Beim Laufen an manchen Samstagvormittagen, in der bewegten Stille des Lichts, im Wald: Ein solcher Geruch, es ist, als hätte es ihn seit fernsten Kindertagen nicht mehr gegeben. Eingekapselt in den Duft von Sonnenwärme in der Kiefernborke ist da plötzlich etwas wie Schwingende Drähte. Warmer Sandstein. Sonne wie Staub vor den Fichten wirbelnd. Trocken leuchtende Fäden der Spinnen. Die Luft, deren Kühle bis ins eigene Blut vordringt. Wassergurgeln in Gräben. Es ist ein Anhauch, der intensiv nach Wiedergefundenem riecht, und jenes seltsame Erschrecken auslöst, das jedem unerwarteten Wiedererkennen immer um einen Herzschlag voran geht. So nah ist plötzlich alles, so greifbar, so transparent alle Geheimnisse, keine zwei Gedanken mehr entfernt, daß man schon jubelt, jetzt nur aufpassen, jetzt nur nichts versäumen, hellwach jetzt! Man bräuchte nur die Hand ausstrecken. Nur noch einen Schritt tun, einmal Luft holen, den Gedanken zu Ende denken.
Doch dann, noch ehe man richtig mitbekommen hat, was geschieht, schreit ein Häher; das Laub knistert, die Wasserflächen ziehen sich kräuselnd zusammen, und schon haben sich alle Zeichen des inaussichtgestellten Glücks schon wieder aufgelöst und sind so unwiderruflich verschwunden, daß nicht einmal die Inaussichtstellung selbst, sondern nur das Gefühl eines nunmehr endgültigen Verlustes zurückbleibt.
bei uns in der straße ist gerade Martinsumzug.
das ist sehr schön anzusehen, und macht mir umso mehr freude, als es mein namenspatron ist, der da gefeiert wird — aber, so gerne ich die auf und ab wippenden lampione, laternen, lämpchen sehe, so sehr es mich auch freut, mit wieviel ernst die kleinen dabei sind, so sehr ich es mag, wie sie alle mit ihren lichtlein stolz vor sich in der hand dahertrippeln: lieber wärs mir, es würde auch am 11. stattfinden und nicht irgendwann ungefähr dann. ich meine, heiligabend ist auch am 24. und die fronleichnamsprozession ist an fronleichnam und nicht irgendwann um die drehe. ich weiß ja auch, daß man dem rheinländer am 11. november mit st. martin nicht kommen kann. nur finde ich, da stimmt der vorrang nicht.
aber nun gut. schön anzusehen war es. und gepfiffen und gepaukt und posaunt wurde auch schön laut und
schräg.
Als dürfte die Zeit nun endlich ausruhen, so still, selbst
die Blätter, sie fallen nicht mehr, sie schweben, wenn
eine frühe Sonne sie anstößt.
Mit den Adern ziehen sie den Glanz
aus der Luft, alles Luftige an ihr ziehen sie heraus, bis alles an Farbe verstummt und
an den Felsenfinsternissen zugrundegeht.
Meterhoch steht die Dunkelheit
zwischen Pfahl und Pfahl der Laternen, Mehlbeeren hängen in ihrem Flor aus Schatten, der Weg vom einen
zum anderen Ende der Hecke so lang wie
ein Nachmittag still wird, den die Glocken erfanden, jedes Geräusch brächte die Beeren
zum Platzen, das Gleichgewicht der Schwäne
zum Sturz. Sprühlicht, unter den Zweigen schwimmt schon der Himmel
davon, die Ferne schlägt an die Scheiben,
drüben, am Park atmen die Fenster ihr Innen aus.
Hörerbrief
Sehr geehrte Damen und Herren,
nein, ich will nicht in den (fraglos vielstimmigen) Chor derer einstimmen, die den Verlust einer so originellen, informativen, anregenden, labyrinthisch-verzweigten, herrlich langsamen Sendung wie „wdr3.pm“ es war, beklagen wollen. Schlimm genug, daß die Sendung gestrichen wurde; aber die Wege der Programmdirektion sind (zwar nicht wunderbar aber) rätselhaft, und ein Hörerkommentar wird daran nichts ändern, viele Hörerkommentare vermutlich auch nicht. Sei’s drum. Daß aber nun auch die Internet-Dokumentation dieser Sendung sang- und klanglos verschwunden ist, so daß man nicht nicht einmal mehr erinnern darf, oder, wichtiger, recherchieren kann, das ist nicht nur bedauerlich, sondern wirklich schlimm. An vieles erinnert man sich vielleicht dunkel, das man noch einmal aufspüren möchte, um es als Tonträger oder in gedruckter Form zu beschaffen, sei es ein Gedicht, einen Prosatext, einen Verweis auf Film, Bild oder Theater, der neugierig gemacht hat. Es wäre nun ein großer Verlust, dem nicht früher nachgegangen zu sein. Ich möchte Sie also bitten, die Ankündigungen und vor allem die Laufpläne der wdr3.pm-Sendungen wieder einzustellen. Sollte dies aus irgendwelchen (von mir ohnehin und schon a priori nicht einzusehenden) Gründen nicht möglich oder unerwünscht sein (als wollten Sie mit diesem alten Ballast nichts mehr zu tun haben, sich von dieser Ära ein für allemal lösen wie von einem Makel), bitte ich Sie um die Zusendung (als pdf-Datei) der Laufpläne dreier Ausstrahlungen, deren Titel oder Datum ich leider nicht mehr erinnerlich bin. Die erste Ausstrahlung handelte von Tieren; die zweite von Drogen (irgendetwas von „siebtem (oder achtem?) Sinn“ im Titel); die dritte von Wirklichkeit und Unwirklichkeit (Titel: „Nicht wirklich. …“). Soweit ich mich erinnere, stammten alle drei Produktionen aus der Feder des wunderbaren Mario Angelo, dem Sie gerne meine bewundernden Glückwünsche ausrichten dürfen.
Hochachtungsvoll,
T. Th.
…
Manches hat sich seit der Antike nicht verändert.
„Alii summum decus in carruchis solito altioribus et ambitioso vestium cultu ponentes sudant sub ponderibus lacernarum, quas in collis insertas cingulis ipsis adnectunt nimia subtegminum tenuitate perflabiles, expandentes eas crebris agitationibus maximeque sinistra, ut longiores fimbriae tunicaeque perspicue luceant varietate liciorum effigiatae in species animalium multiformes.“
Ammianus Marcellinus. XIV.6
Andere erblicken die größte Zierde in einem vierrädrigen Wagen, der höher ist als das gewöhnliche Maß, oder verwenden viel Ehrgeiz auf ihre Kleidung und schwitzen förmlich unter dem Gewicht des Obergewands, das sie in den Kragen einstecken und am Gürtel festmachen. Gewänder, die aufgrund der allzugroßen Feinheit der Kettfäden zum Bauschen neigen: Sie lassen sie denn auch mit häufigem Schütteln auffächern, besonders auf der linken Seite, damit die ziemlich langen Fransen nur ja deutlich sichtbar sind und die Tuniken darunter hervorleuchten, die vermittels verschiedenfarbiger Schußfäden mit den Abbildern vielgestaltiger Tiere versehen sind.
…
Die Studenten von heute — So jung war ich nicht einmal, als ich in dem Alter war.
alles richtig
Wenn es möglich ist, daß jemand alles richtig macht, und trotzdem ein miserables Buch schreibt, dann besteht doch die Hoffnung, daß vielleicht auch die Umkehrung stimmt, und man ruhig den einen oder anderen Fehler machen und dennoch ein wundervolles Buch dabei schreiben kann?
unausgeschlafen
Auch so ein Ärger: All die Zeitgenossen, die morgens um sechs ihre Freude darüber, daß endlich wieder ein Arbeitstag begonnen hat, nicht für sich behalten können.
Endlich!
„Πιστή στον επταετή κύκλο της, η Ζυράννα Ζατέλη έχει σχεδόν έτοιμο (640 από τις 680 συνολικά σελίδες) το νέο της μυθιστόρημα Το πάθος χιλιάδες φορές που αποτελεί τον δεύτερο τόμο της τριλογίας Με το παράξενο όνομα Ραμάνθις Ερέβους. Ο πρώτος τόμος, με τίτλο Ο θάνατος ήρθε τελευταίος, είχε κυκλοφορήσει τα Χριστούγεννα του 2001. Δουλεύοντας αυτόν τον καιρό σκληρά, στις διορθώσεις και στα δοκίμια του καινούργιου μυθιστορήματός της, η Ζυράννα («la Zyranna nationale», όπως την είχε αποκαλέσει η εφημερίδα Le Monde) δεν διστάζει να δηλώσει ότι αυτό το βιβλίο «είναι το πιο ζόρικο και το πιο απολαυστικό παιδί» της. Εχοντας δει μερικές σελίδες, νομίζω ότι είναι το πιο γερό βιβλίο της. Ξαναβρίσκουμε εδώ, με ανυπομονησία μετά την αναμονή των επτά χρόνων, τον κόσμο της Ζυράννας Ζατέλη, ένα μοναδικό σύμπαν που το στοιχειοθετούν αλλόκοτες ιστορίες και το κατοικούν η γλώσσα, η φύση και ζώα με ανθρώπινες ιδιότητες. Αλλωστε στο σπίτι της περιοχής του Μακρυγιάννη όπου κατοικεί η Ζυράννα μαζί με τις γάτες της Σέρκα (από το όνομα ήρωά της) και Ζαΐρα αναρωτιέται κανείς ποιος φιλοξενεί ποιον: η Ζυράννα τις γάτες ή οι γάτες τη Ζυράννα; „
„Ihrem Siebenjahreszyklus getreu hat Siranna Sateli ihren neuen Roman Το πάθος χιλιάδες φορές (Die Leidenschaft tausend Mal), zweiter Teil der Trilogie Με το παράξενο όνομα Ραμάνθις Ερέβους, Mit dem seltsamen Namen Ramanthis Erebus), fast fertig (640 von insgesamt 680 Seiten). Der erste Teil (Ο θάνατος ήρθε τελευταίος, Der Tod kam zuletzt) erschien Weihnachten 2001. Derzeit arbeitet die von der Zeitung Le Monde „La Zyranna nationale“ genannte Schriftstellerin hart an den Korrekturen ihres neuesten Romans und erklärt ohne zu zögern, dies sei ihr anstrengendstes und zugleich genußvollstes Kind. Nach der Lektüre mehrerer Seiten glaube ich, daß es ihr stärkstes Buch ist. Gespannt nach der siebenjährigen Wartezeit findet man darin die Welt Siranna Satelis wieder, ein einzigartiges Weltall, in dem es von seltsamen Geschichten spukt, und das von der Sprache, von der Natur und von Tieren mit menschlichen Eigenschaften bevölkert wird. Übrigens fragt man sich ja, wer wen beherbergt in jenem Haus im Makrygiannis-Viertel, wo Siranna Sateli mit ihren Katzen Serka (nach einer ihrer Romanfiguren) und Zaira wohnt: Sateli die Katzen oder die Katzen Sateli?“
Heißt es in der Ausgabe von To Bema (TO BHMA) vom vergangenen Sonntag (7.9.2008) in einer Kurzmitteilung.
Silhouetten
Die frage nach der lebendigkeit der figuren. Ich frage mich, ob eine geschichte so funktionieren kann, ob sie interessieren kann. Meine figuren haben kein eigenes leben außerhalb ihres begehrens und wollens. sie haben triebe ohne triebfedern. sie sind typen, keine personen. sie sind schattenrisse des begehrens.
So nicht
So geht es nicht.
Ich weiß nur, daß es so nicht geht. Nicht gut-, nicht los-, nicht weiter-. Seit Monaten sitze ich in einer quälend engen Kiste, versuche, eine Haltung einzunehmen, die nicht peinigend unbequem ist. Wie ich mich drehe und wende: Grenzen, Grenzen, Grenzen. Druckstellen an allen Orten, vorzüglich aber an den gestauchten Flügelspitzen. Mein Lebensplan, meine Lebensverfassung, nicht lebbar? Grimmiger Starrsinn wechselt mit sturztiefer Hoffnungslosigkeit. Zumal es um Grundlegendes geht, um Unentbehrliches, Wohnen, Essen, Schlafen. Geld, immer wieder Geld, das verhaßte Medium, worüber auch nur eine Minute nachgedacht zu haben eine verschwendete Minute ist, in meinen Augen.
Hoffnungslosigkeit: Weder Brief noch Siegel hab ich, nichts kann ich richtig, auskennen tu ich mich noch weniger, meine Ellenbogen sind schmal und weich, weil ich sie zum Nachdenken allzuoft aufs Knie gesâtzt hab. Ich weiß gleichwohl nichts, jedenfalls nichts, was hier gebraucht wird (so die ätzende Übereinkunft aller).
Der grimmige Starrsinn: Andere haben’s auch geschafft, arbeiten nur ein halbes Jahr, wohnen in Holz und Wald oder Baum, haben die Gewißheit, abends in die Stille einer geographielosen Nacht niederzufallen, sitzen vorm Ofen und sind glücklich ohne elektrisches Licht.
Ich kann Latein und Griechisch und verstehe mich aufs Einpacken von Seifenblasen, sowie auf den schwindelnden Bau von Luftschlössern, Windburgen und Wolkenkuckucksheimen. Denke Wege ins Weglose, erfinde Wörter für Farben, die es nicht gibt und lausche dem Wind seine Geheimnisse ab, großohrig. Gebe auch gerne ambigue Prophezeihungen für zukünftig scheiternde Feldherrn. Jemand eine Beschäftigung für mich? Ein Mäzen? Ein Luftschloßritter, der seinen Töchtern Horaz nehebringen will? Ein Grenzflußüberschreiter? Ein Wolkenkuckucksheimbauherr?
Es bleibt: Den Gürtel enger schnallen, den Kopf in den Wind stecken und einfach nicht akzeptieren wollen, daß die selbstverständlichen Dinge heute unbezahlbar sein sollen.
Sommerepigramme II, 9
Morgen für Morgen dasselbe Licht, als wär es ein Echo
frühster Geburt, die aufs neu Klang aus sich selber erschuf.
Sommerepigramme II, 8 (Auf einer Wanderung)
Schenke mir immer den Anfang, das Tor, den Morgen, die Knospe.
Denken ist alles, und nichts wäre der wirkliche Kuß.
Schenke mir Aufbruch, nicht Ziel, die Frucht nicht, die Blüte mir schenke.
Schenk mir, was lebbar wär. Denkbar solls so immer sein.
Schönheit ist nur als ein Mögliches rein, als erste Entzündung,
Weg, der im Weg sich erschöpft, Hoffnung, die selbst sich genügt.
Dieses darfst du mir schenken, das Erste, das Zweite, das Nächste –
Letztes nur schenke mir nicht. Ende hieß solcher Beginn.
Aufs Wesentliche
C.
nach den stürmen der letzten wochen endlich wieder so ein licht, das einen an den haaren packt, einem das kreuz geradestreckt und den kopf in den nacken zieht. der himmel ist so groß wie er sonst war und bietet wieder platz für vögel, baumkronen und weidende schwäne.
in einen tropfen gekrümmt findet sich alles, bis in die allerersten tage hinab. vielleicht wären wir glücklich gewesen in jenem raum, auf den alles deutet, ohne ihn benennen zu können. eine farbe gaukelt es vor, rindenstücke, mulch, warmgeäderter granit. man dreht sich um, aber es waren nur die eigenen schritte. vielleicht hätte wir gemeinsam erste um erste stunden aus der zeit gehoben, zahlreich und mächtig genug, uns mit geschichten zu nähren und in die zukunft zu tragen; hätten uns angesehen, und erstaunt übereinander gelacht und weiter fleißig neue zukünfte füreinander erfunden. oder auch nicht: mag sein, wir hätten aus der ersten stunde solange gezehrt, bis alle unsere zeit zerschlissen, dünn und endlich so durchsichtig geworden wäre, daß wir uns selbst nicht mehr darunter erkannt hätten. vielleicht wäre alles nur noch ein nachhall gewesen und unser auseinandergehen die einzige form, das schöne zu bewahren für immer. ich weiß es nicht. niemand weiß es.
der tropfen schmilzt in der morgensonne. der himmel packt mich am kragen. über den gräserdunst schweben die pferde. alles ist nachhall.
den kopf aus dem himmelsschauer nehmen, mit dem daumen die kastanien in der pfütze umrühren, eine unreife nuß zerdrücken. blinzeln, und wieder über die unerbittlichkeit der zukunft staunen.
Sommerepigramme II 8
Frauen wandelten oft an den Rändern trauriger Gärten,
wo jede Hüfte aus Stein schloß einen Pakt mit der Zeit.
Zwischen den Fingern ein Licht, so still, als spielte ein Wasser,
um ihre moosige Stirn, bis sie zu Laubwerk zerfiel.
Umziehen
Da bin ich also. Vor dem Fenster ein neuer Hof, und die Pappeln dahinter, riesenhaft schwarz und ruhig, geben noch nichts preis, sind noch, wie sie sind, bei sich, unverwandelt. Das merkwürdige ist: Bald werden es nicht mehr einfach nur Pappeln sein, bald werden es die Pappeln sein, täglich geschaute Bäume, in die man hineinträumt (ohne sie zu sehen), von denen man sich seufzend abwendet, die man in einem heiteren Moment anstaunt, wenn der Wind im Sommer (dem nächsten), ihre Blätter silbrig wird umschlagen lassen, mit jenem Rauschen, das nur alleinstehende Pappeln zustande bringen, und das immer ein wenig nach Regen und Meer klingt; oder Bäume, die Bäume, in deren nebelgelben letzten Blättern man die Kindheitsstimme des Herbstes für Augenblicke wiederfinden wird.
Schon jetzt ist ihr schwarzes Rauschen durchs geschlossene Fenster zu hören.
Wie zur Anprobe nun also die erste Nacht. Von den Balkonreihen gegenüber dringt ein Band Fensterlicht, das die Büsche unten in dunklen Rauch aufgehen läßt. Auf den Dächern der geparkten Autos schimmert es leise. Vollmond. Es ist keineswegs ruhig, aber die Geräusche sind andere, sind als Wohngeräusch fremd, aber sonst vertraut, Autoverkehr freitagabends, das Anrauschen und Wiederverklingen von Reifen und Motor. Fernes Hintergrundsgebrumm. Anonyme Geräusche einer Stadt, die lebendig ist, keine Störung, kein Lärm, nur ein sanftes Lärmen. Es erinnert mich an Erstnächte und Erstmorgen in einem Hotel inmitten einer fremden Stadt, in einem fernen Land. So klingt es in den Hauptstädten griechischer Inseln, so braust es nachts in Rom, Athen, Barcelona und anderswo, so braust es nach tagelanger Zugfahrt, ganz gleich, wo man ankommt. Das ist schön. Ankommen ist schrecklich. Angekommensein ist schön.
Es ist merkwürdig, sich vorzustellen, daß dies alles einmal vertraut sein wird, vom Schlüsselgeräusch über den Geruch bis hinein in die feinsten Druck- und Widerständswahrnehmungen von Tür, Fenster, Wasserhahn, vertraut bis zum Nicht-mehr-Wahrnehmen. Wie wird es sein, heimzukommen (ja, hier ist jetzt zuhause) zu Kaffee und Erholung nach dem Arbeitstag und alles so vorzufinden, wie es immer war – als wäre es immer schon so gewesen?
Umziehen
Manche Schmerzen sind dem Nomaden fremd. Er vermeidet es ja, allzu viele Feuer übereinander in den Grund zu brennen, den Bast vom Baum zu wetzen, Fußspuren zu hinterlassen im feuchten Mergel. Und so wie er nicht auf den Ort abfärbt, kerbt sich der Ort nicht in ihn.
Diese Winkel aber, die unbewegten Buchrücken mit den Staubhäubchen, die Tapeten, die Tischkanten, der exakte Fall der Schatten am Mittag. Die Wände, um wie vieles sind sie schon herumgewachsen, um Zapfen und Schneckengehäuse, um Muscheln und Gynoecea, um Kristallsplitter und Wachsstalagmiten, um etliche An- und spätere Abwesenheiten, um Federn, Hölzer, Schiffe, und um so manchen Traum.
Vieles haben sie gesehen am Tag, mehr noch vernommen bei Nacht und es für sich behalten, um es mir später, wenn ich wieder allein war und der Mond wieder bei mir, in die Stille hinein zurückzuflüctern. Die Augen dieser Wände, nicht nur gesehen haben sie, nicht nur Bilder empfangen, sondern ihr Sehen ist ein Senden, von Fäden, Tastern, Gespinsten. Viele Geschichten haben sie erlebt, ihr Aufblühen, ihre Dramatik, ihren Verfall, sind um viele Häute, Düfte, Haare und später um deren Verschwinden herumgewachsen, bis nichts mehr blieb als ein Name, den sie immer noch erinnern, ja erneuern:
Zuviel habe ich ihnen zugemutet, indem ich sie zu Zeugen machte, zu Bewahrern und Behütern, zuviel aufgebürdet und ihnen übertragen, was meine Aufgabe gewesen wäre, um frei zu bleiben im Raum meiner Erinnerungen, unabhängig von den Orten, die dieses Erinnern nun gespeichert, gebündelt und reflektiert haben. Ich habe meine Erinnerung entäußert, bis sie mir nicht mehr gehört und ohne den Ort, den ich nun verlassen muß, geschmälert, verblaßt, verworren ist.
Indem man erinnernd ihm diese Dinge überläßt, tappt man als Seßhafter in die Falle des Ortes. Man lädt ihn auf; man übergibt ihm die Erinnerungen; man wirft die inneren Bilder an seine alles verschlingenden Wände, und er, er läßt sich durchdringen und verfärben, bis wir meinen, er gehört uns. Und dann müssen wir fort, jemand vertreibt uns, jemand zieht uns woanders hin, und wir begreifen: nicht der Ort hat uns gehört, sondern wir dem Orte. Wir haben uns ihm überlassen. Der Ort bestätigt uns unsere Existenz, indem er unser Dasein und was uns widerfährt, uns zurückspiegelt. Wir sind, weil es den ort gibt. Wir sind, was der Ort ist.
Diese Schmerzen sind dem Nomaden fremd.
Weil kein Ort ihn, sein leben, seine kostbare Existenz, zurückspiegelt, kann er sich auch nicht auf diese Bekräftigung seines brüchigen Daseins verlassen. Also bekräftigt er sich selbst seine Existenz, oder findet sie vom Himmel, den Sternen, dem Staub, der gestampften Erde seines Weges wiedergespiegelt, die seine Heimat sind; oder er nimmt diese Brüchigkeit mit einer Demut an, mit der der Seßhafte immer seine Schwierigkeit haben muß.
Ich bin kein Nomade. Wohin immer ich gehe, wandere, reise, sind an jedem beliebigen Ort meine Wege, mein Aufenthalt, ja meine ganze Existenz auf einen zweiten Ort bezogen, den ich Heimat nennen will. Nach ihm ist alles ausgerichtet, nach ihm bemißt sich jede Richtung, nämlich in ihrer Eigenschaft, von jenem zweiten Ort zurück- oder weiter von ihm wegzuführen. In der Fremde bin ich ein anderer als der, der ich zu Hause war und wieder sein werde. Ich kann mich zwar fast überall heimisch fühlen, aber nirgends daheim. Zudem bin ich ein zutiefst territoriales Wesen. Ich brauche verläßliche Grenzen, die mich abschirmen, unsichtbar machen und bergen, ein Versteck, wo ich mich unentdeckt, unverletzlich und sicher fühlen kann. Das ist auch der Grund, warum mir die Geräusche, die mich seit so vielen Monaten gequält haben, erst der Mofaheini, dann der Trommler, dann der Kocher, dann das Gequatsche im Hof, warum mir diese Anwesenheiten so sehr haben zusetzen können: Weil sie eine latente Bedrohung waren und in meinen Ohren stets eine unmittelbar bevorstehende Territorialverletzung anzukündigen schienen: Dauerspannung. Ich brauche gewisse Mindestabstände (je nach Kontext sind das andere), um mich sicher zu fühlen; werden diese Abstände von anderen Menschen unterschritten (und sei es auch nur virtuell), fühle ich mich sofort äußerst unwohl. Auch dies ein Grund, warum das Reisen für mich immer eine Tätigkeit (eigentlich ist es ja ein Zustand) von ambivalenter Wertigkeit sein wird, ein Zustand im Spannungsfeld von Abenteuerlust, Neugier und Bewegungsdrang einerseits und der tiefen Verunsicherung des In-die-Welt-geworfen-Seins, der schutzlosen Existenz weitab aller Deckungsmöglichkeiten andererseits.
Natürlich fängt man sofort an, in einen neuen Ort hineinzuwachsen, oder der Ort in einen selbst, eine unmerklich langsame Umgestaltung, des Ortes wie der eigenen Befindlichkeiten und Gleichgewichte, mit der man sich den Ort zur Heimat erhebt. Aber vom ersten ungewohnten Gewicht des neuen Schlüssels bis zu jener Verschmelzung mit einem Umfeld, das man Heimatgefühl nennt, dauert es seine Zeit. Bis es soweit ist, werde ich manchmal, wenn ich zur Morgenstunde wach liege und die Wehmut mich anfällt, den Nomaden beneiden um sein Daheimsein im Heimatlosen, um sein Zelt, den Himmel, die Sterne und den Wüstensand, die, wo immer er schläft, seine Wände sind, seine Heimat, die ganze Welt, seine immergleichen Spiegel.
wind
beim gang durch die grünanlage fiel wieder der wind auf.
durchsetzt mit möwenschreien, die eigentlich sittichschreie sind, kam er heran aus einer rufweiten ferne jenseits der häuserzeilen, ließ pappellaub silberhell umschlagen, rappelte in den zäunen, scheuchte vögel aus dem weißdorn, hieb schluchten in die wolkenberge und brachte von ganz nah das meer mit: so sturmklar und frisch, daß man in ihn hineinrufen, ihm einen abzählreim vorsagen, ein rätsel aufgeben mochte, ihn einen augenblick verhalten in der hohlen hand, daß es wie orgelpfeifen darin brausen würde, ehe man ihn wieder zum blankgefegten himmel entließ.
Sommerepigramme II 7
Zwischen die Säume geblitzt von Weg und Kleidern die Füße:
Sohlen der Frauen, im Takt, schlugen die Stunden ins Licht.
