Lange Zeit sind die Wörter nach mir schlafengegangen

Die Stimmen waren also verstummt, oder der Knabe schlief darüber ein, wie sie sich entfernten. Jedenfalls muß er geschlafen haben, denn irgendwann war wieder Morgen und das Haus hell. Der Wind kam vom Meer und brauste in den Föhrenwipfeln. In den Wald konnte man weit hineinlaufen und noch weiter hineinsehen. Nadeln brachen unter den Schritten. Moos leuchtete an Schattenrändern, und süße Heidelbeeren. Es gab Pfade und Wildnisse. Von überall war das Haus sichtbar, oder die See, oder der Himmel. Der Wald hatte Sandkrusten, Grenzen, Ränder. Die Stimmen waren verstummt. Der Wind, der in den Wipfeln brauste, er wußte nichts von ihnen. Zur Nacht hatte er gefehlt. Im Knaben klangen sie noch nach, aber nur mehr als ein Echo. Das ließ sich nicht nachsingen. Das kam falsch heraus, wenn mans versuchte. Das war wie mit „Ein Männlein steht im Walde“, das seine Schnüß nicht so richtig konnte. Und weil das so traurig war und alles, was sich nachmachen und nachholen ließ, auch gar nichts mehr zu tun haben wollte mit jenen anderen Stimmen, ihren Zauber nicht wiederbringen sondern nur weiter entrücken konnte, daß der Verlust noch schmerzhafter fühlbar wurde, versuchte es der Knabe nicht mehr, hoffte nur, die Eltern, die doch alles wußten, hätten es auch gehört, seien ihrerseits am Fenster gestanden und könnten es ihm jetzt erklären, es ihm nachsingen mit ihrer Schnüß, ihn dort hinführen, wo das hergekommen war, es ihm wiederbringen und in seine Hände geben, in seinen Besitz. Doch die Eltern konnten zwar singen wußten aber von nichts. Und der Knabe verstand da zum erstenmal das Versprechen und den Trug, die Machtlosigkeit und die Macht der Sprache; wie schlau sie war, und wie sie den Dingen der Welt nicht entsprechen wollte. Daß es etwas anderes auf sich hatte mit ihr; daß sie nur sich selbst entsprach und aus sich heraus Welten machen konnte, soviele sich nur denken ließen, Welten, in denen Frauen in strahlenden Gewändern und einem Licht in den Händen nachts singend durch einen Wald tanzten, während ein Knabe sich die Nase am Fensterglas nach ihnen plattdrückte: Das sollte er erst viel später lernen, als die Erinnerung an jene Nacht längst selbst nur mehr aus den Worten zu leben begonnen hatte, die er dafür finden würde.

Aequinoctium

Immer von weit aus verschlossenen Räumen die Glocken des Abends
    tönen von dort, wo je lehnten die Türen am Licht.
Nah ist sonst alles. Die Türme, die Mauern stehn nah und die Straßen,
    nah ist der Baum und das Schild, Wege sind nah und ein Pfad
führt vom nahen ins nächste. Nah ist dein eigener Atem,
    nah, was du ißt und trinkst, nah dir die eigene Hand.
nah sind selbst noch die Boten. Wohin du auch gehst, es ereilt dich,
    daß du dir selbst bist so nah, daß du dir niemals entgehst.
Fern nur, das wären: Geschichten. Begegnen dir selber, das willst du,
    nah sein, dem, der du warst: Fern, wie Erzählung dich hat.
Dort, wo alles dich kennt, wirst du stapfen, wenn hinter den Glocken
    leuchtet, was einst dich enthielt, fern wie von Frauen ein Blick.

Aufstehen mit dem Gefühl, daß dieser Morgen absolut keine Verwendung für mich hat.
Fragt sich, ob ich eine habe für ihn.
Der Tag und ich, wir haben uns auseinandergelebt. Wir wissen nichts mehr miteinander anzufangen. Wir leugnen einander. Und ringen dabei. Zu spät, zu früh, jedenfalls: verkehrt. Irrtum und Säumnis. Nachholen, mit Worten, was mit den Händen nicht gelang. Nach der Zeit werfen mit Phrasen. Den Rücken zur Zukunft, und auch darin noch scheitern.

Über einem Roggenfeld

Du hast es gesagt, das Wort, hinter dem ich vermutlich die ganze Zeit her war, du hast es gesagt, es ausgesprochen, und es ist gut. Ich durfte es ja damals nicht sagen, in Ahrensburg oder wo immer es gewesen ist, daß wir auf unseren Fahrer warteten, du wolltest nicht, daß ich es sagte, und ich habe geschwiegen, obwohl nie ein Wort wahrer gewesen wäre als dieses, in jenem Augenblick. Du konntest ja nicht ahnen, ebenso wenig wie ich, obwohl alles meine Schuld war, es geahnt hätte damals, wie wenige Gelegenheiten wir noch haben würden, dieses große kleine Wort einander zu sagen. Nie wieder so wahr: Seitdem habe ich es oft gesagt, zu anderen, aber immer hat es sich dabei ein bißchen wie eine Lüge angefühlt.

Manchmal vom Zugfenster aus ein Roggenfeld, fast reif die graugrünen Halme, überall so ein silbriges Geflimmer, Wogen, die hin und her über die Ähren fahren, und dann, in einem seltenen Augenblick, läßt der Wind eine Welle einmal quer übers Feld laufen, ohne abzusetzen oder die Richtung zu ändern, von einer Ecke zur anderen, fernen; konzentriertes beharrliches Voranschreiten, und dann denke ich, Einmal, und ich denke: Einmal war es doch gut, einmal, in einem einzigen Augenblick, war alles, war wirklich alles richtig, und ich denke, Dieser Augenblick bleibt wahr, was immer geschieht, und dann ist die Welle fast ans andere Ende des Feldes gelangt, so ein Wirbel aus nichts als Licht und Luft, ohne abzusetzen, und dann will man, dann könnte man beinahe, glücklich sein.

Über einen Briefblock wandern. Noch einmal die Dimensionen des leeren Blatts vermessen. Ein Stück der wortlosen Unendlichkeit einholen mit dem abnehmenden Bleistift. Sich Sprachen ausdenken und die dreizehntönige Oktave. Die Dinge noch einmal frisch aus der Taufe heben. Alte Steine umdrehen. Dem Regenbogen neue Farben zuerfinden.

Der Zeit beizukommen versuchen.

Diesen Morgen in den Griff kriegen, bevor er einen in den Griff kriegt. Endlich die Schuhe geschnürt und ins Feld hinaus, wie in ein leeres Blatt da hineinspaziert, unter dem Himmel voller Frostblumen und den am Horizont festgeeisten Wegen.

Wo die Drähte am Firmament summen, erschauern die Hügel. Die verdorrten Alphabete abgelegter Jahreszeiten bleiben hängen im Haar. Tritte und Furchen und Schnittflächen, losgelöst von Sinn und Zeit, wie alte Kreidespuren vom letzten am ersten Tag des neuen Schuljahrs. Nicht ganz wirklich, ein Salto der Erinnerung. Frostbeeren, klatschrot, die letzten Vorräte leuchtender Farbe. Unpassend fast, wie die Vögel singen. Dreist, sich jetzt wieder zu Wort zu melden, als wäre nichts gewesen. Riesenschatten liegen quer überm Acker. Hagebutten kratzen an den Schollen. Diesen Ort hat es schon gegeben, als wir uns noch gar nicht kannten. Auch Vögel gab es da schon. Verrückt.

Die klammen Füße auf die Matte gestampft. Wieder allein in der Küche gehockt, das Kinn auf die Hand gestützt, den Abendsaum schwer an den Lidern. Der Briefblock liegt noch von gestern so da, der abgekaute Bleistift im selben Winkel, die Tasse mit ihren vielen Schichten Tannin löst sich in ihrem Schatten auf. Als wäre es schon immer so gewesen, das Jetzt ist nur ein Beispiel für Alles. Wie wäre es, dich nach so langer Zeit wiederzusehen. Den Bleistift berühren und es dann doch nicht tun. Die Unmöglichkeit der Unmöglichkeit der Liebe einsehen. Wieviele Steine noch umwenden. Der größte Irrtum. Der größte im Leben. Nie wieder wird man sich so irren, so irren können, ist das jetzt tröstlich. Kein Licht machen. Endlich nach dem Stift greifen.

Dir beizukommen versuchen mit dem weißen Blatt.

Oder dem weißen Blatt mit Dir.

Die Lieben, die wir schreiben

Den Stunden nachfühlen, ihrem schleppenden Gang. Eselsohren in den Minuten, daß man sie leichter wiederfindet. Die Gleichnisse zerbröckeln, den bedruckten Rest vergestern. Am Fluß, wo du ein Paar warst und ich nicht. In der Bahn, wo der Mut nicht reichte zum Knaben und der Ägypterin, und der Sommer zu groß war für die Zeitungen, die Zukunft zu groß für uns. Schleppender Zunge in den Tag hineingehechelt. So getan, als wäre alles Alles. Dabei war’s schon fast aufgebraucht. Was sollte auch danach noch kommen. Nachschriften. Kommentare zu dem Tag, in dem wir einmal zu Hause waren. Ein verhaltenes Lächeln über einen Tisch, das war schon an der Grenze zu einem ganz anderen Tag. Der nichts mehr davon enthielt. Den wir zu vergestern vergaßen. Erst später, nachdem Jahre geseufzt hatten, erinnerte sich eine Notiz an jenes Gesicht, und es war, als spräche ein verlorengegangenes Ich zu mir selbst. Ach, die Amseln am Abend. Die nie genug bekommen konnten. Die alles hatten.
Neue Namen, alte Wünsche. Spitzen wir die Bleistifte, ziehen wir die Uhren auf, lassen wir die Dämmerung ins Haus. Kehren wir noch einmal zurück zur Zukunft, die uns aus den Augen verlor. Am schönsten sind die Lieben, die wir selbst schreiben.

Was sich zeigt

Was zunimmt, die Stunden. Was wach ist, die Glocken. Was von sich weiß, der Raum. Was abkürzt, die Straße. Was zwinkert, der Himmel. Was Krach schlägt, das Ohr. Was schläft, ein Traum. Was vergißt, ein Wort. Was wartet, eine Türschelle. Was spricht, Grammatik. Was küßt, der Regen. Was sieht, ein Fenster. Was kommt, eine Treppe. Was Liebe macht, eine Matratze. Was flackert, die Wand. Was lächelt, eine Haltestelle. Was liebt, ein Sommer. Was fortgeht, eine Treppe. Was zunimmt, die Stunden. Die Stunden. Was sich erinnert, die Jahre. Was abnimmt, der Grund und die Gründe. Was müde ist, alles.

Ein Tag wie ein…

Ein Tag wie ein zerknülltes, dann wieder glattgestrichenes Papier: Nur allzu sichtbar die feinen Bruchlinien, die Verwerfungen, die rissig unterbrochenen Tintenverläufe. Ausgelesen, weggeworfen, sich wiedererinnert. Da war noch etwas. Eine Tür, die zu früh ins Schloß fiel und so den Schlaf beendete. Ein Band, das sich aus einem Haarschopf löste. Eine Tasse mit einem Kaffeerest, nicht mehr warm, nicht mehr lau, nicht mehr irgendeinem Menschen und seinen Absichten verschuldet, so wenig, wie das Telephon etwas aufhebt von dem, dessen Zeuge und Vermittler es war. Oder die Spiegel, natürlich die Spiegel. Brüche auch hier, im Glas, überall, der Kristall vergilbt von zuviel Sonne, die sich ins Wohnzimmer stahl. Man kennt es und holt es noch einmal hervor, streicht es glatt, fügt die Wundränder einer zerrissenen Photographie wieder zusammen. Zieht das gesprungene Glas aus dem Müll, hält es so, daß im Rahmen nichts spiegelt und das Gesicht, verhärmt von Staub und Kratzern, dahinter schwach aufleuchten kann.

Wege durchs Laub: Hier auch. Hier warst du auch. Fast vergessen, liegt auf den Abmessungen der Wiese eine Patina des unerwartet Wiederentdeckten, das Wehen einer vor Jahren so, genau so schon einmal aus den Dingen sprechenden Glücksverheißung. Dieser Weg, mit dem Laub, mit dem krümeligen Licht, das sich an den Blatträndern bricht, dieser Weg, der so schön an seiner eigenen Tiefe ermüdet: Du weißt, du bist das schon einmal abgeschritten, damals schon in Gedanken versunken. Es hat das alles diesen Film aus Zeit und Ermattung, das Fundstücken in der Tiefe leergeräumter Schubladen anhaftet. Den Rest eines ehemals starken Dufts aus einem eingetrockneten Flacon. Etwas von diesen Zeugnissen vergessener Notizen, halbentzifferbarer Weisungen und Gedächtnishilfen, Gefaltetes und Zerknülltes, das es irgendwie, vergessen von dem Braus der Jahre, in einer Schublade, der Ecke eines Schränkchens, einem unentdeckten Winkel geschafft hat, zu bleiben. Und so spricht es nun ins Leere, zu uns und doch nicht zu uns, eine blinde Schrift: Triff mich heute im Park. Dein M. Bitte noch besorgen: Brot, Butter und eine Abendzeitung. Deine S. Und das Verrückte ist doch, daß es damals auch schon eine Zukunft gab. Und daß du jetzt, in diesem ehemals leeren Raum, in dem jemand auf Brot, Butter, die Abendzeitung und die große Liebe wartete, daß du da jetzt herumspazierst, in diesem Raum, der noch voller Hoffnungen, Erwartungen, Ängste war, da trampelst du jetzt über alte Wege und hast die große Liebe gefunden und wieder verloren, für jene nicht sagbar, nicht einmal denkbar: Und das wirst dann wohl du gewesen sein.

Noch einmal Sprachwandel

Wie lautet eigentlich das Präteritum von hauen?
Was ist ein Born?
Was bedeutet sich (einer Sache) verdanken?
Daß Sprache sich wandelt, ist nichts Neues mehr und scheint sogar in den Köpfen der Mitglieder der DUDEN-Redaktion begriffen worden zu sein. Daß dies ein nicht aufzuhaltender Prozeß ist, hat sich zwar noch nicht herumgesprochen, ist aber ebenso richtig. Daß Sprachwandel weder gut noch schlecht ist, diese Ansicht würden wohl wenige Sprecher des Deutschen oder irgendeiner anderen Sprache teilen. So dürften wohl nicht wenige darüber besorgt sein, daß Ausdrücke oder Flexionsformen, die doch bis eben noch, wenn auch nicht zur Umgangssprache, so doch zum normalen schriftsprachlichen Wort- und Formenschatz des Deutschen gehörten, auf einmal in der aktiven Sprachkompetenz jüngerer Menschen fehlen und zum Teil gar nicht mehr verstanden werden. Besonders erschreckend ist das, wenn der Altersunterschied gar nicht so groß ist. So wunderte sich einmal ein etwa zehn Jahre jüngerer Kommilitone über den Ausdruck streitbar („Die Sueben sind die streitbarsten unter den germanischen Stämmen“).
Es ist schlimm genug, daß man als Glieder unterschiedlicher Generationen in verschiedenen Welten zuhause ist. Schlimm genug, daß heute kulturelle Phänomene, die eine lange und reiche Tradition haben, wie etwa die abendländische Oper, nicht nur nicht mehr vermittelt, sondern, wen wundert’s, von den Jugendlichen ignoriert werden. Am Schlimmsten aber ist der beginnende Verlust einer gemeinsamen Sprache. Als Linguist weiß ich, daß diese Formulierung übertrieben und am Sprachwandel nichts zu bedauern ist (weil es nämlich keine objektiven Kriterien für „Verlust“ oder „Gewinn“ gibt). Bestimmte Erscheinungen sterben ab, andere wachsen nach. Nur weil die ersten alt sind, sind sie nicht besser, ebensowenig wie die neuen schlecht oder Zeichen eines „Verfalls“ sind, nur weil es sie erst seit gestern gibt.
Als Muttersprachler aber und jemand, der in seiner Sprache zuhause ist, der seine Sprache aufgrund ihrer Möglichkeiten schätzt, sie um ihrer ihrer Schönheiten aber auch ihrer Widerstände und Unzulänglichkeiten und erst recht um der in ihr verfaßten Literatur willen, jawohl: liebt – beunruhigt mich ein solcher Wandel, bedaure ich ihn, empfinde ich ihn als Verlust.
Zwei, die nicht dieselbe Welt bewohnen, können sich, ist nur die Sprache noch gemeinsam, über die Unterschiede ihrer Welten verständigen. Zwei die nicht mehr dieselbe Sprache sprechen, nehmen einander womöglich nur noch als Kuriosität wahr. Schwerer als das aus gegenseitigem Vorbeisehen stammende Auseinanderdriften der kulturellen Welten ist das Auseinanderdriften der Sprachen.
Was uns trennen wird, ist dann nicht mehr, daß ich bei „Homer“ an den „ersten Dichter des Abendlandes“ (Latacz) denke, jüngere Menschen aber an eine Witzfigur mit dem Nachnamen Simpson; die Trennung reicht tiefer also nur die unterschiedlichen Assoziationen zum Stichwort „Hannibal“ (Elephanten hier, Lämmer da): Was uns dann trennt, ist die Sprache, und was beunruhigt, ist der Gedanke, wir könnten einander bald nicht mehr verstehen. Keine Fremdheit fühlt sich so vollkommen an, wie die sprachliche. Man muß nicht erst unter Menschen geraten, die eine ganz andere Sprache sprechen als man selbst; muß nicht erst in die Zwangslage kommen, ein ernstes und obendrein kompliziertes Anliegen mit Händen und Füßen verständlich machen zu müssen. Es genügt, in einem Gespräch ein Wort zu gebrauchen, das der andere nicht versteht – oder über das er womöglich in Heiterkeit ausbricht. Manchmal reicht eine Aussprache, die anderen auffällt, um sich verunsichert und höchst unbehaglich zu fühlen. Ich erinnere mich, daß ich einmal wegen meiner Aussprache des Wortes Walnuß (mit langem a) und über meine Zitierform des Fragepronomens was (ebenfalls langes a) regelrecht ausgelacht wurde. Dialektsprecher in einer Hochdeutschen oder Hochdeutschsprecher in einer Dialektregion dürften dieses Unbehagen ständig spüren. Eine vermeintlich falsche oder abweichende Aussprache kann manchmal sogar zur Stigmatisierung führen oder wird zum entlarvendes Zeichen (Shibboleth). Um wieviel mehr beunruhigt es, wenn sich herausstellt, daß man gar nicht verstanden worden ist, wo doch vermeintlich ich und der andere dieselbe Sprache sprechen. Es kommt manchmal vor, daß ich gegenüber Nachhilfeschülern Übersetzungsvorschläge gebrauche, die im Wortschatz des Schülers nicht vorkommen. Das Verb trachten war ein solcher Fall.
Trachten“?? fragt meine Schülerin zurück, und ich kann deutlich die beiden Fragzeichen hören. „Trachten!“ entgegne ich, „hast du noch nie das Wort trachten gehört?“
Kopfschütteln.
„Wie in jemandem nach dem Leben trachten
Kopfschütteln.
Während das unbehagliche Gefühl, das mich bei derartigen sprachlichen Differenzen beschleicht, noch eher persönlicher Natur ist, finde ich die Vorstellung in größerem Maß beunruhigend, daß, wenn die Umwandlung von Wortschatz und Flexion in dieser Geschwindigkeit fortschreitet und nicht auf Einzelfälle beschränkt bleibt, bestimmte Kulturgüter nicht mehr rezipiert und ihre Kenntnis, Präsenz und Verfügbarkeit für den täglichen Diskurs nicht mehr vorausgesetzt werden kann.
Ein paar Wochen später sagt mir meine Schülerin entrüstet, sie formuliere ihre Aufgabe doch nicht aus, vor allem, wenn sie die Primärtexte selbst nicht verstanden habe.
Warum habe sie es denn nicht verstanden?
Na ja, wenn das so komisch geschrieben sei …
Aha, denke ich. Wahrscheinlich kamen so merkwürdige Wörter wie nach etwas trachten vor. Übrigens sagte sie nicht „Primärtext“.
Man muß sicher nicht zu Kleist oder gar Luther hinabsteigen, um Texte zu finden, die merkwürdig geschrieben sind. Wahrscheinlich ist bereits Thomas Mann merkwürdig im Sinne meiner Schülerin. Wenn aber gewisse Texte, die ein klassisch gewordenes Kulturgut befördern, nicht mehr gelesen werden, weil die Sprache darin unverständlich ist, dann greift dieses Unverständnis auch wieder zurück auf die Trennung der kulturellen Welten. Irgendwann haben wir dann vielleicht die groteske Situation, wie sie John Updike in Toward the End of Time in einer Nebenszene schildert, wo er in einer etwa hundertjährigen Zukunft ein junges Mädchen eine gekürzte und mit erläuternden Anmerkungen versehene Ausgabe eines „Klassikers des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts“ lesen läßt. Gemeint ist Noah Gordon. Weit hergeholt ist das nicht: Heute liest man an deutschen Gymnasien Das Parfum.
Ob meine Schülerin Das Parfum gelesen hat, weiß ich nicht. Der Name Christoph Willibald Gluck sagt ihr jedenfalls nichts. Der Name Jaques Offenbach auch nicht. Aber ich soll ihr ja auch Latein beibiegen, nicht die Musikgeschichte.
Vielleicht bin ich ja zu streng. Man kann nicht alles lernen, der Wissenszuwachs der Menschheit ist enorm, Selektion unabdingbar, die Konzentrations aufs Wesentliche wichtig. Schließlich muß man heute wissen, wie ein Textverarbeitungsprogramm funktioniert, wie man ein Mobiltelephon programmiert oder ein Filmchen bei Deineröhre hochlädt – das mußten wir zu meiner Zeit nicht. (Leider hat es den Anschein, daß die Fähigkeit, im Internet Relevantes von Unsinn zu unterscheiden, nicht zu diesen neuen Kernkompetenzen gehört. Jedenfalls ist die Herangehensweise derer, die mit diesem Medium aufgewachsen sind, von bemerkenswerter Blauäugigkeit.)
Ursache und Wirkung lassen sich aber auch umdrehen: Denn woher sollen bestimmte, heute auf das Schriftliche beschränkte Formen wie das Präteritum von hauen (für die jüngeren Leser: hieb) oder Vokabeln wie streitbar denn gelernt werden, wenn nicht aus den Texten, die aufgrund ihrer vermeintlichen Schwierigkeit gemieden werden? Daß diese Präteritalformen, daß diese Ausdrücke nicht mehr Teil des Sprachschatzes sind, beweist nichts anderes, als daß die Texte, in denen sie überhaupt erst begegnen, nicht mehr Teil der Lektüre derer sind, die heute in die deutsche Sprache hineinwachsen oder lernen sollen, sich mit mehr als nur dem allergröbsten Werkzeug in ihr auszudrücken: Sie sind dann nicht mehr Figuren im Sprachspiel, und insofern machen sie dieses Spiel ärmer.
Kultur und Sprache sind in diesem Sinne aufs engste miteinander verwoben. Es gibt keine lebendige Tradition ohne Kenntnis auch aus der Mode gekommener sprachlicher Form; und die Kenntnis dieser Sprachstufen wiederum versetzt erst in die Lage, literarische Traditionen zu rezipieren und weiterzutragen, daran mitzuwirken, daß der Faden nicht abreißt. Dazu scheint mir aber auch die Bemühungen von Schule und Elternhaus nicht ganz unwichtig zu sein. Irgendwo muß es eine erste Berührung, ein Hinführen geben. Als Kind haben wir noch selbstverständlich die Grimmschen Märchen im Urtext gehört. Ich bin sicher, daß das „komisch geschrieben ist“. Gestört hat es uns nicht. Hauptsache, es wurde uns vorgelesen. Selbstverständlich ist aber heute gar nichts mehr.
Daß ich nicht weiß, was ein Mudda-Spruch ist, mag noch dahingehen. Daß meine Schüler den Namen Gluck nicht mit Musik sondern mit einem Huhn verbinden – das läßt sich richten. Wir leben bereits in zwei entfernten Welten, die sich nur im Trivialen noch überlappen. Ich weiß ja auch von einem Menschen namens Bushido nur den Namen und schließe messerscharf, dies müsse ein Japaner sein. Uninformiert bin ich also ebenso wie meine Schüler. Und aus der Sicht dieser Schüler ist mein eigenes Wissen ebenso belanglos wie Bushido für mich belanglos ist. Wichtig ist wohl, daß man sich trotzdem nicht aus den Augen verliert – und daß man sich verständigt, und es einem nicht gleich die Sprache verschlägt, weil man ausgelacht wird.
Immerhin habe ich nicht erklären müssen, was eine Oper ist. Es gibt also noch so etwas wie eine gemeinsame Basis, die nicht gänzlich trivial ist. Inzwischen weiß ich auch ungefähr, wer Bushido ist.
„Dann wollen wir mal weiterlesen“, sage ich zu meiner Schülerin und beende meine Ausführungen über Christoph Willibald.
Sie aber sieht mich an mit großen Augen und fragt:
„Was ist denn eine Owertühre?“

Briefe in die Vergangenheit

Daß Du mir nicht mehr schreibst, zu den Anlässen nicht, dazwischen sowieso nicht: Das schlimme daran ist nicht, daß ich das schlimm finde, sondern daß ich es nicht schlimm finde. Denn:
Was verbindet uns noch, außer der bloßen archäologischen Tatsache, daß wir mal ein Paar waren? Was Dich mit mir verbindet, kann ich nicht sagen. Was mich betrifft, so verbindet mich mit Dir eine Erinnerung, eine Vergangenheit, mit der ich nicht abschließen kann, und diese Vergangenheit ist in gewisser Hinsicht lebendiger als die Gegenwart (ich bin versucht zu sagen: lebendiger als Du jetzt für mich bist). So weiß ich gar nicht mehr, an wen ich eigentlich schreibe, wenn ich mich zu einem Brief an Dich hinsetze. Der Schreibtisch ist so leer, als hätte nie jemand dort einen Brief geschrieben. Es scheint mir, ich schicke Briefe an einen Menschen aus der Vergangenheit, Briefe, die, wie ich fürchte, mehr an meine eigenen Erinnerungen als an eine echte Person gerichtet sind. Und zurück sind zuletzt immer Briefe gekommen aus einer Gegenwart, über die ich rätsele und mir den Kopf zerbreche, ich verstehe sie nicht. Es scheint diese Gegenwart nicht meine Gegenwart zu sein, auf jeden Fall ist es keine, die uns beide gleichzeitig enthalten könnte. Ich kann diese erratischen Hinweise (Job; Kinder; Haus) und Informationsschnipsel zu keinem Bild eines Lebens zusammensetzen, und sagen: Das ist also Deins, so lebst du also, das bist Du. Es bleibt das alles ein Job, Kinder, ein Haus. Beliebig. Fremd. Isoliert. Nichts, woran Deine urpersönliche Sicht auf die Welt, Deine ureigene Bemühung, Dich darin zurechtzufinden, kenntlich würde. Nichts, worin sich sich ein Dein Du zeigen würde.
Und jetzt kommen gar keine Briefe mehr, keine aus der Gegenwart, weder verständliche noch unverständliche. Ich nehme es zur Kenntnis. Es berührt mich nicht. Ich habe lange vergebens auf einen Brief aus der Vergangenheit gewartet, aus unserer Vergangenheit, von einem Menschen, der noch dieselbe Zeit mit mir teilt. Von dort habe ich nie wieder etwas gehört. Deshalb kann ich nicht sagen, daß mir irgendetwas fehlt. Wir könnten uns nur immer wieder unsere eigene Geschichte erzählen. Vielleicht ist es besser, es zu lassen, weil es sinnlos ist und nicht guttut, und weil das Ende häßlich war, und unseren Briefwechsel einzustellen. Vielleicht hast Du diesen Entschluß bereits gefaßt, denke ich, vor einem Jahr und länger, vielleicht hast Du eines Tages, schon am Schreibtisch, lange nachgedacht und nichts gefunden, und den Federhalter sinken lassen, aus dem Fenster gesehen, in bewegtes Laub oder Sonne oder Schindeln anderer Häuser, hast geseufzt und den Kopf geschüttelt und Papier, Feder und Umschlag wieder weggeräumt, bist aufgestanden und hinausgegangen, und vielleicht warst das gar nicht Du sondern ich war das. Ich stelle mir eine leere, spiegelnde Schreibtischfläche vor und eine Tür, die ins Schloß fällt, rufende Stimmen, die dahinter verhallen, ein unbehaustes Zimmer. Wann haben wir das letzte Mal wirklich miteinander gesprochen?, frage ich mich, und dann finde ich es doch noch schlimm.

In A. oder Bad O. (Sommer 1993)

Was man am Ende behalten haben wird:
Ein Mäuerchen. Der Ortsname: ungewiß. Bürohausfassaden, eine breite Straße, vielleicht eine Kreuzung. Wahrscheinlich viel Verkehr. Verspiegelte Fassaden. Plustriger Sommer, die Zeit schmeckt nach Ewigkeit. Ein Mäuerchen, nicht einmal das ist gewiß. Geruch nach Duschgel und frisch getrocknetem Haar, das erschließe ich mir. Später im Auto Nachrichten aus dem zerfallenden Balkanstaat, die erste, damals, vieler Krisen. Merkwürdig, was man behält. Die Fahrt eine lange Steigung hinunter, während Namen auf -ic und -vic und -cic aus dem Radio drangen. Die Autobahn gibt es ja immer noch. Und auch die Raststätte, wo unser Fahrer dich in einer Pause, beim Kaffee, fragte, wie du es geschafft habest, in Klettenberg eine Wohnung zu bekommen. Du hast vorne gesessen, und ich habe manchmal deinen Scheitel berührt, wie um mich zu vergewissern, daß du noch echt seist.
Auf der Mauer, Stunden vorher. Ich weiß noch, daß da eine Fliege war. Ich habe den Versuch gemacht, auf dem Mäuerchen, das vielleicht gar nicht existiert, dir etwas zu sagen. Ein Anlauf, eine Ankündigung. Ein verhülltes Aussprechen, eine Formulierung, die das Wort, um das es ging, nicht enthielt, so intensiv nicht enthielt, daß du es leicht ergänzen konntest. Es war da, das Wort, unausgesprochen. Ummantelt von anderen Worten, das Wort im Negativ. Aber du: Mahntest: Wie das Gebot einer Göttin, du sollst so etwas Großes nicht leichtfertig aussprechen. Nicht einmal leichtfertig aussparen sollst du es, oder, weh uns! andeuten.
Leichtfertig oder nicht, ich hätte es sagen sollen. Es war groß, aber nicht zu groß. Auf dem Mäuerchen, in dem Ort mit dem Namen mit A oder Bad O, der für uns nur Durchgang war, ein zufälliger Fleck, auf dem man nur darauf wartet, weggefahren zu werden; oder später, so viele Augenblicke.
Du hattest Angst, es könne zu groß sein, nicht standhalten, zu früh sein, und, zur Unzeit ausgesprochen, später bitter werden angesichts der Zeit, der wir nicht gewachsen gewesen wären, möglicherweise.
Nun aber: Wir waren nicht gewachsen, der Zeit nicht, dem Unausgesprochenen nicht, und also keinem Wort nicht. Doch das Wort gesagt zu haben, wäre heute nicht bitter. Bitter ist, es nicht gesagt zu haben.

Iura iuventutis

Deine Bemerkung über die Zumutungen des Bürgerlichen hat mir die Augen geöffnet. Ich habe etwas übersehen oder nicht damit gerechnet, als ich diese meine Lebensweise gewählt habe: Daß es ein Alter gibt, wo Extravaganzen, Experimente und Ausscherungen aus der Normalität in den Augen der Gesellschaft ok sind, ja sogar erwartet und manchmal auch bewundert werden; daß damit aber irgendwann Schluß ist. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein sechzigjähriger Aussteiger wird höchstens noch belächelt: Der Unverbesserliche! Meist wird er bedauert: Armer Tropf! Oder verachtet: Gescheiterte Existenz! Dann heißt es womöglich von ihm, er sei halt nicht erwachsen geworden. Habe keine Verantwortung übernehmen wollen. Ein Spinner, ein Träumer, ein Phantast. Und was der Epitheta mehr sind. Den Konformitätsdruck, der solcherart ausgeübt wird, empfinde ich zunehmend selbst, oder besser, er macht mir immer mehr etwas aus, er geht mich immer mehr etwas an, er zielt immer mehr auf mich. Aber von wem geht dieser Druck aus? Wer übt ihn aus? Wer rümpft die Nase über meine Lebensweise? Das schlimme ist: Niemand anderes als ICH SELBST. Denn meine eigene Lebensform, begegnete sie mir in anderen, wäre mir sogleich suspekt. Was ist das für ein komischer Kauz? Ist der vielleicht nicht ganz richtig? Macht der sich nicht selbst was vor? Belügt der sich nicht selbst, um sein Versagen nicht sehen zu müssen? Der komische Kauz mit der Lebenslüge indes, das bin ich selbst. Und manchmal möchte ich mich dafür hassen. Das ist die eine Seite.

Die andere ist: Wenn Lebensalternativen nur der Jugend frommen, wenn jeder Ausbruchsversuch, jedes Inanspruchnehmen der eigenen Freiheit nur an ein ganz bestimmtes Alter gebunden ist, dann führt sich der Begriff der Alternative selbst ad absurdum. Dann ist jeder solche Versuch des Nonkonformismus von Vorneherein schon wieder konform: als Teil des gebilligten Spiels. Dann ist die Alternative immer nur ein Spiel, ein Als-ob, eine Inszenierung. Dann heißt es, einer stößt sich die Hörner ab oder lebt seine Jugend aus. Wie süß! Aber wehe, jemand wagt, ernst zu machen, und das heißt: Die Sache durchzuziehen: Dann spricht man von einem Altkommunisten oder Altachtundsechziger oder einem unverbesserlichen Altöko oder sonst einem nur noch mit der Vorsilbe Alt- beizukommenden Menschentyp, und den findet keiner mehr lustig und schon gar nicht süß. Den findet man nur noch peinlich. Abgesehen von der Frage, wie man es anstellen müßte, auch als 70jähriger Kommunenbewohner noch ernst genommen zu werden in der eigenen Absicht und Lebensplanung, frage ich mich für mich selbst: Was ist los mit mir, daß ich den Abstand dazu nicht schaffe und immer mehr mit mir selbst ins Unreine gerate? Ich habe mich doch gut eingerichtet in meiner Nische, ich könnte zufrieden sein. Warum bin ich es nicht? Warum habe ich einen Blick auf andere, unter dem ich selbst zur fragwürdigen Existenz schrumpfen muß?

Greinstraße

Wie sanfte Akkorde ragen die Bäume auf und strecken die Äste in den Himmel, als träumten sie dem Beginn einer mächtigen Symphonie entgegen. Der Tag dauert und läßt sich Zeit beim dauern. Am späten Nachmittag die Sonne, selbst der Dunst beginnt jetzt zu leuchtet, das Astwerk verraucht in die Stille im Schatten des Uni-Centers.

Schläge von Baustellen erschüttern den Raum, klirren gedämpft durch die Scheiben. Zieht ein Bautrupp ab, trifft morgen ein neuer ein. Immer wird irgendwo Erde aufgebrochen, Leitungen versenkt, Absperrbänder entrollt. Gelbe Helme verschwinden in der Erde, von meinem Beobachtungspunkt aus betrachtet schweben und schwanken sie auf Augenhöhe. Es ist unklar, was da soviel gegraben wird. Aber sie graben. Überall. Mit Ameisenfleiß.

In der Dämmerung Leuchtspuren von Autos. In die Netzhaut gezeichnet, wo sie lange liegenbleiben. Ich denke mir, daß dies einmal die Zukunft war. Ich habe stapelweise alte Briefe durchgesehen, gestaunt über die fremde Hand, die einmal meine gewesen ist. Meine gewesen sein soll. Läßt es sich abstreifen, wie eine müdgewordene Haut. Sie ist müde geworden, diese Haut. Es ist einfach zuviel passiert. Zuviel, um noch einmal naiv zu sein. Zuviel gelebt, um in den Tag zu leben. Zuviel, um noch einmal lieben zu können.

Die Arbeiter graben und graben. Mittags leuchtet Butterbrotpapier in ihren schwarzen Händen. Ein Flachmann wird aufgeschraubt, macht die Runde. Der letzte schüttelt sich den übriggebliebenen Tropfen in den Mund. Jetzt graben sie wieder, die Helme auf Augenhöhe, ihre Schläge zerhacken den Abend. Ein Erdhaufen wächst daneben. Steine, verklumptes Erdreich, Stücke von Rohr, Blechsplitter, zerbrochenes Geschirr. Das Absperrband flattert rotweiß, wie ein Reigen spielender Tierkinder.

Hunde schlendern vorbei und lächeln voller Ernst mit ihren langen leuchtenden Zungen. Es gab sie schon immer. Sie waren da, als ich hier meinen ersten Tag hatte. Sie waren schon vorher da. Sie haben mich gleich erkannt, von früher. Viel früher. Vielleicht haben sie auf mich gewartet. Ich habe ihren schlanken Nacken damals bewundert mit dem schimmernden Fell, das seitwärts Schlenkernde ihres Schritts. Die Unbekümmertheit in ihrem Schnauben. Ich bewundere sie wieder. Ich hatte sie längst vergessen. Es ist unglaublich: Ich bin hier. Und wo soll ich auch sonst sein. Aber es ist unglaublich.

Dann kommt die Dämmerung. Die Nacht saugt das Gebäude leer. Oft habe ich an Fenstern leerer Gebäude gestanden wie ein Nachtwächer. Stimmen auf der Straße, die sich entfernten, nach Alaska, nach Boston, nach Hannover, nach sonstwo. Timbuktu, ich habe sie aufbewahrt, die Stimmen, die herrenlosen Worte, Bemerkungen, Rufe, Gekicher, ihr brauchtet sie ja nicht mehr.

Dies ist sie also, die erwartete, die herbeigeträumte, manchmal gefürchtete. Die spätere Zeit. So fühlt es sich also an, in einem Ausblick eingetroffen zu sein.

Paul-Schallück-Straße

Das läuft neben mir her, ein anderer, ein Deuter vielleicht, oder einfach nur ein Reflex, der entsteht, wenn Erinnerungen und Gedanken interferentielle Brechungen erzeugen. Dann wieder bin ich selbst für Augenblicksbruchteile dieser andere. Es ist ein Schweben zwischen Zeit und Identität, oder besser: Zwischen verschiedenen Stufen oder Schichten oder Schnitten derselben Identität, in Überbrückung und Überlagerung ihrer Zeitlichkeit, ihrer verschiedenen Zeitflächen und -brüchen. Ein Auslöser ist das jahreszeitliche Konzentration typischer Eigenschaften von Luft, Wind und Licht, Laub, Nässe oder auch Geräusch, ein Zusammenkommen, das sich ja nie durchhält über eine Jahreszeit, aber, für jeden je auf andere Weise, durch Vorkommnisse, bestimmte Wege oder Handlungen, Gespräche, kurz durch die ihm eigene Historizität eines gegebenen Zeitpunktes definiert ist und aus dieser Konstellation seine Kraft erhält.
Dies geschieht vermittels dieses changierenden Begleiters, der mal ich ist, mal bin ich er. Ich gehe diese Schritte noch einmal und es kann durch diese Vermittlung geschehen, daß ich sogar in alte Gedanken von mir ein zweites mal hineinspähen kann wie in eine alte, liebevoll restaurierte Tonbandaufnahme; die lichtschwache Daguerreotypie der Vorgänge, die unwiderrufbar den Wachzustand des Geistes durcheilen, mal bewußter, mal weniger bewußt.
Es ist ein Weg, den ich nicht so oft gehe, daß es sich abnutzen würde, daß er sich mit neuem vollsaugen und dann als Auslöser für mächtige Erinnerungsklarheiten nicht mehr zur Verfügung stehen könnte. In ebensolcher Weise vermeide ich das allzu häufige An- und Nachhören bestimmter Musik, mitunter habe ich seit Jahrzehnten ganz darauf verzichtet, aus Angst, die Macht der Klänge könnte sich verlieren, ihre Anbindung an einen ganz bestimmten Augenblick oder eine bestimmte Periode meines Lebens könnte sich lockern. Freilich bedeutet das, daß ich auch nicht mehr die bewußte Herbeiführung eines Erinnerungsblitzes praktiziere, mithin die konservierte Musik nie zur Wirkung gelangen kann. Insofern das, was sie auslösen könnte, schmerzlich ist, muß man sich ja fragen, warum auch? Aber alle Erinnerung, die wir auf solche Weise in Geruch oder Klang eingefangen haben und halten wollen, ist schmerzlich, sonst bräuchten wir eine solche Handhabe gar nicht. Was solchermaßen bewahrt wird, handelt immer von einem Verlust.

Warum machen die das?

Einen Marathon laufen, den Everest besteigen, die Wüste Gobi zu Fuß durchqueren, mit dem Tretboot über den Atlantik fahren – kein Gespräch über diese und ähnliche Unternehmungen, ohne daß die Frage aufkäme: Warum machen die das?

So auch neulich beim Kaffee mit Eltern und einer Freundin meiner Mutter, wir sprachen über mein Steckenpferd, und natürlich, warum mache ich das?

Klar, für den, der das nicht kennt, nicht gemacht, nicht erlebt und nicht geschafft hat, mag es höchst fragwürdig scheinen, warum man sich das antut. Zweiundvierzigkommaeinsneunfünf Kilometer in einem Stück laufen. Das bedeutet vor allem: Trainieren. Zweitens bedeutet es Training. Und Drittens klingt es wie Selbstkasteiung: Im Winter bei Regen und Schneematsch, im Sommer bei Hitze durch den Wald rennen, morgens zwei Portionen Müsli in sich hineinstopfen, damit man auf genügend Kalorien kommt, literweise Wasser trinken, nur um es grad wieder auszuschwitzen. Trainingspläne, die keine Ausrede erlauben. Tempoläufe und langsame Läufe, weite Läufe, kurze Läufe, Läufe morgens um sechs oder nachts um zehn, wenn’s nicht anders geht, dreimal die Woche, viermal die Woche, 200 Kilometer plus im Monat abspulen – nur um dann hunderzweiundzwanzigster von über 200 zu werden und mit Achundkrach bei 3:45 über die Ziellinie, nein, nicht zu laufen, wanken wäre das bessere Wort.

Der läuferische Erfolg im Wettkampf, wenn nicht Erster, so doch wenigestens Zweiter, von mir aus auch Dritter werden, das würde wohl die Strapazen nach außen rechtfertigen, hätte Bestand vor der Welt. Aber unter tausenden irgendwo als Herr Unbekannt, im Wortsinne unter „ferner liefen“, grandios unbeachtet und grandios erschöpft gegen sich selber kämpfend die Strecke zu bewältigen? Was soll’s?

Meine eigene persönlich Antwort auf diese Frage ist knapp. Sie lautet: Weil ich es kann. Aber darum soll es gar nicht gehen.

Sondern um eine beiläufig gemachte Bemerkung von A. Manche Männer, so die weltläufige Auskunft A.s, bekämen ja so im Alter zwischen vierzig und fünzig einen Rappel, früher super sportlich, seit Jahren nix mehr gemacht, der Bauchansatz unverkennbar vorhanden, der Optiker droht mit der Lesbrille, wollten sie es noch einmal richtig wissen, sich und anderen beweisen, daß sie noch knackig und jung seien und keinesfalls auf dem absteigenden Ast.

Das ärgerte mich.

Als erstes die Präsupposition, sehr wohl seien diese plötzlich so agilen Männer auf dem absteigenden Ast. Sie wollten es nur nicht wahrhaben. Dann: Ich befinde mich zwar erst an der Untergrenze zu dem von A. erwähnten Alter, aber es trifft trotzdem, und es wird mich in Zukunft noch mehr angehen, und vielleicht wird demnächst diese Vermutung auch von anderen geäußert werden, dann aber – nicht so wie bei A., die es eher allgemein dahergesagt hatte – in Bezug auf mich.

Warum ist das ärgerlich? Es klingt nach dem Vorwurf einer unlauteren Begründung, dem Auf-den-Kopf-Zusagen einer Selbsttäuschung.Es macht die marathonbegeisterten Männer zwischen vierzig und fünfzig klein, indem es diese Bemühungen in dieselbe Schublade einsortiert wie der Griff zu Haarwuchsmitteln oder die Zuflucht zum Comb-over: Es entwertet sie. Es macht ihre Ambitionen lächerlich und spricht ihnen ab, überhaupt ernstzunehmende Ambitionen zu sein. Denn für die Nichtläufer kann es ja nur einen ernstzunehmenden Grund geben, die Quälerei auf sich zu nehmen, nämlich den Sieg, den objektiven sportlichen Erfolg. Wir reden hier schließlich nicht vom Spaß.

Die Bemerkung glaubt also schon, einen Grund zu kennen und läßt diesen Grund zudem nicht gelten. Sie befindet darüber, welches ein richtiger Grund sei und welches nicht. Das ist ein bißchen wie der nervtötende Satz von Hobbypsychologen, da stecke doch mehr dahinter – als kämen sie einem bei einer Betrügerei auf die Schliche. Auf die Schliche glaubt man aber auch mir zu kommen, insofern wenigstens, als dieselbe Begründungsmaschine auch auf mich angewendet werden kann, es reicht, daß auch ich die „richtige“ Begründung (den Sieg) schuldig bleiben muß. Insofern steckt also auch bei mir mehr dahinter, darf man also Mutmaßungen über mein geknicktes Selbstwertgefühl oder meine Angst vor dem Altern und Abbauen (und wer, bitteschön, hätte die nicht?) anstellen. Und weiter noch: Auch ich lasse mich dann hübsch passend in eine Schublade einsortieren, aus denen mich kein Dementi mehr herauswinden kann. Man glaubt, nur weil ich ein bestimmtes Alter habe und ein bestimmtes Geschlecht, mich schon zu kennen. Da könnte ich mir dann den Mund fusselig reden, geglaubt wird es nicht. Schon deshalb nicht, weil alles, was man vorbringen könnte („Ich benutze Haarwasser nur für die Kopfhaut“, „Ich wende das Comb-over an, weil ich es chic finde“, „Ich benutze Kontaktlinsen nicht, weil ich eitel bin, sondern weil man verzerrungsfrei sieht“, „Ich laufe Marathon, weil ich es kann“) wie eine Rechtfertigung klingt; ebenso wie die Vermutung, das sei alles der Midlife Crisis (schon das Wort ist eine Beleididung) geschuldet, immer einen versteckten Angriff enthält.
Zu ändern ist das nicht, eine griffige Entgegnung gibt es nicht. Es bleibt nur, über den Dingen zu stehen, selbst für sich zu entscheiden, was man tut und warum, und achselzuckend zur zweiten Portion Müsli zu greifen.

Saeby

Da waren also diese Leute draußen im Wald und sangen dieses etwas alberne und doch irgendwie traurige Lied, Alouette, gentille alouette, aber für mich damals war es, konnte es gar nicht albern sein, man hat als Fünfjähriger kein Gefühl dafür, was albern oder ernst, süß oder verkitscht, aufrichtig oder hohl ist. Und im Grunde ist es ja nur ein ganz einfaches Liedchen, das sich in seiner Schlichtheit nicht verstecken muß. Schon gar nicht nachts um spät, der Fünfjährige ist erwacht, und aus seiner Sicht ist es mitten in der Nacht, sei es elf oder zwölf oder halb vier. Es war Sommer, Hochsommer, und im Norden heißt das Tageslicht bis um zehn, elf Uhr. Es war aber zu jener Stunde schon dunkel, stockfinster, bis auf, ja, vielleicht bis auf ein Licht, das, nicht nah, nicht weit, aber ungeheuer draußen, zwischen den Föhrenstämmen aufblitzte, erlosch, wieder aufblitzte, der Nacht, den Baumriesen, dem Waldraum angehörend, einem Raum, der verzaubert war, und wo in diesem Augenblick etwas Wunderbares geschah, und dieses Wunderbare war: Musik.
Es sangen da Stimmen, zwei oder drei oder vier, sangen, und vielleicht unterbrachen sie sich manchmal, um laut herauszulachen; Strophe, Gegenstrophe, Lachen, es war etwas unendlich Gelöstes, Frohes und Lustiges an diesen Stimmen, überirdisch und entrückt und doch ganz hier; und zugleich haftete ihnen ein unergründlicher Zauber an, ein heiterer Ernst, wenn es so etwas gibt: Es war etwas, die Melodie, das Heitere, das Nur-sich-selbst-Genügende, das zum Atemanhalten schön war (wahrscheinlich drückte ich mir die Nase an der Fensterschiebe platt), das nicht mir galt, das einfach passiert war, da draußen zwischen den Bäumen, und das sich, während ich lauschte und rätselte, schon wieder langsam entfernte, leiser und leiser wurde.
Es werden junge Leute gewesen sein, die angetrunken, ausgelassen und veralbert von einer Feier nach Hause gingen, und die in ihrer Ausgelassenheit beschlossen hatten, gemeinsam dieses Liedchen mit seinen anwachsenden Repetitionen (Et la tête! – Et la tête!) durch den Wald zu schmettern.
Ich weiß nicht wie lange es dauerte. Ich weiß aber, wie es mich, während ich am Fenster stand und lauschte und lauschte, in eine qualvolle Unruhe versetzte, weil ich es nicht verstand. Ich fühlte damals, daß es mir auf immer entglitte, daß ich es verlieren würde, wenn ich nicht begriff, was das war. Ich hatte die Sehnsucht, es für immer zu besitzen; ich glaubte, daß ich nur verstehen müsse, was es war, um in diesen ersehnten Besitz zu gelangen, für immer teilhaftig des wundersüßen Geheimnisses.
Was ich noch nicht wissen konnte, war natürlich, daß solche Augenblicke unwiederholbar sind, und daß man nichts daran besitzen kann, daß man schon dabei ist, sie zu verlieren, noch während sie dauern. Selbst, wenn man irgendwann weiß, wie das Lied heißt. Die Stimmen werden sich entfernen, die Laterne wird noch einmal aufblitzen, dann wird die Melodie, Et la tête! – Et la tête! Alouette! – Alouette!, in der Tiefe zwischen des Stämmen verklingen, Silbe für Silbe, vielleicht hört man noch ein Lachen, und dann auch das nicht mehr, nur noch den Wind, wie er in den Föhrenwipfeln rauscht.

Sprachen erfinden (1)

Es begann alles damit, daß ich im Frühjahr und Sommer 1984 den Herrn der Ringe las. Damals war überhaupt nicht zu ahnen, was dieses Buch mit mir machen würde. Es war nicht einmal vorauszusehen, daß cih dieses Buch lieben würde. Ich war zögerlich, ja skeptisch: Zwei Jahre zuvor hatte ich Bekanntschaft mit dem Kleinen Hobbit gemacht und ihn abgelehnt; nur auf die dringende Empfehlung einer Freundin meiner Mutter näherte ich mich noch einmal Tolkien. Wenn ich daran zurückdenke, wird mir ein bißchen schwindlig angesichts der Tragweite einer derart simplen und ephemeren Entscheidung. Ohne die Lektüre dieses Buches wäre mein Leben völlig anders verlaufen. Lesen oder nicht lesen? Ich las.
Wie jeder weiß, ist die Geographie Mittelerdes mit Kartenmaterial gut belegt. Auch ist es wohl niemandem, der auch nur einen flüchtigen Blick auf eine dieser Karten geworfen hat, entgangen, daß eine Vielzahl an Toponymen in einer merkwürdigen Sprache begegnen. Ebenso offensichtlich steckt hinter diesen Namen ein System. Wenn Ered Nimrais „Weißes Gebirge“ bedeutet und Ered Luin „Blaue Berge“, dann mußte Ered natürlich „Berge“ oder „Gebirge“ bedeuten. Derlei Übereinstimmungen finden sich nicht nur in den Toponymen, sondern auch in den Ausrufen, Sprüchen und Gedichten auf Quenya oder Sindarin, die im Text des Herrn der Ringe eingestreut sind.
Die Karte, die fremde Sprache, die Namen – das alles hatte es mir so sehr angetan, daß ich selbst begann, Karten eines Phantasielandes zu zeichnen, und natürlich bedurfte es fremder, klangschöner Namen zur Bezeichnung von Flüssen, Gebirgen, Wüsten und Wäldern. In der Zusammensetzung dieser Namen sollte eine ebensolche Regelmäßigkeit aufscheinen, wie sie in den Karten von Mittelerde zu erkennen war. Damit hinter den Toponymen für meine Karte ein System erkennbar sei, mußte ich mir natürlich zuerst das System selbst ausdenken. Ich brauchte Wörter für geographische Erscheinungen, und ich mußte festlegen, auf welche Weise sich diese Wörter zu größeren deskriptiven Benennungen zusammenfügen ließen. Ich brauchte Nomen, die „Berg“, „Schlucht“, „Meer“ bedeuteten. Ich brauchte Adjektive, die man modifizierend zu diesen Begriffen stellen konnte. Ich mußte mir Gedanken zu Komposition und Wortbildung machen. Kurzum, eine richtige Sprache mußte her, und das war der Anfang.

Von vorn

Man müßte alles noch einmal von vorne erzählen. Es fällt schwer zu glauben, daß es nur eine einzige Geschichte geben soll. Der Raum hinter dem Rücken ist dämmrig. Jemand spricht gegen den Hinterkopf, lächelt einen Energiestrahl hinüber, und das Gewebe von Schatten und Raum erfährt eine winzige Erschütterung, die sich auf die Nackenhaare überträgt und sie in feine Schwingung versetzt. Es ist Sommer, noch einmal wäre Sommer. Eine Taube stürzt sich von der Dachrinne ins Sonnennetz, wo sie flügelklatschend im Nachmittag verschwindet. Stop.
Hier anhalten, in diesem Moment.
Das Lächeln
Die Schatten
Die Taube
Und von hier aus. Die Taube ist verschwunden, das Licht hat sich hinter ihrem Flügelschlag wieder geschlossen. Von hier aus einen anderen Atem nehmen und das, was jetzt normalerweise folgen würde, links liegen lassen. Stimmt alles nicht, es war anders. Ich beweise es dir. Du lächelst. Die Taube, in Ordnung, das stimmte noch, aber dann? Ich habe ganz anders geatmet, die Luft, sie schmeckte ein bißchen anders, ein Herzschlag folgte eine Mikrosekunde später oder früher, ein Blick rutschte nicht weg, blieb haften, ein winziger Riß läuft durchs Licht, entlang einer Sollbruchstelle in der Textur der Zeit. Eine Mikrosekunde früher oder später, das ist der ganze Unterschied. Und jetzt, von hier aus …
Man wird das alles noch einmal erzählen müssen.

Paul-Schallück-Straße

Es gibt nämlich keine Paul-Schallück-Straße mehr. Klar, der Stadtplan. Der kann viel erzählen. Stadtpläne wissen aber nichts von den Orten, die sie abbilden. Stadtpläne sind blind. Du betrachtest sie, folgst vielleicht mit dem Finger (das hat etwas Hingebungsvolles, das gefällt mir, ja, aber), mit dem Finger folgst du vielleicht dem Geschlängel eines Weges, wobei du dir vornimmst, den gehe ich demnächst, bald oder nächstes Jahr, oder wenn wieder Herbst ist, so wie früher, denkst du, und dabei stellst du dir Landschaften vor, die du aus den ins Abstrakte projizierten Angaben der Karte wieder in die Wirklichkeit zurückformst; aber so ein Herbst kommt ja doch nicht, auch kein ähnlicher, und auch der Weg, den du meinst, den die Karte aber nur abbildet, ist verschwunden; oder du pochst auf eine Stelle, eine Kreuzung vielleicht oder einen Abzweig, den du mal verpaßt hast, oder etwas, das ganz unscheinbar ist, und das dir nur dadurch wichtig wird, daß da mal jemand stand und lächelte, an einer öden Häuserecke, oder dir entgegenkam, auf dich gewartet hatte, oder einfach nur in deinen Gedanken war und dort mit dir und hineingespiegelt in die Wirrnis eines Unortes, auf den du jetzt, mühelos wiedergefunden, deinen Finger legst: Wie auf etwas, das sich orten und festhalten ließe. Als wäre dieser Ort nicht vielmehr in dir selbst als auf irgendeiner Karte zu finden. Du trägst ihn mit dir herum. Die Karte weiß nichts, sagt Paul-Schallück-Straße, sagt Hier, aber sie hat keine Ahnung.
Wer Paul Schallück war, das haben wir auch nie herausgefunden, nicht einmal versucht haben wir’s, jetzt ist es egal, denn die nach ihm benannte Straße, auch so ein Ort, gibt es ja nicht mehr, Stadtplan hin oder her, leg nur deinen Finger drauf, hier das Justizgebäude, dort der Supermarkt, dort die Eisenbahnlinie (das Quietschen nachts, wenn die Güterwagen herumgeschoben wurden, wir mochten das beide, diese nahe Ferne, die Stimmen hin und her, Geräusche wie Reise und Unterwegssein, wir lauschten dem, brauchten nichts zu reden, schmiegten uns aneinander, draußen rumpelte es manchmal, dann herrschte die Stille der weiten Welt, Bahnhöfe, Häfen, die Laternen des Aufbruchs, der immer gemeinsamer Aufbruch war, sein sollte, gewesen wäre), leg nur den Finger drauf, versuchs nur, es ist dort nichts, nur der Name ist geblieben, von Bahnhöfen und Häfen und Schalterhallen, das bedruckte Papier. Wir waren kaum je gemeinsam unterwegs. Hättest du ihn schon gefunden, nur weil da der Name steht? Später bist du noch oft dort entlanggegangen, hattest dummerweise was vergessen, mußtest in den Supermarkt, hieltest den Kopf gesenkt, um ihr nicht zu begegnen, fragtest dich jedesmal, ist sie zuhause, in unserem ehemaligen Heim, da drüben, das Fenster fast sichtbar durchs Ahornlaub, steht sie jetzt hinter diesen Spiegelungen, die ein Stück Himmel mit Wolken darin, mit Wind darin, heruntersaugen, unsichtbar ihr dunkles Haar, spielt sie Klavier, die Töne beinahe bis hierher hörbar, wäre der Wind nicht, die Schritte der Leute nicht; oder tritt sie am Ende noch gerade jetzt heraus, um dir zu begegnen und wieder nichts zu sagen zu haben, nur ohne Quietschen diesmal, ohne Schmiegen. Einmal hin, wieder zurück, diesmal ihre vermeintlichen Blicke, ihr Zögern und Ausweichen im Rücken. Ging sie vielleicht einmal hinter dir, langsam, damit eure Wege sich nicht kreuzen müßten, du sie nicht bemerken würdest, wenn du dich umdrehtest?
Und wußtest nicht, sooft du dort vorbeigingst, daß es diesen Ort ja schon längst nicht mehr gab. Glaubtest sie dort oben, dabei war sie schon längst ausgezogen. Fürchtetest und ersehntest ganz umsonst ihre Begegnung.
Du drehtest dich nicht um, nie. Sie auch nicht, das war nicht ihre Art. Auch Abschiede nicht, waren nicht ihre Art. Ebensowenig wie ein großes Wort, ein Wort, das den Mut hätte, Großes zu sagen, nein. Wegdrehen, weggehen. Jetzt ist dieser Ort verschwunden, der Ort, der uns noch kannte, und wer Paul Schallück war, ist abermals unbedeutend, hier ist nichts nach ihm benannt, wie schnell Karten veralten können, nicht? Da zeigt das Blatt noch diesen Straßennamen, dabei … Da gibt es doch nichts. Man kommt dort nirgendwo aus, man verläuft sich, macht noch ein paar Schritte, hat einen Gedanken, verheddert sich, hascht nach einer Erinnerung, die dir plötzlich, aber sie ist schon weg, und im nächsten Augenblick bist du im Kreis gelaufen und wieder dort, wo du seit einiger Zeit schon dich aufhältst. Zuhause bist du nicht, hier nicht und dort nicht, und die Paul-Schallück-Straße gibt es nicht mehr. Am Ende, beim letzten Blick aus dem Fenster dieses Ortes, den es nicht mehr gibt, waren die Blätter des Bäumchens auch gelb. Vielleicht hast du noch das Laub dieses Ahornbäumchens wehen sehen, auf einem deiner vielen Gänge in dieses Abseits jedes möglichen Raums, hinter der Häuserecke hervor, Blätter, die aus einer imaginären Richtung herausfallen, in den irrealen Vektor des Lichts geraten, wo sie aufblitzen, Blätter, deren Wirbel vom Schatten verschluckt werden, über den Boden rascheln, still sind. Immer mehr Blätter, die vor deinen Füßen liegenbleiben.
Dieser Ort ist mehr als er selbst, und darum so unzugänglich, daß es ihn nicht gibt, unaufholbar. Gleich einer Karte zeigt er Namen und Bilder, eine Täuschung, steht er an der Kreuzung potentieller Vielfacher von ihm selbst. Unsortierbar und unzerlegbar die Folien, die über ihm und über einander liegen, aus deren höherdimensionaler Interferenz etwas entsteht und immer weiter wirkt, das für immer einen Raum im Außerhalb von allem einnimmt. Indem er über sich selbst hinausweist, bleibt der Ort unerschöpflich. Eine Ahnung zieht dich immer wieder hier hin, als könntest du dich in diese Dimensionen auffächern und darin herumgehen, aber selbst wenn … Was würdest du sehen, was doch immer nur im Sehen verhaftet bliebe?
Heute warst du wieder im Park mit den Photonegativen. Wie dunkel ihre Stirn leuchtete. Wie hell die Augen, als könnten sie, solche Augen, als einzige sehen, den Ort, wie und wo er wirklich ist oder war oder sein wird.