Mit ins Boot

Streiktag, Berufsverkehr, von drei Zügen in der Stunde fährt nur einer, das sogenannte Fahrgastaufkommen ist enorm. Der Bahnsteig gepackt voll Menschen, und plötzlich ist da diese alte bucklige Frau mit ihrem Handkarren. Sie trägt einen langen, graubraunen Mantel, einen Pferdeschwanz langer, weißer, glatter Haare und einen herrischen Blick. Woher sie so plötzlich gekommen ist, und ob sie schon die ganze Zeit am Bahnsteig gewartet hat, wird ein Geheimnis bleiben, ebenso, wie sie ihr Gepäck überhaupt aufs Gleis geschafft hat. Jedenfalls ist sie da nun, sie und ihr Handkarren, ein etwa anderthalb Meter langes Gestell mit einer Radachse am Ende und einem Aufbockbogen vorne, beladen mit etwa einem Dutzend prall gefüllter schwarzer, mit Leinen verschnürter Plastikmüllsäcke. Und dieses Gefährt schickt sich die Frau nun an, unter gewaltigem Protest der übrigen Kundschaft, darunter mehr als ein Fahrgast mit Fahrrad, in den Zug zu zerren. Das gehe doch nicht! Das könne sie nicht machen! Die Bahner streikten! Die Bahn sei doch dreimal so voll wie sonst!
Doch die Frau keift nur zurück, man solle doch die Klappe halten und ihr gefälligst mal helfen. Eine Frau mit Fahrrad versucht, sich gewaltsam an den Müllsäcken vorbeizudrängeln und wird gleich angegiftet, sie solle Platz machen. Der Wagen ist halb drin, da rutschen die Räder in die Lücke zwischen Trittstufe und Bahnsteigkante und verkeilen dort. Es geht weder vor noch zurück. „Stehen Sie hier nicht rum, helfen Sie mir doch mal gefälligst!“ Fahrgäste treten zögerlich näher. Schüchternes Zupacken, eher guter Wille als hilfreich. Die Räder sitzen fest. Die Stimme der Frau ist schneidend und hart, gewohnt, zu befehlen, frei von jeder Angst. „Unten anheben! Anheben!! Nein, nicht ziehen, verdammt noch mal!“ Einige Fahrgäste schütteln den Kopf, andere lachen, dritte zucken die Achseln. Vereinzelte tadelnde Hinweise auf Überfüllung und Streik fallen in taube Ohren. Die Frau will mit und ist fest entschlossen, ihren Willen zu kriegen, läßt sich auf keine Diskussionen ein, spart stattdessen nicht an Zurechtweisungen, Gezeter und Kommandos. Drei Männer stehen schließlich um den verkeilten Karren, lassen die Schimpfkanonade gelassen über sich ergehen, einer macht den glücklichen Vorschlag, den Aufbockbogen als Hebel zu verwenden, ein Ruck, die Räder kommen frei. In diesem Augenblick erst fällt der zweite, mit nicht weniger Säcken beladene Karren ins Blickfeld, der noch auf dem Bahnsteig steht. Wenn jetzt die Türen schließen … Aber die Türen schließen nicht, hilfreiche Hände packen zu, die Erfahrung mit dem ersten Wagen zahlt sich aus, und ruckzuck ist auch der zweite Karren im Fahrradabteil, wo ein murrendes Rutschen und Schieben und Umsortieren begonnen hat. Wieder Lachen, Proteste, Flüche, Achselzucken. „Die Holzplatten noch, heda! Bringen Sie mir noch die Holzplatten!“ Tatsächlich, da liegen noch zwei Sperrholzbretter, die müssen auch noch mit. Jemand vom Bahnsteig reicht sie herein. Dann kann die Tür schließen, man hat sich sortiert, der Zug fährt ab. —

Es war das reinste Soziorama, und alle, alle Rollen waren besetzt: Da gab es die mit den guten Ratschlägen und die, die wirklich zu helfen wußten; es gab die Neider, die Widerständler und die, die zuerst um ihren eigenen Platz bangten. Es gab die tatenlos zusehenden Spötter und Besserwisser. Es gab die Solidarischen, die Selbstlosen, die Zupacker. Es gab diejenigen, die die Systemfrage stellten, und es gab die, die am liebsten erst einmal alles ausdiskutiert hätten. Und es gab vor allem die, die das ganze überhaupt nichts anging.
Und noch etwas. Alle, die geholfen haben, waren Männer. Alle, die die Frau am liebsten an der Mitfahrt gehindert hätten, waren Frauen. Wahrscheinlich hat das nichts zu bedeuten. Vielleicht aber doch.
Die Hauptsache aber ist wohl: Schlußendlich sind alle mitgekommen.

Ichtage

Es gibt Tage, da ist nichts ein Trost. Schon das Wort Trost ist falsch. Es gibt etwas, das es nicht gibt, und das würde mir helfen. Aber nichts. Das Schreiben nicht, das Lesen nicht, und vom Laufen wird alles nur schlimmer, drängt es sich, dränge ich mich mir selbst, noch mehr auf. Der Wald ist öde. Die Sonne blendet. Laub liegt rum. Die Wege gehen mich nichts an. Meine Erzählung langweilt mich. Und in allem steckt dieses blöde, seiner selbst überdrüssige Ich. Es ist kahl. Es ist überall. Es steckt in der Sonne, glänzt in den Eispfützen, schallt mir im Trällern des Zaunkönigs entgegen. In allen Geschichten lese ich nur dieses Ich. Ich atme es. Ich schreibe es hin. Jedes Wort kommt als Ich zu mir zurückgewispert. Auf allen Wegen läuft es mir schon entgegen. Es lauert hinter den Bäumen. Es ist morgens fast eher da, als ich die Augen aufschlage. Was auch immer ich berühre: überall Ich. Ich möchte fliehen vor mir selbst. Aber da bin ich ja bereits.
Unausweichlich. Es gibt keine Hilfe, denke ich grimmig und da ist es schon wieder, und ich könnte fast lachen, so absurd ist das alles. Ich möchte mich zusammenkauern, eine Decke über den Kopf ziehen, schlafen, schlafen, schlafen und dieses allvorkommende, quälende Ich vergessen. Manchmal denke ich, die Erlösung für dieses Ich wäre das Du. Aber Ich kann nicht erwarten, daß Du mich von diesem Ich, von mir selbst, erlöst. Liebende können einander nicht retten. Nur lieben.

Falter (ein Versuch)

Verwandelt in eine schwebende
Glyphe aus Papier kreuzt der Falter
die hektischen Gänge der Vögel.

Die Flügel ausgebreitet, schließt er
den Riß zwischen Wasser und Luft.
Er weiß, was die Vögel nicht wissen,
die den Himmel nur
von der Kopfseite kennen.

Zahl aber ist eine dünne Membran
zwischen Horizont und Tod,
wo es leuchtet aus der Schwindel
erregenden Tiefe wie aus Frau Holles Brunnen.

Schwimmend am Sonnenrand
wie ein Drache ohne Leine
klebt er am Ereignishorizont,
fällt und fällt immer weiter,

durch das Loch in der Erde,
dem Licht auf der anderen Seite
zu, fällt und

kann höher nicht fallen.

(Beitrag für das Projekt *.txt)

La Paz, September ’95

Einmal habe ich einen alten Indianer photographiert. Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hatte, als ich ihn bat, ein Bild von ihm machen zu dürfen, sein Blick blieb ausdruckslos, vielleicht war er schwerhörig und wollte es nicht zugeben, vielleicht konnte er nur Aymara, möglicherweise hatte er mich aber auch, versunken in seine Welt, geistesabwesend oder gar dement, überhaupt nicht richtig wahrgenommen. Er saß am Straßenrand auf einem Gepäckstück oder einem Sack, und zeigte sich meinem Blick als die Essenz all dessen, was an diesem Land noch echt, noch unvermischt war; er sah aus, als sei er aus einem Kinderbuch herausgestiegen, die Wirklichkeit gewordene Phantasie, als stehe man den eigenen Vortellungen plötzlich leibhaftig gegenüber. Mir war, als habe ich jetzt erst begriffen, was ich in all den Wochen meiner Reise eigentlich gesucht hatte, und es endlich gefunden. Er trug die Kleidung jener Ureinwohner, die sich nie wirklich assimiliert haben, eine bunte Mütze aus Lamawolle, einen Umhang aus demselben Stoff, Sandalen aus Autoreifen; man hätte ihn fast für einen Schauspieler, für ein Ausstellungsstück halten können, doch war sein Äußeres nicht grell, nicht leuchtend genug. Die Wolle war gepflegt, aber sichtlich in langem Gebrauch gewesen. Eine Weile war ich unschlüssig in seiner Nähe herumgelungert, hatte mir ein spanisches Sprüchlein überlegt, unauffällig eine Münze aus dem Portemonnaie geklaubt. Endlich sprang ich über meinen Schatten, trat vor ihn hin und sagte das Sprüchlein auf. Sein Gesicht verschwand hinter lauter ledrigen, von dünnen Bartstoppeln gesprenkelten Runzeln, seine Lippe tropfte in einem weichen Bogen übers Kinn, die schmalen Hände waren hornig und abgearbeitet. Über der harten Nase schwebten zwei trübe, überfilmte Augen, die nicht preisgaben, was, oder ob sie mich gesehen hatten. Ich wiederholte meine Frage, und, da ich glaubte, eine leise Neigung des Kopfes wahrgenommen zu haben, die ich gleich als Zustimmung wertete, richtete ich schnell die Kamera auf ihn, stellte nachlässig scharf und löste aus. Auf dem Bild später schien er direkt in die Kamera zu blicken, doch in jenem Moment war mir, er schaute woandershin, mir über die Schulter oder auf mein Ohr, während sein Mund in einem fort leise zu murmeln schien. Ich zweifelte immer noch, ob er mich überhaupt bemerkt hatte, aber als ich ihm eine Münze in die Hand drückte, nahm er sie ohne zu zögern an, wobei sein Gesicht keinerlei Regung verriet. Ich verabschiedete mich rasch und ging fort mit einem kleinen Triumph in der Brust (was würden meine Freunde zu Hause sagen! Ein echter Indianer!), voller Stolz, daß ich es gewagt und gewonnen hatte, doch auch mit dem nicht ganz so unkomplizierten Gefühl, diesen Menschen mit genau dem Ausstellungsstück verwechselt zu haben, das er nicht war.
Als ich ihm die Münze gab, war ich mir schon fast peinlich reich vorgekommen und hatte mich geschämt, daß ich, ein Jüngelchen, ein ahnungsloser Milchbart aus der Fremde, ihm, dem würdigen Greise, in dessen eigener Heimat ein Almosen gab, und sei es auch aus dem ehrlichen Pflichtgefühl heraus, ihm etwas dafür zurückschenken zu wollen, daß er sich von mir hatte ablichten lassen. Später, längst wieder zu Hause in Europa, beauftragte ich einen Photodienst mit einem Posterabzug vom Dia. Aber bis zum Abholtermin ging mir das Geld aus, und so habe ich das Poster einfach im Laden liegengelassen. Ein paar Monate später, als ich wieder flüssig war, lachte man mich dort nur aus. Das Poster hatten sie längst weggeworfen, das Dia auch. Auf diese Weise habe ich beides, den Abzug und das einzige Original jenes Photos verloren, auf das ich auf einer staubigen Straße in La Paz, Bolivien, so beschämt stolz gewesen bin.
Vielleicht war das leise Kopfneigen des Alten doch keine Zustimmung gewesen.

(Beitrag zum Projekt *txt

Erwachsenwerden

Mit einem mal war man erwacht aus einem Traum. Man war eben dreizehn geworden oder zwölf, man war aus den Ferien heimgekehrt, oder ein neues Schuljahr hatte begonnen. Und plötzlich gab es die Zeit. Gestern war das noch nicht gewesen. Es gab nicht mehr das eine einzige gewaltige Präsens von vor den großen Ferien, das Präsens, das ich selber war, solange ich denken konnte; es gab eine Vergangenheit, die sich unversehens aus mir gelöst hatte; und also gab es auch eine Zukunft, die erst Ich werden mußte, die ich aber schon überblicken konnte, wie ich mich selbst überblicken konnte; eine Zukunft, die mehr war als nur die Erwartung auf Weihnachten und die großen Ferien. Die Zeit war meßbar geworden, und bewegte sich nicht mehr. Nun war ich es, der sich bewegte. Ich hatte das Gefühl, jetzt kann ich schwimmen. Aber ich konnte nicht nur, ich mußte es auch, denn nun gab es auch keinen Grund mehr unter den Füßen. Man konnte ertrinken am Leben, wenn man sich nicht bewegte. Immer vorwärts, in die Zukunft. In meiner Verzweiflung griff ich nach den alten Kinderbüchern, Fünf Freunde, Schiff der Abenteuer, Pippi Langstrumpf, holte das Lego und Playmobil aus dem Schrank, lief bestimmte Wege noch einmal ab, als könnten die mich in die Welt vor dem Erwachen zurückführen. Aber die Kinderbücher gaben nur immer die gleichen Geschichten her, in denen ich mich nicht mehr verlieren konnte; und das Spielzeug lag fremd und störrisch in meiner Hand, ich konnte mir nicht mehr vorstellen, wozu es einst gedient hatte. Was es mir verdarb, war dieses plötzlich hellwache Bewußtsein dessen, was ich tat. Die Feststellung, daß ich spielte. Ich beobachtete mich beim Spielen, und damit gelangen mir die Stimmen meiner Helden nicht mehr. Die Raumschiffe flogen nicht mehr, die Burgen waren verlassen, die Galeeren gekentert. Und beim Lesen: Aha, jetzt lese ich also. Das Spiel war zu einem Spiel, die Bücher zu Büchern, die Schiffe zu Modellen geworden. Und auch der Wald war nur der Wald, und die Wege führten doch nur im Kreis wieder zurück zum eigenen, scharfen Bewußtsein, an man sich selbst schneiden konnte. Ich wäre so gerne noch ein bißchen geblieben, im großen Jetzt. Aber schon, daß ich das überhaupt denken konnte, machte meine Vertreibung aus.
Nur was man verloren hat, kann man sich zurückwünschen.

(Beitrag zu *.txt)

Heimat an Flüssen (2)

Die Ströme in der Heimat waren vergiftet, schwimmen konnte man dort nicht. Am Ufer roch es komisch, wir schauten in die trübe Brühe und widersprachen nicht, wenn unsere Eltern mahnten: In Flüssen schwimmt man nicht.
Flüsse waren für Lastkähne und für Chemieabfälle, für Mensch oder Tier waren sie nicht. Selbst auf den Kiesbänken war es nicht geheuer. Wo in Buchten Strudel auftraten, bildete sich Schaum, und von den Weiden hingen, wenn ein Hochwasser gewesen war, Strähnen eines grauen Schlamms. Es roch komisch, und die Kiesel waren alle von einem gelblichen Staub ummantelt. Wenn ich einen davon aufhob, hatte ich hinterher das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen. Nicht einmal die Füße wollte man ins Wasser halten, ja, nicht einmal Schuhe und Socken ausziehen, wenn man über den Ufersand ging. Mitleidig schauten wir auf die mickrigen Muschelschalen im getrockneten Schlick. Was waren das für arme Tiere gewesen, die in diesem Gift ihr Dasein gefristet und ihr Leben ausgehaucht hatten. Dick, viskos, stockend schien uns die Flüssigkeit, in deren Tiefe der Grund nach wenigen Zentimetern trüb wurde und versank. Braun war die Farbe dieses Elements, das mit Wasser nicht mehr viel gemein hatte. Wer in diese Brühe hineinfiele, würde, selbst wenn er nicht gleich sterben müßte, sich in ein Ungeheuer mit Schuppen verwandeln. Er bekäme eine Rückenflosse oder wenigstens Schwimmhäute zwischen den Zehen.
In diese Brühe fiel eines Tages während eines Kindergeburtstages ein Junge. Es war Sommer und warm, und ohne, daß jemand bemerkt hätte, wie es passiert war, lag der Junge auf einmal bäuchlings und mit allen Klamotten am Körper im seichten Uferwasser, lachte und planschte vergnügt mit den Beinen. Ich dachte, nun müsse er ganz gewiß sterben, so wie die Muscheln gestorben waren. Später fände man seine bleichen Knöchelchen aus den Kieseln herausstaken wie Schwemmholz. Die Bestürzung der Erwachsenen hielt sich in Grenzen und galt insbesondere den durchnäßten Kleidern. Du bist vielleicht einer, sagten sie kopfschüttelnd. Begriffen sie nicht, daß der arme Junge sterben mußte? Vielleicht taten sie nur harmlos, um ihn zu schonen und ihm die letzten Stunden leichter zu machen.
Auf dem Rückweg hielt ich Abstand von ihm und wich selbst noch den feuchten Platschern aus, die seine Füße auf dem staubigheißen Asphalt hinterließen. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen, und bedauerte den Jungen wie man einen Gezeichneten bedauert, der noch nichts ahnt von seinem Unglück: Noch lachte er, noch spritzte er mit Tropfen nach den andern; noch war er sogar stolz auf seinen Schabernack; und doch war es nur eine Frage der Zeit, bis ihn das Gift kriegen, seine Haut schrumpeln würde, Blasen bekäme und es aus wäre mit dem Lachen.
Anderntags aber saß der Junge wieder in seiner Schulbank, als ob nichts vorgefallen wäre. Er trug frische Kleider, und seine Haut war heil. Ein paar Tage noch beobachtete ich ihn scharf, ob er vielleicht Schuppen bekäme oder ihm eine schöne Rückenflosse zwischen den Schulterblättern wachse. Aber nichts dergleichen geschah, und ob er Schwimmhäute zwischen den Zehen bekommen hat, habe ich nicht gesehen.

Ich komme nicht zu dir durch. Ich schicke Nachricht um Nachricht hinaus und sammle büschelweise Fehlermeldungen. Ich probiere jede mir bekannte Adresse. Ich habe alle meine eigenen Accounts überprüft. Alles fehlerfrei. Nur an dich will der Server nichts durchstellen. Ich verlege mich aufs An-dich-denken, auf den Sternenhimmel, auf Flaschenpost, die Strömung stimmt diesmal ja.

Via Novaesiana

Samstag morgen, kurz vor sechs: Ein Schwerlaster hält vor dem Haus und lädt mit Getöse Baukies ab. Ich nehme an, es gibt keinen besseren Tag dafür.

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Ich stehe seufzend auf, und stelle, da der Tag ja nunmal begonnen hat, rote Beete aufs Feuer. Jetzt wärmt der irdene Dunst meine Höhle.

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Wo Baukies abgeladen wird, ist die Betonmischmaschine nicht weit. Als Kind war ich fasziniert von diesem Gerät, ich weiß nicht, ob von der Maschine selbst oder vom herrlichen Klang ihrer Bezeichnung. Die Wände wackeln. Heute sind die Assoziationen andere.

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Die Weide am Gesims von Nachbars Garage hat alle Blätter verloren. Standhaft krallt sie sich am Gemäuer fest und lebt von Luft und Stein. Ich mache die Heizung an und wünsche allen Bäumchen einen friedlichen Winter.

6:39

Das erste, was ich beim Wachwerden denke: Ich habe keine Lust. Nach einer kalten Nacht verspricht der Tag sonnig und warm zu werden. Man könnte wandern, ja, müßte man es nicht geradezu? Spazierengehen, wenigstens, auf einer Bank in der Sonne sitzen, zum Fluß gehen, ein Eis essen, den Fuß auf Kastanien setzen. Ins Gebirge fahren. Lange wegbleiben. Draußen schlafen.

Halb sieben, und dieser ganze riesige Tag ist jetzt schon eine einzige Überforderung an Möglichkeiten. Ich habe keine Lust. Ich habe keine Lust, aufzustehen. Ich habe auch keine Lust, liegenzubleiben. Das einzige, wozu ich Lust habe, ist, alles, worauf ich je Lust gehabt habe, bereits geschafft zu haben. Dann müßte ich ich es nicht mehr tun, weder jetzt noch später.

Einem Fünfzehnjährigen auf Betreiben der Mutter aus Anlaß seines ersten Empfangs von Damenbesuch mit ein paar freundschaftlich-mahnenden Worten ein Päckchen Condome zugesteckt. Auch eine Erfahrung. Ich bin nicht sicher, wer von uns beiden in größerer Verlegenheit war. Schon lange denke ich ja, daß das mit dem Erwachsensein eine Illusion ist. Locker sind immer nur die anderen.

Sirene

Jedes Jahr einmal, immer an einem Mittwoch vormittag, kamen die Bomber.
Sie kreisten über den Dächern der Kleinstadt, drehten wieder ab, kehrten ein paarmal zurück, ohne die tödliche Fracht loszuwerden, bis sie endlich am Horizont verschwanden, und eine letzte Entwarnung verkündete, daß man wieder einmal für ein Jahr davongekommen war.
Falls in der Zwischenzeit nicht der Ernstfall einträte.
Man nannte das „Probealarm“, und es war einer der größeren Schrecken meiner Kinderzeit.
Auf einem der Gebäude meiner Schule, auf der anderen Seite des Hofs, genau gegenüber von meinem Klassenzimmer, erhob sich, groß, gräßlich, weithin sichtbar, eine Sirene. Dieses Ding auf dem Dach schien mir in seiner Eigenschaft, einen fürchterlichen Lärm zu produzieren, an sich schon gefährlich Bereits dieser Lärm war die Gefahr, war Schmerz, Krampf und heillose Konfusion. Schon ihre unheilvolle Silhouette, die an genau jenen anderen Pilz zu erinnern schien, vor dem jede Warnung ja doch vergeben gewesen wäre, verbreitete in meinen Augen Angst und Schrecken, weniger vor der oder als Sinnbild für die erwartete Katastrophe als vor der Angst selbst – der Angst vor der Angst.
Vor dem Erschrecken.
Schon als Säugling war ich, so versichern es die Eltern, geräuschempfindlich bis zur Nahrungsverweigerung. Wenn irgendwo was knisterte, zischte, prasselte, stellte ich das Trinken ein, und war ich auch noch so hungrig. Alle Arten von plötzlich einsetzendem Tuten, Schlagen, Heulen waren (und sind mir bis auf den heutigen Tag) ein Greuel. „Wird es laut?“ war meine erste Frage, wenn meine Eltern mich auf irgendeine Unternehmung mitnehmen wollten. Auf ein Ausflugsschiff übern Vierwaldstättersee rannte ich mit den Händen auf den Ohren über die Gangway, panisch, das Schiffshorn könne lostuten, bevor ich das gedämpfte Innere erreicht hätte. Ich wußte, daß ich mich lächerlich machte, aber die Furcht vor dem Krach war ärger als die Scham. Die Schilderung eines Schulkameraden, der schon einmal eine Flugreise gemacht hatte, so ein Jet sei lauter als die Sirene (dabei zeigte er auf die dräuende Silhouette überm Schulhaus), flößte mir Mitleid mit dem armen Jungen ein. Eine Hafenrundfahrt wurde zum Martyrium, weil ich jederzeit erwartete, die Erfahrung vom Vierwaldstättersee könne sich wiederholen. Und auf dem Sportfest lief ich eine schrecklich schlechte Zeit über die hundert Meter, weil ich vom zuerst erwarteten, dann tatsächlich empfundenen Schrecken des Startschusses (aus einer echten Pistole) weiche Knie hatte. Und in der Eisenbahn hatte ich beim Übergang von einem Waggon in den nächsten nicht etwa Angst, die Verbindung könne mir unter den Füßen wegbrechen; nur der entsetzliche, ungedämpfte Krach von Gleis, Wind, Fahrwerk schreckte mich. Tröten, Knallen, Tuten, Jaulen. Überall lauerte er, der Krach. Im Zirkus, auf dem Feuerwehrfest, bei der Flugschau, beim Karnevalszug.
Und in der Schule. Wo auf dem Nachbardach die Sirene hockte, schlimmer als jede imaginierte oder wirkliche, leicht zu verdrängende Bombengefahr. Eine stets latente Angst war, wir könnten vielleicht umziehen, und in einem Haus mit Sirene auf dem Dach mit dem allezeit drohenden Schrecken überm eigenen Kopf leben müssen. Kaum besser war die Vorstellung, ich könnte vielleicht eines Probealarmmittwochs ausgerechnet in jenem Gebäude Unterricht haben, das die Sirene trug. Und als ich später umgeschult wurde, spähte ich überall umher, ob auf dem Dach der neuen Schule nicht etwa eine Sirene installiert sei. Zu meiner übergroßen Erleichterung waren alle Dächer des Komplexes sirenenfrei.
Noch heute ist mir dieses Grauen, dieser durchaus panische Schrecken gegenwärtig, rieselt es mir eiskalt durch die Glieder, wenn ich irgendwo eine Feuerwehrsirene höre. Egal, wie weit weg ich bin, egal, wie niedrig der Schallpegel tatsächlich ist, die Art des Geräuschs, dieses unerbittliche Warnen, dieses Geheul, das geradewegs aus der Hölle selbst emporzufahren scheint, seelenlos, kalt, mörderisch, flößt mir immer noch Angst ein. Und genau das soll es ja auch.
Meine Eltern versprachen mir, sie würden mir beim nächsten Probealarm, dessen Datum in der Zeitung angekündigt werde, bescheid sagen, dann wüßte ich, was mich erwarte. Die Folge war, daß ich einen halben Vormittag im Angstschweiß badete, während ringsum die Mitschüler sich ihres Lebens freuten. Natürlich erschraken sie dann genau wie ich, wer würde nicht erschrecken, wenn keine fünfzig Meter entfernt eine Sirene losgeht? Aber im Unterschied zu mir machte es ihnen eben nichts aus.
(Eins der Dinge, die ich an Musik schätze, ist, vermute ich, daß sie den Lärm bändigt, indem sie ihn in eine Form zwingt, verwandelt und nutzbar macht. Natürlich ist Musik mehr als nur domestizierter Lärm, aber sie ist es auch, ein bißchen. Vielleicht deswegen mag ich es auch nicht leiden, wenn undomestiziertes Geräusch durch die Hintertür wieder hereingelassen werden. Schlagwerk mag ich, wenn überhaupt, nur in feinster Dosierung, und niemals nur darum, wie etwa in der populären Musik allegegenwärtig exemplifiziert, weil man es halt so macht. Beethovens Gewitter in der sechsten Symphonie mochte ich immer schon, an die entsprechende Klangmalerei bei Strauss, der eine Windmaschine benötigt, mußte ich mich erst, sie lange rigoros ablehnend, gewöhnen.
Ein bißchen klingt sie nämlich wie eine Sirene.)

Noch einmal Rehe

Ein „Rudel“ Rehe heißt Sprung und besteht im Winter aus bis zu zwanzig Tieren. Charakterisiert wird der Sprung, ein eher loser Verband nicht zwangsläufig miteinander verwandter Tiere, durch die gemeinsame Fluchtrichtung und den räumlichen Abstand der Einzeltiere zueinander, der fünfzig Meter selten überschreitet. Geführt wird ein Sprung von einer Ricke.
     Einem solchen Sprung bin ich heute morgen beim Laufen in der Dunkelheit begegnet. Aufmerksam wurde ich durch ein seltsames Geräusch, das ich noch nie gehört hatte, das aber sofort als Tierlaut erkennbar war. Kein Ast würde so im Wind knarren, keine Eichel beim Herunterfallen so rasseln, es klang wie Knörk, knörk.
     Rehe knörken aber nicht. Was Rehe machen, heißt bellen, und sie tun es, um dem Freßfeind klarzumachen, daß man ihn entdeckt habe, eine weitere Fortsetzung der Jagd mithin sinnlos sei.
     Bellende Rehe also, vor Schreck oder Empörung, daß ich trotz der Warnung weiter heranpirschte, wieder verstummt, mindestens ein Dutzend, kleine und größere, deren Augen, als ich die Stirnlampe ins Gebüsch richtete, auf unterschiedlicher Höhe zu mir hersahen, eine ganze Galerie Augenpaare, blink, blink, wie in einem Zeichentrickfilm. Die Körper wurden erst sichtbar, als ich die Leistung der Stirnlampe hochsetzte: fahle, graue Körper, die eigentlich gar keine Körper waren, eher Geister, schattenhaft, Gewölk von Leibern, deren Umrisse miteinander verschmolzen. So wie neulich schon blieben sie stehen, starr, gebannt, während in ihren Köpfen Unbegreifliches ablief, oder vielleicht auch gar nichts, weil sie vermittels des Lichts in einen Zustand völliger Leere eingetreten waren. Ich besah mir das eine Weile, dann machte ich die Lampe aus.
     Wie eine Glocke stürzte die Dunkelheit über mir zusammen. Kaum war der Himmel vom Blattwerk der Kronen zu unterscheiden. Ich stand ganz still und lauschte. Nichts war zu hören außer dem Rascheln meiner Windjacke und meinem eigenen Atmen. Irgendwo da drüben standen die Rehe in der undurchdringlichen Finsternis und regten sich ihrerseits nicht. Wie ich so atmete und raschelte, kam ich mir sehr laut vor. Andererseits trugen die Rehe ja auch keine Windjacke. Außerdem hatten sie ja zuerst gebellt. Ich ging ein paar Schritte, dann, als immer noch keine Fluchtgeräusche zu hören waren, schaltete ich die Lampe wieder ein. Blink, blink, blink, gingen drüben die Lichter an, als hätten die Tiere nur darauf gewartet. Dann aber schien ihnen etwas anderes in den Sinn gekommen zu sein, vielleicht hatten sie’s satt, vielleicht nervte ich sie mit dem Licht. Wer kann es wissen? Vielleicht gefiel ihnen meine Windjacke nicht. Jedenfalls setzten sie sich langsam, durchaus nicht in Flucht, eher gleichgültig in Bewegung, wandten sich, eins nach dem andern, von mir ab, wie Blätter, die der Wind umdreht. Die Körper schoben sich vor die Augen, die Leuchtpünktchen erloschen. Die Vorstellung war beendet, und ich schob mich und die seltsame Glocke aus Tag um mich her weiter durch den stillen Wald.

Sonntagsausflug

Farben, Licht, das bunte Durcheinander, alles scheint plötzlich wie schlecht abgemalt. Der Hafen, die Mole, der Wein am andern Ufer, die Gesichter, der Sonntagsstaat der Flaneure, die billigen Regenjacken vom Discounter, der Eiswagen, die Infotafeln, alles nur eine Kulisse, hinter der nicht einmal ein Grauen lauert, nur eine schreckliche, unauflösbare, allherrschende Ödnis. Keine Schönheit gibt es, die hier irgendeine Form von Echtheit noch bewirken könnte, bevor es für immer für alles zu spät ist, zu spät auch für eine Flucht. Wohin denn entkommen? Und da ist das alles schon alles, das bunte Treiben, der Wind, die Tauben, die sich vor sich selbst ekeln, ist dies das Echte und Eigentliche des ganzen Lebens, diese entsetzliche, trostlose Traurigkeit dieser billigen, nicht einmal häßlichen Melodien, die sich ins Herz schleichen wie süß schmeckendes Gift. Ich wehre mich, balle die Hände zur Faust. Aber eine Unkraft befällt mich, die Schritte werden müde, das Pflaster ist plötzlich so hart, Llorando se fue, und der Weg so weit, wäre es nicht besser, sich hier auf die Bank zu setzen und der Greis zu werden, der man bereits ist seit der Geburt? Ich sehe die Kinder eine Münze gegen ein Eis tauschen, Faria, faria ho! Wie gespannt sie sind. Wie fraglos überzeugt von allem. Ich bin allein, ich bin ganz und gar allein, faria ho! Niemand deutet mir das, die Blicke sind leer, das Lachen wie aus dem Schlund von Automaten. Ich sitze auf der Bank, das Wasser kräuselt sich schwarz unter den Füßen, nicht einmal der Strom ist noch echt, ich gehe in einer kolorierten Kitschpostkarte herum, und es gibt nichts Schönes mehr auf der Welt, die Welt geht im Kreis wie die Melodie, wie der Arm des Leierkastenmannes, ach, du lieber Augustin, alles ist hin.
Wer erklärt mir diese Traurigkeit? Eine wimmernde Folge nicht einmal trauriger Akkorde, und da ist plötzlich diese Vergeblichkeit in allem und allem. Die Farben erbleichen, die Schatten sperren das Maul auf, die Fahnen drohen, es ist, als fröstele es die Zeit selbst unter einer kalten Brise. Wind treibt die Klänge eines Akkordeons oder Leierkastens über den Platz heran. Dazu wandeln fröhliche Menschen allenthalben, Reiterstandbilder starren vor Stolz, Kinder scharen sich um einen Eiswagen, die eifrige Münze in der warmen Hand. Niemand bemerkt es. Alle sind hohl. Puppen. Marionetten an unsichtbaren Fäden. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß niemand das Schreckliche dieser Weisen bemerkt? , Quetschkommode, Leierkasten, Schifferklavier: Wäre die Melodie, die diesem Kasten entströmt, häßlich, verstimmt, falsch, ich würde lachen. Aber die Melodien sind nicht häßlich, das Schlimme ist, sie sind nicht einmal das. Ohne selbst traurig sein zu wollen, verströmen sie unter der Absicht einer billigen guten Laune eine Traurigkeit, für die es keinen Trost gibt. Selbst nicht schön, negieren sie auch alles Schöne, negieren sie alles, was Musik sein kann, daß selbst die Erinnerung an alles, was nur je schön und echt und wahr gewesen ist, im Herzen getötet wird.
Eine Münze klimpert, der Leierkastenmann macht eine Verbeugung, mechanisch auch sie, mechanisch wie der zur Maschine gewordene Kurbelarm, der Münzwerfer bleibt einen Moment stehen, in künstlerischem Entzücken, aus schierer Langeweile, aus Mitleid oder weil er ja schließlich bezahlt hat, er bleibt stehen, hält den Kopf ein wenig schief, nicht den Leierkasten schaut er an, sondern auf das Kind, den kleinen Jungen an seiner Seite. Der steht halb abgewandt, in einer Haltung starrer Abwehr, die Ärmchen erhoben, die Hände so kräftig, so entschieden auf die Ohren gepreßt, daß man die Knöchel weiß hervorschimmern sieht. Eine steile Falte der Mißbilligung und Ungeduld steht ihm auf der Stirne. Der Vater zeigt auf den Leierkasten, spricht, deutet, hält dem Kind eine Münze hin, wirbt und schmeichelt, zeigt wieder auf den Leierkastenmann, schnippst dem Jungen noch den Takt vor. Der aber preßt die Hände noch stärker auf die Ohren und schüttelt energisch den Kopf, ignoriert die Münze, will weg, hat genug, leidet mit jeder Faser seines Körpers.
Hör doch mal hin, ruft da der Vater aus. Mit einer herrischen Geste reißt er dem Jungen beide Hände vom Kopf; und für einen Moment, in dem der ganze Platz zusammenzuzucken scheint, in dem der Kaiser sich mit einem Ruck auf dem Gaul aufrecht setzt, die Tauben aufflattern und die Silberköpfe der Seniorengruppe sich umwenden nach so viel echtem Geräusch; für diesen Moment übertönt der Klagelaut des Knaben selbst noch die Diskantpfeifen des Leierkastens, zerschlägt sein Gebrüll all die Trostlosigkeit entzwei. Erschrocken läßt der Vater das Kind los, wirft schnell noch die Münze in den Hut, bevor er dem Sohn nachläuft und beide im Menschengewimmel verschwinden. Das Wasser gurgelt, die Tauben lassen sich auf dem Haupt des Kaisers nieder, der Arm des Leierkastenmannes kurbelt, hollahi, hollaho, die Melodie ist nicht aus dem Takt.

Aequinox (21.9.2014)

Eifersucht habe ich nicht, ja, gegönnt sei dir jedes Vergnügen.
    Doch eine andere Not hält mich und läßt mich nicht los:
Denn, ob du schläfst oder wachst, oder denkst oder liest oder wanderst –
    wo du auch gehst und stehst, immer ist bei dir dein Leib.
Ob nun verschwitzt oder frisch, verdreckt oder rein nach dem Bade:
    Stets ist, wonach mich verlangt, anfaßbar nah deiner Hand.
Pflegen läßt er sich gern und macht dir beim Pflegen noch Freude –
    selbst auf dem stillen Ort hast du den Körper bei dir.
Was du auch tust oder läßt, du tust es mit deinem Körper,
    überall dient er dir, überall macht er dir Spaß.
Seist du im Walde allein oder gingst übers wimmelnde Forum,
    immer trägst du bei dir, was mich so herrlich entzückt;
noch unters engste Gewühle trägst du die heimliche Blöße,
    denn unter Schlüpfer und Hemd bist du doch alleweil nackt.
Nackt bist du auch unterm Linnen, des abends, wenn müd du im Bett liegst.
    Wunderbar ruht dann dein Leib, selig im eigenen Duft.
Wenn, wie es manchmal geschieht, du dann selbst mit dir selber zu Spiel kommst,
    streichelst du dich und bist gleich selbst die Gestreichelte auch.
Streicheln mag ich dich auch, nicht weniger, streicheln mich lassen,
    doch, wie das Leben so geht, sind wir nicht selten getrennt.
Während ich fern von dir bin, darfst du dir jedoch immer nah sein.
    Drum, weil du hast, was mir fehlt: muß ich dich neiden dir selbst.

Knifflig

Man saß also bei Tische im fremden Haus, fremd unter Fremden, der Fremdeste von allen, und rings ging das Gespräch. Halb hörte der Gast mit, wie der Vater der älteren, sechsjährigen Tochter von dem schon vor deren Geburt gestorbenen Hund erzählte, und daß man den am Ende seines Lebens habe einschläfern lassen müssen, so alt und krank sei der gewesen, man habe ihn nicht leiden lassen können.
Rechts und links die lebhaften Stimmen, ein freundliches Gewirr, beschäftigt mit sich selbst, und so ist der Gast, nirgends verwickelt, mit seinen Ohren schweifend und mal hier mal dort ein halbes Gespräch auffangend, vielleicht der einzige gewesen, der die Frage der Sechsjährigen an ihren Vater mitgehört hat.
„Würdest du mich einschläfern lassen, wenn ich ganz krank wäre und leiden müßte?“
Kinder scheinen manchmal ein ausgeprägtes Gespür dafür zu haben, welche Fragen den Erwachsenen Bauchgrimmen bereiten und legen mit wundervoller Unbekümmertheit ihren Finger darauf. Tatsächlich aber sind für Kinder alle Fragen gleich knifflig. Für das Kind ist vielleicht die eine wie die andere Antwort eine richtige, eine gute, eine, mit der es einverstanden ist; in einem bestimmten Alter fragen Kinder ja, nur um überhaupt eine Antwort zu bekommen: Warum ist das Meer blau? Unten am Meeresgrund sitzt ein Trupp Kopffüßler, die malen es von unten blau an. Aha. Und warum gibt es Wolken?
Der Erwachsene aber muß antworten und sich entscheiden, er kennt nur eine richtige Antwort und sehr viele falsche, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß er später den Eindruck haben wird, nicht die richtige Antwort gewußt zu haben, dem Kind nicht gerecht geworden zu sein, versagt zu haben.
Und wenn Erwachsene selbst fragen, wie oft tun sie es dann mit einer Erwartung oder einer bestimmten Absicht, voller List, voller Angst, voller Mißtrauen, voller Hoffen; wie oft stellen Erwachsene einander mit einer kniffligen Frage auf die Probe. Wie oft erwarten sie eine bestimmte Antwort, um im Falle ihres Ausbleibens beleidigt oder bestürzt zu sein. Wie oft stellt man eine Frage, nur um sich beruhigen und beschwichtigen zu lassen. Die Kleine aber, so fühlte es der Gast, war gerade nicht beunruhigt. In ihrer Frage lag weder Sorge noch Angst, nicht die geringste, weder, ihr Vater könnte im Ernstfall tun, wonach sie gefragt hatte, noch, er könnte es unterlassen. Sie hatte keine Erwartungen an ihn, noch weniger wollte sie ihn, seine Liebe zu ihr vielleicht, testen. Sie wollte es schlicht wissen und war offen für jede mögliche Antwort, ohne Bangheit und ohne Hoffen nach der einen oder der anderen Seite. Sie tat ihre Frage in vollstem, in unerschütterlichem Vertrauen darauf, daß, wie auch immer sie ausfallen würde, die Antwort des Vaters wahr, was immer der Vater in einem solchen Fall unternähme, dann das richtige und beste für sie selbst wäre.
Es war ein Vertrauen, das in seiner letzten Konsequenz, die Entscheidung über das eigene Leben und Sterben einem anderen zu überlassen, auf den unfreiwillig lauschenden Gast geradezu schockierend wirkte. Und ihm wurde plötzlich ganz klar, welche ungeheure Last Kinder ihren Eltern aufbürden, ganz einfach dadurch, daß sie vertrauen. Indem sie fest überzeugt sind, wir wüßten eine Antwort auf alles, wo wir doch selbst ratlos sind, ziehen sie uns in aller Unschuld den Boden unter den Füßen weg.
Am Tisch wogten weiter die Stimmen, während der Gast über den dunklen Hof und die Stiege zum angewiesenen Nachtlager hinaufging. Die Frage des Kindes ließ ihm keine Ruhe, und er dachte, daß niemand einem die Antwort abnehmen könne. Durchs Dachfenster sah man die Sterne blinzeln. Auf der Landstraße heulten die Schwerlaster. Auch die Kleine würde die Frage vielleicht irgendeinmal selbst einem Kind beantworten müssen. Ob sie sich dann an diesen lang vergangenen Abend erinnern würde, da sie ihren Vater dasselbe gefragt hatte? An wen sich wenden, dachte der Gast. Wir sind mit unseren eigenen Fragen ganz allein.

Stillen (2)

Einmal habe ich eine vollkommene Stille gehört.
Nicht die beängstigende, hohle Stille in einer nächtlichen Straße, nicht das klaustrophobische Gefühl im Innern eines Tonstudios, auch nicht das von ständigem leisen Summen, Wispern, Brummen und Rauschen fernumrandete Schweigen einer Großstadt um drei Uhr morgens. Sondern eine Stille, die alle Geräusche ein für allemal gelassen aufgegeben hatte. Ich war aufgwacht, auf Toilette gegangen, und bevor ich mich wieder hinlegte, gab ich einem Sog nach, der mich ans Fenster führte, wo ich fröstelnd blieb, voller Entzücken lauschend. Noch nie hatte ich so etwas vernommen. So wenig, so intensiv: nichts. Das Schweigen nahm jedes Lauschen entgegen, und anstatt es wieder zum Lauschenden zurückzustoßen und jene wattierte Beklemmung des Abgeschottetseins auszulösen, die von schalldichten Räumen, aber auch von Ohrenstöpseln hervorgerufen wird, führte jenes nächtliche, in einem Eifeldorf am Waldrand eingezogene und nun, man kann es nicht anders sagen, waltende Schweigen die Wahrnehmung hinaus und spazieren, indem es den Raum und seine Weite über den Hügeln hörbar machte, ließ dem Ohr Raum und Freiheit und schenkte das müdgewordene Hören in Myriaden Verästelungen sich selbst und ihm die Freiheit zurück.
Steinerberg 11 001
So wie es war, schien dieses Schweigen unverletzlich, jedes etwaige Geräusch der Nacht – eine raschelnde Maus, ein fallendes Blatt, ein knackender Zweig – hätte es nur in seiner Vollkommenheit, in seiner Tiefe gestärkt, indem es darin aufgegangen und verschwunden wäre wie ein Tropfen in einem See. Aber es gab kein Geräusch. Es gab nur das Schweigen, dicht und elastisch wie Wassertiefe.
Nur im Nahen und Allernächsten nisteten winzige Geräusche. Ein Lufthauch zog den Gardinensaum übers Fensterbrett. Ein Strömchen verwirbelte am gekippten Fenster. Meine bloßen Füße rieben über die Teppichfasern. Und die Laken raschelten, als ich fröstelnd und beglückt wieder in Bett schlüpfte. Über diesem kleinen Kreis freundlicher Geräusche, die ich selbst hervorbrachte, über diesem behaglichen Innenraum, wachte draußen die große Stille, indem sie den Körper, meine Atemzüge, die flüsternden Gedanken und endlich den Schlaf umschloß wie ein mir eben zuteil gewordener Segen.