was ersehnt diese sehnsucht eigentlich? … wenn man so sehr und so lange etwas will, bis das, was man will, zurücktritt und unsichtbar wird und schließlich ganz aus dem wollen verschwindet. allein, daß man will, bleibt: eine hohles gefäß wollens, in das man so komplett hineingewachsen ist, daß man es vollkommen ausfüllt.
Paul-Schallück-Straße
ich stelle mir vor, daß dort die schwarzweißgeringelte tasse immer noch steht, auf dem klavier, und daß eben erst der dumpfe, saitenverstärkte hall verklungen ist, mit dem sie dort aufkam. ich stelle mir vor, daß alles so ist, wie es war, als ich ging. vielleicht mit ein wenig staub überall, mit lustig wirbelnder leichtigkeit vor den morgendlichen fensterscheiben, einem duft nach unbewohnheit, oder nach ebengegangensein; daß das licht eingefroren ist über den blüten des ahorns; daß gegenüber die menschen überm schreibtisch sitzen, weder unbeweglich noch in bewegung, gerade nur so, wie jemand still steht, den man mit einem raschen blick erfaßt und wieder fortstößt, starr, obwohl vielleicht inmitten einer fließenden bewegung.
ebenso dieses zimmer, starr inmitten von bewegung, erfüllt von tanzendem staub, behängt mit träge wippendem papier, beschriebenem, das mit einer reißzwecke angepinnt ist; stille inmitten von klang, das knarzen des futons, das hohle poltern, mit dem die tasse aufs klavier trifft, verhalten, um eine schlafende nicht zu stören. das eine wird für immer eben erst gewesen sein, das andere wird für immer noch sein. gleich. jeden moment.
dieser raum hat sich abgelöst von allen räumen, die ich nun bewohne oder nicht bewohne. nur mehr zugänglich der vorstellung, verharrt er nun ewig in einem augenblick, kurz bevor jemand fragt, soll ich dir einen kaffee machen? und dennoch liegt staub über den noch fußwarmen sportschuhen am fenster, das handtuch ist noch feucht, die stretchhose zerknüllt unter dem zerschabten lederrucksack, der sich nicht mehr schließen ließ. ein sonnenstrahl liegt quer über einem mit georgischen schriftzeichen bekritzelten blatt papier, das nicht mehr vergilben wird. am klavier biegen sich die photographien. und werden sich immer biegen, die farben dazu verdammt, immer frisch zu bleiben, die gesichter immer strahlend. hier kann es nicht nacht werden und nie richtig tag; es herrscht ein ewiger morgen, mit dem immer im selben winkel verharrenden licht, dem staub, der tasse, in der noch der duft des kaffees ruht, eingefangen zwischen feuchter wärme und eintrocknung, und ein faden flüssigkeit spannt sich über die keramik, schwarz und weiß geringelt.
Aequinoctium
mitten im lauf erstarrte
plötzlich
zenon angesichts
des widerspruchs
sagt man
der streit widerstreitet
sich selbst
und endet
im streit
Nittel
ein regen schlief. ein fenster stand weitauf. leise stahl der mond der nacht eine stunde. lichtrauten schufen die wände wieder, während … und jetzt –
(einmal …. )
da
war sommer …
da war noch einmal: ein aufschub. ein weg. eine helle kreuzung. die man hätte nehmen können, die man nicht nahm. man streut es hin mit einem achselzucken und ein vogel kommt und pickt es auf. das ist alles.
sonne schien rechts, links stand der fuß auf schattenkühle. der hasel flatterte gegenüber. eine brise war. sonne war. menschen waren, unaufmerksam in eine ecke geweht, stimmen waren, und erwartung. der garten lag leer einen halbsommer. immer noch schwebte der fuß, bis er warm wurde in der sonne, immer noch hafteten links die zehen am stein, vergeblich kühle von sich streifend. um die andere ferse schloß sich gras weingedämpft. da zuckte die pupille, und sonne brandete und stirn schwamm davon über grünzerspelltes funkeln. lider senkten sich, lider schirmten. mit so einem schritt vornüber tauchend ins sonnenlicht fallen, aus dem schatten geneigt, einen hellen schritt. und immer. und immer.
und ewig. (sekt schaukelt in der hand)
zischende holzkohle, linkerhand spülte die sonne um finger, stimmengewirr hob sich und fiel ringsum, trunkener blick stolperte übers gras. eine großmutter schnarchte bedrohlich im liegestuhl, zuckte die achseln übers ersticken. feuchtigkeit schlug sich am wein nieder, wobei fett aus dem eschenahorn austrat. es tat gut, die hände vor sattheit niederfallen und ruhen zu lassen, es tat gut, zu schweigen, es tat gut, einfach alles ruhen zu lassen, mucksmäuschenstill. es tat gut, nicht zu denken, untätig zu sein, auch wenn es feststand, daß später das denken über uns kommen würde wie ein helleuchtender wirrer sturm. es tat gut, zu atmen.
ich war muchsmäuschenstill.
irgendwann jener tage steckte ich mir einen apfel ein und ging alleine in den wald. unruhige pläne geisterten herum, doch war man froh und voller vager zukünfte. träge blätterte man in büchern, schläfrig vom mittag. dann gab es essen. oben im haus warteten keusche nächte der liebesruh, und ein vertrauendes antlitz, das später in absurde gleichgültigkeit sich lösen sollte und vieles löschen auf immer: später, jahrhunderte später, als einmal herbst war.
da weiß man nicht: soll man vielleicht lachen? das weinen blieb im hals stecken, während die rosen wieder ausschlugen.
als wäre nichts gewesen, haben zwei jahre und ein bißchen mehr zeit die augen geschlossen.
ein regen schlief. ein fenster stand weitauf. leise stahl der mond der nacht eine stunde. lichtrauten schufen die wände wieder, während … und jetzt –
wieder, und derzeit die einzige möglichkeit eines atemzugs glück (oder etwas ähnlichem, voll davon): mich selbst ablegen in geschriebenem. für einen augenblick, der nicht länger dauern muß als es braucht, den stift niederzulegen: frei sein von mir selbst.
motto ..
… fürs erste geändert.
1981
das ist einfach grotesque, widernatürlich, unanständig. ich möchte nicht von sabbern sprechen, aber letzten endes ist es dieses wort, das in den gewölben widerhallt.
es kommt mir wie ein wahnsinn vor. was habe ich da zu suchen, nichts. elf jahre, ein augenblick, ein schicksal. zwei reisende in sich kreuzenden zügen, die einander für die schreckliche dauer eines wimpernschlags ins antlitz schauen und sich dann verpassen auf immer. doch in meinem fall, denke ich mit bitternis im herzen, hat es nicht einmal einen solchen augenblick gegeben; denn wir haben uns schon vor unserer geburt verpaßt; von anfang an konnten wir einander niemals mehr begegnen. (wenn es denn überhaupt beide gewollt hätten, versteht sich.) elf jahre. ein leben. sterblich sind wir von geburt an.
was für ein morgen ist das wieder, denke ich. jetzt mußte ich auch noch davon träumen. ein kuß. ein gemeinsames bad. ein sonnengebräunter rücken mit den hellen blässen des badeanzugs darauf sich kreuzend. ihre hände, die sie nicht schön findet, aber ich. ein traum: und noch im traum plötzlich die unumstößliche gewißheit, daß es nur ein traum war. ja, aber sie hat mich doch geküßt? wehre ich mich gegen mich selbst, aber ich muß es doch einsehen. und dann erwache ich, und es war wirklich nur ein traum, und der briefkasten ist wirklich wieder leer.
Geh!
Da sprang sie hinaus in den Garten in wildem Zorn, und Feuerströme von Tränen brannten auf ihren Wangen. Im Frost dampfte ihr warmes Haar. Der Rauhreif eiste ihre Füße. Da riß sie sich sämtliche Kleider vom Leib und sprach: „Geh fort. Nimm dein Schiff, fahr hinaus ans Ende der Welt, strande an verlassenem Gestade, zerschelle auf grausamer Klippe, versinke im tiefen Blau, und das Wasser möge den Glanz deiner Lichter löschen. Geh. Denn fort schicke ich ich dich, daß nie mehr ich dich sehe und leide am Blick deiner Augen.“
So sprach sie. Dann entzündete sie ein Feuer und warf ihre Kleider hinein und sah zu, bis sie vollständig verbrannt waren. Ihre Füße schmolzen das Eis im Grase zu ihren Füßen, der Flammenschein zuckte auf ihren Brüsten und schimmerte in den tiefen Brunnen ihrer Augen, und sie fror nicht.
in kürze
ich schrie gegen die wand
die wand
blieb weiß
zurückwies
man will gerne ablehnen. man möchte gerne zurückweisen, auch wenn es nichts zum zurückweisen gibt, weil ja keine vorschläge oder aufmichzugänge vorkommen, die man zurückweisen könnte; man möchte gerne abweisen, obwohl man es sich eigentlich nicht leisten kann, man möchte gerne abweisen, weil man es sich nicht leisten kann.
tagesschau
so leicht lassen die türen sich drehen, daß einen der ekel überkommt. türauf, türzu, türauf, licht an, stuhlgeplumpse, müdrücken, und die tastatur hängt sich wie fanggewebe an die finger. das bekomme mal einer wieder weg.
tagesekel. lichtekel, baumekel, fensterekel, und zwischen den augen blaut lüstern allfällig der sturm. lammellierte sonne zirpt in zerscheibtem himmel, indes ansagenlautsprecher mürben lärm herauswürgen, und da stehen sie wieder mühelos, die alltäglichkeiten, bereit, unseren händen zuzuspielen; keine sperre stellt sich in den weg, mit spannung erwartet man die neusten überraschungslosigkeiten. frau soundso, die alle welt kennt, ist schwanger von herrn xy, den auch alle welt kennt, aha aha. auch schon öfter gesehen: öffentlich angepriesenes gift, das ein besseres leben verspricht, obwohl es tödlich ist. auch schon dagewesen: eingeweide auf asphalt. allerdings haben die ihren ganz eigenen charme, zugegeben, vor allem, wenn noch brustkorb und beine dran sind und sie als verwackeltes videobild dargeboten werden. da schaut man gerne hin, da macht man es sich gemütlich. hier werden embryonen gegen eine wand geklatscht, um sie zu töten, dort brüllt unterdessen ein waschmittel steife parolen, und die mutter liegt gebrochenen blicks mit klaffendem bauch in der gosse. mit zwilling schneiden Sie immer gut ab. wir waren dabei, als man dem freischärler einen spitzpfahl vom anus her durch den leib schob und belegte brötchen dazu salsa tanzten, wir haben es gehört, wie eine zahnpasta das ewige leben predigte. aber beruhigend, daß nichts so schlimm kommen kann, daß sich irgendwas änderte. es ist alles in bester ordnung. erwartungsgemäß krähen die stimmen, die keiner hat hören wollen, und vor lauter freude gehen die uhren im gleichtakt. keine spur von sand. die sache läuft rund. bremsen wird allmählich gefährlich. aber warum auch, wo doch der fahrtwind so schön kühl ist.
und weil das ich bedeutender ist als der tod des freischärlers: wäre das ein leben gewesen, frage ich mich. aber welches. und auch das hat man hinter sich schon lange, längst ist man in einer welt nach den jahrhunderten angelangt, längst pfeifen die leeren räume, und vor uns ist alles schon gewesen und gut sortiert und aufgeräumt. anfänge heulen den mond an nächtelang. wäre, ach wäre wenigstens ein brausender abgrund. aber selbst ein schöner sturz ist kaum mehr originell. der untergang ist auch nicht mehr das, was er einmal war. zu viele gehen dafür unter. zwischen leben (öd) und sterben (öd) bleiben nur noch die glanzlippenmoderatorinnen, gewinnspiele ohne gewinn, der konjunktiv, der allesmixer, 0190er-nummern, free sample sex videos, absatzfördernde labyrinthe, funkvogelschreie, sommerschlüsse, diätetische warnungen (daß einem nicht langweilig wird), cellulitislotionen, die neuerdings cellulitelotionen heißen; und hilft das nicht, haben wir ja zum glück noch telephonhüllen, geköpfte söldner, singende krokodile, verbuddelte säuglinge, personalized sneakers, abgehackte gliedmaßen, mißhandelte kindergärtnerinnen und andere alltagsspäße. von gedärmen auf straßenpflaster war ja schon die rede. halbtransparente erdkugeln drehen sich zu einem weckergepiepe, als hätte unser letztes stündlein geschlagen (was es wohl wirklich hat). wird alles zu spaßhaft, bleibt natürlich zur erernstigung immer noch der METUS TERRORIS. sei wachsam, überall kann es dich treffen. jede jeansjacke ist verdächtig. und wenn es am end eine lederjacke war, macht es auch nichts. so ist dafür gesorgt, daß man nicht nachlässig wird, daß man mißtrauisch bleibt, sorge dich, aber vergiß nicht, dich zu UNTERHALTEN. sorge dich nicht zuviel, und vor allem, ohne deinen denkapparat in betrieb zu nehmen. der himmelTM ist auch schon aufbereitet. und rauchen kann tödlich sein. wäre es nur so. es bleiben statt dessen für einen schnellen tod nur stricke aus öko-sisal (für neurodermitiker geeignet), rasierklingen mit kindersicherung und schales gift® (light) mit naturidentischen aromastoffen. vorsicht! enthält eine phenylalaninquelle.
wo bleibt man da mit der herzensangelegenheit. mit der herzensangst. überhaupt mit dem ganzen herzen, schon zuckt man zusammen, als hätte man etwas schwerverdauliches gesagt. nimm mir nicht das wort aus dem mund, aber es ist schon zu spät. für jede regung gibt’s schon eines, und man kann sicher sein, daß es bereits schimmel angesetzt hat. wie soll ein gefühl noch an die hochglanzseiten heranreichen? und wie sollte mein, unser kleines fühlen den televisionären, den maximalen, den bunten ansprüchen genügen? ein wort wie liebe, lächerlich. ein wort wie zorn, anmaßend. — ein wort wie du: unbrauchbar geworden. wir sind vorgelebt, wir schnittmustermännchen. wir sind kopien und nacheiferer imaginärer originale. du bist verliebt? sei doch nicht albern. du bist verzweifelt? so’n quatsch, du bist ja nicht mal im fernsehen. du bist traurig? ich bitte dich, du kannst dir ja nicht mal den therapeuten leisten, der dir das diagnostiziert.
da könnte ja jeder.
kein
niemand
schreie ich ins nichts
und das nichts
nimmt es hin
das schweigen hat viel raum
da kann man schreien so viel
man will.
paßt immer noch ein
keil verzweiflung
hinein irgendwo
zwischen einmal stille
und zweimal stille
wieder schweigen?
nein
jedes
schweigen
hat ja seine eigene maske
und darunter
wir selbst, unerträglich
gespiegelt
jede keine antwort
ist eine neue keine antwort
ein nie gehörtes kein ja
ein ganz frisches kein lächeln
wie ein frühlingsmorgen
ja, jedes abwenden
lächelt auf seine eigene weise, und
jedes mal leerbriefkasten
fügt dem warten
ein neues steinchen zu
hart wie glas
draus baut man sich einen palast
da ist viel platz, wie im nichts
zeit hat man ja nun
genug
der 20ste.
das gastmahl war; und nun?
zitterte mit verschlungenen eingeweiden durch die gedehnten stunden des nachmittags, schlich mich zum einkaufen, wankte zurück. sah dreimal im seit gestern gepackten rucksack nach, ob ich alles hatte, wein, stadtplan, die CD vor allem. legte mich aufs bett mit trockenem mund und klopfendem herzen, lauschte dem gluckern im bauch, stand wieder auf, ziellos. aß noch etwas, was zuviel war. legte mich wieder hin, hörte musik, zuletzt, kurz vor dem aufbruch, Brahms. sah noch einmal nach: die CD war immer noch da. schrieb endlich in dicken lettern „DIE ANGST“ auf einen notizzettel, faltete ihn zusammen sooft es nur ging, und auf der rheinbrücke, genau in der mitte des stroms, warf ich das papier in hohem bogen in die graubraun strudelnde flut; wartete, bis es unter meinen füßen davongeschwommen war. atmete. da war mir tatsächlich leichter.
und dann geschah das gastmahl.
laß endlich die alten geschichten.
wirf deinen kummer hinaus in die lüfte, vertrau ihn dem himmel an, laß ihn fliegen, den schwarzen vogel wehmut, laß ihn endlich frei. gib das Alte auf, flüstere es in einen hohlen baum, grab ein loch in die erde, dort sprich es hinein und schütte es zu. oder schreib es auf einen stein und schleudere ihn ins meer.
dann halte deine hände wieder auf den wundern. sieh hin, hör zu, male ein fragezeichen, gib dem gang der dinge einen kleinen schubs. höre Dvořák, lies Ovid, verwandle dich und freue dich auf das gastmahl.
Gastmahl
Dant etiam positis aditum convivia mensis:
Est aliquid praeter vina, quod inde petas.
Saepe illic positi teneris adducta lacertis
Purpureus Bacchi cornua pressit Amor:
Vinaque cum bibulas sparsere Cupidinis alas,
Permanet et capto stat gravis ille loco.
Ille quidem pennas velociter excutit udas:
Sed tamen et spargi pectus amore nocet.
Vina parant animos faciuntque caloribus aptos:
Cura fugit multo diluiturque mero.
Tunc veniunt risus, tum pauper cornua sumit,
Tum dolor et curae rugaque frontis abit.
Tunc aperit mentes aevo rarissima nostro
Simplicitas, artes excutiente deo.
Illic saepe animos iuvenum rapuere puellae,
Et Venus in vinis ignis in igne fuit.
gastmähler auch bei gedecktem tisch können zugang gewähren:
mehr noch gibt es als wein, was du dort ansprechen kannst.
oft hat der purpurne gott dort genommen den Bacchus beim horne
und den bereiteten dann sachte gedrückt mit dem arm,
und als der wein die durstigen flügel Cupidos benetzte,
stand er beharrlich und blieb ernsthaft am selbigen fleck.
jener zwar schüttelt wohl rasch das vom weine getränkte gefieder,
Amor jedoch trifft selbst dann, wenn er die brust dir nur netzt.
Wein entspannt die seelen und macht sie für gluten empfänglich;
wo sie viel wein fortgespült, fahren die sorgen dahin.
Dann wird gelacht, dann setzt sich der arme die hörner des stiers auf.
sorge und schmerz gehen weg, wie auch die runzeln der stirn.
und dann öffnet die herzen die in unseren zeiten
seltene einfachheit, während der gott übt die kunst.
dort haben oft die mädchen der jünglinge herzen gestohlen
und frau Venus im wein war in dem brande ein brand.
ars poetica
Nec sic incipies, ut scriptor cyclicus olim:
„Fortunam Priami cantabo et nobile bellum“.
Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu?
Parturient montes, nascetur ridiculus mus.
noch sollst anheben du wie einst der epische dichter:
„krieg der Edlen will ich besingen und Priamus’ schicksal“ –
Was wird uns würdiges zeigen, wer seinen mund derart voll nimmt?
berge liegen in wehen, heraus kommt ein lächerlich mäuslein.
gleichung
die nacht vor meinem geburtstag war es, da kam plötzlich der gedanke: irgendwann werde ich ebensolange nicht mehr mit ihr zusammen gewesen sein wie ich mit ihr zusammen gewesen bin. könnte mich dieser tag entlassen, oder ist es dann immer noch und erst wirklich schmerzlich zu denken:
es war nur vorübergehend.
denn die zeit mit ihr, sie wird dann für immer kürzer sein als die anschließende zeit ohne sie, die anhält und anhält und immer weiter wachsen wird.
in wenigen tagen, am 13ten, unser nunmehr ungültiger jahrestag, es wäre der vierte gewesen erst.
traum
wieder geträumt, aus blinden räumen plötzlich hervorgetreten, vom wein entblößt, vielleicht: wieder sie und doch gleichsam verwandelt, eine neue frisur, kurzhaar und frech wie ein erstarrter sturm auf dem kopf, ich treffe sie mit ihm und will ihnen ausweichen, aber der raum wird zu eng, enger als berechnet, ich muß einen sprung machen, und sie merken, ich hab sie bemerkt. ihm weich ich aus, er bleibt in der nähe, aber mischt sich nicht ein. gegen sie aber bin ich auf eine weise kühl, die mich selbst schmerzt, aber es ist, als sei ich nicht ich selbst, als spräche eine andere gewalt in mir, ich kann nicht anders als rüde sein, abweisend, ablehnend. sie ist neutral. höflich? nein, einfach nur neutral. ich will ihr kein zeichen der zurückweisung geben, ich will ihr zeigen, daß sie so viel für mich bedeutet, es ist lebenswichtig in diesem augenblick, aber es geht nicht, ich bleibe eiskalt. irgendwann fehlt sie, ich stehe an ein mäuerchen bei einem aufzug gelehnt, ich denke, das wollte ich nicht, und der mund verzieht sich mir zum stillen weinen.
Naso
lachendes murmeln wache gesichter da federt die stimme. da wirbeln die worte, da verketten sich die gedanken. und der atem erschafft und beugt und formt den raum. auf einer bühne sein. auspacken, einpacken, verbergen, enthüllen, zaubern und verzaubern, den dichter wiederdichten kenntnisreich, blicke herumführen wie ein puppenspieler die fäden hält, und spielen, spielen, sich selbst spielen, und die grenze zu sich selbst aufheben, wände in sich einreißen und zerkrümeln lassen: Macht, ein brausen, brausen, und hämmern, und das herz so offen und sich hinneigend nach dem außen, den anderen, begierig nach blick, begierig nach bewunderung, begierig nach liebe –
dann –
ist stille. eine stille, in der man zappelt wie in einem netz. und einen langen ödtag hört man das inwendige brausen langsam langsam verklingen. es wär ja auf dauer nicht auszuhalten, dieser rausch; aber die stille ist fad. da wären wir wieder. nüchtern. in einer ahnungslosen welt.
Naso
Iamque opus exegi, quod nec Iovis ira nec ignis
nec poterit ferrum nec edax abolere vetustas.
cum volet, illa dies, quae nil nisi corporis huius
ius habet, incerti spatium mihi finiat aevi:
parte tamen meliore mei super alta perennis
astra ferar, nomenque erit indelebile nostrum,
quaque patet domitis Romana potentia terris,
ore legar populi, perque omnia saecula fama,
siquid habent veri vatum praesagia, vivam.
schon hab das werk ich vollendet, das Iuppiters zorn nicht noch feuer
noch kann das eisen zerhaun, noch zerstören das nagende alter.
Mag jener tag, wenn er will, der nur des sterblichen körpers
rechte besitzt, mir beenden die spanne des unsichern lebens:
ewig doch werde ich kraft meines besseren selbst über höchste
sterne gehoben sein, und mein name wird niemals verlöschen,
und, wo die römische macht auch die länder immer bezähmt hat,
werd ich gelesen vom volk, und im ruhme durch alle äonen
werde ich, ist etwas wahr an der seher ahnungen, leben.