Hello Wihn

In der Folge eines Eintrags bei Schreibman habe ich mich gefragt, ob es wohl auch irgendwo einen Aufkleber für halloweenfreie Zonen gibt. Ich finde, der Zirkus hat beängstigende Ausmaße angenommen. Habe neulich einem Schulkind eine Geschichte vorgelesen, in der Halloween in der Schule für eine Themenwoche taugte. Das ganze war so dargestellt, als wär’s von je ein deutsches Volksfest und müßte nicht erst erklärt werden, was es damit eigentlich auf sich hat.
Für die Kleinen bedeutet das ja, daß es nie anders war. Erschreckend. Kurz fragte mich, ob sie nicht wenigstens die Schreibung seltsam finden. Dann fiel mir ein, daß heute Englisch ja schon in der Grundschule unterrichtet wird (nichts gegen frühes Fremdsprachenlernen; aber man könnte auch gut Französisch oder Polnisch nehmen, schließlich sind das unsere Nachbarn, oder Türkisch, das wäre pragmatisch sinnvoller), und daß da ein weiteres merkwürdig geschriebenes Wort nicht weiter auffällt. Was aber denken sich Autoren, Lektoren und Verlage dabei, wenn sie so einen Mist schreiben? Womöglich, könnte man denken, soll hier der künftige Bürger schon einmal auf die kulturelle Hegemonie der USA eingestimmt werden. Wenn Kindern Halloween schon als völlig normal dargestellt und nicht im mindesten hinterfragt wird, glauben die noch tatsächlich, daß das hier schon immer so üblich war, sich das Gesicht anzuschwärzen und mit allerlei Pseudogrusel angetan um Süßigkeiten (oder, schlimmer, gleich um Geld) zu betteln.
Am Ende feiern wir alle noch Thanksgiving. Oder warum begehen wir nicht gleich den Unabhängigkeitstag? Ist doch egal, wer da von wem unabhängig wurde, Hauptsache, es gibt was zum saufen.
Bei uns gibt es das Märtensingen und die Sternsinger, und die gehören in Kindergeschichten, nicht irgendeine importierte, absurde Möchtegernfolklore.

10. An O.

Liebe Freundin,

Da ich mich bekanntlich für das Maß aller Dinge halte, sind Schokolade und Mozart (bzw. seine Musik) nur deswegen gut, weil ich selbst sie für gut halte. Umgekehrt ist es nicht wichtig, dabeizusein, weil ich es nicht für wichtig halte. So einfach ist das. Daß andere nicht mich sondern sich selbst für das Maß aller Dinge halten, ist nicht mein Problem.
Zum Maß aller Dinge: Ich schrieb doch, wenn die anderen nicht mich sondern sich selbst für das Maß aller Dinge halten, dann ist das nicht mein Problem. Will heißen, es interessiert mich einen Scheiß, ob anderen ihr Automobil oder ihr Tote-Hosen-Konzert oder ihr Mobiltelephon am Herz liegt, und werde immer so handeln (und entsprechend verständnislos reagieren), als könne ihnen das Automobil oder das Tote-Hosen-Konzert oder das Mobiltelephon gar nicht am Herzen liegen. Und ich muß sagen, ich kenne wenige Menschen, die die Toleranz aufbringen, den Wichtigkeiten anderer nachfühlend zu begegnen, wenn es nicht ihre eigenen Wichtigkeiten (sondern sogar ihre Widrigkeiten) sind.
Übrigens war ich nicht dabei. Weder beim Fall der Mauer, noch bei jenem vielbeschworenen Anschlag. Manchmal ist man auch froh drum, nicht so sehr, weil man mit heiler Haut davongekommen ist, sondern weil einem schon nach allerkürzester Zeit die Bedeutungszumessungen, die von allen ausnahmslos an ein Ereignis herangetragen werden, auf den Nerv gehen. Ich kann so etwas schon nach wenigen Tagen nicht mehr hören. Und im Falle der USA ärgert mich schon jede noch so kleine Zurkenntnisnahme, die man jenen Verrückten zukommen läßt. Die Bedeutung eines Kolosses wie es die USA geworden sind liegt meines Erachtens immer noch darin, daß die übrige Welt an diese Bedeutung glaubt.

Mißgestimmt,

Dein T. Th.