Da waren also diese Leute draußen im Wald und sangen dieses etwas alberne und doch irgendwie traurige Lied, Alouette, gentille alouette, aber für mich damals war es, konnte es gar nicht albern sein, man hat als Fünfjähriger kein Gefühl dafür, was albern oder ernst, süß oder verkitscht, aufrichtig oder hohl ist. Und im Grunde ist es ja nur ein ganz einfaches Liedchen, das sich in seiner Schlichtheit nicht verstecken muß. Schon gar nicht nachts um spät, der Fünfjährige ist erwacht, und aus seiner Sicht ist es mitten in der Nacht, sei es elf oder zwölf oder halb vier. Es war Sommer, Hochsommer, und im Norden heißt das Tageslicht bis um zehn, elf Uhr. Es war aber zu jener Stunde schon dunkel, stockfinster, bis auf, ja, vielleicht bis auf ein Licht, das, nicht nah, nicht weit, aber ungeheuer draußen, zwischen den Föhrenstämmen aufblitzte, erlosch, wieder aufblitzte, der Nacht, den Baumriesen, dem Waldraum angehörend, einem Raum, der verzaubert war, und wo in diesem Augenblick etwas Wunderbares geschah, und dieses Wunderbare war: Musik.
Es sangen da Stimmen, zwei oder drei oder vier, sangen, und vielleicht unterbrachen sie sich manchmal, um laut herauszulachen; Strophe, Gegenstrophe, Lachen, es war etwas unendlich Gelöstes, Frohes und Lustiges an diesen Stimmen, überirdisch und entrückt und doch ganz hier; und zugleich haftete ihnen ein unergründlicher Zauber an, ein heiterer Ernst, wenn es so etwas gibt: Es war etwas, die Melodie, das Heitere, das Nur-sich-selbst-Genügende, das zum Atemanhalten schön war (wahrscheinlich drückte ich mir die Nase an der Fensterschiebe platt), das nicht mir galt, das einfach passiert war, da draußen zwischen den Bäumen, und das sich, während ich lauschte und rätselte, schon wieder langsam entfernte, leiser und leiser wurde.
Es werden junge Leute gewesen sein, die angetrunken, ausgelassen und veralbert von einer Feier nach Hause gingen, und die in ihrer Ausgelassenheit beschlossen hatten, gemeinsam dieses Liedchen mit seinen anwachsenden Repetitionen (Et la tête! – Et la tête!) durch den Wald zu schmettern.
Ich weiß nicht wie lange es dauerte. Ich weiß aber, wie es mich, während ich am Fenster stand und lauschte und lauschte, in eine qualvolle Unruhe versetzte, weil ich es nicht verstand. Ich fühlte damals, daß es mir auf immer entglitte, daß ich es verlieren würde, wenn ich nicht begriff, was das war. Ich hatte die Sehnsucht, es für immer zu besitzen; ich glaubte, daß ich nur verstehen müsse, was es war, um in diesen ersehnten Besitz zu gelangen, für immer teilhaftig des wundersüßen Geheimnisses.
Was ich noch nicht wissen konnte, war natürlich, daß solche Augenblicke unwiederholbar sind, und daß man nichts daran besitzen kann, daß man schon dabei ist, sie zu verlieren, noch während sie dauern. Selbst, wenn man irgendwann weiß, wie das Lied heißt. Die Stimmen werden sich entfernen, die Laterne wird noch einmal aufblitzen, dann wird die Melodie, Et la tête! – Et la tête! Alouette! – Alouette!, in der Tiefe zwischen des Stämmen verklingen, Silbe für Silbe, vielleicht hört man noch ein Lachen, und dann auch das nicht mehr, nur noch den Wind, wie er in den Föhrenwipfeln rauscht.
Schlagwort: Erinnerungen
später
und plötzlich erwacht man und alles ist ein danach, ein später.
wohin man geht, ist garten, ist umgrenzung, rand. hof oder schatten, alles verweist selbst noch in der sonne und auf dem hügelkamm auf ein draußen, das hier nicht zu finden ist. aber auch nicht dort oder drüben, nirgends. draußen. damaliges außen. jetzt säuselt noch etwas hallendes, wie aus weiter ferne oder ferner zeit, oder einsam in einem großen, weiten und klingenden raum. und später, die zeit überreif verfärbt wie liegengelassenes obst, läuft von einem punkt weg, auf den sie, früher, davor, eben noch, wann? zugeeilt ist.
da wird der sommer zum abbild seiner selbst, zu einer geste, dahinter die jahreszeit und überhaupt jede zeit, verschwindet.
eingesperrt in den höfen die stille, die sich an einem augenblick im dunstigen mittag zu erkennen gibt. im verborgenen gewirkt, reif geworden, hat sie sich das alter früherer sommer, vergangener, zu eigen gemacht. so spricht sie mit den offenen schnäbeln der vögel, die zu schweigen verstehen. ein flattern im gesträuch, wippende äste. anwesenheiten. geschöpfe (oder geister?) die sich nicht preisgeben wollen. die beeren, ein leuchten von gestern. die amseln: als warteten sie auf ein signal. ein zeichen wofür?
wie aus papier stehen die straßen, ihre sprödigkeiten erzählen sich farben, die schon verblaßt sind. alles ist erzählung dieser tage. erinnerung an erinnerungen. das licht, wie es staubig von den fassaden zurückfällt, ist ein zitat, das glitzern auf dem ententeich ruft sich selbst in erinnerung, alles, was jetzt grün ist, verdankt sich einem vergessen. liegengeblieben das gelb des greiskrauts und des rainfarns an den knisternden wegrändern, die vergessen haben, wohin ging es noch gleich? unsichtbar an den kehren ein rascheln von schritten, das nie näherkommt und sich nicht entfernt. ein augenblick des wegsehens und die violetten tüten des riesenspringkrauts dürfen noch bleiben und bleiben übrig. vermutlich sind sie morgen auch noch da.
zwischen dem anhaltenden sonnenlicht und den gegenständen, die es zurückwerfen, verspinnt sich die erinnerung einer farbe, einer schwierigen farbe, der farbe nicht eines gegenstands, einer zeit selbst nicht, sondern die einer mischung, einer summe: die aller spät- und nachsommer, die schon gewesen sind, und die in jedem weiteren sommernachhall wieder zur sprache kommen müssen.
Achselhaar
Die Revolution fand still und leise statt. Niemand sprach darüber. Niemand protestierte. Die Nachrichtensender wußten von nichts. Keine Talksendung nahm sich des Themas an, keine Zeitung berichtete. Die Menschen schwiegen und schauten weg, wenn sie denn überhaupt bemerkten, was los war. In aller Heimlichkeit vollzog sich die Wende.
Wann genau es passierte, weiß man nicht. Aber es muß sehr schnell gegangen sein. Im Sommer 1997 war noch nichts zu bemerken gewesen, doch als ich im Herbst 1998 von einem längeren Auslandsaufenthalt wiederkam, da war schon alles vorbei und überall stillschweigend beschlossene Sache. Niemand hatte widersprochen. Alle fügten sich.
Fügten sich wem?
Es gehört zu den ungeklärten Fragen der Massenpsychologie, wieso plötzlich Millionen Menschen, die einander nicht kennen, sich nicht absprechen, ihre Meinung nicht austauschen, quasi unabhängig voneinander den selben Gedanken haben können. Wie plötzlich Millionen Frauen im Verlauf eines einzigen Jahres gemeinsam aber jede für sich beschließen: Ab sofort rasiere ich mich unter den Armen. Ab sofort sind Achselhaare bäh. Ab sofort waren Achselhaare eigentlich schon immer bäh.
Staunte man vor diesem entscheidenden Jahr über eine rasierte Achsel, während selbst der üppigste Unterarmbusch niemandes Aufmerksamkeit erregt hätte, so war es jetzt umgekehrt. Achselhaar sah man nicht mehr, und wer es dennoch trug, war eine Ausnahme und fiel auf. Nur ich hinkte meiner Zeit hinterher, weil ich nicht in Deutschland gewesen war, als sich die Verhältnisse änderten. So sprang mir umgekehrt, gleich einem Zeitreisenden, nicht das selten gewordene, für mich noch normale Haar, sondern das plötzliche Fehlen desselben sogleich ins Auge. Es war Winter, und der Anblick entblößter Achseln eher selten. Aber nachdem ich im Frühjahr die dritte, die vierte blanke Axilla erblickt hatte, wunderte ich mich; und mit steigenden Außentemperaturen begriff ich allmählich: Entscheidendes mußte sich während meiner Abwesenheit getan haben.
Gab es eine prominente Vorreiterin? Waren die deutschen Frauen sich plötzlich bewußt geworden, daß in anderen Ländern andere Sitten herrschten? War es ein Komplott der Kosmetikindustrie, die rasanten Absatz an Wachs, Klinge und Depilator erwartete? War es ein fixe Idee gelangweilter Frauenzeitschriftredakteurinnen? Hatte das Gesundheitsamt Bedenken angemeldet? Schwappte wieder mal eine Welle aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu uns über den Atlantik? Oder war es das alles zusammen?
Ich war erschrocken. Ich kann nicht sagen, was mir besser gefällt, Glätte oder Busch, beides hat etwas. Ich kann es wirklich nicht sagen. Irgendwie finde ich aber, daß Natürlichkeit die Regel, Künstlichkeit die Ausnahme sein sollte. Da ist es mit dem Rasieren weiblicher Haare, wo auch immer sie wachsen wollen, ebenso wie mit Schminken, Färben, Lackieren, oder dem Auftürmen rätselhaft-komplexer Frisuren. Doch meinetwegen: Das Unveränderte ist zwar immer noch am schönsten, aber der Abwechslung zuliebe kann auch geschmeidige Glätte an der einen oder anderen Körperstelle gefallen. Oder praktikabler sein.
Doch störte mich weniger die Tatsache der Achselhaartilgung an sich, sondern was mich so erzürnte, das war die stillschweigende Übereinkunft, mit der so plötzlich auf breitester Front gegen dieses Naturreservat vorgegangen wurde. Denn eine Vorliebe wie jene plötzlich Aufgekommene ist ja nicht voraussetzungslos, und da sie mir in engem Zusammenhang einer allgemeineren Künstlichkeitsanbetung zu stehen schien, und auch, weil so etwas kaum umkehrbar ist, machte mich diese Übereinkunft rasend. Von wem ging das jetzt wieder aus? Reichte es nicht aus, daß diese armen Geschöpfe sich förmlich zu Tode hungerten, nur weil ein paar nekrophile Modehengste das hip fanden? Da schien sich doch wieder einmal die eine Hälfte der Menschheit einem absurden, nicht lokalisier- oder auch nur benennbaren Zwang zu beugen – und glaubte auch noch, sich in Freiheit dafür entschieden zu haben! „Mir gefällt das Haar nicht“. „Nö, finde ich häßlich“. „Blank gefällt mir einfach besser“. „Man schwitzt nicht so“. „Ich brauche weniger Deo“. „Ich würde mich auch enthaaren, wenn es sonst keine täte“. „Aber … das haben wir doch schon immer so gemacht!“
Ja, Pustekuchen.
Wie sehr kann einem die Erinnerung einen Streich spielen? Kann man einen Zwang so sehr verinnerlichen, daß es unvorstellbar scheint, daß er nicht schon immer geherrscht hat? Und wenn es so vernünftige Argumente wie vermindertes Schwitzen und größere Deo-Effektivität gibt: Warum hatten die Frauen dann nicht schon von je zur Zuckerlösung gegriffen?
Aber es ist wohl zwecklos zu jammern. Ja, wenn man genau hinschaut, dann ahnt man: es kommen noch härtere Zeiten. Schon hüpfen die ersten Jungmänner blankachselig im Freibad umher. Demnächst zupfen die sich auch noch die Augenbrauen.
Und am Ende kommt es noch so weit, daß ich mir ein Deo anschaffen muß.
Noch einmal Haariges
Vor einigen Tagen wieder ein Gespräch über das Achselhaarproblem, und wie schon bei früheren Gesprächen fand O., und hier gebrauchte sie die STANDARDFORMULIERUNG, nein, das hätte sie immer schon so gemacht. Seit der erste Flaum in ihrer Axilla sichtbar und kenntlich geworden sei, habe sie ihn sofort entfernt. Ich entgegnete, daß vielleicht ihre Generation die erste gewesen sei, die mit der Ausmerzung haariger Stellen angefangen hätte; die Älteren (Frauen meiner eigenen Generation und Ältere) hätten sich dann angesichts der jugendlich glänzenden Achsel der viel Jüngeren sich plötzlich barbarisch und unschön empfunden und unter Attraktivitätsdruck, der immer von den Jüngeren ausgeht, zum Nachahmen aufgefordert gefühlt, so daß sich die Unsitte von den gerade pubertierenden Mädchen allmählich über die jungen Erwaschsenen schließlich auf alle Frauen durchgesetzt habe. Die Jüngsten seien, so meine Idee, Vorbild für die Älteren gewesen. Nein, widersprach O. vehement, umgekehrt sei es gewesen, sie selbst habe es ja auch nur den anderen abgeschaut, beispielsweise bei ihrer eigenen Mutter (eine Generation vor mir), die es ihrerseits auch schon immer so gemacht habe.
Jetzt frage ich mich, ob meine Wahrnehmung oder ihre schräg ist. Ich glaube ja, daß es einen allgemeinen Künstlichkeitstrend gegeben hat, irgendwann auf dem Weg von den 90ern zur Jahrtausendwende. Es gehen ja auch heute Frauen nicht mehr ohne Büstenhalter aus dem Haus, derweil es noch nicht so lange her ist, daß manch eine ihn auch mal nicht trug, wenn sie ihn störend oder unbequem fand oder sie zu faul war, ihn anzuziehen. Oder bin ich einfach nur merkwürdigen Frauen begegnet? Das mit der Behaarung indes konnte man ja auch an wildfremden Frauen beobachten, ohne entschuldigen Sie … darf ich mal … zumindest im Sommer.
Merkwürdig, das alles. Andererseits auch nur eins von vielen Phänomenen derselben Gruppe. Das verweist auf das Modephänomen, auf das Phänomen der Stilgemeinschaft, der Kunstepoche. Warum finden auf einmal Scharen von Menschen Plateauschuhe geil? Oder weiße Slipper? (bäh) Wie konstituiert sich das gemeinsame Empfinden, daß nun Albertibässe schick seien, oder doppelpunktierte Rhythmen? Es kann ja keine Eigenschaft der Dinge selbst sein, weil ein und derselbe Gegenstand, je nachdem, in welcher Zeit man ihn betrachtet, schick oder schnöde sein kann.
Bleibt noch das Phänomen des Vorbilds. Aber das bringt neue Erklärungsschwierigkeiten mit sich.
Rheinbrücke
Und ich will aber, daß du auf mich aufpaßt, trotzdem, hat sie einmal geschrieben.
Die Möwen auf dem Geländer der Rheinbrücke sind alle in der gleichen Richtung gesessen, die Schnabelblicke wie die Zuschauer in einem Theater auf den vorbeifließenden Verkehr gerichtet, in einer langen Reihe, dichtandicht, die Schnäbel zur Straße, weg vom Wasser. Es war Winter, als sie so dasaßen, in einer Reihe. Flügel an Flügel. Manchmal bauschte sich Gefieder, wenn eine Bö hineingriff, ansonsten saßen sie alle still da, einvernehmlich nebeneinander und ganz still. Amüsiert die der Stau, habe ich mich gefragt, die Verkeilung von Bus, Straßenbahn und PKW, das fröstelnde Flitzen der Radfahrer?
Das müßte ich ihr schreiben, habe ich gedacht, das müßte ich E. erzählen, das würde ihr gefallen. Wie sie da sitzen, aufgereiht auf dem Geländer, alle die Schnäbel in eine Richtung, du hättest gelacht, nicht?
Ich krallte die Hände in die Lehne des Sitzes, gab das Fokussieren auf, und während ich in die Glitzersterne überm Wasser flog, habe ich gedacht, wie traurig Flüsse sich anfühlen können.
Solstitium (Consecutio temporum)
Das Gewicht der Schmerzlosigkeit, des Gewicht der Leere.
Als wäre die Jahre danach alles, was uns einmal verbunden hatte, nur mehr in Schmerz ausdrückbar gewesen, fühle ich nun die vielleicht schönste Zeit meines Lebens (ganz sicher sind wir nicht; es könnte auch die zweitschönste sein) zu einem Nichts verblaßt. Ohne den Schmerz hat das alles keine Geltung, war nur als Nachleiden noch gültig, nur so lange, nur vorläufig. Zuerst sehnte ich mich nach E., jetzt sehne ich mich nach dem Schmerz. Eine Zeit nach aller Zeit, wo?, nirgends. So verliert man selbst den Verlust noch, die gelebte Zeit. So verschwindet das Leben hinter einem, schließt sich, ist fort, hat es bereits nie gegeben.
Selbst ihr Name nicht, gilt nicht mehr. Wenn ich sie denke, nunmehr unter dem Gewicht des Schmerzmangels, denke ich sie nur noch als Bild, als Haar, als Mund, als Sprache, als Klang, als Flöten, als Tierlaut. So wie ich neulich zusammenzuckte, abends am Südbahnhof; sie in der Tiefe der gelben Laternen zu sehen meinte; ohne Sprache dachte ich sie; das Aufzucken im Innern namenlos, wortlos das Erkennen.
Die Schwierigkeit besteht darin, daß ich ja nicht mehr weiß, wen ich da eigentlich geliebt haben soll, noch viel weniger, wer das ist, die mir nach der Liebe den Schmerz eingab. Ich kann mich ja kaum noch erinnern; was einen ganz neuen Schmerz bedeutet, Schmerz über den Verlust eines Schmerzes, einen Schreck wie beim Sturz, wenn das letzte haschende, panische Zucken nur Luft, Leere, haltlosen Schwung zu greifen bekommt. Kein Tempus ist hier richtig, ich habe E. geliebt und ich liebe E. sind gleichermaßen zu widerlegen und zu bekräftigen. Um diese Geschichte zu formulieren, jenseits jeder Chronologie nachzubuchstabieren, bedürfte es einer völlig neuen Grammatik, einer Sprache, die Erinnerungen besser abbilden, ihre Lebendigkeit und Bedeutung ebenso wie ihr Verblassen, ebenso wie ihren weitausfallenden Schattenwurf besser umreißen könnte.
Ich versuche, es zu finden, finde keins: ein Tempus, das irgendwie von jener vergangenen und zugleich unvergänglichen Zeit handeln würde, ein Tempus, das die Kraft hätte, sich auf dieses Niemandsland von erinnertem Leben und verlebter Erinnerung zu beziehen, jenes Erinnerungsraums, in dem ich absurde Römische Dichter lese und morgens die Kaffeetasse mit kaum vernehmbarem Hallen aufs Klavier absetze, hinausblinzele in das Quietschen der Güterzüge, während du noch schläfst, das Gesicht in den Kissen, Strudel von Haar darüber, und dein Name noch E. ist.
Prismen
Diese feinen Bruchmuster, Netzsplitter, Patinae, Jahresringe. Wieder in die alten Wirrwege und Leuchtgärten mit ihrem Abenteuerflimmern hinabsteigen. Daten, jahreszahlen, Erscheinungsmonate alter Ausgaben des GEO-Magazins, die, ich weiß nicht genau, was, aufbewahren. Wie ein Tagebuch. Eines, das nicht ohne weiteres lesbar ist; etwas, das auf tieferen Sinn verweist, und unter der Oberfläche aus bekannten Bildern (ein altes ostfrisisches Bauernhaus mit Bettkasten; ein gekreuzigter Rabe im Baskenland; eine nachgebaute spanische Galeone; Wissenschaftler in gelben Schutzanzügen zwischen Rosttrümmern auf dem Mururoa-Atoll), die wegen ihrer Bekanntheit so verstörend sind im Detail, wie ein gealtertes Gesicht, und unter dieser Oberfläche: die Bruchmuster, die feinen Linien, das Abgeplatzte, das Gesplitterte und Gebrochene.
Es ist ein zwiefacher Verweis auf meine eigene versunkene Welt, meinen eigenen Untergang: Es bildet ab, was war, dessen Zeitzeuge ich hätte sein können. Es zeigt mir die Kulisse oder Stücke davon, oder eine mögliche Kulisse, für mein eigenes Drama von damals, und damit verweist es mich zurück, der ich ja damals diese Kulisse wahrgenommen habe oder hätte wahrnehmen können. Und zum andern bringt es mich durch die Lektüre zurück und verbindet mich mit jener Zeit, wo ich dieses Heft zum erstenmal durchblätterte, oder in eine Zeit, wo ich solche Hefte ganz allgemein durchblätterte, und zwar dann, als sie frisch waren und keine versunkene, sondern eine aufbrechende Welt abbildeten und nichts darauf schließen ließ, daß sie einmal von Netzsplittern und Bruchmustern überlagert sein würden.
Erinnerungsarchiv
Diese feinen Bruchmuster, Netzsplitter, Patinae, Jahresringe. Wieder in die alten Wirrwege und Leuchtgärten mit ihrem Abenteuerflimmern hinabsteigen. Daten, jahreszahlen, Erscheinungsmonate alter Ausgaben des GEO-Magazins, die, ich weiß nicht genau, was, aufbewahren. Wie ein Tagebuch. Eines, das nicht ohne weiteres lesbar ist; etwas, das auf tieferen Sinn verweist, und unter der Oberfläche aus bekannten Bildern (ein altes ostfrisisches Bauernhaus mit Bettkasten; ein gekreuzigter Rabe im Baskenland; eine nachgebaute spanische Galeone; Wissenschaftler in gelben Schutzanzügen zwischen Rosttrümmern auf dem Mururoa-Atoll), die wegen ihrer Bekanntheit so verstörend sind im Detail, wie ein gealtertes Gesicht, und unter dieser Oberfläche: die Bruchmuster, die feinen Linien, das Abgeplatzte, das Gesplitterte und Gebrochene.
Es ist ein zwiefacher Verweis auf meine eigene versunkene Welt, meinen eigenen Untergang: Es bildet ab, was war, dessen Zeitzeuge ich hätte sein können. Es zeigt mir die Kulisse oder Stücke davon, oder eine mögliche Kulisse, für mein eigenes Drama von damals, und damit verweist es mich zurück, der ich ja damals diese Kulisse wahrgenommen habe oder hätte wahrnehmen können. Und zum andern bringt es mich durch die Lektüre zurück und verbindet mich mit jener Zeit, wo ich dieses Heft zum erstenmal durchblätterte, oder in eine Zeit, wo ich solche Hefte ganz allgemein durchblätterte, und zwar dann, als sie frisch waren und keine versunkene, sondern eine aufbrechende Welt abbildeten und nichts darauf schließen ließ, daß sie einmal von Netzsplittern und Bruchmustern überlagert sein würden.
Ioanna (Die Stadt am Ende des …)
Ioanna hatte zuviel getrunken. Ihr war übel gewesen. Sie war aus dem Bett gesprungen und hatte sich im Bad erleichtert. Besorgt hatte ich oben im Dunkel der Wände eingeschlossen gewartet, allein mit der Tatsache, daß lange Zeit nichts geschah und alles still blieb. Ich wollte schon nach ihr sehen, da kam sie zurück, glitt stöhnend ins Bett, nahm meine Hand. Ich rückte heran, wie ich es so viele Nächte getan hatte, während derer ihre Hand in meiner war und ich gewartet hatte, bis sie einschlief. Ioanna wälzte sich unruhig und in stiller Aufruhr. Ich streckte den Oberkörper ganz nahe ans Bett heran. Ein Geruch wie von einem Säugling ging von ihr aus. Nach Sauerrahm. Mir schwindelte. Es ist gut, flüsterte ich, alles ist gut. Ioanna wandt sich und wimmerte. Meine freie Hand berührte ihren Arm, und auch das war ja schon vertraut, streichelte ihre Armbeuge, tastete sich bis zum Saum des Ärmels vor. Ioannas Lippen bewegten sich. Das Wimmern hielt an. Ich setzte mich auf die Bettkante. Meine Hände strichen Ioanna das verschwitzte Haar aus der Stirn. Ihre Wange war ganz kühl. alles ist gut, flüsterte ich wieder, alles ist gut. Ioanna bewegte den Kopf und murmelte etwas, das ich nicht verstand. Unter dem Hemd fühlte sich ihre Schulter sehr rund an. Bei jedem Atemzug kam ein Klagelaut aus ihrer Kehle. Eine Weile ruhte meine Hand auf ihrem Arm. Wieder murmelte sie etwas und drehte dabei den Kopf von mir weg. Im schrägen Licht der Straßenlaterne sah ich ihren halboffenen Mund. Als ich ihr Ohr berührte, schloß sie die Augen und schien etwas in ihrer Sprache zu sagen, aber ich ließ sie nicht zu Wort kommen, sondern fuhr meinerseits fort, auf sie einzureden, gut, alles ist gut … Ihre Lippen bewegten sich. Ich neigte mich noch näher herab und hörte, wie sie in einem fort dasselbe murmelte, etwas, das sich anhörte wie kialo … kealo … kiallo …
Auf der Bettdecke lag schräg der Schein der Straßenlaterne. Es schneite; über dem Laternenlicht wirbelten frische Flocken, fielen aus dem Schatten oben heraus, strömten ins Licht, das sie einen Moment in sich aufnahmen und glitzernd streuten, ehe sie träge wirbelnd auf dem matten Weiß der Straße erloschen. Stoff raschelte. ke állo. Das Bett knarzte, als ich mich zu ihr legte. ke állo …
Auf der Bettdecke lag schräg der Schein der Straßenlaterne. Es schneite; über dem Laternenlicht wirbelten frische Flocken, fielen aus dem Schatten oben heraus, strömten ins Licht, das sie einen Moment in sich aufnahmen und glitzernd streuten, ehe sie träge wirbelnd auf dem matten Weiß der Straße erloschen. Stoff raschelte. ke állo. Das Bett knarzte, als ich mich zu ihr legte. ke állo …
Ich hatte keinen Augenblick aufgehört zu reden. Schwiege ich, so würde in der Stille zwischen uns das, was ich tat, einen Namen bekommen. Also mußte ich reden, alles ist gut, alles ist gut … Und während ich weiter auf Ioanna einsprach, sowohl, um sie, als auch um mich selbst von dem abzulenken, was geschah, begannen meine Hände ein Eigenleben zu führen. Verstohlen kitzelten sie Ioannas Handflächen, liefen über die Innenflächen ihrer Arme, kicherten über die Gänsehaut, die das hervorrief, strichen über den Ärmelsaum, fühlten warme Baumwolle über nackter Haut und dann nackte Haut unter warmer Baumwolle und setzten sich so über ewig geglaubte Grenzen von Nähten, Stoff und Säumen einfach hinweg. Und während Ioanna zu seufzen begann und immer wieder ke állo murmelte, verstummte ich; doch jetzt waren meine Finger mutig geworden, umrundeten, ke állo, Ioannas Schulter, wagten sich weiter, schlüpften unter den Kragen des Nachthemds, ertasteten, ke állo, ihr Schlüsselbein, drängten sich bereits, ke állo, in ihre leicht geöffnete Achsel, zupften, ke állo, an dem drahtigen Flaum, waren noch nicht zufrieden, nahmen allen Mut zusammen, zögerten einen Moment, taten es dann und streiften endlich, ke állo, ke állo!, Ioannas Brust.
Die aufseufzte. Und da verstand ich auch, was ke állo bedeutete. Plötzlich las ich von Ioannas Lippen alles ab, was zu wissen war, und wußte es so genau und sicher, wie ich niemals etwas verstanden hatte. ke állo …Mehr … weiter … Gleichzeitig verstand ich gar nichts. Doch nichts zu verstehen, das war herrlich. Ioannas Brust war so voll und rund wie ein Mond. Haut umspannte Weiches, Weiches schimmerte warm, Wärme wogte und das Gewoge wölbte sich, gab Anlaß zu allerlei wilden Alliterationen und wuchs zu einem glattem, elastischen Widerstand, so rund und so prall, als strebe alles hin zu einer harten gestreckten Beere, um dort Ausgang und Erlösung zu finden. Daß Haut so sein konnte. Daß Wärme so sein konnte. Daß eine Frau so war. Unglaublich war das. Voll waren meine Hände mit dieser Haut und dieser Wärme, und hielten die Zeit in ihrem Strom fest. Begreifen – nein, begreifen konnte ich nichts von dem, was meinen Händen da zufiel: Ich wußte ja nicht, wie eine Brust war, deshalb konnte ich auch nicht wissen, daß diese Brust so war. Ich wußte nur, daß es Ioannas Brust war, die ich streichelte, daß es Ioannas rauhe Stimme war, die schluckte, daß es Ioannas Atem war, der meine Wange streifte, daß es Ioanna war, die immer noch ke állo murmelte, sprach und schließlich laut rief. Ich wußte ja nicht, wie diese Brust hätte anders sein können. Es war Ioannas Brust, und das war schon unerhört genug. Ja, das war, wie wenn man ein Heiligtum betrat, etwas Verbotenes erblickte, und eine Grenze für immer übertrat.
Und so war es ja auch. Ich verließ etwas. Ich ging für immer. Ich käme nicht mehr zurück. In dem Augenblick, wo ich alles gewann, hatte ich es auch schon verloren. Nie wieder hat sich eine weibliche Brust noch einmal so angefühlt.
Ich sah nicht hin. Fühlen wollte ich, nur fühlen. Plötzlich waren meine Hände überall auf ihrem Körper, wanderten und lernten die Wörter für Hals, für Schulter, für Bauch, für Nabel neu.
Ich hatte es nicht darauf abgesehen. Nicht einmal, als ich auf der Bettkante saß und alles ist gut murmelte, während Ioanna stöhnte und den Kopf hin und her wandte, nicht einmal da, nicht einmal, als ich verstand, was sie wohl meinte, nicht einmal, als meine Hand unter ihr Hemd glitt, gab es irgendein Ziel, außer dem, es nicht mehr, nie wieder, aufhören zu lassen. Sie zupfte an meinem T-Shirt, kannst du das ausziehen, bat sie flehentlich, als klage sie immer noch, und wirklich war es ja eine sanfte Klage, daß noch immer Stoff zwischen uns sei, und als ich meinen Kopf aus dem Gewebe befreit hatte, öffnete ich die Augen: Ioanna lag nackt bis zur Hüfte im halben Licht der Straßenlaterne, Schaum und Marmor und Haar und Mond wie die kyprische Geburt. Wir preßten uns aneinander. Unsere Hände ein Wald, ein Wind, ein Rudel sanfter Tiere. Im Wechsel strömte der Atem zwischen uns her und hin. Ich roch sie. Ich atmete durch ihren Mund. Eine Ewigkeit verging, während der Schnee fiel und fiel, bis er ein Mäuerchen vor das Fenster gehäuft hatte. Irgendwann klirrte ein Gürtel, Stoff strömte beiseite und fiel zu Boden, und dann, als wir wieder nebeneinander lagen und ich ihre Hand mich fordern fühlte, sprach ich mein erstes Wort in Ioannas Sprache. Ich stützte mich auf den Ellbogen. Meine Hand berührte wieder einen Saum.
Perímene, flüsterte ich, warte …
Andernach–Brohl
Vom bahnhof Andernach (der kiosk geschlossen, die glastür voller dunkler spiegel) geht man zuerst an den taxis vorbei, in richtung stadtkern, eine lange, von bäumen gesäumte straße hinunter, bis zu einem kreisverkehr, dort schräg hinauf, und wenn man aufpaßt, begegnet hier schon die erste markierung. halb wußte ich ja noch den weg von letztem sommer, nur hätte ich rückwärts laufen müssen, um alles wiederzuerkennen, jenen vorgarten, hier ein hübsches fenster mit gemütlichkeit, die nichts von mir wissen will, dieses wegekreuz mit dem rosa jesus daran, aber auch das aufmerksamste rückwärtsgehen hätte mich nicht zurückgebracht. Steil geht es am Ortsrand aufwärts, unter dem gedröhn eine schnellstraße hindurch, betonpylone, schwindelnde kurven, dann eine unterführung, deren dunkelheit das auge blendet, später dichtes kraut neben dem weg, das gedröhn des schnellwegs rankt sich den kamm herauf.
tief unten der Rhein, unsichtbar, hinter den perlenschnüren der buchfinken versteckt. Der weg wird noch steiler. müßte hier nicht? ja, da ist es, das Cafe. die aussichtsplattform hatte ich vergessen. ich trete ans geländer und lasse mein auge in die tiefe stürzen. ein greller dunst liegt über Andernach, das wasser ergießt sich strahlend in den himmel, die weinberge wie aus papier, vor den füßen schwimmt ein schiff lautlos stromauf wie laub.
glocken schwingen sich herauf, und plötzlich ist alles ganz fern. der fluß wie ein kreisel. und aus der tiefe steigt, aus silber herausgetropft, ein schwarm möwen auf.
Von dort zum hochkreuz ist es eine halbe stunde, ein ebener weg auf dem höhenzug entlang, ein fuß immer im rhein, der andere halb in den feldern. schießlich ein hohlweg steil hinauf zu einer lichtung mit grillplatz und einer zum feld hin freien seite, dort das kreuz, ein pompöses ding aus holz, riesenhaft und künstlich, mit der aufschrift „im kreuz ist heil“. merkwürdig. der roggen hat gerade geblüht, die apriltrockenheit scheint ihm nicht geschadet zu haben, stramm stehen die ähren, ich pflücke eine auf, weil ich es noch nie getan habe. erstaunlich filigran und verschachtelt, so ein halm, so eine ähre, so eine verblühte roggenblüte, viele häutchen um eigentlich nichts (außer weiteren häutchen), und man fragt sich, wie daraus mal ein korn werden soll.
vom brot ganz zu schweigen, aber das ist eine andere geschichte. ich denke daran, wieviel arbeit und mühe die normalen dinge wirklich kosten, und werfe übermütig eine handvoll roggenblüten in den wind.
schon seit einer halben stunde brüllt ein rind. kein muhen, ein brüllen ist das, wild, ungestüm, bockig. von seinen sirenenartigen stößen hallen die grüngewellten hügel wider. derweil lasse ich wasser an einem feld, das mit hülsenfrüchten bestellt ist. ein solches gewächs habe ich noch nie gesehen, brusthohe büsche voller schoten. falsch, denke ich, es sind hülsen. ich knacke eine hülse auf und begutachte die körner, klein, grün und glatt wie pfeffer, was das mal werden soll? erbsen? ich werfe die schote fort; dann biege ich falsch ab und komme an einem gehöft aus, das rind brüllt immer noch, ich ziehe die karte zu rat und kehre um.
als ich die kreuzung wieder erreiche, ist mein wasser verdunstet, und was nicht verdunstet ist, das hat die erde in sich aufgenommen. die sonne verklebt hinter wolken, kein lüftchen, die schatten enggerückt, vom weg schlägt die wärme zurück ins gesicht. endlich der bach, schlammiges glitzern am ende eines halb zugewachsenen pfades durch niedrigen laubwald. selbst der schatten fühlt sich klebrig an, insekten schwirren, alle zwei schritte zerreißt man spinnweben, wischt man sich eine winzige fliege vom schweißnassen arm. heiß war es auch vor einem jahr.
die bücher von damals fallen mir wieder ein. ich orientiere mich zeitlich an büchern, sie sind so etwas wie wegemarken, begleiter, kilometersteine, und, wenn die lektüre glückt, herbergen. ich glaube, es war „The Biographer’s Tale“ von A. S. Byatt. aber es war später im jahr, mitte juli denke ich. und ich lief nach Andernach nicht von Andernach. und ich photographierte eine ruine in einem verwunschenen garten, es war einer von jenen gärten, wie sie in den geschichten vorkommen, die man als kind liest. eine sanft abschüssige wiese, von einer mauer geborgen, der schatten eines baums, lichter im gras und in der dämmervollen tiefe ein haus, ein turm, ein schloß. welche geschichte hier ihren anfang nahm, das habe ich vergessen. aber manchmal strömt ein ort so ein gefühl aus, als sei man ihm schon einmal in der eigenen phantasie begegnet. wenn es keine geschichte dazu gibt oder man sie nicht mehr wiederfindet, denke ich, während ich dem bachlauf in richtung Brohl folge und der autolärm die geräusche des waldes zurückdrängt, dann müßte man sich eine solche geschichte erfinden.
ansonsten:
ein labiles gleichgewicht. meine melancholie ist längst so eine mit spinnweben dran. das bestimmt allerdings nur die art, nicht das leuchten, der melancholie
ansonsten: melancholisch, je sommerer desto -ischer. nun ja. alles lange her. ebenso lange her wie die zeit währte, da wir zusammen waren.
und das alles auch noch in den armen einer neuen beziehung, die daran nichts ändern kann. eine imaginäre untreue: ich betrüge meine frau mit einer erinnerung.
geister
es gibt geister, von denen kommt man nicht los. wahrscheinlich nie mehr.
da heißt es tragen tragen tragen, und gehen, und weitertragen. an sich selbst. an sich selbst schwer tragen. sich selbst eine last.
mit dem finger den wein auf der tischplatte malen, einen namen, einen schwanenhals, einen kiesel. dem rätsel so nahe sein wie nie, aber nie mehr so wie damals.
in der winterkälte bogen sich immer die photographien. wie sich etwas einbrennen kann: ich weiß noch genau, wie sich das bett anfühlte, der stuhl, der widerstand der tür beim öffnen und schließen, schränke, spüle, die gegenstände, die geräusche.
aufsehen vom tisch und den schwarzen pferdeschwanz wippen sehen, draußen im licht, draußen. ich bin gefaßt auf das zusammenzucken, und dennoch kommt es jedesmal unerwartet.
geister kündigen sich selten an.
kulissen, plakate
es bleiben immer dieselben bilder und sehnsüchte, was man auf der reise sich vorstellte, ein glück, ein warmer raum, wird sich entziehen. du läufst durch den wald und freust dich einen langen tag, aber die heimkehr ist nie so, wie du sie dir vorgestellt hast. du siehst dich selbst, wie man aus dem dunklen frost hineinspäht in den lichtkreis einer lampe, in der menschen sitzen mit ruhigem antlitz, daheim und bei sich: so einer möchtest du werden, da willst du hin.
oder vornübergebeugt über eine kladde, ein heft, eine tastatur, du selbst, in heilige gedanken verheddert, glühend und doch ruhig, ab und zu gelassen und deiner einfälle sicher, nach der kaffeetasse greifend. ein bild bleibt es, und nichts daran ist wesentlich, sowieso nicht. es ist die vorstellung eines selbst, dessen wesen zurücktritt vor einer kulisse, einem plakat. ich sah einen bekannten seine abschlußarbeit schreiben. das sah gemütlich aus, lebensvoll, schwierig, ohne quälend zu sein. das war schön. so müßte es doch gehen, dachte ich. so ähnlich ergeht es einem manchmal, wenn man einen schreibwarenladen betritt. die sauberen kladden, verheißungsvoll in ihrer erwartung, die leeren seiten mögen gefüllt werden, das schreibgerät, so klar und sauber und leicht zu handhaben wie ein endlich geglückter gedanke, den man, bemächtigte man sich nur dieses füllers, zwangsläufig haben wird. es ist derselbe irrtum wie der, den einer begeht, der sich mit dem neuen mantel, dem hemd, den schuhen eine persönlichkeit, ein ich anzuziehen meint.
aber kamst du nicht irgendeinmal so nach hause, wie du jetzt es dir erträumst?
du erinnerst dich: da war es so. da auch. du ziehst den mantel über, schnürst die schuhe, wirfst brot und käse in den rucksack. aber den weg, den du so oft gegangen bist, hast du nur einmal gefunden. die wälder sind eine kulisse, die die erinnerungen ausstellt.
die lampe überm tisch ist es auch.
An C. („Wenn ich einmal groß bin …)
„[…] Doch, eine Zeitlang wußte ich sehr wohl, wohin ich wollte. Ich hütete mich davor, so großspurig wie jener Literat mit den Schweinsäuglein (Thorsten, Markus, Thomas, Michael, keine Ahnung) aufzutreten, aber im Grunde war mein Ziel genau das: Wenn ich groß bin, will ich Professor werden. Ich sah allerdings in diesem Bild des Professors, der ich einmal sein würde, eine Figur, die es nicht gibt und auch nie gegeben hat. Es war eine Phantasie, die sich einen feuchten Dreck um die Wirklichkeit scherte, eine Phantasie, die einer Gedankenwelt entsprungen war, in der Vokabeln wie Forschungsfinanzierung, Drittmittel, Projektanträge, Gutachten und Bewilligung nicht vorkamen. Eine gedachte Entität in einer gedachten Welt, in der es zur Forschung nicht Geld sondern Fleiß, Eingebung, Kreativität und Freiheit brauchte. Eigentlich kann man sagen, daß ich eine Märchenfigur werden wollte. […]“
Performanz
Ich scheue Situationen, in denen eine performance von mir verlangt wird. Alle Arten von Gesellschaftsspielen, öffentliche Geschenküberreichungen, Ehrungen, ritualisiertes Feiern wie Hochzeiten und Geburtstage, insofern sie mit Spiel und Auftritt verbunden sind, zudem Aufforderungen wie „Erzähl doch mal einen Schwank aus deinem Leben“, sowie gespielte Dialoge in Sprachkursen sind mir ein Greuel. Das allerallerschlimmste aber: Kennlernspiele. „Wir lernen uns jetzt gaaaanz ungezwungen kennen“. Komisch. Ich könnte mir kaum eine gezwungenere Form des Kennenlernens vorstellen. Löst bei mir schlagartig den Fluchtreflex aus. Einmal mußte ich als vierjähriger in einem Sommertagsumzug als völlig alberne Biene verkleidet mitlaufen. Der Gedanke daran treibt mir noch heute die Schamesröte ins Antlitz. Ein anderer performativer Supergau ereignete sich auf einem Kindergeburtstag. Vielleicht ist das Spiel bekannt: Einer der Gäste wird als Zielscheibe der Verarschung ausgewählt (schon das ist ein Vorgang, den ich nie begriffen habe. Was ist das für ein Spiel, in dem eine einzelne Person ausgewählt wird, damit sie sich den Spott aller übrigen im anschließenden Bloßstellungsritual zuziehe?) und muß einen Moment das Zimmer verlassen, während die anderen in den Verlauf des „Spiels“ eingeweiht werden. Dann wird der Spottvogel hereingebeten, alle setzen sich im Kreis um ihn oder sie herum — und es passiert erst einmal gar nichts. Bis dem/der Ausgewählten etwas dämmert … Das ganze endet damit, daß alle in grölendes Gelächter ausbrechen, wenn die Zielscheibe endlich naiverweise das erlösende Hä-warum-macht-ihr-mir-alles-nach ausspricht. Was schon die ganze merkwürdige Pointe des Spiels ist. Ich beging damals den Fehler, daß ich mich weigerte, das Offensichtliche, nach dem alle gierten, ausszusprechen. War ich denn bekloppt? Ich hatte es begriffen, ok. Warum mußte ich es denn noch sagen? Warum mußte ich so tun, als sei ich ahnungslos? Es endete damit, daß ich für ungefähr eine Stunde ein geächteter Buhmann war. Ein Spielverderber. Weil ich mich dagegen gewehrt hatte, mich nach den Regeln eines Spiels bloßstellen zu lassen, wurde ich jetzt in Wirklichkeit bloßgestellt.
Lexothelminthes (3)
eine andere frau, jahre später, welten entfernt, hieß Halkomelem, ein wort, das eine indianersprache aus der familie der Salisch-Sprachen bezeichnet. wir nahmen beide an einem seminar über diese sprachfamilie teil. sie saß mir gegenüber, hatte herrlich dicke rundungen und breite hände und duftete nach kamille. ich erinnere mich, daß sie lächelte, als sie mir kopien weiterreichte. einmal hatte ich gefehlt. das gab mir die gelegenheit, sie ein paar tage später, als ich ihr auf dem weg zur mensa begegnete, anzusprechen und mich nach dem verlauf der vergangenen sitzung zu erkundigen. ich erinnere mich, daß sie an jenem tag einen langen, dunklen mantel trug. sie war hinter einer eibenhecke aus einem winkel des weges erschienen, und ich hatte sie zuerst gesehen. sie ging langsam, besonnen, ruhig, vielleicht in gedanken. die hände hatte sie in den taschen. ihr haar glänzte rot. kamillenduft strömte von ihr aus. ihr blick ruhte sanft auf mir, so daß ich mir heute, wenn ich an die begenung denke, unruhig und zappelig und fast ein bißchen laut vorkomme. sie war älter als ich, viel weiter im studium, war hilfskraft und mit den dozenten auf du. während sie mir zuhörte, ging ihr blick halb über die starke brille. ich vergaß sofort wieder, was sie über das seminar berichtet hatte. wir lachten, glaube ich. ihr mund lächelte mit großen, weißen zähnen. da wurde sie für mich selbst zu einer indianerin, und das wort, das sich in meinem inneren ohr festgesetzt hatte, dieses schöne, geheimnisvolle, erdige Halkomelem, wurde von diesem tage an ein name für sie, ein kamillenüberströmter klang, der mit dem roten haar, der körperfülle, der wachheit dieser frau zusammenhing. oder vielleicht kein name, aber doch so etwas wie ein zu ihr gehörendes klangmal, ein lexikalisches totem. nie hätte ich es aussprechen wollen, geschweige denn sie so nennen. vielleicht läßt es sich am besten so sagen, daß ich sie als Halkomelem dachte, sie selbst, oder ihren anteil an unseren begegnungen. Aber auch alle bezugspunkte, die uns, sie und mich, über dieses seminar verknüpften, hatten in dieser eigenschaft etwas von Halkomelem an sich und atmeten etwas von diesem namen aus. und auch indianersprachen, merkwürdige syntax, ejektive, nursery tales oder die gepflogenheiten, die räume und das personal des instituts, wo sie sich als stätten der begegnung hergegeben hatten.
zuletzt aber würde der beginn dieser geschichte, wenn es eine geschichte gäbe, diesen namen tragen, würde die später vergangene farbe dieser ersten tage einmal so heißen, und das geheimnisvolle wurzelwerk des zufalls, der uns zueinander geführt hatte.
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Sæby (2)
Nie ist das Drinnen so sehr drinnen wie zu jener Stunde, nie das Draußen so sehr draußen. Das Fenster ist eine Grenze; nacht aber ist es auf beiden Seiten. Nacht ist es in aller Welt. Die Welt selbst ist Nacht.
Ob die Stimmen schon immer da waren? Haben sie ihn geweckt, ihn heraufgelockt aus bewußtlosem Schlaf?
Ja, sie zogen ihn herauf und ans Fenster und waren: draußen und fern. Von jenseits des Schlafes herangeweht. Nicht zu ihm gekommen. Nicht zu ihm. Aus unerkannten Fernen, nach verborgenen Plänen handelnd, waren sie dorthin gekommen, wo auch er sich zufällig aufhielt. Und er war in den Begrenzungen von Zimmer, Haus und Mauer gefangen, auch ins Eigene gesperrt. Sie wußten nichts von ihm. Sie werden auch nie etwas von ihm wissen, oder von irgendeinem andern, der am Fenster steht. Sie brauchen nichts. Sie gehören auch nicht zur Nacht, sie gehören nur: sich selbst. Und sie singen. Sie singen sich selbst zur Freude.
Sie füllen den Wald mit Klang und Wundern, entfernen sich, verlieren sich, verstummen und lösen sich auf in der Stofflichkeit der Nacht, noch einmal klingt es auf unterm den Mondfäden, in der Tiefe der Bäume, dann fallen sie zurück ins Dunkel, aus dem sie getreten waren, und das sie nun wieder hält und birgt. Und das Kind, die Nase am Fenster plattgedrückt, zum ersten Mal ist es allein.
Sæby (1)
(Alouette, gentille Alouette …)
erinnere dich an jene stunde.
erinnere dich an hütte, fenster, wald. an die dunkelheit, die gegen das fensterglas anstieg, an die dunkelheit, die kühl und ein wenig fremd unter deinen fingerspitzen kribbelte. an die andersseitige dunkelheit, den weiten raum, die verhüllten kiefern. an die dunkelheit, die den gesang barg, freigab und dann wieder in sich zurücknahm.
erinnere dich. du warst das. du standest am fenster, du preßtest die nase an die scheiben, du hörtest die stimmen, wie sie jenseits sangen und verklangen, die leuchtenden stimmen.
(Alouette, gentille Alouette …)
da beugtest du dich vor, atmetest einen nebel aus, stießest mit der nase gegen die nacht draußen und wußtest nicht ein noch aus vor schönheit. du hattest noch keine worte, alles stellte sich unmittelbar vor dir auf, wuchs dir
(Alouette, je te plumerai …),
direkt ans herz, und doch … und doch … (je te plumerai la tete …) fühltest du damals schon, daß du nicht ganz warst. daß die schönheit von dir getrennt, dir entfremdet war. wem hättest du es sagen können? im nebenraum, meilen entfernt, schliefen die eltern, denen du es am morgen erzähltest. aber hatten sie denn verstanden? hätten sie es dir deuten, hätten sie es dir auflösenkönnen? du fragtest sie nach dem lied, summtest es ihnen vor, glaubtest, es damit erworben und beherrscht zu haben, wenn du nur einen namenhättest. als könntest du dem schönen näherkommen, indem jemand das lied für dich sänge, wieder und wieder! als könntest du das schöne begreifen, wenn es wiederholbar geworden wäre … doch in demselben augenblick, da du
(Alouette? – Alouette!, Ooooh …),
da du begriffst, daß es schönheit gab, spürtest du schon ihre unerreichbarkeit und den schmerz, und auch, daß du allein sein würdest im angesicht des schönen. und später:
da erfandest du worte: behelf, meßgerät und prothese. aber näher würdest du ihm niemals kommen.
Zeitzeichen
in den tiefen fältelungen einer lang nicht getragenen jacke: finde ich heute morgen unter vielen zetteln, leihquittungen der bibliothek im schumannhaus (mozart orgelwerke, vivaldi concerti grossi, widor orgelwerke), kassenzetteln von edeka (milch, pepperoni mild, hefe, mehl, wein) auch die quittung. café ehrenstraße. 02.01.2002. zweitausendzwei. ich muß nicht lang überlegen, ich gehe ja nie in cafés.
um mich ein bißchen selten zu machen, hatte ich das institut gemieden und die mail an o. von einem internetcafé aus geschrieben. bis zur verabredung hatte ich nun noch zwei, drei stunden zeit, die ich nicht wußte, wie füllen. was zu denken war, war alles bis an die grenze der angst gedacht, was zu hoffen war, gehofft, nun ging das bangen los, wohin mit all dem in den drei stunden, bis ich das jüngste vom tag zuvor (orgelflimmern im dom, seil ohne bahn, frühstück, dann die blaue kälte über den schnurgeraden wegen im königsforst, der mann mit dem opi-parfum, die getrennt frierenden handpaare) endlich o. würde erzählen können?
also ein café, ein beliebiges, und ich gehe ja doch nie in cafés, also egal. zum zweiten oder dritten mal in meinem leben mit der neuen währung zahlen. zuckerkrümel zählen. passanten beobachten. bang sein. hoffen. irgendwie ging es vorbei. las ich was? schrieb ich was? ich weiß nicht mehr wie, nicht einmal an das unangenehme, das zähe, wie es doch gewesen sein mußte, erinnere ich mich. die stunde kam, die stunde ging, ich zahlte in der neuen währung und ging hinüber zum neumarkt. damals fuhr die linie 16 noch nach mühlheim.
Zum Beispiel
So möchte ich es wieder haben, zum Beispiel so: ihre Arme hinter den Kopf erhoben, ihre schwere Brust gegen meine Halsgrube geschmiegt. Meinen Kopf eingetaucht in den Duftfluß der Achsel, trinkend draus mundvoll salzige Schlucke. Bauch an klebrigem Bauch, Hand auf der andern seitlich weggleitenden Brust, Beere zwischen Ringfinger, Mittelfinger. Fußgewirr, und die Beine verknäuelt. Mein Geruch ihr Geruch ununterscheidbares Gewölk, ihr Honig aus meiner, mein Samen aus ihrer Mundhöhle steigend, verknotete Schreie und ihr Schrei mein und mein Schrei ihr Verlangen befeuernd, bis ein letzter uns vor uns selbst davonträgt; und die Decken, das wünsch ich mir auch, sollen auch später noch danach duften, so daß mans errät … Und beim Einschlafen noch einmal, das möchte ich, das stelle ich mir vor: beim Einschlafen noch einmal die Oberlippe schürzen und darauf wahrnehmen den forteilenden Duft ihres Schoßes.
So beispielsweise. Jedenfalls so ähnlich.