Das Opfer (3)

Er tastete vorsichtig nach der wasserflasche im rucksack, ohne sich allzuweit vorzubeugen, damit der schmerz fernbliebe, nestelte den verschluß auf und trank in gierigen zügen.

dichtes dunkel hatte sich ihm entgegengewölbt, als er die tür aufstieß. heraus strömte ein geruch, den er nicht benennen konnte, etwas scharf, fast beißend, ein geruch nach sauberkeit, nach strenge, nach gestärkter schürze. er betrat den kleinen raum. dunkelheit glitt über ihn hin. kaum trug das fahle dämmerlicht, das durch die weitoffne tür fiel, zur sicht bei. es fand sich aber eine kerze und auch einen kamin gab es, wie er zu seiner freude feststellte, und gutgelagertes holz. über dem kamin hing ein schmales bord an der wand, darauf stand ein einzelnes, in leder gebundenes buch. an der wand daneben ein spiegel. kerzenschein fiel durch die blanke fläche des glases und ruhte rotglühend auf seinem rechten ohr. das andere lag im dunkel des spiegels verborgen. er verzog das gesicht, wandte sich ab. auf der anderen seite war ein feldbett aufgestellt, mit einer sauberen, weißlich schimmernden matratze darauf. in der wand gegenüber dem eingang deutete eine ritze im holz, ein knauf, halbkreisförmig abgeschabter boden auf eine weitere tür; auch schien das innere der hütte in den abmessungen kleiner auszufallen als das äußere glauben ließ: hinter dieser tür lag wohl noch ein kleiner raum. öffnen ließ sie sich nicht. als er von ihr abließ, meinte er, ein leises summen zu hören, wie von einem elektrischen gerät, einem kühlschrank vielleicht, und neigte das ohr gegen den spalt. das holz kratzte, gab aber keinen laut von sich. klopfen gegen die wand erzeugte einen schwachdumpfen hall. das summen war verstummt.

er legte die sachen ab, machte feuer, breitete den schlafsack auf dem bett aus, aß und trank. später nahm er das buch vom regal, entledigte sich der kleidung und schlüpfte in den schlafsack. die tür ließ er einen spaltbreit offen stehen, da ihm die luft eng und schwer atembar schien. warm und schläfrig und eingehüllt in den flausch des schlafsacks, schlug er das buch auf. doch er hatte kaum zwei zeilen gelesen, da übermannte ihn bleischwere müdigkeit. der kopf sank ihm auf die brust, das buch entglitt seinen händen, und er schlief, noch ehe es zu boden gefallen war. das dumpfe poltern, mit dem es aufschlug, hörte er nicht mehr, ebenso wenig, wie er es später vernahm, als in der nacht die tür mit einem harten klicken zufiel.

(4)
(2)

Das Opfer (2)

plötzlich ein Schimmern von poliertem stein.

über bemooste felsen war er mühsam gestolpert, weitab vom hauptweg, war geklettert über vermodernde stämme, halbvereisten tümpeln ausgewichen, auf schlüpfrigem grund mehrfach augeglitten, hatte sich das gesicht im unterholz zerkratzt, wollte die abkürzung schon drangeben und umkehren, als plötzlich, emporgewachsen aus fichtenreisig und bräunlich verkrümmtem farn, sich vor seinem blick ein geglätteter stein erhob. es war ein schmuckloser, scharfkantiger quader mit sanft schimmernden flächen, etwa tischhoch und etwas kürzer als ein mensch hochgewachsen ist, oben in einer vorspringenden, glatten platte abschließend. die kanten waren scharf geschnitten und ebenmäßig; die flächen eben; nur der untere rand, wo das moos begann, wölbte sich etwas vor und bildete einen abschließenden reif, der den sockel vollständig einfaßte.
überlaut knackte das reisig unter den stiefeln, als er um das gebilde herumspähte, noch einen schritt, noch einen schritt, und der grund zu kippen schien, sich aufzurichten schien gegen seinen schritt. dann stand er auf der andern seite, und die wipfel der fichten schwangen wild herum in einer plötzlichen bö. die andere seite des steins war ebenso glatt und schimmernd poliert. sonnenlicht stürzte hinter den wolken heraus, über ihn hinweg, zwischen die stämme und auf dem altar vor ihm lag sein schatten. auf der wie saubergewischt glänzenden, einem opfertisch nicht unähnlichen platte war etwas, wie ein fleck, eine störung: er trat näher: dort eingegraben in der mitte, im sonnenlicht dunkel hervortretend, ein merkwürdiges gebilde, das er nicht zu deuten verstand, der einzige schmuck: etwas rundes, molluskenhaft gewundenes wie eine muschel oder eine schnecke hob sich halb aus dem stein und war halb in ihn eingelassen, der obere rand emporgewölbt und leicht eingeschlagen, im umlauf flacher und unten in einem füßchen oder läppchen auslaufend. er berührte die rundung, fuhr den windungen nach, tastete mit dem finger in die mulde, in die im gegenlauf der äußere wulst spiralförmig hineinleitete; näherte sein gesicht bis auf eine handspanne; wurde nicht schlau daraus, ließ ab, trat einen schritt zurück. er hob den arm, winkte und wiegte den oberköper ein wenig hin und her. sein schatten auf dem stein tat es ihm nach, griff sich an den kopf, krümmte sich wie in plötzlichem schmerz, stand wieder zögernd aufrecht. er wollte noch einmal ganz um den altar herumgehen, als ihn ein unbehagen beschlich. etwas kribbelte plötzlich an seinem rechten ohr, daß er heftig daran kratzen mußte. rasch wandte er sich ab und verließ den ort. unterholz knackte, die kleidung raschelte vernehmlich im auf und ab der schritte, sein atem rauschte. nach ein paar schritten ertrug ers nicht mehr und drehte sich um: da schimmerte der stein unter den fichten in schwachem widergeleucht; mittig lag immer noch ein schatten, der, von einem baum geworfen, leicht hin- und herschwang. dann erlosch die sonne und mit ihr der schatten; der stein trat ins zwielicht zurück, wo er sich auflöste und eins wurde mit dickicht und dämmerung.

erst als er wieder auf dem hauptweg angelangt war, hatte er aufgeatmet. Kurze zeit später war er auf die hütte gestoßen; da hatte es schon zu dämmern begonnen.

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Das Opfer (1)

angst.
angst war. war das erste. war vor dem aufsteigen aus dem dunkel, war, noch ehe die stimmen waren, war der anfang. als die angst sich selbst spürte, da war sie schon lange zeit gewesen; und dann erst der singsang, der chor und das lachen. und gebrüll war, und heulen war. ein steigen, ein fallen. eine stimme, die sich überschlägt mit geschluchz. und immer angst, schreie und angst. halt ihn fest! da wieder singsang, heulend wie eine sirene: und da kniet einer im schnee da drückt ihm ein anderer das knie, drückt ihm den fuß in den rücken. etwas senkt sich herab. etwas blitzt. dann ein federnder schmerz. jemand hebt etwas auf. jemand hebt etwas auf. jemand hält etwas hoch. etwas fließt herab, etwas kriecht warm wie ein tier. jemand hält etwas hoch. etwas weiches fällt mit sanftem geklatsche. etwas singt. jemand schreit und schreit und schreit. schmerz zerspaltet die augen. etwas bleibt liegen. jemand brüllt. die stimmen verklingen. ein murmeln bleibt. eine ferne bleibt. ein wald.

schmerz. und immer noch schmerz und gebrüll, gebrüll allein jetzt –

jemand schrie im dunkel. schrie durch seinen mund, schrie mit seinen lungen, schrie roh aus seiner kehle, jemand hockte und schrie. jemand saß die hände aufs kissen gestützt, und jemand war er, er selbst, der seinen körper den schreien lieh, so wie er emporgefahren war in wilder bewegung; und konnte nicht mehr aufhören zu schreien, atmete und pumpte schreie zwischen dem luftholen, bis er sich verschluckte, hustete, würgte, dann pfeifend luft einsog, die er mit einem jammerlaut wieder ausstieß. er schluckte mehrmals krampfhaft, unterdrückte das wimmern, das sich immer noch aus seiner brust emporwinden wollte, schüttelte den kopf, keuchte. schloß die augen.

der schmerz blieb.

allmählich kam er zu sich: ein traum, nur ein traum, aber, himmel!, was für ein traum … und die dicke luft in der hütte, dazu noch das feuer, kein sauerstoff mehr, die zwei bier sicher auch wieder zu viel nach einem langen tag wandern, da muß man ja, muß man ja rasende kopfschmerzen bekommen … wasser wär jetzt gut. wasser ist das beste!

er hob die beine über die bettkante, was ihm stiche durch die schläfe und nacken jagte, fühlte den kühlen holzboden unter den füßen und blieb so sitzen, bis die wellen des schmerzes nachließen und nur ein dumpfes pochen auf der rechten kopfseite blieb. atmen, nur ruhig atmen. irgendwo hatte er noch eine flasche mit wasser, wo war die? plötzlich verhielt er den atem und lauschte. war da nicht wirklich eine stimme gewesen? oder war es ein widerhall der traumstimmen, stimmen aus seinem eigenen kopf, in dem der traum noch festsaß und ihm stimmen zu hören gab, die nicht wirklich waren. fernab jeder ortschaft, mitten im wald, mitten in der nacht, im winter: wer sollte das sein? er lauschte. sein magen gluckerte. ein bißchen war ihm übel. aber der kopf fühlte sich besser an. sein eigenes atemgeräusch klang komisch. verzerrt und aus einer falschen richtung, als sei es gar nicht er selbst, der atmete.

eine nach der anderen erhoben sich die erinnerungen und setzten das wachsein wieder zusammen. seine wanderung, die freie ebene, die hütte, die fichten, der altar. im kamin gloste es noch; als der traum kam, konnte er noch nicht lange geschlafen haben. wovon hatte er eigentlich geträumt. von dem ort? er erschauerte. irgendwo hatte er etwas darüber gelesen. wo nur. er bückte sich nach der stelle, wo er das buch hatte fallenlassen, als ihn unbezwingbare müdigkeit übermannt hatte; doch fand er nicht, was er suchte, und das bücken verursachte ihm abermals ein scharfes stechen im kopf. kein buch, auch gut. tief atmen, gleich geht es besser.

plötzlich ein Schimmern von poliertem stein.

(2)

Atalante (10)

Erkenntnis am sonntagabend: ein tagelanges schweigen setzt sich immer aus stunden des schweigens zusammen; die schweigenden stunden aus minuten des schweigens, schließlich die minuten aus sekunden, die schweigend verticken, eine nach der anderen. Und irgendwann sind es zwei tage geworden.

Ich gebs auf.
Fünf stunden lang versucht, dich zu erreichen. Fünf stunden lang, bis an die grenzen des wahnsinns, versucht, dem rufton irgendwelche zeichen abzulauschen, fünf stunden lang gedacht, jetzt rufe ich nicht mehr an, fünf stunden lang dann doch noch einmal angerufen. Irgendwann war es halb elf. Ich konnte nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Ich schreibe tagebuch, was eine qual ist. Dummerweise wärs eine noch größere qual, nicht zu schreiben. Eben nach hause gekommen, zitternd die treppe hoch, keine nachricht; angerufen, verschwitzt und müde wie ich war, die augen noch voll licht bebend im dunklen flur gestanden, tuut, tuut, keiner da. Ich kann nicht umhin, den schrecklichen gedanken zu denken: würdest du auch nur ein zehntel, einen hauch, einen wind dessen empfinden, was ich gerade … die welt sähe völlig anders aus. Jedenfalls säße ich jetzt nicht hier nach dem xten versuch, dich zu erreichen und schriebe tagebuch, weil ich sonst nicht mehr ein noch aus weiß, geschweige denn weil etwas zu tun wäre, außer, auf den nächsten versuch zu warten. So viel steht fest.

Mit größter willensanstrengung mich heute morgen zusammengerissen, losgefahren ins ahrtal, zum steinerberghaus gelaufen, nur um nicht zu hause zu warten, nur um auch etwas besseres zu tun zu haben, um auch nicht zu hause zu sein für den fall, daß du anriefest; was für ein erbärmliches vorhaben, was für ein schöner selbstbetrug, lüge, alles lüge. Ich habe nichts besseres vor. Es gibt für mich nichts besseres, Atalante, liebste, als es, was immer es ist, mit dir zusammen zu tun.

Soviel steht fest. Atalante, Meli, Schnellfüßige, Honig meiner augen. Sei mir nicht bös darum. So ist das. So ist das eben alles.

Currently playing: Górecki, Symphonie of Sorrowful Songs

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Atalante (9)

dafür bist du nicht da, die papierschnipsel meines lebens wieder einzusammeln. passen will vieles nicht mehr. scharfe ränder, ausgefranste brüche, zerschlissene falzungen, und manches gar angesengt, verkohlt, unkenntlich geworden.

das ist nicht deine aufgabe, Atalante. du kannst mich nicht retten; aber vieles wäre so viel einfacher mit dir zusammen. nein alles. und vieles möglich, wozu ich nun nicht einmal den kopf aus den kissen zu heben vermag. nicht mich retten, Atalante, aber da sein, damit ich mich selbst retten kann.

du findest diese elf jahre nicht schlimm, sagst du; aber vielleicht ahnst du nicht einmal, was für besondere gründe ich habe, sie meinerseits schlimm zu finden?

du trugst den hauch eines bitterherben parfums. hast du mich einen augenblick, so flüchtig wie der schlag eines falters, an mich gedrückt, als wir uns zum abschied umarmten im flur? habe ich es mir eingebildet? ich lächelte noch einmal schräg nach oben, ehe mich das treppenhaus aufnahm: du standest noch auf dem treppenabsatz vor deiner tür und sahst und lauschtest mir nach. ich hörte die tür nicht ins schloß fallen, solange, bis wieder nacht war.

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und nun

… bin ich eingeladen.

der himmel ist ja blau! da ist ja … ein schmetterling! und ein zaunkönig! und lustige autos! und … in bunt!

und der asphalt fühlt sich hart und warm an, und das wasser ist kühl und löscht den durst, und die brötchen knusprig und, hej, die erdbeermarmelade ist süß, und plötzlich weiß ich auch wieder, wie man singt und pfeift und mit den fingern schnippst.

und wie das alles geht.

das alles.

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Atalante (8)

gestern abend wieder langes ringen. das zimmer halberleuchtet, die amselstimmen halb drinnen halb draußen, das klavier lange verstummt. keine botschaften, nur welt. da lag ich wieder, und um mich erhoben sich abermals die bäume, die verästelungen, die verfaltungen im raum, die maserungen der stille, und ich schlug die hände vors gesicht, als könnte ich nach innen fliehen. mich einstülpend verschwinden und zu negativem raum werden, ein knäuel das weniger ist als nichts.

ich blieb und hatte gewicht. wenn ich mich regte, knarzte das bett. das herz schlug. der atem ging. die amseln jubelten. ich glaubte nicht mehr. verlor den faden, verlor alle fäden, verlor mich selbst an das schweigen Atalantes. an ihre unbekannten gedanken. die kristalle, färbungen, schatten und schärfen ihres bewußtseins. die hieroglyphen ihres wollens.

ich kann nicht mehr, dachte ich, und es war nicht das erste mal, und auch nicht, daß ich dachte, es geht um mehr als um Atalante, es geht um mehr als um liebe, es geht um mein leben. daß dieses sich nun als etwas von Atalante untrennbares, als etwas ohne sie gar nicht denkbares anfühlt, ist nur zufall. Atalante, ob ich sie nun liebe oder nicht, ist ein anstoß, ein lupe, eine landkarte. ich halte mein gefühl für echt, aber nicht alles an schmerz und verzweiflung, die ich empfinde, hat mit ihr zu tun, und ich denke, das fügt sich alles nicht. ich darf Atalante nicht als etwas wollen, daß mir mein leben wieder geradebiegt. nicht als retterin darf ich sie lieben, sondern nur als frau. dann aber muß ich sie gewählt haben. in gelassenheit. dann muß ich sie auch ziehen lassen können, falls sie mein werben nicht erwidert. ich muß: ihr ebenbürtig sein.

und genau das kann und bin ich eben nicht.

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und nun

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Atalante (7)

später verzogen sich die wolken und die sonne kam.
eine schar mittelalter esoteriker mit vollbart, grauem kurzhaarschnitt und, manche, bunten tüchern um die schultern, schwärmte gerade aus, um blumen zu pflücken. froh, nicht der einzige spinner zu sein, ließ ich mich am rand des tempels nieder und sah ihnen zu, wie sie sich wieder versammelten und einen langsamen reigen begannen, wozu sie eine anrufung, ein gebet, eine beschwörung sangen, alumne, alumne … alumne, alumneeee, und ihre ineinandergefaßten hände hoben und senkten. ich nutzte den augenblick, da sie selbst zu beschäftigt waren, um auf mich achtzugeben, erhob mich und näherte mich dem verwitterten stein und den drei gestalten. Ich öffnete die flasche und und ließ den wein dunkel über den altar fließen. die poren des steins nahmen die nässe zur gänze auf.
ein endloses wochenende und einen feiertag hatte ich durchkämpft und durchlitten. ich hielt mich selbst nicht mehr aus, meine gedanken nicht, die fragen, die im kreis schreitend zu keinem ende kamen, die wände nicht, die worte nicht, die ich für meine geschichte abwechselnd sammelte und wieder verwarf. die rotschwänze nicht, den amselgesang nicht. meine eigenen erinnerungen nicht. schließlich packte ich den rucksack, brot, käse, wein, filzschreiber, und floh in lodernder verzweiflung aus dem haus. ging in den wald, suchte und fand in einer geröllhalde einen flachen stein, spülte ihn in einer pfütze ab, ließ ihn an der luft trocknen; schrieb dann einen atemlosen hexameter darauf und wanderte eine stunde zum tempel. dort legte ich ihn ab bei den Aufanischen Göttinnen und in ihre hände das weitere,

NVMINA ADESTE IVVATE FAVETE QVOD ARDET AMORI.

später habe ich geweint.
die wolken lösten sich und die sonne kam. geändert hat sich nichts.

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zweifel

episteln: an meinen bruder

Brüderchen,

Heute nacht hatte ich einen seltsamen traum: in meinem zimmer bemerkte ich eine spinne, die aus irgendeinem wirrwarr von geräten oder schachteln herauskrabbelte. sie hatte einen runden, hellgrauen körper und sehr lange dünne beine. als sie an der wand über meinem bett angelangt war, war ihr körper gedrungener geworden, der hinterleib länglicher, ihre farbe dunkel, und die beine waren jetzt dick, wie die von solchen spinnen, wie sie gerne unter kellertreppen wohnen … panisch wich ich zuück, ich kannte diese spinne, sie hatte mir schon einmal einen schrecken eingejagt, sie war über ein jahr in meinem zimmer gewesen, ohne daß ich es bemerkt hatte … ich rief nach dir. du warst irgendwo draußen, im nebenzimmer, auf dem flur, jedenfalls im haus. du kamst herein. als du die tür öffnetest, hockte die spinne darüber. ich hatte einen kurzem augenblick angst, sie könne auf dich herabfallen, aber du tratest unbeschadet durch die tür, kamst zu mir, und ich deutete auf das tier, das mittlerweile die ausmaße eines zwergpudels angenommen hatte und von tiefschwarzer farbe war. ich glaubte, du würdest dich fürchterlich erschrecken; zu meinem riesengroßen erstaunen aber gingst du ruhig zu der spinne hinüber, packtest sie mit beiden händen an einem beinpaar, so wie man einen stier bei den hörnern packen mag, durchquertest an mir vorbei das zimmer und schleudertest das ding aus dem fenster in den hof. ich war gerettet.

Bester retter und spinnenbändiger, glücklich erwacht bin ich

Dein TTh

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Brückenstraße

vorm fenster blühen die büsche. im regenrohr haben hausrotschwänze ihr nest gebaut, ihr klicken und zirpen füllt den hof. das ist schön.
überall risse, risse und nässe und moos, das aus den steinen quillt. in den pfützen schäumt immer wieder der regen. ich habe mich mir selbst übergeben. ich bin nicht mehr herr über mich. ich schleiche unter dem licht, wenn es mal scheint. ich mache dies, ich mache jenes, weil man ja etwas tun muß, irgendwie. ich sehe den stunden beim spielen zu. die zeit zupft an meinen muskeln und nerven. jede sekunde ist spürbar, jede minute ein kampf.
am abend liest man weiterhin herodot oder ovid. für eine kerze ist es lange zu hell schon. ihr licht würfe einen schatten an die wand.

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zweifel

die frage ist: kann man durch eine eindeutige andeutung ein eben aufkeimendes interesse abschrecken?

ich sollte nicht von mir und meinen beschränkungen im gefühlsleben ausgeben, sondern versuchen, die sache differenzierter zu sehen (was mir schwerfällt).

war es schon verfrüht? auf jene zeile bezug zu nehmen, auf jenen berühmten anfang:

had we but world enough, and time
this coyness, Lady, were no crime

und ein anderes buch zitierend ihr in die gedichtsammlung des ersten autors hineinzuschreiben:

„And adds with a wink, ‚but we haven’t. And it is‘.“
(Gleg in „Water Music“)

??
müßige fragen. sowieso zu spät nun. ich schrieb’s.

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Atalante (6)

Und da war aber alles: wie immer.
und da war aber alles: etwas mehr als sonst.
gelacht haben wir viel und viel geredet und übereingestimmt und übereingekommen. daß wir uns sehen. nach pfingsten. vielleicht am wochenende.
in blinzele in den regen.
ein kind ist ertrunken. der himmel lacht schallend. der teufel trägt eine schellenmütze. so ist das.
ich trinke wieder wasser, ich trinke wieder wein, ich bitte um drei äpfel.
ich trinke wieder von der zeit. und vor meinem fenster blüht ein herrlicher busch, der war gestern noch nicht da.

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Atalante (4)

hänge den kopf in den wind, fülle das herz mit regenwasser, lese schritte aus pfützen und schreibe traurige listen, mit was du wie gesagt hast, „wir müssen mal“, „laß uns doch“, „ da müssen wir unbedingt auch mal“. und wie du es gemeint haben könntest. und warum nun das schweigen. ich fertige die vorläufige inventur einer bekanntschaft an. ergebnisprotokolle. wortkataloge. blickaufstellungen. bilanz: im unklaren. „mal am wochenende“, „spätestens Mittwoch“ … ja, Atalante-Melanie, ja.
es regnet. seit wir uns verabschiedet haben, regnet es, selbst dann, wenn mal die sonne scheint. warum hab ich dich nicht mehr gesehen, neulich, gegen das licht der straßenlaterne. ich kam auf den bahnsteig, da warst du schon weit voraus und im licht verschwunden, in der tiefe des raums. alles will mir ungünstiges vorzeichen sein.

gestern am grab von Jennifer Held. die Amseln juchzten vor schmerz. zwischen den schatten der bäume sammelten sich wandernde gruben aus licht, und ein wind strich mir über die tränen. warum glaube ich mir unseren donnerstagabend nicht? war etwas, das ich nicht benennen kann, ein verborgenes wort, eine im augenwinkel festgefahrene bewegung, ein blick, den ich schon vergessen habe, was ist es, das mir jede zuversicht fortnimmt?

listen, listen. punkte sammeln. was du tust, was du nicht tust. was ich täte. was du nun unterläßt, aus gründen, die ich gar nicht wissen will. was ich täte, wenn … doch du tust es nicht. die bäume sind mir gleichgültig. nichts ist wichtig. nichts ist wirklich. die welt ist nichts als ein schatten, den du nachlässig wirfst.

ich hänge den kopf in den wind, schreibe die liste fort. wache auf, wie ich einschlief, mit Mela-Melie auf den lippen, dem schwarzen honignamen. die decken duften nach einsamkeit. und die einsamkeit hat nun einen namen.
ich würde … ich würde … was darf ich erwarten, was muß ich erwarten? vielleicht sind worte nicht deins. aber wie kannst du verplante tage haben, wo wir uns gerade näher kennenlernen? seit ich dich kenne, habe ich keine verplanten tage mehr … habe überhaupt weder pläne noch tage. warum schlägst du nicht stattdessen etwas anderes vor? weil: und das will ich nicht aussprechen. das steht quer. und doch flüstere ich es
„weil …“

und mein herz füllt sich wieder mit regenwasser. schlage etwas vor, Atalante, ich habe keine pläne. meine tage sind leer und öd, zu verlieren gibt es nicht viel, stell du die bedingungen.

und ich werde um dich laufen.

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Atalante (3)

To clear the river, John Berrington. So ist das nun. Eine schöne Geschichte. Der Regen. Der Musikpavillon. Der verliebte, in Zweifel verstrickte, ängstliche Erzähler. Kürzlich meinem alten Englischbuch aus der 8ten Klasse wiederbegegnet; in der Nachhilfeschule, wo ich unterrichte, lag es in einem Stapel mit Aussortiertem. Ich schlug es auf und erinnerte mich sofort, nein ich kannte ja die Geschichte, bis in einzelne Formulierungen hinein, wie mir erst jetzt aufging: „you’ll get into trouble“, All he knew was that he was in love — Nun las ich sie abermals, und wie es manchmal so geht: Diese Geschichte muß mir schon damals, mit vierzehn, etwas zu sagen gehabt haben, jedenfalls habe ich sie nie vergessen.

Morgen schon. Der Weiher mag als Fluß herhalten. Müll ist überall genug. Schüchtern bin ich sowieso. Wie ich es geschafft habe, dies Treffen vorzuschlagen, weiß ich schon nicht mehr.

Vielleicht regnet es sogar. Morgen.

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Atalante (2)

noch einmal einmal noch
(Peter Rühmkorf)

als wäre es das letzte mal vor jahren gewesen, so scharf und frisch ist es nun. ich verstehe es nicht. woher kommt diese macht, die mir den atem ausdünnt, mir träume aufgibt, meinem herzen verrücktheiten befiehlt? wieder ist Mittwoch. der erste Mittwoch jenseits. letztes mal war noch alles gewöhnlich. keine fragen, keine antworten. irgendwann dazwischen ist etwas geschehen, ich weiß nicht was, nicht wann. ich weiß nur, daß ich mich wieder an den minuten reibe, alle augenblicke auf die uhr sehe, in die sonne blinzle und, passe ich nicht auf, wälderweise sehnsuchtsbäumchen pflanze. ist das zu glauben? nein. wer zehnmal liebt, dem glaubt man nicht. ich glaube mir das alles selbst nicht. und möchte es aber glauben.

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