22. An Claudia

Heute Morgen Nebel und dieser feine, würzige, manchmal ins Modrige umschlagende Geruch in der Luft – Brand, Feuchtigkeit, Laub, Straßennässe, Erde –, der schon den Herbst ankündigen will. Es riecht nach Fülle und Frucht und nach Verschwendung. Doch in der Fülle liegt schon der Verfall eingekapselt, und das feingestreute, weiche Licht, keine Sonne, klingt schon nach Abschiednehmen, nach Erinnern, nach Schweigen, das noch zittert von eben verklungenem Lärm. Rabenschreie von unsichtbaren Körpern in den Bäumen erzählen von Dingen, die unwiederbringlich vorbei sind. Es sind keine Geschichten; es sind viel mehr reine Augenblicke des unbewußten Glücks, und daß sie eben vorbei sind, so oder so, das ist das traurige. Was immer auch folgen wird, Jubel oder Schmerz: das, was einen Sommer lang leben hieß, das ist schon nurmehr Erinnerung und Gewesenes. Einen Augenblick tue ich noch so, als sei ich noch mittendrin. Aber ich weiß doch schon, daß ichs nicht mehr einholen kann, und auch nicht verhalten, verzögern, verlängern. Wie auch immer diese Geschichte weitergehen wird, und welche Rolle du, Claudia, darin spielen wirst: unsere Sommergeschichte, wenn man es so nennen kann, ist zu Ende. Ehe du noch weißt, daß es für mich eine Geschichte war.

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