die Ponchos.

Irrlichter

Plötzlich, beim Queren des Hauptwegs, blitzt rechts von mir das Doppelauge eines Autoscheinwerfers in der Tiefe des morgendunklen Waldes auf. Ein Ärgernis, das keine Seltenheit ist. Ich laufe weiter, vielleicht hundert Meter, das Licht verschwindet hinter den gestaffelten Hindernissen der Bäume, bis zur nächsten Kreuzung, wo es, großzügig aufgeblendet, man ist hier ja alleine, abermals von rechts über meine Wange flammt, aus der Linie des speichenartig vom ersten fortstrebenden zweiten Hauptwegs heraus mich zielsicher trifft: der Fahrer ist dort vorne abgebogen, sein Licht meiner Laufrichtung gefolgt, wie ein Radarstrahl nach mir tastend; die Scheinwerfer halten voll auf mich drauf. Ich bleibe stehen und blende einen Moment mit der Stirnlampe frech zurück, ehe ich meinen Lauf, taumelnd und steifbeinig, fröstelnd, im Wissen, daß ich beobachtet werde, fortsetze. Auf einem für normale PKW unzugänglichen Pfad laufe ich halbparallel zum Forstweg, auf dem der Wagen sich langsam nähert. Auf die Entfernung und mit der geringen Geschwindigkeit machen Motor und Reifen kaum Geräusch. Laub flammt auf, Schatten graben sich in den Raum wie fliehende Tiere, die Lichtkegel raufen Baumstämme wie Pfahlbündel aus dem Dunkel und lassen sie hinter sich wieder fallen. Der Wagen wird langsamer, die Bäume im Lichtkegel scheinen sich aufzurichten. Ich stehe und leuchte zurück, gut sichtbar für den anderen als einzelner Lichtpunkt in der Schwärze des Waldes. Der Wagen hält. Zwei Lichter, meins und das fremde, starren einander entgegen. Die Bäume stehen still im Lichtkeil. Dann höre ich den Motor im Rückwärtsgang aufheulen, der Kegel schwenkt herum, streift mich, windet einen Schatten um mich, wandert weiter. Bleibt liegen. Im veränderten Winkel sehe ich die Rücklichter im Dunkel glühen; zwischen ihnen und der ausgestrahlten Kulisse des Waldes ist der Wagen selbst ein dunkler Fleck. Lichtspaten pflügen den Wald um, als sich das Fahrzeug langsam wieder in Bewegung setzt. Nur ein paar Meter, ehe es abermals zum Stehen kommt, als ließe dieses andere Licht, dieser freche fremde Schein querab in der Finsternis, keine Ruhe. Eine dunkle Angst kriecht in mir hoch. Und wenn das jetzt kein Förster ist? Kein Jäger, kein Holzfäller? Keiner von den üblichen Forstverwaltern und -verwertern? Wie spät mag es sein, keine sieben Uhr. Ich denke daran, wie ich besorgten Angehörigen, wenn die mir was von Überfällen redeten, von Gefahr, und wer soll mich finden, wenn mir was zustößt, und wäre es nicht besser, ein Händie …?, wenn ich jenen Bedenkenträgern die Bedenken über meine nächtlichen Streifzüge ausgeredet habe: Wer soll denn bitteschön, so meine im Tageslicht stolze Vernunft, sich morgens zwischen fünf und sieben im Wald herumtreiben? Und wenn jemand Böses im Schilde führt – warum sollte er das um diese Zeit auf völlig vereinsamten Waldwegen tun? Ja, denke ich, wer soll denn bitteschön morgens vor sieben Uhr … Und bevor da drüben jemand aussteigen und nachsehen kann, habe ich mich schon abgewandt und laufe in den Wald hinein, weg von den Lichtern, soll ich sagen, ich fliehe? Ich fliehe.