Noch einmal Neujahr

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Ein Gang über winterliche Gefilde, wir zählen zwei und zwei die fünf Bäche zusammen.

Ehe sie sich vereinigen, unterirdisch, unbeobachtet in conspirativen Kanälen, aus denen die feuchte Kälte rauscht.

Gebäude stellen die Topologie voll. Es ist schwierig, den Überblick zu behalten.

Wir behalten ihn. Wir krempeln dem Talgrund den Ärmel auf. Landschaft, an den Häusern vorbeigeschmuggelt. Ich mag es, deinen Augen zuzusehen, wenn wir vom Wandern sprechen.

Ein weggeworfenes Mühlrad neben der alten Mühle, mahlt Schnee mit schwarzen Schaufeln. Eine Fremde tritt auf den Weg zur Mühle, sieht sich um, stumm, wir grüßen auch nicht. So stehen wir jedes für sich vor der Vergangenheit, die für alle gleich ist.

Der Mühlteich verlandet; Wasserpflanzen stoßen ans Eis, wie Lippen von Kindern, die eine Fensterscheibe küssen.

Noch eine neue Schicht Weg übern Weg gelegt. Eine tröstliche, neue Schicht, noch einmal Feiertagskerzen in den Fenstern.

Der Schnee wie frische Farbe in den Zimmern eines neu zu beziehenden Hauses. Zu Hause in der Welt, wieder zu Hause da, das wär was.

Überall schon die Meisen, als hingen die Bäume voller Fahrradklingeln.

„Was hast du für kalte Hände!“, sagst du, und dann ist es wirklich Zeit, nach Hause zu gehen.

Die Dinge behaupten sich

Ich schaue mir schräge Dinge an. Der Drehschalter am Elektroherd, damit fängt es an. Eine Bewegung, eine Haltung, die auf andere Dinge abstrahlt, von ihnen aufgenommen, weitergegeben, variiert wird. Ein paar Küchenhandschuhe, schräg an ihrem Haken, leer wie verschmähte Kollektebeutel. Ein abgeleckter Löffel, schräg neben der Tasse. Eine Möhre auf dem Schneidbrett. Eine sich neigende Hyazinthe, wie ein müdes Kind, die Stirn auf dem Tisch.

Alles, was ist, denke ich. Alles, was ist. Reflexe, Schattierungen, Schatten. Tiefen und Flächen, Oberflächen. Dinge, die sich in der Welt behaupten, einfach so, mühelos, so selbstverständlich, daß es mich vor ihnen in Frage stellt. Ich bin kein Ding, ich denke, ich denke zuviel. Ich bin Empfindung, Schmerz, Sorge, Einsamkeit. Ich bin Verschwinden. Weniger als ein Tier.

Wie die Dinge sich neigen, die aufgehängten Löffel, Kartoffelstampfer, Pfannenwender, war da nicht schon ein Rutschen im Gewürzregal, auf dem Tisch, die Teller, Tassen, als kränge das Zimmer wie ein Schiff, nicht nur das Zimmer, das Haus, und alles, als hörte jetzt jede bekannte Ordnung auf, um durch eine völlig neue, aberwitzige, unbegreifliche Unordnung ersetzt zu werden.

Zeit und Maß. Das Ticken der Uhr, das Grollen des Kühlschranks. Autos auf der Straße, An- und Abschwellen von Geräusch. Räume, ausgedehnt hinterm Fenster, so riesig und unabmeßbar, daß man sagen kann, das ist alles, das enthält alles, was es gibt. Nacht, aus der Tag wird, und wieder Nacht, ich bin Verschwinden und Haltlosigkeit, und alles, was gut und sicher wäre, jeder Halt, jeder Trost, ist unerreichbar, in mir nicht zu erreichen und außer mir auch nicht.

Frühprotokoll: eine Bahn früher als sonst

Die Hügelkette wie aus dem nassen Acker mit einem schmutzigen Daumen an den Horizont geschmiert. Ein Überlauf an Schatten. Die Fahrzeuge sind fortgewandert, wie Herden, die woanders Weidegrund gefunden haben. Wege, verschlammt wie Kinder, spielen Fangen auf dem Feld. Ein Kirchturm hält Wache.

Eine Bahn früher als sonst. Ein Anspannung weicht. Sich einen Finger vors Gesicht halten und die Sehschärfe einstellen, Hügelkette, Finger, Finger, Horizont. Irgendwann ist alles zum Greifen.

Die Gesichter so weich und lebhaft. Vor mir zwei alte Frauen, so fein und bunt, so schwarzrotgoldenblaß, gäbe es Barbie für Greise, sie müßten genau so aussehen. Sie sprechen rheinischen Dialekt, der Singsang mit den seltsam langen Vokalen macht einen merkwürdigen Absatz mit der gesuchten Eleganz ihres Äußeren. Man würde etwas Gezierteres vermuten, Vokale, die sich mit kaum geöffneten Lippen artikulieren lassen, mit gespitztem Mund.

Schuhe beobachten. Ich muß allen Leuten auf die Schuhe gucken. Immer. Meistens graut mir vor dem, was ich erblicke, ich tue es trotzdem. Heute gefallen mir diese schwarzweißen Sneaker, aber die sind nur bei Frauen mit kleinen Füßen hübsch. Ab einer gewissen Schuhgröße sehen die nur noch albern aus.

Mephisto-Schuhe dagegen sehen egal in welcher Größe albern aus.

Manche Schuhe gleichen Rennautos oder vielleicht Hochtechnologie-Staubsaugern. So mit Röhren und Abgasleitungen drumrum. Ein weißer Belag fällt der Trägerin solcher Sportschuhe von der Sohle. Hat es draußen geschneit, oder löst der Schuh sich auf?

Draußen nur Schlamm, der bis zu den Fenstern reicht. Ein Traktor versinkt in der Dämmerung. Wie trockene Pizzaränder liegen die Gehöfte verstreut in der Ebene. Das Licht tut sich schwer mit Hecken und Bäumen, als schmerzte die Stirn. Den Kopf wieder ins Buch stecken. Nur nicht aufstehen müssen! Schon gar nicht für Mephistoschuhträger. Während die Bahn sich füllt, lasse ich mich in den Tag ziehen vom muntern Gewicht griechischer Verse.

Peace of mind

Nachmittag um vier, eine schmale Straße zum Bahnhof, ein Gelähmter auf Krücken kommt mir entgegen. Ich vermeide den Blick, weiche aus, ohne meinen Schritt zu verlangsamen, weiche aus, ohne den Anschein zu geben, daß ich ausweiche. Ich bin schon zwei Meter weiter, da höre ich es hinter mir rufen, „Hallo? Entschuldigung?“, und ich weiß schon, es ist der Mann mit der Lähmung. Ich bleibe stehen; und in diesem Moment ist die Entscheidung für alles weitere bereits gefallen, ich kenne mein Skript so gut wie der Gelähmte es kennt, und indem ich stehengeblieben bin, anstatt kopfschüttelnd weiterzugehen, keine Zeit, keine Zeit, habe ich in meine Rolle eingewilligt in dem Stück, das wir jetzt aufführen werden. Ich drehe mich um.
Kleine Statur, Brille mit dicken Gläsern, dunkle, südländische Haut, die Kleidung gedecktes Blau, unauffällig elegant.
„Entschuldigung“, ruft der Gelähmte noch einmal, „darf ich Sie was fragen? — Sind Sie von hier?“ Ich bejahe. „Kennen Sie sich hier ein bißchen aus?“ Ich bejahe abermals. Zu meiner Rolle gehört jetzt auch, daß ich noch kurz die Hoffnung haben muß, der andre werde mich nur nach dem Weg fragen, obwohl schon vollkommen klar ist, daß diese Fragen zur eröffnenden Strategie eines Vollprofis gehören. Vertrauen erschleichen, das Gefühl vermitteln, wichtig zu sein, gebraucht zu werden. Hat man jemanden dazu gebracht, zweimal ja zu sagen, wird er höchstwahrscheinlich bei der dritten Frage, die nach dem Geld nämlich, auch ja sagen. Die höchst abenteuerliche Geschichte von einem verlorenen Zugticket, von einer Epilepsieerkrankung und einem alle drei Stunden einzunehmenden Medikament ist dann eigentlich nur noch Nebensache, eine notwendige Formalität. Das Skript sieht es so vor, und so geschieht es auch. Ich greife nach dem Portemonnaie, runzele meiner Rolle gemäß ein wenig die Stirn, damit es nicht allzu bereitwillig aussieht, ziehe einen Zehner heraus, reiche den dem Gelähmten, „Wieviel brauchense denn?“ Irgendetwas in meinem Betragen muß mein Gegenüber jedoch übermütig gemacht haben, denn er beschließt, das Skript ein wenig in seinem Sinne zu ändern. Jammernd stößt er hervor, „Das Ticket kostet sechzundfünzig Euro“. Und plötzlich steht da ein weinender Mann vor mir.
Nun gut, ich bin stehengeblieben, er schreibt das Stück, ich habe eingewilligt, und Tränen kann ich unmöglich widerstehen, nicht einmal falschen. Im Skript steht, daß ich erst protestiere („Sechsundfünzig Euro? Also hörnsemal!“), daß der andre beteuert, so etwas sei ihm noch nie passiert, ich müsse ihm bitte glauben, er habe wirklich ein Problem! Und daß ich ihm dann alles gebe, was ich noch habe, vierzig Euro, „Ich hoffe sehr, daß Ihre Geschichte stimmt“, kann ich mir nicht verkneifen zu sagen, und er: „Ich kann’s Ihnen auch zurückschicken … “, und auch das steht im Skript.
„Vergessen Sie’s“, murmele ich und wende mich ab.
Der Bahnsteig war voller Menschen. Ich ging unter ihnen herum, einer, der gerade einem Betrüger aufgesessen war. Ich stellte mir vor, man hatte die Szene beobachtet. Schämte ich mich? Kam ich mir blöd vor? Reute es mich? Ich hatte in vollem Bewußtsein, daß ich betrogen werde, in den Betrug eingewilligt: Also schämte ich mich weder, noch reute es mich im geringsten.
Bei Patti Smith lese ich ein Geschichtchen von einer Busreise in Spanien: Ein Losverkäufer verkauft ihr in einer Autobahnraststätte ein überteuertes Lotterielos, bestellt sich von den sechs Euro ein Essen, setzt sich zu ihr an den Tisch und verspeist es in ihrer Gesellschaft. Das Los ist eine Niete. Ob sie glaube, zuviel für das Los bezahlt zu haben?, wird sie von Teilnehmern der Reisegruppe gefragt. Smith verneint: You never can pay too much for peace of mind.

Lebensmaschine

Und so geht es immer weiter.
Als wäre nichts gewesen. Es ist erstaunlich. Es ist unheimlich. Es hat die Unerbittlichkeit einer Maschine, einer Lebensmaschine, die ich, der Teil von mir, der glaubt, zu denken, zu lenken und den Überblick zu haben, mühsam bewohne. Mühsam. Weil man ja nicht anders kann, als zu wohnen. Nicht mehr zu wohnen, gar nicht mehr … unvorstellbar. Keinen zweiten Gedanken wert.

Leben als eine Droge. Der Stoff macht keinen Spaß mehr, man braucht ihn. Man ist seiner überdrüssig, man saugt ihn ein. Gierig saugt man. Weil man nicht anders kann. Auf dem Leben hängengeblieben.

Morgens, vor dem Aufstehen. Der Radiowecker plärrt. Gleich stehe ich auf, denke ich, gleich, und bleibe liegen. Gleich, denke ich, wirst du aufgestanden sein, wirst die Bettdecke weggeschlagen haben, die Beine über die Bettkante geschwungen haben. nach den Hausschuhen getastet haben. Gleich wird, denke ich, dieser Gedanke Wirklichkeit sein. Wie kann es dazu kommen? Unbegreiflich. Warum bleibe ich nicht liegen? Unbegreiflich. Warum vergeht die Zeit? Warum wird gleich später sein, warum – – –

Habe ich wirklich eben die Bettdecke weggeschlagen, die Beine über die Bettkante geschwungen, nach den Hausschuhen getastet, setze ich gerade wirklich die Brille auf, gehe ich wirklich in die Küche, schließe ich wirklich das Fenster, fährt dort wirklich ein Mofa durch die Straße, bin ich das überhaupt? Wie ist es möglich, daß ich das bin?

Lebensmaschine. Zeitmaschine, ein Werk, das Zeit produziert und vernichtet, unaufhörlich, noch im Schlaf. In dieser Maschine feststecken und sich selbst beobachten, wie man sich selbst beobachtet, wie man vorausschaut auf den Moment, wo man, eine halbe Stunde später, auf einem Feldweg laufen wird. Die Furcht davor. Die Furcht, diesen Moment wirklich Wirklichkeit werden zu lassen, um dann auf den Moment zurückschauen zu müssen, an dem man zu dem, was jetzt (jetzt?? dann??) wirklich ist, vorausschaute, um den Moment, wo man zu dem Moment, wo man zu dem, was jetzt ist, vorausschaute, vorausschaute. Um dann den Moment … wo man …

Die Furcht davor, diesen Moment nicht Wirklichkeit werden zu lassen.

Vielleicht nie mehr. Niemals.

Tänzer

Sie tanzen.
Drüben tanzen sie.
Ich stehe am Fenster in der eiskalten Luft. Die Straßenlaterne überstrahlt alle Sterne, aber man riecht den freien, schwarzen Himmel, es riecht, wie nur eine eisige Winternacht ohne Schnee riechen kann. Noch keine acht Uhr, und die Scheiben der geparkten Autos belegen sich schon mir Reif, und beschlagen ist auch der ins Zimmer ragende Fensterflügel. Licht fällt zu meinen Füßen in den Vorgarten, auf welke Geranienklumpen, veredelt durch Rauhreif. Die Straßen sind leer, niemand geht bei dieser Witterung ohne Not raus.
Aber irgendwo ist doch Musik? Das kommt doch von draußen, es klingt, als spielte jemand einen Popsong vom Mobiltelephon ab und sänge dazu, hohe Stimmen, Jugendliche, Mädchen, drüben auf der Bank an der Kreuzung vielleicht? Oder kommt es näher? Nein. Es muß ganz nahe sein, irgendwo in der Straße, aber wo …?
Im Haus gegenüber sind mehrere Fenster erhellt. Da ist die Familie mit kleinen Kindern, man sieht durch die Vorhänge ins Wohnzimmer. Rechts ein Arbeitszimmer, scheint es. Und dann ist da dieses Fenster im ersten Stock. Schummeriges Licht herrscht in dem Raum. Die Wände sind kahl, die Lichtquelle nicht zu sehen. Das Fenster ist gekippt, und von dort kommt die Musik, kommt das gedämpfte Singen. Dann sehe ich jemanden hüpfen. Und noch einen. Der Leuchtfleck eines Smartphones zuckt durch den Raum.
Sie tanzen. Sie springen und tanzen. Es müssen fast noch Kinder sein, die Bewegungen sind voller Übermut, ohne das Gespreizte von Teenagern zu haben, ohne das Gefallenwollen, die da tanzen, gleichen eher tobenden Kindern als pubertären Feiernden. Und doch ist es kein Toben, diese jungen Leute tanzen wirklich. ausgelassen, hüpfend (immer wieder fliegt jemand aus der Tiefe des Raums ins Bild und verschwindet wieder, als spielten sie Fangen), voller Elastizität und Wildheit, Leute, denen niemand zuschaut, und die deshalb alles wagen. Deshalb das gekippte Fenster, wer so tanzt, wer so alles gibt, dem wird schnell warm.
Eine Party ist es auch nicht, denn dazu ist es zu früh, die Musik zu leise, die Tänzer zu wenige. Für eine Party, überhaupt für etwas Geplantes, ist das alles nicht ernst genug. Es scheint wirklich so zu sein, daß sich hier ein paar Freunde getroffen und spontan in Tanz gefallen sind. Einfach so, weil die Musik so schön ist, weil die Beine jung sind, und, klar, weil das Leben viel zu wundervoll ist, um mit trüben Gedanken am Fenster zu stehen und andern beim Tanzen zuzuschauen.

Philemon & Baucis (Ovid, Met. VII 707-724)

„Priester zu sein, das ist unser Wunsch, euern Tempel zu hüten;
und, nachdem wir vereint des Lebens Spanne durchmessen,
daß uns vereint auch das Stündlein schlage, und ich nicht der Gattin
Grabmal erblicken muß, noch daß mich begraben muß jene.“
Wirklichkeit folgte dem Wunsch: So hüteten beide den Tempel,
Zeit ihres dauernden Lebens; bis daß sie, gebeugt schon vom Alter,
zufällig einmal standen am Fuße der heiligen Stufen,
eingedenk seiner Geschichte, und Baucis Philemon Blätter
knospen, und Philemon sah, wie Baucis mit Laub sich bedeckte.
Während die Zwillingsgesichter schon schwanden in wachsenden Kronen,
gaben sie Worte einander, solang sie noch konnten, „Ach, Lieber!“
sprachen zugleich sie „Leb wohl!“, und zugleich bedeckt die verhüllten
Lippen der Stamm: Bis heute zeigt dort der Bewohner Bithyniens
jene aus zwiefachem Leib gesproßten benachbarten Bäume.

„esse sacerdotes delubraque vestra tueri
poscimus, et quoniam concordes egimus annos,
auferat hora duos eadem, nec coniugis umquam
busta meae videam, neu sim tumulandus ab illa.“
vota fides sequitur: templi tutela fuere,
donec vita data est; annis aevoque soluti
ante gradus sacros cum starent forte locique
narrarent casus, frondere Philemona Baucis,
Baucida conspexit senior frondere Philemon.
iamque super geminos crescente cacumine vultus
mutua, dum licuit, reddebant dicta „vale“ que
„o coniunx“ dixere simul, simul abdita texit
ora frutex: ostendit adhuc Thyneius illic
incola de gemino vicinos corpore truncos.

Verschwörungstheorie (Livius, Ab Urbe Condita III, 10)

Im Jahr darauf setzte die Gesetzesvorlage des Terentilius, vom Collegium insgesamt eingebracht, die neuen Consuln unter Druck; Consuln waren Publius Volumnius und Servius Sulpicius. In diesem Jahr sah man den Himmel brennen, und die Erde wurde von einem gewaltigen Stoß erschüttert. Daß ein Rind gesprochen habe, noch im Jahr davor angezweifelt, hielt man jetzt für wahr. Neben anderen Vorzeichen regnete es Fleisch; es wurde berichtet, eine ungeheure Zahl von Vögeln habe im Flug danach geschnappt; was zu Boden gefallen sei, das habe mehrere Tage verstreut umhergelegen, ohne seinen Geruch zu verändern. Man ließ die Bücher durch die Zweimänner befragen; die Versammlung sagte eine Gefahr durch Fremde voraus und gab den Rat, sich eines Anschlags auf die höchstgelegenen Orte der Stadt sowie Blutvergießens von dort her zu versehen; unter anderem rief man dazu auf, Aufstände zu verhindern, was von den Tribunen gleich als Maßnahme zur Verhinderung des geplanten Gesetzes angeprangert wurde. Es gab eine ungeheuren Streiterei. Und siehe da, gleichsam damit in jedem einzelnen Jahr wieder die Runde daran käme, melden die Hernicier, daß die Volscer und Aequier, obgleich ihre Mittel beschnitten waren, ihre Heere aufstockten; zu Antium liege die höchste Kampfstärke; zu Ecetra würden die Kolonisten aus Antium offen Pläne schmieden; der und der sei der Heerführer, so und so sei die Schlagkraft. Sobald dies im Senat verkündet worden war, wird eine Aushebung angeordnet; den Consuln wird befohlen, die Leitung des Krieges unter sich aufzuteilen, so daß der eine sich um die Volscer, der andere um die Aequier kümmere. Die Tribunen ließen übers Forum erschallen, der Krieg der Volscer sei eine Mär, die Hernicier hätten ihre Rolle zu spielen sich bereit gefunden. Nun gerate die Freiheit des Römischen Volkes nicht einmal mehr durch Tüchtigkeit der Gegner in Bedrängnis, sondern werde durch einen Trick ausgespielt. Da es nicht mehr glaubhaft sei, daß die Volscer und Aequier, nahezu ganz vernichtet, aus eigener Kraft noch zum Krieg rüsten könnten, suche man sich eben neue Feinde; eine benachbarte treue Kolonie werde so durch den Dreck gezogen. Man erkläre zwar den harmlosen Antiaten den Krieg, geführt werde er aber in Wahrheit gegen die Römische Plebs, welche die Consuln mit Waffen zu beladen und in einem überhasteten Kriegszug aus der Stadt zu führen beabsichtigten, um auf diese Weise mittels Verbannung und Vertreibung der Bürger an den Tribunen Rache zu nehmen. Die Leute sollten also bloß von nichts anderem überzeugt sein, als daß das geplante Gesetz zunichte sei, falls sie nicht, solange die Sache noch heil, solange sie sich noch zu Hause aufhielten und Zivil trügen, dafür sorgten, daß sie nicht aus dem Besitz der Stadt verstoßen würden. Wenn der Sinn nur aufrecht sei, würde es nicht an Hilfe fehlen; die Tribunen hielten zusammen. Es gebe überhaupt keinen äußeren Schrecken, keine Gefahr; die Götter hätten im Jahr zuvor, als man in Sicherheit gewesen sei, Sorge dafür getragen, daß die Freiheit verteidigt werden könne. So sprachen die Tribunen.

Anno deinde insequenti lex Terentilia ab toto relata collegio novos adgressa consules est; erant consules P. Volumnius Ser. Sulpicius. Eo anno caelum ardere visum, terra ingenti concussa motu est. Bovem locutam, cui rei priore anno fides non fuerat, creditum. Inter alia prodigia et carne pluit, quem imbrem ingens numerus avium intervolitando rapuisse fertur; quod intercidit, sparsum ita iacuisse per aliquot dies ut nihil odor mutaret. Libri per duumviros sacrorum aditi; pericula a conventu alienigenarum praedicta, ne qui in loca summa urbis impetus caedesque inde fierent; inter cetera monitum ut seditionibus abstineretur. Id factum ad impediendam legem tribuni criminabantur, ingensque aderat certamen. Ecce, ut idem in singulos annos orbis volveretur, Hernici nuntiant Volscos et Aequos, etsi abscisae res sint, reficere exercitus; Antii summam rei positam; Ecetrae Antiates colonos palam concilia facere; id caput, eas vires belli esse. Ut haec dicta in senatu sunt, dilectus edicitur; consules belli administrationem inter se dispertiri iussi, alteri ut Volsci, alteri ut Aequi provincia esset. Tribuni coram in foro personare, fabulam compositam Volsci belli, Hernicos ad partes paratos. Iam ne virtute quidem premi libertatem populi Romani sed arte eludi. Quia occidione prope occisos Volscos et Aequos movere sua sponte arma posse iam fides abierit, novos hostes quaeri; coloniam fidam propinquam infamem fieri. Bellum innoxiis Antiatibus indici, geri cum plebe Romana, quam oneratam armis ex urbe praecipiti agmine acturi essent, exsilio et relegatione civium ulciscentes tribunos. Sic, ne quid aliud actum putent, victam legem esse, nisi dum in integro res sit, dum domi, dum togati sint, caveant ne possessione urbis pellantur, ne iugum accipiant. Si animus sit, non defore auxilium; consentire omnes tribunos. Nullum terrorem externum, nullum periculum esse; cavisse deos priore anno ut tuto libertas defendi posset. Haec tribuni.

Devon

Beim Wandern habe ich einmal am Ackerrand einen merkwürdigen Stein gefunden. Etwa honigmelonengroß, wog er gut seine zehn bis zwölf Pfund und hatte die Form einer riesigen Kartoffel. Er war von schmutzigroter bis graubrauner Farbe, wies keine Bruchkanten auf, war aber auch nicht glattgeschliffen, und zeigte auf der Oberfläche zahlreiche Narben und Grübchen, die sich bei näherm Besehen als Versteinerungen münzgroßer Muscheln und Schnecken herausstellten. Es war Winter, Wind tobte übers Feld, Schneegraupel fanden keinen Halt auf den frisch gebrochenen Schollen. Ich las den Stein mit vor Kälte fühllosen Fingern auf, reinigte ihn von Schneematsch und Erde und legte ihn in meinen Rucksack. Ich trug ihn noch fünfzehn Kilometer nach Hause, wo er seitdem die Badezimmerfliesen ziert.

Was ich noch weiß von dieser Wanderung: Einem nicht mehr gepflegten Weg folgen, an Viehweiden auskommen, unter einem Weidezaun durchkriechen, dabei die Hand auf einen Brennesselschößling stützen, eine Erinnerung, die noch tagelang schmerzt. Neue Wege durch abgelegene Landstriche, ein Landgraben, ein Wacholderschutzgebiet; mit steifen Fingern eine Brotrinde halten, da hat der Wind nachgelassen. Auf einem neuen Weg in eine alte Stadt. Worte, die ich wie einen Mantel über mich werfe. Beim Nachhausekommen das glückhafte Gefühl, etwas Schönem begegnet zu sein, eine Gnade des Landes selbst erfahren zu haben. Wie Wind, der noch im Innern weiterbraust. Der Stein machte ein hohles Geräusch, als ich ihn im Bad auf den Boden legte.

Koniferenzapfen; knospende Zweige; Pilze und Beeren; Häherfedern. Meistens ist aber das, was ich vom Wandern mitnehme, ein Stein. Ein kleines Schieferstückchen vielleicht, schwarz wie Gagat. Oder ein Stück Basalt, den eine Quarzspur durchzieht. Oder einen symmetrischen Kiesel, der mir in der Dämmerung als irgendwie leuchtend in die Augen fällt. Solche Funde trage ich Monate mit mir herum, in jeder Jacke habe ich mindestens einen. Wenn ich nichts zu tun habe, etwa auf eine Straßenbahn warte, spiele ich damit herum. Mit der Zeit werden die Steine ganz abgegriffen und glänzend. Dann sind sie irgendwann mehr als nur ein Stein. Stecke ich die Hand in die Tasche, ist mir der Stein sofort vertraut. Ich weiß immer genau, welchen ich wo gefunden habe.

Ein Gegenstand, der so langsam altert, daß er als Anker im Strom der Zeit dienen kann. Eine Fadenbindung der übereinander fallenden Augenblicke, die Stelle, die alles zusammenhält, über die eigene Existenz hinaus, aus dem Devon übers Erdmittelalter bis zur Erdneuzeit, mein eigenes Daseinsblinken ebenso verklammernd wie die unendliche Zukunft. So langsam, so sehr in sich selbst ruhend, so sehr sich selbst gleichend von Augenblick zu Augenblick, daß die Zeit ihn aus sich fallen läßt.

Ich starre auf ein Mosaik aus Herbstblättern. Gelb an Rot an Braun. Kältesteife Finger halten ein Würstchen, ein Stück Brot. Ich kaue, es schmeckt nicht. Ich müßte die Nase putzen, lasse den Rotz über die Lippe laufen. Und starre aufs Laub. Hier, und jetzt, und hier, und irgendeinmal. Ich saß hier mal mit einem Freund und beschwerte mich über das Geklingel aus fremden Kopfhörern. Es war ein froher Sommertag, und statt Jetztpunkten gab es Erleben. Ströme. Erinnerungen.
Elstern schimpfen in entlaubten Espen. Vom parallelen Pfad jenseits des Baches klingen Stimmen herüber. Die Strukturen des Laubs brennen sich auf der Netzhaut fest. Die Elstern schweigen wieder, sind bereits Vergangenheit, während sie im Kopf noch nachzuhallen scheinen, wie das Nachbild des Laubs, Vergangenheit genauso wie das Gespräch mit dem Freund, wie die Stimmen am Bach, die eben verstummt sind, wie alles, was nicht jetzt.
Jetzt.
Jetzt.
Ist.
Und nicht mehr ist.

Wenn ich wandere, versuche ich, zurückzukehren, in ein Haus aus Bildern und Luft. Ich sehne mich nach Orten, aber wenn ich dort bin, sind die Orte nicht mehr da. Ort und Zeit scheinen verschränkt, eins so unerreichbar wie das andere. Nur das Jetzt, da müßte man zu Hause sein, heimisch werden im Flug, im freien Fall. Oder in den Erinnerungen.

Als könnte man sich noch und noch in den Bildern der eigenen Geschichte aufhalten. Es gelingt nicht. Ich bin weder hier ganz, noch woanders. Ich fasse den Stein in meiner Jackentasche fester, und bin in einem seltsamen Raum, indem ich mir dabei zusehe, wie ich den Rotz hochziehe und auf ein Mosaik von Herbstblättern starre.

Befreund’te Scharen

Den ganzen Tag das Trompeten der Kraniche, Schwarm um Schwarm ziehen sie, immer die gleiche Spur haltend, über die Stadt.
Wie hoch mögen sie fliegen? Man sieht die langen, schlanken Hälse, die Schwingen, es müssen gewaltige Schwingen sein, sähe man sie aus der Nähe. Sie flattern nicht, sie schreiten am Himmel, sie marschieren. Sie haben es eilig, sie halten sich nicht auf, als wären sie spät dran. Man hört sie, lange bevor man, knapp unter den tiefhängenden Wolken, ihre V-Formation entdeckt. Über den Köpfen ziehen sie vorbei, immerzu trompetend, und weiter und davon, bis das letzte Schwingenpaar im Dunst der Ferne verschwunden ist. Da taucht schon im Norden der nächste Schwarm auf. Manchmal halten sie inne, kreisen, als müßten sie über die einzuschlagenden Richtung diskutieren. Bald aber übernimmt ein anderes Tier die Führung, der Keil formiert sich, und weiter geht’s. Wenn man ganz genau hinhört, kann man das Rauschen an den gespreizten Schwungfedern hören.
Sie sind wunderschön.
Kaum jemand am Grund schaut auf, obwohl das Trompeten nicht zu überhören ist. Alle, scheint es, haben hieniden wichtigeres zu tun. Aber das stimmt ja nicht.
Die Kraniche sind es, die wichtigeres zu tun haben, bedeutsamere Geschäfte als wir, denke ich, und ich schaue und schaue, bis mir der Nacken schmerzt. Und: Nicht sie sind spät dran.
Wir sind es, mit allem.

Frühprotokoll: Einparken

Immer häufiger kommt es vor, daß in unserer Straße einer seinen Wagen laufen läßt. Der Wagen steht, eingeschalteten Lichts, und läuft. Und läuft. Neulich um halb elf nachts, lange Minuten, bis ich dem Krach mittels Ohrstöpseln ein Ende gemacht habe. (Morgens lief er nicht mehr, vielleicht war der Kraftstoff ausgegeangen.) Dann, einen Tag später, im Morgengrauen dasselbe. Minutenlang. In meiner Kindheit war es üblich, im Winter einige Zeit vorm Losfahren den Motor anzuwerfen, um die Fahrgastzelle damit zu heizen, während man noch mit Eiskratzen beschäftigt war. Ich erinnere mich an die dicke blauen Wolken vor gelblichem Scheinwerferlicht in der Dämmerung eisiger Dezembermorgen. Später hieß es, diese Praxis sei verboten worden. Ich habe den Verdacht, daß dieses Verbot, falls es das je gegeben hat, kürzlich wieder aufgehoben worden ist. Gewandelt hat sich jedenfalls allem Anscheine nach die Vorliebe für bestimmte Motortypen. Früher waren das in der Mehrzahl Benziner; heute höre ich zumeist das entsetzlich nervtötende Baßgerassel von Dieselmotoren – auch bei Kleinwagen. Da ich selbst nicht Auto fahre und auch nie eines besessen habe, stehe ich dem Phänomen des Motorlaufenlassens mit bassem Unverständnis gegenüber. Kraftstoff kostet anscheinend doch nicht so viel, wie alle immer behaupten. Noch schlimmer sind allerdings solche Geräusche, die – An- und Abschwellen der Drehzahl, Knirschen im Stand einschlagender Reifen, das abwechselnde Klacken beim Wechsel vom Vorwärts- zum Rückwärtsgang – beim Einparken (oder dem Versuche desselben) entstehen. Auch hierfür habe ich nicht das geringste Verständnis. Wenn ihr’s nicht könnt, so laßt es halt bleiben. Ich laß es ja auch bleiben. Wenn ihr aber unbedingt eine Karre haben müßt, dann seht eben zu, wie und wo ihr sie abstellt, und zwar geräuschlos. Euer Problem. Aber behelligt mich nicht mit Lärm und Abgasen, weil ihr kurzsichtig seid oder kein räumliches Vorstellungsvermögen habt. Ich habe auch keins – aber ich habe auch kein Auto, bitteschön.

Frühprotokoll: Träume

Die Zeit der dunklen Läufe ist wieder angebrochen.
In Dunkelheit aufbrechen, in Dunkelheit zurückkommen. Bei der Nacht zu Gast sein und ihr eine Stunde klauen. Die Stirnlampe leuchtet von außen in meine schwarze Wohnung.

Ein Stadtbus. Die Packer im DHL-Lager. Ein Schwerlaster, der in den Hof des Getränkehandels rollt. Ein Mofafahrer, der mich überholt. Eine Straßenbahn. Der Ökoladen am Waldrand. Ein Postwurfsendungsverteiler. Dazwischen nasser Asphalt, leere Briefkästen, ausgedünnte obere Zeilen von Fahrplänen unter Quecksilberdampflampen. Der Glanz von Straßenlaternen auf der Straße. Das Rumpeln ferner Güterzüge. Ein Duft von Gemüsesuppe: im Altenheim wird bereits fürs Mittagessen gekocht.

Der Postwurfsendungsmann kommt mit dem Auto: Alle paar Meter hält er an, kuppelt und steigt aus, springt zum nächsten Briefkasten, steigt wieder ein, kuppelt, fährt mit geöffneter Fahrertür drei Meter, steigt wieder aus. Arme Socke, denke ich, von dem, was du für die Arbeit kriegst, kannst du dir im Leben das Auto nicht leisten, das du für ebendieselbe Arbeit einsetzt.

Der Mond fast noch voll. Zerteilt die Wolken in schmale Streifen. Büsche werfen blaue Schatten: Mond und Stirnlampe ringen eine Weile, dann ist die Stirnlampe stärker, und der Schatten kehrt sich nach der anderen Seite des Gehölzes.

Wie Heilige, die man unterm Firnis kaum erkennt, der Umriß von Pferden.

Im Wald wird es noch dunkler als dunkel. Stadtmenschen können sich das nicht vorstellen. Die nennen einen Himmel schwarz, der in Wirklichkeit immer noch hell ist. Unter den Bäumen aber gibt es nicht einmal hellen Himmel, nur Schichten und Schichten von Schwärze, deren Tiefe und Verästelung nicht sicht- aber hörbar ist, anhand von Tropfen, näherem oder fernerem Rascheln, anhand des stärkern oder schwächern Widerhalls meiner Schritte. Die Stirnlampe wirft eine Kugel um mich; mache ich sie aus, bin ich vollkommen blind. Jenseits des Kegels beginnt der Wald, weit, offen, bereit, wie luzides Träumen, das jederzeit in ein Alpträumen umschlagen kann. Es ist einer seltsamen Gnade zu verdanken, wenn es mich wieder und wieder verschont, oder einer Art Gleichgültigkeit.

Von ferne Glockenklang aus dem Dorf. Dort ist es jetzt halb sieben. Hier, im Wald, ruft ein Käuzchen, ist es irgendwann, nachts.

Frühprotokoll (Rauch)

Am besten geht es in der Frühe, fünf Uhr, Dunkelheit, so müde, daß man die Zeit nicht merkt, weil man schneller scheint als der Augenblick.

Rauchgeruch über den Pferdekoppeln, es riecht vertraut nach Mittelmeer, nach Müllverbrennung, ein Hahn kräht, irgendwo muß das Meer sein, ganz nahe, jenseits der dunklen Pinien. Die Ahnung des Wasserkörpers ist fast schöner als das Wasser selbst.

Aber woher kommt dieser Rauch? Würde es im Wald brennen, müßte da nicht ein flackernder Widerschein weithin zu sehen sein? Zu dunkel, um Wolken zu sehen. Keine Fahrzeuge, keine Sirenen, es ist so still, als wäre ich der letzte, der hier noch herumirrt, ahnungslos, noch unberührt von der Katastrophe.

Ein Rebhuhn schreit. Rostige Uhrfeder im Weißdorn. Versenkung in einen Ameisenhügel. Präzision des Chaos. Eine flache Welt.

Hinter drei Baumreihen ruht schweres Gerät. Eine Baggerschaufel liegt eingeknickt in einem Tümpel, wie ein abgebrauchtes Sexualorgan. In den Scheiben des Fahrzeugs setzt sich die Baumreihe als Widerschein ins Unendliche fort. Maschinenschlaf, zeitfrei. Dieser Bagger stand vielleicht letztes Jahr schon hier, oder vor zehn Jahren, man könnte meinen: Auch der Mückenschwarm über dem Tümpel ist ganz genau derselbe wie damals.

Irgendwo ein Trampeln von Schwarzwild. Dann Stille, in der die Sonne den Weg findet und ihn sanft, wie zum Lüften, anhebt. Wieder eine Runde. Kein Schlaf im Schlaf.

Das schreckliche Wort Echtzeit.

Bald werde ich aufwachen, und dann geht alles von vorne los.

Machen Sie sich bitte mal frei

Stellen Sie sich einmal vor, es würde ein Gesetz erlassen, das Frauen verbietet, im öffentlichen Raum ihre Brust zu verhüllen. Die Verhüllung der Brust, so die Begründung, geschehe unter Zwang, sei ein Symbol von Unterwerfung unter den Mann und mit den Freiheitsrechten von Frauen generell nicht vereinbar. Schließlich dürften Männer jederzeit ihre Brust zeigen, Frauen nicht. Der Einwand, eine solche Entblößung verletze das Schamgefühl der Betroffenen, wird mit dem Hinweis abgetan, daß eine Frau sich schäme, ihre Brust zu zeigen, beweise doch nur, wie schlimm Frauen bereits indoktriniert seien, wie sehr sie den fremden Zwang bereits als ihren eigenen empfänden. Dem Einwand, daß eine solche Entblößung zu sexueller Belästigung geradezu einlade, wird mit dem Argument begegnet, erstens sei die Brust sowieso nur ein Fetisch unserer Gesellschaft, und zweitens liege ein solcher Einwand genau auf der Linie fragwürdiger Empfehlungen an Frauen, sich zum Schutz vor Belästigung lieber nicht allzu aufreizend anzuziehen.

Wenn Sie das jetzt für absurd halten, dann haben Sie vollkommen recht. Aber dann müssen Sie auch das Verschleierungsverbot für muslimische Frauen für absurd halten. Was für Kleidung wir tragen, hängt bekanntlich nicht nur davon ab, wie das Wetter ist, und auch die persönlichen Vorlieben spielen nur eine untergeordnete Rolle. Viel stärker bestimmen die langfristigen oder kurzlebigen Modeerscheinungen darüber, in welchen Textilien wir uns nicht nur vor Witterung, Insektenstichen oder Pflanzendornen sicher, sondern auch schön und gut gekleidet und darum hinsichtlich unseres Auftretens in der Öffentlichkeit sicher fühlen. Deshalb, weil wir uns in den falschen Klamotten unwohl fühlen und in gar keinen Klamotten erst recht, hat Kleidung immer auch mit Scham zu tun, sowie mit Einschluß oder Ausschluß. Auch die Verschleierung von Musliminnen hat etwas damit zu tun: mit dem Wunsch nach sozialer Akzeptanz innerhalb der eigenen Gruppe. Mit dem schwer faßbaren Gefühl, ordentlich angezogen zu sein – oder sich widrigenfalls zu schämen. Man kennt Männer, die sich ohne Krawatte in der Öffentlichkeit unwohl, ja in gewisser Weise nackt fühlen. Ich denke, das läßt sich leicht auf aller Arten Verschleierung übertragen. (Man lese hierzu den sehr erhellenden Roman Schneevon Orhan Pamuk, in dem es unter anderem um die widersprüchlichen Gefühle von Menschen geht, die sich einem Kleidungsverbot gegenübersehen und in eine Zwickmühle einander widersprechender Gebote und Bedürfnisse geraten.) Schließlich ist ein Verbot, etwas zu verhüllen, immer äquivalent mit dem Gebot, etwas zu zeigen.

Das gilt es zu bedenken, bevor man über den Verbot einer Verhüllung nachdenkt. Und da oft mit dem Begriff von Freiheit und Unterdrückung argumentiert wird, sollte man sich auch fragen, wie frei wir, die wir überlegen, ein solches Verbot zu erlassen, wirklich sind, wenn wir morgens den Kleiderschrank öffnen. Und ob wir wirklich das große Wort von Unterdrückung in den Mund nehmen wollen, wenn wir einer Arbeit nachgehen, in der Anzugs- und Krawattenpflicht herrscht. Natürlich wird man bei dem Gedankenexperiment mit dem Busenverhüllungsverbot einwenden, Brüste seien schließlich ein Geschlechtsmerkmal, und die würden überall verhüllt. Warum aber dürfen Männer dann Bärte zur Schau stellen? Die sind schließlich auch ein Geschlechtsmerkmal.

Sind Sie denn frei? Ja? Sind Sie beispielsweise, wenn Sie männlich sind, frei, einen Rock zu tragen? Wirklich? Oder, wenn Sie weiblich sind, nach Art der Minoerinnen so auf die Straße zu gehen:

Oben ohne
Oben ohne

Oder sind Sie beispielsweise frei, sich, in einen Anzug wie einer dieser Herren hier gekleidet, in die Straßenbahn oder eine Eisdiele zu setzen?

Verschiedene Penisfutterale
Verschiedene Penisfutterale

Niemand ist frei, vergessen Sie das. Frauen nicht, Männer nicht, Sie nicht und ich auch nicht. Befreit werden müssen wir deshalb trotzdem nicht. Deshalb sollten wir uns auch nicht anmaßen, andere befreien zu wollen, womöglich gegen deren Willen. Freiheit kann man nicht verordnen, man kann sie nur anbieten. Oder, um es mit Erich Fried zu sagen: Freiheit herrscht nicht.

Spätprotokoll

Ein Buch in der Hand, die Decke über den Knien, letzte Geräusche von der Straße, letztes Licht aus der Lampe. Der eigene Herzschlag, endlich ruhig, wie ein Gebiß im Glas. Der Teppich streckt sich, das Fenster wendet den Blick nach Innen. Eine Seite raschelt. Frieden von Wörtern, die in ihren Sätzen ruhen wie kleine Tiere in einem großen, stillen Wald.

πάντα ῥεῖ

Erstarrt im Sessel sitzen, der Zeit bei ihrer Arbeit an mir zusehen und nicht und nicht über die entsetzliche Jetzigkeit des Daseins hinwegkommen. Schier verzweifeln am Gefangensein in diesem Jetztpunkt. Ich stelle mir irgendeinen Augenblick von vor, sagen wir, zwanzig Jahren vor, etwas ganz Banales, vielleicht saß ich in der Küche bei einem Bier, vielleicht hängte ich Wäsche auf, ich denke daran, daß jener Moment für mich einmal Gegenwart und Erleben war, und plötzlich ist diese banale Tatsache, auf mein jetziges Erleben und Erinnern angewendet, so grauenhaft, daß mich schwindelt. Ich schaudere wie vor einem Abgrund davor zurück – aber da ist ja nirgends fester Grund, auf den ich zurückkönnte! Denn auch der Moment, wo ich an den anderen Moment zurückdachte, ist schon wieder vorbei. Und auch der Moment, wo mich schwindelte vor diesem Rasen, und jetzt, und jetzt – Und dereinst, bald, werde ich auf dieses Schaudern und wie ich davon schrieb, aus weiter Entfernung zurückschauen. Dann wird dieser Moment ebenso rätselhaft sein wie der Moment, wo ich Wäsche aufhängte. So ist dieser gegenwärtige Moment im Grunde schon jetzt nicht mehr wirklich. Aber dann ist gar nichts wirklich! – Ich möchte Halt! rufen, Stop! Stop!, Stop! Ich muß doch erstmal … Ich wende mich und winde mich, aber überall ist gleich jetzig. Ich bin gefangen.
Kein Trost, keine Hilfe. Denn jeder Trost, jede Hilfe ist ja der Jetzigkeit unterworfen. Wie kann mich etwas trösten, das Teil dessen ist, was mich quält?
Ich verstehe das nicht, woher kommt das? Warum ängstigt mich etwas, das gar nicht anders (etwa als Entwurf oder Utopie einer besseren Welt) denkbar wäre, etwas, das wir uns gar nicht anders vorstellen können? Wie kann ein unlösbares philosophisches Problem plötzlich zu einem Gefühl existentieller Bedrohung werden?
Und wie geht das wieder weg? Wie wäre das zu schaffen, das Normale wieder als normal zu empfinden?

Erst laufe ich, ich laufe

einen Marathon, durch ein lichtes Wäldchen, auf einer schmalen geraden Landstraße. Es geht bergauf, immer steiler bergauf, gleich müßte der Scheitel der Steigung erreicht sein. Bei mir läuft noch jemand, dem rufe ich zu, daß wir es gleich geschafft haben, daß wir gleich oben sind. Manchmal krümmt sich die Straße auf so unmögliche Weise, daß ich gleichzeitig auf ihr und unter hier hangend laufe. Und dann, dann passiert es.

Da ist keine Straße mehr, kein Wäldchen, keine Steigung, da ist überhaupt kein Grund mehr, da ist nur noch Tiefe, mehr geahnt als gesehen, vor mir, unter mir, ich stehe oder schwebe sturzgefährlich in schwindelnder Höhe sehr wackelig auf irgendetwas, neben mir ein Holzgerüst, darüber fester Grund, da müßte ich raufklettern. Ich wage nicht, mich zu bewegen, ich kann mich kaum halten, da ist nichts, woran ich mich klammern könnte. Und nicht genug damit, daß ich keinen Halt habe und kaum Grund oder Balken zum Stehen, habe ich auch noch eine Matte bei mir, eine dünne, schwarze Isomatte, die mich behindert. Wieder ist jemand bei mir, in Sicherheit, eine Frau, namenlos, die ich nur im Traum kenne, die sonst keine Identität hat, kein Gesicht. Sehr langsam, zitternd, drehe ich mich ein Stück zur Seite. Die Frau muß mir helfen, auf das Gerüst zu klettern, ich flehe sie an, aber die Panik, die mich ergriffen hat, ist so groß, daß ich nur flüstern kann.

Beim Erwachen die Hände immer noch naß vor Angst.