Atalante (1)

wieder alles anders. neue wege plötzlich aufgeschienen, neue blicke. du also. wie kann das sein. ein briefchen hier, ein lachen da, eine halbe stunde im sonnenlicht beim kaffee. John Donne und Nabokov. du also. seit monaten gehen wir nun jede woche in die mensa, aber es war nie die frage … diese frage nie. warum jetzt, wie jetzt, wie kommt das alles? ein gruß hier, ein wunsch da, ein blitzender löffel auf dem tisch. du also. Mela-Meli. nenne dich Schwarzäugige. Schwarznamige. nenne dich Atalante-Atalanta. ein ängstlicher Melanion-Hippomenes, rüste ich mich zum lauf.

>>supra

<<infra

Sæby (2)

Nie ist das Drinnen so sehr drinnen wie zu jener Stunde, nie das Draußen so sehr draußen. Das Fenster ist eine Grenze; nacht aber ist es auf beiden Seiten. Nacht ist es in aller Welt. Die Welt selbst ist Nacht.

Ob die Stimmen schon immer da waren? Haben sie ihn geweckt, ihn heraufgelockt aus bewußtlosem Schlaf?
Ja, sie zogen ihn herauf und ans Fenster und waren: draußen und fern. Von jenseits des Schlafes herangeweht. Nicht zu ihm gekommen. Nicht zu ihm. Aus unerkannten Fernen, nach verborgenen Plänen handelnd, waren sie dorthin gekommen, wo auch er sich zufällig aufhielt. Und er war in den Begrenzungen von Zimmer, Haus und Mauer gefangen, auch ins Eigene gesperrt. Sie wußten nichts von ihm. Sie werden auch nie etwas von ihm wissen, oder von irgendeinem andern, der am Fenster steht. Sie brauchen nichts. Sie gehören auch nicht zur Nacht, sie gehören nur: sich selbst. Und sie singen. Sie singen sich selbst zur Freude.
Sie füllen den Wald mit Klang und Wundern, entfernen sich, verlieren sich, verstummen und lösen sich auf in der Stofflichkeit der Nacht, noch einmal klingt es auf unterm den Mondfäden, in der Tiefe der Bäume, dann fallen sie zurück ins Dunkel, aus dem sie getreten waren, und das sie nun wieder hält und birgt. Und das Kind, die Nase am Fenster plattgedrückt, zum ersten Mal ist es allein.

Den Tag wieder

Den Tag wieder verwürzt mit Salz, bis die Zunge erstarrt unter Verkrustungen, und die Sonne, die Sonne …
Lechzend das Kissen abgeleckt, glühend vor Wißbegier. Süßholz geraspelt überm Steg, drauf die Blüten abfielen, als hätte der Frühling seine Prothesen verloren. Ich will, ich will, ruf ich zur Amsel, die aber packt ihre Stimme ein, wirft mir ein Keckern zu und ist fort.

In der Stadt (Atalante)

Vor so viel Licht die Hände vors Gesicht schlagen.
Nein, es ist nichts passiert. Vollmond war, und zur Abendstunde öffneten sich rostige Gitter zu Löwenzahn und Fliederduft. Farbe blätterte von der Sonne ab. Verquollene Holzlatten, Kastanienkerzen, Traubentage. Spielzeug vergaß zwischen hohem Gras seine knallbunten Farben, ein Roller, ein Schubkistchen, ein Schäufelchen, abgelegt, ein vergessener Sommer, verstoßener Gefährte August. Eine Zeder roch nach Süden nahebei. Später kam der Wind aus blankgefegtem Himmel und blies uns den Wein aus den Gläsern. Viele Schritte durch eine laute Stadt geschleppt. Überall lagen die Sonnenstrahlen überkreuz, der Asphalt gleißte, die Bäume schüttelten Licht aus, und obwohl ich Dich nicht traf

ich will umhergehen auf den gassen und straßen und suchen, die meine seele liebet

war ich froh: endlich war ich doch dort gewesen, wo Du jetzt wohnst, an Deiner Tür, mit einem Blick schon im Flur; und ein Wort hatte ich dagelassen,

habt ihr nicht gesehen, die meine seele liebet?

das mußt Du jetzt aufnehmen und zurückspielen, oder aufsaugen und verschlucken und auslöschen in der Nacht Deines Schweigens. Ich komme nicht mehr, sage ich mir, und meine, daß ich wieder kommen werde, ich will umhergehen auf den gassen und straßen …

am abend

wieder vergnügungen mit spielzeug, in dampfwarmen decken, zwischen singenden wänden, und draußen wimmelt es unterdes emsig von frühling. stimmen von weither, bienen, die an die scheiben torkeln. ein schweißtropfen sammelt sich auf der abgewandten stirn. abgewandt auch der atem, zur seite, leicht angewinkelten arms ein und aus voll tagesmüdem duft, und aus der gehöhlten beuge steigt des verlebte des tags, süß und unwiederbringlich. darüber die verschwielte braue und die heiße stirn, die braue, die sich später, am ende, zusammenziehen wird in der anstrengung des beschwörens … vertrauter raum geht auf zwischen muskel und gelenk und dem beginnenden pochen, in sich eingesunkenes entspanntsein, vertraute strecken, vertraute wege, wissend wo man auskommt, wie weit die finger reichen, und die spitzen der zehen, und die gedanken, die pfade im dschungel, die verwinkelungen fremder zimmer bekannt-unbekannter körper, antlitze, blicke. strecken soll man sich, auch die bilder strecken, und ausfüllen und hineinwachsen in sie, und in die dämmervolle luft, und sie auch einlassen, ein, ein, aus, ein. bald rascher. bald von allein. so tun und abermals so tun als gäbe es etwas zu entdecken an sich selbst, ja, als könnte man sich vor sich selbst verbergen, mit sich selbst schach oder dame spielen und aus dem verborgnen wieder überraschen, um an sich selbst heiße zeilen zu richten, die dann, später, wenn das licht gedämpft ist, zurückführen zum altvertrauten ritual, das sich selbst nur zum feiern hat. bis dann, noch ein wenig später, wieder stille einkehrt und die luft zu frösteln beginnt auf der betrognen haut.

lärm

erwacht aus tiefstem schlaf.

zwischen den stimmen im hof und dem radiosprecher von heute keine erinnerung. ich weiß noch, daß ich das fenster zuschmiß, verärgert über das palaver von unten, das in den schon beginnenden schlummer hineingewachsen war und mich wieder emporgetragen hatte. ich weiß noch, daß ich mich ärgerte. als ich abermals erwachte, war es schon hell, und die luft im zimmer stickig.

nicht einmal in meinem eigenen heim mehr geschützt und sicher. erst die invasion der mofa-jungs, die nun schon seit über einem jahr den hof besetzt halten mit ihrem motorgedröhn, dem alarmanlagengepfeife, dem werkzeugklirren, dem rufen, dem lachen, dem pfeifen, ja schon die schritte stören mich. dann die waisenkinder von gegenüber, die sonntags früh im sommer etwas, das sie vermutlich als musik bezeichnen würden, mit stillschweigender billigung der heimaufsicht aus den offenen fenstern quellen lassen, so laut, daß auch ein geschlossenes fenster keinen schutz bietet, und wer will schon an einem sommermorgen das fenster schließen? die waisenmädels nicht. ich auch nicht, aber ich verbreite ja auch keinen lärm. und nun kommt man auch noch überein, daß der hof sich trefflich eignet, um daselbst nachts zu plaudern und sich dem drogenkonsum zu widmen; der zigarettenqualm drang bis in mein zimmer. ich weiß ich weiß. manche menschen haben um 21 uhr feierabend. ich aber nicht. ich liege zu der zeit schon im bett und gehe hoffentlich bald darauf schlafen.

gibt es eigentlich noch menschen, die die heilige STILLE zu schätzen wissen? oder sind sich mittlerweile alle einig, daß allerorts nur noch der geschäftige LÄRM zu herrschen habe?

immerhin bin ich so früh dran, daß werktags nicht schon beim kaffe unerwünschte geräusche auf mich einprasseln. lange geht das aber nicht so, und gerade jetzt, wo ich noch nicht wieder fahrrad fahre, beginnt das martyrium schon lange, bevor ich im zug sitze. was treibt eigentlich einen menschen dazu, sich morgens um halb acht, unausgeschlafen und einen langen, ermüdenden tag vor sich, einen höllenlärm mittels eigens dafür ersonnener kopfhörer in den gehörgang zu hämmern? es wäre mir ja egal, aber das geprassel ist leider im ganzen bus hörbar und ausgesprochen nervtötend. tut mir leid, daß ich nicht so viel widerstandskraft habe wie dieser junge mann neben mir und mich schon durch das vergleichsweise leise rauschen aus der fassung bringen lasse. aber ich kann nicht aus meiner haut.

obwohl ich die dinger selbst benutze, verfluche ich ihre erfindung; streichholzschachtelformat und -gewicht, speicherkapazität von mehreren stunden musik und ebensogroße batterieleistung haben dazu geführt, daß pro zug, bus oder straßenbahnwagen drei bis fünf der dinger anzutreffen sind. alle in betrieb, versteht sich. ein abflauen dieser tendenz ist nicht zu erwarten. umsonst hoffte ich schon ende der neunziger jahre bei den mobiltelephonen. die sich leider auch nicht als bloße modeerscheinung entpuppten. einmal nahm ich meinen eigenen kopfhörer aus dem ohr und legte das ding neben mich. es war kein laut zu vernehmen. wie machen das die anderen?

und so geht es weiter. gebimmel, gefiepe und neuerdings auch regelrecht musik (oder was die urheber so nennen würden) aus mobilfunkgeräten, getute aus spielcomputern, autolärm und mp3-spieler sind nur einige beispiele für eine um sich greifende verlärmung des öffentlichen und nun auch des privaten raums, die dazu führt, daß ich mich zunehmend vertrieben fühle aus einem (imaginären?) paradies der stille.

für Melanie F.

die geburtstagsfeiern, damit man die worte nicht vergißt.
die straßenbahnen, damit man die blicke nicht vergißt.
die blicke, damit man das verlangen nicht vergißt.
die nächte, damit man den mond nicht vergißt.
die uhren, damit man den tod nicht vergißt.
das schreiben, damit man die unsterblichkeit nicht vergißt.

>>supra

.

Kirschblüten parodieren sich selbst (wie jedes Jahr …)

es gibt nichts zu sprechen. weder inwändig noch auswändig. weder zu menschen noch zu pilzen, noch zu wasserfällen, falls es irgendwo noch welche geben sollte, nein, worte sind nicht, und das leben spielt sich ab zwischen pflasterstein, tastatur, bier und bett, höhepunkt der woche ist die sonntägliche masturbationssitzung. im wortsinne.

ein baufahrzeug hängt in den scheiben, unsichtbar, drängelnd. überall wird jetzt gebaut, als wüßten sie alle genau, wofürs gut ist. ich weiß es jedenfalls nicht, und so erscheint mir das alles albern und wichtigtuerisch. kirschblüte parodiert wie jedes jahr ihren eigenen kitsch. wahrscheinlich weiß sie, wofürs gut ist. aber käme nur noch auf platz zwei.

so sind die zukünfte: banal. die wege geben nichts zurück von dem, was man ihnen überließ und überläßt, tag für tag, die hoffnungen sind alltäglich und maßlos. herrlich, wie spaßhaft das alles ist. nichts verpflichtet. morgen ist ja auch noch ein tag.

Neues Heim

Morgen zum ersten mal die neue reise. Wie oft bin ich diese strecke nun schon gefahren? Bonn, Koblenz, Mainz, Mannheim. Mannheim, Mainz, Koblenz, Bonn, neuerdings, seit der Intercity mit dem ehemaligen Interregio (ältere leser werden sich erinnern) zu (aktuellen, nicht ehemaligen) Intercitypreisen zusammengelegt worden ist, auch mit halten in Andernach, Remagen und Bingen. Aber das ist ein anderes thema.

Seit 1992 mehrmals im Jahr das Rheintal, die Weinberge Rheinhessens, später in der rötlich durchschimmerten ferne die Lichter der BASF, dahinter, eine dunkle linie über der ebene, die kämme des odenwalds unter den blauen osthimmel gespannt. Oder umgekehrt, zuerst die häuserschluchten Ludwigshafens, die immer wie vermodertes plastikspielzeug aussehen, bemoost und in der sonne ausgebleicht, dann der wein, die manchmal wolkenbewachte einfahrt ins rheintal, kurven, kurven, flußgeglitzer, manchmal die Loreley, ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Wenn das Siebengebirge in sicht kam, konnte ich schonmal buch, schokolade, walkman, später cd-spieler, in letzter zeit mp3-spieler verstauen. Mehlem, Bad-Godesberg, aussteigen. Es müssen hunderte von malen gewesen sein. Die landschaft hat sich verändert, häuser sind gebaut und abgerissen worden, bahnhöfe restauriert, straßen neu gepflastert worden, selbst der rhein ist nicht immer derselbe gewesen. Mehr noch hat sich das land und der strom aber in mir verändert, ist vertraut geworden, hat sich abgesetzt, hat sich mit erwartungen, vorlieben, abneigungen und wiederholungen durchsetzt, hat hier farbe bekommen, dort farbe verloren, hat die töne und schattierungen gewechselt, verwirbelt, auf den kopf gestellt. Ist durch mich gegangen, hat sich abgewetzt, hat abgefärbt. Hat sich schließlich tief eingeprägt und ein bild von sich dagelassen. Wie viele male braucht es, bis aus einer landschaft eine art von heimat wird? Zumal, wenn man sie immer nur in bewegung, immer nur als punktreihe zwischen hier und dort, zwischen heim und heim, betrachtet? Eine reiseheimat, zweistundenheimat. Immer vom eigenen fenster aus betrachtet, für zwei stündchen wohne ich von Mannheim bis Bonn. In quadratmetern nicht ausdrückbar.
Am schönsten war immer die explodierende sonne über dem weitgespannten Rheinbogen kurz hinter Rolandseck, von Bonn kommend: in den schatten hineingestaucht fällt plötzlich das licht über die rebenhänge, stürzt auf den strom nieder und breitet gleißende schlieren auf die wasserfläche, plötzlich ducken sich die stolzen schiffe, bis nur mehr schatten von ihnen bleiben. In der ferne sah man manchmal den eigenen zug, der rumpf perspektivisch zu einer eleganten schlange verschmälert, dem schluchtengen wiedereintritt ins rheintal zustreben. Zwischen die hänge, die den himmel zwischen sich nehmen und emporwerfen. Wenn ein besonderer tag war, flutete Bach oder Sibelius aus den kopfhörern.

Morgen heißt es nun in Mainz den Rhein überqueren, was völlig falsch gewesen wäre, all die jahre, ein zeichen, daß man sich geirrt, daß man den fahrplan falsch gelesen, daß der schaffner einen kater hatte und die lautsprecheransage verrostet war. Das soll nun also stimmen mit einemmal?

Ich werde mich nicht geirrt haben. Ich werde bei Mainz den Fluß überqueren, die am horizont gespannte linie des odenwalds wird dicker wulst von hängen mit burgen daran sein, die städte heißen nicht Ludwigshafen oder Alzey, sondern Darmstadt und Weinheim. Mein Vater wird mich abholen in einer fremden bahnhofshalle, wir werden die bergstraße entlangfahren statt über den Neckar, die berge werden links sein, nicht geradeaus. Das haus liegt am hang, sagt man mir.

Wo kann ich meine schuhe hinstellen, werde ich fragen?
Ob das merkwürdig ist? Die vögel auf dem balkon werden die gleichen sein.

aus dem stundenbuch. worte und tage

Worte und tage.
Sublimes wortgeklingel.
Ich trete hinaus, die welt zu finden, Regen, Blüte, Fels, aber es strömen wieder nur worte zu mir zurück, „Regen“, „Blüte“, „Fels“, die mir, wie alte, lästige freunde, immer wieder aufs neue und erwartungsgemäß begegnen. Vertraute gefährten, die mir eine welt, keine neue, erschließen, immer und immer dieselben staubigen räume. Ich strecke die hände aus und zurück kommt leeres geklingel. Es ist etwas unüberbrückbares zwischen mir und dir, da draußen. Worte klingen wie vermittler. Aber sie prallen zu mir zurück, ehe sie dich erreichen können.
Manchmal gibt es nichts außer worten. Dann muß man sogar dankbar sein. Ich weiß nicht welches von beiden schlimmer ist, in der welt sein zu müssen, ohne schreiben zu können, oder schreiben zu können, ohne in der welt sein zu dürfen. Heimat ist jedenfalls nirgends.
Wie ein pfeil die sehne besteht, um geammelt im absprung …

und so

Und so warten wir weiter, daß etwas passiert. Trinken kaffee, ärgern uns über die zweitakter, lesen herodot und warten, daß endlich etwas passiert. Etwas, das wir, aufgeschrieben, gerne läsen, mit schauern im herzen.
Ja, genauso wars, werden wir dann gesagt haben. Doch das zweite futur ist noch nicht das richtige tempus.

dünnhäutig

Zu früh zurück in die Welt aus Licht und Stimmen. Zu früh wieder auf Reisen. Die Räume zu weit; zu verwirrend und zahlreich die Details; die Fenster voll fremder Himmel. Der prasselnde Strom aus Einzelnem, unüberschaubar; die Abfolge der Überraschungen, die jede neue Stunde, sich aus der alten lösend, hinwirft; die Vielzahl der Zimmer, ein jedes voller Möglichkeiten, alle beängstigend; ich bin überfordert. Ich kann nicht so viel auf einmal.

Ich kann den Instinkten der Heilung nicht nachgehen, die mir nur die konzentrierte, gesammelte Ruhe hat schenken können. Morgens der Neanderthaler, dann die Hauptseminararbeit, dann Mittagessen, Henry Miller, Schlaf. Kaffee und Teilchen. Dann Herodot bis zum Abend, bis in die Nacht, vielleicht abgelöst durch die weitgespannten, langsam voranschreitenden, zum Einhalt zwingenden Perioden Prousts. Und das in einer schönen Folge von Tagen, logisch und richtig im Ablauf, und keinem Zweifel unterworfen: Wieso sollte man auch etwas anderes machen, wenn das vom Vortage so gut tat? Ich wußte nicht, was richtig war, habs einfach getan; und nun geht es nicht mehr.

Ich bin traurig darüber, daß ich glücklich war, ohne es zu wissen, und mich selbst aus diesem blinden Glück wieder verbannt habe, vor der Zeit. Nun bin ich in Lärm und wenig überzeugender Lautheit, in einer wirren Abfolge von Dingen und Kenntnisnahmen, eine so beliebig wie die andere. Nun steht nur noch eine Reise bevor. Und dann trennt mich nur mehr ein schmaler Abend, feinhäutig und ohne Schutz, vom Poltern, der Hast, der Lautheit und Grelle des Alltags. Dann ist wieder Montag. Dann tragen die Tage wieder Namen, jeder einen anderen.

Vor mir auf dem sofa hinter dem bildschirm sitzt die clownspuppe und lächelt mich schüchtern an. Ein trauriges lächeln, hilflos, sommersprossig und so verloren unter dem wirren haar. Warum bin ich hergekommen, denke ich, ein fehler, ich kann ja nirgends hin. Ich fühle mich elend und nach decke über dem kopf und alleinsein, und ich kann nirgends hin. Gestern war es doch so gut. Heute überall die umzugskartons, ich darf nicht helfen, aber zurückziehen kann ich mich auch nicht. Wie stille es war gestern und vorgestern. Wie wundervoll. Warum mußte ich gehen? Hab mich doch gefreut auf die reise, hab mich gefreut, daß ich wieder zu kräften … Nein. Alles zuviel und zufrüh. Bin selbst eine Clownspuppe. Ich will nach hause zurück und in die stille meines zimmers. Und dort weiter gesunden. In die ruhe der letzten fünf tage zurück. In die mitte der schonenden sammlung, des regens auf der terrasse und dem kaffe nach mittäglichem schlaf. Zurück in die Räume, die von Miller, Ovid, Herodot und dem neanderthaler abgesteckt worden sind. nach haus. Unter die decke, unter die dunkelheit. Wenn es nicht so traurig wäre, vor die eltern hinzutreten und zu sagen, ich fahr wieder, es ist so traurig, sagen zu müssen, es tut mir nicht gut, und dann … die lange lange bahnfahrt, der graue rhein. Die möwen. Die verlassenheit der clownspuppe, die einem aus den scheiben zurücklächelt, dahinter die wolken … der fluß … noch einsamer als es gewesen wäre, wär ich nie weggegangen.
Fast wäre ich dann glücklich gewesen.

Zu Hause

Das mit den wackersteinen war gar kein so schlechter vergleich.

Wieder zu hause. Etwas hilflos und kopflos in diesem käfig aus vertrautem. Die abende sind später als bei meinem aufbruch, der morgen ist früher. Die rotschwänze haben nicht gewartet auf mich. Nur die krümel auf der anrichte, die saftkreise, die tomatenstielansätze, die sind noch dieselben. Ich habe bedarf an zuviel ruhe. Ich hab keinen bedarf am späten licht. Ich finde auch im dunkeln den lichtschalter.

Im zickzack-kurs durch die räume freier zeit, viel bleibt da rechts und links einfach liegen.

Ich träume wieder. Das recht zum träumen aber gesteh ich mir nicht zu.

Vorhin draußen. Ich bin entwöhnt. Eine woche leise töne, enge grenzen, überschaubare räume, langsame regungen: Und schon komme ich mit dem anprall des lärms und der geschwindigkeit nicht mehr klar. Halb vier nachmittags, und die straßen brausen, das licht zittert, die häuserwände donnern. Zuviel, zuviel, ich möchte schützend die hände übers gesicht schlagen, den kopf abwenden, die schultern einziehen. Fast presse ich mich an die häuserwand. Der wind kommt beladen mit fahrzeugen. Fahrzeuge, so viele so schnelle fahrzeuge, waren die vorher auch schon da?

Rasch wechseln licht und schatten in der engen straße. Die menschen werden von ihren plastiktüten vorangetrieben.

Keine mitbewohner da, und ich drehe die lautstärke auf. Endlich. Wie ein schrei brausen die streicher, ein stellvertretender schrei, ein ersatzschrei, weil man den eigenen noch immer nicht wagt.

irgendwas ist immer

und ich bin wieder geneigt zu denken: wenn ich DAS erst nur hinter mir hab …

aber und dann? ja, was ist dann? warum vermeine ich, dann glücklich zu sein, wenn ich VORHER doch auch nicht …

es poltern dann doch wieder die luxusmelancholien los, der künstlerschmerz, der kunst-schmerz, das leiden aus plastilin. es bekommen doch die verluste, die ängste, der liebeswunsch wieder ihre frischen farben, chamäleonblaß, wie sie jetzt sind. haben sich getarnt, glauben, ich sähs nicht.

und ich sehe es wirklich nicht, jetzt. glück als schiere erleichterung. glück als NICHTS VOR SICH HABEN. glück als das freisein von unglück oder schmerz. wie lange hält das?

„irgend etwas ist immer“

und dann: irgendwann kommt es ja doch noch einmal auf einen zu, mindestens. das größte ereignis. wie kann man sein leben wohlgeordnet und glücklich damit zubringen „istjanochzeit“ zu sagen, und es dabei nicht einmal zu denken?

hernia

nachdem mir meine hausärztin in den schillerndsten farben die zu erleidenden schmerzen ausgemalt hatte:
„sie werden natürlich innerlich schmerzen haben, ganz klar, es wird spannen, sie werden das gefühl haben, der bauch ist zu eng, es wird beim bewegen ziepen, sie werden das gefühl haben, daß sie da statt zwei kunststoffnetzchen zwei wackersteine eingesetzt bekommen haben … da werden sie froh sein, noch nicht sofort nach hause zu müssen …“
nachdem mir also meine hausärztin vorgeschwärmt hatte, wie toll das alles sei, nicht ohne nachblutungen zu erwähnen und erschöpfend auf die drainageschläuche einzugehen, war der ton im krankenhaus selbst sehr entspannt. der arzt und ich plauderten, während die schwester meine armvene perforierte („geht das im sitzen oder kippen sie?“).
der arzt war sehr lustig („dort werden sie dann noch rasiert … also nicht im gesicht, falls sie jetzt denken …“), die schwester, die mir blut abnahm, nicht weniger. der arzt erklärte mir, was ich schon x-mal in den letzten vierzehn tagen gehört und gelesen hatte, es würde der bauch mit Kohlendioxid aufgepumpt (wußte ich schon), eine kamera und zwei geräte eingeführt (wußte ich schon) ein kunstoffnetz am bauchfell festgetackert (der ausdruck „tackern“ war neu) und auch am schambeinknochen (die information „am schambeinknochen“ war neu). auf meine bange frage, wie ich mich nach der op fühlen würde, antwortete der arzt grinsend, langfristig gut.
und kurzfristig?
der arzt zögerte. nun, unmittelbar nach dem aufwachen sei ich zu benebelt, um irgendwas zu spüren, begann er vorsichtig. die schwester aber verdehte mitleidsvoll die augen, während sie ein röhrchen an der kanüle wechselte.
„aber dazwischen … !“ stöhnte sie und schüttelte, schwach seufzend, den kopf.
der arzt führte dies genauer aus:
„dafür, daß sie zwei postkartengroße wunden im bauch haben werden, so etwa“ – und er machte mir dies anschaulich, indem er mit einer handbewegung eine ungefähr einen quadratmeter große fläche abgriff – „dafür also wird es ihnen vergleichsweise gut gehen.“
die schwester zog die kanüle heraus und ich eine grimasse. „mal eine weile fest drücken. so ist gut.“
ich fühle mich schon jetzt gut aufgehoben.

wasserschildkröte

einmal erzählte mir E., wie sie in griechenland auf dem markt eine wasserschildkröte gekauft habe. es gibt in Athen ganze straßenzüge, in denen allerlei haustiere zum kauf angeboten werden, volieren mit vögeln sind da aufgereiht, käfige mit hamstern, mäusen und kaninchen, wasserschildkröten in großen eimern. so eine wasserschildkröte, ein kaum kinderhandgroßes tier, kaufte E.; bekam ein gefäß mit, ein eimerchen vielleicht, oder eine plastiktüte mit wasser, ich weiß es nicht mehr, und damit ging sie nach hause.
und da war sie nun, die wasserschildkröte, bei E. zu hause. saß in ihrem eimerchen, hatte das köpfchen halb aus dem wasser erhoben und paddelte verloren mal hierhin, mal dahin; und als sie das erzählte, da legte E. ihre stirn mitleiderregend in falten, weitete die hilflosen augen und bewegte die angewinkelten arme wie beim schwimmen, so sei die wasserschildkröte in ihrem eimerchen herumgeschwommen, sagte sie, „das war so traurig, wie die wasserschildkröte allein in ihrem eimerchen herumschwamm, das köpfchen halb aus dem wasser, – wo bin ich, was mach ich hier? –, ich hab das nicht ertragen“, sagte sie und machte noch eine hilflose schwimmbewegung.
anderntags brachte sie die schildkröte zurück zum händler. „Δεν μπορώ“, sagte, sie, „ich kann das nicht.“ der händler nahm das tier zwar zurück, das geld wollte er E. aber nicht herausgeben.
ab und an denke ich an diese wasserschildkröte und wie E. die arme anwinkelte und die stirn in falten legte, und es greift mir ans herz.