Schon alleine zu bemerken, daß man vermißt wird, tut gut … wenn aber zwei sich über mich und mein Wohlergehen austauschen, dann bin ich gewissermaßen sprachlos gerührt.
Claudia
Ich bin traurig und du fehlst mir; dein Fehlen ist ein lautes Klagerufen und hängt, schwarzes Flattern von Gebetstüchern, in allen Bäumen. Ich möchte nur, daß du da bist und ich dich anschauen kann, schweigend. Und ich fluche auf die Welt, daß selbst dieser kleine Wunsch zu groß ist für sie.
Gestern dachte ich schon, daß es vorbei sei: ich hatte mich müdegefühlt, dachte ich. Du entglittest mir. Ich dachte: es geht auch ohne dich.
Heute ist alles wieder schön und zum Weinen. Ich denke daran, daß uns ein ganzes Leben trennt, unüberbrückbar viele Jahre. Abschiedslärm und schwarzstrickende Auswegslosgedanken sind laut in mir, um mich, fesselnd meine Hände und Füße, meine Schultern verkrümmend, ein Gewebe, so dunkel, daß ich kaum darunter atme.
Einmal kommt ja der Tag, wo alles zerbricht. Ob ich mich entschieden haben muß oder etwas für mich entscheidet, eines wird der Fall sein. Ich wünsche mir, daß es so ausgeht, daß dieser Sommer in meiner Erinnerung schön bleiben wird und ein helles Licht über deinem wiedergerufenen Antlitz liegt.
Zitat, vor Jahren gefunden
Wem nie durch Liebe Leid geschah,
dem geschah auch Lieb durch Liebe nie.
Tage, nachher (20.8.2004)
Da ist der Ort, umspannt von jungem Ahorn, so früh noch sonnenlos, noch kühl. Radspuren liegen um ihn herum, die sich mit Regenwasser gefüllt haben. Plastiktüten, Flaschen, Zeitungsreste, die von lachenden Stimmen und ruhenden oder feiernden Menschen erzählen, quellen aus dem Mülleimer; Spuren von gestern, Menschen waren hier, haben gelacht und getrunken und gesungen, und wußten nicht, an was für einem hohen Ort sie leichtfertig saßen. Meine Schritte sind noch ganz allein auf der Welt, als ich mich nähere. Leer sind die Wege, die Schatten still, die Morgensonne ungestört. Hier müßte ich jetzt nach links. Ich werde langsamer, drehe den Kopf nach dem Ort hin und meine Füße folgen der Wendung. Vor der Bank bleibe ich stehen. Ich starre das verquollene Holz an, als vermöchten meine Blicke dich jetzt dorthin zu zaubern. Dort saßest du, wirklich und wahrhaftig. Der Ort ist einsam, nicht, weil keine Menschenseele zu sehen ist; nicht weil du hier jetzt nicht bist, sondern weil du hier einmal warst. Ich beuge mich vor und lege die Finger auf das Holz, dort, wo deine Wärme es berührt hat. Es muß doch noch etwas da sein von dir. Es erscheint mir unfaßbar, daß sich das Holz nicht mit Wonne an dich erinnert und etwas von dir aufgehoben hat, um es mir jetzt zu schenken. Damit ich mich daran wärme, bis wir uns wiedersehen. So wie mich der Klang deiner Hand auf meiner Brust, auf meinem Arm, auf meinem Finger tröstet und nachts wachhält. Aber entweder ist der Ort grausam und will nicht, oder er konnte es nicht. Oder der Regen spülte deine Wärme fort von hier, der Wind trug die Erinnerung an dein Lachen davon, die Dunkelheit stahl, was vom Licht deiner Blicke hier vielleicht liegengeblieben war. Meine Finger berühren feuchtkaltes Holz. Ein Zeitungsfetzen raschelt. Über mir rühren sich die Zweige.
Morgen gehe ich einen anderen Weg, nehme ich mir vor, und weiß doch ganz genau, daß ich morgen wieder hier vorbeigehen, wieder die Hand auf das Holz legen, wieder dich oder den Nachhall von dir suchen werde.
Am Morgen nach der Begegnung, 18. August
Messe Wasser mit der Kaffeekanne ab, stelle die mit Wasser gefüllte Kanne auf die Heizplatte der Kaffemaschine, gehe in mein Zimmer und warte gedankenverloren. Nach zwei Stunden Grübelns erinnere ich mich an den Kaffee und ziehe eine Kanne heißen Wassers aus der Maschine. Irgendwas stimmt nicht. Ach so. Ich zähle Kaffeelöffel in den Filter, eins, zwei, drei … als der Filter voll ist, bin ich bei 28. Na gut, ich wollte schon immer mal wissen, wieviele Kaffeelöffel in so einen Filter passen. Das wäre dann also experimentell bestimmt. Dann 20 Löffel wieder herausgeschabt und das Wasser in die Maschine gegossen, das sich, explosionsartig erwärmt, mit Geräuschen, die an den Zahnarzt erinnern, durch die Schläuche preßt. Bleibe diesmal vor der Maschine stehen, bis das von Geräuschdesignern entklungene Gegurgel mir anzeigt, daß alles durchgelaufen ist. Schalte die Maschine aus. Hole mir eine Tasse aus dem Schrank. Entnehme den Kaffeepott der Maschine, zögere. Was wollte ich noch gleich? Ach ja, Kaffee machen! Öffne die Klappe der Wasserzufuhr und gieße den Kaffee in die Maschine. Beklommenes Starren in das ölige Dunkel des Wasserbehälters. Der Meßschwimmer steht in der schwarzen Flüssigkeit auf „3“. Ich löse den Blick und beäuge argwöhnisch die immer noch leere Tasse. Irgendetwas stimmt hier doch nicht. Aber was?
Man sollte Liebenden nicht die Handhabung komplexer Maschinen überlassen. Zumindest nicht unbeaufsichtigt.
Zwei Stunden später: Habe mir in einem Aquariumsgeschäft einen Gummischlauch besorgt. Tauche den Schlauch in die Maschine und den Kaffee, sauge an, gehe mit dem Schlauch an den Lippen und der Zunge in der Schlauchöffnung in die Hocke, wechsle Zunge mit Daumen und tauche dann rasch das Schlauchende in die auf dem Boden stehende Tasse, so daß die Erdanziehung die Flüssigkeit auf dieser Seite des Schlauchbogens nach unten aus dem Schlauch heraus und infolge des bekanntlich in der Natur herrschenden Horror Vacui auf der anderen Seite scheinbar im Widerspruch zu aller Erfahrung durch den Schlauch nach oben und so aus der Maschine durch den gebogenen Schlauch in die auf niedrigerem Energieniveau ruhende Tasse strömen läßt. Zufrieden, in meinem angeknacksten Zustand die Naturgesetze so trickreich zu meinem Vorteil genutzt zu haben, schlürfe ich den mit einem nur ganz leichten Plastikaroma verfeinerten Kaffe.
In meiner derzeitigen Gefühlsverfassung ist ein Teebeutel vielleicht die bessere Wahl.
Ach, Claudia, was machst du nur mit mir?
Sonett an Chronos
Verklungner Orgelton noch wächst im Hellsein,
in das er fiel. Im Schweigen werden reif
die Worte schönen Lieds. Ein Lippenstreif
will lang auf unsrer Haut noch grell sein.
Nach unsrem raschen Abschied mag das Schnellsein
des Händedrucks uns lange noch verwirrn.
Das Lächeln brennt noch hinter unsrer Stirn,
und könnte unsrer neuen Liebe Quell sein.
Was nicht ist, will uns oft noch größer werden.
Was stumm ward, klingt uns lauter in den Ohren.
Und Fehlen kann sich heftiger gebärden,
als frisches Dasein. Und dies ist das schlimme,
daß wir das fehlend Mächtige verloren,
wenn schales Dasein schließlich hebt die Stimme.
An Claudia. Sonntagnachmittag
Ich setzte mich in den Park zwischen die Wege, auf denen Du ein paar Tage vorher gegangen warst, und suchte das Licht nach Deinen Spuren ab, das Gras, ob es sich nicht an Deine Füße, die Mehlbeeren und Birken, ob sie sich nicht erinnerten, daß ihr Schatten an jenem Sommermorgen Deine Schultern, Dein Haar gestreift hatten. An jenem Tag, da Du auch nach mir Ausschau hieltest, wie ich jetzt Deiner vergangenen Anwesenheit, Deinem Hauch nachlauschte. Ein Kieselstein war fortgerollt, ich sah es genau; hatte Dein Fuß ihn berührt? Irgendetwas mußte doch noch da sein von Dir, ein kaum zu erahnender Widerstand gegen das Licht, eine Einkerbung und Spur in den Sonnenstrahlen, die Dein Körper oder Dein Gedanke in den Raum gefurcht hatte. Oder vielleicht ein Duft von Dir, schwebend über dem Staub und schwer zu zerwehen.
Ach, könnte ich selbst eine Spur für Dich hinterlassen und in diesen lichstimmenvollen Sonntagmittag legen. Daß Du mich merktest, wenn Du das nächste Mal in den Park kämest: Einen Schweißhauch, ein Atemgeräusch, ein Augenzwinkern, gespiegelt in einer Pfütze; oder daß meine Gestalt sich der Luft aufpräge und Du mich streifen würdest und fühlen, wie Du durch die allerleiseste Verwirbelung gleitest. Und daß Du etwas dagebliebene Sehnsucht aus meinen suchenden Augen auffingest.
Oder aber in einen Baum wollte ich mich verwandeln, in den Gliedern keine andere Sorge als um Wasser und Sonne, und manchmal die Wonne des leichten Erderzitterns, wenn Du unter meinen Zweigen vorbeikämst. Was für ein Baum würde ich? Ein Ahorn mit seinem frühen Blühn und den gelben Dolden, von den Amselherolden angekündigt? Eine milde Birke, schlank, schön und die Helle zwischen ihren Blättern hin und her werfend? Oder aber eine dunkle Eibe, die der, die in ihrem Schatten schläft, Träume aufgibt und Rätsel.
An Claudia
Ich fühle mich durch Deine Worte emporgehoben und verzaubert. Und bin Dir mit einemmal ganz nahe. Ich fühle plötzlich Deine Hand auf meiner Stirn, und mein Herz wird ruhig. So ruhig es eben geht.
Schwabbeln
Weils mich schon lange beschäftigt, und mal gesagt werden muß: Es ist schon erstaunlich, daß ausgerechnet diejenige Hälfte der Menschheit (zumindest dort, wo die Menschen genug zu essen haben) sich Sorgen um den eigenen Leibesumfang macht, die sich am wenigsten sorgen müßte – denn weibliche Attraktivität wird von einem bißchen Fleisch mehr auf den Knochen nur unterstrichen, ja, gesteigert, während dies für Männer kaum gelten dürfte. Bei Frauen ist das allseits gefürchtete zuviel eigentlich ein genau richtig. Quellen soll es und schwellen, und schwabbeln und wackeln, so ist es schön. Wem gefällt denn ein Bündel hautumspannter Knochen, jetzt mal ehrlich, wem gefällt das? Und wer hat sich ausgedacht, daß Hungerdürre schön sein muß? Ich verstehe diese hysterische Anbetung der Magerkeit nicht, die derzeit, und nicht erst jetzt, allerorten zelebriert wird. Hat das nicht etwas hochgradig Ungesundes? Ja, ist es nicht gar ein Ablehnen dessen, was Weiblichkeit gerade ausmacht, nämlich, nicht zerkantet und sehnig, sondern rund und voll zu sein? Pulchra enim sunt ubera quae paululum supereminent et tument modice … Abgesehen davon, daß es offener Zynismus ist, die Folgen des Vorzugs zu bejammern, daß man sich täglich mehr als sattessen kann, während auf der anderen Seite des Globus Mangelernährung und Hungertod an der Tagesordnung sind: abgesehen davon also mögen Menschen wie Frau Schiffer in einem abstrakten Sinn „schön“ sein – doch in ihrer Klapprigkeit zum Gähnen unattraktiv.
An Claudia
Du bist fort, und es ist etwas von diesem Sommer abgezogen, was ihn so viele Wochen lang herrlich machte. Leer ist nun das Getöse des Winds in den Pappeln, leer die Geschäftigkeit der Menschen, leer und ohne Hoffnung das Gehen, das Stehenbleiben, das Denken, das Betrachten. Die Luft selbst ist ohne Widerstand, das Licht wird von ihr nicht getragen, es gleitet kalt durch das Blattwerk, glitzert auf den Gewitterpfützen, ist schon verloren, lange, bevor es Abend wird. Ach, Claudia, wie kann es sein, daß du alles in deinen Händen hieltst? Daß aus deinem Wirken und bloßen Dasein ein ganzer Sommer enstand und wuchs und leben durfte? Ohne dich bleibt nur eine Hülle aus Sonnenschein, eine abgestreifte Haut Wind, eine Maske Blütenduft. Es ist August, aber dieser Monat ist nur noch Rest. Vor dem Herbst und dem Dunkel, das ohne dich und das Hell deiner Augen und die Stütze deines Scheitels zermalmend schwer sein muß, vor diesem Dunkel graut mir. Ach, Liebste …
im Radio
Ein Zen-Schüler fragte einmal einen Meister, ob ein Hund Buddha-Natur habe.
Der Meister verneinte.
„Hast du Buddha-Natur?“ fragte der Schüler weiter.
„Nein“, antwortete der Meister.
„Aber jeder Mensch hat doch Buddha-Natur“, rief der Schüler verwirrt.
„Das ist richtig“, entgegnete der Meister. „Aber ich bin nicht jeder Mensch.“
25. Post scripta. Frühjahr 1999
Manche Orte haben ihre eigene Zeit. Manche Orte altern nach ihren eigenen Gesetzen. Manche Städte gehen dahin, unmerklich und jahrhundertelang, gemäß dem Zeitschlag ihres Herzens, manche Plätze, von Menschen wimmelnd und ungeachtet der vielen Füße, die über sie schlurfen und trampeln und schreiten und trippeln: ihr Antlitz wandelt sich, unwahrnehmbar, mit dem Schlagen ihrer innewohnenden Uhr. Und es gibt Orte, die sich nicht wandeln. Sooft du wiederkommst, es erwartet dich immer derselbe Ort; dieselbe Katze hockt auf der Fensterbank und sieht deinen Schritten mißtrauisch entgegen. In der Dämmerung schimpfen die Amseln in sich verdunkelnden Büschen. Ein Laden klappert, ein Hund bellt, die Glocken läuten, und plötzlich wird dir klar, daß Abend geworden ist, und es ist, als habest du dein Leben schon hinter dir. Der Ort, an den du zurückkehrst, starrt dich, alterslos, an, und die dich doch erwarten wollten, am Herd mit der Schürze die Mutter, und du siehst sie schon von der Straße, ein fleißiger Schatten im dampfhellen Fenster, der Vater, groß und ruhig wie die schützende Welt, als seist du wieder ein Kind, die, die dich erwarten sollten, sie sind lange tot. Und dennoch hallen deine Schritte in den Gassen wie jedesmal, der Flieder und der Liguster duften in den Vorgärten, überm goldüberstreiften Grün siehst du die Mücken tanzen. Die Häuserflure stehen hell, irgendwo qualmt Kartoffelgeruch aus der Glut, von ferne trägt der Wind das Tuckern der Kanalschiffe heran, und vielleicht erwarten dich wirklich die Mutter und der Vater, und du setzt dich mit ihnen in den Kreis der Lampe. Aber wo du warst damals und welche Wege du gegangen bist, das ist fort, das holst du nicht mehr ein; du folgst den Schatten der Jahre und dem Kind, das du warst. Aber der Ort, mag er so langsam altern, daß er dich weit überlebt, gibt dir nichts wieder, und einmal kehrst du zum letzten Mal vergebens zurück, und dann weißt du plötzlich, daß die Straßen dunkel sind, die Sonne lange untergegangen und Nacht ist.
Dann stehst du am Morgen an der Bushaltestelle, und während du noch nicht weißt, wohin du gehst, bist du schon eingestiegen, und über dein Gesicht am Fenster schiebt sich das Spiegelbild der Häuserzeilen, die du für immer verläßt. Die Sonne blitzt auf dem Glas, wenn der Bus eine Wendung macht; dann ist er fort, über die Brücke und um die nächste Kurve, und es ist, als hallten die Straßen noch nach von seinem Lärm.
24. An Claudia
Wieder festlicher Sommermorgen, mit verspieltem Laub, trockenem Staub auch überall, trotzdem frischklare Luft. Ich öffne die Jalousien im Büro, und der Tag drückt sich in all seiner Größe und Helle herein. Ich will mich freuen. Mein Herz setzt an, zu jubeln. Aber es stimmt nicht, und das Blausein da draußen, die schlummernde Wärme, die Kühle am Fuß der Bäume, es lähmt mich das alles. Es lähmt mich das viele viele Licht. Dieser Sommer ist so spät, daß er mir fremd und verwirrend in den Händen liegt. So seltsam, daß er wie sein eigener Nachhall ist.
Heute. Heute noch einmal, Claudia. Dann kommt das Schweigen. Und vielleicht auch das Vergessen. Ein Sommer weniger. Wieder einer vorbei.
23. Nüchterner Sommer-Haiku
Wieder ist Sommer
dampfend im Gras Hundekot
Riechst du die Sonne
22. An Claudia
Heute Morgen Nebel und dieser feine, würzige, manchmal ins Modrige umschlagende Geruch in der Luft – Brand, Feuchtigkeit, Laub, Straßennässe, Erde –, der schon den Herbst ankündigen will. Es riecht nach Fülle und Frucht und nach Verschwendung. Doch in der Fülle liegt schon der Verfall eingekapselt, und das feingestreute, weiche Licht, keine Sonne, klingt schon nach Abschiednehmen, nach Erinnern, nach Schweigen, das noch zittert von eben verklungenem Lärm. Rabenschreie von unsichtbaren Körpern in den Bäumen erzählen von Dingen, die unwiederbringlich vorbei sind. Es sind keine Geschichten; es sind viel mehr reine Augenblicke des unbewußten Glücks, und daß sie eben vorbei sind, so oder so, das ist das traurige. Was immer auch folgen wird, Jubel oder Schmerz: das, was einen Sommer lang leben hieß, das ist schon nurmehr Erinnerung und Gewesenes. Einen Augenblick tue ich noch so, als sei ich noch mittendrin. Aber ich weiß doch schon, daß ichs nicht mehr einholen kann, und auch nicht verhalten, verzögern, verlängern. Wie auch immer diese Geschichte weitergehen wird, und welche Rolle du, Claudia, darin spielen wirst: unsere Sommergeschichte, wenn man es so nennen kann, ist zu Ende. Ehe du noch weißt, daß es für mich eine Geschichte war.
21. An Claudia
Und noch ein Tag Sommer: Riesige Menschenschatten wandeln über die Plätze, das Laub der Bäume ist still, die Flächen des Betons strecken sich. Die Scheiben des Uni-Centers blinzeln in die Sonne. Irgendwo ist noch eine Pfütze vom letzten, schon vergessenen Regenguß liegengeblieben und spiegelt einen Himmel voll Laub wider. Der eigene Schatten fällt überlang aus dem Schatten des Ahorns. Die Insekten sind träge von der Nachtkühle. Mit ihren krummen Bahnen spannen sie Räume unters Gezweig. Es ist überall Licht, teils versteckt, teils offen leuchtend, teils gerade, teils verwinkelt, hier in Stücken und Flecken, dort herrlich über eine Straße hingegossen, Licht, das sich die Schatten zurückerobert, und so eines, das wir gestern abend noch für unmöglich erklärt hätten.
Gestern sind wir hier noch gegangen, Liebe, ja, gestern wars. Wir sprachen. Wir lachten. Du berührtest mich am Arm. Wir gingen. Wir blieben stehen. Du so entspannt und ganz du und voller ausgelassener Gelassenheit und Freude an allem. Ich ganz Aufschub, Hinhalt, Verzögern. Dich noch länger, noch eine weitere Minute, sehen und beimirhaben. Nur noch eine Minute, ehe du dich, schon weiter, schon abgewendet, verabschiedest, schon verabschiedet hast von mir und dich aus mir löst und fort bist für ichweißnichtwielang. Nur noch diesen Augenblick. Und dann noch einen und noch einen.
20. Mondträume
Etwas fehlte in ihr, ein Mangel bewegte sie, ein Nichts. Sie irrte durchs Zimmer, vom Fenster zur Tür – sollte sie noch einmal hinaus? – von dort zum Krug mit Wasser, das keine Linderung, wieder zum Fenster, das keine Kühlung brachte. Sie hob das Gefäß an den Mund, ließ das Wasser auf die Lippen treten, Überdruß überkam sie, sie stellte den Krug wieder hin. Blieb einen Augenblick reglos, warf sich endlich aufs Bett, von Zerren und Reißen erfüllt.
Da aber wuchsen ihre Füße und wurden riesengroß, und Wurzeln sprangen aus ihnen hervor und gruben sich in Erde und Stein der Welt. Zu einer großen Schale weitete sich ihre Mitte, wurde ein See, ein Becken, ein Teich, den Erlen beschatteten. Mondlicht lag still auf ihrer Brust, ihr Atem wurde eins mit dem Heben und Senken des Baches, dem Schwellen und Niedersinken des Blättergewirbels; und da waren ihre Hände plötzlich schwer und reich und voller Früchte, und ein tauchte sie in eine Zwie-Welt, darin Stimmen flüsterten unter schwankendem Mond, und ein Wind sich erhob wie aus Pfotentritten, und ein Sturm warmer, schnaufender Leiber nahte, die dichtgedrängt sich aneinander rieben, daß Funken knisternd zwischen ihnen hervorsprangen und ins Dunkel, ins dichte, umher drückende Dunkel zerstoben. Seltsame Bilder brachten sie hervor, Bilder die Solveigh unheimlich und süß zugleich waren, Münder und Augen, die aus Handflächen und Fußsohlen hervorsahen, Köpfe, die lichtübergossen in die Ferne schauten, Schultern, die schweißglänzend verwirrende Arbeit verrichteten, oder sie sah einen See, der im Mondlicht glänzte wie ein Mund, ein Strom von Wasser, das aus einem felsigen Grund hervorbrach, das Glitzern auf dem Fell eines Luchses. Sein Auge, dessen Blick in sie drang wie Feuer. Und ein Regen und Sehnen kam in ihre Brust, wie sies noch nie gefühlt hatte. Duft trat in ihre Nase, ein scharfer Odem, der von dem Leibersturm ausging, sie aber bald erfaßt hatte, ihr unter die Haut gedrungen war, in ihrem Blut pochte, bis sie ihn selbst ausdünstete, und die Räume hinter dem Dunkel anfüllte. Und jenes Dunkel, aus dem der Leibersturm herangeeilt und wohinein die Flut, begleitet von wildem, dunklem Schnaufen wieder davoneilte, jenes Dunkel barg Höhlen und mächtige Räume, weite Hallen und unsichbare Gänge, in denen sich Solveighs Wachsein verlor und mannigfach teilte. Vielleicht war es der Grund eines Sees, vielleicht eine Höhle unterm Gebirg, vielleicht ein Wald uralter Bäume, so dicht, daß die Sonne niemals den Grund berührte und die Stämme wie Säulen das Blätterdach trugen, weit, weit oben, wo das Licht manchmal dämmrig zu erahnen war, wenn ein Wind das Laub wie eine Meeresfläche wogen ließ. Neue Bilder kamen, und sie sah einen glänzend schwarzen Raben von einem Baume auffliegen, sah Flammen in einer Feuerstelle steigen und wieder zusammensinken, sah dann voller Schrecken Temes’ Fohlen in einer Blutgischt aus dem Schoß der Stute herausstürzen, und plötzlich war es ihr eigener blutiger Schoß, der das Fohlen von sich gab. Voller Entsetzen wollte sie an sich herabsehen, doch da waren die Bilder fort, und es wurde dunkel.
Endlich verlor sich auch das Getrappel und Geschnauf in den Fernen, und ihr Wachsein kehrte zurück aus dem Irrgarten, und der Mond schien nicht mehr ins Fenster. Das Bett lag im Dunkel des Zimmers. Zum Fenster wallte Kühle herein. Matt schwebte noch der Tiergeruch über den Laken. Alles war still, nur ein langsames, tiefes Atmen blieb und füllte den Raum.
19. An Esther
Gerade dann, wenn man am meisten zu erzählen hat, ist ein Brief das letzte, wozu man sich sammeln möchte. Und will man dann einmal schreiben, hat man nichts mehr zu erzählen.
Viel eher greift man zum Telephonhörer oder schreibt eine elektronische Nachricht. Man will seine Sorgen schneller loswerden. Man ist ungeduldig und will sofort eine Antwort haben. Ein Brief dagegen braucht Zeit; er erfordert eine Sammlung, derer man ausgerechnet aus demselben Grunde entbehrt, aus dem man überhaupt zu schreiben erwogen hat.
Indem der Brief den Schreibenden dazu anhält, seinen Gedanken eine Ordnung zu geben, zwingt er ihn auch, Grund und Wirkung zu entfädeln, nach Hintergründen, Motivationen, und Ursachen zu suchen, sich selbst auf die Schliche zu kommen, und am Ende dieses Vorgangs versteht man sich selbst vielleicht besser. Der Brief ist wie ein Tagebuch, nur distanzierter, denn man muß sich immer fragen, wie die eigenen Worte auf den Empfänger wirken werden, was man sagen, was man verschweigen will. Auf diese Weise hilft das Briefschreiben dem Schreiber, sich auch darüber klarzuwerden, was er sich selbst eigentlich nicht eingesteht. Oder, anders herum, das Briefschreiben verhilft gerade dazu, sich selbst etwas einzugestehen, indem man es einem anderen mitteilt. Immer vorausgesetzt natürlich, man schickt den Brief auch ab.
Wann schreibt man heutzutage überhaupt einen (persönlichen) Brief? Unter wer schreibt? Freunde einander? Eltern und Kinder? Jüngere und Ältere, wenn letztere sich scheuen, es mit der elektronischen Post zu versuchen? Ich stelle fest, daß ich kaum noch Briefe schreibe, es sei denn, daß ein Briefwechsel schon besteht. Der Brief ist zu etwas Besonderem gewachsen, nicht nur, weil er seltener geworden, sondern weil er einem strenger ausgewählten Adressatenkreis vorbehalten ist.
Das war früher ganz anders. Ich erinnere mich, daß der Brief bis in die erste Hälfte der 90er Jahre ein völlig gewöhnlicher Mitteilungsweg war, wenn das Telephon einmal nicht in Frage kam. Vor kurzem fiel mir ein Brief in die Hände, den mir eine Bekannte aus der Universität geschickt hatte. Es war damals vorlesungsfreie Zeit, sie und ich hielten uns bei unseren Eltern auf, keiner hatte die Nummer des anderen. Ich war verblüfft. Und ich erinnerte mich: Natürlich hatten wir Briefe gewechselt, oder einander Postkarten geschrieben. Warum schien mir das plötzlich ungewöhnlich? Wir würden heute keinen Brief mehr schreiben, dachte ich. Warum? Nicht, weil es uns zu umständlich wäre. Nein, mein Erstaunen über diese einfache, in Vergessenheit geratene Tatsache hatte einen anderen Grund. Ich glaube, die schriftliche Mitteilung hat einen neuen Stellenwert erhalten. Ein Brief ist nicht einfach ein Ersatz fürs Telephon, wie früher: Diese Stelle nimmt heute die E-Mail ein. Vielmehr ist der Brief etwas Besonderes, weil er eine gewisse Vertrautheit voraussetzt, ein inniges Verhältnis zwischen den Korrespondierenden, eine persönliche Nähe, die für die E-Mail nicht erforderlich ist und von ihr auch nicht impliziert wird. Schriebe ich heute einem Kommilitonen, den ich nur aus dem Hörsaal kenne, und den ich höchstens einmal am Telephon gesprochen habe, einen Brief, wäre das völlig ungewöhnlich, weil ich damit einen Grad der Nähe zu diesem Menschen behaupten würde, der in unserem Verhältnis noch gar nicht erreicht wäre. Der Brief tritt heute zwischen zwei Menschen erst viel später in Erscheinung. Der Brief bedeutet Freundschaft. Einen persönlichen Brief, ja nur eine Postkarte schreiben, ohne daß ein Verhältnis großer Nähe besteht, hieße, sich im Ton vergreifen. Es wäre, wenn nicht ein Akt des Sichaufdrängens, so doch etwas Voreiliges, und ist in jedem Fall ein Schritt, der vom anderen mit Vorsicht, ja sogar Mißtrauen beobachtet würde.
Cicero schrieb täglich mehrere Briefe. Seneca „unterhielt sich“ schriftlich mit seinem Schüler Lucilius; seine Briefe füllen zwei dicke Bücher. Zieht man in Betracht, daß der Mensch auch noch Dramen, philosophische Abhandlungen und anderes verfaßt hat, muß wohl davon ausgegangen werden, daß auch er täglich mehrere Briefe (nicht nur an Lucilius und nicht nur die, die ohnehin zur Veröffentlichung bestimmt waren) geschrieben haben muß. Heute dagegen zählen wir die Briefe nach Monaten. Aber ich wage zu behaupten, daß durch das Medium der elektronischen Post eine neue Schriftlichkeit zustande kommt und eine neue Kultur des Briefwechsels erwächst, die der alten, von Cicero und Seneca gepflegten vielleicht näher steht, als man vermuten würde. Ich schreibe täglich mindestens eine Nachricht mit mehr als 10 Zeilen Länge, an bestimmte Personen, mit denen mich genau diese Form des „Brief“wechsels verbindet, oft schon seit Jahren. Das sind Nachrichten, die immer über die bloße Information, über die Verabredung, Mitteilung, Vereinbarung hinausgehen, und in denen ein echtes Gespräch zustande kommt. In früheren Zeiten wären das alles „echte“ Briefe gewesen, hätte man sich die Mühe gemacht. Für Cicero und seine Zeitgenossen war es aber wohl selbstverständlich, sich diese Mühe zu machen. Vielleicht aber hatten sie es auch leichter. Ich frage mich schon seit längerem, ob wir heute nicht allzu oft abgelenkt sind durch eine Flut von Möglichkeiten der Zerstreuung, so daß wir Dinge aus den Augen verlieren, die, wenn wir uns daran machten, sie zu schaffen, vielleicht Bestand hätten. Oder uns selbst reifen lassen würden dadurch, daß wir Mühe aufwenden und uns im Wortsinne: widmen. Oder etwas der Welt hinzufügen würden, auf das wir stolz sein dürften. Wir schaffen so wenig Schönes, das wir der Welt entgegenstellen können. Wir sind abgelenkt und alles ist uns allzu schwer. Kaum bringen wir es noch zuwege, etwas mit der Hand zu schreiben. Aber das ist ein Gedanke, dem ich einen eigenen Brief widmen muß.
18. Sterne
Wenn die Nacht kommt
Und die Stimmen erwachen
Wenn die Finsternis naht
ungerufen wie meist
und die Zufluchten der Stille
abhanden kommen.
Wenn der Himmel sich abwendet:
An welche Sterne hängen wir dann
das Gewicht unserer Seele?
Musik von irgendwoher, Schönheit in
ihre Schranken verwiesen. Unmöglich,
irgendetwas, Seele, Tag, Nacht, Stern, Mond,
Lied, Meer, Land, Wüste, Wald,
auszuhalten, ließen wir ihr,
ließen wir der Schönheit die Zügel gehen.
Aber die Nacht kommt auch ungerufen, und
die Sterne, die Sterne: vergessene Speise der Engel,
verworfenes Mahl, abgelegtes Singen, nachlässig erübrigt, die
Sterne tragen die Last unseres Herzens nicht.
Sagtest du nicht: Halte mich fest, begrenze mich?
Aber du sollst Nacht werden
und Himmel.
Soviele Blicke an dich angehängt. Ziert dich nicht
die Liebesfeuchte sovieler Lider?
Aber falsch: unter deinen Füßen ruht die Straße. Es ist
nicht so, wie ich dachte, und deine Hände schütteln
Liebe von den Bäumen. Greif
in mein Herz, greif durch mich hindurch, nimm mit,
was du an Toden findest, such dir den schönen Schmuck aus und
Die schillernde Einsamkeit, den Vogel, die Spur
seines Fluges im Licht des Morgens
das Gesicht in der Fensterscheibe, das Eisige
des Fingers, der
deine Wange ungefragt berührt hat.
17. An Claudia (6.7.2004)
Heute morgen ist der Himmel ungewohnt tiefblau. Festliches Sonnenlicht hängt in den Bäumen. Schatten spreizen sich träge und schlaftrunken in Höfen und unter Hecken. Die Menschen scheinen langsamer zu gehen als sonst, als hätten sie mehr Zeit heute, und obwohl ihre Mienen mürrisch sind, können sie nicht verhindern, daß das aufgehende Licht in ihrem Auge blitzt. Als achteten auch Motoren und Getriebe das Fest dieses Morgens, sind die vielen Fahrzeuge leise und unauffällig. Der Kaffee duftet herrlich, die Arbeit ist sowieso erträglich. Daß ich dir schreiben darf, an einem Tag wie heute, ist etwas Wunderbares und Frisches, als hätte ich es eben erst entdeckt: Ebenso wie die Blätter der Bäume erst heute auf den Gedanken gekommen zu sein scheinen, das Sonnenlicht so herrlich zu spiegeln und so wunderbar und blitzblank zu glänzen, ja als sei die Sonne heute überhaupt zum erstenmal aufgegangen.
Wie mußt du an einem solchen Tag erstrahlen, frage ich mich, und muß dich sehen, sofort, dringlichst, unbedingt. Noch schöner muß dein Auge den weiten Morgenhimmel wiedergeben; noch duftender deine Haut schimmern im Frischlicht. Noch schöner deine Füße wandeln auf der sich wärmenden Erde.