Supernova

Heute morgen zieren blattauf und blattab Photographien einer ehemaligen Supernova die Titelseiten der Zeitungen. Aus dem Augenwinkel noch eine Überschrift erhascht (“Kosmologisches Rätsel”), im Vorbeigehen ein Wort aufgeschnappt (“das Universum dehnt sich schneller aus”), und auf einen wissenschaftlichen Durchbruch gehofft. Dunkle Materie endlich dingfest gemacht? Dunkle Energie bald schon zum Heizen verwendbar? Weit gefehlt.

Der Nobelpreis für Physik ist verliehen worden, und zwar einer Forschertrias für eine Leistung, die mehr als zehn Jahre zurückliegt. Bereits Ende der 90er Jahre nämlich schlossen Saul Perlmutter, Brian P. Schmidt und Adam Riess aus Beobachtungen entfernter Supernovae auf eine beschleunigte Ausdehnung des Universums. Natürlich wird der Nobelpreis nicht für die Forschungsleistungen von letzter Woche verliehen, schon allein deswegen nicht, weil sich wissenschfatliche Ergebnisse der Überprüfung standhalten und sich erst noch bewähren müssen. So dauert es oft Jahre, bis die Tragweite einer Erkenntnis und damit die Bedeutung der Forschungsarbeit in der Fachwelt anerkannt wird. Aber.

Aber der Zinnober, der dann über die Preisverleihung gemacht wird, nervt gewaltig. Wieder einmal ist es ein Ärgernis, wie gedankenlos und hektisch bestimmte Ereignisse als der Aufnahme durch die Medien würdig befunden werden – während anderes, was sicher ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger wäre, getrost unter den Tisch fallen darf. Reflex statt Reflektion. Es geht nicht um die wahre Bedeutung von Ereignissen oder auch nur um den Versuch oder die Anstrengung, einer Bedeutungszuweisung, die sich aus der Tragweite der Ereignisse selbst heraus begründen ließe. Zumeist steht in den Medien sowieso immer nur das, wovon ohnehin alle Welt redet. Daß dieses aber immer das ist, worüber sich zu schreiben, nachzudenken und zu debattieren lohnt, darf bezweifelt werden. Und so gab es eben ein Mozartjahr, aber kein Petrarcajahr. Es wurde über den Wohnungsbrand in Ludwigshafen tagelang bis zur Erschöpfung berichtet, aber die Zahl der Verkehrstoten auf deutschen Autobahnen regt niemanden mehr auf. Gestorben wird immer und überall, aber nur wenige schaffen es, bei einem Spektakel ums Leben und in die Medien zu kommen. Ist der Tod der anderen weniger schlimm?

Und jetzt prangt in schöner Uniformität überall das gleiche Photo eines Supernovarests auf den Zeitschriften, als sei mit der Bekanntgabe der Preisträger auch unsere Position im Universum neu bestimmt worden. Dabei hat man das alles seit Jahren nachlesen können. Und offensichtlich haben alle bei der gleichen Bildagentur eingekauft.

Rummel statt Rationalität: Mich ekelt es, zu sehen, wie die Verleihung eines Preises wichtiger genommen wird als die Leistung, die er ehren soll.

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