Der Kampf um Ruhe (1)

Der Kampf um die Ruhe läßt mich manchmal Zuflucht zu seltsamen Hoffnungen und Ideen nehmen. Beispielsweise: Alle Bücher bis auf eine Handvoll verschenken, die Möbel auf den Sperrmüll geben, Wohnung kündigen und umziehen in ein Wohnmobil. Postalisch und behördlich gemeldet (in diesem Land muß ja alles seine Ordnung haben) wäre ich bei Freunden, während man mich immer gerade dort besuchen könnte, wo Licht oder Schatten angenehm fallen, der Blick aus den Fenstern erfreulich ist und wo vor allem eines vorherrscht: Ruhe.

Das einzige stehlenswerte Utensil wäre mein Laptop, das ich immer, wenn ich mein Heim verließe, mitnähme oder es, wenn ich beabsichtigte, eine Wanderung oder eine Reise zu machen oder mich sportlich zu betätigen, an meiner Arbeitsstelle ließe. Morgens führe ich mit dem Fahrrad und dem Zug zur Arbeit wie jetzt auch; mit dem Wohnmobil größere Strecken als nur von einer Oase der Stille bis zur nächsten zu fahren, käme mir nicht in den Sinn.

Bauwagen bei Bad Münstereifel

Nicht, wie man naiverweise vielleicht denken könnte, das Frisch- oder Abwasser, nicht die Stromversorgung oder die Heizung ist dabei das größte Problem. Nein, derlei hemdsärmelige Schwierigkeiten gelten mir als überwindlich, vieles von dem, was der zivilisierte Mensch angeblich haben muß, entbehrlich. Wenn Eskimos sich bei 0 °C wohlfühlen können, schaffe ich das sicher bei +4. Duschen kann man auch im Schwimmbad. Einmal die Woche reicht sowieso und ist besser für die Haut. Außerdem gibt es bei mir auf der Arbeit eine schöne Dusche. Für die Kommunikation gibt es ein Internetcafé und der piratöse drahtlose Internetempfang. Abfall wird man überall los, und Abfall zu vermeiden hätte dann plötzlich einen ganz anderen, neuen Sinn. Für das Abwasser wird sich auch was finden. Heute habe ich in der Beilage der „Süddeutschen“ gelesen, daß Miniwindanlagen schon ab 1000 Euro zu haben sind.

Nein, das größte Problem ist ein anderes, ein feineres, man ahnt es schon, es sind: die Bücher. Von denen mich zu trennen scheint mir (im Augenblick? Noch?) völlig unmöglich. Man könnte diese Situation als die praktische Instantiierung eines bekannten Fragebogenelements ansehen: Welches Buch würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen? Die berühmte Antwort Umberto Ecos, das Telephonbuch (denn mit all den Namen könnte man sich so viele Geschichten ausdenken), scheint mir etwas radikal und – bei allem Respekt für eine reiche Innenwelt – ein bißchen solipsistisch. Andererseits: Da würde sogar das Laptop ausreichen.

Über die Zeit (Seneca an Lucilius)

Immer wieder eine lohnende Lektüre: Seneca:

In hoc enim fallimur, quod mortem prospicimus: magna pars eius iam praeterit; quidquid aetatis retro est mors tenet. Fac ergo, mi Lucili, quod facere te scribis, omnes horas complectere; sic fiet ut minus ex crastino pendeas, si hodierno manum inieceris. [3] Dum differtur vita transcurrit. Omnia, Lucili, aliena sunt, tempus tantum nostrum est; in huius rei unius fugacis ac lubricae possessionem natura nos misit, ex qua expellit quicumque vult. Et tanta stultitia mortalium est ut quae minima et vilissima sunt, certe reparabilia, imputari sibi cum impetravere patiantur, nemo se iudicet quicquam debere qui tempus accepit, cum interim hoc unum est quod ne gratus quidem potest reddere.

Darin nämlich täuschen wir uns, daß wir den Tod als vor uns liegend betrachten: Dabei ist ein großer Teil von ihm schon geschehen; alles, was an Lebenszeit hinter uns liegt, hält der Tod in Händen. Mach es also so, mein Lucilius, wie du es geschrieben hast, und halte alle Stunden fest; so wird es geschehen, daß du weniger am Morgen hängst, wenn du nur erst das Heute in deinen Besitz genommen hast. Das Leben geht vorbei, während man es aufschiebt. Nichts, mein Lucilius, gehört wirklich uns, nur die Zeit ist unser eigen. Dieses einzige Flüchtige und Vergängliche gibt uns die Natur zum Besitz, und es verjagt uns daraus, wer immer will. Und so groß ist die Dummheit der Menschen, daß sie, wenn sie um wertlose oder doch sicher ersetzbare Kleinigkeiten gebeten haben, sich diese in Rechnung stellen lassen, während keiner, dem jemand Zeit geschenkt hat, der Ansicht ist, dem andern etwas schuldig zu sein; dabei ist die Zeit doch das einzige, daß niemand je zurückzahlen kann, und sei er auch noch so dankbar.

Die Stadt: Briefe. An C.

„Diese Durchschaubarkeit“, schrieb ich damals aus der Stadt an C. (und wie so vieles, was ich damals schrieb, ohne es je abzuschicken, war es genausogut an mich selbst gerichtet), „Diese Durchsichtigkeit. Das erschreckt mich. Ich will auf keinen Fall selbst– im Grunde geht es darum, mich so zu unterscheiden, daß kein Angriff mehr auf mich möglich ist. Ich bin ständig bemüht, keine Angriffsfläche für eine mögliche Karikatur zu bieten. Womit erreicht man das? Durch Einzigartigkeit. Wer sich in eine Schublade einordnen läßt, ist karikaturfähig. Und ich sehe im Grunde nur Karikaturfähige um mich herum. Selbst die, die es – unter verschiedenen Blickwinkeln gesehen – nach ganz oben geschafft haben: Professoren, Top-Manager, erfolgreiche Wissenschaftler, erfolgreiche Künstler. Noch viel mehr erfolglose. Selbst Dein Literat mit Lederjacke, der nicht wußte, was ein Schein ist, ist eine Karikatur, wenn man mit dem entsprechend geneigten Auge auf ihn blickt. Oder, und Du spottetest ja selbst, die Frau M. A., die schrieb, „ein Honorar könne man leider nicht gewähren“.

Ist das schon paranoid? Oder sind das die biergetränkten Nachtgedanken eines alternden Junggesellen, der sein Scheitern als philosophisches Dilemma verkauft? Aber zurück zur Frage.

Wofür sind wir aufgebrochen? Denn ein Aufbruch war es. Für mich jedenfalls. Lange habe ich darüber nachgedacht, was uns (nicht nur Dich und mich, sondern all die anderen, Frank, Philipp, Ruth, Kristina, …) damals angetrieben hat, wovon wir nicht nur geträumt, sondern was wir in die Hand hatten nehmen wollen, als unser. Ich wollte darüber ein Buch schreiben, eine lange Erzählung, eine Richtigstellung, ein Schlag ins Gesicht all derer, die behaupten die „Generation der heute 35jährigen“, so war die Formulierung, die mich einmal maßlos in Rage versetzt hat, uns also, schon verstanden zu haben. (Nichts haben sie verstanden!) Bis ich darauf kam, daß ich diese Frage nur für mich beantworten kann. Ich weiß nicht, was die anderen wollten. Ich weiß ja kaum, was ich selbst wollte. (Übrigens war Frank einer, den ich bewunderte. Seine Intelligenz. Seinen Stil. Seinen Überblick. Das Unbeirrbare. Seine Hingabe. In der Nacht vor der ZP noch einmal Wittgensteins Tractatus durchlesen! Sogar seine Ausweisung aus den USA habe ich bewundert. Einer der ganz wenigen. Es war eben seine Sache nicht, den Brocken, den man ihm großzügig hinwarf, zu schlucken, jedenfalls nicht unter jeder Bedingung, und dann auch noch dankbar zu schwänzeln. Aber das nur nebenbei.)

Im später, verrückt. Zwei Anmerkungen.

Elsa schrieb:

„Ich mache mir darüber auch oft Gedanken. Setze die Zäsur aber so um 1989 an. (Vielleicht fällt das sogar um die Zeit deiner Griechenlandrückkehr). Ab da ist der Turbokapitalismus richtig durchgestartet. Wie du richtig bemerkst, begann da auch die Ära nicht nur der Globalisierung (die es ohne Eisernen Vorhang vielleicht gar nicht gegeben hätte?), sondern auch des ständigen VERWEISES auf die Globalisierung. Schnitt.

Ein Beispiel: Vor 25 Jahren besaß man als Geschäftsmann, der viel unterwegs und dennoch erreichbar sein musste, ein Autotelefon, so groß wie heute ein Multifunktionsdrucker zum Scannen, Kopieren und Faxen. Das war 10.000 DM wert.
Heute hat jeder Arbeitslose mindestens zwei Handys und ist ständig mit ihnen beschäftigt. Immerhin.
Turbokapitalismus, Globalisierung und IT-Zeitalter. Kann es sein, dass der komplette Thomas von Aquin mittlerweile online verfügbar ist? Und hat uns das irgendwie weitergebracht? Ich meine, in der gesamten Gesellschaft?

Es gibt auch inwendige Gründe. Vielleicht sind wir einfach zu alt. Zu früh geboren (insgesamt natürlich zu spät, aber hier an diesem Punkt zu früh) … weil, vielleicht heißt es ja in 30 Jahren, dass wir uns nach der Neuen Rechtschreibung zurücksehnen und den schönen Handys, die „nur“ telefonieren, online gehen, fotografieren und Textverarbeitung boten? vielleicht stehen wir in 30 Jahren mit Jugendlichen in einem Fahrstuhl, die anstatt via Handy zu surfen, kybernetischen Geschlechtsverkehr haben, während wir daneben stehen?
Vielleicht sind in der Zwischenzeit aber auch wirklich alle verrückt geworden und wir sträuben uns noch allzusehr, uns einfach zu ergeben?
ABER: Gab es dieses „Narrenschiff“- Bild für die Gesellschaft nicht bereits vor Hunderten oder gar Tausend Jahren?
Also kann es nicht an uns liegen … :)))“

Du hast recht, daß es zu jeder Zeit Stimmen gab, die behaupteten, die Menschen seien verrückt geworden. Aber die Konsequenz daraus, nämlich die Vermutung, daß es dann wohl nur eine Frage der Wahrnehmung sei, was man als verrückt empfinde und was nicht, macht mich auf eine hilflose Weise zutiefst traurig. Denn dann gäbe es ja überhaupt keinen Maßstab mehr dafür, was vernünftig oder töricht, echt oder oberflächlich, ernst oder albern, bedeutsam oder banal, schön und häßlich ist. Dann ist einfach alles beliebig. Gleich gut. Egal. Macht was ihr wollt. Dann ist alles einfach nur Kampf, eine Schlacht, die diejenigen gewinnen, die am lautesten brüllen und die schrillsten Klingeltöne haben. Diejenigen, die in der Mehrheit sind, wie widerlich ihre Ansichten und Werturteile, wie gedankenlos ihre Wahl und Entscheidung für oder gegen etwas auch sein mögen. Es tut mir körperlich weh, wenn Menschen auf der Straße oder wo immer sie gehen und stehen in ihre kleinen silbernen Kästchen sprechen. Es ist nicht einfach nur, daß ich das dumm und überflüssig finde. Es macht mich krank, mitansehen zu müssen, wie alle, ausnahmslos alle, vom selben Wahn ergriffen werden; wie alle sich, unabgesprochen, darüber einig sind, wie die Welt auszusehen habe; wie niemand auch nur fünf Minuten einhält und einmal wenigstens eine wirkliche Entscheidung trifft, eine Entscheidung, der man anmerken würde, daß sie aus dem ureigenen selbstgegebenen Gesetz dieses Menschen entsprungen ist. Vielem von dem, was die Menschen so tun und lassen, scheint mir dagegen überhaupt keine echte Entscheidung vorangegangen zu sein. Man tut’s, weil’s halt alle so machen, Und weil es ja ach so praktisch ist. Die Idee, daß man aus sehr guten Gründen auf das Praktische auch verzichten kann, scheint niemand zu haben.

Was das Alter angeht, so spricht gegen Deine Vermutung, daß ich zu den Verrückten Menschen jedes Alters zählen muß; sie eint, nicht die Generation, sondern der Wahn selbst. Allerdings muß ich zugeben, daß ich das von Dir angesprochene Gefühl teile. Es ist nur eine andere Form des Grauens, über die auch noch zu sprechen wäre.

Meine Zäsur war übrigens 9 Jahre nach Deiner, also 1998. Ich habe jetzt noch einmal darüber nachgedacht und bin zum Schluß gekommen, daß es auch damit zusammenhängt, daß dies eine Zeit war, in der ich einige Ziele und Wünsche, die mich bis dahin geleitet hatten, ein für allemal verwarf. Das bedeutete, daß vieles für mich einerseits zwar irrelevant wurde, andererseits aber genau deshalb in kritischer Weise und mit unbeteiligtem Abstand beurteilbar. Vieles wurde dadurch leichter, aber ebenso viel wurde schwieriger (und quält mich bis heute). Genau an diesem Punkt begann mich zu ärgern, was vor der Zäsur möglicherweise noch als erstrebenswert für mich selbst gegolten hätte. Ein Auto zu besitzen und zu fahren, beispielsweise: Plötzlich war alles voll von ihnen, sie stanken, sie zeugten von Gedankenlosigkeit, Arroganz und Herrschaftswillen, sie nahmen mir die Vorfahrt und die Freude an der Bewegung. Das alles aber erst, seit klar war, daß ich nie eins besitzen würde. Möglicherweise würde ich heute auch das Internet für albern und verrückt halten, wenn ich nicht gerade im letzten Moment noch aufgesprungen wäre.
Es war ein Wertherscher Rückzug ins Innen, den ich damals vollzog; freilich ohne zu ahnen, daß das Außen mit aller Gewalt zurückschlagen würde.

Und damit bin ich bei Deiner entscheidenden Frage: Hat uns das alles weitergebracht? Die manchmal grandiose Kluft zwischen technischem Fortschritt und seiner Umsetzung zum Wohle des menschlichen Daseins ist mir einmal schlagend klar geworden angesichts eines Flugzeugs, das, behängt mit einer hunder Meter langen, buntbedruckten Stoffschleppe, auf der „Kodak“ oder „Fuji“ oder weiß der Geier was zu lesen war, seine trägen Runden über Köln zog. Es erschien mir plötzlich so widersinnig: Da hat es die Menschheit tatsächlich geschafft, so ein Stahldings zum Fliegen zu bringen (ich meine, zum Fliegen!), und dann weiß diese Menschheit nichts Besseres damit anzufangen, als eine bedruckte Stoffbahn daranzuhängen und ein paarmal damit über der Stadt Köln herumzuwedeln. Ich dachte: Würde morgen der Null-T-Transport oder die Zeitmaschine erfunden, würde man als erstes Null-T-Reisen zu den schönsten Stränden der Welt („… und abends sind Sie wieder zuhause!“) und Real-World-Abenteuerausflüge ins Mittelalter unternehmen. Ich meine also: Nein. Unsere ganzen Erfindungen haben uns nicht weitergebracht, außer vielleicht, das Leben hier und da angenehmer zu machen (aber nutzen wir die gewonnene Zeit?) – ich denke, das hast Du aber nicht gemeint. Es lesen bestimmt nicht mehr Menschen die Summa Theologiae, seit der Text online verfügbar ist. Freilich ist es für die, die sie ohnehin lesen würden, eine enorme Erleichterung. Aber ein größerer Schritt nach vorne dürfte für die Menschheit kaum dabei herausspringen.

stundenbuch, 5. April

Ich will mir selbst gegenüber sanfter sein, nehme ich mir vor, die hände öfter ruhen lassen, weniger vergleiche anstellen, ins licht blinzeln, den rosmarin streicheln und an die nächste wanderung denken. es gibt so viele orte, an denen sich ein zelt aufschlagen läßt. Laß die anderen weiterhasten, sage ich mir, hier, in diesem augenblick, in einem vogelruf zwischen jetzt und jetzt, im fallen einer tür, weder auf noch zu, da bist du zuhaus.

aufräumen

du fragst, wie es mir geht — ganz gut, glaube ich. ich bin immer vorsichtig mit beurteilungen meines eigenen zustandes, aber ich kann wohl sagen, daß es mir gut geht. die vorlesungszeit geht diese woche zuende, ein sehr schwieriges semester liegt hinter mir, ich habe die klausur gut bestanden und obendrein kann ich im frühjahr die magisterprüfung ablegen.

Gang

ich habe das gefühl, plötzlich wieder kraft zu haben, und die luft ist plötzlich leicht und herrlich zu atmen. nichts drückt mehr auf der brust, wie es so viele wochen — und das bemerke ich jetzt erst so richtig — mir wie stein, stahl und sturm den atem nahm. ich komme mit weniger schlaf aus, das laufen macht wieder freude, und ich mache mich langsam daran, ordnung in mein leben zu bringen. mein zimmer ist der anfang. aufräumen, ausmisten, umstellen, neu ordnen, licht in winkel fallen lassen, die jahre in staubigem dunkel lagen und zähen, hemmenden schleim angesammelt haben. ich wühle drin herum und bewege gegenstände, die so lange unbeweglich waren, daß sie eine todesstarrheit um sich verbreiten. ich puste, und der staub von jahren wirbelt davon und fängt plötzlich munteres licht ein. die fenster stehen sperrangelweit auf. alles soll hell und freundlich, sauber und warm sein, und dann wird es vielleicht auch wieder hell, sauber und freundlich in mir.

Lagrange

festgefahren, toter punkt, beim schreiben, beim nicht-schreiben, beim denken gewiß, vielleicht sogar beim träumen. ich kann nicht zwei worte denken, ohne daß sich sofort das gefühl einstellt: da warst du schon einmal. mentales wiederkäuen könnte man es nennen, nur heraus kommt dabei selten etwas. nur wiedergekäutes, das nicht unbedingt, kaut man es länger wieder, besser wird. ich strampele und ziehe und zerre, aber es ist immer das gleiche lied: voraussagbares, neu geordnetes material, tabellarisches.
diesmal hab ich’s, diesmal hab ich’s, diesmal entkomme ich, dachte der hamster im laufrad.

herausgefordert

sich den gesellschaftlichen herausforderungen des Landes stellen – wenn ich so etwas schon höre. diese herausforderungen gehen von uns selbst aus. verzichten wir darauf, gibt es auch keine herausforderung und damit kein problem, dem man sich stellen müßte. da wird wieder mal so getan, als seien unsere sozialen probleme eine naturkatastrophe.

vom scheitern (1)

das wird einstweilen nirgendwohin führen, so viel sollte mir mittlerweile klargeworden sein. zwischen den koordinaten lebensglück, aufgabe, bewältigung, frist hänge ich nicht fest, sondern drehe mich im teufelskreis. die gedanken schnappen zu wie fallen. vexierbilder, zwickmühlen, karusell, geisterbahn. eins gibt sich dem anderen als lösung, die lösungen führen zur aufgabe, und am ende ist man wieder dort, wo man begonnen hat.
ernst machen birgt die gefahr des scheiterns; jeder kompromiß zielt darauf ab, ein solches scheitern zu vermeiden. netz und doppelter boden. ich habs ja gar nicht versucht. nein, ich wurde ja abgelenkt, hatte soviel um die ohren, mußte mich kümmern, war in aufgaben verstrickt, gab wichtigeres, kurz: es liegt gar nicht an mir.
also bin ich auch nicht gescheitert.

vor einigen tagen stand ich plötzlich allein im stockfinsteren hausflur, in einen seltenen augenblick der stille gehüllt. ich hatte aus der küche in mein zimmer gehen wollen und das licht im flur ausgemacht. unfähig, mich zurechtzufinden, wartete ich, bis sich meine augen an das dunkel gewöhnt hätten. umrisse erschienen. die dunkelheit bekam tiefe und raum. türrahmen und regal verdichteten sich zu linien und kreuzungen. unten trat die glastür als heller fleck auf die stufen, deren schatten sich langsam zur treppe zusammenfügten, bis der weg zur tür sichtbar war. ich wartete, bis ich alles klar erkennen konnte: die wände, die stufen, die tür. mit einemmal der gedanke. was wäre, wenn ich jetzt ginge? wenn ich jetzt die treppe hinunterstiege, die tür öffnete und hinausginge, so wie ich war, in pullover und hausschuhen? unterm mond, durch die straßen, in die dunkelheit hinaus? die tür fiele ins schloß, der schlüssel bliebe drin und weg wäre ich.
plötzlich schlug mein herz wie wild. ich holte tief atem. hier waren die stufen. unten war die tür. dahinter die welt. eine wilde furcht hatte mich gepackt, vor mir selbst, vor der freiheit, vor der möglichkeit, sich zu entscheiden. ja, was wäre, wenn ich jetzt losliefe? und plötzlich durchzuckte mich die gewißheit, daß ich es jetzt tun würde, jetzt sofort, im nächsten moment, halsüberkopf, gleich wäre ich auf und davon. es war nicht zu verhindern. ohne netz und doppelten boden.
meine füße regten sich nicht. die stille war keinen laut weitergerückt, das licht unverändert. draußen raschelte das laub wie von schritten.
der atem floß wieder, das herz schlug ruhiger. ich seufzte und schlich mich zurück in mein zimmer, siegreich und besiegt.

Performanz

Ich scheue Situationen, in denen eine performance von mir verlangt wird. Alle Arten von Gesellschaftsspielen, öffentliche Geschenküberreichungen, Ehrungen, ritualisiertes Feiern wie Hochzeiten und Geburtstage, insofern sie mit Spiel und Auftritt verbunden sind, zudem Aufforderungen wie „Erzähl doch mal einen Schwank aus deinem Leben“, sowie gespielte Dialoge in Sprachkursen sind mir ein Greuel. Das allerallerschlimmste aber: Kennlernspiele. „Wir lernen uns jetzt gaaaanz ungezwungen kennen“. Komisch. Ich könnte mir kaum eine gezwungenere Form des Kennenlernens vorstellen. Löst bei mir schlagartig den Fluchtreflex aus. Einmal mußte ich als vierjähriger in einem Sommertagsumzug als völlig alberne Biene verkleidet mitlaufen. Der Gedanke daran treibt mir noch heute die Schamesröte ins Antlitz. Ein anderer performativer Supergau ereignete sich auf einem Kindergeburtstag. Vielleicht ist das Spiel bekannt: Einer der Gäste wird als Zielscheibe der Verarschung ausgewählt (schon das ist ein Vorgang, den ich nie begriffen habe. Was ist das für ein Spiel, in dem eine einzelne Person ausgewählt wird, damit sie sich den Spott aller übrigen im anschließenden Bloßstellungsritual zuziehe?) und muß einen Moment das Zimmer verlassen, während die anderen in den Verlauf des „Spiels“ eingeweiht werden. Dann wird der Spottvogel hereingebeten, alle setzen sich im Kreis um ihn oder sie herum — und es passiert erst einmal gar nichts. Bis dem/der Ausgewählten etwas dämmert … Das ganze endet damit, daß alle in grölendes Gelächter ausbrechen, wenn die Zielscheibe endlich naiverweise das erlösende Hä-warum-macht-ihr-mir-alles-nach ausspricht. Was schon die ganze merkwürdige Pointe des Spiels ist. Ich beging damals den Fehler, daß ich mich weigerte, das Offensichtliche, nach dem alle gierten, ausszusprechen. War ich denn bekloppt? Ich hatte es begriffen, ok. Warum mußte ich es denn noch sagen? Warum mußte ich so tun, als sei ich ahnungslos? Es endete damit, daß ich für ungefähr eine Stunde ein geächteter Buhmann war. Ein Spielverderber. Weil ich mich dagegen gewehrt hatte, mich nach den Regeln eines Spiels bloßstellen zu lassen, wurde ich jetzt in Wirklichkeit bloßgestellt.

glaskugel

Seit einiger zeit lebe ich in einer geschlossenen welt. In sich selbst zurückgekrümmt, ist sie unendlich begrenzt, und jeder weg in ihr führt unweigerlich dorthin zurück, von wo man aufgebrochen ist. Man geht und geht und geht, und steht schließlich doch wieder vor der eigenen tür mit nichts als staub in der hand und falten im gesicht. Manchmal eine spiegelung: dann sieht es aus, als gäbe es ein draußen, als fiele licht aus einem raum jenseits herein, aus gewaltigen hallen. Aber wenn ich rufe, empfange ich nur immer und immer meine eigene stimme. Das licht flimmert ab und an, als bewegten sich Menschen hinter glas. Gemurmel dringt heran. Ein räuspern, eine stühlerücken, ein scharren von füßen. Eine tür geht. Und plötzlich ist alles still und das licht starr wie ein uhrglas. Wie damals, wenn man fieber hatte, und die stimmen aus einer ferne im eigenen ohr kamen, die schritte der mutter aus der küche.
Wie lange bin ich schon hier? Manchmal kommt es mir vor, ein leben lang. Manchmal denke ich, die auswege und geraden linien waren nur eine illusion, ein jugendlicher irrtum, ein traum. Und wo hätte ich denn schon hinwollen?
Oder habe ich nur solange gebraucht, um zum erstenmal wieder zum anfang zu kommen? Oder: Die strecken von anfang bis anfang werden immer kürzer. Es geht immer schneller: Bald stehe ich vollkommen still.
Manchmal ein traum: Ich spüre eine hand in meiner. Eine kühle, feste hand. Ich erhebe mich. Ein atemzug streift meine wange, ein mantel knistert. Das fenster steht auf. Es ist ganz dunkel. Irgendwo springt ein wagen an, und eine stimme sagt: komm.

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Atalante (8)

gestern abend wieder langes ringen. das zimmer halberleuchtet, die amselstimmen halb drinnen halb draußen, das klavier lange verstummt. keine botschaften, nur welt. da lag ich wieder, und um mich erhoben sich abermals die bäume, die verästelungen, die verfaltungen im raum, die maserungen der stille, und ich schlug die hände vors gesicht, als könnte ich nach innen fliehen. mich einstülpend verschwinden und zu negativem raum werden, ein knäuel das weniger ist als nichts.

ich blieb und hatte gewicht. wenn ich mich regte, knarzte das bett. das herz schlug. der atem ging. die amseln jubelten. ich glaubte nicht mehr. verlor den faden, verlor alle fäden, verlor mich selbst an das schweigen Atalantes. an ihre unbekannten gedanken. die kristalle, färbungen, schatten und schärfen ihres bewußtseins. die hieroglyphen ihres wollens.

ich kann nicht mehr, dachte ich, und es war nicht das erste mal, und auch nicht, daß ich dachte, es geht um mehr als um Atalante, es geht um mehr als um liebe, es geht um mein leben. daß dieses sich nun als etwas von Atalante untrennbares, als etwas ohne sie gar nicht denkbares anfühlt, ist nur zufall. Atalante, ob ich sie nun liebe oder nicht, ist ein anstoß, ein lupe, eine landkarte. ich halte mein gefühl für echt, aber nicht alles an schmerz und verzweiflung, die ich empfinde, hat mit ihr zu tun, und ich denke, das fügt sich alles nicht. ich darf Atalante nicht als etwas wollen, daß mir mein leben wieder geradebiegt. nicht als retterin darf ich sie lieben, sondern nur als frau. dann aber muß ich sie gewählt haben. in gelassenheit. dann muß ich sie auch ziehen lassen können, falls sie mein werben nicht erwidert. ich muß: ihr ebenbürtig sein.

und genau das kann und bin ich eben nicht.

>>supra

<<infra

und nun

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Kirschblüten parodieren sich selbst (wie jedes Jahr …)

es gibt nichts zu sprechen. weder inwändig noch auswändig. weder zu menschen noch zu pilzen, noch zu wasserfällen, falls es irgendwo noch welche geben sollte, nein, worte sind nicht, und das leben spielt sich ab zwischen pflasterstein, tastatur, bier und bett, höhepunkt der woche ist die sonntägliche masturbationssitzung. im wortsinne.

ein baufahrzeug hängt in den scheiben, unsichtbar, drängelnd. überall wird jetzt gebaut, als wüßten sie alle genau, wofürs gut ist. ich weiß es jedenfalls nicht, und so erscheint mir das alles albern und wichtigtuerisch. kirschblüte parodiert wie jedes jahr ihren eigenen kitsch. wahrscheinlich weiß sie, wofürs gut ist. aber käme nur noch auf platz zwei.

so sind die zukünfte: banal. die wege geben nichts zurück von dem, was man ihnen überließ und überläßt, tag für tag, die hoffnungen sind alltäglich und maßlos. herrlich, wie spaßhaft das alles ist. nichts verpflichtet. morgen ist ja auch noch ein tag.

irgendwas ist immer

und ich bin wieder geneigt zu denken: wenn ich DAS erst nur hinter mir hab …

aber und dann? ja, was ist dann? warum vermeine ich, dann glücklich zu sein, wenn ich VORHER doch auch nicht …

es poltern dann doch wieder die luxusmelancholien los, der künstlerschmerz, der kunst-schmerz, das leiden aus plastilin. es bekommen doch die verluste, die ängste, der liebeswunsch wieder ihre frischen farben, chamäleonblaß, wie sie jetzt sind. haben sich getarnt, glauben, ich sähs nicht.

und ich sehe es wirklich nicht, jetzt. glück als schiere erleichterung. glück als NICHTS VOR SICH HABEN. glück als das freisein von unglück oder schmerz. wie lange hält das?

„irgend etwas ist immer“

und dann: irgendwann kommt es ja doch noch einmal auf einen zu, mindestens. das größte ereignis. wie kann man sein leben wohlgeordnet und glücklich damit zubringen „istjanochzeit“ zu sagen, und es dabei nicht einmal zu denken?

aufmerksamkeit

Irgendwo hier im gebäude klappert es, wie wenn ein blech, eine lüftungsklappe, eine blende herumschlägt. hotmail bietet mir einen intelligenztest an, dessen erste aufgabe darin besteht, die tokens des buchstaben „f“ in einem kleinen text zu zählen. laut ergebnis bin ich ein genie, aber ich kannte den test schon. unter den biographien der woche sind vier angeblich berühmte menschen (von zehn), von denen ich noch nie etwas gehört habe, nicht einmal den namen: Lance Armstrong (schon mal gehört), Osama bin Laden (weiß, wer das ist), Jan Ullrich (schon mal gehört), David Beckham (?), John Travolta (schon mal gehört), Christine Licci (??), Daniel Radcliffe (???), Charles Augustus Lindbergh (jau!), Ronaldinho (??!??), Thomas Gottschalk (ach ja). außerdem ist eine person namens Kylie Minogue (??????), die ich ebenso wenig kenne wie Ronaldinho (??!??), in ein anderes Krankenhaus verlegt worden. jemand schlägt mir vor, ich solle meine freunde neidisch machen, indem ich ihnen ein photo von mir ganz entspannt in einem liegestuhl sitzend und einem „flirt an der hand“ präsentiere, ein anderer möchte unbedingt, daß ich abnehme, und die huygenssonde könnte vielleicht leben auf dem titan gefunden haben. ich putze meine brille und sehe aus dem fenster.
Der horizont umschließt die stadt mit hartem wolkengriff. regen zieht dünn und leise herab, leute ducken sich unter regenschirme, reifen rauschen. nässe läuft dunkel über plakatwände, läßt strände, flugzeuge, parfumflakons, mobiltelephone, wellnesshotelanlagen (???!!?) aufquellen. aufmerksamkeit ist ein seltsamer vorgang. wenn ihre freunde sie jetzt so sehen könnten. das auswählen wird immer schwieriger. unsere instinkte sind nicht auf ignorieren programmiert, das macht die sache im falle unerwünschter information, die gleichwohl alle scheinattribute hochwichtiger information an sich trägt, lästig. andererseits wäre unser gehirn, wollte es allem die gleiche aufmerksamkeit zollen, völlig überfordert. also ist auch das vergessen, wegsehen, ignorieren programmiert. die frage ist, worauf man sich konzentrieren will, und unter welchen umständen es gelingt. Da gehe ich tag für tag an einer bestimmten glastür vorbei. an dieser glastür klebt eine idiotische mobilfunkwerbung mit einem völlig albernen text, so albern, daß ich mir vornehme, diesen text nicht mehr zu beachten. nehme mir vor, diesen text abzustrafen mit mißachtung.
es gelingt aber nicht. jedesmal aufs neue bleibe ich dran kleben, und merke es erst, wenn ich schon dabei bin, den text zu registrieren. ab jetzt gibt es kein bafög mehr. es sei denn, sie telephonieren gern. lassen sie die pfunde purzeln. nein, ich will keine pfunde purzeln lassen, und ich will auch nicht teuer dafür bezahlen, daß ich gratis telephonieren darf. ich will nicht einmal diese aufforderung bewußt zur kenntnis nehmen. aber wie kann ich das? die schwierigkeit besteht wohl darin, einen reflex zu unterdrücken. reflexe sind unmittelbar, sie setzen kein bewußtsein voraus, sie sind von einem willen unabhängig. zeigt mir jemand eine überdimensionale nackte weibliche brust – ich bin nicht der, dessen instinkte darauf nicht reagieren (dem himmel sei dank). einmal aus dem augenwinkel erhascht, und schon hast du hingeschaut. scheinattribute hochwichtiger information. das geht ohne jede tätigkeit der großhirnrinde, dazu reicht derjenige teil unseres nervensystems, den wir mit den reptilien (1) gemeinsam haben. schlimmer noch, die großhirnrinde kommt bei diesem vorgang erst gar nicht zum zuge. die großhirnrinde reflektiert das geschehen höchstens aus der retrospektive und schreibt dann einen weblogeintrag darüber. dann ist es aber schon zu spät, und man hat den artikel, der mit den brüsten beworben wird (wahrscheinlich ein auto, oder ein reisebureau oder eine versicherung, es gibt ja so vieles, was man mit einer weiblichen brust assoziiert) schon abgespeichert.
dennoch lassen sich reflexe beeinflussen, lassen sich unterdrücken oder konditionieren. doch was, wenn der reflexauslösende reiz jeweils ein anderer ist? und möchte ich wirklich meinen brüstehinguckreflex in einen brüstewegguckreflex umkonditionieren?
eine andere möglichkeit wäre natürlich, den kanal, auf dem die aufmerksamkeitsforderung zu uns gelangt, zu meiden: keine zeitung, kein fernsehen, kein kino, kein büdchen, radio auch nur bestimmte sender, internet? um himmels willen. also verzicht auf alles, was man heute so schön „die medien“ nennt. aber das reicht nicht.
denn ganz zu schweigen davon, daß ich ja auch von bestimmten infomrationen abhängig bin: die aufmerksamkeitsforderungen werden überdies noch überall gestellt, nicht nur in bestimmten, umgrenzten und daher vermeidbaren bereichen, sie sind ubiquitär. straßen, busse, bahnen, öffentliche gebäude, plätze, parkanlagen, ja, häuserwände, ja sogar die luft ist potentieller aufmerksamkeitsforderungsraum. brüste prangen auf zeppelinen, prickelnder bierschaum ergießt sich von betonwüsten herab, ein sinnlicher mund leckt kondenswassergetrübtes speiseeis vom straßenbahnrumpf. Abgesehen davon, daß auch auf unverdächtigen kanälen plötzliche, ungesuchte information sich anheischig macht, unsere aufmerksamkeit einzufordern. man kann ja nicht einmal ein taschenbuch zur hand nehmen, ohne hinweise auf weitere publikationen des verlags registrieren zu müssen. man kann nicht einmal eine fertigpizzapackung aufreißen, ohne mit superlativen und imperativen bedrängt zu werden (versuchen sie doch auch mal unsere köstliche …). ja, noch schlimmer: manchmal wird auch das bedürfnis nach echter information heimtückisch ausgenutzt, indem beispielsweise eine nachrichtenmeldung im internet beim anklicken zunächst auf eine weitere werbeseite mit leicht variiertem angebot führt, ehe nach nochmaligem anklicken der gewünschte artikel erscheint. oder suchmaschinen blenden perfiderweise passend zum suchbegriff werbeanzeigen ein.
wäre das werben, das buhlen um aufmerksamkeit, auf vorhersehbare kanäle beschränkt, wäre es nutzlos. werben funktioniert durch die beständige unerwartete bestürmung unserer sinne. unsere aufmerksamkeit muß im handstreich genommen werden. es darf dem betrachten keine entscheidungsfindung seitens des betrachters vorausgehen. denn wer würde eigens eine entscheidung fällen, um ein werbeplakat betrachten zu dürfen?
ich nehme mir vor, wegzusehen, mehr noch, als ich das wohl schon lange gewohnt bin; manchmal habe ich sogar erfolg: ich habe es tatsächlich geschafft, nicht mitzubekommen, wer dieser Ronaldinho ist. oder sollte man eines tages mit mobiltelephonen photographieren können – es dränge diese neuigkeit mit jahrelanger verspätung zu mir durch.

(1) In streng kladistischer formulierung müßte ich natürlich so etwas wie non-avian, non-mammalian amniote“ sagen, aber ich denke mal, die leser und leserinnen wissen, welche lebewesen ich meine.

Tagfrauenauge

In der Mensa der flüchtige Aufblick über den Tellerrand plötzlich und noch mehrfach abgefangen von Frauenfremdauge, das herzlich ist und offen; Neugier zuckt hin und her, zwischen Salat und Fisch und über das Stimmengemurmelbesteckgeklirr hinweg, schlenkert weg, blitzt zurück, schaut hierhin, während der Mund dorthin spricht, und ich denke, daß vielleicht doch noch nicht aller Tage abend ist, und daß es in diesem Fall wohl noch nicht aller Nächte Morgen heißen müßte.

Das beste Stück

Gibt es einen schöneren, eleganteren, praktischeren, sinnlicheren Gegenstand, als gerade ihn? Er ist doch unübertroffen. Keine noch so ausgefeilte Technik kann ihn ersetzen, wenn es wirklich darauf ankommt. Er ist immer zur Stelle, funktioniert auch bei Stromausfall, ist nahezu unverwüstlich sowie leicht und unkompliziert zu handhaben; auch ist er pflegeleicht und meist liefert befriedigende Ergebnisse. Seine langgestreckte Form, seine Steifheit und die Glätte seiner Haut bestechen durch ihr schnörkelloses funktionales Design. Auch für das Auge ist er ein Genuß, und manch einen überkommt schon bei seinem Anblick der Wunsch, ihn in die Hand zu nehmen und damit herumzuspielen. Zwischen den Fingern fühlt er sich gut an, ganz gleich, ob er der eigene ist, oder einem anderen gehört.

Manchen Menschen genügt es, ihn ab und an zur Hand und in selbige zu nehmen; andere dagegen zögern nicht und nehmen ihn zuweilen auch gern in den Mund, vor allem dann, wenn sie nicht weiter wissen; andere wiederum stört der herbe Geruch und Geschmack, so daß sie schon der Gedanke, so etwas zu tun, ekelt; es soll aber sogar solche geben, die daran lutschen, ja, die gar darauf herumkauen – welch letzteres aber eine Unsitte und wovon dringend abzuraten ist.

Zwar ist er von Natur aus schön und praktisch und durch nichts zu verbessern; verspielte Menschen jedoch, Mädchen zumal, setzen ihm manchmal eine Gummikappe auf, die allerlei Verzierungen haben kann aber nicht muß: Noppen, Rillen, Fransen, Büschelchen, ja manche mögen es, wenn er ein Fellmützchen trägt. Derlei Zierat kann sogar sacht parfümiert sein. Erdbeere, Banane und Vanille sind gängige Noten und besonders bei Schulmädchen sehr beliebt. Doch so, wie er ist, ist er schon seine eigene Perfektion; alles, was man ihm sonst angedeihen läßt, alles, womit man ihn ersetzen mag, jede angebliche Verbesserung: sie sind doch nur zierendes Beiwerk. Deshalb wir man immer wieder auf ihn zurückkommen.

In manchen Kulturen bewahrt man ihn in einem Futteral auf. In anderen wiederum legt man nicht so viel Wert auf eine Verpackung. Jedenfalls sollte man ihn nach seinem Gebrauch wieder ordentlich verstauen.

Manchmal ist er hart, manchmal weich, je nach Bedürfnis, Anlaß und Vorhaben; am besten aber ist er zu gebrauchen, wenn er angespitzt ist. Man sollte aber hinterher saubermachen, damit nicht irgendwann jeder Ort, wo man ihn gebraucht hat, von seinen Spuren vollgesaut sei. Wird er jedoch oft und lange gebraucht, oh: so schrumpft er irgendwann und schnurrt zu einem lächerlichen Stummel zusammen. Er kann zärtlich sein und sacht, oder kraftvoll Akzente setzen; er kann ungestüm und unüberlegt sein, oder zögerlich und zagend seine Arbeit tun. Manchmal dauert es sehr lange mit ihm. Manchmal ist man schneller mit ihm fertig, als man gedacht hat. Und manchmal, ja, manchmal schafft er Werke von Bestand. Am schönsten aber ist es, wenn er eine Liebesbotschaft spricht:

13. Wut

Gestern in der Mensa einer großen deutschen Universität. Ich lege die Jacke ab, ziehe den Stuhl zurück, will mich setzen, da höre ich vom Tischende her eine durchdringende Stimme:

„.… und wißt ihr, was ich besonders gern mache? Wenn ich so’n Fahrradfahrer vor der roten Ampel noch überhole: Gaaaanz rechts ranfahren, daß der dann nicht mehr rechts an mir vorbei bis vor die Haltelinie fahren kann. Und wie die sich dann immer aaaaaauuufregen! Köstlich, sag ich euch, zum Schießen.“

Es ist beschämend, aber es gibt Momente im Leben, wo einem Spucke und Worte gleichermaßen wegbleiben. Man möchte weit ausholen und einfach nur reinschlagen. Keine Diskussion, kein demokratisches Abwägen, keine Toleranz und Freiheit-des-Andersdenkenden, nein. Einfach nur eine reinhauen.

Aber es ging noch weiter:

„Und was mich besonders nervt, das sind die Ommas und Oppas, wenn die Fahrrad fahren. Können nicht einmal mehr laufen, aber dann Fahrrad fahren.“

Ich wünschte mir eine Tonne mit Pech und einen Sack mit Federn. Riskierte einen Blick. 20jähriges Mädel. Fährt fort, mit stolzgeschwellter Brust:

„Also ich bin, seit ich 15 bin, nicht mehr Fahrrad gefahren. Da hatte ich meinen ersten Freund mit Auto.“

Wie praktisch, denke ich. Starre auf meinen Teller. Zähle langsam bis zwanzig. Versuche, an etwas Schönes zu denken, einen Rosenstrauch, eine Nachtigall, ein Morgen am Meer. Aber mir fällt leider nur ein, was man mit Pech und Federn anstellen kann, und wie die Dame am Tischende unter Johlen und Pfeifen sämtlicher anwesender Radfahrer und Mittsechziger aus der Mensa getrieben wird. Es ist in hohem Maße beschämend. Aber so war es nun einmal.

Was wäre hier zu tun gewesen? Gesetzt den Fall, man gehört nicht zu den begnadeten Scharfzungen, denen in solchen Augenblicken etwas wunderbar Bloßstellendes einfällt? Angenommen man gehört zu den ernsthaften, zerquälten, verbissenen Argumentkackern? Was bliebe? Die Person in ein sokratisch-ironisches Gespräch verwickeln und langsam aber sicher demontieren? Aber woher die Gelassenheit nehmen, wenn einem die Hände zittern vor Zorn?