Wenn ihr’s nicht fühlt … (verspätet zum Welttag des Buchs)

Daß wir in einer Welt leben, die der Nützlichkeitsgedanke in jeden Winkel hinein beherrscht, wird wieder einmal am Welttag des Buches auf traurige Weise deutlich. Traurig dabei ist nicht, daß viele Menschen gar nicht, oder jedenfalls keine Bücher, lesen. Traurig ist auch nicht, daß viele Menschen lieber Shoppen gehen oder ihr Auto putzen, als es sich mit einem Schmöker auf der Sofaecke gemütlich zu machen. Traurig ist auch nicht, daß viele Menschen sich von einer spannenden Geschichte nicht locken lassen wollen, kalt sind gegen den Zauber der Sprache, der Verführung durch ganze Welten (der Phantasie) nichts abgewinnen können. Wenn ich selbst ein glücklich Verführter bin – was kümmert mich die Sprödigkeit der anderen?

Nein, traurig ist etwas anderes, nämlich wie das Lesen von seinen selbsternannten Rettern auf seine Zweckdienlichkeit reduziert wird. Das Plädoyer von Maura Kelly im Atlantic (zitiert hier) für das Lesen von Belletristik ist typisch für diese Reduktion. „Forscher“, schreibt sie, „haben herausgefunden, daß Testpersonen, die Kafkas ‚Ein Landarzt’ gelesen hatten, […] in einem anschließenden Lerntest besser abschnitten als eine Kontrollgruppe, die nur eine Zusammenfassung des Textes zu lesen bekommen hatte.“ Und deshalb sollen wir also Lesen? Das ist ein bedauerlicher Irrtum, dem Maura Kelly hier aufsitzt. Nicht weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse falsch wären, mit denen hier und andernorts vielstimmig das Lesen propagiert wird; sondern weil eine solche Betrachtung des Lesens an der Sache vorbeigeht, den Kern dessen, was Lesen ist verkennt, und den Grund, warum die, die lesen, es überhaupt tun, ignoriert.

Der Verweis, wieviele wertvolle Spurenelemente, sekundäre Pflanzenstoffe und krebshemmende Antioxidantien in der Nudel zu finden sind, liefert allenfalls eine amüsante Nebeninformation für den, der gerade die köstliche Erfahrung von Penne alla boscaiola machen darf. Oder nehmen wir Fußball. Fußballspielen fördert die Beweglichkeit, stärkt die Kondition, ist gut für Koordination und wirkt sich als Mannschaftssportart positiv auf die Teamfähigkeit junger Leute aus. Aber niemand, der gerne Fußball spielt, geht doch aus diesen Gründen auf den Platz! Neuerdings untersucht man ja sogar die gesundheitsfördernden Auswirkungen von Sex. Aber wer ins Bett steigt, um etwas für das Herz-Kreislauf-System zu tun, dem ist, tut mir leid, echt nicht mehr zu helfen.

Und genauso verhält es sich mit dem Buch. Der Genuß der Lektüre, das Glück der langen Stunden beim Lesen, das Abtauchen in eine spannende, merkwürdige oder lustige oder gänzlich verrückte Geschichte, die Erfahrung einer Alternative zur Welt, hat überhaupt nichts mit dem Training von Empathie und Kognition, nichts mit der Förderung der sprachlichen Kompetenzen, nichts mit der Ausbildung sozialer Fähigkeiten zu tun. Aussagen über die Förderung von Kernkompetenzen berühren den Erfahrungsraum des Buches nicht einmal. Man hat den Verdacht, den Leseprogagisten gehe es eigentlich gar nicht ums Buch. Hätte den gleichen Effekt irgendeine andere Tätigkeit, würden sie halt die propagieren. Aber sich durch eine Lektüre zu quälen, weil Pädagogen und Psychologen es empfehlen, ist wie Sex haben, um die Blutgefäße jung zu halten, oder Wein trinken wegen der Antioxidantien. Das Entscheidende wird übersehen. Wer vor der Lektüre fragt, wozu das gut sein soll, braucht gar nicht erst anzufangen.

Worum geht es eigentlich? Um Bastian Balthasar Bux. Dieser leidenschaftliche Leser entwendet am Beginn des Romans Die unendliche Geschichte ein Buch mit eben diesem Titel aus einem Antiquariat. Der Grund: Bastian sehnt sich nach einer Geschichte, die niemals endet, weil am Ende des Buchs der Abschied von der Geschichte und ihren Helden immer so herzzereißend ist. Und hier ist nun eine Geschichte, die verspricht, ihm den Genuß zu bescheren und den Schmerz zu ersparen. Jeder echte Leser weiß, wie es Bastian in diesem Augenblick ums Herz ist. Was fühlt Bastian, während er, sonst alles andere als mutig, nach dem Buch greift um es zu entwenden? Ist er vom Verlangen bewegt, seine kognitiven Fähigkeiten aufzupolieren? Oder geht es ihm um etwas, wovon Maura Kelly und die Mitglieder der Stiftung Lesen nicht zu träumen wagen würden?

Mag sein, es stimmt, Lesen fördert dies und das, macht uns schlau und empathiefähig (und läßt uns, darum geht es doch wohl? im Bewerbungsgespräch besser aussehen), aber das ist nicht der Punkt. Kein begeisterter Leser, niemand, der einmal (wie Bastian) bis zum Morgengrauen aufblieb, weil es so spannend war, wird Bücher aus diesem Grund lesen. Ok, lesen ist nützlich. Aber wir lesen nicht, weil es nützlich ist. Wir würden auch lesen, wenn es nicht nützlich wäre. Vielleicht lesen wir sogar, weil es nicht nützlich ist. Und jetzt kommt’s: Wir würden sogar lesen, wenn es schädlich wäre. Denn wir sind süchtig. Lesen hat etwas mit Nicht-anders-Können, mit Begeisterung zu tun. Mit Hingabe. Mit Faszination. Kurzum, mit Leidenschaft. Und die läßt sich keinesfalls durch Hinweise auf etwaige Verwertbarkeiten wecken. Wem Wein und Rausch nicht behagen, kann sich die Antioxidantien sparen. Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen. Die Leser brauchen keinen Welttag des Buchs. Die Nichtleser auch nicht. Wozu gibt es ihn dann?

Denn warum sollte man die Leidenschaft bei Nichtlesern überhaupt wecken? Für den leidenschaftlichen Briefmarkensammler hält das Sammeln von Postwertzeichen sicher ein ebensolches Entzücken bereit wie für den Leser ein gutes Buch. Trotzdem macht sich niemand Gedanken darum, mehr Menschen fürs Sammeln zu begeistern, obwohl es wahrscheinlich die Wahrnehmung schärft und das optische Gedächtnis schult. Warum sollte man also Nichtleser ans Lesen heranführen und das frustrierende Unternehmen angehen, einen Nichtleser zum Leser zu konvertieren? Wer, außer dem Buchhandel, hat etwas davon? Die Kognitionsfähigkeit läßt sich sicher auch Schachspielen fördern. Es ist wie der verrückte Plan, mehr Hörer für die Klassische Musik zu gewinnen. (Wahrscheinlich fördert Beethoven die Empathiefähigkeit.) Als litte der Konzertbetrieb unter mangelnder Zuhörerschaft. Es gibt genug Mozartfans. Und es gibt genug Leser. Vielleicht gibt es nicht genug Käufer, die die Bücher subventionieren für diejenigen, die sie auch lesen. Aber das ist eine andere Frage. Man darf jedenfalls vermuten, daß Nichtleser aus guten Gründen nicht lesen. Wenn sie dem Lesen etwas abgewönnen, hätten sie längst damit angefangen. Bücher sind ubiquitär, sie liegen überall rum. Es gibt Leihbibliotheken und öffentliche Bücherschränke, es gibt Bookcrossing und das Projekt Gutenberg. Jeder hat heutzutage Zugang zur Literatur, und die Existenz von Büchern ist wahrlich kein Geheimnis. Wer ein Leser ist, der liest. Der braucht keine Aufforderung. Und wer nicht liest? Liest halt nicht. Und wenn schon, laßt sie. Philatelie oder Schach ist auch nicht jedermann Sache. Greif zu, schlag auf, tolle lege. Wenn du willst. Und wenn du nicht willst, spiel lieber Fußball. Das ist gut für die Kondition und die Teamfähigkeit. Warum aber sollte ich jemandem etwas Gutes angedeihen lassen wollen, das der gar nicht haben will?  Der Eifer, mit dem Nichtleser zum Buche bekehrt werden sollen, hat etwas Missionarisches. Es wird das Buch gepriesen als ginge es um nichts weniger als um das Seelenheil derer, die (noch) nicht lesen. Nichtleser scheinen ein Dorn im bibliophilen Fleisch der Literaturmissionare zu sein. Es läßt ihnen keine Ruhe.

Kinder, klar. Natürlich muß man Kindern Bücher anbieten. Dringend. Wie soll jemand herausfinden, ob Lesen etwas für ihn ist, wenn die Bücher außer Reichweite sind, in einem Alter, in dem man sie sich nicht selbst beschaffen, ja, noch nicht einmal wissen kann, daß es etwas so Wundervolles überhaupt gibt. Wer Bücher nicht früh kennenlernt, kommt dann später vielleicht auch nicht mehr auf den Trichter. Also die Bücher herangeschafft! Und den Kindern vorgelesen, solange sie es noch nicht selbst können! Aber nicht, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu stimulieren. Sondern, um ihnen nichts weniger als die Erfahrung eines Wunders anzubieten. Ob sie diese Erfahrung dann machen, ist eine andere Frage. Vielleicht läßt sie das Wunder kalt. Und halten Sie sich fest: Das wäre gar nicht schlimm. Nur die Möglichkeit, die darf niemandem vorenthalten werden. Und wer das Wunder einmal erfahren hat, wird nie wieder von den Büchern lassen.

verworren

Ich glaube, für eine wirklich schön verworrene Geschichte ist mein Geist einfach nicht verworren genug. Und verworren sollen sie sein, die Geschichten, heißt es nicht Seemansgarn spinnen? Und verheddern sich die Nornen nicht in ihrem eigenen Faden? Überhaupt, der Faden. Text bedeutet auch nichts andres als „Gewebe“. Dieses mag seine Ordnung haben, in der umfassenden Draufsicht. Aus Sicht eines einzelnen Fadens aber und seiner Umgebung herrscht ein schönes Durcheinander, in dem dennoch alles einander zusammenhält.

Das Unübersichtliche als Aufgabe. Die Kunst, sich selbst zu überraschen. Die Ordnung so gestalten, daß sie unordentlich aussieht. Dafür braucht es nicht einen verworrenen Geist, sondern mindestens zwei.

Über einem Roggenfeld

Du hast es gesagt, das Wort, hinter dem ich vermutlich die ganze Zeit her war, du hast es gesagt, es ausgesprochen, und es ist gut. Ich durfte es ja damals nicht sagen, in Ahrensburg oder wo immer es gewesen ist, daß wir auf unseren Fahrer warteten, du wolltest nicht, daß ich es sagte, und ich habe geschwiegen, obwohl nie ein Wort wahrer gewesen wäre als dieses, in jenem Augenblick. Du konntest ja nicht ahnen, ebenso wenig wie ich, obwohl alles meine Schuld war, es geahnt hätte damals, wie wenige Gelegenheiten wir noch haben würden, dieses große kleine Wort einander zu sagen. Nie wieder so wahr: Seitdem habe ich es oft gesagt, zu anderen, aber immer hat es sich dabei ein bißchen wie eine Lüge angefühlt.

Manchmal vom Zugfenster aus ein Roggenfeld, fast reif die graugrünen Halme, überall so ein silbriges Geflimmer, Wogen, die hin und her über die Ähren fahren, und dann, in einem seltenen Augenblick, läßt der Wind eine Welle einmal quer übers Feld laufen, ohne abzusetzen oder die Richtung zu ändern, von einer Ecke zur anderen, fernen; konzentriertes beharrliches Voranschreiten, und dann denke ich, Einmal, und ich denke: Einmal war es doch gut, einmal, in einem einzigen Augenblick, war alles, war wirklich alles richtig, und ich denke, Dieser Augenblick bleibt wahr, was immer geschieht, und dann ist die Welle fast ans andere Ende des Feldes gelangt, so ein Wirbel aus nichts als Licht und Luft, ohne abzusetzen, und dann will man, dann könnte man beinahe, glücklich sein.

Wunschlos glücklich

Brief von EH. Als wäre es die Antwort auf eine Frage, die ich nicht gestellt habe: „Ich lebe meine sexuellen Wünsche aus. Das kann man schließlich auch in einer Beziehung, in der man sich absolut vertraut.“
Dieses vielerwähnte Vertrauen, ich verstehe das nicht. Was meinen die Leute nur immer damit? Schließlich kann man einander vertrauen und dennoch andere Wünsche haben. Das Wünschen hat mit dem Vertrauen nichts zu tun. Man kann sogar einander vertrauen und dabei untreu sein. Kein Partner kann alle Wünsche erfüllen. Und wenn er es doch kann, diesen einen nie: ein anderer zu sein.

Diaulus

Chirurgus fuerat, nunc est uispillo Diaulus:
     coepit quo poterat clinicus esse modo.

Ehemals Feldscher, verdingt sich Diaulus fortan als Bestatter.
     Beugt er sich jetzt übers Bett, pflegt er sein wahres Talent.

(Mart. 1,30)

Nuper erat medicus, nunc est uispillo Diaulus:
     quod uispillo facit, fecerat et medicus.

Neulich war er noch Arzt, neuerdings ist Diaulus Bestatter.
     Was als Bestatter gelingt, glückte ihm auch schon als Arzt.

(Mart. 1,47)

Über einen Briefblock wandern. Noch einmal die Dimensionen des leeren Blatts vermessen. Ein Stück der wortlosen Unendlichkeit einholen mit dem abnehmenden Bleistift. Sich Sprachen ausdenken und die dreizehntönige Oktave. Die Dinge noch einmal frisch aus der Taufe heben. Alte Steine umdrehen. Dem Regenbogen neue Farben zuerfinden.

Der Zeit beizukommen versuchen.

Diesen Morgen in den Griff kriegen, bevor er einen in den Griff kriegt. Endlich die Schuhe geschnürt und ins Feld hinaus, wie in ein leeres Blatt da hineinspaziert, unter dem Himmel voller Frostblumen und den am Horizont festgeeisten Wegen.

Wo die Drähte am Firmament summen, erschauern die Hügel. Die verdorrten Alphabete abgelegter Jahreszeiten bleiben hängen im Haar. Tritte und Furchen und Schnittflächen, losgelöst von Sinn und Zeit, wie alte Kreidespuren vom letzten am ersten Tag des neuen Schuljahrs. Nicht ganz wirklich, ein Salto der Erinnerung. Frostbeeren, klatschrot, die letzten Vorräte leuchtender Farbe. Unpassend fast, wie die Vögel singen. Dreist, sich jetzt wieder zu Wort zu melden, als wäre nichts gewesen. Riesenschatten liegen quer überm Acker. Hagebutten kratzen an den Schollen. Diesen Ort hat es schon gegeben, als wir uns noch gar nicht kannten. Auch Vögel gab es da schon. Verrückt.

Die klammen Füße auf die Matte gestampft. Wieder allein in der Küche gehockt, das Kinn auf die Hand gestützt, den Abendsaum schwer an den Lidern. Der Briefblock liegt noch von gestern so da, der abgekaute Bleistift im selben Winkel, die Tasse mit ihren vielen Schichten Tannin löst sich in ihrem Schatten auf. Als wäre es schon immer so gewesen, das Jetzt ist nur ein Beispiel für Alles. Wie wäre es, dich nach so langer Zeit wiederzusehen. Den Bleistift berühren und es dann doch nicht tun. Die Unmöglichkeit der Unmöglichkeit der Liebe einsehen. Wieviele Steine noch umwenden. Der größte Irrtum. Der größte im Leben. Nie wieder wird man sich so irren, so irren können, ist das jetzt tröstlich. Kein Licht machen. Endlich nach dem Stift greifen.

Dir beizukommen versuchen mit dem weißen Blatt.

Oder dem weißen Blatt mit Dir.

Gesicher im Halbprofil, und der begonnene Tag darauf abgelegt, eine Last, die sie leichthin tragen. Geschichten zwischen den Fingern, lackierte Nächte. Der falsch frankierte Mond von gestern, retour. Und der Winter, der die Felder abkaut. Noch eine Fahrt unter falschen Zypressen. Die Gäste alle zu groß für ihre Mäntel. Schwer die Körperlichkeit, die feinen Noten von Schweiß und Regen. Im Morgen noch fremd. Einer gar mit einer arabischen Laute unter dem Arm. Flimmernde Nässe, die auf Wollstoffen ruht. Fluchtpunkte, die alle Striche und Fäden an sich saugen, Ruhepole den müden Augen. Man möchte die Hand ausstrecken und ins Licht greifen, man weiß, wie weich sich das anfühlen würde. Die Fingerspitzen, die zur Ruhe kommen wollen im kühlen Kurzschluß einer Berührung von ebenso erschöpfter, von flaummüder Haut. Scheu wie Kaninchen rutschen die Füße unter der Bank, und dann, blickauf, und zu den Fluchtpunkten der Blick, den Umrißbahnen entlang rutschend, eingetaucht in die Flächen aus pelzigem Morgen, schläfriges Geradeaus. Und jenes Gesicht, schon nahe der Tür, abgetatstet vom seitlich aus unklarer Quelle einfallenden Licht, schon im Aufschwung des Mantels und in der Abwendung inwärts bei sich, diese eine unter so vielen ins Dämmer gemeißelten Linien. Im Weggang, in der Tür. Den Rest des Tages im Grübeln über dieser Linie verbringen und dennoch niemals wissen, wer du bist. Falsch, wer du hättest sein können, dieses eine begreifen, während einem schon der nächste Morgen wie ein Strom müden Wassers durch die Finger rinnt, es ist nicht wahrscheinlich, daß die Zeit einmal für uns langsamer läuft und auf uns wartet, es ist nicht wahrscheinlich, daß wir zurecht kommen, es ist unwahrscheinlich, daß wir je die sein werden, die uns ein solcher Moment hätte zurückschenken können.

Von Ce Pe geträumt. Ein Zimmer mit Gerümpel, hohe Decke, draußen winterliche Höfe, ein ganz schmales Bett, darin räkelt sich Ce Pe und strahlt mich an, es gehe ihr so gut, beginnt sie, und ich weiß, was sie mir gleich erzählen wird, aber zuerst spricht sie von Erfolgen in Arbeit oder Ausbildung, etwas, das ihr endlich gelinge, eine Erleichterung, doch dann holt sie Luft und macht eine Ankündigung, es gebe da noch etwas anderes. Ich weiß. Ich nicke, klaube verstreute Münzen von dem ganz ganz schmalen Bett, von dieser Pritsche, sammle und stapele die Münzen zu Säulen, ich weiß, was du mir jetzt erzählen wirst, sage ich und sie nickt und erzählt von ihm, den sie vor kurzem kennengelernt hat, mit dem sie glücklich ist, und zu dem sie jetzt fahren wird, während ich noch ein bißchen auf ihrer Pritsche liegen darf, und ich freue mich für sie und spüre zur gleichen Zeit den Stich einer Enttäuschung, die erst später, beim Erwachen, schmerzen wird.

Musik im Kopf, und die Landschaft unaufhaltsam. Bewegung, Bewegung. Aufbruch und Zwischenreiche. Die Atemlosigkeit der Bahnsteige. Beton. Schienen und Beton, geborstene Erzählungen. Gräben, in die Stücke vom Horizont hineintauchen. Klang und Land im Kopf, einander widerstreitend. Lärm: der Schmerz der Entfernungen. Diese Heimfahrten immer, ihres Namens nicht würdig. Ich komme nicht nach Hause. Weil ich nicht daheim bin daheim.

Das Bild von Vater und Mutter im Flur. Winken am Fenster. Nachher, beim Auspacken aus der Reisetasche, werden die Kleider noch nach dem anderen Zuhause riechen, in meiner Wohnung nach ihrer Wohnung, nach der Wärme der Küche und dem Dampf auf dem Herd, nach Wein und schöner Seife und Willkommensein. Vier Nächte Schlaf, Wange und Stirn dem behutsamen Raum überlassen. Vor dem Einschlafen der letzte Blick hoch zu den wachenden Titeln der Bücher. Mittags den Schlüssel immer ohne Angst ins Schloß stecken.

Musik im Kopf, ein Zwang. Unter blitzschönen Himmeln wuchert fremdes Land ins Weite, wo Hochhäuser am Horizont schaben. Zahlenspiele der Krähen und Elstern. Schatten winden sich um die Hecken. Minutenlang nur Felder hinter dem Spiegel der Scheiben. Land und Land und Land. Die Einsamkeit der Telegraphenmasten in diesem blauen Triumph von Flächen, das macht mich ganz traurig. Wie diese Bögen aus Draht weiterschwingen und vervielfachte Weiten verknüpfen müssen und niemals ans Ende kommen, um Nachricht zu werden, Stimme und Wort.

Locus amoenus

Einen Ort im Wald suchen, der dich aufnehmen wird, der dich durch die Nacht tragen wird, der dich am Leben läßt. Einen Platz für Zelt und Kocherflämmchen, und wo die Bäume nachts stehenbleiben und nicht zusammenrücken, um Tuch, Gestänge und Knochen zu zermalmen, ein Ort, wo du als Fremder fremd bleiben darfst und an dieser Fremdheit nicht zugrunde gehen mußt. Ein Ort, der in der Nacht zu Hause ist, wo das Flämmchen nicht ausgeht. Du mußt ihn alleine bestehen können, den Ort. Es muß ein Ort sein, der das Alleinsein nicht gegen dich richtet, es dir nicht widerspiegelt und zurückwirft, bis du dich selbst nicht mehr kennst. So ein Ort ist auf den Karten nicht verzeichnet.
Es gibt eine Einsamkeit, die mehr ist als die bloße Abwesenheit von Artgenossen, eine Verlassenheit, tiefer und leerer als das bloße Fehlen von Anzeichen, die zumindest auf vorübergehend hausendes Leben weisen. Ein Ort kann so einsam sein, so öde, daß dieses Leere durch nichts zu füllen ist, nicht durch Töne, nicht durch Farben, nicht durch den Duft von Suppe und Wein. Es gibt Winkel im Wald, da erstirbt jedes bis dahin noch lebhafte Gespräch, und aus Flöte oder Fiedel bekommt man keinen Ton mehr heraus. Im Radio nicht einmal Rauschen. Das Mobiltelephon geht quietschend aus. Selbst das Fingrschnippen hört sich kraftlos an. Eine solche Ödnis saugt das Leben aus jeder Anwesenheit. Es höhlt dich aus, und läßt alle Kräfte, jeden Widerstand, jeden der Einsamkeit entgegengestemmten Willen ins Leere laufen und ermüden, bis Trübsal und Vergeblichkeit in jeden Gedanken kriechen und den Geist vergiften und du nichts mehr vermagst als hinzusinken und dich deiner schieren Verzweiflung zu überlassen.
Oder ein Ort, wo andere schon wohnen. Das findest du dann zu spät heraus. Eine Lichtklinge, ein Gurgeln plötzlich aufschießenden Wassers, schwingendes Schilf, Laubwirbel, und der Knall harter Hufe dringt in dein wegflatterndes Bewußtsein nur noch als der Lärm einer windumtosten Ferne vor, ehe alles erlischt und der Mond allein im Wasser kreiselt. Das Bittere einer fremden Erinnerung. Sie wird deine eigene, dein Gedächtnis, deine eigene Bitternis, ekelhaft wie ein faules Blatt, das sich dir an den Gaumen schmiegt. Gift, das ein Sonnenstrahl aufzeigt, der auf den Purpur einer Beere fällt, und wie das Bittere Klang wird in den Schnäbeln der Amseln.
Schicht um Schicht zerfällt der Umriß dessen, was bei Einbruch der Dämmerung Vegetation war, und löst sich, Ilexgestammel, das Gewürz welker Anemonen, Krüppelungen toten Holzes, die Bögen verstümmelter Buchen, löst sich voneinander und gerät in eine wimmelnde, exstatische Bewegung, die langsam, wie eiskalte Flammen, in denen das Dunkel selbst in Brand steht, Nahrung im Fernen und bald auch im Nahen findet, bis auch der Grund vor deinen müden Schuhen davon erfaßt wird und das Laub, zunächst wie von Wind und Strömung, bald von Rücken und Flossen und Tastern erfaßt, zu kochen beginnt.
Manche Orte laden dich ein, aber sie sind selten, weit verstreut liegen sie im Wald, unzugänglich, umstellt von Widerstand, man stolpert dran vorbei, man findet sie schwer. Der Blick gleitet vexiert dran ab. Ein Ort zum Bleiben darf nicht zu viele Erinnerungen besitzen. Orte mit einem großen Gedächtnis dulden kein zweites lange bei sich. Eine Nacht an einem solchen Ort, und du wirst wahnsinnig von seinen Einflüsterungen, als hättest du all das selbst erlebt, bis du nicht mehr weißt, wer du bist. Dann ist es nur ein kleiner Weg, bis du nicht mehr bist, was du warst, und an die Stelle deines Verstandes etwas ganz Neues treten muß, nur ein Rucken des Kopfes entfernt, ein Rauschen über den Wipfeln, einen Flügelstoß weit; ein unbedachtes Augenauftun steht zwischen Verlust und Verwandlung, nur ein angstvoller Herzschlag ist es dann von dir zum Baum, von dir zum Häher, von dir zum Salamander, der du wirst, der du schon bist im Augenblick, da ein Tropfen Tau deinen schutzlosen Nacken netzt.

Die Lieben, die wir schreiben

Den Stunden nachfühlen, ihrem schleppenden Gang. Eselsohren in den Minuten, daß man sie leichter wiederfindet. Die Gleichnisse zerbröckeln, den bedruckten Rest vergestern. Am Fluß, wo du ein Paar warst und ich nicht. In der Bahn, wo der Mut nicht reichte zum Knaben und der Ägypterin, und der Sommer zu groß war für die Zeitungen, die Zukunft zu groß für uns. Schleppender Zunge in den Tag hineingehechelt. So getan, als wäre alles Alles. Dabei war’s schon fast aufgebraucht. Was sollte auch danach noch kommen. Nachschriften. Kommentare zu dem Tag, in dem wir einmal zu Hause waren. Ein verhaltenes Lächeln über einen Tisch, das war schon an der Grenze zu einem ganz anderen Tag. Der nichts mehr davon enthielt. Den wir zu vergestern vergaßen. Erst später, nachdem Jahre geseufzt hatten, erinnerte sich eine Notiz an jenes Gesicht, und es war, als spräche ein verlorengegangenes Ich zu mir selbst. Ach, die Amseln am Abend. Die nie genug bekommen konnten. Die alles hatten.
Neue Namen, alte Wünsche. Spitzen wir die Bleistifte, ziehen wir die Uhren auf, lassen wir die Dämmerung ins Haus. Kehren wir noch einmal zurück zur Zukunft, die uns aus den Augen verlor. Am schönsten sind die Lieben, die wir selbst schreiben.

Costa Concordia

Wie er da liegt, dieser Koloß, riesig, gestrandet, hilflos, aber nicht ohne Gefahr, nicht ohne Harm. Ein Wirklichkeit gewordener Albtraum. Ein Schiff, kein Flugzeug, aber dieser Eindruck des Abgleitens ins Katastrophale, der zeitlupenhaft gestreckte Sturz, Verlust jeder Steuerung, das ist dasselbe wie in zahllos gräßlichen Träumen, in denen Flugzeuge knapp über Grund ins Schlingern geraten, oder plötzlich, eine Kette von Rauchwolken hinter sich lassend, hinter einem leuchtenden Horizont verschwinden und, außerhalb der geträumten Sichtweite aber trotzdem ganz gewiß, irgendwo, an einem Ort des Grauens, der ganz nah ist, zu Boden gehen und zerschellen oder etwas noch Schlimmeres, etwas Unaussprechliches anrichten. Das Riesenhafte ist auch diesen Traumbildern immer zu eigen, im Absturz, in ihrer Hilf- und Steuerlosigkeit stellen diese schlingernden Flugzeuge immer eine Gefahr für den noch so weit entfernten, niemals unbeteiligten Beobachter dar, sind sie bedrohlich und böse durch den Verlust der Kontrolle über die gewaltigen Maschinenkräfte in ihnen, die, jetzt steuerlos geworden, ihr Werk ins Zerstörerische weiterführen. Niemand entgeht, jeder ist betroffen. Aber das Zerstörungswerk steht in diesen Träumen immer nur unmittelbar bevor. Im Augenblick des Traums bahnt sich das nur gerade an, stimmt etwas nicht, stimmt auf ganz entsetzliche Weise nicht, läuft aus dem Ruder, ist schon aus dem Ruder gelaufen. Ein Stolpern im Gang der Welt, ein Riß, der durch die Gesamtheit all dessen geht, was als normal und vertraut bekannt ist. Läßt sich nicht mehr abwenden, das Zerstörungswerk nicht, der Untergang. Ist noch nicht passiert, wird aber passieren, unabwendbar. Steht auf dieser Schwelle des Untergangs, kippend, sich zur Seite neigend, ein eben begonnender Sturz, der sich unaufhaltsam fortsetzen wird, bis zum Ende.
Der größte Schrecken aber liegt in der zwar von Menschen entworfenen, im Augenblick des Versagens aber alles Menschenmaß übersteigenden Riesenhaftigkeit der Maschine.
Und jetzt, dieses Schiff. Wie es da turmhoch liegt, daß es die Sonne weithin verdunkelt. Wie sich sein Schatten übers Meer breitet, ein Loch, das die Wellen einsaugt ins Nichts der Katastrophe. Und wie diese im Vordergrund des Bildes doch recht mächtigen Wellen gegen den Rumpf des Wracks zu immer kleiner und kleiner, wie sie winzig und bedeutungslos werden vor der aufragenden Stahlwand. Und durch das Spiel von Größe und Perspektive diese Stahlwand mitsamt den Aufbauten, den gekippten, in der Schieflage noch immenser scheinenden Schornsteinen, ins korrekte und damit falsche Maß setzen. Denn da stimmt nichts mehr, was die Bezeichnung Maß verdiente. Und so, vor der Folie dieser Träume, scheint dieser gekippte Riese, diese gestürzte Stadt, die letzte Katastrophe erst noch bereitzuhalten. Sie bislang nur angekündigt zu haben.

Anschreiben gegen das Gewicht des Morgens. Gegen das Gewicht der Träume. Der geträumten. Und der nichtgeträumten. Gegen das Licht schreiben, gegen die Flut, gegen das Diktat der Zukunft. Ungleichzeitiges gleichzeitig machen.
Mittagslos, der Tag kein Tag. Etwas erfinden, das eine Morgendämmerung zu dieser Morgendämmerung werden ließe, das Beliebige einfriert, zu einer Stunde, in der man sich selbst enhalten wiederfindet.
Egal, daß der Tag sich selbst halluziniert. Wirklich sind doch nur die Gestimmtheit und die Stimmen.

Gute nacht

Wahnsinnige Gereiztheit, über alles und jeden, über die Art- und Zeitgenossen, ihre stumpfe Passivität und ihr Treibenlassen, ihren blöden Lärm (als würden sie dadurch irgend wichtiger, daß sie laute Geräusche machen); Wut über ihre Belanglosigkeit – aber auch Wut über mich selbst, und wäre ich eine Flasche, ich würde mich so gern selbst gegen die Wand schleudern; Enttäuschung über soviel Kleinmütigkeit in mir, Angst, Bequemlichkeit: Hätte ich nicht doch lieber mit dem Zelt losstapfen sollen? Zu spät! Falsch entschieden! Ich möchte am liebsten eine Flasche Schnaps in einem Zug austrinken, mir damit auf grandiose Weise selbst zu schaden – um mich hernach trefflich im Katzenjammer selber bemitleiden zu können.
Draußen rummst und kracht es, und es fühlt sich an, als wär’s erst gestern gewesen, als es zuletzt soweit war. Diese Vorhersagbarkeit: Sobald die ersten Böller im Laden sind, wird gerummst, jedes Jahr dasselbe, man könnte aus dem mählichen, dann raschen Anstieg der Explosionshäufigkeit bis Mitternacht eine Exponentialfunktion malen. Es kommt mir alles so ermüdend unabänderlich, in seiner voraussagbaren Wiederholung so abtötend schal vor.
Ich kleistere mir jetzt die Ohren zu und gehe schlafen. Gute Nacht. Nächstes Jahr wird alles anders. So wie all die Jahre zuvor auch schon.