Lebensmaschine

Und so geht es immer weiter.
Als wäre nichts gewesen. Es ist erstaunlich. Es ist unheimlich. Es hat die Unerbittlichkeit einer Maschine, einer Lebensmaschine, die ich, der Teil von mir, der glaubt, zu denken, zu lenken und den Überblick zu haben, mühsam bewohne. Mühsam. Weil man ja nicht anders kann, als zu wohnen. Nicht mehr zu wohnen, gar nicht mehr … unvorstellbar. Keinen zweiten Gedanken wert.

Leben als eine Droge. Der Stoff macht keinen Spaß mehr, man braucht ihn. Man ist seiner überdrüssig, man saugt ihn ein. Gierig saugt man. Weil man nicht anders kann. Auf dem Leben hängengeblieben.

Morgens, vor dem Aufstehen. Der Radiowecker plärrt. Gleich stehe ich auf, denke ich, gleich, und bleibe liegen. Gleich, denke ich, wirst du aufgestanden sein, wirst die Bettdecke weggeschlagen haben, die Beine über die Bettkante geschwungen haben. nach den Hausschuhen getastet haben. Gleich wird, denke ich, dieser Gedanke Wirklichkeit sein. Wie kann es dazu kommen? Unbegreiflich. Warum bleibe ich nicht liegen? Unbegreiflich. Warum vergeht die Zeit? Warum wird gleich später sein, warum – – –

Habe ich wirklich eben die Bettdecke weggeschlagen, die Beine über die Bettkante geschwungen, nach den Hausschuhen getastet, setze ich gerade wirklich die Brille auf, gehe ich wirklich in die Küche, schließe ich wirklich das Fenster, fährt dort wirklich ein Mofa durch die Straße, bin ich das überhaupt? Wie ist es möglich, daß ich das bin?

Lebensmaschine. Zeitmaschine, ein Werk, das Zeit produziert und vernichtet, unaufhörlich, noch im Schlaf. In dieser Maschine feststecken und sich selbst beobachten, wie man sich selbst beobachtet, wie man vorausschaut auf den Moment, wo man, eine halbe Stunde später, auf einem Feldweg laufen wird. Die Furcht davor. Die Furcht, diesen Moment wirklich Wirklichkeit werden zu lassen, um dann auf den Moment zurückschauen zu müssen, an dem man zu dem, was jetzt (jetzt?? dann??) wirklich ist, vorausschaute, um den Moment, wo man zu dem Moment, wo man zu dem, was jetzt ist, vorausschaute, vorausschaute. Um dann den Moment … wo man …

Die Furcht davor, diesen Moment nicht Wirklichkeit werden zu lassen.

Vielleicht nie mehr. Niemals.

Tänzer

Sie tanzen.
Drüben tanzen sie.
Ich stehe am Fenster in der eiskalten Luft. Die Straßenlaterne überstrahlt alle Sterne, aber man riecht den freien, schwarzen Himmel, es riecht, wie nur eine eisige Winternacht ohne Schnee riechen kann. Noch keine acht Uhr, und die Scheiben der geparkten Autos belegen sich schon mir Reif, und beschlagen ist auch der ins Zimmer ragende Fensterflügel. Licht fällt zu meinen Füßen in den Vorgarten, auf welke Geranienklumpen, veredelt durch Rauhreif. Die Straßen sind leer, niemand geht bei dieser Witterung ohne Not raus.
Aber irgendwo ist doch Musik? Das kommt doch von draußen, es klingt, als spielte jemand einen Popsong vom Mobiltelephon ab und sänge dazu, hohe Stimmen, Jugendliche, Mädchen, drüben auf der Bank an der Kreuzung vielleicht? Oder kommt es näher? Nein. Es muß ganz nahe sein, irgendwo in der Straße, aber wo …?
Im Haus gegenüber sind mehrere Fenster erhellt. Da ist die Familie mit kleinen Kindern, man sieht durch die Vorhänge ins Wohnzimmer. Rechts ein Arbeitszimmer, scheint es. Und dann ist da dieses Fenster im ersten Stock. Schummeriges Licht herrscht in dem Raum. Die Wände sind kahl, die Lichtquelle nicht zu sehen. Das Fenster ist gekippt, und von dort kommt die Musik, kommt das gedämpfte Singen. Dann sehe ich jemanden hüpfen. Und noch einen. Der Leuchtfleck eines Smartphones zuckt durch den Raum.
Sie tanzen. Sie springen und tanzen. Es müssen fast noch Kinder sein, die Bewegungen sind voller Übermut, ohne das Gespreizte von Teenagern zu haben, ohne das Gefallenwollen, die da tanzen, gleichen eher tobenden Kindern als pubertären Feiernden. Und doch ist es kein Toben, diese jungen Leute tanzen wirklich. ausgelassen, hüpfend (immer wieder fliegt jemand aus der Tiefe des Raums ins Bild und verschwindet wieder, als spielten sie Fangen), voller Elastizität und Wildheit, Leute, denen niemand zuschaut, und die deshalb alles wagen. Deshalb das gekippte Fenster, wer so tanzt, wer so alles gibt, dem wird schnell warm.
Eine Party ist es auch nicht, denn dazu ist es zu früh, die Musik zu leise, die Tänzer zu wenige. Für eine Party, überhaupt für etwas Geplantes, ist das alles nicht ernst genug. Es scheint wirklich so zu sein, daß sich hier ein paar Freunde getroffen und spontan in Tanz gefallen sind. Einfach so, weil die Musik so schön ist, weil die Beine jung sind, und, klar, weil das Leben viel zu wundervoll ist, um mit trüben Gedanken am Fenster zu stehen und andern beim Tanzen zuzuschauen.

Frühprotokoll (Rauch)

Am besten geht es in der Frühe, fünf Uhr, Dunkelheit, so müde, daß man die Zeit nicht merkt, weil man schneller scheint als der Augenblick.

Rauchgeruch über den Pferdekoppeln, es riecht vertraut nach Mittelmeer, nach Müllverbrennung, ein Hahn kräht, irgendwo muß das Meer sein, ganz nahe, jenseits der dunklen Pinien. Die Ahnung des Wasserkörpers ist fast schöner als das Wasser selbst.

Aber woher kommt dieser Rauch? Würde es im Wald brennen, müßte da nicht ein flackernder Widerschein weithin zu sehen sein? Zu dunkel, um Wolken zu sehen. Keine Fahrzeuge, keine Sirenen, es ist so still, als wäre ich der letzte, der hier noch herumirrt, ahnungslos, noch unberührt von der Katastrophe.

Ein Rebhuhn schreit. Rostige Uhrfeder im Weißdorn. Versenkung in einen Ameisenhügel. Präzision des Chaos. Eine flache Welt.

Hinter drei Baumreihen ruht schweres Gerät. Eine Baggerschaufel liegt eingeknickt in einem Tümpel, wie ein abgebrauchtes Sexualorgan. In den Scheiben des Fahrzeugs setzt sich die Baumreihe als Widerschein ins Unendliche fort. Maschinenschlaf, zeitfrei. Dieser Bagger stand vielleicht letztes Jahr schon hier, oder vor zehn Jahren, man könnte meinen: Auch der Mückenschwarm über dem Tümpel ist ganz genau derselbe wie damals.

Irgendwo ein Trampeln von Schwarzwild. Dann Stille, in der die Sonne den Weg findet und ihn sanft, wie zum Lüften, anhebt. Wieder eine Runde. Kein Schlaf im Schlaf.

Das schreckliche Wort Echtzeit.

Bald werde ich aufwachen, und dann geht alles von vorne los.

Spätprotokoll

Ein Buch in der Hand, die Decke über den Knien, letzte Geräusche von der Straße, letztes Licht aus der Lampe. Der eigene Herzschlag, endlich ruhig, wie ein Gebiß im Glas. Der Teppich streckt sich, das Fenster wendet den Blick nach Innen. Eine Seite raschelt. Frieden von Wörtern, die in ihren Sätzen ruhen wie kleine Tiere in einem großen, stillen Wald.

πάντα ῥεῖ

Erstarrt im Sessel sitzen, der Zeit bei ihrer Arbeit an mir zusehen und nicht und nicht über die entsetzliche Jetzigkeit des Daseins hinwegkommen. Schier verzweifeln am Gefangensein in diesem Jetztpunkt. Ich stelle mir irgendeinen Augenblick von vor, sagen wir, zwanzig Jahren vor, etwas ganz Banales, vielleicht saß ich in der Küche bei einem Bier, vielleicht hängte ich Wäsche auf, ich denke daran, daß jener Moment für mich einmal Gegenwart und Erleben war, und plötzlich ist diese banale Tatsache, auf mein jetziges Erleben und Erinnern angewendet, so grauenhaft, daß mich schwindelt. Ich schaudere wie vor einem Abgrund davor zurück – aber da ist ja nirgends fester Grund, auf den ich zurückkönnte! Denn auch der Moment, wo ich an den anderen Moment zurückdachte, ist schon wieder vorbei. Und auch der Moment, wo mich schwindelte vor diesem Rasen, und jetzt, und jetzt – Und dereinst, bald, werde ich auf dieses Schaudern und wie ich davon schrieb, aus weiter Entfernung zurückschauen. Dann wird dieser Moment ebenso rätselhaft sein wie der Moment, wo ich Wäsche aufhängte. So ist dieser gegenwärtige Moment im Grunde schon jetzt nicht mehr wirklich. Aber dann ist gar nichts wirklich! – Ich möchte Halt! rufen, Stop! Stop!, Stop! Ich muß doch erstmal … Ich wende mich und winde mich, aber überall ist gleich jetzig. Ich bin gefangen.
Kein Trost, keine Hilfe. Denn jeder Trost, jede Hilfe ist ja der Jetzigkeit unterworfen. Wie kann mich etwas trösten, das Teil dessen ist, was mich quält?
Ich verstehe das nicht, woher kommt das? Warum ängstigt mich etwas, das gar nicht anders (etwa als Entwurf oder Utopie einer besseren Welt) denkbar wäre, etwas, das wir uns gar nicht anders vorstellen können? Wie kann ein unlösbares philosophisches Problem plötzlich zu einem Gefühl existentieller Bedrohung werden?
Und wie geht das wieder weg? Wie wäre das zu schaffen, das Normale wieder als normal zu empfinden?

Wie sie wirklich ist?

Vielleicht ist alles nicht so schlimm, sondern schlimmer?
Welcher Blick auf die Welt liefert die Nullinie, die alles in gut und schlimm teilt?
Was wäre, wenn der Depressive die Welt so sieht, wie sie wirklich ist? Dann taumelten alle vermeintlich Gesunden im hormonalen Vollrausch serotoninbesoffen wie Dauerverliebte durch eine rosig eingetünchte Bonbonwelt. Während der Depressive die Brille verloren hat und die frohe Täuschung nicht wieder hinbekommt.
Wir können nicht die wahre Gestalt der Dinge erkennen, oder könnten wir es, so ginge vielleicht das Vergnügen der Sinne darüber verloren – ich gebe also diese Wahrheit auf, denn die Täuschung ist mir erfreulicher, lese ich bei Tieck (William Lovell); was aber, wenn die Täuschung nicht mehr gelingt?
„Warum aber […] willst du diese Art die Dinge zu sehn, die doch freilich nur eine Verwöhnung und kranke Willkür ist, nicht wieder fahrenlassen, und mit frohem Mut die wahre Gestalt der Welt wieder suchen?“
„Um so zu sehn, wie du siehst. […] Ist aber dieser Anblick der wahre? Wer von uns hat recht? Oder werden wir alle getäuscht?“

Dann sind die Gesunden nicht gesund, sondern vernebelt; dann ist die Welt tatsächlich so schlimm, wie sie der Depressive sieht.

Frühprotokolle: Wolkentürme

In der Weite der Börde sichtbar: Wolkentürme, wie der Rauch nicht allzu ferner Schlachten. Der Wind weht von dort, Unwetter in den klammen Taschen. Die Föhrenstämme, rot und schmal vor dem Schatten des Forstes, Fliehende, die aus der Dunkelheit auf die Lichtung taumeln, vom plötzlichen Licht erstarrt. Jetzt haben sie im Rücken, was auch immer sich dort nähert, noch ohne Lärm.

An einer grasigen Fläche am Wegesrand liegt ein Auspufftopf. Lange liegt er da noch nicht, aber schon beginnt die Auflösung des Anorganischen ins Organische, des Künstlichen ins Natürliche: Schon ist die Oberfläche stumpf, schon ahnt man den Anhauch von Rost, schon zwängt sich das Gras unter dem Metall hervor. Das Metall, im Feuer einem in sich ruhenden Mineral abgezwungen, wird wieder zum Mineral, ehe es Halm wird, Wurzel, Borke. Kommentarlos zurückgenommen von den lebenden Dingen in den Kreislauf lebender Dinge.

Wald, und Stille. Morgens ist es wieder dämmrig, selbst bei klarem Himmel. Der Vogelchor der letzten Wochen ist in einzelne Stimmen zerfallen, das Gewebe ist brüchig, zerrissen wie ein Tuch, durch das die Sonne scheint, hier noch ein Buchfink, in der Nähe ein Zilpzalp, wie ein Versehen, natürlich die Singdrossel, die das Zwielicht liebt beim Singen. Das Grün hat die größte Sättigung erreicht, die größte Dichte, fast schwarz an den Rändern. Der Wald ist eine Höhle. Von hier unten scheint der Himmel hell und freundlich blau, die Wolkentürme, sie sind unsichtbar. Hier drinnen sind sie weit fort, sind sie jenseits von Grenzen. Drüben. Vielleicht sogar nur geträumt.

Kopf in den Sand: Das Unheil naht. Der Wind saugt den Himmel von den Feldern. Auch die Drossel ist stumm. Blätter tragen eine Botschaft von Saum zu Saum. Über die Wiesen flieht ein erschrecktes Pferd, ich weiß nicht, vor mir oder wovor.

Frühprotokoll: Satie

Bei Eric Satie muß ich an ein Kölner Zimmer denken, in dem ich, täglicher, nächtlicher Gast, für eine Weile fast zu Hause war, und nie ganz. Die Unordnung in dem asymmetrisch, unneunziggradwinklig geschnittenen, hellen Raum spiegelte mit ihrer Farbigkeit aus Büchern, Heften, Ordnern und bunt bekritzelten Zetteln, Papierstapeln, Kopien und Hand-outs, benutzten Kaffeetassen, Löffeln und Schüsseln meine eigene Unordnung wieder, die ich überall verbreite, wo ich mich länger als eine Nacht niederlasse. Es gab ein altes, gemütliches Klavier aus dunklem, spiegelnden Holz, und zwischen Klavier und der nächsten Wand einen Futon für zwei Schläfer, an dessen Fußende ein Bücherregal, so daß man zwischen Klavier und Büchern ruhte. An der dem Bett zugewandten Seite des Klaviers hingen Familienphotos ohne Rahmen, die sich im Sommer, wenn die Luft feucht war, aufwärts bogen und im Winter wieder glätteten. Gegenüber eine Fensterfront, draußen ein Fußbreit Balkon. Links davon ein gläserner Schreibtisch, von Papieren und Büchern bis auf den Raum, den die Tastatur des Rechners einnahm, bedeckt. Abends schräg einfallende Sonne. Zwei Stockwerke tiefer ein weiter, verkehrsfreier, mit rotem Backstein gepflasterter Platz, den Verwaltungs- und Gerichtsgebäude aus triefendem Beton und schwarzem Glas umstellten; in der Mitte ein winziges Ahornbäumchen, ein Laubengang mit Blauregen. Der Himmel hatte es schwer über den Dächern der Hochhäuser, auf denen sich abends Tauben niederließen. Nachts wehte das Qietschen und Rumpeln von Zügen vom nahen Rangierbahnhof durch die Dunkelheit heran.
In diesem Zimmer spielte E., die das Quietschen gemütlich fand, Satie. Ich lag auf dem Bett und lauschte dem melancholisch-meditativen, bald verträumten, bald kindlich-ernsten Voranschreiten der simplen Akkorde, schaute an die Decke oder studierte die Buchtitel im Regal und war zufrieden, in diesem Zimmer zu Gast zu sein. E. hatte eine Art, mitten im Spiel abzubrechen, sich mit Schwung auf dem Hocker nach mir umzudrehen, die Lippen zu schürzen und mir eine Frage zu stellen. Manchmal lachte sie beim Spiel leise oder sang mit. Sie war vernarrt in die Gymnopédies, und wenn sie nicht gerade Satie spielte, summte sie die einfachen Motive vor sich hin oder sang sie auf einen Text aus Phantasiesilben, es klang wie schmöö-dem-schmöö. Unvermittelt konnte sie in einer Gesprächspause den Mund öffnen, die Lippen vorstülpen und eine kurze Melodie aufsingen, als wollte sie ihren Gesprächspartner an etwas erinnern, das immer auch noch berücksichtigt werden müsse. Oder an etwas, das schon jetzt, während es geschah, lange her war: Weißt du noch? Einmal saßen wir nachts von Freunden heimkehrend im Zug, wir hatten geschwiegen, waren müde, es war der heißeste Sommer aller Zeiten, da läßt E. den Kopf auf dem Sitzpolster zu mir herfallen, als wolle sie mich küssen, öffnet den Mund, wölbt die Lippen: schmöö-dem-schmööö. So ist das nämlich. Denk dran!
Satie klingt seither immer so, als wolle er mir immer wieder etwas ins Gedächtnis holen, das ich sonst wohl schon lange vergessen hätte.

Frühprotokoll

Die Sonne im Fenster. Festverschweißtes Licht, Fingerabdrücke, Brandzeichen. Traumverluste, ungeküßte Frau, die Verheißung von Nähe. Man müßte nur nachgeben, nachgeben, zulassen. Müdigkeit, als wäre die Haut gestern zum Trocknen aufgehängt worden. Steif und fleischlos ermatten die Finger am Wasserkessel.

Ein Auto parkt gegenüber dem offenen Fenster. Der Lärm eine lästige Fußnote, durchbricht den fortlaufenden, den mühsam in Gang gekommenen Text des Morgens. Vogelschall singt zu einem andern, einem weit entfernten Publikum am falschen Ende von Straßen.

Blank und schön der Edelstahl der Spüle. Ich tue alles so, wie es getan werden muß. Nicht mehr, nicht weniger. Der Atem findet sich, die Augen kommen mit ihren Blicken in Takt. Korrekt die Spinnweben. Selbst im Staub ist Sorgfalt. Das Wasser kocht, wie es soll. Im dampfenden Strahl, im Auftreffen auf das Kaffeepulver, im Aufwallen des Schaums, im Duft: zeigt sich plötzlich eine bislang unbekannte Seite der Zuversicht.

Frühprotokoll: Laufen

Fast wäre ich mitten hineingelaufen, so unerwartet tummeln sie sich auf dem Waldweg, fünf, sechs, vielleicht noch mehr Tiere, miteinander vertieft in unaussprechliche Wildschweinemsigkeiten, eine Versammlung, ein geheimer Rat, ein Familientreffen, so unbekümmert bei sich selbst, daß sie mich noch später bemerken als ich sie. Eben bin ich schon zwei großen Schweinen begegnet, die in größerer Entfernung den Weg kreuzten, eine Spur strengen Geruchs dalassend. Hier ist es eine ganze Rotte. Jetzt lieber mal langsam machen. Ich falle in Schritt. Ein bißchen absurd ist das schon, soll ich mich räuspern, in die Hände klatschen? Ich will sie keinesfalls überraschen, erschreckte Wildschweine können gefährlich werden. Aber da erklingt plötzlich ein zweimaliges Bellen, wuff, wuff, und Bewegung kommt in die Gruppe, erst zögernd, dann entschieden, dann panisch. Noch ein Bellen, dann hat es auch der Nachzügler, der eben hinterm Gebüsch sichtbar wird, begriffen und setzt eilends den andern, die schon im nahen Unterholz verschwunden sind, nach. Innerhalb von zwei, drei Sekunden ist der Spuk vorbei, es herrscht Totenstille.

Letzten Winter habe ich zehn Meter von dieser Stelle entfernt eine Nacht verbracht. Nach den letzten vereinzelten, müde von der nächsten Siedlung herüberklingenden Feuerwerkskörpern hatte eine ebensolche tiefe Stille im Wald geherrscht. Irgendwo mußten natürlich Tiere sein, aber nach der Knallerei gaben sie keinen Mucks von sich. Gegen fünf Uhr früh durch den pechschwarzen Wald nach Hause marschiert, unterm Eskort von Waldtauben, die alle zwanzig Schritte unter wildem Flügelgeklatsche aus den Zweigen brachen. Später Nieselregen, noch später ein Mond, in dessen gelbem Schein ich einen Doppelschatten warf, als folgte mir ein dämonischer Zwilling. –
Kurz nach der Stelle spähen, nach dem Flecken, wo ich in der einbrechenden Dämmerung morsches Birkenholz weggeräumt hatte, um Platz für die Matte zu schaffen. Damals hatte ich es eilig, einen Schlafplatz zu finden. Heute ist es ein Unort, eine Stelle, die sich sofort ins Vergessen drängt.

An der Wegbiegung, wo jemand eine Reihe von Nußbäumchen gepflanzte hat, bleibe ich stehen, um Wasser zu lassen. Sofort setzen sich mir vier fünf Stechmücken auf die bloßen Waden. In Tümpeln nahebei schwebt Pollen über gespiegeltem Himmel, schillern lohfarbene Schlieren, hocken Bläschen in Trauben, wie Spucke am Mundwinkel eines Kindes. Zu meinen Füßen leuchtet der gemusterte Leib einer Hornisse, die einen nässenden Fleck auf der Wurzel einer Fichte abnagt, still, getunkt in sich selbst, wie der letzte Säufer in einer verlassenen Bar.

Frühprotokoll

Im Radio läuft ein kleines Stückchen für Klavier. Die Töne scheinen unsicher, zögern, es ist ein bißchen so, als suche das Instrument nach dem richtigen Ton, nach dem richtigen Einfall, oder als versuchte es sich nur zu erinnern, was es mal irgendwo gehört hat. Und zugleich versucht der Hörer herauszufinden, woran ihn dieser Erinnerungsversuch seinerseits erinnert. Falsch klingt es nicht, eher … gedankenverloren, könnte man sagen, wie etwas, das sich selbst überraschen muß, dem Gekritzel nicht unähnlich, das manche Menschen beim Telephonieren auf dem Notizblock niederlegen, wobei sie völlig unbewußt mitunter verblüffend schöne Ornamente zurücklassen.
Und so, wie man später auf dem Notizblock jene seltsame, rätselhaft schöne Zeichnung aus eigener Hand findet, die von einem Fremden angefertigt scheint, so entdeckt sich diese Musik plötzlich selbst. Der richtige Gedanke ist zum Greifen nah, liegt den Akkorden, die sich anschicken, in die Dominante zu wechseln, schon auf der Zunge, noch ein Umherschieben, ein Atemholen, ein Innehalten auf dem Leitton nach E-Dur, und da, da ist es. Eine zwei- oder viertaktige Phrase, die man sofort wiedererkennt, obwohl man sie noch nie gehört hat; es ist wie die verblüffende Lösung auf ein vertracktes Rätsel, und spätestens jetzt weiß man, das muß Scarlatti sein.

Mit Scarlatti hat sich mir eine harmlos-unangenehme Begegnung unauflöslich verknüpft. Eine Dozentin an dem Institut, wo ich studierte und als Hilfkraft tätig war, nahm ihren Abschied aus dem Dienst und hatte alle Institutsangehörigen zu einer Feier eingeladen, die im Hauptgebäude der Universität stattfinden sollte. Ich war ein paar Minuten zu früh dran, und da ich noch etwas zu erledigen hatte, beschloß ich, noch kurz in meinem Istitut vorbeizugehen. Und da kamen sie mir auch schon alle entgegen, ihrerseits in umgekehrter Richtung vom Institut auf dem Weg ins Hauptgebäude, in dem Augenblick, wo ich gerade vom Ort der Feierlichkeit wegstrebte. Professoren, Dozenten, Lehrbeauftragte, Sekretärinnen und das ganze Gefolge der Hilfskräfte. Erst nur ein, dann zwei bekannte Gesichter, bis der Blick vom Einzelnen ins Gesamte springt und man sich einer Menge gegenüber sieht, in deren Augen wiederum das, was man gerade tut, bizarr erscheinen muß, so daß man, den Blickwinkel der andern, der Menge, einnehmend, mit der eigenen Erscheinung wie mit einer lächerlichen Clownsgestalt konfrontiert wird. Jetzt nur rasch irgendeine lässige Erklärung, etwas, das dir die Souveränität wieder zurückgibt, den Anschein wenigstens solcher Souveränität den andern gegenüber vertritt. Was natürlich nicht gelingen kann, wenn man diesen Punkt der Selbstwahrnehmung einmal erreicht hat.
Das alles hat mit Scarlatti nicht das geringste zu tun; es besteht nur eine dieser seltsamen Verknüpfungen, deren einziger Zusammenhang darin liegt, daß sie zwischen zwei zeitgleichen Ereignissen bestehen, wo eins auf das andere abzufärben, sagen wir: gelernt hat. Oder eins das andere zu usurpieren erfolgreich war: Während ich vom Hauptgebäude zum Institut ging, muß ich jedenfalls diese petite phrase der Sonate K 322 im Ohr gehabt haben.

Eine zweite zeitliche Verknüpfung zu dem Scarlattistück ist die, daß ich in einem Wohngebiet mit Mietshäusern umherfahre und wahllos kleine Wohnungsgesuche auf Zetteln in Briefkästen verteile. Wenn nicht derselbe Tag wie der der Verabschiedungsfeier, so doch in unmittelbarer Nähe, mindestens dieselbe Woche. Seit jenen Tagen höre ich, kenne ich, Scaralatti, weiß ihn einzuordnen. Der Wahlspanier war eine Entdeckung jenes Frühsommers, aber wie und woher? Ich weiß es nicht mehr, ich wünschte, ich hätte Buch darüber geführt. Wahrscheinlich ist, daß ich eine Scarlattisonate im Radio hörte, irgendeine, nicht die fragliche, und daß, immer hungrig nach frischer Musik wie ich war, mich darüber der Komponist zu interessieren begann. Ich weiß sogar noch, wo ich die CD dann kaufte, und je länger ich schreibend darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, es war doch eine bestimmte Sonate, die ich haben wollte, die dann aber in der angeschafften Sammlung doch nicht vorkam. Aber welche Sonate war das? Und habe ich sie später doch noch gefunden?

Es muß der zweite Sommer nach meiner Rückkehr aus der Stadt am Ende des Jahrtausends gewesen sein, und alles legte mir Anfänge nahe. Die Musik, die Jahreszeit, die Liebe, die Bücher, die Wege durch den von ungewohnter Seite her betretenen Wald: Anfänge, die nicht mehr ganz frisch schienen, denen eine Müdigkeit anzumerken war, etwas von Vergeblichkeit, von Wiederholung. Um die Ecke meiner damaligen Wohnung gab es ein kleines Freibad, ich ging jeden Morgen schwimmen. Ich las in der neuen Sprache, ich belegte Vorlesungen und Seminare, ich lernte viel, ich kam nicht weiter, ich machte Pläne, die einander in ihrer Kühnheit zu übertreffen suchten. Rückkehr aus dem Licht, dem Staub, dem Lärm, aber auch der kompromißlosen Schönheit und Häßlichkeit der Stadt am Ende des Jahrtausends. Ich war immer noch geblendet, noch im hellsten Sommer. Ich schenkte einer hübschen Hilfskraft im lateinischen Seminar eine Packung Kekse als Dank für eine freundliche Hilfestellung, hoffte auf noch mehr Freundlichkeit, wurde enttäuscht.

Ich fand eine neue Wohnung. Ich fand ein neues altes Schwimmbad. Je mehr ich lernte, desto ferner schien der Abschluß. Und irgendwie war da immer diese Sonate von Scarlatti.

Das Cembalo stöbert in Akkorden wie in einem vertaubten Archiv, bis plötzlich Licht auf ein altes Photoalbum fällt, und da ist sie wieder, die zwei- oder viertaktige kleine Phrase, warm und bei sich zu Hause, ein Atemzug der Gewißheit in einer See aus Ungewissem, wie die plötzlich scharfrandige Erinnerung an einen fernen, schwebenden Sommertag.

Frühprotokoll

Unaufhaltsam zerlegen die Weiden die Garagenmauer, unter der scheinbar heilen Fläche des Putzes bohren sich die Wurzeln, stelle ich mir vor, zwischen die Lücken, Spalten, winzigen Hohlräume im Mauerwerk. Unaufhaltsam, hartnäckig, ohne Stolz, voller Absichten, ich stelle mir vor, wie sie bereits die ganze äußerlich heile Mauer durchdrungen haben, wie die Wand vielleicht nur noch von der Pflanze und ihrem heimlichen Gewebe gehalten wird. Schlüge man das Bäumchen ab, fiele in kurzem die Wand, unterhöhlt und bröselig, in sich zusammen.

Ein trüber Morgen fügt sich an den nächsten. Der Regen ist immer noch der von gestern.

Eine Corelli-Sonate im Radio. Wie ahnungslos ich noch war, als ich sie einst selbst gespielt habe.

Nachts, erinnere ich mich beim Kaffeemachen, von einer Bewegung erwacht. Etwas hatte sich geregt im halbhellen Zimmer. Es hatte geknackt oder kurz geraschelt. Und dann war es wie ein Schatten, der über die geschlossenen Augen fällt, ein Dunkel, das sich übers Dunkel schiebt. Ich habe die Augen auf-, den Kopf in die Höhe gerissen. Das Zimmer war ganz still. Vollgestopft mit lautlosen Dingen. Behielt den Laut für sich. Aus dem Klo kommend, streift mich ein Spinnfaden.

Die Wälder dürfen heute alleine spielen.

Warum ich Begegnungen mit Fremden anstrengend finde

Später am Tag, als wir im Gespräch auf etwas zurückkommen, das unser selbsternannter Fremdenführer uns mittags erzählt hat, sagt meine Begleiterin lachend, du hast da gar nicht richtig zugehört, nicht?
Das stimmt, ich habe nicht richtig zugehört, ich war mit etwas anderem beschäftigt. Damit hängt auch zusammen, warum ich so schwer mit Leuten ins Gespräch komme. Schon die schiere Präsenz eines Fremden, noch dazu eines, der sich uns förmlich aufgedrängt hat, muß ich erstmal in Ruhe verdauen, ehe ich das, was mir diese schier übermächtige Gegenwart sagt, erfassen kann. Ich kann vorerst nicht mehr, als diesen alten Mann mustern, der uns, wie wir unentschlossen auf dem Marktplatz standen, mit einem zugerufenen Entschuldigen Sie bitte! angesprochen hat, um uns unaufgefordert den Weg zur Touristeninformation zu erklären: Einen Kopf kleiner als ich, ist er mit einem dunkelblauen Anzug von feinem Stoff gekleidet, trägt Krawatte, keinen Hut, und, ein Stilbruch, über dem Jackett – es ist ein kühler Tag – eine Windjacke vom Grabbeltisch. Sein Blick ist klar, sein Gesichtsausdruck wach. Seine Sprache dialektal mit rollendem r, er artikuliert deutlich, spricht gepflegt und höflich. Sein Kopf ist voll von Fakten, und die Art, wie er diese Fakten erzählt (historische Begebenheiten, die mit dem Freiherrn vom Stein zu tun haben, ebenso wie jüngere örtliche Ereignisse, etwa die Schließung einer Realschule) die routinierte Leichtigkeit, mit der sie ihm einfallen, läßt darauf schließen, daß er sie nicht zum ersten Mal und wahrscheinlich oft wiedergibt. Sein Alter sicher jenseits der siebzig, aber wenn es ein Mensch ist, der viel an der frischen Luft war in seinem Leben, könnte er auch etwas jünger sein. Vom Kinn zum Hemdkragen zieht sich eine lockere Hautfalte, einer Stierwamme nicht unähnlich. Die Hände sind kräftig, kurze Finger, die leicht nach der Seite gekrümmt sind. (Später verrät er uns, daß er das achte Jahrzehnt schon überschritten hat.) Es ist ein schönes, ja, ein prachtvolles Greisenantlitz, und um diesem Menschen zuhören zu können, müßte ich ihn erstmal eine halbe Stunde ganz in Ruhe betrachten dürfen, einfach nur betrachten. Erst dann wäre ich so weit, zur nächsten Information überzugehen. So aber strömt alles auf einmal auf mich ein, und noch dazu völlig unerwartet. Dazu kommt noch, daß mich mehr die Situation der Begegnung selbst fordert, so daß ich mir Fragen stelle wie diese: Was will dieser Mensch? Sucht er jemanden zum Reden? Ist er einsam oder einfach nur ein geselliger Typ? Sind wir seine heutigen Opfer? Was sieht er in uns? Welchen Verlauf wird dieses Gespräch nehmen? Wie läßt es sich schonend wieder beenden? Was soll ich antworten, wenn überhaupt? Soll ich Interesse zeigen oder wenigestens welches heucheln? Müßte ich mich nicht interessieren, nur damit ich später darüber schreiben kann? Soll ich allem einfach zustimmen, falls der Mann beginnt, Unsinn zu erzählen, oder lieber hübsch akademisch widersprechen? Was würde Bill Bryson tun? Undsoweiter. Dies alles natürlich nicht wohlgeordnet, sondern in einem einzigen Strom verworrener, eher dem Unangenehmen zuneigender Empfindungen, was mich sofort nervös und verschlossen macht.
Ist es da ein Wunder, wenn ich so gut wie nichts von dem habe aufnehmen können, was uns der Greis erzählt hat? Und so ist es meistens.
Daher kommt es, daß ich, obwohl ich immer gerne von Begegnungen lese, die andere beim Wandern oder Reisen machen, sie doch recht ungern selbst erlebe. Dabei träume ich davon, interessante Menschen zu treffen. Ich male mir tiefe Gespräche, verblüffende Einsichten, überraschende Philosophien, kuriose Lokalhistörchen aus. Ich stelle mir vor, wie der Wanderer und der Einheimische einander mit Erfahrungen bereichern. Ich schwärme von einem Schatz an Geschichten, den ich von der Reise mit nach Hause bringe. Aber wie soll das passieren, wenn man die Begegnung nicht nur nicht sucht, sondern sogar scheut? So nehme ich mir vor, Begegnungen, wo sie passieren, wenigstens geschehen zu lassen, ja, sie zu ertragen; mache es mir zur Pflicht, auszuharren, nicht zu urteilen, mir Zeit zu nehmen. Überlege mir Fragen, die man stellen könnte. Denke an Bill Bryson.
Aber sobald ein Mensch aus Fleisch und Blut vor mir steht, will ich nur noch eins: weg.
Diesmal ist es meine Begleiterin, die uns loseist, indem sie geschickt nach einer Empfehlung für ein Café fragt. Wir lassen den schönen Greis stehen, und ich atme enttäuscht auf.

Schloß B.

Vor einem halben Jahr hat man hier gesessen, nach zwei Wegstunden schon durchgeweicht, weitere acht Wegstunden bei nicht nachlassendem Niederschlag noch vor einem, und diese zehn Wegstunden nur der Auftakt zu einer ganzen Woche Gehens. Ist es da ein Wunder, daß wir grimmig in den Tassen rührten, die Zähne gierig ins Rührei schlugen, immer wieder Blicke auf die Karte warfen, Generälen nicht unähnlich, die den wagemutigen Ausfall planen? Draußen pladderte der Regen, tanzte in den Pfützen, lief über die Straße in den angeschwollenen Bach. Selbst die Statue des Kiepenkerls, dessen Pfeife längst erloschen sein mußte, blickte drein, als wolle sie die Kiepe abwerfen und sich schleunigst irgendwo unterstellen. Vor dem Waldrand hingen die Schlieren so dicht, daß die Umrisse der Bäume sich auflösten. Neben uns auf der Heizung tropften die nassen Regenumhänge, während sich die Schuhe unterm Tisch schon klamm anfühlten. Der Kaffee dampfte, der Regen fiel, die Bäume lösten sich auf, und wir waren entschlossen; und wie es manchmal so geht, wenn man sosieso keine Wahl hat: war unsere Laune ausgezeichnet.
Heute ist dieser Tag lange her, er ist in eine sagenumwobene Region schlechten Wetters gerückt, in eine Zeit, damals, du weißt schon, als der Regen fiel und die Wälder umdurchdringlich waren. Hier und heute scheint die Sonne, Mauersegler kratzen am Himmel herum, die Motorräder dröhnen an der Baustellenampel. Man denkt ans Ende des damaligen Tages, als man verschlammt, durchnäßt, fußmüde aus dem Waldrand in die erleuchtete Ordnung der Siedlung und ihrer Hauptverkehrsstraße taumelte. Jedesmal, wenn wir hier Kaffee trinken, erinnern wir uns daran, was damals vor uns lag, und sind glücklich.
September, überlegen wir jetzt, eine Woche, mehr Urlaub gibt’s sowieso nicht, reicht aber für die 150 Kilometer nach der Stadt im Südosten. Zwei Etappen kennen wir schon, zwei Gasthäuser, und was die da für Frühstück machen. Frühstück ist sehr wichtig; man fängt an, auf Wanderschaft, die Unterkünfte nach der Menge und Qualität des Frühstücks zu beurteilen. Das Frühstück in den ersten beiden Gasthäusern wäre in Ordnung, finden wir.
Von der Terrasse sieht man den Passanten zu, die, gekleidet in allerlei aufsehenerregendes Plastik und mit Stöcken und Minipacks bewaffnet, den Bach queren und, was sie da tun, für Wandern halten. Wir hätten sie und ihre Wolke aus Weichspüler und Sonnenmilch einszweidrei überholt, das Geschnatter und Gegacker nach ein paar strammen Schritten hinter uns gelassen. Wir grinsen. Irgendwo weiter oben liegt die Talsperre, und es verlockt, dem Weg abermals zu folgen, einen Zipfel des Waldsaums anzuheben, um zu sehen, wie blau jenseits der Himmel ist. Ein andermal. Für jetzt kühlt man die Blicke im Eschbach, man macht Pläne, man ist faul und kühn und zufrieden und läßt dem Samstag die Zügel schießen.

Scholae, non vitae

Einmal quer über den Campus, und schon völlig fertig. Autos, Straßenbahnen, flitzende Fahrradfahrer, rechts das mehrspurige Brausen der Universitätsstraße, und, im Gegenlicht, flackernde Schemen, in Trauben und Scharen sich vorwärtsschiebend, im Entgegenkommen ausweichend, an Bushaltestellen sich sammelnd, vor allem aber: Hastend, eilend, drückend.
Wo wollen die nur alle hin?
War das vor zwanzig Jahren auch so? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Ich kann mich auch nicht an vollgestopfte Züge erinnern. Erst recht nicht an Horden von Studenten, die zwischen den Straßenbahnhaltestellen und den Hörsaalgebäuden in langen Reihen unterwegs sind. Und wenn das zu meiner eigenen Studienzeit nicht so war: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Und wie mag es wohl im Innern der Hörsäle aussehen, in die all diese Horden hineindrängen?
Die Schlange vor dem Bäckerkiosk macht mir endlich klar, warum ich mich so unbehaglich fühle, ja, warum ich Ärger verspüre angesichts dieses Massenandrangs: Ich empfinde diese Hochschule immer noch, nach all den Jahren, als meine.
Und diese Horden, die da über sie hereinbrechen, sie erobern diesen meinen persönlichen Besitz, schlimmer noch, sie eignen sich ihn an, schlimmer noch, sie mißbrauchen ihn wie Barbaren, die die Paläste Roms mit Büchern beheizen.
Was wissen die denn schon, was das Studieren einmal war?

De Senectute (1)

Noch einmal laufen. Noch einmal. Und schon seit Jahren manchmal der Gedanke: Irgendeine Runde wird deine letzte sein. Das wirst du nur dann nicht wissen, während du sie läufst. Sie wird sich erst im Nachhinein als diese letzte Runde zu erkennen geben. So ist es ja immer. Das letzte Gespräch mit A. Der letzte Besuch bei K. Der letzte Kuß mit C., an den ich mich schon gar nicht mehr erinnere. Wir tun, solange wir jung sind, so, als sei alles unendlich, als sei für alles auch später noch Zeit.

Letztes Jahr bin ich meine Bestzeit gelaufen; es ist unwahrscheinlich, daß ich das noch einmal unterbieten kann. So werden dann also die 3:41 meine Lebensbestzeit auf der Marathonstrecke sein. Besser wird es nicht geworden sein, mehr werde ich dann nicht geschafft haben. Aber ganz gleich, wie man es dreht und wendet, ganz gleich, ob es dabei bleibt oder ich doch noch einmal zwei Minuten schneller bin: Irgendein Erfolg, irgendein Triumph wird der größte sein, definitiv und für immer. Das Leben ist nicht unendlich steigerbar. Nein, auch später nicht.

Damals auf der Lesung mit der bereits über achtzigjährigen Astrid Lindgren in der Stadtbibliothek Heidelberg, die Frage eines Kindes, Werden Sie noch ein Buch schreiben? (Ich weiß nicht mehr, was sie geantwortet hat; aber wir wissen heute: Nein. Ronja Räubertochter war ihr letztes Buch.)

Warum ist uns Wachstum so wichtig? Weil es uns über die Endlichkeit hinwegtäuscht. Wenn wir uns mit weniger zufriedengeben, ist der Gipfel erreicht. Danach geht es nur noch abwärts. Wir wissen, wie furchtbar es für Thomas Mann war, daß er im Alter nichts mehr schrieb. Und man täusche sich hier nicht: Jeder Trost, der einem hier einfallen mag, basiert doch wieder auf einer neuen Art Wachstum, auf einer Verlagerung des Wachstumsgedankens auf einen anderen, noch nicht von Verfall angefressenen Bereich: Innere Größe. Erfahrung. Spiritualität, künstlerischer Ausdruck, man nehme, was man will. Allem liegt der gleiche Gedanke zu Grunde, das Gute des Wachsens. Gewachsen muß werden. Wer nicht wächst, schrumpft. Wer schrumpft, stirbt.

«Michael kann sich die Schuhe selbst binden!» Derselbe Satz, nicht über den dreijährigen Michael, sondern über den dreiundneunzigjährigen Michael geäußert, löst kein Gefühl des Stolzes, sondern des Mitleids aus. Warum? Weil das Schuhebinden beim Dreijährigen der Anfang in einer langen Reihe weiterer Bemeisterungen ist. Der nächste Erfolg wird eine noch größere Bemeisterung sein. Im stolzen Lob, das man dem Dreijährigen zollt, liegt die Aussicht auf Größeres. Bald wird er schreiben und lesen können, bald das kleine Einmaleins beherrschen, undsoweiter. Beim Greis dagegen ist das Schuhebinden eine Station in einer Entwicklung des Schwindens. Etwas noch zu können ist kein Grund zur Freude, wenn der Verlust dieser Fähigkeit unausweichlich ist. Da kommt nichts mehr, da wird nichts mehr draus: Insofern ist jede Bescheinigung einer Fähigkeit für den Greis bitter. Für die Tatsache, daß da nichts mehr kommt, ist es egal, ob es sich ums Schuhebinden, ums Stuhlverhalten oder um den Marathonlauf handelt.
Das schlimme ist: Es ist nicht nur für den Greis bitter. Denn der Verlust von Fähigkeiten, der Verlust aller Fähigkeiten, bis hinunter zu Nierenfunktion und Herztätigkeit am Ende, ist unausweichlich. Auch schon für den Dreijährigen. Wir täuschen uns da nur, solange Fähigkeiten noch erworben und nicht verloren werden.

Und es gehört eben auch zu den Bitterkeiten des Alters, daß man Mißerfolge nicht mehr unter Verweis auf eine nebulöse Zukunft, in der letztlich alle Rückschläge einmal überwindbar sind und, wenn man es nur richtig will, auch überwunden werden, beiseite schieben kann. Zum einen als der Mißerfolg selbst, zum andern als Makel, den man nicht mehr tilgen kann, beginnt ab einem gewissen Alter jeder Mißerfolg doppelt zu wiegen.
Aber auch jeder Erfolg: Denn jeder eben errungene könnte ja bereits der größte gewesen sein. Und das wird immer wahrscheinlicher, je älter man wird. Furchtbar aber ist nicht der Gedanke ans Ende, sondern die langsam einsickernde Erkenntnis, daß das eigene Wachsen eine Grenze hat. Das man nicht alles, was man nur will, wird erreichen können. Wird erreicht haben.

Noch einmal laufen. Und noch einmal. Nicht im freudigen Bewußtsein, was man schon alles kann. Sondern mit dem bitteren Gedanken daran, was man noch alles kann. Und daß man sich dafür schon jetzt loben lassen muß.

(Nachtrag: Da hat doch tatsächlich einer auf „Gefällt mir“ geklickt!)

Heimweh

Für den einen ist es das Wohnzimmer. Für den anderen das Bett. Für den dritten der Bastelkeller. Oder die Bibliothek. Der Platz unterm Kippfenster auf dem Speicher. Anderen genügt eine Kuscheldecke.
Für mich ist es die Küche.
Viel Platz brauche ich nicht. Auf vieles könnte und kann ich verzichten. Auf einen Balkon, auf einen Garten, auf separate Wohn- und Schlafzimmer, schön, wenn man eine Badewanne hat, aber es geht auch ohne, ja, selbst eine Dusche erscheint mir entbehrlich.
Erst, wenn die Küche fehlt, wird’s eng. Wenn ich keinen Raum habe, eine anständige Mahlzeit zuzubereiten, keinen Ofen, um einen Kuchen zu backen, keinen Herd für eine ordentliche Suppe, keinen Tisch, um daran zu essen, werde ich verstimmt: eine festliche Mahlzeit am Tag muß ich haben.
Es gibt viele Arten, sich fremd zu fühlen. Man kann sich fremd unter unbekannten Menschen fühlen; fremd in einer ungewohnten Umgebung; fremd in einem Text, zu dem man keinen Zugang findet; entfremdet einem Menschen, den man zu lieben glaubte.
Man kann sich fremd fühlen, wenn ein Ritual nicht gelingt.
Einmal habe ich großes Heimweh empfunden. Das war während eines Studienaufenthalts in einem kleinen Mittelmeeranrainerstaat, und es war nicht einmal ganz am Anfang, sondern zu einem Zeitpunkt, wo ich mich eigentlich schon eingelebt hatte. Von früheren Reisen kannte ich bereits Menschen in diesem Land, hatte sie mehrmals besucht, und nun war es an der Zeit, sie auch einmal zu mir einzuladen, zum Abendessen. Ich hatte eingekauft, teils schon in der Landessprache, die ich erst noch lernen mußte; ich hatte preiswert eine Pfanne, einen Topf, Tassen und Teller gekauft, mich über die billigen Märkte gefreut und sogar an Zutaten alles bekommen, was ich geplant hatte. Der Fisch auf dem Markt war erstaunlich günstig und frisch gewesen, und ich hatte gelernt, daß es zwar ein einheimisches Wort für Ingwer gab, daß aber ein Fremdwort englischer Herkunft gebräuchlicher war. Man kann sagen, daß ich in diesem Land schon angekommen war: Nicht mehr nur Tourist, schon kein Reisender mehr, und mehr als nur ein Gast. Nie hatte ich in den vergangenen Wochen, seit ich eine Wohnung gefunden hatte, das Gefühl gehabt, ich wäre lieber woanders.
Als ich aber in dem winzigen Räumchen, das mir als Küche dienen sollte, mich anschickte, das Abendessen zuzubereiten, sank mir schon beim Auspacken der Einkäufe der Mut, und in jedem Augenblick verschlechterte sich meine Laune. Die Arbeitsfläche war zu klein; es gab keine Ablage für Schnittgut; ich stieß ständig mit dem Kopf gegen den Hängeschrank; eine einzelne Kochplatte reichte natürlich auch nicht aus. Natürlich hätte ich etwas Einfacheres kochen können, aber da stand ich nun, mit Makrelen, Lauch, Ingwer und wußte nicht wo ich was wie verarbeiten sollte, bis ich mir völlig hilflos vorkam und in einer heftigen Gefühlsaufwallung zwischen Zorn und Frustration entnervt alles hinwarf.
Fremd in der eigenen Küche.
Und dieser Moment war der einzige in meinem Auslandsjahr, wo ich Heimweh hatte. Heimweh ist der Schmerz, den man darüber empfindet, von einem geliebten Ort getrennt zu sein. In meinem Fall war das die Küche der von mir aufgegebenen Wohnung in Deutschland. Ich stand inmitten eines Chaos aus Schüsseln und Tellern und dachte an die kleine Küche, in der ich mich wohlgefühlt und der ich manches Essen, für mich, für Gäste, für meinen Mitbewohner gekocht hatte: Da gab es einen Herd mit Ofen, geräumige Schränke, eine kleine Arbeitsfläche, einen kleinen Tisch unter einer Schirmlampe, an dem zwei Personen Platz nehmen, essen und plaudern konnten. Die Wohnung war im fünften Stock, und durch Küchenfenster sah man geradewegs in die Wipfel alter Platanen. Kein anderes Zimmer dieser Wohnung habe ich in meinem Auslandsjahr vermißt, nur die Küche. Und als ich jetzt geradezu gedemütigt von den unzureichenden Verhältnissen in dieser anderen Küche stand, während sich das ohnedies trübe Herbstlicht aus dem schachtartigen Hinterhof, nach welchem meine Erdgeschoßwohnung lag, zurückzog, erschien mir meine alte, eigentlich eher häßliche, plumpe Küche wie der Inbegriff häuslicher Behaglichkeit.
Mir war schon klar: Irgendwie würde ich etwas Genießbares auf den Tisch bekommen; zwar war ich müde und hungrig, die Durchführung meines Plans schwieriger als erwartet – aber nichts, was sich nicht mit Geduld hinkriegen ließe. Es war nicht dieses Essen, das mich traurig machte (schließlich kämen später nette Gäste, wohlwollende Menschen), es waren nicht die Schwierigkeiten, die mich frustrierten, nicht die Enge, die mich mutlos machte. Sondern es war die Zeit.
Der Abend würde vorbeigehen, das Essen würde gelungen sein. Aber dies war ja nur der Anfang. Es war einer von vielen, vielen Abenden, in denen ich in dieser Küche stehen würde, nicht für Gäste, sondern für mich selbst, und nicht mit der besonderen Aufgabe der Bewirtung beschäftigt, sondern mit der ganz normalen, tagtäglichen Arbeit des Kochens. Hier gab es nichts zu überwinden; hier gab es nicht einmal etwas zu überstehen. Dies war das Umfeld, dies die Verhältnisse, nicht, durch die ich durch mußte, sondern in denen ich jetzt leben würde. Tag für Tag, Monat für Monat. Bis zum Ende des Jahres, und das lag in weiter Ferne. Ich sah mich selbst Abend für Abend in dieser Unküche stehen, eine Kochplatte, kein Ofen, kein Tisch, das Essen mußte ich ins Wohnschlafzimmer mitnehmen. Es hatte in seiner Unentrinnbarkeit, in seiner Anmutung von Endlosigkeit und Wiederholung etwas Vernichtendes.
Was ist der schwierigste Moment einer Flucht? Ich glaube nicht, der Aufbruch. Ich glaube, es ist das Ankommen. Es ist der Moment, da den Geflohenen die Erkenntnis trifft, daß die Flucht vorbei und er selbst bereits angekommen ist, und daß der Ort, an dem er sich befindet, schon alles ist, was ist.
Denn solange man sich noch in Bewegung befindet, herrscht Gleichgewicht; wird das Gewicht der Fremde von der Bewegung durch die Fremde genau abgefangen; solange man sich bewegt, die Flucht noch anhält, hat das Befremden, die Heimatlosigkeit einen stets neu zu überwindenden und auch überwindbaren Grund; der fremde Ort wird ebenso schnell wieder verlassen, wie er aufgesucht wurde, zu schnell, als daß seine Fremdheit wirken könnte, indem sie zur Fremdheit eines Ortes wird, den man nicht gleich wieder verläßt. Die Fremdheit eines Durchgangsortes ist eine ganz banale Fremdheit. Indem man weiterzieht, bleibt sie hinter einem zurück. Aber ein Bleibeort bleibt fremd, wartet mit Fremdem, umgibt einen mit Fremdheit, der man nicht mehr entflieht. Und heimischwerden, das ist viel schwieriger als aufzubrechen und wegzugehen.
Und da stand ich nun, angekommen, im Abend meiner Ankunft, am Beginn meines Bleibens. Denn wo hätte ich denn hin sollen an diesem Abend in der unhandlich-fremden Küche? Keine Flucht war mehr möglich.
Nicht einmal nach vorn. Denn vorne, ganz vorne, da war ich schon. Irgendwann würde ich aber von hinten auf diese Szene blicken, diesen ersten Abend, von einem viel späteren, letzten. Die Küche würde sich, allein dadurch, daß ich in ihr arbeitete, zu einem Stück von mir verwandeln. Ich würde sie ausgebeult haben wie einen Schuh, der erst nach Meilen wirklich sitzt. Ich würde sie ebenso kennenlernen, wie der Raum mich kennenlernen würde. Dies war die Küche, die ich gemietet hatte. Jetzt würde sie meine Küche werden,
Und als ich das gedacht hatte, stellte ich den Topf aufs Feuer und fing an zu kochen.

(Dieser Text wurde im Rahmen der Blogparade „Ich war fremd“ veröffentlicht.)

Goethes Palmyra

In der Italienischen Reise gelesen, zweiter Romaufenthalt. Darin die Erwähnung einer Zeichnung, auf der die Ruinen der Stadt Palmyra abgebildet sind. Merkwürdiges Gefühl, sich zu vergegenwärtigen, daß diese Ruinen im September des Jahres 1787 noch existierten, so daß Goethe vom Gegenstand der Zeichnung im Präsens sprechen konnte; daß sie aus dem Blickwinkel von 1787 schon uralt waren, zwei Jahrtausende auf ihrem Platz; und daß sie, immer vom Standpunkt 1787 aus, noch 228 Jahre stehen würden; und daß Goethe diese Zahl, 228, nicht bekannt war; aus seiner Sicht gab es jedenfalls keinen Grund, warum zwei Jahrhunderte nach seiner Begutachtung jener Zeichnung die Ruinen nicht mehr existieren sollten. Als Goethe davon schrieb, sollten sie noch sehr lange bestehen. Aber nicht ewig lange. Inzwischen sind sie Geschichte, und damit auch Goethes Text. Damit ist Posthum die Erwähnung des Dichters obsolet geworden. Traurig.
Die Welt ist nicht nur durch den Verlust dieser Tempelruinen ärmer geworden; man hat auch für immer das Gemeinsame mit allen Generationen vor uns verloren, für die das Bauwerk noch existierte; wir werden ihnen an dieser Stelle ab jetzt für immer etwas voraushaben, das sie nicht mehr einholen können.

Keine Begegnung

Auf einer Wanderung haben die Gefährtin und ich einmal am Wegesrand ein Wildschwein gefunden, einen Frischling, kaum größer als ein Dackel. Er lag in der Böschung, so grau und tot, daß man ihn zuerst für ein Büschel graues Heu hätte halten können, wenn nicht die kleinen Hauer gewesen wären, hell wie Kiesel, und die schmalen Hufe, so sehr am Rand des Bezirks aus zerfallendem Fell, als wären sie noch einen Schritt gegangen, ehe auch sie ereilte, was den Rest niederstreckte im Graben. Die Augenhöhlen, ausgefressen und so leer, daß sie voller Außen waren, sahen wir erst einen Moment später, und mit ihrer Wahrnehmung kam das Erkennen, was da vor unseren Füßen lag. Ein totes Tier. Mehr tot als Tier. Selbst das Fell war gestorben, sah stumpf aus, die Borsten wie eingetrocknet, brüchig, als genüge ein Windhauch, sie zu Staub zu zerblasen. Hinter den Hauern leuchteten Mahlzähne, winzig, kaum mehr als ein Streif Sand. Die Umrisse des Leibes hatten sich ins Gras verbreitet, waren unförmig geworden wie zerlaufene Knetmasse. Und wie auf einem Gemälde von Bosch oder Breughel war die Bauchhöhle offen, konnte man das Innere sehen, ein Nichts, um das sich die Haut so eben noch spannte. Der Körper war leer, war hohl, man konnte mit einem Stock darin tasten, man konnte sich die Haut ansehen, die Hülle, von innen; und sah doch nur wieder eine Front. Dieser Leichnam bestand nur noch aus Vorderseiten, es gab keine Rück- keine andere Seite, auf der der Tod vielleicht doch noch wäre zu finden gewesen.

(Beitrag zum Projekt *.txt, „Fassade“)